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Wichtige Brücken gesprengt, die Trinkwasserversorgung gekappt, Internet und Mobilfunk ausgefallen, Panikkäufe in den Supermärkten: So könnte es anfangen, wenn der Krieg nach Deutschland käme. Vor Kurzem noch schien ein solches Szenario undenkbar. Nun aber müssen wir uns damit auseinandersetzen. Unsere Bundeswehr und die Geheimdienste bereiten sich bereits konkret auf einen militärischen Angriff Russlands vor.
Der Konflikt ist längst da, nicht mit Panzern, sondern in Form von Sabotage, Desinformation und Cyberattacken. Eine Eskalation könnte schwere Gefechte an der Front, Attentate und Raketenangriffe bedeuten. Deutschland würde im großen Maßstab zur Drehscheibe von NATO-Truppen – und damit zur Zielscheibe für den Gegner.
Wie wären wir in einem solchen Fall geschützt? Wie würde sich unser Leben verändern? Was könnten wir tun, um zu helfen? In diesem packenden Buch, das auf zahlreichen Gesprächen mit Expertinnen und Experten beruht, geben die Autoren fundierte Antworten. Sie gehen uns alle an. Damit wir so gut vorbereitet sind wie es nur geht, falls das Schlimmste eintrifft.
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zum Buch
Wichtige Brücken gesprengt, die Trinkwasserversorgung gekappt, Internet und Mobilfunk ausgefallen, Panikkäufe in den Supermärkten: So könnte es anfangen, wenn der Krieg nach Deutschland käme. Vor Kurzem noch schien ein solches Szenario undenkbar. Nun aber müssen wir uns damit auseinandersetzen. Unsere Bundeswehr und die Geheimdienste bereiten sich bereits konkret auf einen militärischen Angriff Russlands vor.
Der Konflikt ist längst da, nicht mit Panzern, sondern in Form von Sabotage, Desinformation und Cyberattacken. Eine Eskalation könnte schwere Gefechte an der Front, Attentate und Raketenangriffe bedeuten. Deutschland würde im großen Maßstab zur Drehscheibe von NATO-Truppen – und damit zur Zielscheibe für den Gegner.
Wie wären wir in einem solchen Fall geschützt? Wie würde sich unser Leben verändern? Was könnten wir tun, um zu helfen? In diesem packenden Buch, das auf zahlreichen Gesprächen mit Expertinnen und Experten beruht, geben die Autoren fundierte Antworten. Sie gehen uns alle an. Damit wir so gut vorbereitet sind, wie es nur geht, falls das Schlimmste eintrifft.
HAUKEFRIEDERICHSRÜDIGERBARTH
WENNMORGENBEIUNSKRIEGWÄRE
Welche Szenarien realistisch sind Was wir jetzt wissen müssen Wie wir uns vorbereiten können
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Copyright © 2025 by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Alle Rechte vorbehalten.
Redaktion: Steffen Geier
Umschlaggestaltung: wilhelm typo grafisch, Zollikon
unter Verwendung eines Fotos von turtix / Shutterstock.com
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-33932-6V002
www.heyne.de
Inhalt
Einführung: Das Äußerste denken
TEIL 1WELCHESZENARIENREALISTISCHSIND
Im Anflug auf Litauen
Phase 1: Verschärfung des hybriden Konflikts
Phase 2: Erste Kämpfe an der Ostflanke der NATO
Phase 3: Raketen auf Deutschland
TEIL 2 WASWIRJETZTWISSENMÜSSEN
Der Staat
Die Bundeswehr
Im Krieg: Ein Hauptfeldwebel erzählt
Russlands Streitkräfte – eine Einschätzung
TEIL 3 WIEWIRUNSVORBEREITENKÖNNEN
Zivilschutz
Schutzräume
Warnsignale
Information und Desinformation
Verhalten bei Angriffen
Ausrüstung
Vorratshaltung
Stromversorgung
TEIL 4 WIEWIRSTARKBLEIBEN
Von Einstein und Freud
Resilienz
Die Stärke der Ukraine
Und wir?
Fliehen oder bleiben?
Training
Epilog
Glossar
Dank
Literatur und Quellen
Abkürzungen
Checklisten
Einführung: Das Äußerste denken
Das Schienennetz an wichtigen Knotenpunkten im Land zerstört, Kraftwerke lahmgelegt, die Trinkwasserversorgung in mehreren Großstädten unterbrochen, der Mobilfunk ausgefallen, Autobahnen verstopft, Panikkäufe in den Supermärkten – so könnte es anfangen, wenn der Krieg nach Deutschland käme.
Die Bundeswehr, westliche Geheimdienste und Behörden sowie die NATO und Partnerarmeen bereiten sich auf den Ernstfall vor. Darauf, dass Russland uns, die europäischen Staaten der Nordatlantischen Allianz, angreifen wird. Mehr noch: Die Fachleute der Sicherheitsbehörden und des Militärs halten einen solchen Angriff binnen weniger Jahre tatsächlich für realistisch. Nicht wenige Generäle und Politiker sagen: Wir sind noch nicht im Krieg, wir sind aber auch nicht mehr im Frieden, wir sind schon »under attack«. Nicht mit Panzern oder Marschflugkörpern, sondern mit hybriden Aktionen schlage Russland bereits heute zu: mit Sabotage, Desinformation, Cyberangriffen. Bei einer konventionellen, also nicht-atomaren, aber ernsthaften nächsten Eskalationsstufe folgten auf solche Nadelstiche brutalere Aktionen, Attentate und Anschläge. Und dann, im dritten Schritt: Marschflugkörper und Raketen auf unser Land, allein schon, weil es gemäß aller Planungen zur Drehscheibe der NATO würde und damit in der Logik der gegnerischen Militärs zu einer Zielscheibe.
Was bis vor Kurzem undenkbar schien, könnte Realität werden: ein Krieg bei uns, in Deutschland.
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten müssen wir Deutschen uns wieder mit einer Sorge beschäftigen, die längst der Vergangenheit anzugehören schien: Was wäre, wenn bei uns Krieg herrschte? Was, wenn unser Land sich einem Angriff ausgesetzt sähe, nicht von vereinzelten Terroristen, sondern von der Militärmacht eines ausländischen Staates?
Für so manchen, der jahrzehntelang die »Friedensdividende«, wie man das gern nannte, nach dem Ende des Kalten Krieges genossen hat, mögen die Warnungen paranoid wirken. Es gibt Politikerinnen und Politiker, die für die Perspektive eintreten, dass es keine Gefahr gäbe, dass man Russland nicht durch Aufrüstung provozieren solle. Aber alle deutschen Sicherheitsbehörden, ihre westeuropäischen und US-amerikanischen Partnerdienste, die Bundeswehr und die NATO sehen eine eindeutige Bedrohungslage, die von Russland ausgeht. Und auch eine renommierte Friedens- und Konfliktforscherin wie Nicole Deitelhoff betont die Gefahr. Dem Spiegel sagte sie im Sommer 2025: »Der ganze Sinn dieser hybriden Angriffe ist es, Gesellschaften zu verunsichern und die Grenze zwischen Frieden und Krieg zu verwischen.« Wir müssten uns auf russische Angriffe vorbereiten.1
Das »Undenkbare«: Mit diesem hermetischen Begriff haben wir Deutschen in der Bundesrepublik nach vollzogener Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges stets Szenarien abgetan, die die Bedingungen für einen neuerlichen Krieg in Mitteleuropa beschrieben. Dieses Buch unternimmt die Herausforderung, das Undenkbare zu denken.
