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Social Media ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch mit Instagram, TikTok und Co. wächst auch die Gefahr des Cybermobbings. Ob unangemessene Kommentare, das Verbreiten von Gerüchten und gefakten Bildern oder Hassnachrichten per Direct Message – soziale Medien bieten Täter*innen den Raum und die Anonymität, um Hass zu verbreiten. Für Betroffene kann das gravierende Folgen haben: Gefühle von Angst und Hilflosigkeit belasten nicht nur Schüler*innen, sondern auch Eltern und Lehrkräfte. In seinem neuen Buch widmet sich Norman Wolf genau diesem Thema: Der Content Creator (@deintherapeut) sieht sich tagtäglich mit Hass im Internet konfrontiert. Anhand seiner eigenen Erfahrungen sowie seiner Expertise in der psychosozialen Beratung liefert er Antworten auf brennende Fragen: Was bewegt Täter*innen zu Hass und Mobbing? Was können Betroffene tun? Und was sind die starken Seiten von Social Media? Er gibt konkrete Hilfsangebote und macht dabei klar: »Du stehst Hass im Netz nicht machtlos gegenüber.«
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2025
Norman Wolf
Wenn der
Blick
Aufs
Handy
zur
Qual
Wird
Wie du Hass und Mobbing im Netz entschlossen entgegentrittst und dabei lernst, dich selbst zu schützen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Für Fragen und [email protected]
Wichtiger HinweisEinige Namen und Erfahrungsberichte wurden geändert, um die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten zu wahren.
Originalausgabe1. Auflage 2025© 2025 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 8980799 MünchenTel.: 089 651285-0
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Redaktion: Silke PantenUmschlaggestaltung und Layout: Maria VerdorferUmschlagabbildung: Shutterstock/Alphavector Abbildungen Innenteil: Adobestock/syoko; Adobestock/keyglad; Adobestock/Posccode; Adobestock/Alphavector Satz: Kerstin SteineBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7474-0610-6 ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98922-025-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.mvg-verlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Ich wollte tot sein
1Was ist das?
1.1Niemand ist nicht betroffen
1.2Sie beleidigen dich
1.3Sie hassen dich
1.4Sie reden über dich
Exkurs: Cybergrooming
2Warum passiert das?
2.1Wer anonym ist, fühlt sich sicher
2.2Algorithmen, Echokammern und Shitstorms
2.3Gemobbt wird, um sich gut zu fühlen
3Was macht das mit mir?
3.1Mobbing, das man sich in die Hosentasche steckt
Exkurs: Liebe Lehrkräfte
3.2Ich kann einfach nicht wegsehen
3.3Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust
3.4Bin ich genug?
Exkurs: Instagram, TikTok und der ewige Vergleich
3.5Das Internet vergisst nicht
4Social Media: Ein Liebesbrief
4.1Du kannst Menschen kennenlernen, die dir ähnlich sind
4.2Du kannst von Menschen lernen, die anders sind als du
4.3Digital Love Languages
5Was kann ich dagegen tun?
5.1Du kannst nicht einfach nicht online sein
5.2Ich weiß, es ist schwer, aber du musst darüber reden
Exkurs: Liebe Eltern
5.3Es tut gut, sich zu wehren
5.4Zwischen Spaß und Sicherheit: Wie viel gebe ich preis?
5.5Dein Account, deine Regeln
5.6Die Plattformen müssen agieren
5.7Anzeige ist raus
5.8Wie geht’s mir? Hass einordnen und Gefühle regulieren
5.9Digital Detox: Social Media bewusst nutzen
Ich bin so froh, am Leben zu sein
Danke
Beratungsstellen und therapeutische Hilfe
Literatur
Der Autor
Für mich.
Weil ich so lange
gekämpft habe
und so weit
gekommen bin.
Triggerwarnung
Dieses Buch thematisiert Mobbing, Gewalt, psychische Erkrankungen und Suizidalität. Falls das Themen sind, die dir schwerfallen, lies dieses Buch bitte nicht allein.
Queere und insbesondere trans Personen sind überdurchschnittlich häufig Opfer von Mobbing, leiden unter psychischen Erkrankungen oder denken über Suizid nach. Viele dieser Menschen verorten sich nicht traditionell in einem binären Geschlechtersystem als Mann oder Frau. Um auch sie im schriftlichen Sprachgebrauch sichtbar zu machen, verwendet dieses Buch geschlechtsneutrale Begriffe (etwa Personen) oder den Asterisk (wie in Schüler*innen) zur Personenbeschreibung. Dahin gehend bitte ich um Verständnis.
Mit zwölf Jahren wünsche ich mir, tot zu sein. Damit die Angst endlich aufhört. Immer wenn ich von der Schule komme, schaue ich auf die Uhr und rechne mir aus, wie lange ich noch habe, bis ich schlafen gehen muss – denn schlafen zu gehen bedeutet: Ich muss schon bald wieder in die Schule und alles fängt von vorn an. So auch heute. Es ist ein angstvoller Countdown: noch sieben Stunden, noch drei Stunden, noch eine Stunde.
Irgendwann liege ich im Bett. Ich kann nicht einschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich Bauchschmerzen. Mama glaubt mir nicht, ich hatte gestern schon Bauchschmerzen. Sie fragt: »Ist alles in Ordnung?« Ich sage: »Ja.« Nichts ist in Ordnung. Ich traue mich nicht, darüber zu reden. Beim Frühstück kriege ich keinen Bissen runter. Auf dem Weg in die Schule zähle ich die Stationen, die der Bus anfährt: noch sieben, noch drei, noch eine.
Der Klassenlehrer schließt den Raum auf und verschwindet im Lehrerzimmer. Ich setze mich an meinen Tisch und tue so, als ob ich den Hefteintrag von letzter Stunde lese. Ich versuche, unsichtbar zu sein, damit niemand mich anspricht. Denn ansprechen heißt, dass mir gleich wehgetan wird. Max spricht mich an. Er sagt »fette Sau« zu mir. Ich antworte nicht. Er hat ja recht irgendwie. Ich habe schon wieder zugenommen. Ich esse oft, wenn ich fernsehe, das hilft gegen die Langeweile und die Angst. Kurz ist dann alles gut. Und wenn ich den Fernseher auf ganz laut stelle, dann höre ich nicht mal mehr, wie Mama und Papa sich streiten und wie Mama weint.
Während des Unterrichts überlege ich, wo ich mich in der Pause verstecken könnte. Wir schreiben einen unangekündigten Test. Ich weiß nichts. Weil ich letzte Stunde auch überlegt habe, wo ich mich in der Pause verstecken könnte.
Im Bus nach Hause spuckt Pascal mir auf den Kopf – alle lachen. Ich denke an die Worte meines Klassenlehrers: »Ignorier sie einfach, dann hören sie von allein auf.« Also sitze ich da und lasse mich bespucken und auslachen. Ich sitze da, halte aus und denke: Ich bin jemand, der ist so wenig wert, dass man ihn anspuckt.
Am Nachmittag stehe ich nackt vorm Badezimmerspiegel. In der Dusche habe ich versucht, mir die Spucke vom Kopf zu waschen. Aber das Gefühl geht einfach nicht weg. Ich schaue in den Spiegel und spreche all die Dinge aus, die sie jeden Tag zu mir sagen. »Fette Sau«, sage ich. »Ekelhaft, wie du aussiehst. Und du wunderst dich, dass niemand mit dir befreundet sein will.« Ich sehe mir ins Gesicht und frage mich, wann ich zum letzten Mal glücklich war. Meine Tage bestehen doch nur noch aus Angst. Ich gehe in die Schule und habe Angst, dann komme ich nach Hause und habe Angst vorm nächsten Tag. Ich will das nicht mehr und ich kann das auch nicht mehr. Ich halte das nicht mehr aus. Und wen würde es schon interessieren, wenn ich nicht mehr da wäre? Meine Mitschüler*innen können mich sowieso nicht leiden. Und meine Eltern, die sind so mit sich selbst beschäftigt, die würden es vielleicht nicht mal bemerken. Und ich, ich müsste endlich keine Angst mehr haben.
