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Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Es war ein Abend wie aus einem alten Liebesfilm. Im Rasen vor seinem Haus zirpten unzählige Grillen, und Dr. Peter Fuhrmann stellte wieder einmal fest, dass das Gras unbedingt gemäht werden musste. Doch wenn er spät am Abend nach Hause kam, war er meistens so abgeschlagen, dass er es gerade noch schaffte, eine kleine Runde mit dem Hund zu drehen. Jetzt freute er sich auf seine Frau Stefanie und auf seine vierjährige Tochter Emma, die er heute noch gar nicht gesehen hatte. Er war zeitig in der Frühe bereits in der Klinik gewesen, weil er Dr. Norden bei einer kniffligen Operation assistieren durfte. Das war eine besondere Auszeichnung für ihn gewesen, denn er arbeitete erst seit elf Monaten an der Behnisch Klinik. Das Angebot war ihm wie ein Fingerzeig vom Himmel vorgekommen, denn er hatte sich zu der Zeit wegen verschiedener Auslöser am Rande einer Depression befunden. Die Kündigung seiner Arbeit in München war eine reine Formsache gewesen, denn er hatte sich dort nie wohlgefühlt. Auch der Kontakt zu Kollegen war mehr als spärlich gewesen. Er hatte keinen gefunden, dem er hätte Sympathie entgegenbringen können, und umgekehrt war es wohl genauso gewesen, denn niemand hatte auch nur einen einzigen Versuch unternommen, ihn zum Bleiben zu bewegen. Das war hier an der Behnisch Klinik etwas ganz anderes. Man spürte sofort, dass sowohl Ärzte als auch Krankenschwestern an einem Strang zogen zum Wohle der vielen Patienten, die sich vertrauensvoll in die Hände der fremden Menschen begaben, die ihren Lebenssinn darin sahen zu helfen. Mit einem sanften Lächeln in dem markanten Gesicht ging Peter zum Haus, steckte den Schlüssel ins Schloss und betrat die kühle Diele. Er hängte den Schlüsselbund ans Brett und lauschte. Um diese Zeit schlief Emma, seine vierjährige Tochter bestimmt schon. Leider war das öfter der Fall, denn meistens schaffte er es nicht, rechtzeitig die Klinik zu verlassen. Immer wieder kam ihm ein Problem in die Quere, ein Patient, der seiner Hilfe oder seines Zuspruchs bedurfte, oder er hatte noch einiges an Schreibkram zu erledigen, zu dem er am Tag nicht gekommen war. »Peter, bist du da?
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Es war ein Abend wie aus einem alten Liebesfilm. Im Rasen vor seinem Haus zirpten unzählige Grillen, und Dr. Peter Fuhrmann stellte wieder einmal fest, dass das Gras unbedingt gemäht werden musste. Doch wenn er spät am Abend nach Hause kam, war er meistens so abgeschlagen, dass er es gerade noch schaffte, eine kleine Runde mit dem Hund zu drehen.
Jetzt freute er sich auf seine Frau Stefanie und auf seine vierjährige Tochter Emma, die er heute noch gar nicht gesehen hatte. Er war zeitig in der Frühe bereits in der Klinik gewesen, weil er Dr. Norden bei einer kniffligen Operation assistieren durfte. Das war eine besondere Auszeichnung für ihn gewesen, denn er arbeitete erst seit elf Monaten an der Behnisch Klinik. Das Angebot war ihm wie ein Fingerzeig vom Himmel vorgekommen, denn er hatte sich zu der Zeit wegen verschiedener Auslöser am Rande einer Depression befunden.
Die Kündigung seiner Arbeit in München war eine reine Formsache gewesen, denn er hatte sich dort nie wohlgefühlt. Auch der Kontakt zu Kollegen war mehr als spärlich gewesen. Er hatte keinen gefunden, dem er hätte Sympathie entgegenbringen können, und umgekehrt war es wohl genauso gewesen, denn niemand hatte auch nur einen einzigen Versuch unternommen, ihn zum Bleiben zu bewegen.
Das war hier an der Behnisch Klinik etwas ganz anderes. Man spürte sofort, dass sowohl Ärzte als auch Krankenschwestern an einem Strang zogen zum Wohle der vielen Patienten, die sich vertrauensvoll in die Hände der fremden Menschen begaben, die ihren Lebenssinn darin sahen zu helfen.