Um das Undenkbare überhaupt denken zu können, dazu gilt es zunächst, innere Einstellungen zu überwinden, die unsere Erziehung, unsere politischen Erfahrungen und unsere Sozialisation geformt haben. Das Undenkbare denken heißt: akzeptieren, dass Krieg in Mitteleuropa tatsächlich wieder möglich ist. In dieser Realität verachtet der Gegner Menschlichkeit und Menschenrechte. Empathie und Einsatz für die Schwachen werden als Schwäche ausgelegt. Und Schwache sind Opfer – formulieren wir es so plump, wie diese archaische Form von Machtpolitik funktioniert.
Betrachtungen zur Geopolitik füllen ganze Bibliotheken, tiefer einzusteigen in dieses Thema, sprengte den Rahmen dieses Buches. Wir bilden daher auch nicht die Diskussion des demokratischen Parteienspektrums in Deutschland ab, ob Putins Russland als Bedrohung für die NATO und Europa angesehen werden muss.
Fakt ist, dass Europa und Deutschland sich nicht mehr darauf verlassen können, dass die von Donald Trump geführten USA im Bündnisfall der NATO zur Seite stünden. Im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit dringen aus dem Weißen Haus widersprüchliche Signale: Wladimir Putin stellt er mal als »genial« und »netten Gentleman« dar, dann wieder als jemanden, der »Bullshit« rede – weil der russische Staatspräsident der Ukraine keine Waffenstillstandsangebote macht, sondern Nacht für Nacht Attacken mit jeweils hunderten Drohnen unternimmt. Im August sandte Trump erst Ultimaten, dann trafen sich beide in Alaska. Was aus alldem folgen wird, wie sich Trump in den Wochen und Monaten positionieren wird, nachdem wir dieses Buch abgeschlossen haben: völlig unklar.
Fakt ist, dass Russlands Machthaber die Ukraine überfallen haben und seit Februar 2022 einen gnadenlosen Krieg gegen das Land führen, Kriegsverbrechen begehen, Zivilisten ermorden. Zugleich nehmen sie, um ihre Kriegsziele zu erreichen, hunderttausende gefallene eigene Soldaten, enorme ökonomische und psychologische Kosten und eine weitgehende Isolation im Westen in Kauf.
Fakt ist, dass Russland die massivste militärische Konfrontation in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 zu verantworten hat. Seine Aggression gegenüber der Ukraine folgt dem Recht des Stärkeren. Sie folgt der imperialistischen Logik, dass der Stärkere sich vom Schwächeren nehmen darf, was er will.
Wladimir Putin will, daraus macht er keinen Hehl, Russland zu alter imperialer Größe führen. Sein Vorbild ist Zar Peter der Große, der mit Kriegen sein Imperium bis zur Ostsee ausdehnte. Menschenrechte ignoriert Putin. In Georgien und Moldau hat er bereits spalterisch gewirkt und mit Waffengewalt versucht, die Entwicklung der Demokratie und eine Bindung an den Westen zu verhindern. Die Ukraine ist aktuell an der Reihe. Was mag demnächst den baltischen Staaten – einstmals Sowjetrepubliken – drohen, was Polen? Was könnte Deutschland bevorstehen, dessen Osten früher schließlich als DDR ebenfalls zur sowjetischen Einflusssphäre zählte? In einer Umfrage des Lewada-Zentrums, eines russischen Meinungsforschungsinstituts, vom Juni 2025 wird Deutschland von Russen neuerdings als Hauptfeind genannt, nicht mehr die USA. Putin kennt die Zögerlichkeit des Westens, er wittert die Angst vor Krieg, er spürt den Bruchlinien in der NATO bewusst nach. Ebenfalls im Juni 2025 verkündete er bei einem öffentlichen Auftritt auf einer Konferenz in Sankt Petersburg: »Wohin ein russischer Soldat seinen Fuß setzt, das gehört uns.«
Es gibt auch andere Brandherde auf der Welt. Nicht wenige bergen das Potenzial, sich zu größeren Kriegen auszuwachsen. Und in vielen davon zieht Russland Fäden, ist durch Söldner und Waffenlieferungen involviert: ob in Syrien, im Sudan, Mali oder Myanmar. Gemeinsam mit China, Iran und Nordkorea gehört das Land zu einer Achse von Autokratien, die ein Interesse daran haben, die bislang bestehende Weltordnung zu destabilisieren. Alte Bündnisse bröckeln, neue Bündnisse entstehen. Sicherungssysteme fallen aus. Gewissheiten werden zerstört und vereinbarte Regeln ignoriert, um neue Machtstrukturen zu bauen, neue ökonomische Realitäten zu schaffen.
Die Weltpolitik im Jahr 2025, getrieben von Autokraten, ist erratisch und sprunghaft, und kaum etwas spricht dafür, dass sich schnell wieder so etwas wie Stabilität einstellen wird. Wohin dies führen wird? Das weiß heute niemand. Unsere Zeit ist eine Zeit der Ungewissheit. Wir stehen mitten in einem Umbruch der Geschichte. Fast zwei Drittel der Deutschen fürchten sich vor der russischen Aufrüstung und sehen im Vorgehen der Kreml-Truppen in der Ukraine eine Bedrohung unserer Sicherheit, das zeigt eine Bevölkerungsumfrage der Bundeswehr aus 2024.
Umso wichtiger, sich auf das Unvorhersehbare wie das Undenkbare vorzubereiten. Bei den alten Römern hieß es: »Si vis pacem para bellum.« Wer Frieden haben will, bereite sich auf den Krieg vor. Es war stets das Mantra der Abschreckung in Zeiten des Kalten Krieges. Es ist heute, leider, eine Frage der Vernunft. Bei der Bundeswehr hieß es im Kalten Krieg stets auch: »Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen.« Dieser Slogan ist wieder aktuell, genauso wie militärische Fähigkeiten, die während der Zeit des Eisernen Vorhangs essenziell schienen: Flugabwehr, Schutz vor Raketen, der Bau von Bunkern, die Abwehr feindlicher Panzer, das Anlegen von Schützengräben. In unserer Zeit kommen, unter anderem, der wirksame Schutz vor Cyberangriffen und Drohnenattacken hinzu.
Welche strategischen Interessen hinter einer eskalativen Entwicklung der internationalen Politik stehen könnten, behandeln wir in diesem Buch nicht, ebenso wenig, welche Seite womöglich welchen Fehler gemacht hat, welche Spielräume ungenutzt blieben. Uns geht es auch nicht um einen Debattenbeitrag für Fachleute oder detailschöpfende Lektüre für Behörden, Meinungsmachende oder Parteizentralen. Dieses Buch ist für Menschen geschrieben, die wie wir als aufgeklärte, aber besorgte Bürgerinnen und Bürger dieses Landes verstehen wollen, was warum auf uns zukommen könnte. Im Folgenden vermeiden wir Militärjargon und Juristensprache und bemühen uns um ein Maximum an Klarheit, ohne zu simplifizieren oder zu überzeichnen.