Mit 24 Jahren sitze ich in einem Auto auf einem amerikanischen Supermarktparkplatz und weine. Es ist das alte Auto meiner Gastmutter, das ich auch dann benutzen darf, wenn ich mich nicht gerade um die Kids kümmere. Ich nutze es, um einzukaufen oder nach Boston zu fahren. Ich starre in die Dunkelheit vor mir, nur der Screen meines Handys leuchtet zurück. »Ich will ihn eigentlich nur kaputtschlagen«, steht da. »Kann man das Hemd mal treffen und zusammenschlagen?« Zuerst waren es nur Kommentare im Netz, heute ist der Hass endgültig in die Realität übergeschwappt. Irgendjemand hat herausgefunden, wo mein Gastvater arbeitet, und ihm eine E-Mail geschrieben. Ich sei ein Narzisst, heißt es darin, und wie er mich mit seinen Kindern alleinlassen könne. Nachdem ich die Kids zur Schule gebracht hatte, nahmen meine Gasteltern mich beiseite und meine Gastmutter sagte: »Norman, ich vertraue dir. Aber sei vorsichtig. Diese Menschen, die wollen dein Leben zerstören.«
Manchmal wird mir alles zu viel, dann setze ich mich ins Auto, drehe die Musik auf volle Lautstärke und fahre los. Das Auto ist so alt, dass es nur ein Kassettenfach hat, und die einzige Kassette, die ich habe, ist ein Album von The 1975. Oft fahre ich ans Meer und dann stehe ich da einfach, höre der Musik zu und starre durch die Windschutzscheibe aufs Wasser. Ich höre »I Always Wanna Die (Sometimes)«, und wenn der Song vorbei ist, spule ich zurück und höre ihn noch mal. Es ist wie damals, denke ich. Ich bin so viel älter, so weit weg von zu Hause und längst fertig mit der Schule. Und trotzdem ist es genau wie damals: die Hilflosigkeit, der Wunsch, dass es aufhört, und das Gefühl, dass ich nichts tun kann – alles das Gleiche. Ich denke an die Worte meines Klassenlehrers zurück: »Ignorier sie einfach, dann hören sie von allein auf.« Leadsänger Matthew Healy singt »If you can’t survive, just try« und ich denke: Ja, ich versuch’s. Es ist eine Liedzeile, an der ich mich festhalte. Aushalten, Tag für Tag, denke ich, bis es irgendwann aufhört. Irgendwann hören sie auf, ganz sicher.
Mit 29 Jahren sitze ich auf einem grauen Plastikstuhl in der Praxis eines Psychotherapeuten. »Ich wollte tot sein«, sage ich.
Er antwortet: »Herr Wolf, was Sie mir da schildern, das sind traumatische Erfahrungen.«
Ich nicke und sage »Danke«, als ob er mir gerade ein Kompliment gemacht hätte. »Danke, dass Sie das nicht kleinreden.« Ich habe lange überlegt, ob ich hierherkommen soll. Ich hatte Angst, mein Problem könnte nicht wichtig genug sein, dass ich einer Person den Platz wegnehmen könnte, die die Hilfe dringender braucht. Mobbing sei doch nur ärgern, Jungs raufen halt und es bilde den Charakter, das haben meine Lehrkräfte damals zu mir gesagt und heute noch hört und liest man es immer wieder. Außerdem geht’s mir die meiste Zeit ja okay. Das bisschen Unsicherheit, die paar selbstabwertenden Gedanken. Und auch die schlimmen Phasen halte ich irgendwie aus. Da komme ich eben ein paar Tage lang nicht aus dem Bett und ertrage meinen eigenen Anblick nicht mehr – irgendwann geht auch das wieder vorüber. Das schaffe ich allein, dachte ich. Jedes Mal dachte ich das wieder. Und irgendwann dachte ich: Aber muss ich denn? Muss ich das denn allein schaffen oder darf ich mir Hilfe suchen? Dann habe ich diesen Termin gemacht.
»Am schlimmsten ist dieses Gefühl der Hilflosigkeit«, sage ich. »Man fühlt sich, als gäbe es nichts, was man tun, und niemanden, der einem helfen kann.«
Er nickt. »Ich bin froh, dass Sie hier sind.«
Mit 30 Jahren sitze ich an meinem Schreibtisch und schreibe diesen Text. Hi, ich bin Norman – freut mich, dich kennenzulernen. Was du da gerade gelesen hast, ist meine Geschichte. Und vielleicht geht es dir ja so wie mir, vielleicht hast du ähnliche Erfahrungen gemacht. Vielleicht wurdest du auch in der Schule gemobbt oder hast Hass im Netz erlebt und deshalb dieses Buch in die Hand genommen. Vielleicht sind Mobbing und Hass auch deine aktuelle Realität.
Falls das so ist, dann will ich dir direkt eine Sache sagen: Ich bin froh, dass es dich gibt. Wirklich! Auch wenn wir uns gar nicht kennen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, gemobbt zu werden, und dass man manchmal denkt, man sei irgendwie unwichtig oder verschwende nur Platz. Aber das stimmt nicht. Uns alle gibt’s nur einmal auf der Welt. Wir sind Einzelstücke, Unikate. Und allein diese Tatsache macht uns doch wahninnig wertvoll, findest du nicht?
Ich bin seit neun Jahren aktiv auf Social Media, habe plattformübergreifend 100 000 Follower*innen und fast 25 000 Posts abgesetzt. Du kannst es dir vielleicht denken: Ich habe schon viel Hass abgekriegt. Jede zweite Person wurde schon mal online beleidigt. Mehr als ein Drittel der Schüler*innen geben an, schon mal einen Hasskommentar auf Social Media abbekommen zu haben. Jede*r sechste von ihnen war schon mal von Cybermobbing betroffen. Das sind knapp 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen. Man sollte denken: Das ist ja ein Riesenproblem, dann gibt es bestimmt viele Menschen, die dabei helfen können! Trotzdem machen Schüler*innen oft gegenteilige Erfahrungen. Vielleicht kommt dir das bekannt vor, du fragst Lehrkräfte oder Eltern um Rat und die zucken nur mit den Schultern und sagen so was wie: »Weiß ich auch nicht, kann man halt nicht viel gegen machen.« Mich macht diese Aussage wütend, aber sie wundert mich nicht. Ein Großteil dieser Menschen ist selbst nicht mit dem Internet aufgewachsen und schlicht überfordert.
Ich habe mich ganz lange hilflos gefühlt. Manchmal erstarre ich immer noch, wenn ich vor einem Problem stehe. Hilflos zu sein, das wurde mir regelrecht antrainiert. »Kann man halt nicht viel gegen machen.« Ich schreibe diesen Text, um dir zu sagen: Doch, kann man. Klar kann ich nicht alles allein regeln. Aber ich darf mir immer Hilfe suchen und es gibt nichts, das ich aushalten muss. Irgendwann habe ich das gecheckt und einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde ausgemacht – das war der erste, wichtige Schritt. Und schließlich fing ich an, mich gegen den Onlinehass zu wehren. Dass das möglich ist, wie das geht und warum man das unbedingt machen sollte, musste ich erst lernen. Ich bin besser darin geworden, Hilfe in Anspruch zu nehmen, mir Dinge, die Unrecht sind, nicht mehr gefallen zu lassen. Aber ich weiß auch, wie schwierig der Weg dahin war und wie ohnmächtig ich mich oft gefühlt habe.
