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»Das Gegenüber verstehen – Konflikte entschärfen.«
(Christian Röther)
Pegida und AfD versetzen unser Land in Aufruhr. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Islam, den Aktivisten beider Gruppen dämonisieren. Doch wie wurde ausgerechnet diese Religion zum Hassobjekt rechter Bewegungen? Und wie soll man damit umgehen?
Das Buch analysiert antiislamische Kampagnen und Akteure im historischen und gegenwärtigen Kontext. In einer emotional aufgeladenen und unübersichtlichen Debatte liefert Christian Röther Hintergrundinformationen zum Islam, zu Islamfeindlichkeit, Pegida und AfD. Er zeigt, wie man sich selbst konstruktiv einbringen und auf ein verbessertes gesellschaftliches Klima hinwirken kann.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2017
Christian Röther
Wenn die Wahrheit Kopf steht
Die Islamfeindlichkeit
von AfD, Pegida & Co.
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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlaggestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See
ISBN 978-3-641-20551-5V001
www.gtvh.de
Inhalt
Prolog in Dresden
Ankunft und Abwehr– Islam in Deutschland
Wütende Deutsche– Die antiislamische Bewegung
Gegen den »Fremdkörper«– Die Alternative für Deutschland
Dresden ist überall– Die Pegida-Bewegung
Im Zerrspiegel– Der Islam seiner Gegner
Das Böse an sich– Die antiislamische Theologie
»Nazislam«– Das antiislamische Geschichtsverständnis
Islamfreiheit– Die Ziele der Islamgegner
Gewaltsame Aufklärung?– Die Wege der Islamgegner
Die »Wahnsinnsrepublik«– Lügen, Presse und Islamgegner
Fundamentalopposition – Gegen »Altparteien« und »Scharia-Justiz«
Auf der Bühne– Quotengarant Islamklischee
Sendungsbewusstsein– Antiislamische Biografien
Christlich-jüdisch?– Islamgegner und Religionen
Der Feind meines Feindes– Rechts, links, Islam
Von Washington bis Wertheim– Die transatlantische Allianz
Retter des Abendlandes– Antiislamische Weltbilder
Epiloge in Stuttgart
Literaturhinweise
Dank
ANKUNFT UND ABWEHR– Islam in Deutschland
Damals in Dresden
Am Rande der Dresdner Altstadt, die nach zahlreichen Restaurationen wieder stolz ihre barocke Pracht zur Schau trägt, fällt ein wuchtiges Bauwerk seltsam aus dem Panorama. Es zählt sieben Stockwerke, wird von einer Kuppel aus buntem Glas gekrönt und von sieben spitzen Türmen eingerahmt, der höchste misst 62 Meter: die sogenannte »Tabakmoschee«. Sie ist dort schon seit über einhundert Jahren beheimatet, wurde bei den Bombenangriffen vom 13. und 14. Februar 1945 stark beschädigt und 1996 wieder in Stand gesetzt. Eine richtige Moschee war das Gebäude allerdings nie, sondern eine Zigarettenfabrik. Das höchste »Minarett« fungierte tatsächlich als Schornstein.
Ab 1907 ließ der Unternehmer Hugo Zietz die Fabrik für seine Tabakfirma Yenidze bauen. Architektonisches Vorbild soll eine Grabmoschee in Kairo gewesen sein. Die »Tabakmoschee«, wie der Volksmund sie taufte, ist Ausdruck einer vergangenen Faszination für den Orient. Heute sind dort Büros und Gastronomie untergebracht. Von »Dresdens höchstem Biergarten« aus liegt einem die Stadt zu Füßen. Unten zieht gelegentlich Pegida vorbei, um die Mitarbeiter des benachbarten Pressehauses des Lügens zu bezichtigen.
Deutschlands erste echte Moschee wurde unterdessen 1915 im brandenburgischen Wünsdorf gezimmert. Das Holzgebäude war Teil des sogenannten »Halbmondlagers«, in dem im Ersten Weltkrieg bis zu 30.000 Kriegsgefangene inhaftiert waren. Der Großteil der Gefangenen waren Muslime, daher der Name des Lagers. Das Deutsche Kaiserreich wollte die Muslime gut behandeln, um sie zum Überlaufen gegen ihre Kolonialherrscher Frankreich und Großbritannien zu bewegen, und spendierte deshalb auch ein Gotteshaus. Der Erfolg dieser Strategie hielt sich jedoch in Grenzen, und das morsche Gebäude wurde in den 1920ern wieder abgerissen.
