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Beschreibung

Geschichten voll kriminalistischer Spannung, zur Liebe und zu Queer. Eine turbulente Reise durchs Leben, durch Berlin, Island und andere Orte und das schmelzende Licht. Ein Taxifahrer, der einen Jungen rettet. Zwei Männer tauschen erste Küsse. Ein Paar, schon lange zusammen, möchte sich in Island von einem dramatischen Erlebnis erholen. Manche Figuren bewegen sich zwischen den Geschlechtern, haben surrealen Sex in der Sauna, andere sehen das erste Mal einen Sonnenuntergang über dem Meer, sie besuchen eine Tante, flirten im Altenheim, sie sind Kinder, die zwischen glitzernden Käfern Straßen aus heruntertropfender Eiscreme bauen und über die komplizierteren Varianten von Regenbogenfamilien spekulieren. Böse Eltern kommen vor und liebevolle Eltern und Liebesbotschaften zwischen Strandkörben und Fantasien aus der Reihe „Die Welt, verbessert“. Morde passieren. Gespenster aus der Vergangenheit tauchen auf. Ein junger Mann schafft es schwer verletzt im Winter zu ihrem einsamen Haus und ist nicht zu retten. Doch was passiert dann? Wortrandale ist ein neuer Berliner Literaturpreis mit dem Thema "Wenn im Norden das Licht schmilzt". Er wird in drei Sparten vergeben: Krimi, Liebe und Queer: Damit gibt es also erstmals seit 2004 wieder einen queeren Literaturpreis. Prämiert wird nicht nach 1., 2., 3. Platz, sondern nach dem skurrilsten Text, dem charmantesten, elegantesten, spannendsten etc. in den jeweiligen Kategorien. Im Buch sind die je Katagorie 10 besten Texte enthalten. Preisverleihung (inkl. enes Publikumspreises) ist am 30.11.2019 im Festsall des Rathaus Charlottenburg in Berlin. Schirmherrin ist die Stadträtin für Kultur Heike Schmitt-Schmelz. Geschichten von Luca Briewe, Jess Cole, Silvia Friedrich, Bernd Marcel Gonner, Harlekin, Sigrid Herrmann, Kevin Höhn, Joey Juschka, Slavica Klimkowsky, Ingrid-Maria Kloser, Kathrin Lange, Axel Lawaczeck, Karla Lettermann, Litt Leweir, Verena Liebers, Alexander Pfannenberg, Stefan Pickardt, Guido Rademacher, Maria Sanabria, Regina Schleheck, Ingo Stephan, Marie Strobel, Susan Tumbrel, Milan Weber, Uta Zech und Manuel Zerwas.

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Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wortrandale

Wenn im Norden

das Licht schmilzt

Krimi, Liebe, Queer

Herausgegeben von

Klaus Berndl, Gitta Mikati und Michael Krause

KonkursbuchVerlag Claudia Gehrke

Zum Buch

Ein Taxifahrer, der einen Jungen rettet. Zwei Männer tauschen erste Küsse. Ein Paar, schon lange zusammen, möchte sich in Island von einem dramatischen Erlebnis erholen. Manche Figuren bewegen sich zwischen den Geschlechtern, haben surrealen Sex in der Sauna, andere sehen das erste Mal einen Sonnenuntergang über dem Meer, sie besuchen eine Tante, flirten im Altenheim, sie sind Kinder, die zwischen glitzernden Käfern Straßen aus heruntertropfender Eiscreme bauen und über die komplizierteren Varianten von Regenbogenfamilien spekulieren. Böse Eltern kommen vor und liebevolle Eltern und Liebesbotschaften zwischen Strandkörben und Fantasien aus der Reihe „Die Welt, verbessert“. Morde passieren. Gespenster aus der Vergangenheit tauchen auf. Ein junger Mann schafft es schwer verletzt im Winter zu ihrem einsamen Haus und ist nicht zu retten. Doch was passiert dann?

Wortrandale ist ein neuer Berliner Literaturpreis. Er wird in drei Sparten vergeben: Krimi, Liebe und Queer. Damit gibt es erstmals seit 2004 wieder einen queeren Literaturpreis. Hunderte Autorinnen und Autoren haben sich ins Zeug gelegt, dreißig wurden für einen der Preise der ersten Berliner Wortrandale nominiert, und deren Texte sind nun in dieser Anthologie versammelt. Ausgewählt wurden die raffiniertesten, humorvollsten, emotionalsten, nachdenklichsten, charmantesten, fantasievollsten, spannendsten, skurrilsten und wortakrobatischsten Geschichten.

Eine turbulente Reise durchs Leben, durch Berlin, Island und andere Orte und das schmelzende Licht.

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Zum Buch

Grußwort

Wenn im Norden das Licht schmilzt … Die Wortrandale

Luca Briewe: Die Farben im Nichtschwimmer   

Jess Cole: Irrwicht

Silvia Friedrich: Der Tod und die Liebe

Bernd Marcel Gonner: Blaugluth

Bernd Marcel Gonner: Kleines Tedeum

Harlekin: Aggregatszustände

Sigrid Herrmann: Dunkle Erinnerung

Kevin Höhn: Heimsuchung

Joey Juschka: Hackerhitze

Joey Juschka: Primärwut

Slavica Klimkowsky: Ein Herz für Rosen

Ingrid-Maria Kloser: Risse

Kathrin Lange: Jagdsaison 2023

Axel Lawaczeck: Angelegenheiten bedacht gewählter Worte

Axel Lawaczeck: Eine Hitze zu Johannis

Karla Lettermann: Lichtschmelze

Litt Leweir: Böse Sonne

Verena Liebers: Strandkorbbriefe

Alexander Pfannenberg: Nordstern

Stefan Pickardt: Der Troll

Guido Rademacher: Stella Maris

Maria Sanabria: Ground Control to Major Tom

Regina Schleheck: Die Schimmelbeseitigerin

Ingo Stephan: Der Zeitball

Marie Strobel: Den Glitzerkäfern auf der Spur

Susan Tumbrel: Wandlungen

Milan Weber: Diese ewige, wunderschöne Nacht, wolkenlos und eiskalt

Uta Zech: Weiß wie Schnee. Rot wie Blut. Schwarz.

Uta Zech: Tiefkühlkost

Manuel Zerwas: In der Wildnis gab ich ihm mein Wort

Autorinnen und Autoren

Jurorinnen und Juroren

Unterstützer

Impressum

Grußwort

Sehr geehrte Damen und Herren,

für viele ist Literatur wie ein Fenster, das Einblick bietet: in andere Gedanken, Lebenswelten, Erfahrungen und Problemlagen oder in eine völlig neu erdachte Welt fernab unserer eigenen Realität. Literatur bietet auch die Möglichkeit, auf gesellschaftliche Entwicklungen oder Missstände aufmerksam zu machen, Sensibilität und Toleranz zu wecken oder gar Protest und Gegenwehr.

Unter dem Thema »Wenn im Norden das Licht schmilzt« gibt der Literaturpreis »Wortrandale« einen interessanten Spannungsbogen unter den möglichen Sparten: Krimi, Liebe, Queer. Ich begrüße ausdrücklich, dass auf diesem Wege vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern die Möglichkeit gegeben wird, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen und einem Publikum zu präsentieren. Insbesondere, da es im Bereich der queeren Literatur mehr Raum für Aufmerksamkeit bedarf.

Deshalb übernehme ich sehr gern die Schirmherrschaft über dieses wunderbare Format und freue mich auf viele interessante Beiträge.

