Wenn Mütter zu sehr lieben - Karl Haag - E-Book

Wenn Mütter zu sehr lieben E-Book

Karl Haag

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Beschreibung

Während in den letzten drei Jahrzehnten die Diskussion über den sexuellen Missbrauch von Kindern in der Familie - und zwar von Mädchen durch ihre Väter - in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit einen breiten Raum einnahm, blieb das Thema des Missbrauchs in der Mutter-Sohn-Beziehung fast unbeachtet. Der Autor analysiert anhand von umfangreichem klinischem Material die subtilen Formen des emotionalen und inzestuösen Missbrauchs von Jungen durch ihre Mütter. Die Fallstudien aus der Erwachsenen- und der Kindertherapie werden durch Beispiele aus der Geschichte, der Literatur und dem Zeitgeschehen eingeleitet, theoretisch verallgemeinert und in einen historisch-gesellschaftlichen Kontext eingeordnet. Die 2. Auflage wurde um ein Geleitwort von Hans Hopf ergänzt.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Während in den letzten drei Jahrzehnten die Diskussion über den sexuellen Missbrauch von Kindern in der Familie - und zwar von Mädchen durch ihre Väter - in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit einen breiten Raum einnahm, blieb das Thema des Missbrauchs in der Mutter-Sohn-Beziehung fast unbeachtet. Der Autor analysiert anhand von umfangreichem klinischem Material die subtilen Formen des emotionalen und inzestuösen Missbrauchs von Jungen durch ihre Mütter. Die Fallstudien aus der Erwachsenen- und der Kindertherapie werden durch Beispiele aus der Geschichte, der Literatur und dem Zeitgeschehen eingeleitet, theoretisch verallgemeinert und in einen historisch-gesellschaftlichen Kontext eingeordnet. Die 2. Auflage wurde um ein Geleitwort von Hans Hopf ergänzt.

Dipl.-Psych. Dr. jur. Karl Haag (1940-2008) war als Psychologischer Psychotherapeut über 20 Jahre in eigener Praxis tätig.

Karl Haag

Wenn Mütter zu sehr lieben

Verstrickung und Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung

2. Auflage

Verlag W. Kohlhammer

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

2. Auflage 2015 Alle Rechte vorbehalten © W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print: 978-3-17-029128-7

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-029130-0

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978-3-17-029131-7

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978-3-17-029132-4

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich.

Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Teil I. Theoretischer Rahmen

1 Einführung in das Thema

1.1 Meine Motivation

1.2 Meine Haltung zum Thema

1.3 Adressatenkreis und Zielrichtung

1.4 Therapeutischer Ansatz

1.5 Forschungsansatz

1.6 Auswahl der Fälle

1.7 Aufbau

2 Formen des Missbrauchs

2.1 Der inzestuöse Missbrauch im weitesten Sinne (Sohn in der Rolle des Partners der Mutter)

2.2 Das Kind in der Elternrolle (Parentifizierung)

2.3 Der symbiotische Missbrauch

2.4 Missbrauch durch Delegation von Lebenssinn und Lebensaufgaben an das Kind

2.5 Missbrauch durch Benutzung des Kindes im Paarkonflikt

Teil II. Fallstudien

3 Fallstudien aus Geschichte und Literatur

3.1 Gemälde von Hans Baldung Grien

3.2 Katharina von Medici

3.3 Elias Canetti

3.4 Der Serienmörder Patrice Alègre

3.5 Eine Romanfigur von Martin Walser

4 Fallstudien aus der Erwachsenentherapie

4.1 Die zerstörerische Seite der Mutter (Erich)

4.2 Unter den Fittichen der Glucke (Heinrich)

4.3 Retter der Mutter (Michael)

4.4 Die Erektionsstörung von Wolfgang

4.5 Die Angst vor dem Erwachsenwerden (Paul)

4.6 Der ewige Student und das »Gras« (Björn)

4.7 Geheime Verbündete (Fritz)

5 Fallstudien aus der Kindertherapie

5.1 Peterle und der »Einmischer«

5.2 Manfred im Würgegriff der Mutter

5.3 Silvio »scheißt« ihr etwas

5.4 Die eifersüchtige Gottheit von Florian

5.5 Den Vater von Adolf auslöschen

5.6 Niko auf dem Weg zum Gewalttäter

Teil III. Zusammenfassung und Hypothesen zum Missbrauch

6 Typische Familienkonstellationen und ihre Folgen

6.1 Zwei idealtypische Familienkonstellationen

6.2 Spezifische Schäden des Missbrauchs

6.3 Spezifische methodische Probleme in der Psychotherapie

7 Historisch-gesellschaftlicher Hintergrund und Folgerungen

Literatur

Stichwortverzeichnis

Geleitwort

Ich freue mich, dass das Buch von Karl Haag eine Neuauflage erfährt. Der Autor ist nach langer Krankheit am 2.4.2008 in Freiburg gestorben. In Würdigung dieses bedeutenden Buches habe ich für seine zweite Auflage ein Geleitwort geschrieben.

Die Liebe einer Mutter zum Kind wird in der Kunst bis hin zum Sentimentalen und Kitschigen verklärt, mystifiziert und ideologisiert. Umso heftiger wird eine Kindsmörderin verdammt und verachtet. Die psychoanalytischen Theorien bewegen sich innerhalb dieser Dichotomie von einer guten und einer bösen Mutter. Und natürlich wird dieses Bild auch von den kollektiven Fantasien, vor allem jedoch von den Erfordernissen und Ansprüchen einer bestehenden Gesellschaft mit geformt.

Schon Sigmund Freud hat festgestellt, dass die Mutter das erste Liebesobjekt eines Kindes ist. Sie ist aber auch die erste Verführerin des Kindes, denn durch die notwendigen Pflegehandlungen werden unausweichlich auch die Genitalien stimuliert. Also ist die Mutter nicht nur eine, die das Kind nährt und pflegt, sondern das Kind ist auch ihrem Begehren ausgesetzt: Es erlebt seine Mutter im Spannungsfeld zwischen Ernähren und Begehren. Dies wird allerdings nur dann zum Problem werden, wenn die Paarbeziehung der Eltern gestört ist und sich unerfüllte unbewusste Wünsche der Mutter auf das Kind richten oder wenn es zu Übergriffen und realem Missbrauch kommt.

Über diese dunklen und überwiegend unbewussten Seiten der Mutter, die eigene Bedürfnisse befriedigen möchte, schreibt Karl Haag in seinem Buch. Dabei hat er sich auf die Mutter-Sohn-Beziehung konzentriert. Schon zu Beginn weist er darauf hin, dass es ihm fern liege, Mütter einmal mehr als Sündenböcke abzustempeln, die an allen Schwierigkeiten des Lebens Schuld trügen. Andererseits sieht es der Autor als notwendig an, auf die Gefahren zu verweisen, die zu enge Mutter-Sohn-Beziehungen mit sich brächten, vor allem dann, wenn der Vater nicht ausreichend präsent ist oder gänzlich fehlt. Hier ist Haag eindeutig: Mütterliche Übergriffigkeit, enge inzestuöse Beziehungen zum Sohn, die Rolle des Sohnes als Partner, das ist niemals Liebe, sondern Missbrauch von Beziehung.

Es ist jedoch nicht allein die Verletzung von Inzestgrenzen mit sexueller Übergriffigkeit, die zu massiver Symptomatik und Beziehungsstörungen führen kann. Haag geht auch auf den emotionalen Missbrauch ein. Dabei spielt vor allem die Missachtung von Generationengrenzen eine wesentliche Rolle, wenn etwa eine Mutter ihre intimen Probleme mit ihrem Sohn bespricht, wie das heute nicht selten der Fall ist. Darum ist sein Buch so wegweisend, weil er damit die größten Problembereiche deutlich werden lässt, die wir heute in der Erziehung und bei der Entstehung von psychischen Störungen haben: Die Vernachlässigung aller Grenzen generell, was oft unter dem Deckmantel einer besonders ›modernen‹ Erziehung verläuft.

