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Ein stilles Buch für alle, die sich nicht mehr beweisen müssen. "Du hast dich lange angepasst. Funktioniert. Durchgehalten. Jetzt spürst du: Es reicht. Dieses Buch will nichts von dir. Keine Anleitung. Kein besseres Ich. Kein Ziel. Es will nur eines: Es will nur eines: dich erinnern, wer du bist - wenn du niemandem mehr gefallen musst. In fragmentarischen Texten, poetischen Momenten und leisen Gedanken erzählt Rini Burg von Übergängen, Brüchen und dem Mut, sich nicht mehr festzuhalten.Ohne Pathos. Ohne Anleitung. Nur mit Wärme, Klarheit und einer Sprache, die atmet. Für ein Leben, das nicht lauter werden muss, um echt zu sein." - Julia 42, Wien
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1 –
Wenn Festhalten müde macht
Wenn etwas nicht mehr trägt, beginnt das leise Erkennen.
Kapitel 2 –
Der Lärm der Erwartungen
Manchmal ist es nicht das Leben, das laut ist – sondern was wir glauben, erfüllen zu müssen.
Kapitel 3 –
Sonntag zwischen den Welten
Zwischen dem Alten und dem Neuen liegt ein Ort, an dem wir einfach nur atmen.
Kapitel 4 –
Sagen, was niemand hören will
Es gibt Wahrheiten, die leiser werden, je länger man sie verschweigt.
Kapitel 5 –
Der Körper weiß es zuerst
Bevor der Kopf versteht, spricht oft schon der Körper.
Kapitel 6 –
Ja zu mir
Ein kleines Ja kann das ganze Innen aufrichten.
Kapitel 7 –
Innen wird es still
Wenn das Außen nachlässt, hören wir, was in uns lebt.
Kapitel 8 –
Über das Nein zu alten Rollen – und wie wir unser Innen neu bewohnen können
Manche Muster passen nicht mehr, auch wenn wir lange darin gewohnt haben.
Kapitel 9 –
Manchmal braucht es ein zweites Mal
Wandlung ist kein gerader Weg – manchmal gehen wir im Kreis, bis wir da sind.
Kapitel 10 –
Wir machen das mit uns selbst aus
Nicht jede Antwort kommt von außen – manche wachsen in der Stille.
Kapitel 11 –
Zwischentöne, die sich nicht beeindrucken lassen
Was zählt, ist nicht das Lauteste – sondern das, was bleibt, wenn alles still ist.
Kapitel 12 –
Ein Anfang, der sich nicht nach Neuanfang anfühlt
Neubeginn kann sich anfühlen wie Alltag – nur mit einem anderen Inneren.
Kapitel 13 –
Ich will es nicht mehr erklären müssen
Nicht jedes Verstehen braucht Worte – manchmal reicht das stille Stehenbleiben.
Kapitel 14 –
Vielleicht geht es nicht ums Loslassen – sondern ums Lassen
Nicht alles muss gehalten oder losgelassen werden – manches darf einfach sein.
E s beginnt nicht mit einem Drama. Es beginnt mit Müdigkeit. Nicht dieser angenehmen, nach einem langen Tag. Sondern mit einer Art innerem Nebel, der sich über alles legt. Ich stand morgens auf und fühlte mich, als hätte ich bereits gelebt. Nicht im guten Sinne. Sondern im Sinne von: erschöpft vom Versuch, alles zusammenzuhalten.
Ich wusste lange nicht, was mich so kraftlos machte. Ich schlief. Ich funktionierte. Ich lachte sogar. Und doch war da dieser Widerstand in mir, dieses leise Ziehen in den Schultern, das sich anfühlte wie eine nicht gestellte Frage. Ich hielt fest. An Gedanken. An Erwartungen. An alten Versionen von mir.
Festhalten ist trügerisch. Es gibt uns das Gefühl von Kontrolle, von Halt. Aber innerlich wird es eng. Und irgendwann atmet man nicht mehr tief, sondern flach. Man lacht nicht mehr echt, sondern höflich. Man lebt nicht mehr – man verwaltet sich.