Mit freundlichen Grüßen

Heike Schmitt-Schmelz

Bezirksstadträtin für Jugend, Familie, Bildung, Sport und Kultur von Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf

Wenn im Norden das Licht schmilzt … Die Wortrandale

Die Welt kennt das: Ein Literaturpreis wird ausgeschrieben, Autorinnen und Autoren reichen ihre Werke ein, und dann wird die bzw. der Beste der Besten ermittelt. The winner takes it all! Das hat die Menschheit schon tausendmal und öfter gesehen. Doch die Erfahrung lehrt, dass die besten Einreichungen – egal, bei welchem Wettbewerb – in der Regel ziemlich gleichwertig sind. Wie also kommt die Einteilung in erste, zweite und dritte Plätze zustande? Hier entscheiden persönliche oder sonstige Vorlieben der jeweiligen Juroren/Jurorinnen. Das ist insbesondere gegenüber Texten und Autorinnen/Autoren unfair, die dem Mehrheitsgeschmack weniger entsprechen, also gegenüber genau denjenigen, die etwas wagen, die etwas Neues in die Literatur bringen. Die den Horizont erweitern. So kann es nicht weitergehen: So erstickt die literarische Welt in ihrem selbstgekochten Sumpf. Gleichförmig und immer uninteressanter wird die Literatur.

Dazu kommt noch: kein Text ist wirklich in jeder Hinsicht der beste.

Ein zweites Problem sind die festen Genregrenzen. Wer Krimis liest – dem wurden von seiner Buchhändlerin schon vor der Erfindung von Algorithmen in erster Linie Krimis empfohlen. Dasselbe bei Liebesromanen. Von queerer Literatur gar nicht erst zu reden. Kann aber ein Krimi keine emotional packende Liebesgeschichte enthalten? Schließt eine Liebesgeschichte krimiwürdige Spannung aus? Und muss Literatur mit queerer Thematik immer draußen und in der Schmuddelecke bleiben, sind Geschichten mit gleichgeschlechtlich liebenden Personen wirklich von vornherein irrelevant für alle, die anders lieben? Lauter Fragen, die man alle mit Nein beantworten muss, und ein kraftvolles NEIN! ruft die Wortrandale nun in die literarische Welt hinein: Wir wollen das nicht mehr!

Wir machen das jetzt anders. Wir machen: Wortrandale!

Wir schreiben einen Preis aus, der gleich drei Sparten abdeckt. Jeder Autor, jede Autorin kann für jede Sparte jeweils einen Text einreichen (aber nicht denselben zwei- oder dreimal): Denn das gibt es nicht, die Autorin / den Autor, der/die nur für eine Sparte schreibt, der/die nur in einer Schublade wohnt (alle Ausnahmen schweigen jetzt bitte mal kurz). Für jede Sparte wird eine eigene Jury die zwanzig qualitativ besten Texte heraussuchen und sie in den Pool einer »Longlist« mit 60 Texten weiterreichen. Von denen finden jeweils zehn Texte pro Sparte den Weg auf die Shortlist mit 30 Texten: Sie sind hier in dieser Anthologie versammelt. Aber wie jetzt weiter?

Die Gesamtjury entscheidet: Sie sucht … nicht etwa die oben beschriebene marktgängige Illusion, den Besten der Besten, nein, sie sucht den spannendsten Text, den emotionalsten, den phantasievollsten … und so weiter, bis hin zum wagemutigsten, also wortakrobatischsten Text.

Und damit das Ganze dann auch richtig Spaß macht, brauchten wir noch ein richtig durchgeknalltes Thema; wie wäre es mit: …:

Wenn im Norden das Licht schmilzt!

Damit war die Wortrandale aus der Taufe gehoben – eines warmen Septembernachmittags 2018 in einem Ku’damm-Café in Berlin. Von Gitta Mikati, Michael Krause und Klaus Berndl – Namensgebung von Michael Krause. Wir drei haben dann aber nicht mehr lange gegrübelt, wir haben es einfach angepackt. Und nun sind wir stolz, sie der gespannten Menschheit präsentieren zu können: Die erste WORTRANDALE-Anthologie des Universums!

Nun laden wir dazu ein: In unserem Büchlein zu schmökern – am besten von vorne nach hinten – und dabei gerade auch die Texte aus den Genres zu lesen und schätzen zu lernen, die man sonst nie lesen würde. Nicht nur das »eigene« Genre, und nicht nur die Werke der Preisträger! Wir haben zwar für eine neue Art der Gerechtigkeit gesorgt, aber das heißt auch bei uns nicht, dass unprämiert gebliebene Texte schlechter sein müssen als prämierte. Es lohnt sich, alle zu lesen! Wir wissen das, wir kennen sie alle, und deshalb können wir sie Ihnen mit guten Gewissen ans Herz legen – in der zuversichtlichen Hoffnung, dass Sie uns nach der Lektüre zustimmen werden: Die literarischen Galaxien sind so groß! Lassen wir uns nicht einschränken – gucken wir neugierig über den Gartenzaun und schauen wir, welche Pflanzen der Nachbar pflegt.

Die Wortrandale selbst hat jetzt schon tiefe Wurzeln geschlagen, in unseren Herzen und in der literarischen Welt. Wir werden sie pflegen, und das heißt, dass wir auch im nächsten Jahr wieder zu einer neuen Herausforderung aufrufen werden. Das Thema wird noch nicht verraten – auch nicht die Genres, zu denen wir aufrufen werden – aber der Name der Aktion kann schon bekanntgegeben werden.

Sie wird heißen: WORTRANDALE!

Gitta Mikati, Michael Krause, Klaus Berndl

Luca Briewe: Die Farben im Nichtschwimmer 

Sparte Queer 

»Hast du ein Auto?«

Ich drehte mich zu Navid um. Ich hatte kaum mal mit ihm geredet. Er war ein Arbeitstier und hockte in den Pausen mit seinen Büchern vor der Flurheizung oder in der Bibliothek.

»Ja.«

Wir standen einen Moment schweigend da. Er lehntedicht neben mir an der Wand. Verdammt, er sah gut aus. Und roch gut.

Die Party näherte sich ihrem Höhepunkt. Neben uns löste sich eine Papierblüte und segelte langsam zu Boden. In der Ecke heulten vier engumschlungene Mädchen, weil die Schulzeit vorbei war. Auf den Klos kotzten die Ersten das Bier und den eingeschmuggelten Wodka aus. Und auf der Tanzfläche wimmelte es von Paaren. Heteropaaren. Meine Kumpel tanzten oder standen abgefüllt vor der Tür.

»Ich habe eine Idee. Ein Club. Wir nehmen die A 2, das dauert nur 20 Minuten.«

Vor uns knutschte sich ein Typ in Slow Motion den Hals eines schwankenden Mädchens in einem grünen langen Kleid runter. Er ließ seine Hände zentimeterweise tiefer rutschen, obwohl der Beat hämmerte. Als würde er einen Baum betatschen.

Ich nickte. »Lass uns gehen.«

»Diese Seite klemmt.« Ich riss die Beifahrertür auf und warf die Tasche und die leeren Tacotüten nach hinten. Navid stieg ein und fummelteam Radio herum.

Die Autobahn war leer. Die letzten Lichtstreifen verblassten am Himmel.

»Alles okay? Das ist doch dein Auto?«, fragte er plötzlich. Er guckte nach hinten, wo Leimzwingen und eine Handkreissäge auf dem Sitz lagen, seit ich Julia geholfen hatte, ein Hochbett zu bauen.