An den Anfang stellt Haag Beispiele aus der Geschichte, aus bildender Kunst und Literatur. Sein analytischer Blick lässt schon hier die zentralen Konflikte deutlich werden. Haag folgt einer klassischen psychoanalytischen Tradition und illustriert seine komplexen theoretischen Überlegungen mit eigenen eindrücklichen Fallstudien. Der Autor war promovierter Jurist, arbeitete als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, und er war auch Psychotherapeut für Erwachsene. Seine Fallbeispiele kommen daher aus beiden Therapiebereichen, was wiederum unterstreicht, wie wichtig sein Buch für alle Psychotherapeuten ist. Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten haben es mit aktuellen Störungen von Söhnen zu tun, die sich in zu großer symbiotischer Nähe zur Mutter befinden. Eine ursprünglich gute und hilfreiche Symbiose wird die Entwicklung eines Kindes nicht mehr fördern, wenn sie zu intensiv ist, zu lange dauert und lediglich unbewusste Wünsche der Mutter befriedigt. Vor allem wird das immer dann der Fall sein, wenn der Bezug zum Dritten, dem Vater nicht ausreichend wirksam werden kann, insbesondere, weil er von der Mutter verhindert wird. Dann bedeutet Symbiose Regression und Stillstand – die Männlichkeitsentwicklung des Jungen ist gefährdet. Weil sich der Sohn nicht von ihr lösen kann und in ihrem Einflussbereich verbleibt, kann er von der Mutter stimuliert und sexualisiert werden. Der Junge wird von seinen Phantasien aber auch geängstigt, und er sucht darum – nicht selten – verzweifelt, dem gefährlichen Bereich der Mutter zu entkommen. Die Folge ist eine destruktive Aggressivität der Mutter und allen Frauen gegenüber. Haag arbeitet aber auch in vielen Fallgeschichten die Folgen für den erwachsenen Mann heraus: Sehr häufig kommt es später zu großen Problemen, sich in eine Beziehung mit einer erwachsenen Frau einzulassen und zu Störungen der Sexualität.

Haags Buch enthält eine Fülle anregender Gedanken, von denen viele neu sind und zu produktivem Weiterdenken verleiten. Seine Bedeutung ist vielleicht noch nicht ausreichend erkannt worden. Es ist auf alle Fälle allen Psychotherapeuten zu empfehlen, dank seiner ausgezeichneten Lesbarkeit aber auch allen Nachbardisziplinen, Ärzten und Pädagogen sowie interessierten Laien.

Mundelsheim, im April 2015

Hans Hopf

Teil ITheoretischer Rahmen

1 Einführung in das Thema

1.1 Meine Motivation

Vor ca. 20 Jahren kam das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern auf – wie üblich ausgehend von den USA – und nahm auch in Deutschland einen zunehmend breiten Raum ein, und zwar sowohl in der psychologischen Literatur wie auch in den Massenmedien. Früher war dieses Thema offenbar weitgehend tabuisiert worden, sodass nur wenige Fälle von Kindesmissbrauch öffentlich bekannt geworden waren. Mit der zunehmenden öffentlichen Diskussion begann auch die Forschung, sich mehr für das Thema zu interessieren. Es wurde sichtbar, dass das Phänomen des sexuellen Missbrauchs von Kindern sehr viel verbreiteter ist als früher angenommen. Es entstanden zahlreiche private Initiativen – meist von feministisch orientierten Frauen –, die Hilfe für die Opfer sexuellen Missbrauchs anboten.

Dabei ging es zuerst und für lange Zeit ausschließlich um den sexuellen Missbrauch von Mädchen. Es stellte sich heraus, dass die fast ausschließlich männlichen Täter1 meist aus dem familiären und sozialen Umfeld der Opfer stammen. In der Öffentlichkeit wurden häufig die Väter beschuldigt, obwohl nach heutigen Angaben nur 2–3 % der Mädchen von ihren leiblichen Vätern missbraucht wurden. Auch die Anwendung von physischer Gewalt scheint häufig vorzukommen (vgl. Engfer, zit. n. Egle, Hoffmann & Joraschky, 2005, S. 15). Das waren alles schockierende Tatsachen, die das Bild der heilen Familie schwer erschütterten.

In der sich über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckenden Arbeit in meiner psychotherapeutischen Praxis bin ich häufig auf andere Formen von Missbrauch als den sexuellen Missbrauch im engeren Sinne gestoßen, die ebenfalls schwere Störungen nach sich ziehen. Dazu zwei Beispiele. Eine 38-jährige Patienten erzählte mir, dass ihre Mutter vor zehn Jahren, als sie – die Tochter – erstmals allein in Urlaub fahren wollte, zu ihr gesagt hatte: »Wenn du ohne mich in Urlaub fährst, bringe ich mich um!« Die Tochter fuhr trotzdem allein in Urlaub, und die Mutter beging tatsächlich Selbstmord. Die Tochter erkrankte an einer schweren wiederkehrenden Depression.

In einem anderen Beispiel besprach eine geschiedene allein erziehende Mutter alle ihre persönlichen, emotionalen Probleme mit ihrem pubertierenden Sohn, einschließlich ihrer Probleme mit ihrem Liebhaber. Zudem erwartete sie von ihrem Sohn, dass er den geschiedenen Ehemann – seinen Vater – als Bösewicht behandelte, der an allen ihren Schwierigkeiten schuld sei. Der Sohn hatte später als Erwachsener nicht nur eine depressive Störung, sondern insbesondere in seiner Intimbeziehung beträchtliche sexuelle und emotionale Probleme.

In beiden Fällen handelt es sich unzweideutig um einen Missbrauch, aber um eine Form von Missbrauch, der weder auf physischer Gewalt beruht noch einen sexuellen Inhalt hat, zumindest keinen offenkundigen. (Im zweiten Beispiel kann durchaus eine untergründige erotische Beziehung zwischen Mutter und Sohn bestehen). Die Kinder werden vermöge ihrer emotionalen Beziehung zur Mutter manipuliert und benutzt, deshalb spreche ich von einem emotionalen Missbrauch. Es ist bemerkenswert, dass der so thematisierte emotionale Missbrauch bis heute selbst in einer so breit und fundiert angelegten Untersuchung wie der von Egle-Hoffmann-Joraschky zum Thema »Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung« bestenfalls am Rande als »psychische Formen der Misshandlung« in das Blickfeld gerät (Engfer, zit. n. Egle, Hoffmann & Joraschky, 2005, S. 6).

Im Verlaufe meiner weiteren Untersuchung präzisierte ich die Fragestellung nach dem emotionalen Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung. Mögliche sexuelle Missbräuche in der Mutter-Sohn-Beziehung hatte ich ursprünglich als quantitativ vernachlässigbar konzediert und mich gar nicht erst damit beschäftigt. Bei der Lektüre der Mütterbefragung von Amendt (1994) begann ich zu ahnen, dass auch ich noch einige Aspekte des Themas verdrängt haben könnte. Durch den verengten Blickwinkel, – nämlich auf das genitale Primat bei der Sexualität und die Einengung auf den emotionalen Missbrauch, – hatte ich weitgehend die Sexualität aus der Mutter-Sohn-Beziehung eliminiert. Ich begann, meine Untersuchung auf die subtileren Formen von erotischen und sexuellen Verstrickungen zwischen Müttern und Söhnen zu erweitern.

Warum habe ich mich thematisch auf das Verhältnis von Müttern und Söhnen beschränkt? Ich sehe durchaus, dass fast alle beschriebenen Formen von Verstrickung und Missbrauch auch zwischen Vätern und Töchtern vorkommen (wenn auch nicht unbedingt in der gleichen Häufigkeit), viele Formen auch zwischen Müttern und Töchtern und zwischen Vätern und Söhnen. Ich habe mehrere Gründe für diese Beschränkung. Als persönlicher Grund zählt mein spezifisches Interesse als Sohn. Dazu kommen gewichtige sachliche Gründe: Zum Mutter-Sohn-Verhältnis gibt es bisher nur wenige Untersuchungen; da herrscht mehr Ideologie als Sachkenntnis, mehr Tabuisierung als Einsicht.

Der Titel meines Buches ist eine ironische Anspielung auf das bekannte Buch von Robin Norwood, »Wenn Frauen zu sehr lieben«, das vor ca. 20 Jahren zuerst in Amerika, dann bei uns einiges Aufsehen erregte (Norwood, 1986). Norwood behandelt darin das (selbst)destruktive Verhalten von Frauen in ihren Partnerbeziehungen, die als Kinder von Mutter oder Vater emotional oder sexuell missbraucht wurden.2 Es handelt sich also grundsätzlich um das gleiche Thema wie in meiner Untersuchung, allerdings in Bezug auf Töchter und mit Fokus auf die Verhaltensweisen der erwachsenen Frauen.