Deutschlands älteste noch existierende Moschee steht rund 40 Kilometer von Wünsdorf entfernt. In Berlin-Wilmersdorf durfte die Gesellschaft für islamische Gottesverehrung sie 1924 errichten. Die Gesellschaft stand der Ahmaddiya nahe, einer in Indien zur britischen Kolonialzeit entstandenen, also vergleichsweise jungen Strömung des Islams. Ihre Moschee soll an das indische Taj Mahal erinnern und wird von zwei Minaretten von je 32 Metern Höhe flankiert. Zunächst wurde sie von immigrierten Studenten und Akademikern sowie deutschen Konvertiten genutzt. Die Zahl der Muslime war in Deutschland während der Weimarer Republik noch sehr überschaubar.
Das änderte sich mit dem Zuzug der sogenannten Gastarbeiter in die junge Bundesrepublik. Tausende kamen, unter ihnen auch viele Muslime, vor allem aus der Türkei. Zunächst hatten die Männer (und wenigen Frauen) nicht nur ihre Familien, sondern gewissermaßen auch ihre Religionen in der Heimat gelassen. Doch allmählich wurde Deutschland zum neuen Zuhause. Angehörige zogen nach, Kinder wurden geboren und irgendwann auch die ersten Gebetsräume eingerichtet. Meist wurden Wohnungen oder Industriegebäude zu Moscheen und Gemeindezentren umgestaltet.
Der Großteil der Moscheen in Deutschland besteht heute noch immer in Bauten, die zunächst anderen Zwecken gedient hatten. Schätzungen gehen derzeit von 2.500 bis 3.000 Moscheen in Deutschland aus, von denen nicht einmal jede zehnte Kuppel und Minarett besitzt. Doch als die ersten äußerlich erkennbaren und repräsentativen Moscheen entstanden, wurde den Deutschen allmählich bewusst, dass mit den ehemaligen Gastarbeitern auch eine neue Religion in ihrem Land angekommen war.
Wie viele Muslime leben in Deutschland?
Die Zahl der Muslime in Deutschland wird zumeist mit vier bis fünf Millionen angegeben. Dabei bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen der Zuzug von Geflüchteten seit dem Jahr 2015, u. a. in Folge des Syrien-Krieges, auf die Zusammensetzung der Bevölkerung hat. Etwa die Hälfte der Muslime in Deutschland besitzt laut der Studie »Muslimisches Leben in Deutschland« (2009) die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst schätzt, dass in der Bundesrepublik 2,6 Millionen Sunniten leben. Die sunnitischen Muslime bilden weltweit die größte Strömung des Islams. Gefolgt werden sie in Deutschland von einer halben Million Aleviten. Bei dem Alevitentum handelt es sich um eine Richtung des Islams, die vor allem in der Türkei beheimatet ist. Außerdem lebt in Deutschland eine Viertelmillion Schiiten, deren Ursprungsregion der Iran und der Irak ist. Die Zahl der Salafisten in Deutschland, einer radikalen Strömung des sunnitischen Islams, ist laut dem Verfassungsschutz mit etwa 8.350 deutlich geringer, steigt allerdings kontinuierlich an.
Sunniten, Schiiten und Aleviten sind in sich keine homogenen Gruppen, sondern unterteilen sich in theologische Schulen, nationale und regionale Zugehörigkeiten sowie Verbände und Vereine. Daneben existiert in Deutschland eine ganze Reihe kleinerer islamischer Strömungen wie die Ahmaddiya, der Sufismus oder das Alawitentum. Dabei bleibt offen, ob alle vier bis fünf Millionen Menschen sich tatsächlich als Muslime verstehen und ihre Religion praktizieren oder ob sie lediglich eine muslimische Abstammung haben. Es gibt beim Islam in Deutschland keine formalen Zugehörigkeiten wie bei den christlichen Kirchen. Die Studie »Muslimisches Leben in Deutschland« stellt fest, dass nur jeder fünfte Muslim in Deutschland in religiösen Gemeinden und Vereinen organisiert ist. Die Zahlen über die Gruppenzugehörigkeiten der (vermeintlichen) Muslime sind deshalb mit Fragezeichen zu versehen.