»Ja.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Was machst du nach der Schule?« Lahm, doppellahm, aber Navid antwortete: »Meine Familie will, dass ich Arzt werde.«

»Wollen sie das nicht alle?«

Er sah mich an.

»Ich will vielleicht Lehrer sein. Aber mein Vater will, dass ich Augenarzt werde. In einer Klinik. Wie mein Großvater in Homs. Und du?«

»Egal. Hauptsache studieren. Meine Alten finden die Uni ganz toll. Und Medizin. Aber ich will nicht und meine Noten sind zu schlecht. Außerdem bin ich gerade erst achtzehn. Vielleicht will ich gar nicht studieren. Keine Ahnung.«

»Ich werde bald 22. Kein Kind mehr. Ich muss mich jetzt entscheiden.«

Wir fuhren schweigend, bis Navid mir zeigte, wo ich abbiegen sollte. Hoffentlich war das nicht so ein abgefucktes Loch. Ich zweifelte an seiner Idee und wäre am liebsten umgekehrt.

»Ich war noch nie in einem Club.«

Er grinste, vermutlich wusste er, dass ich sagen wollte, ich habe noch nie mit einem Mann, jedenfalls nicht richtig.

»Wird dir gefallen.«

Der Club war unbeleuchtet, was mich misstrauisch machte. Von außen war es nur eine dunkelrote Tür, von der die Farbe abblätterte. Wir gingen eine Treppe runter. Unten zahlten wir in einem Flur fünfzehn Euro und landeten in einem großen Raum. Auf den Tischen am Rand lagen bunte Fransendeckchen und überall standen Teller mit arabischen Süßigkeiten und Teegläser. Kleine Lampen baumelten von der Decke.

Es war voll. Arabische Musik lief. Am Ende des Raums war eine kleine Bühne, und hätten da nicht drei Transen eine Bauchtanzeinlage gegeben, hätte ich gedacht, dass ich auf einer Schulfete mit dem Motto 1001 Nacht wäre. Total friedlich – garantiert nicht der Schwulenclub, wie ich ihn mir vorstellte. Es gab keine Lederhosen, keine freien Oberkörper und kaum Piercings und Tattoos. Eine dunkelhaarige DJane legte auf. Überall wurde getanzt. MehrereGruppen drehten sich im Kreis. Aber auch Pärchen. Lesben und Schwule. Viele sahen orientalisch aus.

»Deshalb die Musik.«

Navid stieß mich an. »Die spielen hier Rai, Arabipop, Klezmer, House und türkische Stücke – für euch ist das alles eines: Türkmusik.« Er lachte und ich fühlte mich ertappt.

»Lass uns tanzen.«

War ja klar, dass er das auch konnte, während ich nicht wusste, wohin ich mit meinen Armen sollte, die gerade um zwanzig Zentimeter gewachsen waren.

Die zwei Frauen neben uns drehten jeden einzelnen Finger und spannen sich in ein unsichtbares Netz ein, in dem sie sich bewegten und angrinsten. Wir tanzten in einem Kreis mit, der sich unter einer Discokugel langsam mit einfachen Schritten nach rechts und links drehte. Einer der Transen, ein kleiner fetter Mann, tanzte sich hüftschwingend in die Mitte. Seine blauen Glitzerschuhe schienen angewachsen zu sein, so schnell bewegte er sich. Er animierte alle. Sein lachendes Gesicht war schweißnass, und unter der dunklen Perücke blitzte manchmal rötliches Wikingerhaar hervor. Er tanzte auf mich zu und zog mich weiter in die Mitte. Navid folgte mir. Wir tanzten eine ganze Zeit, das heißt, er tanzte und ich trat von einem Fuß auf den anderen und schwenkte meine Affenarme.

Navid tanzte dicht neben mir. »Hast du Durst? Wollen wir zur Theke?«

Wir schoben uns durch die Menge Richtung Eingang. Vor der Theke hatte sich eine Schlange gebildet, diewartete, dass ein heißer Typ mit Dreitagebart ihnen das Bier zapfte. Den Tee, der überall rumstand, konnte man sich selber nehmen.

»Willst du trinken? Ich fahre ja.«

»Nein. Ich bin Muslim.«

»Ähm. Tut mir leid, ich dachte …«

»Was? Weil ich schwul bin, kann ich nicht gläubig sein?«

Ich zuckte die Achseln, denn ich kannte weder andere Schwule noch andere Gläubige.

»Letztes Jahr wollte ich heiraten. Ich hatte eine Freundin.«

Ich lachte.

»Warum lachst du? Was ist lustig? Warum lachst du?« Er funkelte mich an.

Heiraten. Absurd. Der Typ war krass irre.

»Ich will nicht schwul sein!«

Am liebsten hätte ich ihn hängen gelassen, aber ich wusste nicht mehr, wo das Auto stand. Was machte ich hier? Anstatt auf dem Abiball rumzustehen, befand ich mich in einem arabischen Schwulentanzclub und ließ mich von einem Typen blöd anmachen, der erst zwei Jahre an unserer Schule war und mit dem ich bisher vielleicht dreißig Worte gewechselt hatte. Der gleich wusste, dass ich schwul war, und mir jetzt erzählte, dass er nicht schwul sei oder es nicht sein wollte. Und der eine Freundin hatte. Scheiße, ich war das Looser-Taxi in die Nachbarstadt.

»Ich glaube, ich gehe dannmal.«

Navid hielt mich am Arm fest. Er atmete hörbar aus.

»Nein, nicht. Hat ja nichts mit dir zu tun.«

Er bestellte zwei Gläser Limettenlimonaden und stellte sie vor mich hin. Dann schenkte er Tee ein und rührte ungefragt löffelweise Zucker hinein.

Er schob die Gläser näher zu mir. Seine Entschuldigung. Er nahm die Teetasse, in der noch der Löffel steckte, und nickte mir zu.

»Weißt du, bei meinen Leuten kann ich nicht schwul sein. Und bei den Schwulen kein Syrer.«

»Wieso?«

»Verstehst du nicht? In den Schwulenclubs bin ich angesagt. Gerade die Älteren. Sie wollen exotische Männer. Arabien oder Afrika. Sie gehen voll auf uns ab. Für ein paar Stunden. Ich war noch nie bei einem zuhause. Oder in der Stadt. Am Tag.«

Ich trank einen Schluck Tee, aber er war so überzuckert, dass ich ihn gleich wieder abstellte.

»Und deine Familie? Weiß die es nicht?«

»Mein Bruder vielleicht. Er lässt mich nichts alleine mit meinen Neffen machen. Schon seit Winter nicht. Nicht mal in den Zoo darf ich Jamal mitnehmen. Jamal ist acht und er fragt immer, wann ich ihn wieder von der Schule abhole. Aber wenn ich schwul bin, kann ich kein Syrer sein. Kein guter Muslim. Das geht nicht. Dann bin ich krank oder versaut durch die Deutschen. Bin ihrer Kultur verfallen. Ein schwuler Syrer – das gibt es nicht.«

Ich guckte an ihm vorbei. In dem Club waren bestimmt dreihundert Leute. Mehr Männer als Frauen. Und mindestens hundert arabisch aussehende Typen. Navid folgte meinem Blick.

»Hier ist gut. Hier kannst du atmen. Viele fahren weit, um mal hier zu sein.«

Es war schon nach drei, als wir gingen. Navid zog sich seinen Kapuzenpullover über.