Schon der Untertitel von Norwood, »Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden«, stellt klar, dass es sich nicht um wirkliche Liebe, sondern um eine Abhängigkeit handelt. An Liebe kann es nicht zu viel geben, weder in der Partnerbeziehung noch in der Eltern-Kind-Beziehung noch in sonstiger Hinsicht. Meister Eckehart drückte das vor 700 Jahren so aus: »Lebte ein Mensch tausend Jahre, er könnte immer noch zunehmen an Liebe«.3 Deshalb kann es nicht zu viel Mutterliebe geben, sondern nur ein Übermaß der gesellschaftlich sehr verbreiteten Formen von falsch verstandener »Mutterliebe«, die ich in den folgenden Kapiteln ausführlicher darstelle.4

1.2 Meine Haltung zum Thema

Bei der Haltung zum Thema des Kindesmissbrauchs muss man unterscheiden zwischen der Haltung in einer wissenschaftlichen Untersuchung und der Haltung in der Therapie von Betroffenen. In einer wissenschaftlichen Untersuchung zu diesem Thema kann nichts anderes gelten als sonst in der Wissenschaft, nämlich eine Haltung von Objektivität und Sachlichkeit. Moralische Bewertungen haben darin nichts zu suchen. Es geht weder um Anklage noch um Verurteilung, sondern um die Erforschung von Ursachen und Wirkungen, um das Verstehen und die Aufklärung von Zusammenhängen. Ein Ausdruck von menschlicher Betroffenheit steht dazu nicht in Widerspruch.

In der vorliegenden Untersuchung kommt es mir insbesondere nicht darauf an, die Mütter einmal mehr als Sündenböcke abzustempeln, die an allen Schwierigkeiten des Lebens die Schuld tragen, wie dies schon früher als Folge der Popularisierung psychoanalytischer Einsichten über den Ursprung von Störungen in der Mutter-Kind-Beziehung häufig der Fall war und noch verbreitet ist. Das schmeichelt möglicherweise dem Machtgefühl der Mütter, weil ihnen damit ein unvergleichlicher Einfluss auf das Schicksal ihrer Kinder zugeschrieben wird. Andererseits wurde und wird diese Begründung häufig von den (erwachsenen) Kindern benutzt, um die Verantwortung für ihr eigenes Leben abzuwälzen.

Meine Haltung in der Psychotherapie von Betroffenen oder Beteiligten des Kindesmissbrauchs ist sehr viel komplexer. Hier kann ich mich nicht objektiv und neutral verhalten, sondern stehe mit Verständnis und Mitgefühl auf der Seite meines Patienten (wie auch sonst in der Therapie).5 Dabei enthalte ich mich aller moralischen Bewertungen, sowohl aufgrund meiner eigenen moralischen Maßstäbe wie auch aufgrund derer des Patienten. Wenn der Patient in seiner Kindheit ein Opfer von Missbrauch oder Misshandlung war und wenn er mit seinem Schmerz, seiner Entrüstung und seiner Wut in Kontakt kommt, so teile ich seine Entrüstung und anerkenne, dass ihm Unrecht geschehen ist, ohne selbst den »Übeltäter« zu kritisieren oder zu verurteilen. Trotz seiner Wut hat er noch eine Bindung an den betreffenden Elternteil und könnte sich durch meine Kritik an diesem Elternteil verletzt oder bevormundet fühlen.

Schwieriger kann sich die Situation für mich gestalten, wenn der Patient selbst das eigene Kind (oder andere Kinder) missbraucht hat oder aktuell noch missbraucht. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die die Therapie von solchen »Tätern« ablehnen – das ist ihr gutes Recht – oder die strenge Bedingungen aufstellen, was dann die Therapie möglicherweise erschwert oder ganz blockiert. Es gilt in dieser Konstellation nichts anderes als sonst in der Therapie, auch wenn es manchmal schwerer fallen mag auf der Seite meines Patienten zu stehen. Eine Kritik oder sonstige Bewertung seines Verhaltens gegenüber seinen Kindern steht mir nicht zu und könnte dazu führen, dass er sich verschließt und damit die Therapie blockiert oder ganz abbricht. Wenn die Therapie erfolgreich verläuft, wird er sein destruktives Verhalten von sich aus beenden.

In der Vergangenheit wurde die öffentliche Diskussion über den sexuellen Missbrauch häufig von einer mehr oder weniger stark moralisierenden Haltung geprägt. Die Entrüstung und der Abscheu über das Ungeheuerliche standen im Vordergrund. Das ist menschlich verständlich, aber die Frage muss erlaubt sein, ob und in welcher Hinsicht die moralische Entrüstung hilfreich ist. Die Boulevardpresse macht mit der Entrüstung ihre Geschäfte. Doch schon ein Staatsanwalt, der bei einem sexuellen Missbrauch Anklage erhebt, hat eine andere Aufgabe als sich moralisch zu entrüsten: er kann das Gesetz nur dann richtig anwenden, wenn er eine gewisse Distanz zu seinen Gefühlen und zu seinen eigenen moralischen Bewertungen einhält.

Auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben sich häufig genug in moralisierenden Betrachtungen ergangen.6 Das häufig gebrauchte Wort »Seelenmord« für Inzest ist ein Beispiel dafür.7 Vom sachlichen Inhalt her ist »Seelenmord« ein sinnloser Ausdruck, denn wenn die Seele ermordet wäre, wäre sie nicht mehr am Leben, d. h. der Mensch wäre tot. Das soll damit nun gerade nicht ausgedrückt werden, sondern das Wort »Mord« soll andeuten, dass es sich um die verwerflichste Kategorie von Verhalten überhaupt handelt.

Aus psychodynamischer Sicht sind Entrüstung und Abscheu psychische Abwehrmechanismen. Sie haben die Funktion, den Schmerz über die erlittene Verletzung – genauer: das Ausgeliefertsein an den Schmerz – zu vermeiden oder zu mildern. Die moralische Entrüstung ist eine Form von Aggression, eine Art »Gegenangriff«. Als solcher geht er ins Leere, wenn die Verletzung schon passiert ist. In der Psychotherapie ist die moralische Entrüstung kontraindiziert. Stattdessen muss sich der Patient mit Unterstützung des Therapeuten dem Schmerz stellen, um ihn zu verarbeiten und um eine Heilung der Verletzung zu ermöglichen.

Im Hinblick auf eine schon erlittene Verletzung stellt die moralische Entrüstung ein Vermeidungsverhalten dar. Unter soziologischem Blickwinkel kann ihr allerdings eine andere Funktion zukommen: nämlich als Mittel der sozialen Kontrolle. Das wäre dann der Fall, wenn einzelne Menschen aus Angst vor der moralischen Entrüstung anderer Mitglieder der Gesellschaft ein bestimmtes missbilligtes Verhalten – in unserem Zusammenhang den Missbrauch – unterlassen würden. In welchem Kontext diese Form von sozialer Kontrolle wirkt, lasse ich hier dahingestellt. Das zu untersuchen ist nicht meine Aufgabe.

Ein Psychotherapeut, der sich in der Therapie moralisch entrüstet, hilft damit seinen Patienten nicht, im Gegenteil: Er schadet ihnen.

In entsprechender Weise sind die Rolle des Therapeuten und die Rolle des Verfolgers unvereinbar. Mit »Verfolgung« meine ich nicht nur die Strafverfolgung, sondern jedes Verhalten, das darauf abzielt, staatliche oder gesellschaftliche Instanzen zum Einschreiten gegen »Täter« eines Missbrauchs zu veranlassen. Es würde in diesem Sinne zur »Verfolgung« gehören, wenn ein Therapeut, der im Rahmen einer Kindertherapie von einem Kindesmissbrauch erfahren hat, darüber einen Bericht an das Jugendamt schreibt, der zum Beispiel das Jugendamt zu einem Antrag auf Entzug des Sorgerechts veranlassen könnte. Man muss sich klar entscheiden, welche Rolle man einnimmt. Allerdings gibt es auch hier Grenzfälle, in denen aufgrund einer Güterabwägung ein Einschreiten unabweisbar ist, wenn z. B. das Leben bedroht ist oder schwere Gesundheitsschäden bevorstehen.

Schließlich halte ich es auch für ungünstig, dass manche Vereine oder Institutionen den Opfern eines Missbrauchs sowohl Hilfe bei der Strafverfolgung als auch Psychotherapie anbieten. Beides sollte institutionell klar getrennt sein.

1.3 Adressatenkreis und Zielrichtung

Das Buch richtet sich in erster Linie an meine psychotherapeutischen Fachkolleginnen und Fachkollegen, des weiteren an Ärzte, Psychologen, Pädagogen und Sozialpädagogen, die beruflich mit Familien, Kindern und Jugendlichen zu tun haben (z. B. Jugendämter), nicht zuletzt auch an Familienjuristen, die mit Fragen des Sorgerechts, Umgangsrechts usw. befasst sind. Ich bemühe mich aber auch, für interessierte Laien verständlich zu sein. Mein generelles Ziel ist Aufklärung und Verständnis von bisher übersehenen, verdrängten oder verleugneten Zusammenhängen.