Dennoch ist die Anwesenheit von Muslimen in Deutschland auch über Moscheebauten hinaus erkennbar, so am islamischen Religionsunterricht an immer mehr Schulen und am Studiengang Islamische Theologie an mehreren Universitäten. Als erste islamische Religionsgemeinschaft erhielt die Ahmadiyya Muslim Jamaat im Jahr 2013 in Hessen den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts.
Angst und Abwehr
Wenn neue Religionen in einer Gesellschaft auftauchen, ruft das in der Regel Reaktionen hervor: Neugier, Faszination oder Gleichgültigkeit, nicht selten aber auch Misstrauen, Angst und Abwehr. Ein negatives Islambild besteht in Deutschland allerdings nicht erst, seitdem Muslime hier leben. Polemiken und Stereotype sind Jahrhunderte alt, als Ursprünge gelten die Kriege zwischen christlichen und islamischen Staaten im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit.
Prägend waren die arabisch-maurische Herrschaft auf der iberischen Halbinsel (711-1492) und für den deutschsprachigen Raum vor allem die sogenannten »Türkenkriege« in Süd- und Osteuropa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Martin Luther (1483-1546) sah im Osmanischen Reich, das damals Wien zu erobern versuchte, ein Werk des Antichristen. Die Angst vor einer islamischen Eroberung ist dadurch tief im kulturellen Gedächtnis verwurzelt.
Das zeigt sich auch in literarischen Werken: Wer die Abenteuerromane von Karl May (1842-1912) aufschlägt, findet darin viele abwertende Bilder von Islam und Muslimen, wie sie bis heute fortbestehen. Über 100 Millionen Mal wurden Mays Werke laut Verlagsangaben im deutschsprachigen Raum verkauft – ein erheblicher Faktor für die Bildung einer kollektiven Islamauffassung.
Im Zentrum der westlichen Islamstereotype steht seit jeher der islamische Prophet Muhammad. Bereits im Mittelalter hielten ihn viele Europäer für einen Lügner und geistigen Dieb, der seine religiöse Botschaft schlecht bei Juden und vor allem Christen abgeschrieben hatte. Auch Muhammad wurde mit dem Antichristen identifiziert. Er soll, so seine Kritiker, besessen und geisteskrank gewesen sein. Der Islam wurde als dunkle Macht der Eroberung und des Krieges gesehen.
Das Zeitalter der Aufklärung konnte diese Stereotype ins Wanken bringen und ließ auch neutrales und positives Interesse am Islam aufkeimen. Die feindseligen Stereotype treten allerdings wieder zu Tage, seit Muslime in Deutschland leben. So vernimmt man bei Pegida, AfD und anderen heute Parolen, die den mittelalterlichen Polemiken sehr ähneln. Der Aktivist Michael Stürzenberger sagte am 1. August 2016 als Redner bei Pegida in Dresden über Muhammad, er habe Kriege geführt, Kritiker umbringen lassen und auch selbst getötet. »Das ist das Vorbild aller Moslems«, erklärte Stürzenberger dem Publikum: »Viele heißen so und viele führen sich auch genau so auf wie er.«
Verstärkt wurde das abwertende Islambild der Deutschen durch negative Weltereignisse mit Islambezug, wie die Islamische Revolution im Iran 1979. Westliche Medien und Meinungsführer waren entsetzt über die rückständige Gesellschaftsordnung, die der vergleichsweise liberalen iranischen Gesellschaft aufgezwungen wurde. Ein politisierter Islam hatte zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg die Herrschaft über ein Staatsgebiet übernommen und wuchs so als neues Feindbild des Westens heran – zumal der Antagonist des Westens im Kalten Krieg, die Sowjetunion, ihren Schrecken in den 1980er-Jahren verlor. Die bipolare Weltordnung, die seit dem Zweiten Weltkrieg bestanden hatte, zerbrach. Diese Lücke schloss »der Islam« und ermöglichte als neues Feindbild des Westens eine neuerliche Zweiteilung der Welt in gut und böse.