Der Körper spürt es oft zuerst. Schlafstörungen. Verspannungen. Gereiztheit. Die kleine Stimme im Hinterkopf, die sagt: „So kann das nicht ewig weitergehen.“ Aber wir sind gut im Übergehen. Im Aushalten. Im Weiterfunktionieren.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich allein auf meiner Küchenbank saß. Es war still, und das Geschirr vom Abendessen stand noch da. Die Fensterscheibe spiegelte mein Gesicht. Ich sah mich – und fühlte mich fremd. Als würde ich eine Rolle spielen, die ich nicht einmal selbst gewählt hatte. Ich sah gut aus, funktionierte, arbeitete, lachte mit anderen – und doch fühlte ich mich wie durch eine Glasscheibe getrennt vom Leben.
In diesem Moment stellte ich mir eine Frage, die ich bis dahin nie laut gewagt hatte: Was wäre, wenn ich all das nicht mehr halten muss?
Die Antwort kam nicht. Aber das Echo dieser Frage begleitete mich über Monate. Sie legte sich über Gespräche, schlich sich in Träume, vibrierte zwischen den Zeilen von Notizen und E-Mails.
Ich begann aufzuschreiben, was ich glaubte, halten zu müssen: Erwartungen an mich als Tochter, Partnerin, Freundin, Kollegin. Bilder davon, wie ich zu sein habe. Sätze wie: „Reiß dich zusammen“, „Du darfst nicht enttäuschen“, „Sei nicht so sensibel.“
Und darunter – ganz leise – eine andere Stimme. Zart. Fremd. Frei.
Diese Stimme sagte nicht viel. Sie stellte nur Fragen. Und sie brachte mich dazu, stiller zu werden. Weniger zu reden. Mehr zu spüren.
An einem grauen Februartag – ich weiß noch, wie der Regen gegen das Fenster schlug – fuhr ich mit dem Zug an meinem alten Elternhaus vorbei. Ich sah den Gartenzaun, den wir nie streichen durften, weil er „noch hielt“. Und plötzlich verstand ich: Dieses „Halten“ war ein Muster. Nicht nur in mir, sondern durch mich hindurch.
Und vielleicht war es an der Zeit, diesen Zaun endlich loszulassen. Zumindest innerlich.
Ich begann kleine Dinge zu verändern. Nichts Großes. Ich sagte einmal Nein zu einer Einladung, bei der ich mich eh fehl am Platz fühlte. Ich ging spazieren, ohne Musik in den Ohren. Ich setzte mich hin und tat nichts – und ließ die Unruhe da sein, ohne sie zu bekämpfen.
Und inmitten dieser kleinen Revolten geschah etwas Seltsames: Ich wurde wacher. Nicht glücklicher – aber wacher. Ich sah plötzlich, wie oft ich Ja sagte, obwohl ich Nein meinte. Wie ich nickte, obwohl etwas in mir den Kopf schüttelte.
Manchmal, in stillen Minuten, kam eine Erinnerung zurück, von der ich lange dachte, sie sei unwichtig. Ich werde sie später erzählen. Noch bin ich nicht bereit. Aber sie hat mit einer Hand zu tun, die zu lange hielt – und einem Blick, der alles veränderte.
Was ich heute weiß: Müdigkeit ist nicht immer Schwäche. Sie kann auch ein Ruf sein. Eine Einladung, innezuhalten. Hinzusehen. Und sich zu fragen: Wofür bin ich eigentlich erschöpft?
Denn manchmal sind es nicht die Umstände, die uns müde machen. Sondern der Kampf, sie aufrechtzuerhalten.
Und dieser Kampf endet nicht mit einem großen Knall. Er endet leise. In einem Moment wie diesem. In einem Satz wie diesem. In einer Entscheidung, die niemand sieht – aber alles verändert.
Ich werde erzählen, wie ich lernen musste, zwischen meiner Stimme und dem Lärm der Erwartungen zu unterscheiden. Aber zuerst braucht es Stille.
M anchmal wusste ich nicht, wessen Stimme da in mir sprach. War das wirklich ich – oder ein Echo? Wenn ich innehalte, höre ich sie noch: „Du solltest …“ „Denk an die anderen …“ „Reiß dich zusammen.“ Leise, eindringlich. Wie Hintergrundmusik, die ich nie selbst gewählt hatte.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag, ich war sieben oder acht. Ich wollte barfuß in den Regen hinauslaufen. Meine Mutter sah mich an, verzog kaum merklich das Gesicht und sagte: „Man macht das nicht.“ Kein Vorwurf, nur eine Haltung. Und ich zog meine Schuhe wieder an. Damals verstand ich nicht, wie viele dieser kleinen Momente sich wie Kieselsteine in mir ablagern würden – so lange, bis sie zu einem Gewicht wurden, das ich irgendwann für mich selbst hielt.
