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· Seelische Belastungen bei Kindern früh erkennen – Ängste, Rückzug, Traurigkeit und Verhaltensveränderungen einordnen und verstehen
· Mit konkreten Orientierungshilfen, wie Kinder emotional gestärkt werden können
· Für Eltern von Kita- und Grundschulkindern mit psychischen Beschwerden oder Erkrankungen
Wege aus der Hilflosigkeit – für dich und dein Kind
Eltern spüren meist als Erste, wenn etwas nicht stimmt – auch wenn ihr Kind es selbst nicht sagen kann. Psychische Belastungen zeigen sich im Kindergarten- und Schulalter oft leise: durch Rückzug,
Wut oder Schlafprobleme. Die Psychologin Michèle Liussi begleitet dich dabei, diese Signale zu verstehen und die Ursachen zu erkennen.
Der Ratgeber vermittelt fundiertes Wissen aus Psychologie und Entwicklungsforschung und erklärt dir verständlich, wie Stress, Überforderung, Angst oder innere Konflikte im kindlichen Erleben entstehen. Dabei geht es nicht um Diagnosen, sondern um Wahrnehmung, Einordnung und Beziehung. Du lernst, Signale ernst zu nehmen, ohne zu dramatisieren, und zwischen vorübergehenden Entwicklungsphasen und tiefergehenden Belastungen zu unterscheiden.
Wie können Erwachsene Halt geben, Sicherheit vermitteln und Gespräche ermöglichen, wenn Kinder selbst keine Worte finden? Das Buch bietet konkrete Impulse, Gesprächsanregungen und alltagstaugliche Strategien, um dein Kind emotional zu entlasten und seine innere Stabilität zu stärken. Gleichzeitig hilft es dir, eigene Sorgen zu reflektieren und gelassener zu handeln.
„Wenn kleine Seelen leiden“ richtet sich an Eltern, die das Gefühl haben, dass es ihrem Kind seelisch nicht gut geht – unabhängig von Alter oder konkretem Anlass. Du erfährst, wie du richtig reagierst und deinem Kind in schwierigen Zeiten Halt gibst – ohne dich selbst zu verlieren. Einfühlsam, alltagsnah und fundiert zeigt Michèle Liussi dir, wie ihr als Familie zu mehr Sicherheit, Vertrauen und Leichtigkeit findet.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2026
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WENN KLEINE SEELEN LEIDEN
SO VERSTEHST DU PSYCHISCHE BELASTUNGEN DEINES KINDES
Warum entstehen psychische Erkrankungen überhaupt?
Wie zeigen sich Belastungen?
SO ERKENNST DU PSYCHISCHE BELASTUNGEN DEINES KINDES
Wie deutest du Warnsignale und Symptome richtig?
Welche Symptome treten auf?
Wie erkennst du Leidensdruck und Einschränkungen?
SO SPRICHST DU PSYCHISCHE BELASTUNGEN BEI DEINEM KIND AN
Wie kommunizierst du einfühlsam und kindgerecht?
Wie gehst du mit Abwehr und Widerstand um?
SO UNTERSTÜTZT DU DEIN KIND BEI PSYCHISCHEN BELASTUNGEN
Was braucht dein Kind jetzt?
Wie könnt ihr als Familie helfen?
Wann braucht ihr professionelle Hilfe?
Wie stärkst du deinem Kind den Rücken?
SO DENKST DU BEI PSYCHISCHEN BELASTUNGEN DEINES KINDES AUCH AN DICH
So kannst du entspannen
So gehst du nicht über die Grenzen deiner Kraft
So schaust du positiv nach vorne
OPTIMISMUS TO GO
RAT UND TAT
Lesetipps
Dieser Buchtitel tut weh, nicht wahr? Die Vorstellung, die kleine Seele deines Kindes könnte leiden, ist nahezu unerträglich. Geht es deinem Kind nicht gut, spürst du diesen Schmerz, als wäre es dein eigener. Du fühlst dich hilflos, und gleichzeitig hast du den absoluten Willen, deinem Kind zu helfen. Aber wie?
Ich sage dir, wie. Ich helfe dir, deinem Kind zu helfen. Denn es gibt so viel, was du tun kannst! In der Kinder- und Jugendpsychotherapie spielt die Elternarbeit eine entscheidende Rolle, denn die Psychologie hat verstanden, dass Hilfe, Unterstützung und Veränderung im Kindesalter nicht nur beim Kind ansetzen darf. Auch die Eltern müssen unbedingt mit an Bord sein. In manchen Fällen spielen wir Eltern bei der Entstehung der Belastungen eine Rolle oder tragen zur Aufrechterhaltung von Symptomen bei. In einigen Fällen – und darum geht es hier – tragen wir wesentlich zur Bewältigung und Genesung bei.