»Du nicht. Besser so.« Hallo, es war Juni. Keine Mützenzeit.

»Vorsichtsmaßnahme. Manchmal stehen hier blöde Typen, die einen anmachen.«

»Was für Typen? Nazis?«

»Nein, wahrscheinlich, wenn sie das hier wüssten. Andere Syrer oder Iraner oder so, die einen verprügeln, weil man ihr Land verrät.«

Es war kaum jemand auf der Straße, als wir beim Auto ankamen. Die Luft war noch warm und der Mond schaukelte als Silbermünze auf den Autodächern.

Meine Eltern würden begeistert sein, wenn ich so spät käme. Meine Mutter hatte schon befürchtet, dass ihr kleiner Außenseiter um eins ins Bett ging. Aber vielleicht war das besser, als einen auf die Fresse kriegen.

Ich sah ihn von der Seite an.

»Du wirst Arzt. Augenarzt. Machst viel mit deiner Familie. Kümmerst dich um deine Neffen und so. Bist bei den Feiern. Und bist gläubig. Reicht das nicht? Vielleicht ist es dann okay, dass du schwul bist.«

»Das ist nie okay. Glaube und Familie. Das ist das Wichtigste. Meine Eltern wollen, dass ich normal bin«, sagte er leise.

Wir schwiegen. Eine Fliege, die sich ins Auto verirrt hatte, surrte an der Frontscheibe. Nur fünf Stunden vorher hatten meine Alten mit Simons Familie am Tisch gesessen und ihn quasi angefleht, mich mit nach Asien zu nehmen. Hatte nur gefehlt, dass sie ihm Geld angeboten hätten. Ich sollte reisen und mir klarwerden, was ich studieren wollte, und ein paar Erfahrungen machen. Meine Eltern hatten keine Ahnung, dass Mädchen gerne Jungen helfen rauszukriegen, ob sie bi sind. Ich hatte Erfahrungen mitMädchen. In der siebten Klasse war ich zwei Wochen lang der Freund von Zoe und in der Acht der Freund von Julia. Freunde waren wir immer noch. Nachdem wir mit Matheund ihrem Hochbett fertig waren, hatte sie sich ausgezogen. Ihr Busen war weiß und etwas asymmetrisch, und als ich das sagte, hat sie sich lachend auf das Bett geschmissen und gesagt, dass ich 0,0 Prozent bi wäre. Auf einer Reise könne ich Erfahrungen machen. Mit Mädchen und Jungen, wie meine Eltern betonten. Klasse, deshalb war Malaysia genau richtig, ein Land, wo Schwulsein unter Strafe stand. Aber entweder Asienknast oder auf dem Zimmer hocken, während meine Eltern vor der Tür lauern, dass ich diese Phase hinter mich bringe.

»Ja, meine wollen das auch. Deshalb reise ich nach Asien, wie hunderttausend andere, und dann studiere ich. Wie alle anderen.«

Ich wollte nicht nach Hause. Außerdem hatte ich Hunger und meine Zunge klebte von dem ganzen Zuckerzeug. Ich fuhr bei einer Raststätte raus. Wir bestellten Pommes. Es war nichts los, und die Bedienung stocherte in ihrer Zahnspange, während wir am Tresen warteten. In der Ecke saß eine Familie mit zwei durchgeknallten Colakids, die auf- und ab sprangen und Servietten zu Konfetti zerrissen. Die Fernfahrer klebten auf roten Plastiksitzen und beobachteten uns. Sie glotzten Navid an. Ohne uns abzusprechen, nahmen wir das Essen und gingen zum Auto.

»Zu viele Typen«, sagte er. Wir lachten und hörten Musik, während wir uns mit Pommes vollstopften. Ich brachte den Müll zum Abfalleimer, wo wieder einige Männer rumstanden. Sie rauchten und redeten laut. Einer brüllte mir in einer harten Ostsprache etwas hinterher.

»Echt zu viele Typen.« Ich startete den Motor. Wir schwiegen eine Weile und dann lachten wir wieder.

Und gerade rechtzeitig, als ich das Abfahrtschild sah, hatte ich eine Idee. Obwohl es noch dunkel war, fand ich den Weg zu dem Dorf und den Feldern wieder.

Navid guckte irritiert, aber sagte nichts, als ich den Waldweg entlangholperte.

»Aussteigen!«

»Hier?«

»Ja. Mach schon. Ist eine Überraschung.«

Ich ging vorweg. Die Luft roch nach Hafer, als würden wir durch eine Müslipackung laufen. Ein Frosch sprang vor meinen Füßen auf. Und schon standen wir am Zaun.

»Ist das in Ordnung?« Navid zögerte.

»Es ist ein See. Legal. Der Parkplatz ist auf der anderen Seite.«

Wir stiegen über den Zaun. Navid zog sich aus, ging ins Wasser und glitt hinein. Aber dann stand er gleich wieder auf. Verdammt, warum musste er so eitel sein und sich dauernd darstellen? Und im gleichen Moment merkte ich, dass er nicht oder nicht gut schwimmen konnte.

Ich musste lachen. Und zog mich schnell aus. Es spielte keine Rolle, dass er besser aussah. Älter war. Erfahrungen hatte. Egal. Erleichtert warf ich mich in den See.

Wir spritzten ein bisschen herum und blieben im Flachwasser. Es war schon richtig warm. Am Ufer legten wir uns in den Sand.

»Du bist Farbe.«

»Hä?« Ich guckte ihn an.

»Ja. Am Tag brennen deine Haare. So richtig rot. Und jetzt bist du wie Simit. Ich kann dich sehen. Meine Tanten backen Simit, der Teig ist ganz weiß und warm. Mit Sesamflecken.«

Sesamflecken. Gute Umschreibung für Sommersprossen und Pickel.

»Nach dem Krieg war alles grau. Alles wie Staub. Du bist Farbe. Ich mag Farbe.«

Im Dunkeln leuchteten seine Zähne. Er lächelte. Seine Zähne leuchteten, bis ich mich traute – endlich traute, ihn zu küssen.

Jess Cole: Irrwicht

Sparte Queer – Preisträger »Raffiniert«

Als Erstes hatte ihn die Ärztin korrigiert.

Dass sei der Name einer Krankheit. Man teste hier keine Krankheiten. Wenn überhaupt, dann auf Symptome von Krankheiten.

Er wurde rot. Ihre Haare waren rot. Sonst war alles weiß. Das kleine Zimmer lag mittig an einem langen Gang. Im zweiten Stock. Umständlich ins Gebäude gequetscht und mit zu wenig Fenstern. Es gab einen Schreibtisch, eine Liege, einen Computer, Verbandszeug, bäuchlings liegende Papiere und ein kleines Waschbecken. Nichts wirkte sonderlich fremd, auch wenn man zum ersten Mal hier war. Auf dem Flur stand ein Schild und verwies auf die Sprechstunde. Schon vom Treppenaufgang war es zu sehen und schien sich über die Wartenden auf der Bank lustig zu machen. Obwohl er extra früh gekommen war, musste er stehen.

Um zur Ärztin vorgelassen zu werden, konnte man weder eine Karte ziehen, noch sich irgendwo anmelden. Stattdessen wurden unter den Wartenden Blicke hin und hergeworfen. Du nicht. Zuerst ich. Schau weg.

Als er an der Reihe war, half ihm das nervöse Schlucken schon lange nicht mehr. Er schloss die Tür, wusste erst nicht, ob er sich überhaupt setzen sollte und nahm schließlich auf der Stuhlkante Platz.