Erwartungen sind selten laut. Sie kommen als Blick. Als Vergleich. Als Lob, wenn du funktionierst – und Stille, wenn du es nicht tust. Manchmal sogar als Liebe.
Was ich nicht bemerkte: Dass ich begonnen hatte, mich selbst zu verlassen, um jemand zu sein, den man lieben kann.
In einem Gespräch mit meiner Freundin, viele Jahre später, sagte ich einmal: „Ich weiß gar nicht, ob ich dieses Leben so lebe, weil ich es will – oder weil ich einfach gut geworden bin im Erfüllen.“ Sie sah mich lange an und antwortete: „Vielleicht ist es beides. Aber nur eins davon macht dich lebendig.“
Diese Worte blieben. Nicht wie ein Schlag, sondern wie ein leiser Riss in einem Bild, das ich lange für Wahrheit hielt. Und das irgendwann zu bröckeln begann.
Es gibt einen Moment, an den ich mich nie getraut habe zurückzudenken. Ich werde ihn später teilen. Noch kann ich es nicht.
Die Stimmen in uns sind nicht zufällig da. Sie haben uns geprägt, beschützt, geführt. Doch irgendwann sind wir erwachsen genug, um sie zu prüfen. Nicht im Kampf. Sondern mit einem freundlichen: „Danke. Aber ich höre jetzt anders.“
Ich lernte, still zu werden. In der Stille wurde der Lärm oft lauter. Aber irgendwann begannen die Stimmen sich zu unterscheiden. Ich hörte den Tonfall meines Vaters, wenn ich zu emotional war. Die Pause meiner Chefin, wenn ich Kritik äußerte. Die Verlegenheit einer alten Freundin, wenn ich zu ehrlich war. Ich hörte die Spuren, die andere in mir hinterlassen hatten.
Einmal, an einem Sonntagmorgen, saß ich mit einem Kaffee am Fenster. Ich beobachtete die Welt draußen, ganz ohne Ziel. Und plötzlich hörte ich meine eigene Stimme. Nicht laut. Nicht fordernd. Sondern wie eine kleine Welle, die innen gegen die Küste rollte. Sie sagte nur: Du bist da.
Es war der Anfang. Nicht mehr. Aber genug, um einen Unterschied zu machen.
An diesem Tag begann ich, Tagebuch zu schreiben. Nicht regelmäßig. Nicht ordentlich. Nur manchmal. Nur dann, wenn das Außen zu laut war. Und zwischen den Zeilen fiel mir etwas auf: Mein Schreiben klang anders, je nachdem, wie sehr ich versuchte, jemand zu sein.
An schlechten Tagen schrieb ich vernünftig. Klar. Anpassbar. An ehrlichen Tagen war ich wild. Widersprüchlich. Weich. Und genau das machte Sinn.
Einmal, im Frühling, fuhr ich zu einem Wochenendseminar über Achtsamkeit. Ich war nicht überzeugt – zu viel Räucherstäbchen, dachte ich. Aber ich blieb. Und dort sagte eine Frau, vielleicht Mitte sechzig, einen Satz, der mich noch heute begleitet: „Wenn du nicht mehr weißt, wer du bist, achte darauf, worauf du reagierst.“
Seitdem beobachte ich meine Reaktionen. Wut, Trauer, Neid – alles Hinweise. Alles Wegweiser zurück zu mir. Und je mehr ich mich traue hinzusehen, desto leiser wird der Lärm.
Aber ganz still wird er nie. Und das ist okay. Denn ich habe gelernt, ihn zu hören, ohne ihm zu folgen.
Manchmal sehe ich Bilder von mir aus dieser Zeit. Ich lächle darauf, aber es ist ein Lächeln, das nicht bis in die Augen reicht. Und ich frage mich: Habe ich damals gespürt, dass da mehr sein muss?