Wenn wir als Gesellschaft unsere Demokratie wappnen wollen, müssen wir begreifen, welche Varianten einer Eskalation möglich wären. Wir gehen daher auch den schmerzhaften Schritt, uns auszumalen, wie solche Eskalationen unser Leben verändern und was sie bei uns psychologisch auslösen würden.
Wir schildern in aller Deutlichkeit, welche Probleme die Bundeswehr, die im November 2025 immerhin siebzig Jahre alt wird, binnen kurzer Zeit zu lösen hat. Und warum es Hoffnung gibt, dass sie dies trotz aller Hindernisse schafft – es ist vieles in Bewegung geraten, mit hoher Dringlichkeit ändern sich Strukturen, das Bewusstsein in der Politik hat sich bereits gewandelt. Wir beschreiben auch die Optionen und Spielräume der Bundesregierung im Verteidigungsfall und was genau das bedeutet: Verteidigungsfall. Ebenso beschäftigen wir uns mit Ergebnissen internationaler Studien, die die erstaunliche Resilienz der ukrainischen Bevölkerung analysiert haben. Dieser analytische Blick ist hilfreich, um das große Bild zu verstehen.
Zugleich springen wir an vielen Stellen mitten hinein ins Leben, in den Alltag derer, die die Verteidigungsfähigkeit der Deutschen stärken sollen. So nehmen wir Sie mit nach Litauen, zur feierlichen Übergabe der Truppenfahne an die neue Panzerbrigade der Bundeswehr, die an der Ostflanke der NATO stationiert ist, nur wenige Kilometer von Belarus entfernt. Und wir kriechen hinein in die Gedanken eines Afghanistan-Veteranen, der uns seine Geschichte erzählt. Ein Krieg besteht aus Millionen Momentaufnahmen, unzähligen persönlichen Entscheidungen, die die Schicksalswege anderer nicht selten weit über das Kriegsende hinaus beeinflussen.
Wo immer möglich, wählen wir Autoren die Perspektive der Betroffenen, vor allem der Zivilbevölkerung, von uns allen also. Wir nehmen dafür die Warnungen der Fachleute aus dem Militär, von Politikern, Wissenschaftlern und Geheimdienstmitarbeitern ernst und übersetzen, was wäre, wenn aus Bedrohung Angriff würde.
Wer wissen will, wie sich heutzutage ein Krieg anfühlt, der kann Ukrainer fragen. Wer wissen will, wie man als Gesellschaft überdauert, schaue ebenfalls in die Ukraine. Wir fragen auch Menschen, die den »Operationsplan Deutschland« (OPLANDEU) kennen, dem alle wichtigen Maßnahmen zugrunde liegen, und die für das Überleben der Deutschen verantwortlich sind. Ganz konkret: Was bedeutet Krieg für unsere Versorgung, für Ernährung, Energie, Medizin, Kommunikation? Was für unsere Seelen? Was wird mit unserer Freiheit? Wie schützen wir unsere Infrastruktur, unsere Industrie, unser Leib und Leben? Wie wehren wir uns? Wie organisieren wir uns? Wer zieht für uns in die Schlacht?
Drohnen und Raketen, die in deutschen Städten einschlagen: Ja, diese Möglichkeit muss gedacht werden, um sie verhindern zu können. Oder, wenn sie nicht zu verhindern ist, uns in die Lage zu versetzen, mit den Folgen umzugehen.
Unsere Szenarien beruhen auf möglichst realistischen Annahmen. Es sind Szenarien eines Schreckens, dem wir mit Informationen und Überlegtheit begegnen wollen. Resilienz beginnt mit Vorbereitung.
Wir verwenden in diesem Buch öfter, der Lesbarkeit willen, den Indikativ. Als würde all das, was wir schildern, wirklich geschehen. Aber gemeint ist selbstverständlich der Konjunktiv. Es wäre möglich, dass es geschieht. Im besten Fall geschieht nichts von alldem.
Krieg, das war früher für viele Deutsche etwas, das sie aus eigener leidvoller Erfahrung kannten. Viele unserer Eltern sind noch im Zweiten Weltkrieg geboren, haben ihn als Kinder überlebt. Wir Nachgeborenen wuchsen mit Erzählungen über Nächte in Bunkern auf, über Flucht in vollen Zügen, über Einsätze an der Front, erfuhren die Namen von Verwandten, die gestorben waren. Im geteilten Land, mit einer inneren Grenze, an der Soldaten und Grenzschützer patrouillierten, gehörten Kriegsängste bis 1989 zur Alltagserfahrung.
Seitdem hat sich das Land an Frieden gewöhnt – es ist der einzige Zustand, den die allermeisten von uns kennen. Seit mehr als achtzig Jahren währt er schon. Und wir nahmen an, er währt für immer.
Mit dem Ende des »Dritten Reiches« ist auch Preußen untergegangen und mit Preußen ein Großteil der Militärtradition. Deutschland wurde, erstmals in der jüngeren Geschichte, ein verlässlicher Partner der mitteleuropäischen Nachbarn, ohne eigene geostrategische Ambitionen. In Deutschland empfinden heute viele von uns eine große Distanz zu allem Militärischen. Von einem »freundlichen Desinteresse« hat einst Bundespräsident Horst Köhler gesprochen. Das war im Oktober 2005. Zwanzig Jahre später könnte man von einem freundlichen Interesse sprechen, nicht aber unbedingt von einer überwältigenden Motivation, das Land selbst zu verteidigen. Zwar schätzen 85 Prozent der Menschen die Bundeswehr, wie eine Umfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften aus dem Jahr 2024 zeigt – aber in ihr dienen wollen nur wenige. Immerhin 42 Prozent wären bereit, im Verteidigungsfall selbst zu den Waffen zu greifen. Was für Australier, US-Amerikaner, Franzosen selbstverständlich ist – eine Armee, die einen gewissen Stolz auf sich selbst ausstrahlt –, ist uns Deutschen aus guten Gründen fremd. Schon der Gedanke an paradierende Soldaten und Flugzeugformationen lässt vielen unbehaglich zumute werden.
Aber nun müssen wir umdenken. Auch umfühlen. Eine Aufgabe, die an der DNA unserer Gesellschaft rührt.
Dieses Buch ist als das Gegenteil einer Verherrlichung des Militärischen angelegt. Es will aber beitragen, den Sinn und Nutzen von Maßnahmen zu beschreiben, die unsere Demokratie in eine auch nach außen wehrhafte Demokratie verwandeln können. Das sind wir noch nicht. Wir müssen es aber werden, wenn unsere Freiheit beschützt werden soll.
Die neuformierte Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD hat in ihrem Koalitionsvertrag im Frühjahr 2025 festgehalten: »Stärke ist die Voraussetzung für Frieden. Deshalb wollen wir uns verteidigen können, um uns nicht verteidigen zu müssen.« Und weiter: »Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkrieges müssen Deutschland und Europa in der Lage sein, ihre Sicherheit deutlich umfassender selbst zu gewährleisten. Wir werden sämtliche Voraussetzungen schaffen, damit die Bundeswehr die Aufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung uneingeschränkt erfüllen kann. Unser Ziel ist es, dass die Bundeswehr einen zentralen Beitrag zur Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit der NATO leistet und zu einem Vorbild im Kreis unserer Verbündeten wird.«
Das sind Worte, die von Entschlossenheit künden. Welche Taten werden ihnen folgen? Wo besteht dringender Handlungsbedarf?