Ich habe meiner Mama nie vom Mobbing erzählt. Sie hat erst davon erfahren, da war ich schon 28 und hatte gerade Wenn die Pause zur Hölle wird veröffentlicht – mein erstes Mobbingbuch. Ich besuchte sie damals, sie hielt das Buch in der Hand und fragte: »Warum hast du mir eigentlich nie davon erzählt? Ich habe doch gesehen, dass es dir nicht gut geht, und immer wieder gefragt, was los ist.« Ich hielt kurz inne und dachte an damals zurück. »Ich hab mich einfach nicht getraut«, erinnerte ich mich. »Und dann hast du noch so viel mit Papa gestritten und geweint. Ich wusste gar nicht, ob da noch Platz für mein Problem ist. Ich dachte, du trägst schon so viel auf den Schultern, und wenn ich da mein Problem noch obendrauf setze, vielleicht hältst du das gar nicht aus.« Sie sah mich damals an, Tränen in den Augen, und sagte: »Norman, wenn ich damals gewusst hätte, was mit dir los war – ich hätte doch die Welt in Bewegung gesetzt, um dir irgendwie zu helfen.«
Wenn ich eine Zeitmaschine hätte, dann würde ich zurückreisen zu meinem zwölfjährigen Ich. Ich würde mich selbst an den Schultern packen, schütteln und sagen: »Du musst darüber reden! Ich weiß, es ist dir unangenehm und du denkst, da ist niemand, mit dem du darüber sprechen kannst. Aber da sind Menschen in deinem Leben, die würden alles tun, um dir zu helfen. Aber das können sie nur, wenn du dich traust, ihnen davon zu erzählen!« Oder ich würde in die Zeit zurückreisen, als ich 24 war. Ich würde die Autotür öffnen, mich auf den Beifahrersitz setzen, die Musik leiser drehen, mir selbst das Handy aus der Hand nehmen und sagen: »Du musst das nicht aushalten.« Und dann würde ich jeden einzelnen dieser Hasskommentare anzeigen.
Aber das geht alles nicht, weil ich keine Zeitmaschine habe. Und deshalb schreibe ich dieses Buch. Weil ich mir selbst von damals nicht mehr helfen kann. Aber dir, dem Menschen, dem das gerade passiert, dir kann ich vielleicht helfen. Dir kann ich all das erzählen, was ich heute weiß und damals gern gewusst hätte. Wenn du dich also gerade hilflos fühlst – so wie ich damals –, dann möchte ich dich an der Hand nehmen und sagen: »Du und ich, wir sind nicht hilflos.«
Komm, ich zeig dir, was du tun kannst.
Die Wahrheit ist: Du wirst nie in einer anderen Welt aufwachen.
Doch eines Morgens wirst du die Augen aufmachen, zurückschauen und denken: Heute fühlt die Welt sich ganz anders an als damals.
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Schüler*innen sind durchschnittlich vier Stunden am Tag online: in der Bahn oder im Bus, in der Schule, in der Sportumkleide, beim Essen, in der Stadt, auf der Toilette, bei Freund*innen zu Hause, im Bett – jederzeit und überall. Fast alle nutzen dabei den Instant-Messenger WhatsApp, die Videoplattform YouTube und die Suchmaschine Google. Auch Spotify und Netflix sind beliebt. Social-Media-Plattformen werden ab 14 Jahren deutlich relevanter. Etwa zwei Drittel haben in der letzten Woche Instagram (je älter, desto mehr) und TikTok (je älter, desto weniger) benutzt, ungefähr die Hälfte Snapchat. Jede*r Zweite zockt online, jede*r Fünfte nutzt Discord, jede*r Achte Twitch oder X. Neun von zehn Schüler*innen haben ein Profil auf einer dieser Plattformen, um Freund*innen oder Content-Creator*innen zu folgen; sechs von zehn posten selbst. Knapp 90 Prozent sind irgendwann schon mal einem Hasskommentar begegnet, die Hälfte im letzten Monat.
Man könnte also sagen: Wenn wir über Hass im Netz reden, dann gibt es niemanden, der nicht betroffen ist. Wer Zeit im Netz verbringt, wird früher oder später Hass im Netz begegnen – als Adressat*in oder zumindest als Leser*in. Aber das weißt du ja bestimmt, weil es dir vermutlich auch schon mal so ergangen ist.
Wer Zeit im Netz verbringt, wird früher oder später Hass im Netz begegnen.
Hass? Cybermobbing? Hate Speech? Wenn über Hass im Netz gesprochen wird, landet oft alles in einem Topf. Mir ist es wichtig, dass du weißt, über was genau wir sprechen. Denn nur wenn du weißt, was du vor dir hast, kannst du die richtigen Schlüsse darüber ziehen, wie du damit umgehen kannst. Falls du jetzt denken solltest: Norman, ich muss das nicht erst aufdröseln, ich weiß genau, was mir passiert und dass ich Hilfe dabei brauche, und zwar jetzt, dann fühl dich frei, einfach direkt zu den hinteren Kapiteln zu springen. Niemand sagt, dass du das Buch in einer bestimmten Reihenfolge lesen musst. Lies einfach das, was du brauchst (das Inhaltsverzeichnis ist dein Freund). Aber falls du tiefer eintauchen willst: Lass uns die Begriffe mal ein bisschen aufdröseln. Stell dir vor, du kriegst einen Kommentar, der auf den ersten Blick nicht besonders nett auf dich wirkt. Was könnte das sein?
Kritik ist nicht immer Hass, Hass ist nicht immer Mobbing
Nicht jeder Kommentar, den wir als feindlich wahrnehmen, ist ein Hasskommentar. Manchmal nehmen wir Kommentare einfach deshalb so wahr, weil sie uns kritisieren. Niemand wird gern kritisiert. Trotzdem haben Kommentare wie diese ihre Daseinsberechtigung: Kann ja sein, dass wir mit einem Posting zu vorschnell waren, nicht genug nachgedacht haben oder tatsächlich etwas nicht wussten und damit einer Person Unrecht getan oder ihre Gefühle verletzt haben. Dann können uns kritische Kommentare aufzeigen, dass wir etwas falsch gemacht haben, und letztendlich gibt uns das die Chance, etwas zu lernen – über die Sache oder auch über uns. Voll wichtig also! Das funktioniert aber nur, wenn Kritik konstruktiv ist. Konstruktiv bedeutet, dass die Kritik konkret und sachlich ist, das heißt sich auf eine konkrete Verhaltensweise bezieht. Nicht immer, aber manchmal stößt konstruktive Kritik auch eine mögliche Lösung an, zeigt also auf, welche Handlungsweise besser gewesen wäre.
Auch sinnvolle, konstruktive Kritik kann eine ganze Reihe von Gefühlen in uns auslösen: zum Beispiel Enttäuschung darüber, dass wir etwas nicht gut gemacht oder jemanden verletzt haben. Oder Frustration, weil wir doch eigentlich sehr aufmerksam sind. Oder Wut, weil die Kritik zwar konstruktiv, aber ganz schön scharf formuliert ist (das passiert schon mal, weil die Person, der man auf die Füße getreten ist, schließlich auch emotional reagiert). Ganz schön schwer also, da cool zu bleiben. Dazu kommt noch, dass man viel häufiger plumpem Hass als konstruktiver Kritik begegnet. Und manchmal ist es schwer, inmitten von so viel Hate die konstruktive Kritik als solche zu erkennen und anzunehmen. Vielleicht hilft dieser Leitsatz: Nimm Kritik nur von User*innen an, von denen du auch einen Rat annehmen würdest. Und das sind eben solche, die konstruktiv mit dir sprechen, und nicht solche, die dich als Person ablehnen.
Ich bewege mich ja schon eine Weile durchs Netz und ich sag’s, wie’s ist: Ich habe schon etliche Fehler gemacht. Und ich denke, das ist ganz normal! Je mehr du postest, desto eher kommt auch mal Quatsch dabei raus. Wer mehr Auto fährt, baut halt auch mehr Unfälle. Und nicht immer habe ich es geschafft, konstruktive Kritik als solche anzunehmen – stattdessen habe ich mich oft angegriffen gefühlt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich während des Mobbings gelernt habe: Menschen, die sich negativ dir gegenüber äußern, wollen dir wehtun. Ich habe immer direkt auf Abwehr geschaltet und versucht, mich zu schützen. Aber dazu später mehr (s. »Dein Account, deine Regeln«)! Heute gehe ich anders damit um. Letztens zum Beispiel habe ich an einer Schule von meinen Mobbingerfahrungen erzählt und im Anschluss ein Posting dazu verfasst.
Fünfte Klasse, Hauptschule. Ich spreche mit den Schüler*innen über Mobbing. In einem Nebensatz erwähne ich, dass ich einen Freund habe.