Aus diesem Grund werde ich dich als Elternteil dabei unterstützen, dein Kind durch diese schwere Zeit zu begleiten. Ich hoffe, dass du dieses Buch vielleicht schon präventiv in Händen hältst oder es spätestens dann, als du Hilfe für dein Kind gesucht hast, empfohlen bekamst. Ich wünsche mir, dass es dich in den folgenden Bereichen des therapeutischen Prozesses unterstützt:
• Bei der Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Wissen über psychische Krankheiten – man nennt das Psychoedukation.
• Bei der Stärkung eurer Elternkompetenzen im Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen und Symptomäußerungen.
• Bei eurer Entlastung, durch das Kennenlernen von Unterstützungsangeboten für dich und dein Kind.
Beim derzeitigen Fachkräfte- und Zeitmangel kommen diese Aspekte manchmal zu kurz, aber ich halte nicht viel von Vorwürfen. Ich bin davon überzeugt, dass sie uns nicht weiterbringen. Stattdessen möchte ich da hinschauen, wo ich etwas beitragen kann.
Wissen, Kompetenz und Selbstfürsorge tragen maßgeblich zu einem Gefühl der Sicherheit bei, das nicht nur ein grundlegendes Bedürfnis befriedigt, sondern sich auch auf die emotionale Stabilität deines Kindes auswirkt. Hierbei kann ich dich mit meinem Buch stärken! Den Fachkräftemangel können wir nicht beenden. Wir können die Wartezeiten nicht verkürzen und die Versicherungen nicht zwingen, mehr in psychische Gesundheit zu investieren. Es gibt viele himmelschreiende Missstände, die wir anprangern können und natürlich auch sollten. Nur jetzt, da dein Kind dich gerade auf seinem Weg braucht, ist nicht die richtige Zeit für die erhobene Faust gegen das marode System.
Und weißt du, warum? Weil es dich nicht handlungsfähig macht. Konzentrieren wir uns auf „die Bösen da oben“, fühlen wir uns ausgeliefert. Als hätten sie unser Glück – oder in diesem speziellen Fall unsere psychische Gesundheit oder die unseres Kindes – in der Hand. Hilflosigkeit ist ein Gefühl, das ich so überhaupt nicht ausstehen kann. Kaum etwas hat in meinem Psychologiestudium mehr Sinn für mich ergeben, als dass es uns massiv belastet, wenn wir Hilflosigkeit erleben. Im konsequenten Umkehrschluss leuchtet es ein, dass Handlungskompetenz und Selbstwirksamkeitserleben davor schützen, dass belastende Ereignisse dir den Boden unter den Füßen wegziehen. Und da wären wir bei meiner Motivation für dieses Buch: die Kompetenz der Eltern zu fördern, damit sie ihren Kindern in einer schweren Zeit beistehen können und alle Beteiligten geschützt werden.
Krisen sind normale Bestandteile unseres Lebens, und das dürfen sie auch für dein Kind sein. Sie sind kein Zeichen von Schwäche oder Unfähigkeit, sondern eine unvermeidliche Folge der vielen Herausforderungen und Anforderungen, die das Leben mit seinen Höhen und Tiefen an uns stellt. Es geht nicht darum, dass du als Elternteil um jeden Preis vermeiden musst, dass dein Kind je mit einer Krise konfrontiert wird, sondern darum, wie du damit umgehst, wenn es so weit ist. Krisen können – wie jeder Lebensweg – ganz unterschiedliche Erscheinungsbilder annehmen. Es gibt einmalige Erlebnisse, die uns vor nie dagewesene Probleme stellen; es gibt herausfordernde Zeiten, die unserer Psyche oder die unserer Kinder viel abverlangen; es gibt angeborene Unterschiede oder Krankheiten, die unseren Alltag mittel- oder langfristig bestimmen. Es gibt Umwelteinflüsse, die uns auf die Probe stellen, und viele andere Umstände, die sich unserer Kontrolle entziehen.
Alles in allem ist dieses Leben also ein echtes Minenfeld. Diese Vielfalt an Problemlagen im Leben von Eltern und Kindern stellt mich als Ratgeberautorin vor eine schwierige Aufgabe: Als Psychologin und Familienbegleiterin kann ich mich in die Lebenswelt der Familien, die ich kennenlerne, einladen lassen und mit ihnen einen für sie passenden Weg erarbeiten. Aber beim Schreiben? Wie kann ich Eltern für den Weg aus der Krise stärken, wenn ich nicht weiß, wie ihre Krise aussieht? Ich kann unmöglich alle Variationen abdecken! Ich kann das subjektive Empfinden der Kinder und ihrer Eltern nicht erahnen und eine maßgeschneiderte Lösung anbieten.
