Wenn das Leben dir Tomaten schenkt - Loretta Nyhan - E-Book

Wenn das Leben dir Tomaten schenkt E-Book

Loretta Nyhan

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Beschreibung

Zwei Jahre nach dem Unfalltod ihres Mannes ist Paige Moresco noch immer in ihrer Trauer gefangen. Sie ist kaum fähig, ihr Leben zu bewältigen, und als dann auch noch ihr Arbeitsplatz auf dem Spiel steht, weiß sie, dass sie handeln muss – und beginnt zu ihrer eigenen Überraschung, den verwilderten Rasen hinter ihrem Haus umzugraben. Dank unerwarteter Hilfe an ihrer Seite gelingt es ihr, den kleinen Flecken Erde in ein blühendes Paradies zu verwandeln. Und als Paiges Tomaten erste Früchte tragen, spürt sie, dass nicht nur ihr Garten zu neuem Leben erwacht …

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Buch

Zwei Jahre nach dem Unfalltod ihres geliebten Mannes ist Paige Moresco noch immer in ihrer Trauer gefangen. Sie ist kaum fähig, das Leben zu stemmen und für ihren Sohn Trey da zu sein. Hinzu kommen Jobsorgen, denn Paiges neuer Chef ist nicht länger bereit, Rücksicht auf sie zu nehmen. Durch Zufall entdeckt die Mittvierzigerin eine Möglichkeit, ihren Lebensfrust in Energie umzuwandeln: Sie beginnt, ihren völlig verwilderten Rasen umzugraben – sehr zum Ärger ihrer Nachbarn, denn für sowas gibt es schließlich bezahlte Gärtner. Doch als Paiges Tomatenpflanzen erste Früchte tragen, wird ihr kleiner Hinterhofgarten zum Schauplatz eines unerwarteten Neuanfangs.

Loretta Nyhan

Wenn das Leben dir

Tomaten schenkt

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Sibylle Schmidt

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Digging In« bei Lake Union Publishing, Seattle.

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Taschenbuchausgabe April 2020

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Loretta Nyhan

Copyright der deutschsprachigen Erstveröffentlichung 2020

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

stocksy/Noemi Hauser

MB · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-25649-4V001

www.goldmann-verlag.de

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Für alle, die das Schlimmste kennen,

was man erleben kann,

und dennoch auf das Beste hoffen

1

Wir hatten unsere Morgenroutine. Der Wecker schrillte um 6.08, ich schaltete ihn aus, Schlummertaste war verboten. Ich wuschelte durch Jesses süß zerzauste Haare, damit er aufwachte, er streichelte mich ein bisschen, seine Bartstoppeln kitzelten mich am Kinn. Schließlich schwang er die langen Beine aus dem Bett, seufzte und tappte nach unten, um Kaffee zu machen. Ich spurtete in die Dusche, zehn Minuten später kam Jesse rein, ich drängte mich an ihm vorbei und tat empört, wenn er die Gelegenheit für ein bisschen Tätscheln nutzte. Mein Outfit für den Tag, am Vorabend zurechtgelegt, erwartete mich auf dem Lesesessel. Ich kleidete mich rasch an, föhnte mir die Haare kopfunter für mehr Volumen und schminkte mich vor dem Schrankspiegel. Jesse zog Hemd und Anzug an und fragte, welche Krawatte er nehmen solle. Dann hämmerten wir gemeinsam an Treys Tür, bis wir müdes Grunzen und das träge Tapsen nackter Füße hörten. In der Küche tranken Jesse und ich Kaffee, teilten uns eine Schale Joghurt und umarmten Trey zum Abschied, als er hereingeschlurft kam. Im Gleichschritt marschierten wir zur Verandatür raus, riefen unserem griesgrämigen Nachbarn Mr Eckhardt übertrieben munter »Guten Morgen!« zu und amüsierten uns, wenn er sich duckte, als habe er nichts gehört. Dann küssten wir uns, irgendwie zwischen flüchtig und leidenschaftlich, stiegen in unsere Autos und begannen den Alltag.

Unser Leben war wunderbar.

Bis vor zwei Jahren, als Jesses Volvo an einem strahlenden Sommermorgen auf dem Kennedy Expressway die Trennmauer streifte. Im Feierabendverkehr hätte nur der Wagen einen Blechschaden abbekommen. Aber an diesem Sonntag war nicht viel los auf der Straße, und die kurze Berührung mit der Betonmauer schleuderte den Volvo quer über alle vier Spuren. Er kollidierte mit mehreren Fahrzeugen und überschlug sich am Ende so heftig, dass das Dach komplett platt gedrückt wurde.

Man sagte mir, ich solle froh sein, dass nicht noch andere Menschen schwer verletzt worden waren. Natürlich will ich niemandem etwas Böses, aber ich muss zugeben, dass ich mir wünschte, das Universum hätte gerechter verteilt – hier ein gebrochener Arm, da ein lädiertes Schlüsselbein. Doch Jesse kriegte alles ab, sein Körper war vollkommen zerstört, und ich bin sicher, nichts anderes hätte er letztlich gewollt.

Aber ich wollte etwas ganz anderes.

Denn was war nun mit meinem wunderbaren Leben? Der Sicherheit? Der Geborgenheit?

Für immer vorbei.

Ich drückte zum dritten Mal die Schlummertaste, um in die Unterwelt des Schlafs abzutauchen, als Trey an die Wand zwischen unseren Zimmern hämmerte und schrie: »Steh endlich auf!«

»Du kannst zuerst ins Bad!«, rief ich, so munter wie möglich. Unser betagter Boiler lag in den letzten Zügen, knackte bedrohlich, wenn man nacheinander duschte. Trey erwiderte irgendwas, das wie ein Fluch klang, doch dann hörte ich Gurgeln in den Rohren und das schwächliche Plätschern der Dusche.

Ich beschnüffelte meine Achseln. Tolerabel. Wenn ich mir die Dusche sparte, konnte ich noch ein Weilchen dösen, bis Trey zur Schule musste.

Aber im nächsten Moment riss mich ein sehr männlich klingender Schrei aus meinem Dämmerzustand. »Mom! MOM! Das Wasser ist eiskalt!«

Ich rappelte mich mühsam hoch, zuckte zusammen, als mich grelle Sonnenstrahlen trafen, die sich durch die Ritzen in der Jalousie hereingedrängt hatten. »Ich ruf den Handwerker an!«, verkündete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wer für so was zuständig war. Der humorlose Klempner? Der Heizungstyp, der nach Sauerkraut roch? Jesse hätte das gewusst und sofort erledigt.