Schüler: *meldet sich*
»Bist du schwul?«
Ich: »Ja.«
Schüler: »Ich finde das ekelhaft, als Mann einen Mann zu küssen.«
Ich: »Dann lass es halt sein.«
Schüler: »Aber das ist ekelhaft und du machst das.«
Schülerin drei Tische weiter: »Boah, Leon, jetzt halt die Fresse, ist doch egal!«
Hätte ich anders ausgedrückt, aber wo sie recht hat …
Ich postete die Situation, weil ich es stark fand, wie die Schülerin deutlich gemacht hat, was sie von den queerfeindlichen Aussagen ihres Mitschülers hält. Die allermeisten Reaktionen fielen positiv aus. Doch eine stach mir ins Auge:
Warum erwähnst du, dass es eine Hauptschule war? Denkst du, nur da geht es so zu?
Autsch. Eigentlich hatte ich das erwähnt, weil ich oft von Lesungen an Schulen erzähle und immer ein bisschen Kontext geben will. Ich hielt kurz inne und schaute in mich rein. Ich fühlte mich ein bisschen überrumpelt, weil das nicht die Aussage war, die ich mit dem Post treffen wollte. Und gleichzeitig mochte ich es nicht, dass der Kommentar mir einen Gedanken andichtete. Natürlich sind Mobbing und Queerfeindlichkeit nichts, was es nur an Hauptschulen gibt – das weiß ich. Ich habe ja schon an allen möglichen Schulformen gelesen. Schöner wäre für mich gewesen: »Du erweckst damit den Eindruck, dass es nur an Hauptschulen so zugeht.« Aber hey, wir haben ja gelernt, dass konstruktive Kritik auch mal spitz ausfällt und dass es okay ist, wenn sie negative Gefühle in mir auslöst. Ich ging also in Gedanken einen Schritt zurück und sah mir den konkreten sachlichen Vorwurf an: Du hättest nicht erwähnen müssen, dass es eine Hauptschule war. Und dann dachte ich: Stimmt, hat die Userin recht. Ich erklärte also, wie die Erwähnung zustande kam, gestand ein, dass sie im Kontext seltsam anklingt und dass ich die Info hier besser weggelassen hätte. Am Ende bedankte ich mich für den Hinweis. Die Verfasserin der Kritik markierte meine Antwort wenige Minuten später mit »Gefällt mir«. Ein anderer User kommentierte darunter: »Sympathische Antwort!« Ich musste lachen. Irgendwie schön, wie harmonisch das laufen kann.
Konstruktive Kritik ist sachlich und konkret, das heißt, sie bezieht sich auf eine konkrete Verhaltensweise.
Jetzt haben wir viel darüber gesprochen, was Hass nicht ist. Aber was ist Hass dann? Für mich fängt Hass da an, wo konstruktive Kritik aufhört. Hass ist also weder sachlich noch konkret, er kritisiert nicht eine konkrete Verhaltensweise. Im Gegenteil: Hass zielt auf dich als Person ab. Ziel ist es nicht, auf ein problematisches Verhalten aufmerksam zu machen; Ziel ist es, dich und deine Gefühle zu verletzen. Hass kann viele Formen annehmen. Wie man Hasskommentare genauer einteilen kann, dazu mehr im nächsten Kapitel (s. »Sie beleidigen dich«).
Hasskommentare gibt es wie Sand am Meer. Wie hoch genau die Zahlen ausfallen, das kommt immer ein bisschen auf die zugrunde liegenden Kriterien an. Wir haben ja schon besprochen, dass die Grenzen fließend und die Definitionen uneinheitlich sind. Grob kann man wie schon erwähnt sagen: Jede zweite Person wurde schon mal online beleidigt, jede fünfte gibt an, schon mal einen Hasskommentar auf Social Media abgekriegt zu haben. Unter Schüler*innen hat sogar mehr als jede*r Dritte schon mal einen Hasskommentar auf TikTok oder einer anderen Plattform kassiert, jede*r Siebte im letzten Monat. Neben unspezifischen Beleidigungen sind Kommentare über das Aussehen der traurige Klassiker. Fast jede*r Vierte wurde schon mal für sein*ihr Äußeres oder seine*ihre Körperform auf Social Media angegriffen. Ist mir auch schon passiert. Vor allem auf TikTok, weil da videobasierter Content mit Viewer*innen zusammenfällt, die dich mehr oder weniger unfreiwillig auf ihrer For-You-Page sehen. Wie oft habe ich schon gelesen, dass ich Augenringe habe, der Übergang in meiner Frisur scheiße aussieht oder meine Augenbrauen komisch gezupft sind. Was hat das mit mir gemacht? Na ja, es hat mich verletzt. Ich bin ja sowieso sehr selbstunsicher infolge des Mobbings; mich plagen oft Gedanken, ob ich gut genug bin. Und Kommentare wie diese greifen halt genau da an. Du kannst das bestimmt nachvollziehen, wenn es dir auch schon mal so ging.
Hass beginnt dort, wo konstruktive Kritik endet. Er ist weder sachlich noch konkret. Stattdessen zielt er auf dich als Person ab, will dich und deine Gefühle verletzen.
Während fast jede*r im Laufe seines Lebens mit Hass im Netz zu tun haben wird, ist Cybermobbing etwas, das Menschen viel selektiver betrifft. Genau wie nicht jeder negative Vorfall in der Schule Mobbing ist, ist auch nicht jede Hassattacke im Netz Cybermobbing. Cyberbullying ist eine Art organisierter Hass, der sich durch seine Dauerhaftigkeit sowie die Unterlegenheit des Opfers auszeichnet. Onlinekontakte sind häufig schnelllebig und einmalig. Genauso schnell, wie man einen Beitrag in seiner Timeline hat, ist er auch schon wieder verschwunden. Eine Dauerhaftigkeit kommt oft nur dann zustande, wenn das Opfer auch offline (zum Beispiel in der Schule) Mobbing erlebt, das Mobbing auf Social Media also nur parallel läuft (s. »Mobbing, das man sich in die Hosentasche steckt«), oder wenn das Opfer einen hohen Wiedererkennungswert oder ein großes Following hat (das bekannteste Beispiel ist hier wohl Twitch-Streamer Rainer Winkler aka »Drachenlord«).
Aber lass uns die Kriterien für Cybermobbing mal im Detail durchgehen. Sie basieren zum größten Teil auf den Kriterien für Mobbing in der Schule, die du vielleicht auch schon aus meinem Buch Wenn die Pause zur Hölle wird kennst:
»Online: Cybermobbing findet (wenig überraschend) online statt – meist auf WhatsApp oder den gängigen Social-Media-Apps.
»Absicht: Bei Cybermobbing handelt es sich nicht um ein Versehen, sondern um eine absichtliche Verletzung. Bis hierhin unterscheiden sich Cybermobbing und Hass im Netz nicht.
»Dauerhaftigkeit und Wiederholung: Cybermobbing ist kein einzelner Vorfall, sondern findet immer wieder und über einen längerfristigen Zeitraum hinweg statt. Es sind also einzelne Hassattacken in unregelmäßigen Abständen aneinandergereiht.
»Kräfteungleichgewicht: Mobbing im Klassenzimmer definiert sich maßgeblich anhand eines Machtungleichgewichts zwischen Täter*innen und Opfer. Das heißt, das Opfer ist den Täter*innen psychisch, physisch oder zahlenmäßig unterlegen. Bei Cybermobbing gilt das im Grunde weiterhin, zum einen, weil Cybermobbing während der Schule meist als Mobbing weiterläuft. Zudem bleibt die zahlenmäßige Unterlegenheit natürlich auch online ein Faktor, da der*die Täter*in auf Social Media mit den eigenen Freund*innen gut vernetzt ist. Das Kräfteungleichgewicht erweitert sich zusätzlich um folgende Aspekte.
•Anonymität: Der*die Täter*in kann online anonym auftreten, während das Opfer bekannt ist (s. »Wer anonym ist, fühlt sich sicher«).
•Kontrolle: Der*die Täter*in hat Kontrolle darüber, welche Inhalte über das Opfer er*sie ins Netz stellt. Das Opfer hat weniger Kontrolle darüber, welche Inhalte es wieder aus dem Netz entfernen kann (s. »Das Internet vergisst nicht«).