Glücklicherweise muss ich das nicht. Nicht ich bin die Expertin für dein Kind, sondern du! Wenn du gerade mein Buch in den Händen hältst, wirst du genau das mitnehmen können, was du für eure harte Zeit brauchst. Dafür findest du hier das bewährte Prinzip Erkennen – Ansprechen – Unterstützen.
Bevor wir mit dem Erkennen starten, lass mich dir noch etwas mit auf den Weg geben: Du schulterst schon so viel. Du trägst schon so viel. Das weiß ich. Ich sehe es jeden einzelnen Tag. Und ich möchte keine weitere Last auf deine Schultern laden. Du sollst wissen, dass ich mir Unterstützung und Hilfe für dich wünsche, und ich hoffe, dass du gut auf dich schaust.
Ich bin davon überzeugt, dass die allermeisten Eltern mit bestem Wissen und Gewissen handeln, und sollte eine Formulierung in diesem Buch wie ein erhobener Zeigefinger klingen, erinnere dich daran: Du gibst dein Bestes – und das ist genug!
Viel Kraft auf deinem Weg.
Deine
Geht es deinem Kind nicht gut, möchtest du sofort aktiv werden. Du möchtest helfen. Und das kannst du! Gleichzeitig brauchst du dafür ein gutes Fundament, eine verständnisvolle Haltung und Informationen, die dir helfen, einzuordnen, was mit deinem Kind los ist – und welche Hilfe die passende ist. Dieses Fundament findest du hier.
Wie du sicher weißt, sind Kinder keine kleinen Erwachsenen. Im Gegenteil, man spricht sogar davon, dass wir alle zu früh geboren werden. Forscher:innen gehen davon aus, dass etwa 16 Monate gut wären, damit ein Menschenbaby nach seiner Geburt nicht ganz so hilflos wäre. Schon drei Monate mehr wären besser, wenn man an die Entwicklung der Augen und besonders des Gehirns denkt. Aber es ist, wie es ist: Wir kommen nach ungefähr 40 Wochen Schwangerschaft zur Welt. Das ist der von der Evolution eingependelte Zeitpunkt, an dem das Neugeborene so weit wie möglich entwickelt ist, um durch unsere Fürsorge zu überleben, und genau der Zeitraum, den der weibliche Stoffwechsel sich selbst und das Ungeborene mit Energie versorgen kann.
Auch wenn es richtig ist, dass wir abhängig von mindestens einer pflegenden und versorgenden Person auf die Welt kommen, sind wir nicht vollständig hilflos. Kinder bringen bereits einige Fähigkeiten mit, mit denen sie zum Beispiel auf sich aufmerksam machen können: Sie schreien, weinen oder wimmern. Damit können sie unangenehme Zustände wie Hunger, Kälte oder Druck mitteilen. Außerdem bringen wir Menschen eine genetische Grundausstattung mit, von der sich im weiteren Verlauf der Entwicklung manches entfaltet, während anderes ungenutzt bleibt – und sie haben bereits ein Temperament. Beides wird später noch wichtig werden.
Warum aber nun dieser vorangegangene Blick auf den Start ins Leben? Weil die Begleitung deines Kindes immer im Kontext seiner Entwicklung gesehen werden muss. Du kannst nicht die gleichen Maßstäbe und Kriterien wie bei einem Erwachsenen ansetzen – und selbst da ist es wenig hilfreich, alle über einen Kamm zu scheren.
Zu den individuellen Unterschieden, die uns Menschen ausmachen, kommt bei Kindern hinzu, dass ihre Entwicklung in vollem Gange ist. Das bringt Herausforderungen, aber auch Schutzfaktoren mit sich. Mit Blick auf psychische Belastungen bedeutet dieser Entwicklungsunterschied, dass auch Einflüsse und Ereignisse, die aus der Sicht eines Erwachsenen nicht außergewöhnlich oder katastrophal sind, für Klein-, Vorschul- und Schulkinder hingegen schwerwiegend sein können. Ihnen fehlen entwicklungsbedingt noch die emotionalen und kognitiven Ressourcen, um damit umgehen zu können. In der Psychologie wird davon gesprochen, ob sich ein Kind an eine Belastung „anpassen“ kann oder nicht.
Anpassen heißt: Die Seele versucht, mit Veränderungen klarzukommen. Wenn das nicht gelingt, braucht sie Hilfe.