In der Psychotherapie geht es mir vor allem darum, den Blickwinkel der therapeutischen Betrachtung zu erweitern. Nun könnte man sagen, dass jeder Therapeut, der aufmerksam und unvoreingenommen an die Dinge herangeht, schon von selbst die geschilderten Zusammenhänge – so weit sie vorliegen – aufdecken wird. Das mag sein und ist vermutlich auch mehr oder weniger häufig der Fall. Wollte man aber ausschließlich diese Einstellung zugrunde legen, so bräuchte man eigentlich gar keine psychologische Theorie in der psychotherapeutischen Behandlung.

Grundsätzlich ist jede Wahrnehmung von kognitiven Konstrukten geleitet – auch die psychotherapeutische Wahrnehmung. Das, wovon wir keine Begriffe und Kategorien haben, werden wir leichter zu übersehen geneigt sein. Hinzu kommt der sehr viel gravierendere Aspekt, dass das hier untersuchte Thema in vielfältiger Hinsicht emotional stark aufgeladen ist. Es dürfte schwer möglich sein, einfach nur aufmerksam und unvoreingenommen an die betreffenden Sachverhalte heranzugehen. Eine bewusste Aufarbeitung der Thematik – einschließlich unserer eigenen persönlichen Verstrickungen – erscheint mir deshalb für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten unumgänglich.

1.4 Therapeutischer Ansatz

Ich propagiere in diesem Buch keinen bestimmten therapeutischen Ansatz, schon gar nicht eine bestimmte Therapieschule. Es geht mir in erster Linie um die Aufklärung von psychischen und sozialen Zusammenhängen. Die Diskussion von therapeutischen Ansätzen und Therapierichtungen würde von meinem eigentlichen Thema nur ablenken. Ich bin der Meinung, dass man zur Behandlung der Folgen von Missbrauch grundsätzlich keinen speziellen therapeutischen Ansatz oder spezielle Therapiemethoden braucht.

Allerdings kann und will ich nicht verbergen, dass ich aufgrund einer bestimmten Therapierichtung – bzw. mehrerer Therapierichtungen – praktisch arbeite. Deshalb halte ich es für besser, vorweg darauf hinzuweisen. Meine ursprüngliche Therapieausbildung habe ich in Gestalttherapie absolviert. Parallel dazu lief eine Ausbildung in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie auf der Basis der Selbstpsychologie und Objekt-Beziehungs-Theorie. Später kam eine Fortbildung in Verhaltenstherapie hinzu, wobei ich die kognitive Verhaltenstherapie dauerhaft in meine Arbeit integriert habe. Schließlich habe ich noch vieles aus der systemischen Familientherapie gelernt. Im Rahmen meiner Kassenzulassung arbeite ich vor allem tiefenpsychologisch.

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass ich einen methodenübergreifenden Ansatz vertrete. Damit meine ich nicht eine willkürliche Sammlung verschiedener Methoden. Ich bin der Meinung, dass es einen Kernbestand von psychotherapeutischen Einsichten, Haltungen und Vorgehensweisen gibt, die unabhängig von einer bestimmten Richtung oder Schule sind bzw. die allen Richtungen und Schulen gemeinsam sind, die den Namen Psychotherapie verdienen. Allerdings formuliert jede Richtung oder Schule diesen Kernbestand in einem eigenen Denk- und Sprachsystem, das in der Regel nur diejenigen verstehen, die darin eine Ausbildung erhalten haben.

1.5 Forschungsansatz

Meine Untersuchung basiert schwerpunktmäßig auf Einzelfallstudien aus meiner psychotherapeutischen Praxis. Vorangestellt habe ich einige Studien aus Geschichte, Zeitgeschehen und Literatur. Der Umfang meiner Fallstudien resultiert daraus, dass es sich nach meiner Intention nicht bloß um beispielhafte Illustrationen von theoretischen Zusammenhängen, sondern um empirische Belege handelt. Das bedeutet, dass die theoretischen Zusammenhänge anhand meines Materials nicht bloß veranschaulicht werden, sondern auch empirisch überprüfbar sein sollen. Inwieweit diese Absicht verwirklicht werden konnte, muss der Leser entscheiden.

Eine direkte Anwendung von empirisch-statistischen Kriterien ist wegen der zu geringen Anzahl der Fälle nicht möglich. Ich kann also keine Aussagen über Häufigkeit und Verbreitung ableiten. Allerdings gibt es durch die beiden Erhebungen von Amendt eine Verbindung zur statistisch repräsentativen Seite. Einige Ergebnisse der Untersuchungen von Amendt tauchen auch in meiner Untersuchung auf, sodass hier durchaus Rückschlüsse auf Häufigkeiten möglich sind.

Beispiel: 53,7 % der von Amendt befragten Männer waren als Kinder/Jugendliche der geheime Vertraute ihrer Mutter (Amendt 1999, S. 62). Bei meinen Patienten taucht diese Figur des Sohnes als geheimer Vertrauter der Mutter ebenfalls öfter auf. Es handelt sich also bei diesen Fallstudien um Repräsentanten von ca. der Hälfte aller Männer. Das bedeutet, dass man meine diesbezüglichen Ergebnisse nicht als Ausnahmen abtun kann, sondern als Massenphänomen betrachten muss (was man bei breiter klinischer Erfahrung allerdings schon weiß).

Hinzu kommt, dass die Einzelfallstudien eine gründlichere Durchdringung und ein sehr viel tieferes Verständnis der Zusammenhänge ermöglichen als rein statistische Erhebungen, (deren Wert ich im Übrigen keineswegs bestreiten will). In den klinischen Studien gebe ich zudem einen Einblick in den Prozessablauf der Psychotherapie, aus dem Anregungen und Hilfestellungen für Behandlungen entnommen werden können.

1.6 Auswahl der Fälle

Da ich in meiner Praxis sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern und Jugendlichen arbeite, bin ich in der günstigen Lage, die Tatbestände des Missbrauchs aus den verschiedensten Perspektiven des Familiensystems (Eltern, Partner, Kinder) wahrnehmen und bearbeiten zu können. Ich konnte mich schon in jede Rolle oder Situation versetzen – des missbrauchten Kindes, der missbrauchenden Mutter, des haltlosen Vaters (auch des missbrauchenden Vaters, der hier nicht Thema ist) usw.

In der Erwachsenentherapie geht es meistens um die retrospektive Aufdeckung in der Kindheit des Patienten. Ich habe für die folgende Darstellung Behandlungen ausgewählt, die lange begonnen und meist beendet waren, bevor ich auf die Idee kam, ein Buch über dieses Thema zu schreiben. In selteneren Fällen ging es in der Erwachsenentherapie auch um das aktuelle oder zurückliegende Verhältnis der Patientin zu ihren eigenen Kindern.

Ein weiterer Schwerpunkt sind die Fallstudien aus der Kindertherapie. Hier ging es nicht um die rückblickende Aufdeckung, sondern um die Arbeit an einem aktuellen Geschehen zwischen Eltern und Kindern. Bei der Arbeit mit den Eltern kamen auch häufig deren eigene Missbrauchsgeschichten aus ihren Herkunftsfamilien zum Vorschein.

Was die Schwere der Fälle angeht, so hätte ich in noch größerer Anzahl drastische und gravierende Missbrauchsgeschichten präsentieren können. Mein Interesse gilt aber mindestens genauso den ganz subtilen Verstrickungen, die nur schwer wahrnehmbar sind, die aber dennoch schwerwiegende Folgen haben können. Ich habe mich deshalb bemüht, die Fallstudien exemplarisch so auszuwählen, dass sie möglichst das ganze Spektrum der möglichen Konstellationen von Missbrauch abdecken.

1.7 Aufbau

Im zweiten Kapitel des ersten Teils unterscheide ich anhand meines Erfahrungsmaterials verschiedene Formen des Missbrauchs. Ich zitiere einige Autoren zum Thema, die mir bahnbrechend erscheinen. Es ging mir nicht um eine möglichst vollständige Erwähnung der Literatur, die sich generell mit dem Thema des Missbrauchs beschäftigt, sondern Schwerpunkt dieser Studie sollten meine eigenen Erfahrungen, mein eigenes empirisches Material sein.