Mit einem sanften Lächeln in dem markanten Gesicht ging Peter zum Haus, steckte den Schlüssel ins Schloss und betrat die kühle Diele. Er hängte den Schlüsselbund ans Brett und lauschte. Um diese Zeit schlief Emma, seine vierjährige Tochter bestimmt schon. Leider war das öfter der Fall, denn meistens schaffte er es nicht, rechtzeitig die Klinik zu verlassen. Immer wieder kam ihm ein Problem in die Quere, ein Patient, der seiner Hilfe oder seines Zuspruchs bedurfte, oder er hatte noch einiges an Schreibkram zu erledigen, zu dem er am Tag nicht gekommen war.
»Peter, bist du da? Ich bin im Wohnzimmer.«
Die immer etwas müde klingende Stimme seiner Frau Stefanie drang an sein Ohr. Er zuckte zusammen. Er liebte Stefanie von Herzen, doch in der letzten Zeit machte er sich große Sorgen um sie.
»Ich bin gleich bei dir, Steffi«, rief er zurück. »Muss mir nur noch die Hände waschen.« Er genoss es, als der kalte Wasserstrahl über seine Haut lief. Dennoch stieg die Erregung in seinem Inneren an. Was würde Stefanie heute wieder beklagen? Die selbst gewählte Einsamkeit, der Rückzug von allen Aktivitäten, die ihr früher so viel bedeutet hatten, oder die weinerliche Anklage, dass sie lieber in ihrer Heimatstadt Paderborn geblieben wäre, dass sie sich nie darauf hätte einlassen dürfen, mit ihm nach München zu ziehen. Er wusste, dass seine Wut unberechtigt war, denn Stefanie war sehr krank, so sehr krank sogar, dass es sich vermutlich nur noch um wenige Jahre, wenn überhaupt, handelte, die sie zusammen verbringen konnten.
Seine Wut entsprang dem unerträglichen Gefühl, sogar als Arzt die Hände in den Schoß legen zu müssen. Da hatte er viele Jahre studiert, half täglich verzweifelten Menschen, nur bei seiner eigenen Frau versagte er kläglich.
Anfangs war da nur die Ratlosigkeit gewesen, das Akzeptieren, dass er hilflos einem unsichtbaren Feind gegenüberstand. Inzwischen war Zorn daraus geworden, Wut auf sich selbst und seine Hilflosigkeit. Manchmal hatte er das Gefühl, einfach nur davonlaufen zu wollen.
Er warf einen abschließenden Blick in den kleinen Spiegel über dem Waschbecken, holte tief Luft und fühlte sich danach etwas motivierter, Stefanie unter die Augen zu treten. Dennoch zögerte er. Seit Monaten hatte er immer dieses unangenehme Gefühl in der Magengrube, wenn es auf den Feierabend zuging. Tief in seinem Innern spürte er, dass er die zusätzlichen Stunden in der Klinik provozierte, weil er nicht nach Hause gehen wollte.
Stefanie hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Sie lag ausgestreckt da, hatte jedoch den Oberkörper mit einigen dicken Kissen stabilisiert. Sie sah gesund aus und lebensfroh. Doch dieser Anblick täuschte. In ihrem Innern tobte manchmal ein Sturm der verschiedensten Gefühle, die sie nicht steuern konnte. Vor ihrem Mann jedoch gelang es ihr meistens, sie zu verbergen.
»Wie geht es dir, Liebes?«, fragte Peter Fuhrmann und hielt den Atem an, weil er die Antwort so sehr fürchtete. »Konntest du alles schaffen, was du dir vorgenommen hast?«
Lächelnd blickte Stefanie ihm entgegen. Sie war trotz ihrer Krankheit noch immer eine wunderschöne Frau. Ihre langen glatten Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengefasst, doch wenn sie kurz vor dem Zubettgehen an ihrem Tischchen saß und ihre langen Haare bürstete, sah sie für Peter aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt.
»Ich habe Emma ihr Lieblingsessen, Spinat mit Pellkartoffel, gekocht, habe mit ihr lesen geübt, damit sie ein bisschen Vorkenntnisse hat, wenn sie in zwei Jahren zur Schule kommt, und ich habe sogar an meinem Kinderbuch weitergearbeitet.«
»Das ist ja wunderbar«, lobte Peter und setzte sich neben sie auf das Sofa. »Rutsch ein bisschen nach hinten, dann hab ich Platz und kann dir nahe sein«, bat er mit zärtlicher Stimme. »Hast du schon gegessen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe heute Mittag Gemüsesuppe für dich zubereitet, falls du noch Appetit hast, wenn du von der Klinik nach Hause kommst. Wenn du etwas isst, mache ich sie warm und esse einen Teller mit.«
Eigentlich hatte Peter ablehnen wollen, doch ihre Ankündigung, sie würde dann ebenfalls etwas essen, zwang ihn regelrecht dazu, ihr Angebot anzunehmen. Dabei hatte er in der Klinik bereits eine Kleinigkeit zu sich genommen, die Schwester Leonie ihm gebracht hatte.