Trey riss die Badezimmertür auf, ein Handtuch um die Hüften geschlungen, und schüttelte sich wütend. Die halblangen dunklen Haare klatschten ihm ins Gesicht. Er hatte Gänsehaut und zitterte. »Das muss sofort repariert werden!«

Ich brachte ein mattes Lächeln zustande. »Wie wär’s mit später? Dazu braucht man Werkzeug. Ersatzteile vielleicht. Und … ein Gehirn. Nichts von alldem steht mir grade zur Verfügung.«

Fröstelnd strich sich Trey durch die nassen Haare. »Ich könnte es mir ja mal anschauen.«

Er sah bedrückt aus, und wir wussten beide, dass er keine Ahnung hatte, was zu tun war. Jesse war nicht mehr dazu gekommen, seinem Sohn simple Reparaturen im Haushalt beizubringen. Ich legte Trey die Hände auf die Schultern. Er war mit siebzehn schon größer und breitschultriger als Jesse, und ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um meinen Sohn auf die Wange zu küssen. »Kalt duschen macht wach. Sieh’s positiv.«

Er beäugte mich argwöhnisch. »Seit wann hast du’s mit positivem Denken?«

»Ich hab ein gutes Gefühl, was diesen Tag angeht.«

»Okay, aber wenn wir später kein warmes Wasser haben, penn ich bei Colin.«

Ich ging in Gedanken das Adressbuch durch. Trey hatte sich in diesem Jahr einen neuen Freundeskreis zugelegt. »Ich kenne aber seine Familie noch nicht. Ich muss mit der Mutter sprechen, bevor du da übernachtest.«

Trey lachte und wandte sich Richtung Badezimmer. »Na klar. Viel Glück.«

»Wieso, ist Colins Mutter nicht zu Hause?«

»Sie behandelt ihn jedenfalls nicht wie ein Kind.«

Aber du bist noch ein Kind, dachte ich. Ein verängstigtes und verstörtes Kind. »Schick mir trotzdem ihre Nummer, ja?«

Als Jesse und ich unsere Hochzeit planten, bekamen wir vom Pfarrer das Angebot, unser Ehegelübde selbst zu verfassen. Doch wie in allen anderen Bereichen unseres Lebens entschieden wir uns für Konvention und wählten das traditionelle Gelübde, das mit den Worten »bis dass der Tod uns scheidet« endet. Obwohl wir in dem von Gangs heimgesuchten Viertel, in dem wir beide aufgewachsen waren, junge Menschen hatten sterben sehen, fühlten wir uns vom Tod nicht bedroht. Wir waren zu jung und unsere Zukunft gewiss so strahlend, dass der grimme Schnitter sich nicht nähern würde.

Damals verschwendete ich keinen Gedanken darauf, was »bis dass der Tod uns scheidet« bedeuten mochte. Wie furchtbar ungerecht es war, wie endgültig, wie machtlos wir dagegen waren. Bei Jesses Bestattung sagten mir alle, er sei noch immer bei mir. Doch in Wahrheit war nicht nur er verschwunden, sondern auch Teile von mir waren weg. Diese Teile fehlten mir, und wie Jesse würden sie nicht zurückkehren.

Unsere Liebesgeschichte hatte mit Freundschaft begonnen, denn wir lernten uns in der achten Klasse kennen, in einer Schule, in er es so übel und brutal zuging wie im ganzen Viertel. Heutzutage gab es dort an jeder Ecke ein Starbucks, aber damals war diese Gegend von Chicago fest in der Hand von polnischen und puertoricanischen Banden, und die waren nicht so harmlos wie in der West Side Story. Hätten Jesse und ich nicht zusammengehalten, dann hätte es durchaus auch für uns mit Drogensucht, Gefängnis oder Tod enden können. Stattdessen machten wir gemeinsam Hausaufgaben, während Jesses Mutter und meine Großmutter Bingo spielten. Seite an Seite, mit gesenktem Kopf, bewältigten wir unseren Schulweg. Irgendwie schafften wir es, unsichtbar zu sein. Doch er verlor mich nie aus den Augen und ich ihn nicht.

Wir hüteten unsere Freundschaft sorgsam, weil wir wussten, dass sie unser Überleben sicherte. Wir umarmten uns nicht, hielten nicht Händchen und probierten nichts aus, und wenn einer von uns sich anderweitig orientierte, redeten wir nicht darüber und gaben auch keine Ratschläge. Diese Liebeleien waren immer rasch wieder beendet, weil wir beide merkten, dass sie unseren Weg zum Erfolg behinderten. Und Erfolg war das Allerwichtigste für uns.

Deshalb blieben wir vorsichtig, und wir blieben zusammen. Ich machte einen Abschluss in Grafikdesign, Nebenfach BWL, Jesse wurde Versicherungsfachmann. Wir teilten uns als Freunde eine Wohnung, um Geld zu sparen, und kurz vor Ende unserer Ausbildung beschlossen wir, als Paar zusammenzuleben.

Für immer. Bis dass der Tod uns scheidet.

Das Problem ist, dass niemand einem sagt, was man tun soll, wenn das passiert. Und dass bei einem unerwarteten Tod dieses Geschiedensein keine saubere Trennung ist. Man wird auseinandergerissen, und wenn man an den Fäden zieht, löst sich das Gewebe nur immer weiter und weiter auf …

2

Um Viertel vor neun erschien ich am Arbeitsplatz, was einem Wunder glich, da ich kein einziges sauberes Kleidungsstück gefunden hatte. Als ich schon so weit war, irgendwas aus der Schmutzwäsche zu klauben und in den Schnellwaschgang zu feuern, entdeckte ich ganz hinten im Schrank ein altes Kostüm, in der Plastikhülle von der Reinigung. Das hatte ich zwar während der Bush-Regierung gekauft (Vater Bush, nicht der Sohn), aber es war sauber und glatt, und mit einem zarten rosa Tuch kombiniert, sah die leichte graue Wolle hübsch aus. Bisschen warm für Mitte Mai, aber im Frühling kann es morgens in Illinois noch ziemlich frisch sein. Das Kostüm ging klar.