Innerhalb der verschiedenen Formen des Missbrauchs habe ich den Schwerpunkt eindeutig auf den inzestuösen Missbrauch gelegt, da hier noch die meisten Tabuisierungen und Verdrängungen stattfinden. Ein zweiter Schwerpunkt ist der von mir so genannte symbiotische Missbrauch, zum einen wegen der Häufigkeit des Vorkommens, zum andern, weil ich diese Form in der bisherigen Literatur kaum gefunden habe.

Im zweiten Teil folgen die Fallstudien, unterteilt nach den verschiedenen Quellen: aus Geschichte, Zeitgeschehen und Literatur (drittes Kapitel), aus der Erwachsenentherapie (viertes Kapitel) und aus der Kindertherapie (fünftes Kapitel).

Im dritten Teil unternehme ich den Versuch, einige Verallgemeinerungen und Hypothesen zu bilden sowie Folgerungen zu ziehen. Zuerst versuche ich, zwei typische Konstellationen des Missbrauchs im Familiensystem herauszuarbeiten. Dann diskutiere ich die zugehörige Dynamik und stelle eine Reihe von Hypothesen über die Folgen des Missbrauchs auf. Es folgt die Frage nach spezifischen methodischen oder technischen Problemen bei der Behandlung des Missbrauchs.

Zum Schluss werfe ich noch einen Blick auf die historisch-gesellschaftliche Einordnung des Phänomens des mütterlichen Missbrauchs von Söhnen. Es ist mir klar, dass dieser Aspekt eine eigene Untersuchung wert wäre, die ich an dieser Stelle nicht leisten konnte. Ich wollte aber auch nicht ganz darauf verzichten, da mir dieser Aspekt zu interessant erscheint.

2 Formen des Missbrauchs

Die folgenden Begriffsbestimmungen und begrifflichen Unterscheidungen sagen nichts über das »Wesen« des Missbrauchs aus. Sie haben lediglich eine denkökonomische Funktion, d. h. sie dienen dazu, das vorhandene Material zu ordnen und in eine übersichtliche Form zu bringen. Man könnte auch andere Definitionen und Unterscheidungen treffen und danach das Material anders ordnen. Man sollte sich nicht über die »Richtigkeit« von Definitionen streiten, höchstens über deren Zweckmäßigkeit.

In allen Formen des Missbrauchs erwartet ein Elternteil von seinem Kind ein Verhalten, welches seiner Position als Kind dieses Elternteils nicht gemäß ist. Fasst man ein Geflecht von Erwartungen im Begriff der Rolle zusammen, so könnte man formulieren, dass der Missbrauch in der Zuweisung einer Rolle besteht, die dem Adressaten als Kind dieser Eltern nicht gemäß ist.

Es liegt auf der Hand, dass die Anschauungen darüber, was der Position oder der Rolle eines Kindes »gemäß« ist, sich historisch verändern können und sich auch tatsächlich verändert haben. Aus heutiger Sicht ist es der Position eines Kindes nicht gemäß, zu außerhalb seiner selbst liegenden Zwecken benutzt zu werden. Missbrauch liegt dann vor, wenn ein Elternteil sein Kind zu Zwecken benutzt, die in erster Linie nicht im Interesse und Bedürfnis des Kindes liegen, sondern der Befriedigung der Interessen und Bedürfnisse des Elternteils dienen, z. B. den Elternteil von seinen eigenen Konfliktspannungen zu entlasten.

Was nun im Interesse und Bedürfnis des Kindes liegt bzw. nicht liegt, kann nicht abschließend bestimmt werden, ist also selbst noch ausfüllungsbedürftig. Nach unserer heutigen Auffassung dürfte alles das nicht im Interesse und Bedürfnis des Kindes liegen, was seine Entwicklung zu einer unabhängigen, selbständigen, verantwortlichen und liebevollen Persönlichkeit behindert oder schädigt.

Für den Sachverhalt des Missbrauchs kommt es nicht darauf an, ob die Vorstellungen und Erwartungen dem betreffenden Elternteil bewusst sind oder nicht; in aller Regel werden sie nicht bewusst sein, sondern verdrängten inneren Konflikten entspringen. Für den Begriff des Missbrauchs ist es auch nicht maßgeblich, ob das Kind mit dem Verhalten des Elternteils einverstanden ist oder nicht, ob es mitspielt oder nicht. In vielen Fällen der Verführung wird nämlich das Kind bereitwillig mitspielen.

In allen Fällen, in denen das Kind nicht bloß passives Objekt eines elterlichen Missbrauchs ist, sondern in irgendeiner Weise mitspielt, z. B. auf die elterliche Verführung eingeht oder eventuell sogar die Initiative ergreift, bietet sich der Begriff der Verstrickung zwischen Elternteil und Kind an. Ich verwende zwar öfter die Begriffe der Verstrickung und des Missbrauches nebeneinander, halte aber am Missbrauch als Oberbegriff fest. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind ist keine Beziehung zwischen Gleichen. Auch wenn das Kind »mitspielt«, hat es keine freie Wahl. Die Verantwortung liegt beim Elternteil. Der Begriff der Verstrickung verdunkelt insofern den eigentlichen Sachverhalt, nämlich den Missbrauch, weil mit »Verstrickung« eine gleichwertige Beteiligung der verstrickten Personen insinuiert wird.

Ich unterscheide anhand meiner Erfahrungen und meines aufgearbeiteten Materials fünf Formen des Missbrauchs.

1. Ein Elternteil erwartet vom Kind, dass es in gewisser Hinsicht die Rolle oder Funktion des Intimpartners übernimmt und die erotischen oder sexuellen Bedürfnisse des Elternteils im weitesten Sinne erfüllt. Der Elternteil richtet seine erotischen bzw. sexuellen Bedürfnisse – ganz oder teilweise – auf das Kind. Nach dieser Definition ist es nicht erforderlich, dass ein Geschlechtsverkehr oder überhaupt offenkundige sexuelle Handlungen zwischen Eltern und Kind stattfinden. Die erotischen oder sexuellen Wünsche und Bedürfnisse des Elternteils brauchen gar nicht direkt geäußert, ja diesem noch nicht einmal bewusst zu sein. Sie können sich in Zärtlichkeiten, Seufzern und sonstigen subtilen Formen, aber auch in ganz anders gearteten Handlungen manifestieren, wie z. B. in der Körperpflege oder in Strafen, denen die sexuelle Motivation äußerlich nicht anzusehen ist.

Ich habe bewusst formuliert, dass die Partnerrolle nur in gewisser Hinsicht, nur in gewissen Aspekten dem Kind angetragen wird. Dazu gehört normalerweise nicht, dass der Elternteil das Kind als gleichberechtigt betrachtet, sondern er behält mehr oder weniger die Kontrolle. Wenn der Elternteil bereit wäre, eine Beziehung unter Gleichen aufzubauen, so könnte er sich gleich einem erwachsenen Partner zuwenden. Stattdessen nimmt er das Kind, weil es ihm grundsätzlich unterlegen und von ihm abhängig ist und weil er es deshalb besser kontrollieren kann.

Bei dieser Form des Missbrauchs gibt es große geschlechtsspezifische Unterschiede, auf die ich noch ausführlicher eingehen werde.

2. Ein Elternteil erwartet vom Kind, dass es in gewisser Hinsicht die Rolle oder Funktion von Eltern übernimmt. Das bedeutet im Wesentlichen, dass das Kind dem Erwachsenen die unbedingte Zuwendung und Akzeptanz, die Geborgenheit und den Halt, die Einfühlung und Resonanz geben soll, die normalerweise Kinder von ihren Eltern erhalten. Diese Form des Missbrauchs wird in der Familientherapie Parentifizierung genannt. Die Zuordnung der Elternfunktion erfolgt natürlich nicht in der Hinsicht, dass dem Kind eine übergeordnete elterliche Autorität zuerkannt wird, da der Elternteil – ebenso wie im Fall der Partnerrolle – die Kontrolle behalten will.

Solche Erwartungen dürften bei Müttern und Vätern in gleicher Weise vorkommen. Ich gehe von der Hypothese aus (die allerdings noch weiter zu überprüfen wäre), dass es bei dieser Form keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

3. Ein Elternteil erwartet vom Kind, dass es die symbiotischen Bedürfnisse, Wünsche und Phantasien des Erwachsenen erfüllt. Darunter verstehe ich Wünsche und Phantasien einer Person, mit einer anderen Person zu verschmelzen und eins zu sein. Der Elternteil differenziert nicht oder nicht hinreichend zwischen sich und dem Kind, sondern betrachtet das Kind als Anhängsel oder Fortsatz seines eigenen Selbst, eventuell sogar seines eigenen Körpers. Der Elternteil erlaubt dem Kind nicht, sich im Rahmen seiner normalen Entwicklung von den Eltern allmählich zu lösen und seinen eigenen Weg zu gehen.