Damit ist nicht gemeint, dass Kinder brav und gehorsam sein müssen und nicht auffallen dürfen. Damit ist auch nicht gemeint, dass sie sich verbiegen müssen. Anpassung bedeutet, dass die Seele deines Kindes neue Informationen verarbeitet. Das ruft normale Reaktionen wie Wut, Trauer oder Angst hervor. Dein Kind gerät aus dem Gleichgewicht und braucht dich wieder mehr. Das ist normal und gesund. Mit „Anpassen“ ist gemeint, dass dein Kind lernt, mit der Belastung oder Krise umzugehen und die Veränderungen, die es durchlaufen hat, in sein Selbstbild und Weltverständnis einzufügen, ohne dass es davon dauerhaft belastet ist. Kann es das nicht, entwickelt es eine Anpassungsstörung, die in weiterer Folge zu einer Depression oder Angststörung führen kann. In besonders dramatischen Fällen entsteht eine posttraumatische Belastungsstörung.
Somit kann die Anpassungsstörung als ein Warnsignal dafür verstanden werden, dass die psychische Anpassung an eine Belastungssituation nicht gelingt und dein Kind Unterstützung benötigt. Aus diesem Grund werden wir uns damit als Erstes intensiver beschäftigen.
Psychische Belastungen und Erkrankungen
Jahrzehntelang diskutierten Forscher:innen: Sind die Gene schuld, wenn Kinder psychisch krank werden? Oder die Eltern und ihr Erziehungsstil? Oder doch die Umwelt mit ihren Reizen und Belastungen? Heute spricht man hingegen meist vom biopsychosozialen Entstehungsmodell– ein versöhnlicher Ansatz, der alle Seiten verbindet. Das Modell berücksichtigt die Erkenntnis, dass es nie nur eine Ursache für psychische Belastungen und Erkrankungen gibt. Es ist also immer ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren.
Um die Schuldfrage soll es aber hier nicht gehen, denn sie ist nur bedingt hilfreich. Die wichtigste Botschaft ist meines Erachtens, dass es verschiedene Faktoren gibt, die dazu führen, dass Kinder psychisch belastet bzw. an einer psychischen Störung erkrankt sind. Entsprechend staffeln sich die Handlungsmöglichkeiten von
1. wenig Einfluss (biologische Faktoren),
2. mäßigem Einfluss (soziale Faktoren) bis zu
3. großem Einfluss (psychische Faktoren, unmittelbar beeinflusst durch den Erziehungs- oder Begleitstil).
Weil es für deine eigene Psyche besonders schützend ist, handlungsfähig zu bleiben, konzentrieren wir uns hier nicht auf die Genetik und Neurochemie (wobei ich ihnen nicht ihre Relevanz absprechen möchte!), sondern darauf, wie du deinem Kind mit seinen psychosozialen Belastungen helfen kannst. Den Rest überlassen wir den Profis. Wir werden uns also Belastungen anschauen und wie du mit deinem Kind diesbezüglich umgehen kannst.
Die häufigsten belastenden Lebensereignisse in den ersten zehn Lebensjahren findest du im Folgenden. Wichtig: Es geht nicht darum, sie zu vermeiden! Das Leben spielt, wie es spielt. Es geht darum, sie zu kennen, damit du erkennen kannst, wann sie die psychischen Bewältigungsmöglichkeiten deines Kindes übersteigen.
• Geburt eines Geschwisterkindes
• Verlust eines nahestehenden Verwandten (meist Großeltern)
• Krankenhausaufenthalt
• Kindergarten- und/oder Schuleintritt
• Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit beider Eltern
• Umzug
• Wegzug von wichtigen Freund:innen
• Trennung/Scheidung der Eltern
• Verlust des Arbeitsplatzes eines Elternteils
• Auszug eines älteren Geschwisterkindes
• Wiederheirat der Eltern
• Unfall eines Elternteils/der Eltern
• Tod eines Elternteils/der Eltern
Das sind die häufigsten Belastungen, wie der Universitätsprofessor für Kinderpsychiatrie, Tilman Furniss, sie in einer Studie über den Einfluss von Lebensereignissen auf die mentale Gesundheit von Kindern aufgeführt hat. Natürlich ist diese Liste nicht vollständig, denn das Leben hält viel für dich und dein Kind bereit: Streit in der Verwandtschaft, Kontaktabbrüche, Kriegsberichtserstattungen, Betreuungsengpässe und Notbetreuung im Kindergarten, häufiger Wechsel der Bezugsbetreuer:innen, Tod eines Haustieres, längere Abwesenheit (Krankenhaus/Reha/Kur) eines Elternteils etc.