Das Machtgefälle wird also schon aus der Schule »importiert« und durch die digitale Infrastruktur nur erweitert. Findet Cybermobbing ohne Grundlage in der Schule statt, dann entsteht das Kräfteungleichgewicht häufig durch Gruppendynamiken. Dazu später mehr, wenn ich euch erzähle, wie es mir damals erging (s. »Algorithmen, Echokammern und Shitstorms«). Wichtig ist: Ein Machtgefälle erzeugt ein Gefühl von Hilflosigkeit. Das ist sowohl bei Mobbing als auch bei Cybermobbing so. Der Unterschied ist: In der Schule bist du tatsächlich sehr auf Hilfe von außen angewiesen, ohne diese kannst du dich kaum aus der Situation befreien. Im Netz aber hast du viel mehr Möglichkeiten als offline, dich auch allein gegen das Mobbing zu wehren. Du bist nicht hilflos, auch wenn es sich vielleicht so anfühlt.
Cybermobbing ist organisierter Hass im Netz, der sich durch seine Dauerhaftigkeit und die klare Unterlegenheit des Opfers auszeichnet. Das Machtgefälle wird schon aus der Schule »importiert« und online um die Aspekte Anonymität und Kontrolle erweitert.
Wie genau Hass im Netz und Cybermobbing aussehen können, das sehen wir uns gleich im Detail an. Fest steht: Sie sind sich sehr ähnlich und es ist praktisch nicht möglich, eine Grenze zu definieren; die Grenze zieht jede*r selbst nach eigenem Empfinden. Am Ende ist auch nur entscheidend, dass du Hilfe erhältst. Und keine Sorge: Alle Hilfsansätze in diesem Buch eignen sich sowohl für Einzelhass als auch für Cybermobbing. Trotz unklarer Grenzen taucht eine Zahl immer wieder auf: Jede*r sechste Schüler*in war schon mal von Cybermobbing betroffen. Rechnet man das um in Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen, kommt man wie gesagt auf knapp 1,8 Millionen oder etwa vier bis fünf Schüler*innen pro Klasse – krass, oder? Vergleichen wir das mal mit den Zahlen zu Mobbing in der Schule: Da gibt mehr als ein Drittel an, schon mal Opfer gewesen zu sein. Man kann also sagen, dass sich in knapp der Hälfte der Fälle das Mobbing von der Schule ins Netz überträgt. Das sind Zahlen, die sich gut mit meinen persönlichen Erfahrungswerten an Schulen decken. Wenn ich dort von meinen Erfahrungen erzähle, frage ich immer: »Hey, wer von euch hat denn schon mal Mobbing erlebt?« Oft meldet sich besagtes Drittel, in höheren Klassenstufen oft sogar die Hälfte – klar, da ist ja auch mehr Zeit vergangen. Wenn ich dann noch frage, bei wem das Mobbing am Nachmittag im Netz weiterging, dann bleibt meist etwa die Hälfte der Hände oben. Mobbing peakt in der Unterstufe, da sind am meisten Schüler*innen gleichzeitig betroffen. Bei Cybermobbing kommt der Peak ein bisschen später, so mit 14 bis 15 Jahren. Das macht total Sinn, wenn man bedenkt, dass in diesem Alter auch viele Schüler*innen anfangen, soziale Medien zu nutzen.
Heftig, dass es so viele sind – und scheiße für jede*n, der*die davon betroffen ist. Aber eine wichtige Botschaft geht damit einher: Wenn auch du davon betroffen bist, dann bist du damit nicht allein. Es gibt viele Menschen, die jetzt gerade etwas Ähnliches durchmachen wie du oder es erst vor Kurzem durchgemacht haben. Allein in deiner Klasse sind statistisch gesehen drei bis vier deiner Mitschüler*innen betroffen. Das sind Menschen, mit denen du vielleicht über deine Erfahrungen sprechen kannst, dich austauschen kannst, die nachvollziehen können, wie es dir geht – und das ist eine große Chance (s. »Du kannst Menschen kennenlernen, die dir ähnlich sind«).
Etwa jede*r sechste Schüler*in war schon mal von Cybermobbing betroffen. Also fast zwei Millionen Schüler*innen allein in Deutschland.
Du bist nicht allein.
So viel zu den Begrifflichkeiten. Ich hoffe, das gibt dir ein bisschen Orientierung. Unabhängig davon gilt: Egal, in welche Kategorie das fällt, was dir passiert, egal, ob andere Cybermobbing erfahren und du »nur« einmalig von Hass im Netz betroffen warst, dein Schmerz ist valide und du verdienst Hilfe. Du musst Onlinehass nicht erst so lange aushalten, bis man per definitionem von Cybermobbing sprechen kann, damit du Hilfe verdient hast. Du hast immer Hilfe verdient. Leid ist kein Wettbewerb, bei dem nur der*die Hilfe verdient hat, dem*der es am schlechtesten geht. Es ist mir wichtig, dass du das weißt!
Dein Schmerz ist valide und du hast Hilfe verdient.
Fakt ist: Ein großer Teil unseres Lebens spielt sich im Internet ab. Vier Stunden am Tag – das ist jede sechste Stunde insgesamt und jede vierte, die wir wach sind. Es gibt immer mehr Social-Media-Plattformen: Kürzlich hat Instagram die X-Alternative Threads auch in Deutschland gelauncht, bald kommt TikTok Lite. Fakt ist auch: Hass im Netz nimmt zu. Diese Wahrnehmung teilen zumindest 90 Prozent der Menschen in Deutschland. Und auch bezüglich Cybermobbing steigen die Zahlen langsam, aber stetig an: mehr Opfer, mehr Täter*innen – das berichten Studien sowohl in Deutschland als auch europaweit. Es wird also nur schlimmer, je länger wir warten. Höchste Zeit also, dass ich dir zeige, was du gegen Hass im Netz und für deine Sicherheit tun kannst.
»Jede*r begegnet irgendwann Hass im Netz. Wenn nicht als Adressat*in, dann als Leser*in.
»Nicht jede Kritik ist Hass, nicht jeder Hass ist Mobbing.
»Konstruktive Kritik ist sachlich und konkret, das heißt, sie bezieht sich auf eine konkrete Verhaltensweise.
»Jeder zweite Mensch wurde schon mal online beleidigt. Mehr als jede*r dritte Schüler*in hat schon mal einen Hasskommentar auf Social Media kassiert.
»Cybermobbing bezeichnet absichtliche Attacken, die langfristig stattfinden und sich durch ein Kräfteungleichgewicht zwischen Täter*innen und Opfer auszeichnen.
»Online bedeutet Kräfteungleichgewicht, dass Täter*innen gut miteinander vernetzt sind, anonym bleiben können und über die Inhalte entscheiden, die sie über dich posten.
»Jede*r sechste Schüler*in war schon mal Opfer von Cybermobbing.
»Von Cybermobbing sind häufig diejenigen betroffen, die auch von Mobbing in der Schule betroffen sind.
»Egal, wovon du betroffen bist: Dein Schmerz ist valide und du verdienst Hilfe.
»Cybermobbing und Hass im Netz nehmen langfristig zu.
»Zeit, etwas dagegen zu tun!
»Kann es sein, dass du eine hässliche Missgeburt bist, der ins Hirn geschissen wurde? Wieso schreibst du sonst so geistig behindert?«
Ich lese den Kommentar und muss lachen. Nicht weil ich lustig finde, was ich lese, sondern weil es mich so fassungslos zurücklässt. Während ich dieses Manuskript schreibe, laufen in Hessen Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD. In den Koalitionsvertrag schafft es ein sogenanntes Genderverbot. Schulen, Universitäten, Ämter und sogar der öffentliche Rundfunk sollen auf gendersensible Sprache verzichten. Ich formuliere ein Posting dazu:
Das Genderverbot hat’s in Hessen tatsächlich in den Koalitionsvertrag geschafft.
In Zukunft schreibe ich also nicht mehr »Schüler*innen«, sondern »Schüler, Schülerinnen und solche, die sich nicht im binären Geschlechtersystem verorten«.
Das wird den Lesefluss ungemein verbessern.