Was sie für ihn tun könne, wollte sie wissen.

Er sagte das Falsche und wartete danach erstmal ab.

Ob der Verkehr mit Männern oder Frauen, wie häufig und ob er sich regelmäßig habe testen lassen. Danach ging es um die Bezahlung. Eine Variante war kostenfrei, die anderen, die Schnellere von beiden, die noch gleich heute, in nur fünfzehn Minuten Wartezeit, die man sich mehr schlecht als recht auf der Toilette vertreiben und dann zum Sprechstundenzimmer zurückschleichen konnte, kostete zwanzig Euro. Nur Barzahlung, weil sonst nicht anonym. Er hatte keine zwanzig Euro, weil er zwar davon gelesen, sich aber entschieden hatte den zuverlässigeren und kostenfreien Test in Anspruch zu nehmen. Dass er dafür in einer Woche wieder vorbeikommen und die Eventualitäten des Ergebnisses sieben Tage in seinem Kopf herumgeistern würden, schien ihm jetzt die weniger attraktive Entscheidung. Entschieden aber hatte er sich. Wenigstens diesmal wollte er die Wahl.

Den zweiten bitte.

Er packte seinen Arm aus, legte ihn auf die breite Stuhllehne und schaute nach rechts. Er wusste, dass ihm schwindlig werden würde. Sich dabei hinlegen kam aber nicht infrage. Der Stich saß. Die roten Haare hingen ihm über der Schulter, und nachdem die Kanüle voll war, waren der roten Dinge drei.

Die Ärztin gab ihm eine Nummer. Sie stand auf einem Klebestreifen, den sie auf einen Handzettel gestrichen und ihm mit der Ermahnung gut drauf zu achten in die Hand gedrückt hatte. In einer Woche könne er wiederkommen. Den Zettel nicht vergessen. Er bedankte sich.

Auf dem Weg nach draußen schaute er nicht zur Bank hinüber, hielt den Kopf gesenkt und ging zielstrebig zur Treppe, durch die Glastür hindurch, kürzte über die Grünfläche ab und verschwand dann hastig im Park.

Am nächsten Tag erzählte er allen, die ihm begegneten, von der Impfung. Das Pflaster an seinem Arm war zwar schon ab, aber der blaue Fleck auf seiner Wachshaut war verräterisch gut zu erkennen und würde sicherlich allen davon berichten, was es mit ihm und seiner Sippe auf sich hatte, würde ihn bloßstellen und diffamieren, wenn er nicht schnell, und ohne vorher eine Reaktion abzuwarten, von dem Arzttermin erzählen würde. Also tat er das. Scherzte über seine Nachlässigkeit beim Impfen, erzählte, wie lange er gebraucht hatte, um seinen gelben Pass zu finden, damit er ihn ja nicht beim Termin zu Hause liegen lassen und deswegen nochmal vorbeikommen müsste, beschrieb die hübsche Empfangsdame, bestimmt eine Auszubildende, und ihr entzückend schiefes Lächeln, als er ihr den Pass überreicht hatte, obwohl der eigentlich nur für die Ärztin bestimmt gewesen sei und von ihr trotzdem angenommen und eigenhändig ins Behandlungszimmer gebracht worden war. Er lachte dabei kurz, sah auf seine Schuhe und wechselte dann das Thema.

Am zweiten und dritten Tag ging er zur Vorlesung. Seinen Ärmel hatte er sich hinter die Armbeuge gezogen, damit er, mittig im Venenkräusel sitzend, den kleinen Punkt beobachten konnte, von dem nur er wusste, dass es ein Irrwichtbiss war. Es sah so aus, als hätte er sich selbst mit dem Druckbleistift gepikst. Als sei er zu nachdenklich gewesen.

Von dem, was der Professor sagte, kam nicht viel bei ihm an. Hin und wieder schielte er zu seinem Kommilitonen hinüber, dem ruhigen, immer in schwarz gekleideten Mitstudenten, den er seit über einem Jahr heimlich beobachtete, dessen aufrechte Haltung, gut vorbereitete Fragen und zierliche Hände ihn faszinierten. Erst neulich waren sie einander ungewöhnlich nahegekommen, als sie auf einer Party beinahe nebeneinander, ohne den anderen dabei zu berühren, an ihren Getränken genippt und sich mit ihren Freunden unterhalten hatten. Ihm war es so vorgekommen, als ob diesmal auch er beobachtet worden wäre, und hatte sich vorgenommen, ihn das nächste Mal in der Bibliothek einfach anzusprechen und auf einen Kaffee einzuladen. Jetzt wusste er nicht mehr, ob er noch Leute einladen durfte.

Am vierten Tag begannen seine Freunde davon zu reden. Irgendjemand war auf das Thema Gesundheit, dann auf Versicherungen und schließlich auf Medikamente gekommen. Ob sie schon von dem neuen Mittel und überhaupt sei das doch eine gute Sache. Nur mit den Nebenwirkungen. Und natürlich der Jobsuche, weil immer das Risiko, dass es rauskam. Aber so prinzipiell natürlich toll. Viel zu teuer nur in den meisten Fällen und was man denn bloß macht, wenn niemand bezahle. Gleich zu Ende sei’s dann. Aufhören müsse man. Schluss.

Er hatte mitgeredet, um durch sein Schweigen nicht aufzufallen, war aber in Wirklichkeit die ganze Zeit damit beschäftigt gewesen, das Kratzen im Hals zu unterdrücken. Nase und Ohren. Nase und Ohren, hatte er sich gesagt, wurden immer dann angefasst, wenn man log oder sich einer Sache schuldig fühlte, also unter keinen Umständen während dieser Diskussion an den Ohrläppchen ziehen oder an der Nase reiben. So tun, als sei er ihrer Meinung und dabei nicht auffallen. Die Diskussion dauerte ungewöhnlich lange, weil, so die eine Seite, das Problem ja nicht schon dort ansetze, sondern viel früher, bei der Diskriminierung im Allgemeinen. Dann zum Beispiel, wenn man beim Blutspenden nicht mitmachen dürfe, dass das heute doch nicht mehr so gemacht werden könne und trotzdem viel zu wenig besprochen werde.

Nicken, nicken, nicken.

Jetzt bloß keine Finger im Gesicht.

Lieber die Flasche aus dem Rucksack holen.

Langsam schlucken.

Nicken, nicken, nicken.

Und nicht schuldig aussehen.

Am fünften Tag war der Fleck verschwunden. Bevor er nach draußen ging, stellte er sich auf seinen Balkon ins Sonnenlicht, hielt beide Arme waagrecht und betrachtete sich. Der Fleck war wohl nach innen gewandert, hatte sich im Schrank versteckt, damit nur noch er ihn sehen konnte. Um sicher zu gehen, dass die Bissspuren tatsächlich nicht mehr auszumachen waren, hielt er beide Armbeugen nebeneinander und lief dann die mikroskopisch kleinen Hautfältchen mit den Augen ab. Nichts. Erleichterung fühlte sich anders an.

Am sechsten Tag überfiel ihn Panik.