Deutschland ist ein Land im Wandel, das wir in einem Krieg in mancherlei Hinsicht kaum mehr wiedererkennen würden. Das möchten wir unseren Leserinnen und Lesern bewusst machen und damit vielleicht auch einen kleinen Teil dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft Widerstandsfähigkeit zu entwickeln vermag, wenn es sein muss.
Zwei weitergehende Entwicklungen schließen wir dabei aus: dass sich China aktiv an einem solchen Krieg im großen Stil beteiligt und damit ein dritter Weltkrieg ausbrechen würde. Ebenso beschäftigen wir uns nicht mit einem atomaren Schlagabtausch, dessen Folgen für alle Seiten unkalkulierbar wären und den die seriösen Fachleute, mit denen wir uns ausgetauscht haben, in großer Mehrheit für abwegig halten.
Für unsere Recherche haben wir hochrangige Generäle gesprochen und einfache Hauptgefreite der Reserve, die im Heimatschutz aktiv sind, Frauen wie Männer in verantwortungsvollen Positionen, Politiker verschiedener Parteien, Vertreter von Geheimdiensten, Vertreter von Behörden und Organisationen der Zivilverteidigung, Ökonomen, Psychologen und Soziologen, Logistiker, Verkehrsplaner und Rüstungsunternehmer. Sie alle eint der Wunsch, dass der Krieg niemals nach Deutschland kommen wird. Auf viele dieser Menschen werden wir uns verlassen müssen, falls es doch passiert.
Dies ist die Summe ihrer Erfahrungen und Geschichten. Dies ist ihr, wenn man so will, Leitfaden für einen Krisenfall. Für unser Land, für uns.
Im Übrigen sehen wir auch eine Chance: dass wir als Europa und als Deutschland gestärkt aus diesen Jahren einer neuen geopolitischen Realität hervorgehen. Mit einem klaren Selbstverständnis als Europa, mit erneuerten Partnerschaften, mit gewachsenem Vertrauen in unsere Fähigkeit, Herausforderungen mit den Methoden freiheitlicher Demokratien zu meistern.
Und so hoffen wir, dass dieses Buch auch gelesen werden kann als eine stärkende Lektüre, als eine Anleitung zu Klarheit und Orientierung, als Handreichung zu etwas mehr Zuversicht in schwierigen Zeiten.
Hamburg, im August 2025
Hauke Friederichs und Rüdiger Barth
1 Zu unseren Quellen: Verwendete Medien, Verweise auf Studien und wesentliche Literatur finden Sie im Anhang des Buches.
TEIL 1:WELCHE SZENARIEN REALISTISCH SIND
Im Anflug auf Litauen
Das hier ist er also. Der Außenposten am äußeren östlichen Rand des NATO-Bündnisses: Litauen. Dort wollen die Deutschen schlagkräftige Stützpunkte ausbauen und verteidigen, falls das Land angegriffen wird. Der Landeanflug beginnt auf die Hauptstadt Vilnius, 610 000 Einwohner. Ihre Koordinaten lauten 54 ° 41’ N, 25 ° 17’ O – auf einem ähnlichen Breitengrad liegt auch Flensburg, Schleswig-Holstein.
Zwei Regierungsflieger der Bundesrepublik Deutschland aus Berlin nähern sich im Mai 2025 nach anderthalbstündigem Flug dem Zielort. Es steht die Verleihung der Truppenfahne an die Panzerbrigade 45 an, eine feierliche Zeremonie voll politischer Symbolkraft. An Bord sind Bundeskanzler Friedrich Merz, Verteidigungsminister Boris Pistorius, hochrangige Militärs, weitere Regierungsmitglieder und Bundestagsabgeordnete, dazu Referenten, Journalisten, Männer wie Frauen, und wer kann, späht jetzt aus dem Fenster, um sich ein Bild der örtlichen Topografie zu machen.
Die Fantasie reist ja mit. Es ist nicht die Fantasie eines Touristen. Wer die Topografie eines Landstrichs mit den Augen von Militärstrategen zu lesen lernt – hier die Anhöhe, dort der Flusslauf –, wird manche öffentlichen Diskussionen besser verfolgen können. Und vielleicht auch eines Tages manche Entscheidungen besser verstehen.
Unter den Airbus-Maschinen erstrecken sich dichte Wälder, ausgedehnte Wasserflächen, dazu kleine Gräben, Kanäle und Sümpfe, eine nordisch wirkende Natur. Beim Anflug ist aus der Höhe leicht zu erkennen, was es für einen Angreifer bedeuten würde, Vilnius mit Bodentruppen anzugreifen. Gepanzerte Fahrzeuge kämen nur auf wenigen Straßen vorwärts, und die Verteidiger hätten unzählige Verstecke und Möglichkeiten, diese Verbindungslinien aus dem Hinterhalt zu attackieren.
Dennoch fürchten die Litauer, die seit 2004 zur NATO gehören, einen Angriff. Eine Attacke Russlands, wie 2022 in der Ukraine geschehen, vielleicht gar eine massive Invasion, zu Hunderten heranwalzende Kampfpanzer, Bataillon auf Bataillon, Infanterie, aus dem Himmel Fallschirmspringer, Drohnen und Raketen.
In dem baltischen Land fürchten sie sich seit 2014 schon, seit Russland etwas mehr als tausend Kilometer weiter südlich die Krim annektierte und Teile des Donbass in der Ukraine besetzen ließ. Damals protestierten Deutschland und der Westen lautstark und führten zugleich ihre Geschäfte mit Moskau munter fort. Das Bedrohungsszenario aber nimmt man mittlerweile auch in Deutschland ernst. An der Grenze zu Belarus wird die deutsche Panzerbrigade 45 aufgestellt, mit 4800 Soldatinnen und Soldaten sowie gut 200 zivilen Bundeswehrmitarbeitenden, dazu deren Familien. Auch schweres Gerät wird in Litauen stationiert: Leopard-2-Kampfpanzer, Schützenpanzer Puma, die Panzerhaubitze 2000 und Sanitätsfahrzeuge sowie Truppentransporter vom Typ Boxer. »Deutschland steht zu seiner Verantwortung – in Worten und Taten«, wird Friedrich Merz bei seiner Ansprache später sagen, vorm Regen durch einen weißen Pavillon geschützt, und hinzufügen: »Heute. Morgen. Wie lange es auch immer dauert.« Denn, so sagt der deutsche Regierungschef: »Der Schutz von Vilnius ist der Schutz Berlins. Und unsere gemeinsame Freiheit endet nicht an einer geopolitischen Grenze – sie endet dort, wo wir aufhören, sie zu verteidigen.«
Das könnten nur Phrasen sein, getränkt von diplomatischem Pathos. Schließlich sollten Deutschlands Sicherheit und Freiheit einst auch in Afghanistan am Hindukusch verteidigt werden, und dort herrschen nun wieder die Taliban. Aber tatsächlich engagiert sich Deutschland außerordentlich für die Verteidigung des NATO-Partners. Die Männer und Frauen der Bundeswehr stärken Litauens Streitkräfte erheblich, die derzeit nur 20 000 Angehörige aufweisen, dazu kommen etwa noch einmal so viele Reservisten. Die Vereinigten Staaten haben ebenfalls mehrere hundert Männer und Frauen in Litauen stehen, nach letztem Stand rund 1000. In den vergangenen Jahren aber haben die USA bereits Soldaten aus Europa abgezogen, unter Präsident Trump hat sich dies beschleunigt, er prüft, weitere tausende Uniformierte zu verlegen. Der Fokus liegt mehr und mehr in Fernost.