Schwester Leonie … Bei der Erinnerung an das junge Mädchen, das so ernsthaft und manchmal richtig resolut seine Arbeit machte, wurde ihm warm und Herz. Er mochte Leonie sehr gern. Sie hatte es nicht leicht mit ihrem Bruder, das hatte er bereits von verschiedenen Seiten gehört. Doch man merkte ihr nie an, wenn sie gerade besonders große Probleme hatte.
Er selbst jedoch musste sich manchmal sehr zusammenreißen, um sowohl Kollegen als auch Patienten den fröhlichen Doktor vorzuspielen. Lediglich sein Vorgesetzter, Chefarzt Dr. Norden, wusste um seinen Kummer und nahm sehr Anteil daran. Dieses Verständnis war Balsam für Peters Seele, doch eine wirkliche Hilfe hätte lediglich die Aussicht auf Heilung seiner geliebten Stefanie sein können.
»Na, wie sieht es aus? Die Suppe schmeckt wirklich sehr gut. Emma mochte sie jedenfalls sehr.« Gespielt fröhlich schwang Stefanie ihre Beine vom Sofa. Als sie an ihm vorbeiging, stellte er wieder einmal fest, dass sie nichts von ihrer Schönheit und ihre Anmut verloren hatte. Wenig später hörte er sie in der Küche werkeln.
»War viel los in der Klinik? Ich muss gestehen, manchmal fehlt mir ganz einfach die Arbeit außer Haus. Das heißt nicht, dass ich den ganzen Tag nur auf dem Sofa herumgelegen bin. Wenn du das denkst, irrst du dich gewaltig. Wir sind zwar nur ein zweieinhalb Personenhaushalt, aber immerhin habe ich ein großes Haus zu versorgen und einen Garten. Du weißt, dass ich meine Blumen über alles Liebe und sie auch entsprechend pflege. Das gibt eine Menge Arbeit. Sicher war ich gerade im Garten, als du angerufen hast.«
»Ich habe heute nicht angerufen, du musst dir keine Sorgen machen. Es war ganz einfach viel zu viel los. Aber ich habe immer an dich gedacht.« Er beobachtete Stefanie, wie sie mit dem Suppentopf das Esszimmer ansteuerte. »Ich hole die Teller, setz dich schon mal«, sagte er und bemühte sich um einen leichten Ton.
Hastig wandte er sich ab. Er hatte die plötzliche Müdigkeit in ihren Augen entdeckt, dieses leise Flackern, wenn ihre Gedanken wieder zu ihrer Krankheit wanderten. Er wusste ja, dass sie sich drum bemühte, sich nichts anmerken zu lassen. »Schläft Emma schon?«, fragte er unnötigerweise.
Stefanie nickte. »Sie war heute den ganzen Nachmittag bei Beate, ihrer neuen Freundin. Ich hab dir doch erzählt, dass in dieses schöne Haus am Ende der Straße neue Leute eingezogen sind. Sie haben eine fünfjährige Tochter, Beate. Die Mädchen haben sich angefreundet, und darüber bin ich sehr froh. Dann haben sie es in der Schule leichter, wenn sie bereits Freundschaften geschlossen haben. Der freie Nachmittag, an dem ich mich einmal nicht um unser Kind kümmern musste, hat mir gut getan.«
Peter wusste ganz genau, wie schwer seiner Frau dieses Bekenntnis gefallen war. Emma war ihr absolutes Wunschkind. Damals konnte noch niemand ahnen, dass die gemeinsame Zeit als Familie nicht allzu lange dauern würde. Stefanies Krankheit hatte wie ein Blitz eingeschlagen. Es ging damals so schnell, dass niemand reagieren konnte. Es blieb nur noch, sich in das Unvermeidliche zu fügen.
Das Abendessen verlief schweigend. Wenig später gingen sie zu Bett, und beide versuchen krampfhaft, so zu tun, als wäre alles ganz normal, als würde kein Damoklesschwert über ihnen baumeln. In ihren Herzen aber wussten sie, dass ihre gespielte Normalität bald ein Ende haben würde. Es blieb nur eine leise Hoffnung, die Hoffnung auf ein Wunder.