Wie du siehst, sind sowohl „gewöhnliche“ Lebensereignisse wie Übergänge in neue Lebensabschnitte und Änderungen des Gewohnten als auch außergewöhnliche Belastungen wie Krankheit und Tod vertreten. Beide Arten der Veränderung können für Kinder herausfordernd sein. Ob sie sich an die Belastung anpassen können, hängt unter anderem davon ab, ob die Belastung vorhersehbar ist. Hier sind die „gewöhnlichen“ Belastungen im Vorteil: Kindergarten- und Schuleintritt sind vorhersehbare und planbare Veränderungen, die gut vorbereitet und begleitet werden können. Hilfreiches zur Vorbereitung findest du im Kapitel „So kannst du dein Kind bei psychischen Belastungen unterstützen“. Dafür musst du die gewöhnlichen Belastungen jedoch als Herausforderung für dein Kind ernst nehmen. Trennung, Krankheit und Tod sind leider nicht so entgegenkommend, was die Vorhersehbarkeit angeht. Das ist einer der Gründe, warum solche Ereignisse auch Erwachsene aus der Bahn werfen können.
Neben der Vorhersehbarkeit spielen zwei weitere Dinge für die Bewältigung einer Belastung für dein Kind eine zentrale Rolle: die eigene Bewältigungskraft, inklusive der kognitiven und emotionalen Ressourcen und Reife, sowie die passende Unterstützung durch eine Bezugsperson. Um die Bewältigungskraft deines Kindes besser einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick in die kindliche Entwicklung. Die passende Unterstützung schauen wir uns dann im Kapitel „So unterstützt du dein Kind bei einer psychischen Belastung“ genauer an.
Die Bedeutung der Bewältigungskraft
Um ein Problem – egal welcher Art – zu lösen oder zu bewältigen, braucht dein Kind zum einen verschiedene Fähigkeiten, die sich erst im Laufe der Jahre entwickeln. Zum anderen braucht es einen inneren Schutzschild aus positiven Annahmen über sich selbst und die Welt, in der es lebt. Umso positiver und selbstwertstärkender die Annahmen im Schutzschild sind, desto widerstandskräftiger ist es.
Ich möchte das gern kurz aufschlüsseln: Ein Problem löst Gefühle aus, die dein Kind regulieren muss (emotionale Entwicklung). Dieses Problem muss erkannt, analysiert und bewertet werden (kognitive Entwicklung). Die Lösung erfordert Planungskompetenz (ebenfalls kognitive Entwicklung) sowie Kommunikation und Interaktion (soziale Entwicklung). Je nachdem, wie alt dein Kind ist, befindet es sich in unterschiedlichen Phasen seiner Entwicklung, kann also besser oder schlechter mit dem Problem umgehen.
Bei der Bewertung einer Belastung spielt der innere Schutzschild deines Kindes eine zentrale Rolle: Welche Annahmen hat dein Kind darüber, ob es mit dieser Herausforderung umgehen kann? Welche darüber, ob es Hilfe bekommen wird, wenn es darum bittet? Empfindet es sich als selbstwirksam und autonom oder als abhängig und hilflos? Je nachdem, wohin das Pendel bei diesen Fragen ausschlägt, wird dein Kind sich mehr oder weniger ausgeliefert fühlen, sodass die Belastungen leichter oder schwerer wiegen. Dafür betrachten wir zunächst die Entwicklung und dann den Schutzschild.
Phasen der Entwicklung
Sensomotorische Phase (0 bis 2 Jahre): In dieser Zeit reifen die Sinneswahrnehmungen heran. Die motorischen Fähigkeiten stehen im Zentrum der Entwicklung. Damit erhöhen sich die Möglichkeiten, mit dem Umfeld zu interagieren und die Umwelt zu erkunden. In dieser Phase entsteht der Kern des Schutzschildes deines Kindes: die Annahmen darüber, ob es in Sicherheit ist und auf Bezugspersonen vertrauen kann.
Präoperationale Phase (2 bis 7 Jahre): Mit der Sprachentwicklung entstehen neue Wege zur Kontaktaufnahme und Mitteilung des eigenen Innenlebens, das in dieser Zeit noch überwiegend egozentrisch geprägt ist. Das heißt, Situationen werden aus der eigenen Perspektive heraus bewertet, Perspektiven anderer können noch nicht oder gegen Ende dieser Phase nur bedingt und eingeschränkt einbezogen werden. Die Theory of Mind (also eine innere Theorie darüber, dass es in den Köpfen anderer Menschen anders zugeht als im eigenen) entsteht und füllt sich immer weiter mit Informationen über Bezugspersonen und Mitmenschen. Auf dieser Basis kann dein Kind erste simple Probleme selbstständig bewerten und Lösungsansätze entwickeln. Interaktionen auf Augenhöhe stärken die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, was den inneren Schutzschild besonders anpassungsfähig macht, und die ersten Erfahrungen, selbstwirksam zu sein, machen dein Kind widerstandsfähiger für psychische Belastungen.