Die litauischen Streitkräfte sind mit modernen Waffen ausgestattet, allerdings in geringen Stückzahlen: HIMARS-Raketenwerfer aus den USA und Transportpanzer aus Deutschland etwa. Geordert sind unter anderem vier Dutzend Leopard 2A8, die neueste Version des Kampfpanzers, dazu Boote für den Schutz der Küste sowie Drohnen. Litauen hat drei Millionen Einwohner, die Möglichkeiten sind begrenzt.
Zum feierlichen Aufstellungsappell kommt es im Zentrum von Vilnius. Es nieselt viel an diesem Donnerstag im Mai 2025, mitunter schüttet es richtig, der Laptop einer Agenturjournalistin säuft ab, gerade als sie ihren Bericht nach Deutschland senden will, allenthalben triefen Uniformen und Anzüge vor Nässe. Die Litauer, die im Publikum dem Akt beiwohnen, klatschen den Militärs Beifall, jubeln sogar gelegentlich.
Sie sind gekommen, um dieser besonderen Zeremonie beizuwohnen, dem Verleihen der Truppenfahne an die neue Brigade. Feldzeichen sind für Soldaten ein wichtiges Symbol, sie verkörpern die Identität ihrer militärischen Einheit, das war schon bei Caesars Legionen so. Das Wappen der deutschen Panzerbrigade 45, unter anderem auf dem rechten Oberarm der Uniformen zu sehen, besteht aus einem schwarzen Stauferlöwen mit ausgestreckter Zunge und aufgestellten Krallen sowie dem trutzigen Gediminas-Turm, dem Wahrzeichen der litauischen Hauptstadt. Der Löwe zeigt an, dass die neue Brigade zur 10. Panzerdivision gehört, und soll für ihre Kampfbereitschaft stehen. Der Turm symbolisiert die enge Partnerschaft mit Litauen. Zusätzlich ziert in der Mitte ein Schwert das Wappen: ein Zeichen für den Verteidigungsauftrag, dem die Brigade zum Schutz Litauens und des NATO-Bündnisgebiets folgt.
Vor dem Appell waren die uniformierten Deutschen zu Trommelschlägen durch die Straßen von Vilnius marschiert, durch Spaliere von Häusern aus der Gründerzeit. Deutsche Soldaten in Vilnius? Das gab es schon zweimal, unter ganz anderen Vorzeichen: 1915, im Ersten Weltkrieg, nahmen Einheiten der kaiserlichen Armee die Stadt ein. Und nur ein Vierteljahrhundert später, im Zweiten Weltkrieg, besetzte die Wehrmacht die Stadt, die zuvor von den Sowjets kontrolliert worden war. In Litauen ermordete die SS mehr als 215 000 Juden. In Vilnius und Kaunas sperrte das NS-Regime die jüdische Bevölkerung in Ghettos. Zudem gingen die Deutschen brutal gegen Partisanen, gegen Roma und Menschen mit Behinderungen vor.
Nun jedoch, mehr als achtzig Jahre später, applaudieren die Einwohner den Soldaten, die Berlin gesandt hat. Am Straßenrand klatschen und schwenken sie kleine Fahnen, die auf der einen Seite schwarz-rot-gold bedruckt sind und auf der anderen gelb-grün-rot – die Flaggen Deutschlands und Litauens. An vielen Häusern hängen auch Wimpel und Flaggen im Blau und Gelb der Ukraine. Litauen gehört, gemessen an seiner Wirtschaftsleistung, zu deren größten Unterstützern – und gibt einen größeren Anteil seiner Wirtschaftsleistung für Militärhilfe an das überfallene Land aus als die Bundesrepublik.
Zum feierlichen Appell der Panzerbrigade 45 reihen sich schließlich mehrere hundert Soldaten vor dem Großfürstlichen Schloss und der Kathedralbasilika St. Stanislaus und Ladislaus zu Vilnius auf, die aussieht wie ein griechischer Tempel. Ein internationales Aufgebot: Deutsche, darunter Angehörige des Wachbataillons aus Berlin, die bei Staatsempfängen eingesetzt werden, US-Amerikaner und Litauer stehen Seite an Seite im strömenden Regen. Und trotz des schlechten Wetters harren hunderte Neugierige am Rand des Platzes aus.
Alfons Mais, der Inspekteur des Heeres, übergibt mit ruhigen Gesten die Fahne an Brigadegeneral Christoph Huber, der den Verband in Litauen führt. Für Generalleutnant Mais bedeutet dieser symbolische Akt, wie er sagt, »einen Meilenstein auf dem Weg in die Zukunft« – des Heeres, der Bundeswehr und Deutschlands. Auf der Plattform LinkedIn wird er kurz darauf emotionale Worte finden: »Was könnte besser symbolisieren, dass wir die Zeiten des Auflösens, Schrumpfens, Kaputtsparens und der verteidigungspolitischen Selbstentleibung endlich hinter uns gelassen haben! Dass wir zu unserer Verantwortung stehen!« Und er fügt hinzu, er habe Gänsehaut bekommen, als er den Jubel der Zuschauenden gehört habe.
Vor und nach dem Appell präsentiert sich die Truppe um den Kathedralenplatz herum als Armee zum Anfassen. Schülerinnen und Schüler beäugen und berühren deutsche Panzer, klettern hinein, nehmen auf dem Fahrersitz oder an der Waffenstation Platz. Eltern heben ihre Kinder auf stählerne Fahrzeuge, Paare machen Selfies vor Haubitzen der Bundeswehr.
Erstmals in ihrer siebzigjährigen Geschichte wird ein Großverband dauerhaft im Ausland bleiben. Seit ihrer Aufstellung hat die Bundeswehr zwar immer wieder Soldaten für die Ausbildung zu den Verbündeten entsendet, etwa zum Pilotentraining in Texas, und später auch mehrjährige Missionen wie in Afghanistan oder Mali unternommen. Und in Litauen sind deutsche Soldaten bereits seit 2017 präsent – sie gehören jedoch zur »Multinational Battlegroup Lithuania« der NATO, die bereits von der Bundeswehr angeführt und künftig zur Panzerbrigade 45 gehören wird. Bislang wechselten sich die Einheiten bei den Auslandseinsätzen ab, wurden die Kontingente alle drei oder sechs Monate getauscht. Die ständige Präsenz also ist neu. In Litauen werden die deutschen Soldaten auch mit ihren Familien wohnen, ihre Kinder hier aufziehen und über Jahre neben dem Dienst somit auch ihren privaten Alltag bestreiten. Sie werden hier leben.