*
Bis jetzt war der Abend ziemlich langsam vergangen. Gespräche zogen sich wie Kaugummi, und Leonie Grossmann bereute bereits zum hundertsten Mal, dass sie dem Wunsch ihres Bruders Martin entsprochen und ihn begleitet hatte. Dann wurde die Türe geöffnet, und ein Fremder betrat die Gaststube.
»Da bist du ja endlich, Holger. Schön, dass du es doch noch geschafft hast. Darf ich dir meine Schwester Leonie vorstellen?« Martin legte für einen kurzen Moment seinen Arm um die Schultern der hübschen jungen Frau. »Leonie, das ist Holger Schwindt. Er schreibt für meine Zeitung die Testberichte, die sehr gern gelesen werden. Nächste Woche wird er mit mir eine Fahrt mit dem neuen Sportwagen unternehmen, den wir am Montag bekommen haben.«
»Ich weiß davon«, unterbrach Leonie den Redestrom ihres Bruders. Sie mochte diese Rennautos nicht, hatte regelrecht Angst davor.
»Es ist ein tolles Auto, und die Testfahrt wird uns viel Spaß machen, nicht wahr, Holger?« Stolz schwang mit der Stimme des jungen Mannes mit. Er war fast das Ebenbild seiner Schwester, genauso blond mit denselben blauen Augen. Nur etwas unterschied die beiden voneinander. Während Martin vor Unternehmungsgeist sprühte, wirkte Leonie eher ernsthaft und nachdenklich, fast ein wenig ängstlich.
Holgers Blick ruhte eine ganze Zeit lang auf Leonie, die sich immer unbehaglich fühlte. Er merkte deutlich, dass sie seinem Blick auswich. »Freut mich, dich kennenzulernen, Leonie. Ich darf doch zu sagen?«
»Klar darfst du das, Holger. Martins Freunde sind auch meine Freunde«, antwortete sie burschikos und lockerer, als es sonst ihre Art war. Sie versuchte, ihm nicht so deutlich zu zeigen, dass er ihr gefiel.
Er sah wirklich unverschämt gut aus. Hochgewachsen, nicht zu schlank, mit etwas wirrem, dunklem Haar und grauen Augen, deren Blick sie zu durchdringen schien. Sie war so fasziniert von dem Mann, dass sie gar nicht merkte, dass Holger ihr die Hand zur Begrüßung hingestreckt hatte. Erst als ihr Bruder Martin sie sanft in die Seite stieß, erwachte sie wieder aus ihrer Erstarrung. »Ich denke, der Abend wird jetzt wohl ein wenig interessanter werden.« Sie lächelte ihn an.
Sein Händedruck war fest und irgendwie vertrauenerweckend. »Ich freue mich ebenfalls, dass wir uns kennenlernen. Dabei dachte ich zuerst … also, ich dachte genau wie du.« Er grinste.
Leonie begann zu lachen. »Du hast richtig gedacht, Holger. Die erste Stunde war wirklich ziemlich mühsam. Hoffen wir, dass es jetzt besser wird. Martin bestand darauf, dass ich ihn begleitet. Er hat nämlich wieder einmal keine Freundin.«
»Leonie, bitte«, unterbrach Martin seine Schwester. Er mochte es nicht, wenn Leonie ihn noch immer wie einen kleinen Jungen behandelte. »Ich glaube nicht, dass Holger das interessiert. Falls du mich suchst, ich bin an der Bar.« Er war offensichtlich beleidigt.
»Jetzt ist aber dicke Luft.« Holger fuhr sich mit der linken Hand durch sein dichtes, dunkles Haar. »Du solltest ihm nachgehen, Leonie. An Martins Stelle wäre ich auch sauer. Zum Glück kennen wir uns schon eine Ewigkeit, und er weiß, wie ich darüber denke.«
»Er würde nicht mit mir reden. Wenn Martin beleidigt ist, dann ist er stur wie ein Maulesel. Ich muss warten, bis er mir von selbst wieder eine Audienz gewährt. Aber das kenne ich schon. Der Zustand dauert bei ihm nicht sehr lange an.« Leonie kicherte. Sie hatte bereits einen kleinen Schwips, weil sie Alkohol, selbst in kleinsten Mengen, nicht so gut vertrug.