Konkret-operationale Phase (7 bis 11 Jahre): Das Denken wird systematischer und logischer, Gefühle können treffender benannt und besser reguliert werden. Die Impulskontrolle steigt, und es tun sich vielseitigere Lösungsansätze für Probleme, Belastungen und Konflikte auf. Beziehungen außerhalb der Kernfamilie, besonders zu Gleichaltrigen, werden immer wichtiger und stellen wichtige Schutz- und Ausgleichsfaktoren dar. Die steigende Handlungsfähigkeit, sowohl durch vielfältigere Problemlösestrategien als auch besseren Umgang mit Stresserleben, stärkt und vergrößert den Schutzschild weiter.
Formal-operationale Phase (ab ca. 11 Jahren): Kinder ab elf Jahren können komplexere Zusammenhänge erfassen. Ab dem Jugendalter fließen auch die Konsequenzen von Entscheidungen mit in die Lösungsfindung ein, ebenso wie die Perspektiven anderer Menschen oder sogar Gruppen. Die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken, wird deutlich ausgebaut, womit eine intensive Beschäftigung mit der eigenen Identität einhergeht. Durch diese Reflexionsfähigkeit trägt auch der eigene Umgang mit Herausforderungen und deren Bewältigung dazu bei, wie Belastungen bewertet werden. Die Grundannahmen, die unseren Schutzschild ausmachen, werden um gemachte Erfahrungen ergänzt.
Wie wirkt sich die Bewältigungskraft aus?
Ich möchte das gern an einer Beispielbelastung – der Geburt eines Geschwisterkindes – erläutern, indem wir zwei Altersbereiche miteinander vergleichen. Stellen wir uns vor, ein Kind ist etwa drei Jahre alt, und plötzlich ist da ein Baby. In vielen Familien ist das ein typischer Altersabstand. Für das ältere Kind bedeutet das jedoch: Die Welt steht Kopf, denn in diesem Alter denken Kinder noch sehr stark aus ihrer eigenen Sicht heraus. Sie können noch nicht verstehen, warum das Baby jetzt so viel Aufmerksamkeit braucht. Sie realisieren nur: Mama und Papa sind jetzt nicht mehr so für mich da wie vorher – und das tut weh, macht eifersüchtig und wütend.
Viele Kinder empfinden dies als Verlust. Sie trauern um die Zeit, in der sie allein im Mittelpunkt standen, und sie sind wütend auf den Eindringling. Ohne die Fähigkeit, die Perspektive der Eltern und des Neugeborenen zu übernehmen, fühlen sie sich im Hier und Jetzt beraubt. Der Gedanke, dass es irgendwann in der Zukunft einmal toll sein könnte, einen Bruder oder eine Schwester zu haben, ist noch nicht greifbar. Die Anpassung an die neue Situation wird von großen Emotionen, die sich in heftigem Weinen, starken Wutausbrüchen und Aggressionen ausdrücken, begleitet. Die emotionale und sprachliche Entwicklung ist in diesem Alter in der Regel noch nicht so weit fortgeschritten, dass das Gefühlschaos benannt und mitgeteilt werden kann. Daher zeigen sich diese großen Gefühle eher im Verhalten. Ohne die sprachlichen Möglichkeiten und eigene Reflexionsfähigkeit können Kinder noch nicht anders für sich einstehen, um Hilfe bitten oder ihre Bedürfnisse mitteilen.
Drei Jahre später sieht die Situation schon anders aus: Die Fähigkeit, Gefühle zu benennen und mitzuteilen, ist besser entwickelt. Mit unangenehmen Gefühlen kann nun besser umgegangen werden. Es wird langsam möglich, sich in andere hineinzuversetzen, wodurch es einem sechsjährigen Kind schon eher gelingt, die Bedürfnisse eines Babys zu verstehen. Dass die Eltern jetzt weniger Zeit und Aufmerksamkeit haben, bezieht das ältere Kind nun nicht mehr gänzlich auf sich. Statt das neue Familienmitglied abzulehnen, lässt sich in diesem Alter beobachten, dass das größere Geschwisterkind in die Pflege und Betreuung des Neugeborenen einbezogen werden möchte, um sich weiterhin bedeutsam und wirksam zu fühlen.