Diese Form betrifft ganz überwiegend Mütter. In selteneren Fällen habe ich sie auch bei Vätern in Beziehung zu ihren Töchtern bemerkt, wobei der inzestuöse Aspekt sicher ebenfalls eine Rolle gespielt hat. Nach meiner Beobachtung können Jungen wie Mädchen gleichermaßen von ihren Müttern zum symbiotischen Objekt gemacht werden, Töchter vielleicht sogar häufiger, weil bei den Söhnen der Geschlechtsunterschied die Differenzierung zur Mutter fördert. Bei den Söhnen dürfte häufig eine libidinöse Verstrickung hinzukommen.

Man könnte den symbiotischen Missbrauch als eine Form von narzisstischem Missbrauch bezeichnen, da dabei das eigene Selbst des Elternteils über die eigene Person hinaus erweitert wird. Die im folgenden Abschnitt beschriebene Rollenzuweisung an das Kind, dem Leben der Eltern einen Sinn zu geben, wäre ebenfalls eine Form von narzisstischem Missbrauch. Ich vermeide den Begriff des Narzissmus in meiner Systematik, weil er mir zu vieldeutig und schillernd erscheint.

4. Ein Elternteil erwartet vom Kind, dass es seine – des Elternteils – Lebensaufgaben und Lebensziele erfüllt und seinem Leben einen Sinn gibt. Solche Lebensziele können zum Beispiel sein: politische Macht (Beispiel: Katharina von Medici), literarischer Ruhm (Beispiel: Elias Canetti), Geld und sozialer Einfluss usw.

Allgemeiner könnte man formulieren: das Kind soll die Defizite und Traumata der Eltern, die diese in ihrem Leben erlitten und nicht bewältigt haben, in seinem eigenen Leben kompensieren. Die Eltern delegieren eine unerledigte Aufgabe ihres Lebens an das Kind.

Eine solche Delegation wird meist hinter einer edlen Absicht versteckt. Zum Beispiel will die Mutter, dass ihr Kind es einmal besser haben soll als sie selbst, die keinen Hauptschulabschluss und deshalb schlechte berufliche Chancen hat. Oder die Mutter hatte ein unglückliches Leben in ihrer Kindheit und Jugend und sie will, dass ihre Kinder ein glückliches Leben führen sollen (Beispiel: Björn). Hinter der edlen Absicht steht aber die unerledigte Aufgabe aus dem Leben des Elternteils, die nun das Kind bewältigen oder kompensieren soll: ein durchaus eigennütziges Motiv des Elternteils, das die Freiheit des Kindes zur Gestaltung seines eigenen Lebens mehr oder weniger beschneidet, manchmal gänzlich vernichtet.

Grundsätzlich dürfte diese Form von Missbrauch bei beiden Geschlechtern gleichermaßen vorkommen – allerdings mit unterschiedlichen Inhalten. Genauere Untersuchungen stehen aus. Es ist jedoch naheliegend, dass bestimmte Inhalte, z. B. beruflicher Erfolg, häufiger von Müttern als von Vätern auf ihre Kinder projeziert werden, weil und soweit sie als Frauen geringere gesellschaftliche Chancen haben, bestimmte berufliche oder gesellschaftliche Erfolge zu erreichen. Als ein krasses Beispiel hierfür kann man Katharina von Medici betrachten, die es nicht nötig gehabt hätte, ihre Söhne zur Herrschaft zu benutzen, wenn sie selbst französische Königin hätte werden können, was aber auf Grund des patriarchalischen Thronfolgerechts in Frankreich nicht möglich war.

5. Eine weitere Form des Missbrauchs besteht darin, dass ein Elternteil ein Kind als Waffe im Konflikt mit dem andern Elternteil benutzt. Eine Instrumentalisierung des Kindes im Paarkonflikt liegt vor, wenn ein Elternteil versucht, das Kind als Verbündeten gegen den andern Elternteil auf seine Seite zu ziehen, seine Unterstützung im Ehestreit zu erlangen, das Kind gegen den andern Elternteil einzunehmen, es ihm zu entfremden usw.

Die Instrumentalisierung des Kindes im Paarkonflikt kann – und wird vermutlich häufig – mit dem Missbrauch des Kindes als Partnerersatz zusammenfallen. Die Familientherapeutin Satir hält es sogar für das eigentliche Motiv des inzestuösen Missbrauchs, nämlich dass ein Elternteil das gegengeschlechtliche Kind erotisch deshalb verführt, um es im Paarkonflikt auf seine Seite zu ziehen (1973, S. 75). Diese Konstellation kommt sicher vor, aber ich halte sie nicht für den hauptsächlichen oder gar alleinigen Grund des inzestuösen Missbrauchs. Allerdings ist es richtig, dass die Paarbeziehung immer gestört ist, wenn ein Elternteil ein Kind inzestuös missbraucht.

Ein Elternteil kann jedoch auch das gleichgeschlechtliche Kind zum Verbündeten zu gewinnen oder gar eine symbiotische Einheit mit dem Kind gegen den Partner herzustellen versuchen.

Setzt sich der Ehe- oder Paarkonflikt nach der Trennung oder Scheidung fort, was eher die Regel als die Ausnahme ist, so versucht häufig ein Elternteil, die gemeinsamen Kinder dem andern Elternteil zu entziehen oder den Kontakt so schwer als möglich zu machen, meist aus dem Motiv, sich an seinem Ex-Partner/seiner Ex-Partnerin zu rächen. Diese Form des Missbrauchs hat heute zunehmenden Umfang erlangt bzw. wird heute zunehmend gesellschaftlich bewusst.

6. Man kann noch weitere Formen von Missbrauch unterscheiden, die nicht unter die bisher aufgezählten Kategorien fallen, z. B. den uralten Missbrauch der materiellen Ausbeutung der Kinder, wenngleich hier viel von den objektiven materiellen Gegebenheiten unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen abhängt. Darauf werde ich hier nicht weiter eingehen.

Verschiedene Formen des Missbrauchs können sich überlagern und mehr oder weniger gleichzeitig vorkommen. So kann z. B. eine Mutter ihren Sohn als Ersatz-Ehemann benutzen und gleichzeitig ein Lebensziel, Schriftsteller zu werden, an ihn delegieren (Mutter Canetti). Eine Mutter kann ihren Sohn als symbiotisches Objekt und als Partner-Ersatz benutzen (Florian). Das ist nicht so merkwürdig, wie es auf den ersten Blick erscheint, da ja auch in der »normalen« Intimpartnerschaft unter Erwachsenen die Übertragung von symbiotischen Bedürfnissen und Verhaltensweisen aus der frühen Kindheit auf den Partner fast immer eine zentrale Rolle spielt. Schließlich können auch alle aufgezählten Formen von Missbrauch gleichzeitig vorkommen (Björn).

In den folgenden Abschnitten werde ich ausführlicher auf die so differenzierten Formen des Missbrauchs eingehen. Dabei lege ich den Schwerpunkt auf den Missbrauch als Intimpartner, d. h. den inzestuösen Missbrauch oder die libidinöse Verstrickung im weitesten Sinne. Diese Form des Missbrauchs wird bisher – in meiner Profession und in der Gesellschaft – am wenigsten gesehen und am meisten tabuisiert. Das heißt nicht, dass ich die andern Formen des Missbrauchs für weniger wichtig halte; ich beschäftige mich nur nicht ganz so ausführlich damit.

Was die zitierte wissenschaftliche Literatur betrifft, so habe ich mich auf die Autoren beschränkt, die nach meiner Meinung den Kern des Themas angesprochen haben. Es schien mir nicht sinnvoll, alle Literatur aufzuführen, die das Thema des Missbrauchs in irgendeinem Aspekt berührt hat. Die Literatur ist in dem einschlägigen Abschnitt über die jeweilige Form des Missbrauchs eingearbeitet.

Eine Sonderrolle nimmt eine relativ frühe, bahnbrechende Untersuchung von Horst-Eberhard Richter (2003) ein, in der alle Missbrauchsformen systematisch behandelt sind. Richter verwendet zwar die Bezeichnung »Missbrauch« nur am Rande, z. B. in der Bemerkung »das – im psychologischen Sinne – missbrauchte Kind« (2003, S. 77), aber der Sache nach behandelt er genau dieses Thema. Ich referiere deshalb seine Untersuchung vor der näheren Erörterung der einzelnen Missbrauchsformen.