Die neue Brigade dient zunächst einmal der Abschreckung und bedeutet für Litauen eine Art Sicherheitsgarantie. Deutsche Panzer, Artillerie und Luftabwehreinheiten sollen auch zum Schutz der »Suwałki-Lücke« beitragen, der schmalen Landbrücke zwischen Litauen und Polen. Die Brigade wird helfen, Russland von einer Attacke abzuhalten, da es für das Regime in Moskau ein unkalkulierbares Risiko darstellen sollte, in einen Krieg mit der NATO verwickelt zu werden. Ihre Präsenz führt dazu, dass ein Angriff Russlands auf Litauen automatisch auch Deutschland betreffen würde. Im Kriegsfall, dem »Bündnisfall«, wäre die Bundesrepublik laut Artikel 5 des NATO-Vertrages dazu verpflichtet, das Land bei der Verteidigung zu unterstützen – aber nicht zwingend militärisch. Da jedoch deutsche Soldaten bereits in Litauen anwesend sind, hat die Bundesregierung klargemacht, dass sie voll hinter Artikel 5 steht – anders als US-Präsident Trump, der die Solidarität seines Landes mehrfach infrage gestellt hat.
Als »Stolperdraht« bezeichnen manche Kommentatoren in Deutschland die Brigade. Als »Alarmanlage« andere. Zyniker sprechen, meist anonym in Internetforen, von »Kanonenfutter«, falls »die Russen es ernst meinen«.
Sollte es an der Grenze Litauens zu Angriffsversuchen oder Provokationen Russlands kommen, sei man gewappnet, sagt hingegen der Generalinspekteur Carsten Breuer, der ranghöchste Soldat Deutschlands, im Mai 2025 im Deutschlandfunk. »Wenn zwischendurch was passiert, also auch Nadelstiche, dann werden wir auch darauf reagieren. Wir können als Deutschland darauf reagieren. Wir können und werden aber auch als NATO darauf reagieren.«
Die Männer und Frauen der Panzerbrigade 45 werden in Rūdninkai und Rukla stationiert sein. Spätestens Ende 2027 plant die Bundeswehr dann, hier ihre 4800 Soldatinnen und Soldaten stehen zu haben. Jetzt, beim Besuch ihrer Regierung, sind gut 400 Deutsche anwesend, und bis zum Ende des Jahres 2025 sollen hundert weitere Soldaten dazukommen. Sie bilden das Vorkommando und den Aufstellungsstab. Später, so lautet der Plan des Verteidigungsministeriums (BMVg), wird die Brigade aus drei Kampfverbänden, Stab und Unterstützungseinheiten bestehen, mit gut 2000 Militärfahrzeugen, darunter Lastwagen, Radpanzer, Kampfpanzer, Haubitzen und Mehrfachraketenwerfer. Zur Brigade gehören dann das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach, Bayern, und das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf in Nordrhein-Westfalen sowie die erwähnte NATO-Battlegroup in Litauen, die ihr unterstellt werden. So soll eine leistungsfähige Truppe entstehen, für einen Einsatz in exponierter Stellung.
Seit Ende 2023 baut Litauen die dafür benötigte militärische und zivile Infrastruktur auf. Bislang hat man vor allem Wald gerodet sowie Kabel und Leitungen verlegt. Fertige Gebäude stehen noch nicht, weder für die Militärs noch für ihre Angehörigen. Auch neue Straßen und Bahnverbindungen müssen für den Truppentransport erst noch gebaut oder ausgebaut werden, Depots für Treibstoff und Munition angelegt, Wohnungen für die Familien errichtet werden, ebenso Kindergärten und Schulen. Sie sollen in Kaunas und Vilnius entstehen, den beiden größten Städten Litauens.
Aber was werden die Lebenspartner der Soldaten dort Tag für Tag machen, wird es Arbeitsmöglichkeiten geben, auch wenn man nicht die Landessprache beherrscht? Was würde mit ihnen und den Kindern im Fall eines Angriffs passieren? Viele Fragen sind für die Soldatenfamilien noch offen. Solche Probleme mögen sich im Kontext von Geopolitik trivial anhören, aber es sind nicht selten die Antworten auf diese Fragen, die mit darüber entscheiden, wie gefestigt die Kampfmoral einer Truppe sein wird.
Für den Übergang nutzt die Panzerbrigade 45 die Orte Nemenčinė, Rokantiškės und Vilnius als Standorte, bis ihre Quartiere in Rūdninkai und Rukla fertiggestellt sind. Dort gibt es Einrichtungen der litauischen Streitkräfte, die vorübergehend für die Bundeswehr bereitgestellt werden. Die neue Kaserne in Rūdninkai wird an einem litauischen Truppenübungsplatz errichtet, der fast unmittelbar an Belarus grenzt, bekanntermaßen ein potenzielles Aufmarschgebiet für russische Truppen. »Wenn Sie auf dem Übungsplatz stehen und Sie wissen, die belarussische Grenze ist weniger als zehn Kilometer von dort entfernt, dann spüren Sie diese Bedrohung auch«, sagt Generalinspekteur Breuer.
Belarus zählt zu den wichtigsten Verbündeten Russlands. Das Regime unter Alexander Lukaschenko unterstützt Wladimir Putin bei dessen Krieg in der Ukraine, man behandelt russische Soldaten in Lazaretten und duldet im Land auch russische Einheiten – sodass die ukrainischen Streitkräfte weiterhin stets mit einem Überraschungsangriff aus dem Norden rechnen müssen. Die Machthaber im Kreml haben zudem angekündigt, Raketen in Belarus zu stationieren, und gedroht, taktische Nuklearwaffen dort aufzustellen. Diese Drohgebärden haben die Verantwortlichen in Vilnius alarmiert. Und auch ihre Amtskollegen in Berlin.
Verteidigungsminister Pistorius sagte im Dezember 2023 den NATO-Verbündeten das dauerhafte Engagement der Bundeswehr zu, obwohl ihm militärische Berater davon zuvor abgeraten hatten. Für die deutsche Brigade gab es zu diesem Zeitpunkt kein Personal, keine Logistik, keine Waffen und kein Material. Da bis zum Sommer 2025 nicht einmal das Kriegsgerät ersetzt worden war, das die Bundeswehr zuvor an die Ukraine geliefert hatte, fehlten beim Heer ohnehin schon Panzer, Raketenwerfer und Haubitzen. Und nun müssen andere Einheiten ihre Mittel abgeben an die »Vorzeigebrigade in Litauen«, wie hinter vorgehaltener Hand gemurrt wird. Nicht zuletzt, weil Pistorius bei einer Rede im Bundestag die Litauen-Brigade im Dezember 2024 das »wichtigste Projekt der Zeitenwende« nannte. Die »Zeitenwende«, diesen Begriff hatte noch der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz Ende Februar 2022 verwendet, um zu dokumentieren, dass man von nun an wieder in die Bundeswehr investieren werde. Die Brigade gilt mithin als Projekt, das nicht scheitern darf, so ambitioniert es auch sein mag.
Rūdninkai ist also aus vielerlei Gründen ein symbolischer und potenziell ein sehr gefährlicher Ort. Wahrscheinlich gibt es für deutsche Bundeswehrangehörige derzeit keinen gefährlicheren Ort. Denn auch die Exklave Kaliningrad – das einstige Königsberg – liegt nicht allzu weit entfernt, einer der wichtigsten russischen Stützpunkte. Und dort erhöhen die Machthaber in Moskau die Militärpräsenz ständig, etwa die Zahl der Iskander-Kurzstreckenraketen, die eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern haben. Sie können jedes Ziel in Litauen treffen, erreichen selbst Berlin und bräuchten dafür vermutlich nur fünf Minuten. Bei einer so kurzen Vorwarnzeit sei eine Evakuierung unmöglich, stellt Albrecht Broemme fest, der viele Jahre das Technische Hilfswerk (THW) geleitet hat.