In den 1990er-Jahren wurden in Afghanistan zwei Organisationen groß, die gleichermaßen an der Verbreitung des radikalen Islams und der Islamfeindlichkeit unter Nicht-Muslimen arbeiteten: die Taliban und al-Qaida. Die Terrorgruppe um Osama bin Laden hatte bereits Anschläge auf US-Einrichtungen in Afrika und dem Nahen Osten verübt, als ihr Terrorismus am 11. September 2001 seinen traurigen Höhepunkt fand: die Flugzeuganschläge von New York und Washington mit fast 3.000 Toten. Die USA griffen daraufhin die Taliban und al-Qaida in Afghanistan an. Die Anschläge hatten außerdem zur Folge, dass viele Deutsche in ihren Nachbarn Muslime erkannten und sie argwöhnisch musterten – zumal einige der Attentäter eine Zeitlang in Hamburg gelebt hatten.
Weitere Terrorakte in Europa verstärkten diesen Prozess: die Zuganschläge von Madrid im März 2004, die Ermordung des Regisseurs und Islamkritikers Theo van Gogh im November 2004 in Amsterdam und die Anschläge in London im Juli 2005. Danach gab es zehn Jahre lang keine größeren Anschläge mehr in Europa, die mit »dem Islam« in Verbindung gebracht wurden, bis Frankreich und Belgien 2015 und 2016 mehrfach Ziel verheerender Attacken waren. In Deutschland hat ein Einzeltäter im März 2011 zwei US-Soldaten in Frankfurt ermordet. Im Juli 2016 starben bei Attacken in Würzburg und Ansbach jeweils die Attentäter. Am 19. Dezember 2016 starben zwölf Menschen, als ein Attentäter in Berlin einen LKW in einen Weihnachtsmarkt steuerte.
Feindbildpflege
Zugleich jedoch förderten deutsche Massenmedien den negativen Blick auf Islam und Muslime. Das wird an drei Fotomontagen beispielhaft deutlich. Das Cover des Spiegels 13/2007 zeigt das Brandenburger Tor vor dunklem Himmel, von dem ein übergroßer Halbmond mit einem Stern leuchtet – das Symbol vieler islamischer Staaten. Zu lesen ist »Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung«. Die Titelseite des Stern 30/2006 zeigt ebenfalls Halbmond und Stern, dazu eine Moschee, einen Koran, die Kaaba in Mekka, einen bärtigen Mann, aus dessen geballter Faust Flammen schlagen und ein übergroßes Maschinengewehr. Der Text dazu lautet: »Islam – Warum wollen sie uns töten?«. Die gesamte Religion wird hier bildlich und textlich für Terrorismus und Gewalt verantwortlich gemacht. So wird der Islam als eine existentielle Bedrohung für »uns« präsentiert. In der dritten Fotomontage, die die ARD am 4. Oktober 2015 im Bericht aus Berlin verwendete, ist das Gesicht Angela Merkels zu sehen. Der Rest ihres Kopfes ist mit einem schwarzen Schleier streng verhüllt. Hinter der Kanzlerin erkennt man den Reichstag, aus dem Minarette in die Höhe ragen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Angst vor der angeblichen Islamisierung geschürt wird.
Derartige Bilder, die Islam und Muslime in ein bedrohliches Licht rücken, sind keine Ausnahmen, sondern seit Mitte der 2000er-Jahre vielfach in ähnlicher Form in deutschen Medien zu finden. Zwar fallen die dazugehörigen Berichte meist ausgewogen aus, doch die Titelseiten und Schlagzeilen erreichen deutlich mehr Menschen und haben so erheblich größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung. Das Titelblatt einer Zeitschrift wirkt auch unbewusst im Vorbeigehen.
Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, was Montag für Montag in Dresden über den Islam verbreitet wird. Meinungsforscher haben seit den 2000er-Jahren in Deutschland immer wieder erhebliche Ressentiments gegenüber Islam und Muslimen festgestellt. 2016 stimmten in der Leipziger »Mitte-Studie« über 40 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass »Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte«. Gar die Hälfte der Befragten gab an, sich durch »die vielen Muslime hier« manchmal »wie ein Fremder im eigenen Land« zu fühlen. Auch vor diesen Befunden ist es wenig erstaunlich, dass Pegida in Dresden und anderswo mit Hilfe islamfeindlicher Ansichten viele Menschen um sich versammeln kann.