Ich komme später auf diesen einen Moment zurück – den, in dem ich fast etwas ausgesprochen hätte, das alles verändert hätte. Aber ich schwieg. Noch.
Und so ging ich weiter. Nicht weil ich wusste, wohin. Sondern weil ich ahnte, dass das Bleiben in der Rolle mich mehr kosten würde als jeder unbekannte Schritt hinaus.
E s war einer dieser trügerisch stillen Tage. Ein Sonntag, wie er in Büchern beschrieben wird: warmes Licht, dampfender Kaffee, leise Musik aus dem Nebenraum. Ich saß da, in meinem alten Wollpulli, den ich seit Jahren nicht mehr mochte, aber nicht wegwerfen konnte. Die Tasse wärmte meine Hände, aber mein Inneres war unentschlossen. Irgendetwas vibrierte in mir, wie eine Saite, die längst hätte verstummen sollen.
Ich hatte keinen Termin. Kein Muss. Kein Soll. Nur mich. Und genau das war das Problem.
Was machst du, wenn du plötzlich Zeit hast – aber nichts in dir weiß, was du willst?
Ich stand auf, ließ das Fenster offen und ging barfuß über den kalten Parkettboden. Mein Körper wusste noch, wie das ging. Mein Kopf war zu langsam.
In einer Schublade fand ich ein altes Notizbuch. Leere Seiten. Unbeschrieben. Erwartungslos. Ich setzte mich wieder, schlug es auf – und begann. Nicht zu schreiben. Sondern zu spüren. Es war keine Erinnerung, die kam. Es war ein Bild. Ein Augenblick. Der Moment mit meinem Vater, den ich nie aufgeschrieben hatte. Noch nicht.
Diesen einen Moment – den mit dem Schlüsselbund und dem zerbrochenen Versprechen – erzähle ich später. Aber heute war er plötzlich wieder da.
Ich atmete flacher. Legte den Stift weg. Ging in die Küche. Spülte eine einzige Tasse. Sah aus dem Fenster. Und verstand: Manchmal braucht es kein Drama, keinen Schicksalsschlag, keinen Neuanfang mit Paukenschlag.
Manchmal beginnt Veränderung an einem Sonntag. In der Leere. In der Stille. In einem Moment, in dem du dir selbst nicht mehr ausweichen kannst.
Und genau dort, zwischen Fensterbank und Kaffeesatz, hörte ich mich denken: Ich will das nicht mehr.
Was genau ich nicht mehr wollte, wusste ich nicht. Aber es fühlte sich an wie ein Riss durch eine Tapete, die nie meine war.
Ich rief niemanden an. Ich schrieb niemandem. Aber etwas war geschehen. In mir. Eine Entscheidung ohne Worte. Ein leises Ja zum Nichtwissen.
Am Abend ging ich spazieren. Die Straßen waren leer, die Fenster gelb erleuchtet. Ich sah in Gesichter, die ich nicht kannte. Und doch war mir, als hätte ich sie erkannt – aus einem Leben, das ich fast gewählt hätte.
Und dann, im Schatten einer Laterne, kam dieser Gedanke:
Was, wenn du dein Leben wie ein Kleid trägst, das dir nie gepasst hat – nur weil du dachtest, es steht dir?
Ich ging weiter. Aber dieser Satz blieb. Und er sollte nicht der letzte sein.
E s war Montagmorgen. Die Welt funktionierte wieder. Menschen hasteten durch Straßen, Ampeln schalteten auf Pflichtbewusstsein, und irgendwo zwischen Kalender und Kaffeebecher saß ich und dachte: Heute sage ich es.
Nicht laut. Nicht kämpferisch. Nur ehrlich.
Ich hatte einen Anruf zu tätigen. Einen dieser Anrufe, bei denen du vorher zehnmal durchspielst, wie die andere Person reagiert – und es trotzdem nicht weißt. Ich hatte zugesagt, ein Projekt zu übernehmen, das mir schon beim Ja-Sagen schwer im Magen lag. Ich konnte es. Aber ich wollte es nicht. Und genau das war neu.
Früher hätte ich funktioniert. Ein Lächeln aufgesetzt, meine Kompetenz präsentiert, das Lob innerlich abgewehrt und doch gesammelt wie Bonuspunkte auf einer Karte, die nie eingelöst wird.