Der Post bringt meinen Ärger zum Ausdruck. Niemand muss gendersensible Sprache verwenden (du tust das vielleicht auch nicht), aber zu verbieten, Menschen außerhalb des binären Geschlechtersystems in Sprache sichtbar zu machen, das finde ich falsch und im Kern queerfeindlich. Ein wenig pointiert ist der Post geworden, das gebe ich zu, aber er ist sachlich und greift natürlich niemanden persönlich an. Ganz im Gegensatz zu den Antworten, die ich darauf erhalte. Stand heute sind das anderthalbtausend. Die meisten davon sehen in etwa so aus:
Schreib einfach Schüler, du Trottel.
Heul doch.
Oder du machst eine Therapie.
Der letzte Post war ein Tweet. Auf Twitter oder heute X erhalte ich persönlich die meisten Hasskommentare, weil ich dort am aktivsten bin und die größte Reichweite habe. Leider ist die Plattform seit der Übernahme durch Elon Musk, der Entlassung Abertausender Mitarbeiter*innen und der Ausrufung von »Meinungsfreiheit« zu einem Nest und Nährboden von Rechtsextremen, Trollen und Verschwörungstheoretiker*innen geworden – es ist kaum auszuhalten. In der Hoffnung, die zu erreichen, die nicht dazugehören, poste ich weiterhin und gerate mit meinen »linksgrünversifften« Ideen dabei regelmäßig in den Fokus dieser Gruppen. Aber dazu später mehr (s. »Algorithmen, Echokammern und Shitstorms«).
Meine Erfahrungen sind dabei nicht repräsentativ für alle. Denn am häufigsten findet Hass per Instant-Messaging statt. Über die Hälfte der Schüler*innen, die Hass im Netz erlebt haben, erlebten ihn auf WhatsApp. Die andere große Kategorie ist Social Media. Konkret belegt TikTok Platz zwei, ganz knapp dahinter Instagram – jeweils ein Drittel der Schüler*innen, die Onlinehass erlebt haben, erlebten ihn auch dort. Spannend ist dabei, dass TikTok in den letzten Jahren einen Auf- und Instagram einen Abschwung im Hass-Ranking erlebt hat. Jede*r Fünfte hat schon mal Hass auf Snapchat erlebt, jede*r Zehnte auf YouTube.
Wenn ich hochrechnen müsste, wie viele Hasskommentare ich im Laufe der Zeit schon gekriegt habe, dann würde ich sagen: hoher vierstelliger bis niedriger fünfstelliger Bereich. Das klingt erst mal irrsinnig viel, aber ich bin ja auch schon seit Jahren sehr aktiv und öffentlich im Netz unterwegs. Über die Zeit lernt man, Hass ein Stück weit einzuordnen. Ich persönlich unterteile Hasskommentare in drei Kategorien (das wird später noch wichtig, wenn ich dir erkläre, wie ich damit umgehe): übergriffige Kommentare, Flaming und Hate Speech.
Manchmal ist Hass subtil
Übergriffige Kommentare sind solche, die nicht strafrechtlich relevant sind, aber trotzdem Grenzen überschreiten. Diese Kommentare sind zu »harmlos«, um strafrechtlich geahndet zu werden. So würde ich das zum Beispiel kategorisieren, wenn mich jemand als »Trottel« bezeichnet – das macht mir jetzt nichts aus. Andere Kommentare sind übergriffig, weil sie dir ungefragte Ratschläge geben oder deinen Körper auf eine abwertende Art und Weise kommentieren. Du kennst das vielleicht unter dem Begriff »Body Shaming«. Body Shaming muss nicht stumpf beleidigend sein, häufig läuft es subtiler ab als das. Es wird »festgestellt«, dass etwas nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht oder sich dahingehend verändert hat: »Deine Akne ist aber krass«, »Du hast ganz schön zugenommen« oder »Digga, riesige Nase«. Es gibt da eine Faustregel: Wenn du nicht bodyshamen möchtest, dann kommentiere nichts an einer Person, was sie nicht in drei Sekunden verändern kann. Was ich also in der Regel anmerken darf, sind solche Sachen: »Du hast da ein bisschen Grün zwischen den Zähnen«, »Da steht eine Strähne ab« oder »Der Tag von deinem Shirt hängt oben raus«. Alles andere hat für die Person keinen Mehrwert, weil sie in diesem Moment sowieso nichts daran ändern kann. Es gibt ihr einfach nur ein schlechtes Gefühl. Macht Sinn, oder? Kommentare wie diese, die dich direkt angreifen, kannst du unter dem Begriff »verbal übergriffig« zusammenfassen. Es geht um Abwertung, Demütigung, Spott. Vielleicht kennst du das aus der Schule, aus der WhatsApp-Klassengruppe oder von deinen TikTok-Kommentaren.
Body Shaming bedeutet, dass jemand deinen Körper in einer abwertenden Art und Weise kommentiert.
Dann gibt es Kommentare, die noch subtiler übergriffig sind. Sie unterstellen dir zum Beispiel, übersensibel zu sein (siehe oben: »Heul doch«), oder dass du Psychotherapie brauchst, wenn du die Benutzung gendersensibler Sprache verteidigst. Den Kommentar »Such dir einen Psychologen!« oder »Mach eine Therapie!« bekomme ich ständig und meist ist meine Antwort darauf: »Mach’ ich doch schon.« Und übrigens: Mein Therapeut findet gendersensible Sprache super. Interessanterweise sind es überwiegend Männer, die dir vorschlagen, eine Therapie zu machen. Wahrscheinlich deswegen, weil es im Weltbild toxisch männlicher Männer die schärfste Beleidigung überhaupt ist, Unterstützung bei psychischen Problemen zu suchen. (Wenn solche Männer ein Problem haben, konsumieren sie lieber Alkohol, um sich zu betäuben, oder schlagen gegen eine Wand, bis ihre Knöchel bluten.) Beliebt in solchen Kreisen ist auch die Bezeichnung »Schneeflocke«, die darauf hinweisen soll, dass Jugendliche heutzutage »zerbrechlich« seien. Menschen, die ein Problem beklagen, wird weisgemacht, dass sie einfach nur »nicht abgehärtet« genug sind. Nicht das Problem sei das Problem, sondern wie sie damit umgehen. Frauen und non-binäre Personen zum Beispiel dürfen sich halt einfach nicht so anstellen – sie sind doch mitgemeint! Man spricht auch von »Täter*innen-Opfer-Umkehr«. Diese spielt gerade bei Minderheitengruppen eine große Rolle, die online von Diskriminierungserlebnissen erzählen und daraufhin nicht selten zum*zur eigentlichen Täter*in ernannt werden: Wer nicht »Schwuchtel« genannt werden will, der dürfe sich zum Beispiel nicht die Fingernägel lackieren, es sei doch klar, dass das provoziere (s. »Sie hassen dich«). Häufig, wenn marginalisierte Gruppen über ihre Erfahrungen sprechen, liest man auch so was hier: »Es gibt doch viel größere Probleme!« Das heißt »WhatAboutism«, weil die Kommentare häufig mit den Worten »Und was ist mit …« (englisch: »What about …«) anfangen. Es ist der Versuch, ein Diskriminierungserlebnis in Relation zu den großen Problemen der Welt kleinzureden – und dich in der Folge wieder mal als übersensibel hinzustellen.
Ein weiterer Klassiker: Der »Paulanergarten«-Kommentar. Sobald ich etwas poste, das ich erlebt habe, gibt es immer User*innen, die »Paulanergarten!« schreien – das ist ein Meme, Internetslang für »Das ist so gar nicht passiert«. Das kommt zum Beispiel dann oft vor, wenn ich über Lesungen an Schulen poste oder von Diskriminierungsereignissen erzähle. Diese User*innen haben natürlich keine Ahnung, was passiert ist, sie waren ja nicht dabei. Trotzdem brüllen sie diese Anschuldigung heraus, als sei sie ein Fakt, und rücken damit den*die Poster*in in ein schlechtes Licht: Er*sie lügt! Oft ist das eine absichtliche Manipulation. Man könnte sagen: Es handelt sich um eine Vorform der Verleumdung. Aber klar, es gibt auch User*innen, da hört das Vorstellungsvermögen an der eigenen Türschwelle auf. Die können sich einfach nicht vorstellen, dass andere Menschen mit anderen Leben tatsächlich auch andere Erfahrungen machen als sie selbst. Gerade für marginalisierte Menschen ist das wahnsinnig schmerzhaft: nicht nur Diskriminierung zu erleben, sondern die Erfahrung hinterher auch noch abgesprochen zu bekommen und als Lügner*in dargestellt zu werden. Es gibt viele Variationen dieser Kommentare. Manche zweifeln nur Details deiner Erzählung an, andere erfinden ein alternatives Ende. Als ich zum Beispiel über meine psychische Erkrankung gepostet habe, kommentierte ein*e User*in: »War bestimmt eine Selbstdiagnose!« Ein andermal, als ich online von einer erfolgreichen Lesung an einer Schule erzählte, kommentierte jemand: »Die lachen dich aus, sobald du weg bist!« Bei manipulativen Kommentaren oder solchen, die Täter*in und Opfer umkehren, spricht man von »emotionaler Übergriffigkeit«. Es geht darum, dich vor anderen schlecht dastehen zu lassen.