Die Baltische Flotte der russischen Marine liegt ebenfalls in Kaliningrad. Deren Schiffe sind mit Marschflugkörpern bestückt, die mehrere hundert Kilometer weit fliegen können. Dort steht auch das modernste russische Flugabwehrsystem vom Typ S-400, es sind außerdem Kampftruppen und Küstenbatterien stationiert.
Auch durch hybride Attacken ist Litauen bedroht. So schickte Putins Vasall Lukaschenko 2021 gezielt Flüchtlinge an die gemeinsame Grenze – »ein Fall von ›instrumentalisierter Migration‹ als Waffe«, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung feststellte. Zudem greift Russland permanent mit Cyberwaffen an. Russische Hackergruppen attackierten mehrfach die Netzwerke von Behörden sowie Ministerien und Infrastruktur.
Außerdem setzt Russland den Litauern mit gezielter Desinformation zu. Der Kreml versucht, die litauische Gesellschaft zu spalten und zu verunsichern, doch die Bevölkerung unterstützt unbeirrt und mit großer Mehrheit den Kurs der NATO. Die Litauische Schützenunion, eine paramilitärische Miliz, verzeichnet einen starken Zulauf von Freiwilligen. Tausende Litauer haben sich dort bereits an Waffen ausbilden lassen, dazu in Erster Hilfe und Partisanenmethoden. Staatspräsident Gitanas Nausėda artikuliert regelmäßig seine Sorge, zusammen mit den anderen baltischen Staaten Estland und Lettland das nächste Ziel der russischen Aggression zu werden. Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit findet auch im Parlament breiten Rückhalt.
Kein Wunder also, dass die Bundeswehrsoldaten in Litauen tatsächlich willkommen sind. Noch kümmert sich die Brigade vor allem um ihren eigenen Aufbau. Die schweren Waffen, die beim Fahnenappell in Vilnius aufgefahren waren, wurden von der NATO-Battlegroup gestellt, eigene besitzt man noch nicht. Aber bestellt sind sie.
Immerhin plant die Bundesregierung nun, 1000 neue Leopard-2-Panzer zu bestellen. Für die Ausstattung der Brigade in Litauen reichen rund fünfzig Kampfpanzer, dazu Radhaubitzen und nochmals fünfzig Schützenpanzer, mit denen Panzergrenadiere transportiert werden und die mit ihren kleineren Geschützen in Gefechte eingreifen können.
Die Aufstellung der Brigade wird Deutschland viele Milliarden Euro kosten, allein die jährlichen Betriebskosten schätzt das Verteidigungsministerium auf 1 Milliarde Euro, aber seitdem der Wehretat von der Schuldenbremse ausgenommen wurde, ist Geldmangel kein Hindernis mehr.
Vor allem das Personalproblem aber muss noch gelöst werden. Für die ersten Posten habe es ausreichend Freiwillige gegeben, sagt ein Sprecher in Vilnius. Die ersten 400 Soldaten hätten auch vierzig Angehörige mitgebracht. Pistorius hat extra ein Gesetz durch den Bundestag gebracht, um den Dienst an der Außengrenze der NATO mit einem höherem Sold attraktiver zu machen.
Aber wenn ganze Verbände verlegt werden, dann wird die Freiwilligkeit zum Problem. Es gibt bislang kein Mandat des Bundestages für Litauen, der jedem bewaffneten Einsatz der Bundeswehr, die ja auch »Parlamentsarmee« genannt wird, zustimmen muss. Die Regierung in Vilnius hat die Deutschen eingeladen, aber welche Rechte stünden ihnen in Litauen zu, falls es zu einem Angriff auf das Land kommt und die Bundesregierung es nicht schafft, den Verteidigungsfall auszurufen, weil dafür eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag erforderlich ist? Das Verteidigungsministerium hielt im Juli 2025 fest, dass die Abgeordneten erst zustimmen müssen, »wenn die qualifizierte Erwartung besteht, dass deutsche Soldatinnen und Soldaten in unmittelbarer zeitlicher Nähe in bewaffnete Unternehmungen einbezogen sind«. Wer Friedrich Merz in Vilnius zuhört, muss aber den Eindruck gewinnen, dass der Kanzler genau das für möglich hält. Für die Bundesregierung gibt es im Detail noch viel zu klären.
Immerhin sagen die deutschen Soldaten, die bereits vor Ort sind, sie seien gern in Vilnius. Hier fühle sich der Dienst wichtig an, erzählt uns ein Unteroffizier im Gespräch, »anders als in Deutschland, wo die Gefahr so weit weg wirkt«. In Litauen, da habe er ein Gefühl wie in Afghanistan, dass seine Aufgabe etwas zähle. »Und dafür bin ich doch Soldat geworden.« Ein anderer Bundeswehrangehöriger berichtet, dass ihm beim Einkaufen an der Kasse im Supermarkt gedankt werde für seinen Dienst in Litauen, von fremden Menschen, einfach so. Die Litauer, so deutet er es, hätten verstanden, wie wichtig es sei, Stärke zu zeigen. Und die Gefahr, für Leib und Leben? »Die Bundeswehr ist ja hier, um nicht eingesetzt zu werden.«
Und falls dies nicht funktioniert: Die NATO baut auf die Deutschen, und Deutschland muss liefern. An dieser Verpflichtung werden auch Friedensmanifeste und innenpolitische Kritiker nichts ändern.
Die Menschen in Litauen wiederum vertrauen den Deutschen, dass sie für sie einstehen werden. Sie trauen den Deutschen auch zu, einen wesentlichen Beitrag zu leisten, dass Russland keinen Angriff wagt. Oder, wenn man ihn wagt, dass er zurückgeschlagen werden kann. Die Bundeswehr wird genau dazu in der Lage sein müssen.
Allerdings muss die Bundeswehr auch in der Lage sein, das Land, aus dem sie kommt, ein paar hundert Kilometer weiter im Westen gelegen, zu verteidigen: Deutschland mit seinen mehr als 83 Millionen Einwohnern.
Die Frage ist: Kann sie das auch?
Am Ende des Appells auf dem Kathedralenplatz in Vilnius fliegen vier Tiger-Kampfhubschrauber sowie ein Dutzend leichte und schwere Transporthelikopter über das Stadtzen-trum und die versammelten Honoratioren und Zuschauenden hinweg. Das Knattern aus der Luft betäubt die Ohren.
Eine Bundeswehr, die tatsächlich Wehrhaftigkeit ausstrahlt: Man muss sich erst noch daran gewöhnen.
Phase 1: Verschärfung des hybriden Konflikts
Trump und die Folgen
Was sich entwickeln könnte, wenn die Geschichte einen konfliktreichen Pfad einschlagen sollte, was uns dann erwarten würde, haben wir mithilfe namhafter Experten ausgearbeitet. In den folgenden Szenarien unterscheiden wir mehrere Phasen einer möglichen Eskalation. Phase 1 spielt heute. Wir sind schon mittendrin.