Meine Firma, Giacomo Werbung und Design, war unlängst in Gossamer Space eingezogen, einem ehemaligen Fabrikgebäude, das man in weiträumige, lichtdurchflutete Lofts umgewandelt hatte. Die vorherige Adresse war weniger glamourös gewesen.

Frank Giacomo hatte mich vor siebzehn Jahren eingestellt, als frischgebackene Werbegrafikerin ohne Erfahrung und frischgebackene Mutter (auch ohne Erfahrung). Das hatte ihn nicht gestört. Frank – klein und kugelrund, mehr Goldketten um den Hals als ein Rapper und die ganze Zeit eine Zigarre im Mund – war insgeheim Feminist und besetzte seine Agentur mit klugen, begabten Frauen. Die Mehrheit unserer Kunden stammte aus der Region, da Frank nicht nach Höherem strebte. Ich mochte ihn, weil er Wert auf Stabilität legte, und die Kunden mochten ihn, weil er sie im alten Stil betreute: Er führte sie in gute Restaurants aus, erkundigte sich nach Ehepartnern, Kindern, Tennismatches, schickte zu Weihnachten Geschenkkörbe und erschien zur Beerdigung, wenn jemand verstarb. Jeder mochte Frank, weil er über eine Eigenschaft verfügte, die ihn unwiderstehlich machte: Er kannte sich selbst und mochte sich trotzdem.

Früher hatten sich die Räume der Agentur über einem Zahnlabor in der Wright Street befunden, in einem gesichtslosen beigen Bau. Acht Arbeitskabinen in einer Reihe und ein fensterloser Raum für Frank, aber das spielte keine Rolle. Ich bekam jedes Jahr eine Lohnerhöhung und musste nie um meinen Job fürchten. Wenn ich Urlaub brauchte, nahm ich welchen. Wenn Trey krank war, blieb ich zu Hause. Meist rief Frank mittags an, um sich zu erkundigen, wie es dem Kind ging.

Letzte Weihnachten, auf unserer alljährlichen Feier im Hinterraum von Marinetti’s Chop House, ging Frank zur Toilette und kam nie wieder. Man fand ihn in einer Kabine, noch mit brennender Zigarre. Die mussten ihm den Kiefer ausrenken, um sie rauszukriegen. Franks großes Herz hatte sich überarbeitet.

Damals war Jesse gerade ein Jahr tot. Einen Vater hatte ich nie zu betrauern, da mein eigener schon früh in meiner Kindheit verschwunden war. Doch Franks Tod war eine Katastrophe für mich, und ich spürte Jesses Abwesenheit noch deutlicher. Die meisten Angestellten sprangen ab, als nun die Zukunft der Agentur ungewiss schien, aber ich blieb, weil selbst die Überreste von Franks Firma mir noch ein wenig Halt gaben.

Und sie überlebte, weitergeführt von Franks einzigem Nachkommen, Frank junior, der an einer kleinen Privatuni an der Ostküste studiert und danach eine Reihe von Praktika in New York gemacht hatte. Zwei Wochen nach Big Franks Tod kam er ins Büro spaziert, von Kopf bis Fuß New York: Skinny Jeans, schwarze Lederjacke, Designer-Sonnenbrille, blasierter Gesichtsausdruck. Und sichtlich bemüht, die Gene seines Vaters zu kaschieren: die Haare sorgfältig zerzaust, um den Beginn der Glatze zu verbergen, die Finger mit Silberringen gespickt, damit die sizilianischen Arbeiterhände nicht auffielen. Nur das Lachen, viel zu herzhaft für seinen schmalen Körper, ließ sich nicht mäßigen. Dass er Big Frank so ähnelte, veranlasste mich dann auch zu nicken, als Frank junior enthusiastisch verkündete, er werde jetzt alle Veränderungen einführen, von denen sein Vater nur geträumt habe. Big Frank war mir allerdings nie wie ein Träumer erschienen, er war ein Macher gewesen. Aber wenn sein Sohn beides in sich trug, konnte die Agentur überleben.

Über die Jahre hatte ich Frank junior gelegentlich gesehen. Er war immer Franks Kind für mich gewesen, bis zur ersten Sitzung mit seinen nervösen Angestellten: mir, der Webdesignerin Jackie, die mit Vorliebe acid-washed Jeans wie in den Achtzigern trug und noch länger in der Firma war als ich, und einer Handvoll junger Leute, die Big Frank eingestellt hatte, als er nach einer Erfolgssträhne beschloss, die Agentur auszubauen: Rhiannon, Seth, Byron und der schüchterne Neuzugang Glynnis.

An Frank juniors erstem Arbeitstag hatten wir uns im Büro seines Vaters versammelt, wo es noch nach Zigarrenrauch roch. Frank junior faltete die Hände wie zum Namaste-Gruß und wusste offenbar nicht, was er sagen sollte. Schließlich winkte er uns näher zu sich.

»Du wirst das super hinkriegen, Frank«, sagte ich und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Er beäugte indigniert meine Hand. »Ich ziehe Lukas vor.«

»Wie bitte?«

»Das ist mein zweiter Vorname«, sagte er rasch.

Sein zweiter Vorname lautete George, wie auch bei Big Frank, aber ich widersprach nicht. »Okay, Lukas. Ich denke, ich spreche im Namen aller hier, wenn ich sage, dass wir das Beste für die Agentur erreichen wollen und genauso engagiert wie für Big Frank arbeiten werden. Noch engagierter sogar.«

Frank junior alias Lukas beugte sich vor und zog uns alle in eine Gruppenumarmung, für die wir uns fast den Hals verrenkten. »Ihr seid hier, weil ihr an mich glaubt. Ich bin dankbar für euer Vertrauen und verspreche euch«, sagte er mit bewegter, feierlicher Stimme, »nicht nur das Vermächtnis meines Vaters zu bewahren, sondern es weiter auszubauen und unseren alten und neuen Kundenstamm ebenso exzellent zu betreuen, wie er es getan hat.«

Jackie schniefte, und auch mir stiegen Tränen in die Augen. Wir lösten die Gruppenumarmung auf, und Lukas schickte uns, beruhigt und beflügelt, zurück an die Arbeit. Nach dieser Rede konnte er sich von mir aus nennen, wie er wollte. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Big Frank im Universum an seiner Zigarre kaute und knurrte: »Einem alten Hasen kann man nichts vormachen.« Mein Gelaber-Detektor, auf dessen Funktionstüchtigkeit mein ehemaliger Boss größten Wert legte, lief jedenfalls heiß.