Du siehst ja, Kommentare können auf viele Arten übergriffig sein – die Liste ist lang und meine Beispiele sind nur eine Auswahl. Darüber hinaus gibt es übergriffige Kommentare, die nicht auf Hass, sondern auf einem Missverständnis oder einem voreiligen Schluss beruhen. Am besten schaust du dir das Geschriebene in Ruhe an, ordnest es ein (s. »Wie geht’s mir? Hass einordnen und Gefühle regulieren«) und reagierst entsprechend darauf (s. »Dein Account, deine Regeln«).
Manchmal ist Hass stumpf
Den Kommentar, den ich euch am Anfang des Kapitels gezeigt habe, würde ich nicht mehr »übergriffig« nennen, sondern schon als »Flaming« bezeichnen. Er verwendet üble Beleidigungen und raue Sprache (und macht mich irgendwie sauer – wie gesagt, diese Einteilung ist eine subjektive, die Begriffe liegen nah beieinander und die Grenzen sind fließend). Der Begriff »Flaming« bedeutet auf Deutsch so viel wie »zündeln« und meint mindestens eine Provokation. Im Bereich Cybermobbing hat sich der Begriff etabliert, um über handfeste Beleidigungen zu sprechen. Ich glaube, der Kommentar oben (»hässliche Missgeburt«) hat ganz gut deutlich gemacht, was ich damit meine. Erfolgt das Flaming mehrfach durch die gleiche Person und ergänzt sich beispielsweise noch durch falsche Anschuldigungen, dann spricht man auch von Belästigung (englisch: »Harassment«). Flaming ist die häufigste Form von Hass im Netz und Cybermobbing. Wenn ein*e Schüler*in Onlinehass erlebt, dann handelt es sich in drei von vier Fällen um Beleidigungen – den allermeisten geht es also so. Das kann zum Beispiel eine öffentliche Beleidigung unter deinem neuen Instagram-Post sein oder eine kränkende WhatsApp-Nachricht.
Eine besonders krasse Form des Flamings ist die Bedrohung. Ein*e User*in beleidigt dich also nicht nur, er*sie droht dir auch körperliche Gewalt an. Vor allem im Kontext Cybermobbing macht das Angst, weil die Person, die die Drohung ausspricht, ein*e Mitschüler*in ist, der*die theoretisch jeden Tag die Gelegenheit hat, die Drohung wahr werden zu lassen. Das Ziel ist, dich einzuschüchtern und dadurch mundtot zu machen. Du sollst dich nicht trauen, weiter zu diskutieren oder noch einmal zu posten. Expert*innen sprechen auch von »Silencing«, also wörtlich »zum Schweigen bringen«. Und leider funktioniert das: Studien berichten übereinstimmend, dass mehr als die Hälfte der Nutzer*innen eigene Posts vorsichtig formuliert oder sich seltener an Diskussionen beteiligt, weil sie Angst vor Hasskommentaren hat. Jede*r Dritte verzichtet komplett darauf, zu posten. Noch krasser ist es für Menschen, die schon mal Hass abbekommen haben: Hier traut sich nur jede*r Dritte, frei zu formulieren.
Silencing ist ein Problem für alle, die sich ein Internet der Vielfalt wünschen, in dem Menschen respektvoll miteinander sprechen und keine Angst voreinander haben. Es ist vor allem ein Problem für all diejenigen, die in manchen Aspekten ihres Seins nicht der Mehrheit angehören – und daher leichter verstummen. Wir beschäftigen uns gleich mit Silencing bei Minderheitengruppen (s. »Sie hassen dich«).
Silencing bedeutet, dass Menschen, die Opfer von Hass im Netz geworden sind, Kommentare besonders vorsichtig formulieren oder ganz darauf verzichten. Sie werden »zum Schweigen gebracht«.
Beleidigung, Belästigung, Bedrohung. Du wirst schon bemerkt haben: Wir befinden uns hier längst auf strafrechtlich relevantem Niveau. Doch für viele gehört das schon dazu, sie empfinden den Hass als normal. »Wer sich im Netz äußert, muss damit rechnen, beleidigt zu werden« ist eine Aussage, der zwei Drittel der Deutschen zustimmen – man spricht von einer Beleidigungskultur. Insbesondere jüngere User*innen ordnen Beleidigungen nicht einmal mehr als »Hass im Netz« ein. Doch ganz egal, wie »normal« es inzwischen erscheint, im Netz beschimpft zu werden: Du musst dir das nicht gefallen lassen. Wie du dich auf persönlicher, aber auch auf strafrechtlicher Ebene dagegen zur Wehr setzen kannst, besprechen wir weiter hinten im Buch (s. »Es tut gut, sich zu wehren«).
Flaming bezeichnet handfeste Beleidigungen bis hin zu Bedrohungen oder Belästigung. Flaming ist die häufigste Form von Hass im Netz und strafrechtlich relevant.
Hass kann ganz schön wehtun. Und was wie sehr wehtut, ist interindividuell ganz unterschiedlich. Manchmal sind es nicht die harten Beleidigungen, die einen treffen, sondern ganz andere Kommentare. Ich zum Beispiel stecke Beleidigungen ganz gut weg. Was mir wirklich wehtut, sind User*innen, die mich als Person angreifen. Die persönliche Geschichten nehmen, die ich im Netz erzählt habe, Wunden, die ich preisgegeben habe, und da zustechen, weil sie wissen, dass es dort den größtmöglichen Schaden anrichtet. Wenn sie zum Beispiel wissen, dass ich in der Schule gemobbt wurde, und so was sagen wie: »Kein Wunder, dass du gemobbt wurdest.« Oder die von meinem Vater wissen, der suchtkrank ist, und sagen: »Wenn ich so ein Kind wie dich gehabt hätte, hätte ich auch angefangen zu saufen.« Das ist das, was mir wirklich wehtut. Auch deshalb kann Cybermobbing noch mal schmerzhafter als Hass im Netz sein. Deine Mitschüler*innen kennen dich oft besser als Fremde im Internet und wissen daher genauer, wo deine wunden Punkte sind. Unabhängig davon, ob ein Hasskommentar dich verletzt oder nicht, gilt natürlich: Hass ist nie in Ordnung.
Was Hass mit dir macht, was dich kaltlässt oder besonders verletzt, das ist von Mensch zu Mensch ganz verschieden.
Ich bin queer, habe ich das schon erwähnt? Und ich gehe ganz selbstverständlich mit meiner sexuellen Orientierung um. Weil sie eben das ist: ganz selbstverständlich. Und ich habe das große Glück, einen ganz wunderbaren Freund zu haben, in den ich bis über beide Ohren verliebt bin. Manchmal poste ich über ihn – oder uns –, wie jedes heterosexuelle Paar das halt auch machen würde: Fotos, lustige Situationen, so was. Warum erzähle ich das? Weil es gleich wichtig wird, wenn wir über die dritte Kategorie von Hass im Netz sprechen: Hate Speech.
»Hass im Netz findet überwiegend per Instant-Messaging und Social Media statt.
»WhatsApp führt die Liste an, dann folgen TikTok und Instagram.
»Du kannst Hate in drei Kategorien unterteilen: übergriffige Kommentare, Flaming und Hate Speech.