Springen wir hinein in den 28. Februar 2025, in jenen denkwürdig grobschlächtigen Auftritt des US-Präsidenten Donald Trump und seines Vizes J.D. Vance im Oval Office. Beide demütigten an diesem Tag einen Gast, der in die Vereinigten Staaten gekommen war, um weitere militärische Hilfe seines wichtigsten Alliierten zu erbitten. Wolodymyr Selenskyj jedoch, der ukrainische Präsident, erhielt in Washington keine Unterstützung, sondern eine beispiellose Abfuhr. »Sie setzen das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel«, warf Trump seinem Besucher vor. »Sie riskieren einen Dritten Weltkrieg.« Es sei respektlos, auf Sicherheitszusagen der USA zu drängen.
In Europa schauten die meisten Regierungs- und Staatschefs entsetzt auf diese Demütigung Selenskyjs, dem die NATO-Länder seit Jahren den Rücken stärken, einige hatten dies schon vor dem russischen Einmarsch 2022 in die Ukraine getan. Viel ist ja von »Zeitenwenden« in der europäischen und globalen Sicherheitspolitik die Rede. Dieser Tag war in der Tat eine solche Zeitenwende – auch wenn im Juli dieses Jahres der nächste Besuch Selenskyjs, flankiert von Europäern, glimpflich ausging. Trump drohte Putin hohe Zölle an, kassierte die Drohung dann wieder und stellte der Regierung in Kyjiw Flugabwehrsysteme in Aussicht, die von den Europäern finanziert werden müssen. Hinter dem Lavieren der US-Regierung steckt berechnende Unberechenbarkeit.
Allen Beobachtern des politischen Betriebs hatte Trumps rücksichtsloses Agieren als Gastgeber Selenskyjs endgültig klargemacht, dass die Supermacht USA als Partner mindestens unzuverlässig geworden ist. Dass die Europäer im Konfliktfall nicht mehr wie bislang zweifelsfrei auf den Beistand der USA zählen könnten, das wussten sie bereits, das hatte Vance auch in München bei seinem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz zwei Wochen zuvor verdeutlicht. Seitdem ist das Fundament der europäischen Sicherheitsarchitektur nachhaltig erschüttert. Es könnte künftig, falls es an sensiblen Stellen belastet wird und sich die Amerikaner zurückhalten, unter dem Druck zerbröseln.
Der US-Präsident hatte ja schon mal gedroht, dass er nur noch diejenigen Länder beschützen wolle, die genügend in ihre Verteidigung investieren würden. Im Wahlkampf hatte er gar angekündigt, Russlands Präsident Putin dazu ermutigen zu wollen, Mitglieder des Bündnisses anzugreifen, die selbst nicht bereit seien, ausreichend Mittel in die Streitkräfte zu stecken. Selbst noch auf dem Weg nach Den Haag, wo sich im Juni 2025 die Staats- und Regierungschefs der NATO trafen, verwies Trump vor Journalisten darauf, dass der »Bündnisfall« einigen Spielraum für Interpretationen lasse.
Tatsächlich müssen sich die Mitglieder, wie gesagt, nicht militärisch zu Hilfe kommen – aber bei den Vereinigten Staaten hatte das bis zu Trumps erster Präsidentschaft nie jemand jemals in Zweifel gezogen. Sein Vorgehen erinnerte nicht wenige Beobachter an die Methoden von Mafiapaten wie Al Capone, die Schutzgeld von denjenigen erpressen, die sich nicht wehren können.
Seine europäischen Verbündeten verstanden jedenfalls diese Botschaft. In Den Haag folgten die Staats- und Regierungschefs seiner Forderung, künftig 5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Verteidigung aufzubringen, 3,5 Prozent für die Streitkräfte und 1,5 Prozent für militärisch relevante Infrastruktur. Lediglich Spanien, mit einer linken Partei in der Regierung, will weniger investieren, unterschrieb aber doch die Abschlusserklärung wie alle anderen NATO-Mitglieder auch.
Man reichte untereinander publikumswirksam die Hand. Man lächelte in die Kameras und versuchte, dabei möglichst souverän zu wirken. Und vernahm erleichtert die öffentlichen Freundschaftsbekundungen des US-Präsidenten, der sich in den Niederlanden sichtlich umschmeichelt fühlte.
Und doch: Eine verbindliche, belastbare Zusage, das Bündnisgebiet – komme, was da wolle – militärisch zu verteidigen, gab Trump nicht, und das hat er seither auch nicht gegeben. Die Ukraine, das angegriffene Land – das Präsident Trump zuvor einmal in einem wilden Akt der Schuldumkehr bezichtigt hatte, für den Krieg mitverantwortlich zu sein – war nur Randthema auf dem knapp gehaltenen Gipfel, um den zu Ungeduld neigenden Trump nicht zu langweilen. Er wurde zudem von NATO-Generalsekretär Mark Rutte und dem niederländischen Königspaar umgarnt, durfte in einem Schloss übernachten und mit dem Monarchen frühstücken. Wochen später, in den USA, ging es ähnlich unterwürfig zu. Alles, um die Launischen Staaten von Amerika gewogen zu halten.
Was aber geschähe ganz real, wenn – wie 2014 in der Ostukraine geschehen – plötzlich Truppen ohne Hoheitsabzeichen einen Nachbarn Russlands attackierten, diesmal aber ein osteuropäisches NATO-Mitglied? Wenn angebliche Separatisten diejenigen Regionen, in denen mehrheitlich russischsprachige Menschen leben, mit der Waffe in der Hand »befreien« wollten? Oder auch, wie es auf der Krim ebenfalls 2014 geschehen ist, reguläre russische Truppen fremdes Territorium besetzten und die Machthaber im Kreml dann völkerrechtswidrig die gewaltsam genommene Region in ihr Reich eingliederten? Ob die Beistandsverpflichtung der NATO, ebenjener zentrale Artikel 5, einem Angriff Russlands etwa auf Estland standhielte, ist ungewiss. Ebenso, als wie stabil sich der seit 1945 gespannte Schutzschild der USA für Deutschland erwiese. In jenem historischen Moment, in dem er am dringendsten benötigt würde, könnte er sich als nicht mehr existent zeigte. Bundeskanzler Friedrich Merz muss seine Außenpolitik und die innenpolitischen Schlussfolgerungen in diese Unschärfe hinein gestalten.
Die Nordatlantische Allianz wurde 1949 gegründet »to keep the Americans in, the Russians out, and the Germans down«, wie das Bonmot des britischen Generals Lord Ismay, des ersten NATO-Generalsekretärs, lautete. Die West- und Nordeuropäer wollten die US-Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg unbedingt als Militärmacht auf dem Kontinent präsent wissen, um die Sowjets unter Josef Stalin davon abzuhalten, ihren Machtbereich nach Westen gewaltsam zu erweitern. Und sie waren dabei erfolgreich. Angst vor den Deutschen hat im Westen heute niemand mehr, und auch militärische Zurückhaltung fordert niemand mehr von der Regierung in Berlin – ganz im Gegenteil. Was indes ebenfalls weiterhin Bestand hat: Ohne die Vereinigten Staaten gibt es für Europa vorerst keine Sicherheit.
Jahrzehntelang haben sie in Krisen und bei Eskalationen Entschlossenheit und Solidarität gezeigt, ob bei der Verteidigung Berlins während der sowjetischen Blockade 1948/49 oder bei der Konfrontation von Kampfpanzern 1961, ebenfalls in der geteilten Hauptstadt am Checkpoint Charlie. Die USA