Vorurteile werden zu Gewalt
Die antiislamischen Feindbilder werden leider auch auf andere Weise praktisch: Moscheen werden mit toten Schweinen, Farbe oder Brandsätzen attackiert und Menschen, die für Muslime gehalten werden, verbal und körperlich angegriffen. In Dresden wurde die Pharmazeutin Marwa el-Sherbini im Jahr 2009 in einem Gerichtssaal von einem NPD-Anhänger ermordet. Sie war im dritten Monat schwanger, ihr Mann wurde ebenfalls verletzt, und ihr dreijähriger Sohn musste alles mit ansehen. Der Täter hatte Marwa el-Sherbini zuvor als Islamistin und Terroristin bezeichnet und behauptet, sie sei nicht beleidigungsfähig, da Muslime keine richtigen Menschen seien. Es entlud sich ein antimuslimischer Hass, wie er zuvor von vielen Seiten geschürt worden war – und weiterhin geschürt wird.
Im europäischen Vergleich ist Deutschland keine Ausnahme. In vielen anderen westlichen Staaten wird Islam und Muslimen ebenfalls oft mit Argwohn und Ablehnung begegnet. Das gilt auch für Länder Osteuropas, in denen kaum Muslime leben. Ein Fakt, der nur auf den ersten Blick verblüfft: Wer persönlich keine Muslime kennt, ist im Alltag nicht dazu gezwungen, die medial vermittelten Vorurteile zu überdenken. Dieses Phänomen findet sich auch in Regionen Deutschlands mit geringem Muslimanteil, vor allem in den ostdeutschen Bundesländern.
In Deutschlands Nachbarstaaten wie den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und Österreich haben Rechtspopulisten mit antiislamischen Kampagnen bereits Wahlerfolge erzielt. Auch in Deutschland verdichtet sich die abwertende Haltung zum Islam seit Mitte der 2000er-Jahre an Stammtischen, in politischen Parteien und allem voran in Internetforen. Die antiislamische Bewegung ist geboren.
WÜTENDE DEUTSCHE– Die antiislamische Bewegung
Die grüne Fahne
Frühjahr 1989, ein Bierzelt im bayerischen Bad Tölz. Die Mischung aus politischen Parolen und gekühltem Alkohol sorgt für eine explosive Stimmung. 2.000 Menschen johlen dem Redner zu, der einen Bierkrug auf seinem Pult stehen hat und der Menge lauthals versichert: »Niemals wird über Deutschland die grüne Fahne des Islam wehen.«
So beschreibt Der Spiegel am 29. Mai 1989 die bierselige Szenerie. Der Redner ist Franz Schönhuber (1923–2005), Vorsitzender der Partei Die Republikaner, die 1983 von enttäuschten Ex-Mitgliedern der CSU gegründet worden war. Es ist vielleicht das erste Mal, dass ein deutscher Politiker vor der Islamisierung der Bundesrepublik warnt. 1989 beginnt auch die politisch erfolgreichste Phase der Republikaner, die die Partei in die Landesparlamente von Baden-Württemberg und Berlin sowie Schönhuber ins Europäische Parlament bringt. An der Islamisierungswarnung im Bierzelt hat das vermutlich nicht gelegen, und so starten Die Republikaner ihre gezielten antiislamischen Kampagnen auch erst rund 20 Jahre später. Da ist der Islam bereits ein populäres Thema, aber die Partei fast bedeutungslos geworden.
Der heutige Bundesvorsitzende hat den Islam dennoch zu einem seiner Hauptthemen erhoben. Johann Gärtner bezeichnete die Religion mir gegenüber als »die dritte Geißel«, die nach Nationalsozialismus und Kommunismus über Deutschland komme: »Wenn ich Islam höre, schalten bei mir alle Alarmglocken.« Die Republikaner wollen Moscheebauten verhindern und »Hassprediger« ausweisen. Diese Forderungen teilen sie mit einer Reihe anderer Gruppierungen in Deutschland. Nach Schönhubers Bierzeltrede hatte es allerdings noch 15 Jahre gedauert, bis rechte Parteien anfingen, das Thema Islam systematisch zu bespielen. Mit wenigen Ausnahmen.