Doch Lukas startete sofort durch und mietete optimistisch die neuen Räume, mitsamt Konferenzraum und Parkplatz, in der Hoffnung, damit hochkarätige Kunden zu gewinnen. Was tatsächlich funktionierte. Wir konnten sogar eine italienische Gelato-Firma an Land ziehen, die den amerikanischen Markt erobern wollte, einen überregional bekannten Hersteller von Karamell-Käse-Popcorn, einen Betrieb für biologisch abbaubare Wandfarbe und ein Traditionsunternehmen für gusseiserne Kochtöpfe, das sein biederes Image aufpolieren wollte. Big Frank wäre stolz gewesen.

Erst ein paar Wochen später wurde mir klar, warum mein Gelaber-Detektor angeschlagen hatte. Jackie und ich saßen auf der Feuertreppe, futterten schweigend eine Tüte Minztaler, und ich dachte zurück an Lukas’ erste Rede. Bei seinen großen Worten über Big Frank, seine Vision und die Kundenpflege hatte Lukas mit keinem Wort erwähnt, dass er auch seine Angestellten exzellent betreuen wolle.

Als ich in der Agentur ankam, schwitzend in meinem grauen Wollkostüm, war das erste Zeichen für beunruhigende Vorgänge das Firmenschild. Ich war dabei gewesen, als man unser bisheriges Schild mit der Aufschrift Giacomo Werbung und Design über der Tür angebracht hatte. Jetzt jedoch hing dort ein Schild, auf dem lediglich ein schiefes grelloranges G abgebildet war.

»Ist das Schild kaputtgegangen?«, murmelte ich vor mich hin und öffnete die Tür. Das große Loft war erfüllt vom funkelnden Licht eines riesigen Kristalllüsters. Unsere Arbeitskabinen, kürzlich mühsam hierhertransportiert, waren verschwunden. An den Backsteinwänden des großen Raums standen breite, weiß glänzende Tische mit gigantischen Computermonitoren. Unsere bequemen Bürostühle waren durch orange Gummisitzbälle ersetzt worden, sechs an der Zahl. Das Ganze wirkte wie eine Kunstinstallation mit der Überschrift Porträt des modernen Büros. Nirgendwo war auch nur ein einziger persönlicher Gegenstand zu sehen. Wo war mein Foto vom elfjährigen Trey mit Zahnspange? Der Sanddollar, den ich bei unserer letzten Familienreise, einem Spontanausflug nach Florida, an einem Strand in Naples gefunden hatte? Alles Persönliche war aus dem Raum verschwunden. Nur Jackie, wie üblich mit Sneakers, Jeansjacke und heftiger Kriegsbemalung, stand da und starrte mich an wie eine erschrockene Eule. »Wo sind die ganzen Sachen? Und wo sind die ganzen Leute?«

Unsere Panik steigerte sich noch, als wir plötzlich Applaus hörten.

»Konferenzraum«, sagte ich, packte Jackie an der Hand, und wir hasteten den Flur entlang. Die Tür war zu, aber ich hörte, wie Lukas die Sitzung beendete.

»Sollen wir reingehen?«, flüsterte Jackie.

Bevor ich antworten konnte, wurde die Tür so abrupt aufgerissen, dass wir fast auf dem Hintern landeten, und heraus kamen unsere Kollegen. Alle hielten einen Karton im Arm, auf dem mit schwarzem Marker ihr Name stand.

»Oh Gott, ist die Agentur bankrott?«, sagte Jackie mit zitternder Stimme. »Sind wir alle gefeuert?«

Doch die anderen lächelten und unterhielten sich lebhaft. Einige nickten uns zu, waren aber so ins Gespräch vertieft, dass sie uns keines weiteren Blickes würdigten. Die frischen jungen Gesichter strahlten Aufbruchsstimmung aus. Was mich aus irgendeinem Grund noch mehr beängstigte.

Wir standen stocksteif da, bis die anderen weg waren. Dann warfen wir uns einen nervösen Blick zu und betraten den Raum. Lukas saß am Kopfende des weißen Konferenztischs und blätterte in einem Buch. In der Mitte des Tischs standen zwei Kartons. Auf dem einen stand Jackie, auf dem anderen Paige. Ganz oben auf meinen Sachen lag das Foto von Trey.

»Ihr kommt zu spät«, sagte Lukas in neutralem Tonfall.

»Es ist aber noch nicht neun«, brachte ich hervor.

»Falls das in einer Mail stand – ich hab die nicht bekommen«, sagte Jackie hastig.

Lukas klappte das Buch zu und lächelte. »Um neun Uhr solltet ihr bereits vollständig einsatzfähig sein. Ihr habt Kaffee getrunken, die E-Mails sind gecheckt, Verwaltungsaufgaben erledigt. Ich habe die Sitzung auf acht Uhr dreißig angesetzt, und alle bis auf euch beide waren anwesend.«

Jackies Gesicht sah verzerrt aus und nahm ein kräftiges Burgunderrot an. Keine Schuldgefühle zeigen, verordnete ich mir selbst. Ich hielt den Mund fest geschlossen, damit die Entschuldigung drinblieb, und wartete ab.

Als Lukas kapierte, dass wir uns ihm nicht reumütig zu Füßen werfen würden, ließ er das Buch in meine Richtung schlittern. Ich fing es noch rechtzeitig auf, bevor es zu Boden fiel. Dann griff er hinter sich und reichte Jackie ein weiteres Exemplar. »Das hier ist unsere neue Bibel bei Guh. Ihr sollt sie nicht nur lesen, sondern euch Wort für Wort einprägen. Euer Gehirn sollte aufsaugen, was da drinsteht, sollte förmlich darin mariniert werden. Ihr sollt danach leben.«

Ich räusperte mich. »Das G wird also … Guh ausgesprochen?«

»Ganz simple Namensänderung«, erwiderte Lukas knapp und deutete auf das Buch. »Imageänderung ist nötig, um den Trott zu durchbrechen. Lest Kapitel sieben.«

Ich schlug das Werk nicht gleich auf, sondern betrachtete erst mal das Cover. Die Petra-Prinzipien für den ultraneuen kreativen Arbeitsplatz: Ein Ratgeber für mehr als Erfolg, von Petra Polly. Die Frau auf dem Foto – offenbar Petra Polly selbst – hing kopfunter von einer Kletterstange. Im Hintergrund spielten Kinder in stilvollen Trendklamotten. Petra Polly selbst sah ziemlich niedlich aus: runde blaue Augen mit viel Mascara, rosige Wangen, ein liebes Lächeln, wie man es bei Teilnehmerinnen von Backwettbewerben erwarten würde. Ihre blonden Zöpfe baumelten über einem Haufen Holzspäne. Sie trug einen Overall, halb Wolle, halb Seide wahrscheinlich, eine kunterbunte Mischung aus Stoffen, Mustern und Farben. Etwas, das man nur tragen kann, wenn man sehr jung und sehr dünn ist. Sie war beides.