In diesem Alter kann die Bedeutung der neuen Rolle als „großer Bruder“ oder „große Schwester“ schon in gewisser Weise erfasst werden. Dafür sind Anleitung und Bestärkung wichtig. Hilfreich ist, dass sich rund um das sechste Lebensjahr das Zeitgefühl entwickelt. So verstehen Kinder in diesem Alter, dass diese Veränderung auch wieder vorübergeht, weil das kleine Geschwisterchen nicht immer so bedürftig bleiben wird. Durch die weit fortgeschrittene Sprachentwicklung können Eltern mit den größeren Kindern das Gespräch suchen und sie danach fragen, was ihnen helfen würde, mit der Veränderung klarzukommen. Kinder sind durchaus in der Lage, gute eigene Lösungsideen einzubringen.
Doch wie sieht es mit dem inneren Schutzschild aus? Im günstigsten Fall hat sich beim dreijährigen Kind bis zu diesem Zeitpunkt die Grundannahme „Ich bin sicher“ herausgebildet und gefestigt. Allerdings steckt es zu diesem Zeitpunkt mitten in der Autonomiephase, was bedeutet, dass die Grundannahmen „Ich kann das schaffen“ und „Ich kann was bewirken“ noch auf dem Prüfstand stehen. Drei Jahre später, wenn sich die Grundannahmen zur eigenen Selbstwirksamkeit bereits gefestigt haben, ist es viel wahrscheinlicher, dass eine große Veränderung mit einem „Ich schaffe das“ bewertet wird. Dieses Beispiel ist nur vereinfacht dargestellt – in der Entwicklung geht es natürlich weit komplexer zu. Dennoch denke ich, dass deutlich wird, dass der Entwicklungsstand eine wichtige Rolle dabei spielt, wie ausgeprägt die Bewältigungskraft eines Kindes ist. Die verinnerlichten Grundannahmen wirken sich maßgeblich auf die Bewertung einer Belastung aus und bestimmen die Reaktionen mit. Werfen wir also einen Blick auf die Grundannahmen, die den inneren Schutzschild stärken.
Selbstwert: Kinder, die spüren, dass sie geliebt und angenommen werden – unabhängig von Leistung und Verhalten –, entwickeln ein starkes Selbstwertgefühl. Die Grundannahme „Ich bin wichtig – und ich werde gesehen, gehört und verstanden“ bildet sich heraus. Dieser innere Halt hilft ihnen, damit sie sich in schwierigen Zeiten nicht minderwertig fühlen.
„Ich bin wertvoll, wie ich bin.“
Selbstwirksamkeit: Wenn Kinder erleben, dass ihre Handlungen etwas bewirken, wächst ihr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Sie merken: „Wenn ich mich anstrenge, kann ich Dinge verändern.“ Sie sind überzeugt, dass sie Einfluss auf ihre Umwelt nehmen und Ziele erreichen können. Das ist besonders wichtig, wenn sie vor Herausforderungen stehen. Ohne den Glauben daran, etwas verändern und bewirken zu können, sind das Aufgeben und Resignieren nicht weit. Um Selbstwirksamkeit zu stärken, darfst du deinem Kind die Bewältigung von Aufgaben und Herausforderungen zutrauen und es dazu ermutigen.
„Ich kann das schaffen!“
Soziale Eingebundenheit: Kinder brauchen das sichere Gefühl, Teil einer Familie oder Gruppe zu sein. Dieses Zugehörigkeitsgefühl führt zu einem Gefühl von Sicherheit und Unterstützung. Haben sie bislang die Erfahrung gemacht, dass ihre Eltern und andere Menschen für sie da sind, kann sich die Grundannahme „Ich gehöre dazu“ bilden. Diese innere Sicherheit hilft ihnen, sich auch in belastenden Zeiten nicht verloren und einsam zu fühlen. Gleichzeitig erleichtert dieses Wissen die Annahme von Hilfe und Trost.
„Ich bin nicht allein.“
Optimismus: Gesunder Optimismus bedeutet, darauf zu vertrauen, dass schwierige Phasen vorübergehen und wieder bessere Zeiten kommen. Haben Kinder bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass sie gemeinsam mit ihren Eltern auch schwierige Zeiten überstanden haben, konnte sich die innere Annahme „Auch wenn es jetzt schwer ist, finde ich einen Weg und bekomme Unterstützung“ festigen. Herausforderungen werden als bewältigbar angesehen und das Kind bleibt (größtenteils) zuversichtlich.