Mit Jesus gegen Muhammad
Adelgunde Mertensacker (1940–2013) war zunächst in der katholisch-geprägten Deutschen Zentrumspartei aktiv. Als sie 1987 als Vorsitzende abgewählt wurde, gründete sie die nationalreligiöse Partei Christliche Mitte und nahm es fortan publizistisch mit dem »falschen Propheten« Muhammad, seiner »Lügenschrift Koran« und seinem »Teufelskult« Islam auf, der Deutschland nach ihrer Ansicht unter seine Kontrolle bringen wolle. Politisch blieb die Christliche Mitte eine Null-Prozent-Partei, aber Mertensacker verfasste ein antiislamisches Manifest nach dem anderen. Darin ist sie den mittelalterlichen Polemiken verpflichtet, indem sie Muhammad vorwirft, er sei von Dämonen geleitet worden und habe sich seine Botschaft entweder ausgedacht oder sie direkt vom Antichristen erhalten. Als einzigen Maßstab zur Beurteilung von Muhammads Leben und Lehre lässt Mertensacker die Bibel gelten. Muhammad habe die ganze Welt unterwerfen wollen. Muslime in Deutschland sieht Mertensacker mit ebendiesem Auftrag betraut und wirft ihnen vor, die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen zu wollen, um das Land zu erobern und zu islamisieren.
Eine weitere christliche Kleinpartei ist die Partei Bibeltreuer Christen, die im Gegensatz zur katholischen Christlichen Mitte eher evangelisch bis evangelikal geprägt ist. Sie positionierte sich in geringerem Maß antiislamisch als die Christliche Mitte, aber auch die Bibeltreuen warnten auf Plakaten vor der Islamisierung Deutschlands. Ihr ehemaliger Bundesgeschäftsführer Jürgen Künzel war 1998 der Ansicht, dass ein friedliches Nebeneinander mit dem Islam unmöglich sei, weil der Islam alle Menschen und Staaten unterwerfen wolle.
Anti-Moschee-Bewegung
Das ist eine Ansicht, an die auch nicht-christliche Islamgegner wie Willi Schwend glauben. Der Agnostiker und Ingenieur hatte sich im tauberfränkischen Wertheim gerade ein neues Firmengelände zugelegt, als nebenan eine Moschee errichtet werden sollte. Schwend, der in Interviews besonnen und überlegt wirkt, bekam offenbar Angst um seine Finanzen, denn, so erzählte er in dem Dokumentarfilm »Heimvorteil« aus dem Jahr 2008: »Das wäre Tür an Tür gewesen und das ist für den Wert einer Immobilie tödlich.« Deshalb startete Schwend eine lokale Bürgerinitiative. Sie hatte Erfolg, und die Moschee musste an einem anderen Ort und in anderer Form errichtet werden.
Die Geschichte, die um das Jahr 2000 begann, ist damit noch nicht vorbei. Damals wollten auch andere Menschen in Deutschland Moscheen verhindern. Die Nachricht von Schwends Erfolg verbreitete sich in den entsprechenden Kreisen, und immer mehr Menschen meldeten sich bei dem Ingenieur. Der stand den Baugegnern zur Seite, woraus sich der Verein Bundesverband der Bürgerbewegungen zur Bewahrung von Demokratie und Heimat entwickelte. Kurz darauf traf Schwend auf Udo Ulfkotte, der später als antiislamischer Autor und Redner bei Pegida aktiv werden sollte.
Ulfkotte betrieb seit 2007 den Verein Pax Europa, der die Islamisierung des Kontinents verhindern wollte. Beide Vereine fusionierten 2008 zur Bürgerbewegung Pax Europa. Die Freundschaft der beiden Männer hielt allerdings nicht lange, und Ulfkotte verließ den Verein im Streit. Mit den Büchern »Gekaufte Journalisten« (2014), »Mekka Deutschland« (2015) und »Die Asylindustrie« (2015) lieferte er die publizistische Umsetzung von zentralen Themen der Pegida-Bewegung. Schwend blieb bei der Bürgerbewegung, bis er im Juni 2014 den Vorsitz aus gesundheitlichen Gründen an den Initiator und langjährigen Bundesvorsitzenden der Partei Die Freiheit abgab, René Stadtkewitz. Von ihm wird im Folgenden noch die Rede sein.
Die Bürgerbewegung Pax Europa findet in den Medien zwar vergleichsweise wenig Erwähnung, ist aber eine Art Dachorganisation der antiislamischen Szene in Deutschland, denn die Mitglieder des Vereins wirken in vielen verschiedenen Anti-Moschee-Initiativen, Gruppierungen und Parteien mit. Die Zahl der Mitglieder gab BPE-Geschäftsführer Thomas Böhm im August 2016 mir gegenüber mit »knapp 700« an. Die Bürgerbewegung