»Wir wenden jetzt bei Guh die Petra-Prinzipien an«, verkündete Lukas stolz. »Und wir beginnen mit einem ihrer Leitsätze: Wettbewerb innerhalb eines Unternehmens ist nur dann produktiv, wenn er ebenso freundlich wie gnadenlos abläuft.«

»Wettbewerb?« Jackie sprach das Wort so gedehnt aus, als habe sie es noch nie zuvor gehört.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Gnadenlos à la Putin?«

»Humor behandelt Petra erst in Kapitel zehn, also warten wir noch mit witzigen Sprüchen, ja?«

Ich nickte und stülpte die Lippen vor. Eine Ermahnung von Lukas fühlte sich wie eine einfühlsame Drohung an. Offenbar war »Oxymoron« die Devise des Tages. Freundlich und gnadenlos. Einfühlsam und bedrohlich.

Jetzt lächelte Lukas wieder spärlich. »Petra ist der Ansicht, dass alles, was dem menschlichen Körper guttut, auch einem Unternehmen guttut. Sehr innovativ gedacht, findet ihr nicht auch?«

Jackie und ich nickten ratlos.

»Im ersten Kapitel geht es um Fett. ›Übergewicht schadet der Gesundheit, jetzt und in der Zukunft‹«, zitierte Lukas. Wahrscheinlich lauschte er Petras Offenbarungen als Hörbuch, während er auf dem albernen Laufband an seinem Schreibtisch trainierte. Ich fragte mich, was sie wohl für eine Stimme hatte.

»Du willst, dass wir abnehmen?«, sagte Jackie, zu meiner Freude mit rebellischem Unterton. »Ich bin einundfünfzig. Wenn ich auch nur ein Pfund loswerden möchte, muss ich mit vierhundert Kalorien pro Tag auskommen. Dann kann ich nur …«

»Ich verlange nicht, dass ihr abnehmt«, unterbrach Lukas mit einem Blick auf ihre Schwimmringe. »Unsere Firma soll Gewicht abbauen. Um zu überleben und zu florieren, müssen wir uns verschlanken.«

»Wir könnten die Weihnachtsfeier streichen«, sagte ich, während ich fieberhaft überlegte. »Und das Sommerpicknick. Und wir müssen auch nicht jeden Freitag Kombucha liefern lassen, oder?«

Lukas schüttelte den Kopf. »Personal. Wir müssen zwei Stellen abbauen.«

Dein Vater hat diese Leute erst vor einem Jahr eingestellt. Das sagte ich allerdings nicht. Lukas hatte nicht erklärt, welche Stellen ihm vorschwebten, aber Jackie und ich bekamen den höchsten Lohn. Es lag also nahe, dass zumindest eine von uns vor die Tür gesetzt wurde. Mir graute bei der Vorstellung, arbeitslos zu sein. Wenn das Ende des Berufslebens droht, zieht nicht deine Vergangenheit vor dem inneren Auge vorbei, sondern die Rechnungen: Hypothekenraten, Autoversicherung, Schulgeld, Nebenkosten. Ich musste einfach fragen. »Denkst du an zwei bestimmte Personen?«

Jackie sog scharf die Luft ein.

Lukas tippte auf das Buch. »Das ist das Wunderbare an Petras Philosophie. Sie ist zutiefst demokratisch. Ebenso wie der Prozess, in dem sich ergibt, wer dann freigestellt wird.« Er lächelte, als hätte er ein Geschenk für uns. »Ist euch die neue Sitzordnung aufgefallen?«

Die ist ja wohl kaum zu übersehen, hätte ich gern geantwortet, biss mir aber auf die Innenseite der Wange.

»Das Prinzip Gemeinschaft findet Petra ungeheuer wichtig«, redete Lukas enthusiastisch weiter. »Alle Computerarbeitsplätze werden ab jetzt von allen genutzt. So können wir den Workload aufteilen, uns gegenseitig aushelfen. Wenn jemand von euch beiden einen Arzttermin hat, kann Rhiannon eure Arbeit fertigstellen. Oder Seth, oder Glynnis oder Byron. Petra meint, Passwörter seien altmodisch. Stellt euch das mal vor!«

Ich konnte es mir leider nur allzu gut vorstellen. Rhiannon war zwar eine begabte Webdesignerin, zog sich aber in der Mittagspause Ritalin rein wie eine Kokserin aus den Achtzigern. Seth fand, der Arbeitstag solle hauptsächlich daraus bestehen, Pornofilmseiten für die Auswahl der Abendgestaltung zu studieren. Mir war ein Rätsel, wie er mit dem demokratischen passwortfreien Büro zurechtkommen sollte. Byron war vor allem aufgeblasen und großmäulig, sein Talent war eher klein. Und das stille Mauerblümchen Glynnis? Die hatte seit Monaten kaum was fertiggekriegt. Vielleicht hatten Jackie und ich, stressfest und zuverlässig, wie wir waren, doch nichts zu befürchten.

»Ich finde die Petra-Prinzipien absolut überzeugend«, erklärte Lukas feierlich. »Und ich hoffe, ihr auch. In den nächsten Monaten werden wir durchstarten zu einem Neuanfang.«

»Warum nicht Gee?« Ich konnte es einfach nicht lassen.

»Wie bitte?«

»Wenn ich den Buchstaben G sehe, denke ich automatisch ›gee‹.« Jackie nickte.