Er war nach dem Verschwinden des Flecks mit Freunden aus gewesen. Gleich nach dem Seminar. Sie hatten ihre Stammbar besucht, getrunken, getanzt und gelacht. Aus den Boxen ballerte Salsamusik, und obwohl er der Meinung war, nicht tanzen zu können, und für gewöhnlich auch lieber an Getränken nippte als in der Raummitte zu stehen und sich zu bewegen, hatten sie sich die ganze Nacht Blasen an die Fersen getanzt. Wie immer lagen all ihre Sachen unbeaufsichtigt auf der schmalen Bank hinten im Raum. Jeder machte das so. Bisher war ihnen nie etwas abhandengekommen.

Am nächsten Morgen, gerade als er beim Verlassen der Wohnung seinen Schlüssel in das Reißverschlussfach stecken wollte, fiel ihm auf, dass der Handzettel verschwunden war.

Sofort Panik.

Ein fieses Gefühl tief in der Kehle. Unter dem Halssteg, wenn beim Kehlkopfzittern das Licht im Norden schmilzt. Barbarisch scharf. Und schrecklich schön.

Er ging zurück in seine Wohnung, hielt den Rucksack kopfüber und schüttete den gesamten Inhalt aufs Linoleum. Eine Heftklammer in Rot.

Kaugummi, Freshmintgrün.

Zerknüllte Taschentücher mit schwarzen Fusseln dran.

Ein paar Cent-Stücke.

Eine Notiz, von der er nicht mehr wusste, was sie zu bedeuten hatte.

Alles Mögliche kam zum Vorschein. Bloß nicht dieser verdammte Handzettel.

Seine Finger bohrten sich in das Reißverschlussfach und wühlten darin herum. Nichts. Er sah sich um, versuchte sich daran zu erinnern, ob er beim Heimkommen Zettel und Schlüssel gemeinsam in der Hand gehalten hatte, aber in seiner Erinnerung gab es nur das Bild von ihm, wie er den Rucksack im Flur fallen ließ, sich aus den Schuhen schälte und dann schlafen ging. Also versuchte er sich daran zu erinnern, was auf dem Zettel gestanden hatte, wie viel Informationen ein Fremder dem blassen Stück Papier entlocken und wie sehr der Informationsgehalt auf ihn als Person zurückzuführen sei. Die Nummer. Natürlich hatte die Nummer darauf gestanden. Aber damit konnte ja niemand etwas anfangen. Was noch? Eine Adresse, vielleicht. Die Nummer einer Telefonhotline, bestimmt. Irgendwelche Wörter? Hatte man daran gedacht, den Zettel so neutral wie möglich zu halten, für den Fall, dass man ihn aus der Hosentasche oder dem Rucksack verlieren oder er sonst wie jemandem unter die Augen kommen könnte? Was bloß stand auf diesem verdammten Zettel!

Wie sich später rausstellte, nachdem er das Innenfutter zerfetzt und sämtliche Fächer zerwühlt, all seine Kleidung durchgegangen und den Wäschekorb gefilzt, seine Matratze umgedreht und sogar Gläser aus dem Schrank geräumt hatte, lag der Zettel die ganze Zeit auf dem Schreibtisch. Wie er dorthin gekommen war, wusste er nicht.

Am siebten Tag stand er auf, stieg in den Bus und fuhr bis zum Bahnhof. In der Unterführung roch es nach Pisse. Der gläserne Aufzug war verotzt und verschmiert, aber der kleine Toilettenraum dahinter hielt sich auffallend sauber. Vielleicht lag es am Lichtfang, der genug Herbst hineinließ, vielleicht aber auch nur daran, dass es nach Chlorreiniger roch und einem beim Betreten des Raums die Tränen in die Augen stiegen.

Er lehnte sich ans Waschbecken, begutachtete den Riss im Spiegel und staunte dann über das mädchenbeinweiße Porzellan der Becken. Als ihm eine Chlorträne über die Wange lief, wischte er sie sich mit dem Handrücken weg. Es sollte keiner denken, dass er wirklich weinte.

Dafür war später vielleicht ja noch Zeit.

Weil er vermutete, dass ihm das Zufrühkommen ohnehin nichts bringen würde, wollte er hier die übrige Zeit abwarten und nicht wie beim letzten Mal neben der Bank stehen.

Zugbremsen quietschten.

Kofferrollen ratterten.

Und er, er starrte auf sein Spiegelbild.

Am liebsten hätte er dabei etwas an sich entdeckt. Fette Augenringe. Feine blonde Härchen, die legionenweise von seinem Oberarm abstanden. Den Herzschlag, der sich durch die schwangere Vene am Hals zwängte. Aber nichts. Er war blass. Seine Augen waren wie immer. Die Frisur saß sogar besonders gut.

Nichts Beachtenswertes also an seinem beachtenswerten Tag.

Als es an der Zeit war, lief er durch die Unterführung, durch den Park, kürzte über den Rasen ab, hastete die Treppe hoch, kreuzte das Schild und ließ dann seine Jacke auf der Bank liegen. An der Tür klopfend, hielt er bereits den Zettel in der Hand.

Die Haare der Ärztin waren rot. Seine Wangen auch.

Er wollte nicht sitzen, nahm dann aber doch auf der Stuhlkante Platz. Im Raum hatte sich nichts verändert. Die Ärztin nahm ihm den Zettel ab, schaute einige Sekunden lang auf den Klebestreifen und schob ihm dann ein Papier entgegen.

Das sei sein Ergebnis.

Silvia Friedrich: Der Tod und die Liebe

Sparte Liebe

1   INNEN. KRANKENZIMMER IM KRANKENHAUS. TAG                       

Im Hintergrund liegt ein Patient im Krankenbett. Im Vordergrund ein EKG-Monitor mit EKG-Linie. Es ertönt das markerschütternde Geräusch einer Tröte. Die EKG-Linie wird sofort zur Null-Linie. Der Patient ist verstorben.

Schnitt / Der Tod Mortimer, ein mittelalter, hagerer Mann, geht als Arzt verkleidet mit Mundschutz durch den Krankenhausflur, hält kurz inne, kämpft sichtlich mit sich, als sich auf den Stühlen neben ihm Angehörige des soeben Verstorbenen heulend zusammenkauern.

2   AUSSEN. PARK. TAG                               

Ein Mann und eine Frau, die sich nicht kennen, hocken auf einer Bank, jeder in sein Smartphone vertieft. Im Gebüsch hinter ihnen kauert Cupido, der Liebesgott, ein barock angezogener gemütlicher Typ. Langsam zieht er aus seinem Köcher einen Pfeil, legt an und zielt auf den Mann. Doch der Pfeil geht vorbei, da der Mann aufsteht und nach links abgeht.

3   INNEN. KANTINE DER »GLAUBE-LIEBE-HOFFNUNG-GESELLSCHAFT«. MITTAG  

Am Tisch hocken der Tod, vor einem Teller Rohkost, und Cupido, vor einem bunten Stück Buttercremetorte. Cupidos Köcher baumelt am Stuhl, auf dem Tisch liegen die Tröte des Todes und die Smartphones der beiden.

DER TOD (missmutig)

Na, wieder pfundweise Zucker unters Volk geblasen?

CUPIDO

… und selbst?

DER TOD

Massenunfall auf der A 8 und’n paar Kleinigkeiten.

Beide mümmeln ihr Essen schweigend weiter. Das Smartphone des Todes bimmelt mit der Melodie »Lobe den Herrn«.

CUPIDO

Willste nicht rangehen?

Der Tod schiebt Cupido das Smartphone rüber.

DER TOD

Ich esse jetzt …

Cupido leckt Buttercreme von den Fingern und geht ans Handy

CUPIDO

Ja bitte? – Ins städtische Altersheim? Altersschwäche. Verstanden.