Richter hat sich die Erforschung des Themas zur Aufgabe gestellt, wie die Eltern an der Entstehung kindlicher Neurosen mitwirken. Seine Arbeit beruht auf klinischen Untersuchungen an einer poliklinisch organisierten »Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindesalter«, an der der Verfasser und seine Mitarbeiter psychoanalytisch orientierte Beratungstätigkeit ausübten (ebd., 2003, S. 83). An dieser Beratungs- und Forschungsstelle wurden seit 1954 systematische Untersuchungen über Eltern-Kind-Beziehungen »im Längsschnitt« durchgeführt, d. h. die Beratungen erstreckten sich meist über mehrere Jahre (ebd., 2003, S. 85).

Richter ist Psychoanalytiker und arbeitet im psychoanalytischen Bezugsrahmen, den er allerdings in sehr viel stärkerem Maße als die Analytiker seiner Zeit zur Sozialpsychologie und Familiensoziologie hin erweitert hat. Der zentrale Begriff seiner Untersuchung ist der Begriff der Rolle des Kindes in der Familie. Rolle definiert er als die Gesamtheit der unbewussten elterlichen Erwartungsfantasien an das Kind. Dabei wird dem Kind die Funktion zugewiesen, den Eltern zu einer Entlastung von ihrer eigenen Konfliktspannung zu verhelfen (ebd., 2003, S. 73). Das entspricht ziemlich genau meiner obigen Definition von Missbrauch bzw. stellt einen Spezialfall meiner Definition dar.

Methodisch versteht Richter diese Rollen – in Anlehnung an Karl Jaspers – als Idealtypen (2003, S. 81, 83). Die von Richter geschilderten Krankengeschichten dienen als Beleg, als Exemplifizierung der Idealtypen. Sie sind also nicht als empirisch-statistische Durchschnittsbildungen entstanden (ebd., 2003, S. 81).

Richter zeigt zwei grundlegende Rollen auf, die die Eltern dem Kind zuweisen können: entweder die Rolle eines Ersatzes für einen anderen Partner oder die Rolle eines Substitut für einen Aspekt ihres eigenen Selbst (ebd., 2003, S. 75). Hinzu kommt als dritte Rolle die des Kindes als umstrittener Bundesgenosse des einen oder andern Elternteils (ebd., 2003, S. 227f.).

Richter wendet den Begriff der Übertragung – ursprünglich entwickelt für die Beziehung Patient-Analytiker – auch auf die affektive Beziehung zwischen Eltern und Kindern an (2003, S. 76). Die Eltern übertragen auf das Kind die Rolle eines anderen Partners. Neben der Übertragung führt er den Begriff der »narzisstischen Projektion« ein. Dabei suchen die Eltern im Kind nicht einen anderen Partner, sondern Aspekte ihres eigenen Selbst (Richter, 2003, S. 77).

Diese beiden grundlegenden Rollen werden weiter differenziert in zwei Rollen-Skalen (ebd., 2003, S. 81). In der Partnerrolle kann das Kind zum Substitut für eine Elternfigur oder für einen Gatten oder für eine Geschwisterfigur gemacht werden. In der Rolle des Substituts des elterlichen Selbst wird das Kind entweder zum Abbild des elterlichen Selbst schlechthin oder des idealen Selbst oder der negativen Identität des Elternteils. Z. B. soll das Kind als Substitut eines Aspekts des elterlichen idealen Selbst Ziele erreichen, die die Eltern in ihrem Leben selbst verfehlt haben. Oder das Kind wird dadurch zum Sündenbock gemacht, dass es einerseits Strebungen, die der Elternteil bei sich unterdrücken musste, ausleben soll, andererseits dafür bestraft wird.

Meine Einteilung stimmt also nur teilweise mit der Klassifikation von Richter überein, nämlich soweit es die Rolle des Ersatzes für einen anderen Partner (Eltern, Gatte) sowie die Rolle als umstrittener Bundesgenosse betrifft. Bei der Klassifikation des Kindes als Substitut für einen Aspekt des elterlichen Selbst bin ich Richter nicht gefolgt, da mir seine Ausführungen zu sehr von dem Bedürfnis nach Einordnung in die psychoanalytische Begrifflichkeit und deren Weiterentwicklung bestimmt zu sein scheinen. In meiner Einteilung stehen an dieser Stelle die beiden Formen des symbiotischen Missbrauchs und der Delegation von Lebenszielen und Lebenssinn. Ich habe diese beiden Formen auf Grund ihrer Häufigkeit und Prägnanz im empirischen Material gebildet.

Eine Begrenztheit des Forschungsansatzes von Richter besteht darin, dass er nur Kinder untersucht. Er kann also über die Folgen der Rollenzuweisungen im späteren Erwachsenenleben nichts aussagen. Eine Schwäche seiner theoretischen Sicht liegt darin, dass er in erster Linie die Mutter-Kind-Dyade analysiert. Er unterschlägt zwar nicht die Rolle des Vaters, gewichtet sie aber meines Erachtens nicht hinreichend. In den Krankengeschichten, die die Rolle der Elternfigur illustrieren, tauchen die Väter nur am Rande auf (ebd., 2003, S. 92–108); ihre Rolle wird nicht hinreichend gewürdigt. Richter hat zwar ansatzweise eine triadische, sogar systemische Betrachtungsweise, ohne sie jedoch voll durchzuführen.

2.1 Der inzestuöse Missbrauch im weitesten Sinne (Sohn in der Rolle des Partners der Mutter)

Der Kernpunkt dieser Form von Missbrauch ist die erotische oder sexuelle Verstrickung zwischen Elternteil und Kind. Ich beschränke mich in den folgenden Ausführungen des einfacheren Ausdrucks halber auf den Begriff »sexuell« und verstehe ihn im weitesten Sinne, d. h. ich beziehe darunter auch die subtilsten erotischen Bezüge mit ein. Mit dem Stichwort »Verstrickung« will ich ausdrücken, dass nicht nur der Elternteil sexuelle Strebungen in Bezug auf das Kind hat, sondern auch das Kind sexuelle Strebungen im Hinblick auf den Elternteil haben kann.

Die bekannteste Variante und geradezu das Paradigma für Missbrauch ist der sexuell-genitale Missbrauch: ein Elternteil nimmt den Geschlechtsverkehr oder sonstige sexuell-genitale Handlungen (Oralverkehr, manuelle Stimulation der Genitalien usw.) mit einem Kind vor, um sich sexuell zu befriedigen. Bei dieser Variante bestehen allerdings signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer neigen sehr viel häufiger als Frauen dazu, die inzestuöse Beziehung mit dem Kind in der Form von Geschlechtsverkehr oder sonstigen offenkundigen sexuell-genitalen Handlungen durchzuführen. Frauen dagegen neigen sehr viel mehr zu prägenitalen sexuellen Verhaltensweisen ohne körperliche Gewalt (Amendt, 1999, S. 170f.).

Häufig ist im äußeren Verhalten der Frau der sexuelle Hintergrund nicht so leicht erkennbar und der betreffenden Person vermutlich meist nicht bzw. nicht voll bewusst. Das Verhalten kann äußerlich erscheinen als Maßnahme der Körperpflege, der Gesundheitsvorsorge, als einfache mütterliche Zärtlichkeit, als Sorge für das Kind, z. B. wenn der zwölfjährige Sohn nach der Scheidung der Eltern im Bett der Mutter schlafen darf, weil er behauptet, nachts allein in seinem Zimmer Angst zu haben, während in Wirklichkeit die Mutter sich nach Auszug des Mannes allein in ihrem Bett einsam fühlt und Trost und körperliche Nähe braucht (diese Konstellation habe ich in der Kindertherapie häufig erlebt). Etwas deutlicher scheint der sexuelle Hintergrund auf, wenn die Mutter den Sohn in der Badewanne am ganzen Körper einseift – bis zu seinem 18. Lebensjahr. Auch wenn die Mutter dem Sohn die Hosen herunterzieht, um ihm das nackte Gesäß zu versohlen – angeblich »weil das mehr wehtut« –, wird man unschwer ein sexuell-sadistisches Motiv erkennen.