»Das klingt aber härter«, antwortete Lukas. »Petra meint, dass Namen symbolischen Charakter haben und einprägsam sein sollten. Den Kunden soll das Gefühl vermittelt werden, dass es vollkommen mühelos ist, mit Guh zu arbeiten.«

»Es ist der Name deines Vaters«, sagte ich. Diesmal schaffte ich es nicht, mein Missfallen zu verbergen. »Giacomo.«

»Genau«, erwiderte Lukas. »Mein Vater hat großartige Arbeit geleistet, um das Fundament zu legen. Und jetzt ist es an mir, die nächsthöhere Ebene zu erreichen.«

Meine Toleranz gegenüber Floskeln hatte rapide abgenommen, seit mir nach Jesses Tod jede Menge Leute erzählt hatten, nichts im Leben geschähe grundlos. Ich wollte Lukas gerade auf sein Phrasendreschen hinweisen, als er den Karton mit meinen Sachen hochnahm und mir in die Hände drückte. Er war nicht so schwer, wie ich vermutet hätte. »Lies das erste Kapitel von Petras Buch«, trug Lukas mir auf. »Da bekommt man einen guten Überblick über ihre Philosophie.«

Ich klemmte mir die Kiste auf die Hüfte. »Und hast du einen Zeitplan für die Freisetzungen?«

»Wir werden in den nächsten Monaten den freundlichen und gnadenlosen Wettbewerb praktizieren. Kündigungen wird es nicht vor Ende des Sommers geben.«

»Ich arbeite hier seit zweiundzwanzig Jahren«, krächzte Jackie.

Lukas strich ihr leicht über die Wange. »Was redest du denn da? Wir sind doch erst seit ein paar Monaten hier.«

»Der meint gnadenlos wie in Die Tribute von Panem.«

Jackie und ich saßen auf einer Bank am Parkplatz von Gossamer Space. Autos standen hier keine, da zum ersten Mal ein Bauernmarkt stattfand. Wir hatten im Büro darüber geredet: Würde man Honig aus der Region kaufen können? Frisches Brot? T-Shirts aus Hanf? Selbstgebrannte Schnäpse? Aber jetzt, da die hohen weißen Zelte überall herumstanden wie überdimensionale Meringuen, wir keine Aussicht mehr hatten und ewig weit weg parken mussten, waren wir nicht mehr so begeistert.

»Frank würde das niemals dulden«, sagte Jackie und pustete Rauch in die Luft.

Ich musste fast lachen, weil sie so angewidert aussah. »Bin mir übrigens ziemlich sicher, dass Rauchen in der Nähe von unverpackten Produkten verboten ist.«

»Frank würde auch den ganzen Gemüsemist nicht dulden«, fügte Jackie bitter hinzu.

Aber Frank betrachtet die Radieschen jetzt von unten, dachte ich. Wenn er gelegentlich mal ein bisschen Gemüse zu sich genommen hätte … Doch ich verkniff mir die zynische Bemerkung und konzentrierte mich aufs Notwendige. »Wir sollten unseren Lebenslauf in Ordnung bringen und uns nach was anderem umschauen.«

Jackie nickte, aber ich wusste, dass sie die gleichen Horrorszenarien wie ich im Kopf hatte. Der Arbeitsmarkt war der reinste Albtraum, und wir waren alles andere als billig. Beide hatten wir gehofft, bis zum Ruhestand bei Giacomo bleiben zu können.

»Aber vielleicht gehen ja auch welche von unseren Konkurrenten freiwillig«, dachte ich laut. »Lukas sagt, erst nach dem Sommer wird entlassen. Könnte doch sein, dass einige zu viel von dem Stress kriegen und selbst kündigen.«

»Schon möglich«, erwiderte Jackie zweifelnd. »Weiß nicht. Die schienen vorhin ganz begeistert von dem Zirkus zu sein. Ich darf meine Stelle nicht verlieren, Paige. Ich hab keine finanzielle Absicherung, und wer wird mich denn einstellen?« Sie klang so resigniert, dass ich näher rückte, bis unsere Schultern sich berührten.

»Verglichen mit den Jüngeren kosten wir ein Vermögen«, fuhr sie fort. »Meinst du, er wird eher dich oder mich rauswerfen? Uns beide zu verlieren, kann er sich nicht erlauben. Wir wissen nämlich, wo im Keller die Leichen liegen.«

Das war ein Spruch von Big Frank. Ich fand es okay, dass sie ihn hier gebrauchte.

Jackie hatte recht. Auf eine von uns würde Lukas verzichten können. Mir wurde flau im Magen. Auch ich war finanziell nicht abgesichert. Ich warf einen Seitenblick auf Jackie, die wie wild an ihrer filterlosen Zigarette saugte.

Es heißt immer, Frauen behalten die Frisur aus der Lebensphase bei, in der sie am glücklichsten waren. Jackie musste ihre tollste Zeit gehabt haben, als Bon Jovi und Van Halen in den Charts ganz oben waren. Sie trug ihre dünnen extrem gestuften blonden Haare mit Mittelscheitel, zurückgekämmt, weißblond gesträhnt und so heftig mit Haarspray traktiert, dass sie wie Zuckerwatte aussahen. Zur Arbeit kam sie in Jeans – manchmal mit Bügelfalte – und ausgewaschenen rosa T-Shirts mit Knopfleiste. Auf dem Karton mit ihren Privatsachen lag ganz oben ein Bild vom größten Moment ihres Lebens: als sie nicht nur VIP-Karten für ein Def-Leppard-Konzert, sondern auch ein Foto mit der Band ergattert hatte. Der Drummer hatte ihr lässig den Arm um die Schultern gelegt, und Jackie grinste, als habe er ihr gerade ein wunderbares Geheimnis verraten.

Jackie Everett lebte seit drei Jahrzehnten in einer Zeitschleife, und Frank hatte niemals versucht, etwas daran zu ändern. Er schätzte ihre Arbeit und mochte ihren Stil, denn der bedeutete auch, dass sie sich selbst treu und immer verlässlich war. Inzwischen war mir aber zu Ohren gekommen, dass Lukas das anders sah.

Und was sah er bei mir? Ich musterte mein Spiegelbild in einem Fenster. Blonder, helmartiger Bob, unmodisches Kostüm, Make-up, das Schlafmangel und zu viel Kaffee kaschieren sollte. Keine von uns beiden passte noch in dieses aalglatte Büro mit seinen grellen Strahlern. Nur die Jugend konnte einer solchen Ausleuchtung standhalten.

Jackie kramte eine Tüte aus ihrem Rucksack und packte ihr Sandwich aus.