„Es wird wieder besser.“
Lösungsorientierung: Kinder, die früh ermutigt werden, Probleme selbstständig zu lösen und dabei von ihren Eltern zugewandt und voller Zutrauen begleitet werden, entwickeln eine lösungsorientierte Haltung und Denkweise. Das bedeutet nicht, dass sie den Eindruck bekommen, alles allein bewältigen zu müssen, sondern sie lernen: „Ich kann nachdenken, eine Lösung suchen, etwas ausprobieren und/ oder um Hilfe bitten, wenn ich nicht weiterkomme.“ Eine lösungsorientierte Herangehensweise zeichnet sich durch den Fokus aus, der auf der Lösung und Herausforderung liegt statt auf Schwierigkeiten und Problemen. Dadurch wird das Problem lösbar und die Herausforderung bewältigbar.
„Es gibt immer einen Weg.“
Kontrollüberzeugung: Bei der Überzeugung, Kontrolle zu haben, geht es darum, Vertrauen zu haben, dass das eigene Handeln eine Rolle spielt. Es ist das Gefühl, das eigene Leben und Ereignisse beeinflussen zu können, statt ein Opfer äußerer Umstände zu sein. Eine auf Teilhabe und Augenhöhe basierende Erziehung fördert diese Grundannahme, da Kinder hierbei Einfluss auf das Familienleben haben und Verantwortung übernehmen. Eine starke Kontrollüberzeugung führt zu der Grundannahme „Ich bin nicht hilflos, sondern ich kann etwas tun“, die eng verknüpft mit der Grundannahme der Selbstwirksamkeit ist. Da beide dem Gefühl der Hilflosigkeit beträchtlich entgegenwirken, sind sie wichtige Schichten des inneren Schutzschilds. Sie stärken die kindliche Widerstandskraft, besonders in Zeiten der Veränderung und des Umbruchs.
„Ich habe Einfluss auf mein Leben.“
Diese inneren Grundannahmen sind eng miteinander verbunden und verzahnt und bilden zusammen den Schutzschild, der Kindern hilft, mit neuen und schwierigen Situationen umzugehen. Je stabiler sie sind, desto besser können sie Belastungen bewältigen. Hat der Schutzschild Schwachstellen, haben Belastungen mehr Angriffsfläche. Wir kommen im Kapitel „So unterstützt du dein Kind bei psychischen Belastungen“ darauf zu sprechen, wie du zur Stärkung des Schutzschilds deines Kindes beitragen kannst.
Jetzt soll es zunächst darum gehen, woran du erkennen kannst, dass eine Belastung die Bewältigungskraft deines Kindes übersteigt.
Wie äußern sie sich? Wie machen sie sich bei Kindern bemerkbar? Wie zeigen sich Belastungsreaktionen, Anpassungsstörungen, Depression und Ängste bei ihnen? Wie unterscheiden sich normale Entwicklungsaufgaben von bedenklichen Belastungen?
Entwicklungsaufgaben und -konflikte
Bislang haben wir uns angeschaut, welche Belastungen die Kindheit begleiten können und was sie davor schützt, von diesen in die Tiefe gezogen zu werden. Darüber hinaus ist es wichtig zu verstehen, welche Entwicklungsaufgaben dein Kind in dieser Zeit bewältigen muss. Dadurch kannst du es gut dabei begleiten und sie von psychischen Belastungsreaktionen abgrenzen.
Entwicklungsaufgaben beschreiben, was Kinder in einer bestimmten Phase lernen, verinnerlichen und bewältigen müssen, um sich gesund zu entwickeln. Angestoßen werden diese Aufgaben, so der Erziehungswissenschaftler und Soziologe Robert James Havighurst, durch biopsychosoziale Faktoren inner- und außerhalb der Person. Ein Beispiel für einen biologischen Faktor, der eine zentrale Rolle bei der Veränderung einer Person spielt, sind unsere Hormone. Sie bringen in der Pubertät alles ganz schön durcheinander. Jugendliche durchlaufen in dieser Zeit eine persönliche Veränderung, die biologisch (besonders hormonell) in Gang gesetzt und beeinflusst wird.
Neben biologischen Faktoren spielen psychologische Faktoren eine Rolle. Damit sind Persönlichkeitsmerkmale, Temperament, persönliche Werte und Einstellungen gemeint. Sie haben maßgeblichen Anteil daran, ob eine Entwicklungsaufgabe leichter oder schwerer ist. Die sozialen Einflüsse, die die Entwicklung anstoßen, bestehen aus der Erziehung, der Gesellschaft, deren Erwartungen, den vorherrschenden Werten, Normen und Traditionen, also der Sozialisation mit ihren kulturellen Hintergründen. Sie bestimmen, welche Entwicklungsaufgaben vom Umfeld fokussiert und welche weniger beachtet werden. Ein Beispiel dafür ist unser gesellschaftlicher Fokus auf schulische und berufliche Leistungen, der sich darauf auswirken kann, dass intellektuelle Leistungen mehr gefördert werden als andere Fähigkeiten und Talente.