Der Tod kaut ungerührt weiter Rohkost.

Erzengel Michael, kurz Mike, ein schöner Mann mit langen Haaren und Schwert am Gürtel, kommt vorbei, ein Essenstablett tragend

ERZENGEL MICHAEL

Ist hier noch frei?

DER TOD (zu Mike)

Musste das sein mit Syrien? Bürgerkrieg im Jemen … reichten euch die zwei Weltkriege nicht, Korea, Vietnam, Irak? Bin nur noch unterwegs …

ERZENGEL MICHAEL

Du kennst die Regeln: Lobet den Herrn

(geht weiter)

DER TOD

Jaja, lob ihn und frag mal, wann damit Schluss ist …

CUPIDO

Mäßige dich, du kannst dich nicht mit dem Boss anlegen.

(nimmt ein großes Stück Torte auf die Gabel)

Ach ich muss damit aufhören …

Auf Cupidos Smartphone leuchtet GottsApp auf, ein neuer Auftrag.

CUPIDO

(undeutlich zu Mortimer)

Könntest du mal?

Zögerlich greift der Tod das Smartphone, liest die Mitteilung

DER TOD

Du sollst zum Speed-Dating.

CUPIDO

Nee, mach ich nicht, zu viel Mühe, kaum Erfolg. Und dann das Durcheinander … Sterbliche zur Liebe zu bekehren, ist nicht so einfach wie du denkst.

DER TOD

Sterbliche zur Liebe zu bekehren ist ein Witz.

CUPIDO

So redet ein Ahnungsloser.

DER TOD

Du schießt den Pfeil ab und Peng. Ich dagegen, immer nur Blut und Elend und Geschrei, Weltkriege, Hungernde, Folterungen. Jeden Tag der Untergang des Abendlandes.

CUPIDO (überlegt)

Was hältst du von einem Tausch? Ich muss weg vom Süßen! Bin kurz vor Diabetes II.

Cupido greift hinter sich zu seinem Köcher mit den Pfeilen und hält ihn dem Tod hin.

DER TOD (überlegt)

Unmöglich, wenn Mike davon erfährt, der rennt sofort zum Boss.

CUPIDO

Stimmt … wir würden als Strafe zu Menschen!! (jammernd) Das Schlimmste überhaupt! Vertrieben aus dem Paradies, sterblich und verloren, voller Sünde.

Erzengel Michael geht vorbei.

ERZENGEL MICHAEL

Alles klar bei euch?

CUPIDO

Bestens!! Grüß den Boss von uns.

Erzengel Michael geht ab.

CUPIDO

(wedelt mit dem Köcher)

Na, wie ist es?

DER TOD

Ich hab’s schon lange satt. – Ich zieh mich aber nicht so an wie du!

CUPIDO

Und was muss ICH machen?

DER TOD

Hier mein Handy, die großen Aufträge kommen über GottsApp. Genau wie bei dir.

Wenn du am Ort des Geschehens bist, einmal tröten reicht – meistens …

CUPIDO

Warum eigentlich eine Tröte?

DER TOD

Sense ist so 15. Jahrhundert …

4   INNEN. ALTERSHEIM GRUPPENRAUM. TAG

Vier Menschen Mitte bis Ende 80 hocken im Kreis und schauen sich einen Piepmatz in einem Käfig an. Cupido steht im Raum, die Tröte in der Hand. Er bläst einmal kräftig hinein. Es tut sich nichts. Cupido bläst ein zweites Mal. Noch immer nichts.

Jetzt versucht er es bei jedem einzeln, bläst ihnen ins Ohr. Nacheinander jucken sich alle vier mit dem Finger in ihren Ohren. Einer niest. Cupido geht frustriert ab.

Eine Pflegerin tritt herein, stellt sich in die Mitte der Alten und macht ihnen Zeichen.

PFLEGERIN

So, wer braucht nun alles neue Batterien für das Hörgerät?

5   INNEN. RESTAURANT. ABENDS           

Ein Mann und eine Frau sitzen sich an einem Zweiertisch gegenüber, schauen sich verlegen an. Der Tod Mortimer erscheint im Raum, legt von einiger Entfernung auf den Mann am Tisch einen Pfeil an. Der Frau fällt eine Gabel herunter. Der Mann bückt sich, der Pfeil verfehlt ihn und trifft den Hund des Mannes, der neben dem Tisch lag. Der Hund stürzt sich liebestoll auf die Frau.

6   AUSSEN. IM STRASSENVERKEHR. TAG

Cupido schaut auf die GottsApp von Mortimers Smartphone, die ihm einen Auftrag übermittelt hat. Ein kleiner Junge rennt über die Straße, die Ampel ist rot. Cupido hebt die Tröte an den Mund, schließt die Augen, holt Luft … bläst aber nicht. Der Junge rennt durch die fahrenden Autos und kommt heil auf der anderen Straßenseite an. Cupido zeigt sich dem Jungen als normaler Passant.

CUPIDO

Tu das nie wieder, hörst du?!

JUNGE

Du hast mir gar nichts zu sagen.

CUPIDO

Ich bin ein Freund, dein Schutzengel.

JUNGE

Sowas gibt’s nicht.

CUPIDO

Hör zu, ohne mich hätten dich die Autos grade platt gemacht. Versprich mir, dass …

Der Junge reißt sich los und rennt weg. Die GottsApp blinkt auf. Cupido schaut mit einem Auge hin, zögert, zieht die Tröte hervor und bläst hinein. Man hört zwei Autos ineinander krachen. Cupido hatte die Augen geschlossen, schaut nach dem Jungen. Doch der winkt von der anderen Straßenseite lächelnd zu ihm herüber. Mehrere Menschen kümmern sich um die Schwerverletzten in den Autos.

7   INNEN. WOHNUNG. TAG                                 

Mortimer beobachtet ein Paar, das sich anscheinend nichts mehr zu sagen hat. Ihr kleiner Sohn, der Junge, der eben bei Rot die Straßen überquerte, kommt nach Hause.

FRAU

Wo warst du denn schon wieder?

JUNGE

Ich wollte dir Blumen holen, damit du nicht mehr so traurig bist, der Laden hatte aber noch zu.

FRAU

Was redest du denn da?

JUNGE

Zieht Papa jetzt aus?

Die Frau dreht sich weg und weint. Mortimer legt den Bogen an und zielt auf den Mann. Er verfehlt ihn.

8   INNEN. LOKAL. ABENDS           

Speed-Dating. Mehrere Männer und Frauen hocken sich gegenüber. Mortimer steht oben an der Tafel und schaut ihnen zu. Er hat seinen Bogen angelegt und zielt auf den einen oder anderen. Da sich alle aber ständig bewegen, aufstehen und andere Plätze einnehmen, gehen alle Pfeile daneben.

AUSSEN. PARK. TAG                  

Mortimer schlendert durch den Park, als ihm eine Frau auf der Parkbank auffällt, die Zeitung lesend sich nicht um ihr weinendes Baby im Kinderwagen kümmert. Er zieht Pfeil und Bogen hervor, legt an und schießt einen Pfeil auf sie ab. Er trifft erstmals. Sofort legt die Frau die Zeitung weg, steht auf und nimmt ihr Kind tröstend auf den Arm.

9    AUSSEN. PARK. TAG                              

Cupido sitzt auf der Parkbank und starrt auf das Handy. Die GottsApp schickt ihn nach Syrien. Cupido dreht das Handy in den Fingern und wirft es wütend ins Gras. Nach einer Weile hebt er es wieder auf und ruft Mortimer an.