Dann wartete sie ab, ob ich auch meine Lunchbox zücken würde. »Mist«, sagte ich. »Ich bin so aus dem Haus gehetzt, dass ich schon wieder vergessen habe, mir was mitzunehmen.«

»Willst du die Hälfte von meinem Sandwich?« Jackie guckte erschrocken, als sie merkte, wie schroff sie das gesagt hatte. Wir hatten schon oft unser Essen geteilt, aber plötzlich schien das eine neue Bedeutung zu bekommen. Ich hatte immer gewitzelt, dass Jackie bei der Arbeit wie ein Ehepartner für mich war. Ließen wir uns jetzt scheiden? Der Gedanke erfüllte mich mit tiefer Traurigkeit. Es war keine Sturmflut an Wehmut, aber doch eine hohe Woge, die viel Kraft mit sich davontrug.

Ich stand auf und lächelte Jackie versöhnlich an. »Danke, ich kauf mir einfach hier was«, sagte ich und wies mit dem Kopf auf die weißen Meringuezelte. »Kann ja nicht so schlecht sein, oder? Frisch, regional …«

»Und sauteuer«, ergänzte Jackie.

»Ja, stimmt wahrscheinlich.« Ich kramte in meiner Handtasche und entdeckte zum Glück meine Brieftasche. »Dann schau ich mal, was es so gibt.« Jackie nickte, bereits ihr Brot kauend.

In den Zelten tobte das Leben. Sonnengebräunte, lächelnde Menschen verkauften ihre Produkte an die lunchhungrigen Horden. Zahllose Sorten Käse, Fleisch, Gemüse, Honig, Backwerk, Blumen – die Fülle überforderte mich. Alles war hell und freundlich, man wollte wohl den Eindruck erwecken, dass Menschen, die gesunde Nahrungsmittel verkauften, auch ein glückliches, erfülltes Leben führten.

»Kann ich Ihnen helfen?«, rief mir eine junge Frau zu, die über einer zerrissenen Jeans ein knallbuntes Schürzenkleid trug. Ihre pinkfarbenen Locken hatte sie lose auf dem Kopf aufgetürmt und mit etwas festgesteckt, das verdächtig nach einer Möhre aussah.

Ich lächelte angespannt. »Wollte mich nur mal umschauen.«

»Dabei kann man aber auch ein Ziel haben.« Sie grinste mich fröhlich an, und ich sah, dass ihr ein Eckzahn fehlte. In diesem überperfekten Ambiente empfand ich das fast als entspannend, schämte mich aber sofort deswegen.

»Wir haben hier alles, was das Herz begehrt«, flötete sie jetzt.

Ach ja? hätte ich gerne geschrien. Meinen Mann? Eine sichere Arbeitsstelle? Einen pubertierenden Sohn, der nicht vor unterdrückter Wut zu platzen scheint? All das finde ich zwischen Spargel und Frühlingszwiebeln?

Sie stellte ein Bund Grünzeug zusammen, umwickelte es mit einem Stück Bast und legte es vor mich hin. »Wie wär’s damit?«

»Was soll das sein?«, fauchte ich.

Die junge Frau lächelte. Ob amüsiert oder blasiert, war mir nicht ganz klar. »Löwenzahnblätter.«

»So was essen Menschen?«

»Ja, tun sie. Reinigt die Leber. Damit wird man Ballast los.«

Ganz klar blasiert. Nicht sehr, aber ein bisschen. Ich hatte gerade die Nase voll von arroganten jungen Hipstern, die mitleidig auf mich herabblickten.

»Dafür hab ich ein Klo«, versetzte ich grantig.

Sie lachte, völlig ungerührt. »Aber das könnten Sie trotzdem mal ausprobieren, oder?«

Die Blätter waren leuchtend grün und sahen viel zu perfekt und malerisch aus. »Nee, danke«, raunzte ich und marschierte ins Gebäude zurück, wo ich ein paar Dollarscheine in den Automaten steckte, den Lukas abschaffen wollte. Der Müsliriegel blieb irgendwo hängen, und ich musste ewig in den Eingeweiden der Maschine herumtasten, um ihn zu befreien.

3

Den Nachmittag über bemühte sich das Team von Guh, zu beweisen, dass Petras Coworking-Konzept eine brillante Idee und nicht ein nerviges Gehampel mit Gymnastikbällen war – was in Wahrheit zutraf. Die jungen Leute verhielten sich höflich, aber nach ein paar Stunden hatte ich das ewige »Ist es okay, wenn ich da mal draufschaue?« oder »Kannst du mir erklären, warum du das so machst?« gründlich satt. Gestresst stand ich auf, um die Jalousie zu verstellen – und landete prompt auf Seths Schoß, als ich mich wieder setzen wollte. Während wir uns sortierten und mit dem albernen Gummiball quer durch den halben Raum schossen, sah ich, wie Lukas uns aus seinem Büro beobachtete, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Wollte nur mal schauen, wie du die Ad für das salzige Karamelleis anlegst«, erklärte Seth hastig. Die Haut oberhalb seines zottigen Barts lief rot an. »Dachte, du bist aufgestanden, sorry.«

»Gar kein Problem.« Ich lächelte so breit, dass mir das Gesicht wehtat, und führte ihm die Anzeige vor. Sie war nicht fertig und gefiel mir noch nicht. Ich ärgerte mich wahnsinnig, sie vorzeigen zu müssen, versuchte mir das aber nicht anmerken zu lassen. »Die Hintergrundfarbe passt noch nicht, aber das Hauptmotiv find ich gut.«

»Ich könnte sie optimieren«, verkündete Seth so laut, dass Lukas es auch hinter geschlossener Tür hören musste. »Wenn du nichts dagegenhast.« Stirnrunzelnd beäugte Seth den Bildschirm. »Verstehe, was du mit der Farbe meinst. Und die Größe des Fotos, bist du damit glücklich? Ich könnte ein bisschen damit rumspielen.«

Ich war mir recht sicher, dass Petra Polly eine Erdrosselung im Büro nicht gutheißen würde. »Klar, mach ruhig.«

Während des Dialogs verdrückte sich Jackie, um eine zu rauchen. Ich ging auch raus und fand sie an der Tür zum Parkplatz. »Das halte ich keine drei Monate aus«, stöhnte ich und lehnte mich erschöpft an die Wand.