»Übergriffige Kommentare sind subtiler als stumpfe Beleidigungen. Kommentare können entweder verbal (zum Beispiel abwertend oder demütigend) oder emotional übergriffig sein (zum Beispiel schuldzuweisend oder manipulativ).
»Body Shaming bedeutet, dass jemand deinen Körper in einer abwertenden Art und Weise kommentiert.
»Flaming bezeichnet handfeste Beleidigungen bis hin zu Bedrohungen oder Belästigung. Flaming ist die häufigste Form von Hass im Netz und strafrechtlich relevant.
»Flaming führt oft zu Silencing.
»Silencing bedeutet, dass Menschen, die Opfer von Hass im Netz geworden sind, Kommentare besonders vorsichtig formulieren oder ganz darauf verzichten. Sie werden »zum Schweigen gebracht«.
»Hass tut besonders dann weh, wenn er offene Flanken trifft.
Ich stoße die Tür auf und trete in die kühle Nachtluft.
»Ich liebe das Konzept von ›Sneak Preview‹! Man schaut sich Filme an, die man sich sonst wahrscheinlich nie angeguckt hätte.« Simon zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu. Es ist die dicke Cordjacke, die er bei unserem ersten Date getragen hat.
»Voll. Und diese Verlosung war auch ganz süß. Dass sie da Gummibärchen quer durch den Kinosaal geworfen haben.« Ich nehme seine Hand, als wir losgehen.
»Ich hätte nur auch gern welche gefangen.«
Ich lache. Es ist Valentinstag. Wir wussten, dass wir heute etwas unternehmen möchten, aber haben lange überlegt, was genau. Am Ende haben wir uns dazu entschieden, einfach ins Kino zu gehen – in einen Film, der zufällig ausgewählt wird.
Wir laufen Hand in Hand über die Zeil Richtung U-Bahn-Station Konstablerwache – oder »Konsti«, wie man in Frankfurt sagt. Eigentlich ist die Zeil eine menschenbepackte Einkaufsstraße, aber es ist fast 23 Uhr, die Geschäfte sind geschlossen – es ist kaum noch jemand hier. Eine große Treppe führt nach unten in die U-Bahn-Station, daneben eine Rolltreppe.
»Treppe?«, frage ich.
»Okay.«
Wir nehmen die ersten Stufen. Von unten kommen uns zwei Männer entgegen. Mein Blick streift sie kurz, dann sehe ich wieder auf die Stufen vor mir.
»Schwuchtel!«
Mein Herz bleibt kurz stehen. Ich sehe die Männer an, sie schauen auf unsere ineinander verschränkten Hände, ihre Blicke angewidert.
»Faggot!«
Ich drücke Simons Hand. Den Blick starr nach vorn gerichtet, gehen wir an ihnen vorbei. Blut pumpt durch meine Adern, mein Atem ist flach. Ich habe Angst.
Sie bleiben auf der Treppe stehen, brüllen uns hinterher, diesmal noch lauter. »Schwuchtel! Ekelhafte Schwuchtel!«
Am Fuß der Treppe beschleunigen wir unseren Schritt. »Hoffentlich gehen sie uns nicht hinterher«, denke ich, immer wieder, wie ein Gebet. »Hoffentlich bleiben sie da oben.«
Wir biegen links ab, nehmen die Rolltreppe und steigen in die erstbeste U-Bahn. Erst als wir losfahren, fällt die Angst von mir ab. Ich atme tief ein.
»Ich hasse das«, flüstert Simon. »Ich hasse solche Leute.« Diesmal drückt er meine Hand.
Wir haben nicht losgelassen. Wir haben die ganze Zeit nicht losgelassen.
Noch am selben Abend formuliere ich einen Tweet. Ich will erzählen, was vorgefallen ist. Um dafür zu sensibilisieren, dass queerfeindlicher Hass immer noch alltäglich ist. Um zum Ausdruck zu bringen, wie scheiße wütend ich bin. Und ein Stück weit auch, um getröstet zu werden. Damit irgendjemand, der*die vielleicht auch queer ist, sagt: »Tut mir leid, dass ihr das erleben musstet. Das ist nicht in Ordnung. Ich kenne das, fühlt sich scheiße an.« Ich beschreibe die Situation und beende den Thread mit folgendem Statement:
Für alle, die sagen: »Ihr dürft doch inzwischen heiraten, was wollt ihr denn noch?«
Keine Ahnung, zum Beispiel nach Hause fahren, ohne dumm von der Seite angemacht zu werden.
Mir geht’s besser; das hat mir Luft gemacht. Ein Kommentar erscheint, dann ein zweiter: Sie sprechen uns Trost aus, so wie ich es mir gewünscht hatte. Das tut gut. Es tut gut, mit der Erfahrung nicht allein zu sein. Doch mit der Zeit erscheinen auch solche Kommentare:
»Sei halt keine Schwuchtel.«
»Halt dein Schwuchtelmaul.«
Das ist Hate Speech (deutsch: »Hassrede«), eine besondere Art von Hass. Und während viele Begriffe im Bereich Cybermobbing unklar definiert oder schwierig zu fassen sind, ist es hier anders: Die Grenzen sind nicht fließend, sondern glasklar abgesteckt. Hass ist Hate Speech, wenn er gruppenbezogen menschenfeindlich ist, das heißt queerfeindlich, rassistisch, ableistisch, misogyn oder antisemitisch. Queere Menschen, BIPoC, Frauen, Jüd*innen, Menschen mit Behinderung – diese Gruppen haben alle etwas gemeinsam: Sie machen in unserer Gesellschaft Diskriminierungserfahrungen. Und das nur, weil sie so sind, wie sie nun mal sind. Das bedeutet: Hate Speech ist Hass, der Gruppen gilt, die ohnehin schon diskriminiert, ausgegrenzt und mit Vorurteilen bedacht werden.
»Schwuchtel« ist die Beleidigung, die ich online am häufigsten abkriege (und manchmal wundere ich mich, wie ich nicht schon total abgestumpft gegenüber diesem Wort bin). Doch gruppenbezogener Menschenhass kann nicht nur als Flaming gegenüber Einzelpersonen, sondern in allen möglichen Formen auftreten: in der Äußerung von Stereotypen zum Beispiel, in abwertenden Aussagen der gesamten Minderheit gegenüber, in übergriffigen Kommentaren, die Diskriminierungserlebnisse als unbedeutsam, erfunden oder eigene Schuld hinstellen (wir haben im letzten Kapitel darüber gesprochen), manchmal schlägt er sich sogar in Gewaltandrohungen nieder; das Spektrum ist breit. Ich habe im Netz schon eine ganze Reihe queerfeindlicher Angriffe erlebt – Beispiele gefällig?
»Auf Instagram poste ich ein Video von meinem Freund und mir. Wir stehen inmitten einer Menschenmenge auf dem CSD (Christopher Street Day) Wiesbaden und küssen uns. Eine Person kommentiert »Einfach nur ekelhaft«, eine andere »Dreckiges Vieh«.
»Ich poste einen Tweet, er geht ungefähr so: Kinder suchen es sich nicht aus, queer zu sein. Wer kein queeres Kind will, der sollte keine Kinder bekommen. Ein*e User*in schreibt: »Es gibt keine queeren Kinder, nur psychisch kranke Kinder!« Ein*e andere*r droht: »Wer mein Kind mit so einem Irrsinn beeinflusst, den erschieße ich auf offener Straße.«
»Ich drehe ein TikTok. Ich will über Vorurteile gegenüber queeren Paaren aufklären. Dafür drehe ich den Spieß satirisch um, übertrage die Vorurteile auf heterosexuelle Paare. Ich sage zum Beispiel: »Ich find’s eklig, wenn ein Mann und eine Frau sich küssen. Ihr könnt das von mir aus im Schlafzimmer machen, aber auf offener Straße? Was, wenn Kinder das sehen?« Die Kommentarspalte ist geflutet von Hasskommentaren. Da man mir auf TikTok keine Direktnachrichten senden kann, geht eine Person den Umweg über mein Instagram und schickt mir dort eine Sprachnachricht: »Wenn ich dich auf der Straße sehe, dann schlage ich dir die Fresse ein.«