CUPIDO

Können wir uns treffen?

10   AUSSEN. PARK. TAG      

Mortimer und Cupido hocken auf der Parkbank. Beide haben das Handy des anderen in der Hand.

CUPIDO

Scheißjob!

DER TOD

Sag ich doch.

CUPIDO

Und bei dir?

DER TOD

Ich habe einen Hund gezwungen, sich in eine Mittvierzigerin zu verlieben, und eine Mutter erinnert sich jetzt wieder, dass sie ein Baby hat.

Beide schweigen und starren vor sich hin.

Plötzlich klingeln beide Smartphones gleichzeitig: »Lobe den Herren«, mehrfach hintereinander.

Mortimer und Cupido starren auf die Geräte. Es ist Erzengel Michael. Beide haben einige Mühe, bis sie ihr eigenes Handy wieder in der Hand haben, gehen dann etwas verwirrt ran.

ERZENGEL MICHAEL

Hört mal her. Die göttlichen Statistiken stimmen nicht mehr. Was ist denn da los bei euch?

CUPIDO

Ja, ich weiß ja auch nicht …

ERZENGEL MICHAEL

In den aktuellen Krisengebieten sterben kaum noch Menschen, dafür täglich neue Liebesmeldungen. Wenn das so weiter geht, sind statistisch bald 7,64 Milliarden Menschen nur noch im Liebeswahn! Mortimer, was ist los mit dir?

DER TOD

Ich tue, was ich kann …

ERZENGEL MICHAEL

Ich sage euch, wenn ich da was merke …

CUPIDO

Kannst dich auf uns verlassen, Mike, echt!

Erzengel Michael hat aufgelegt. Der Tod und Cupido starren auf ihre eigenen Handys und tauschen sie nach einer Weile des Überlegens erneut aus.

11   AUSSEN. GLEICHE PARKBANK. ABENDS

Der Tod und Cupido hocken noch immer mit den Handys in der Hand auf der Bank. Sie haben über Stunden geschwiegen.

Die GottsApp des Smartphones in Cupidos Hand leuchtet auf, zusätzlich ist »Lobe den Herrn« schnell hintereinander und laut zu hören. Cupido blickt auf die Nachricht.

CUPIDO

Ebola an der Elfenbeinküste!

(steht auf)

DER TOD

Alles Gute, mein Freund.

12  INNEN. WOHNUNG. TAG

Mortimer, der Tod, ist noch einmal in die Wohnung des Paares gegangen, das sich trennen will. Der Mann packt seine Sachen in einen Koffer. Die Frau sitzt schweigend am Tisch. Neben dem Vater steht der Junge und schaut ihn an.

JUNGE

Papa, warum gehst du jetzt weg?

VATER

Das verstehst du nicht.

JUNGE

Tu ich wohl … Ich hab ja sogar einen Schutzengel getroffen. Papa, der hat mich gerettet und wenn ich den mal frage, vielleicht rettet der euch auch?

FRAU

Was redest du denn da? Komm her jetzt.

Mortimer zieht einen Pfeil aus seinem Köcher, stellt sich direkt vor den Mann, legt an und schießt ab. Der Pfeil trifft ins Herz. Der Mann hält mit dem Packen inne, schaut seine Frau an. Der Junge schmiegt sich an den Vater.

13   INNEN. KRANKENHAUS. TAG 

Ein Patient liegt schwer krank im Bett. Mortimer beobachtet ihn. Als eine Krankenschwester hereinkommt, legt Mortimer den Pfeil auf seinen Bogen und zielt auf den Patienten. Der gesundet in Sekunden, setzt sich auf und strahlt die Schwester an.

14   AUSSEN. PARKBANK. TAG                   

Während Cupido schweigend dahockt, redet Mortimer mit Händen und Füßen von seinen Erfolgen, lacht, strahlt.

CUPIDO

Ich mach nicht mehr mit.

DER TOD

(hält erstaunt inne)

WAS?

CUPIDO

Ebola, das war der Horror. Gleich danach zu einem Amoklauf und dann in den Bürgerkrieg. Ohne mich …

Ich will mein Smartphone zurück.

DER TOD

Ach komm, Cupi … Ich mach das schon seit Anbeginn der Zeiten und du grade mal drei Wochen. Alter, ej!

Mortimer steht auf, will gehen.

CUPIDO (fordernd)

Gib mir mein Handy zurück!

DER TOD

Ich finde, es sollte gerecht zugehen. Jeder muss mal unangenehme Dinge tun für, sagen wir mal, 1000 Jahre etwa. (geht ab)

15   AUSSEN. PARK. SOMMERTAG             

Mortimer steht inmitten sich sonnender Besucher in einem Park in Paris, dreht sich um sich selbst und zielt der Reihe nach und mit viel Spaß auf jeden zweiten, der ihm ins Visier kommt und trifft jedes Mal. Hat sichtlich Freude daran. In einiger Entfernung hocken auf einer Parkbank Cupido und der Erzengel Michael.

16INNEN. BÜRO DES ERZENGELS MICHAEL.

TAG               

Cupido und Mortimer hocken dem Erzengel Michael an dessen Schreibtisch gegenüber.

ERZENGEL MICHAEL

Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht? Ist euch klar, was ihr da macht? Das Gleichgewicht der Erde, des Himmels, ja des ganzen Universums steht auf dem Spiel! Ihr Nichtsnutze. Wozu haben wir euch dereinst eingesetzt? Um zu spielen, um Blödsinn zu verbreiten?

DER TOD

Die Liebe ist kein Blödsinn!

ERZENGEL MICHAEL

Nein, aber wenn die vielen Verliebten Kinder kriegen, wohin mit ihnen, wenn sie alt sind, wenn du, der Tod, seine Arbeit nicht ordentlich erledigst?

Cupido und Mortimer lassen die Köpfe hängen.

DER TOD

Woher wusstest du …?

ERZENGEL MICHAEL

Bedank dich bei deinem Freund! – Und was soll dieser Quatsch mit der Tröte?

DER TOD

Sie ist leichter zu transportieren, Sire.

ERZENGEL MICHAEL

Sire?

DER TOD

Ich war grad in Frankreich, dem Land der Liebe.

ERZENGEL MICHAEL

Was machen wir jetzt mit euch?

CUPIDO

Weiß es der Boss?

ERZENGEL MICHAEL

Glaubst du, es ist ihm entgangen?

DER TOD

Werden wir jetzt zu Sterblichen?

17   AUSSEN. STRAND MALLORCA. TAG

Mortimer und Cupido hocken in Badehosen am Strand, lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen und haben beide das Rentnermagazin »Ruhe nach der Arbeit« vor sich, in dem sie intensiv lesen.

Die Zeitschrift wird plötzlich von einem Fußball getroffen. Erschrocken schauen beide über den Zeitungsrand. Der Junge, den Cupido im Straßenverkehr rettete, schnappt sich lächelnd den Ball und rennt damit zu seinen Eltern. Die kleine Familie verbringt hier ihren Urlaub und alle toben gemeinsam im Sand.

Bernd Marcel Gonner: Blaugluth

Sparte Queer

»Das geht doch nicht, dass Leben so …«, Paul glotzte an sich herab (was er davon sehen konnte), »so weh tut – und das hier« – er klatschte auf seinen Oberarm – »… nicht!«

»Engelchen … – Flugangst?«

»Ich sag schon Lebewohl –«