Jackie drehte sich zu mir um. Tränen drohten, ihre Mascara-Schichten in schwarzen Brei zu verwandeln. »Warum bist du in der Mittagspause nicht zurückgekommen? Was hast du gemacht? Hast du ohne mich mit Lukas geredet?«

Ich zeigte auf die Zelte. »Da drin war mir alles zu viel. Bin ins Büro zurück und hab nur einen Müsliriegel gegessen. Tut mir leid, hätte ich dir sagen sollen.«

Jackie starrte mich an. Schließlich sagte sie: »Ich möchte nicht mal denken, dass du hinter meinem Rücken was gegen mich unternimmst. Wir kennen uns doch schon so lange.«

»Das stimmt.« Irgendwie bedauerte ich in diesem Moment, dass unsere Freundschaft nur auf den Arbeitsplatz beschränkt war. Wir trafen uns nicht abends oder zum Shoppen. In Jackies Wohnung war ich zuletzt vor einer halben Ewigkeit gewesen. Aber wir waren Schreibtisch an Schreibtisch zusammen älter geworden, und das bedeutete mir viel. Ich legte Jackie den Arm um die Schultern und verkniff es mir, den Rauch wegzuwedeln. »Wir werden Lukas beweisen, dass Guh es sich nicht leisten kann, eine von uns beiden zu verlieren.«

Jackie schauderte. »Den neuen Namen krieg ich einfach nicht über die Lippen. Der würde Frank doch das Herz brechen.«

»Wir werden alles tun, was nötig ist«, schärfte ich ihr ein. »Und wenn wir in schwachsinnigen Silben reden und uns von dürren Hipster-Zicken mit Heidi-Zöpfen Vorschriften machen lassen: Wir kriegen das hin.«

Jackie schnippte ihre Kippe in die Luft, eine aggressive Geste, wie man sie bei ihr nur selten sah. »Wir sind nicht machtlos«, verkündete sie.

»Genau«, bestätigte ich, obwohl es gelogen war. »Wir sind absolut nicht machtlos.«

Um fünf Uhr nachmittags versuchten alle mit verstohlenen Blicken rauszukriegen, wann man das Büro verlassen konnte. Sollten wir alle gleichzeitig aufbrechen? In Paarkonstellationen? Oder würde Lukas uns offiziell verabschieden? Glynnis nahm das Petra-Buch aus der Tasche und blätterte ratsuchend darin.

»Sitzung!«, rief Lukas aus dem Konferenzraum.

Wir eilten in den hell erleuchteten Raum und nahmen hastig unsere Plätze ein. Statt Kartons standen jetzt sechs braune Papiertüten, mit Namen beschriftet, auf dem großen Tisch.

Lukas ließ sich am Kopfende nieder, legte die Fingerspitzen aneinander und schloss für einen Moment die Augen, bevor er sagte: »Petra Polly erachtet Anpassungsfähigkeit als Grundlage von Kreativität.«

Wir nickten unisono. Vielleicht war Petra doch gar nicht so übel. Diese Aussage kam der Wahrheit recht nahe. Kreativität konnte zwar ein unzähmbares Biest sein, aber etwas an dem Gedanken traf jedenfalls zu.

»Und Tempo ist die Grundlage von Anpassungsfähigkeit«, fuhr Lukas fort. »Der Kunde darf nicht auf unsere wertvolle Inspiration warten müssen. Wir gewinnen konstant weitere Kunden, und die wollen ihre Aufträge schnell erledigt haben.« Er stand auf und begann die Papiertüten zu verteilen. »Ich war vorhin auf dem Bauernmarkt und habe für jeden von euch ein Produkt ausgesucht. Bis morgen Abend gestaltet ihr bitte dafür eine wirksame Anzeige, und zwar für alle Medien, von überregionaler Zeitschrift bis Instagram. Wir werden uns dann zusammensetzen, um das Ergebnis vorzustellen. Danach werde ich die Anzeigen nach Petras Kriterien für effiziente Kommunikation bewerten.«

In einem Tag eine Anzeige erarbeiten? Das war ein komplexer Prozess, und die Einfälle mussten reifen können. Lukas schaute sich eindeutig zu viele Reality-Shows an.

Während ich noch überlegte, ob wir jetzt alle klammheimlich im Kämmerlein unser Produkt auspacken würden, zerrten die jungen Leute bereits Radieschen, ein Bund Spinat, Frühlingszwiebeln und ein Bauernbrot aus den Tüten. Rhiannon drückte strahlend einen Strauß Taglilien an ihre üppige Brust. Jackie blickte matt lächelnd auf ein Glas Erdbeermarmelade.

Ich ließ meine Tüte auf meinen Schoß sinken. Der Inhalt war mindestens so schwer wie ein Baby, und entsprechend schwer wurde mir das Herz, als ich mein Produkt enthüllte. Es handelte sich um ein flaches, glibberiges, rundes Objekt, braun wie Mahagoni und glitzernd wie Erdölschlick am Strand. »Was ist das? Ein Kuhfladen?«

»Es ist ein Etikett drauf«, knurrte Lukas mit zusammengebissenen Zähnen. »Du hast mehr Beschreibung als die anderen, Paige.«

Veganer Schokoladenkuchen mit Roter Bete. Enthält kein Mehl.

Meine Intuition teilte mir unmissverständlich mit, dass ich dieses widerwärtige Teil der Möhrenfrau zu verdanken hatte. »Würde irgendwer so was essen wollen?«

Lukas grinste durchtrieben. »Es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen.« Dann sagte er in die Runde: »Wir treffen uns morgen um neun. Ich würde euch ja viel Glück wünschen, aber das braucht ihr sicher gar nicht.«

In vorfreudiger Erwartung auf mehr Arbeit drängten die vorbildlichen Angestellten von Guh zum Ausgang und waren im Nu verschwunden. Ich wusste wohl, dass ich jetzt ebenso enthusiastisch hinausflitzen sollte, ließ mir aber Zeit beim Einsammeln meiner Lasten: Petra-Buch, absurder Kuchen, Karton mit Privatzeug. Als ich ungeschickt die Tür zum Parkplatz aufschob, wäre mir der Karton um ein Haar runtergefallen.

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen.«

Die Möhrenfrau. Ihre braunen Unterarme hatten irgendwelche grellrosa Flecken, und die Karotte rutschte fast aus dem pinken Haarwust.

»Geht schon«, knirschte ich.