Ich habe nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen gefunden, die den sexuellen Missbrauch (und überhaupt den Missbrauch) in der Mutter-Sohn-Beziehung thematisieren, auch wenn sie nicht oder nur am Rand das Wort Missbrauch verwenden, sondern den Sachverhalt mit »Rollenzuweisung zur Entlastung von eigenen Konfliktspannungen« (Richter), »dysfunktionale Familie« (Satir) oder »unangemessene Beziehung« (Amendt) umschreiben. Zuerst werde ich allerdings die Frage behandeln, was der Ödipuskomplex der psychoanalytischen Theorie mit dem sexuellen Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung zu tun hat.

Sigmund Freud fasst in seinem Spätwerk »Abriss der Psychoanalyse« (1938/1999) den Inhalt des Ödipuskomplexes in meisterhafter Klarheit zusammen.

»Wenn der Knabe (von zwei bis drei Jahren an) in die phallische Phase seiner Libidoentwicklung eingetreten ist, lustvolle Empfindungen von seinem Geschlechtsglied empfängt und gelernt hat, sich diese durch manuelle Reizungen nach Belieben zu verschaffen, wird er zum Liebhaber der Mutter. Er wünscht, sie körperlich zu besitzen in den Formen, die er durch seine Beobachtungen und Ahnungen vom Sexualleben erraten hat […]. Seine früh erwachte Männlichkeit sucht mit einem Wort den Vater bei ihr zu ersetzen, der ohnehin bisher sein beneidetes Vorbild gewesen war […]. Jetzt ist der Vater sein Rivale, der ihm im Wege steht und den er aus dem Weg räumen möchte. Wenn er während einer Abwesenheit des Vaters das Bett der Mutter teilen durfte, aus dem er nach der Rückkehr des Vaters wieder verbannt wird, bedeuten ihm die Befriedigung beim Verschwinden des Vaters und die Enttäuschung bei seinem Wiederauftauchen tiefgreifende Erlebnisse. Dies ist der Inhalt des Ödipuskomplexes […]« (Freud, 1938/1999, S. 116).8

Eine Verführung des Sohnes durch die Mutter taucht in Freuds Theorie systematisch nicht auf. In seinen frühen Arbeiten, vor allem zusammen mit Breuer – »Studien über Hysterie«, 1895 – ging zwar Freud davon aus, dass den neurotischen Symptomen reale traumatische Ereignisse zugrunde lägen, insbesondere sexuelle Verführungen, von denen die hysterischen Patientinnen berichteten. Diese »Verführungstheorie« bezog sich immer nur auf den sexuellen Missbrauch durch einen »perversen Vater« und wurde von Freud 1897 widerrufen. Danach betrachtete er die von den Patientinnen vorgebrachten Erinnerungen an Verführungen als Schilderungen von Fantasien.9

Was den mütterlichen Missbrauch des Sohnes betrifft, so könnte man lediglich aus der bei der Beschreibung des Ödipuskomplexes beispielhaft gewählten Situation, dass der Knabe in Abwesenheit des Vaters das Bett der Mutter teilen durfte, auf ein Moment mütterlicher Verführung schließen. In früheren Schriften war Freud in diesem Punkt deutlicher. In den »Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse« (1917/1999) schreibt er:

»Übrigens reagieren die Kinder mit der Ödipuseinstellung häufig auf eine Anregung der Eltern, die sich in ihrer Liebeswahl oft genug vom Geschlechtsunterschied leiten lassen, sodass der Vater die Tochter, die Mutter den Sohn bevorzugt oder im Falle von Erkaltung in der Ehe zum Ersatz für das entwertete Liebesobjekt nimmt« (Freud, 1917/1999, S. 212). An einer anderen Stelle wird Freud noch deutlicher: »Versäumen wir nicht hinzuzufügen, dass häufig die Eltern selbst einen entscheidenden Einfluss auf die Erweckung der Ödipuseinstellung des Kindes üben, indem sie selbst der geschlechtlichen Anziehung folgen, und wo mehrere Kinder sind, in der deutlichsten Weise der Vater das Töchterchen und die Mutter den Sohn in ihrer Zärtlichkeit bevorzugen. Aber die spontane Natur des kindlichen Ödipuskomplexes kann nicht einmal durch dieses Moment ernstlich erschüttert werden« (Freud, 1917/1999, S. 345 f.).

Freud sieht also durchaus, dass der Tatbestand der Verführung eines Kindes durch den gegengeschlechtlichen Elternteil häufig gegeben ist und räumt diesem Tatbestand einen sogar entscheidenden Einfluss auf die Erweckung der Ödipuseinstellung ein. Dennoch hält er an der »spontanen Natur« des kindlichen Ödipuskomplexes fest. Seine Haltung erscheint merkwürdig uneindeutig, so als ob er zwar den wirklichen Sachverhalt – die Verführung, den Missbrauch – sieht, ihm aber nicht den gebührenden Stellenwert einräumen will. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Freud in ritterlicher Weise die Mütter – genauer: wohl die eigene Mutter – in Schutz nehmen will und dem Sohn die Hauptverantwortung (»spontane Natur des kindlichen Ödipuskomplexes«) zuschiebt. Jedenfalls ist seine Einschätzung des Mutter-Sohn-Verhältnisses als »überhaupt die vollkommenste, am ehesten ambivalenzfreie aller menschlichen Beziehungen«10 fern jeder Realität. Christiane Olivier meint dazu: »Vergessen wir nicht, dass Freud von seiner Mutter vergöttert wurde, einer jungen, hübschen, begehrenswerten Frau, verheiratet mit einem sehr viel älteren Mann, die in ihrem Sohn Befriedigungen fand, die dem jungen Sigmund sicherlich Probleme bereiteten« (1989, S. 22).11

Beschränken wir uns auf seine ausdrücklichen Beteuerungen, so behauptet Freud im Kern, dass die Wahl der Mutter als Sexualobjekt des Jungen (und des Vaters durch das Mädchen) der natürlichen Entwicklung der Libido, des Sexualtriebes, entspringt. Soweit eine sexuelle Verführung durch einen Elternteil vorkommt, würde dieser Sachverhalt nach der Ansicht von Freud lediglich eine – vielleicht häufig vorkommende – Abweichung vom Entwicklungsschema darstellen und die ödipale Phase lediglich beschleunigen oder verstärken.

Ich kenne keine empirisch-statistischen Belege im strengeren Sinne dafür, was in diesem Zusammenhang Norm und was Ausnahme ist.12 Dagegen gibt es viele Belege dafür, dass sexuelle Verhaltensweisen in weitem Umfang sozial erlernt werden. Man könnte also mit guten Gründen die Auffassung vertreten, dass auch die erste sexuelle Objektwahl in der kindlichen Entwicklung (und damit vielleicht die sexuelle Prägung überhaupt) durch den gegengeschlechtlichen Elternteil (oder durch beide Eltern) induziert wird. Es erscheint mir sogar unvermeidlich, dass die Eltern spezifisch unterschiedlich auf das Geschlecht des Kindes reagieren. Dieser Sachverhalt allein hat noch nichts mit Verstrickung oder Missbrauch im oben definierten Sinne zu tun. Ein Elternteil kann zum gegengeschlechtlichen Kind ein erotisches Wohlgefallen, sogar eine sexuelle Erregung empfinden, ohne etwas dafür vom Kind zu wollen, insbesondere ohne seine sexuellen Bedürfnisse auf das Kind zu richten. Eine solche Reaktion oder Resonanz des Elternteils auf das Kind ist positiv, entwicklungsfördernd, weil es dem Kind die Vorstellung vermittelt, begehrenswert zu sein, ohne dass seine Grenzen überschritten werden.13

Ich lasse diese Frage der »spontanen Natur« des Ödipuskomplexes bei Freud hier dahingestellt und konzediere, dass der Junge im Rahmen seiner »natürlichen« Entwicklung die Mutter als erstes Sexualobjekt wählt. Was für Verhaltensweisen der Junge auf Grund seiner sexuellen Vorliebe dann entwickelt, ist allerdings weitgehend durch das Verhalten der Eltern bestimmt – Missbrauch versus klare Grenzen –, insbesondere ob er durch sein sexuelles Begehren in einen inneren Konflikt gerät.

Ich schließe hier die Darstellung der französischen Psychoanalytikerin Christiane Olivier an, da sie eine feministische Gegenposition zu Freud einnimmt. Sie geht von einer grundsätzlichen Asymmetrie in der Entwicklung der Geschlechter aus. Der Ödipuskomplex treffe nur auf die Entwicklung des Mannes, nicht auf die Entwicklung der Frau zu, weil die Erziehungsperson für beide Geschlechter in der Regel die Mutter, eine Frau, sei. Die Mutter richte ihr sexuelles Begehren nur auf den Sohn – der Sohn sei ihr »Sexualobjekt« –, nicht auf die Tochter.