Wenn zwei es wagen - Linne van Sythen - E-Book

Wenn zwei es wagen E-Book

Linne van Sythen

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Gerade noch tief verfeindet, müssen sich die beiden Zwillingsschwestern Andrea und Franka jetzt ein gemeinsam geerbtes Haus teilen. Wenn schon, denn schon – so die Devise der Schwestern. Aus Mangel an Halbtagsjobs raufen sie sich zusammen und teilen sich auch heimlich eine Ganztagsstelle. Doch als sich Andrea und Franka verlieben, droht ihr Geheimnis aufzufliegen. Denn spätestens bei der Liebe hört das Teilen auf – und das Chaos beginnt!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Autorin Linne van Sythen ist das Pseudonym der Autorin Ursula Wohlfart, geboren 1954. Sie studierte Soziologie und Pädagogik und veröffentlichte viele Fachbücher. In der Belletristik startete sie mit einem Geschichtenband über Liebesturbulenzen in der Weihnachtszeit und schrieb dann ihren ersten Krimi »Zucker auf der Fensterbank«. Die Autorin lebt in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen und arbeitet in der beruflichen Weiterbildung. Kein Wunder also, dass sie in ihrem Roman zwei Schwestern augenzwinkernd auf einen gewagten Weg im Job schickt.

Das Buch Gerade noch tief verfeindet, müssen sich die beiden Zwillingsschwestern Andrea und Franka ein gemeinsam geerbtes Haus teilen. Wenn schon, denn schon – so die Devise der Schwestern. Aus Mangel an Halbtagsjobs raufen sie sich zusammen und teilen sich auch heimlich eine Ganztagsstelle. Doch als sich Andrea und Franka verlieben, droht ihr Geheimnis aufzufliegen. Denn spätestens bei der Liebe hört das Teilen auf – und das Chaos beginnt!

Linne van Sythen

Wenn zwei es wagen

(K)ein Liebesroman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Originalausgabe bei Forever Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin November 2014 © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2014 Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Titelabbildung: © Finepic® Autorenfoto: © privat

ISBN 978-3-95818-024-6

Alle Rechte vorbehalten.

Teil I

1

Wie still es hier in der Anwaltskanzlei war. Andrea hörte nur ihren Herzschlag. Aber schlug ihr Herz nicht viel zu schnell? Sie presste den Zeigefinger ihrer rechten Hand auf ihre Halsschlagader. Das heiße Pulsieren unter ihrem Finger erschreckte sie. Nein, sie bildete sich nichts ein. Sie zählte ihre Herzschläge für eine halbe Minute. 58 Pulsschläge, also 116 Schläge pro Minute. Viel zu viel! Sie zitterte, meinte hecheln zu müssen, um Luft zu bekommen. So ein Herzrasen hatte sie bisher nur bei der Geburt von Jolante und Tommy erlebt. Kündigte sich gar ein Herzinfarkt an?

Andrea krallte ihre Finger in die Oberarme und zwang sich gleichmäßig zu atmen. Mit flatternden Augen sah sie sich um, versuchte etwas Tröstliches zu entdecken. Doch der Warteraum der Anwaltskanzlei wirkte so unwirtlich und kühl. Vier klobige Sessel, ein flacher Holztisch in der Mitte, Eichenparkett. Ihr schien, als reckte ihr der Garderobenständer seine schwarzen Arme bedrohlich entgegen. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern.

Eine Frau mit hochgesteckten blonden Haaren und einem dunkelgrünen Hosenanzug kam herein, nickte ihr knapp zu und setzte sich in einen der Sessel gegenüber. Andrea atmete auf. Nicht mehr allein!

Die Blonde zog einen Schnellhefter aus ihrer Aktentasche. Sie setzte ihre Lesebrille mit rotem Rahmen auf und begann konzentriert zu lesen. Ihr rechter Fuß, der in einem Pumps aus Schlangenleder steckte, wippte rhythmisch. Wie cool sie wirkte, wie unnahbar. Bestimmt eine Geschäftsfrau, alles im Griff. Andrea zögerte, sie anzusprechen und um Hilfe zu bitten.

In ihren Ohren rauschte es. Sie meinte zu fliegen und die Blonde nur noch durch einen Nebel zu sehen. Wie unwirklich ihr alles erschien. Wie nach ihrem ersten Joint. Andrea rutschte in ihrem Sessel hin und her. Wenn Detlef bloß endlich käme.

»Ganz schön nervös, was?«

Andrea schreckte zusammen und schaute zu der Blonden hin.

Die Frau lächelte. »Sind Sie das erste Mal bei einem Anwalt?«

Andrea nickte.

»Glauben Sie mir, bei Cordas sind Sie in guten Händen. Mich hat der rausgepaukt. Vertrauen Sie auf sein Können.«

»Ich bin wegen eines Testaments hier.« Andrea hörte, wie ihre Stimme bebte.

»Ach so.« Die Blonde blätterte wieder in ihrer Akte.

Andrea zählte erneut ihre Pulsschläge. 120 Schläge die Minute. Sie japste nach Luft. Ruhig bleiben, beschwor sie sich. Bleib doch ruhig.

Die Blonde hob den Kopf, musterte sie besorgt. »Ist Ihnen nicht gut?«

»Ich weiß nicht, mir ist so komisch. Mein Herz fliegt … Ich hab das Gefühl alles schwankt, alles dreht sich.«

Die Blonde beugte sich vor und sah ihr fest in die Augen. »Das kenne ich. Vermutlich erwischt Sie gerade eine Panikattacke. Die Symptome, die Sie da schildern, sind typisch.«

Panikattacke? Andrea knetete erschrocken ihre Hände. Wollte die ihr was einreden? Aber wenn es stimmte? Eine heiße Welle jagte durch ihren Körper. Konnte eine Panikattacke nicht mit einem Herzinfarkt enden?

»Am besten Sie tun genau das, was mir meine Ärztin empfohlen hat. Hilft wirklich!«

Wie bestimmend die Blonde klang. Andrea hielt sich an ihren Augen fest.

»Atmen Sie tief ein und aus. Zählen Sie von Null bis Hundert. Oder zählen Sie die roten Gegenstände hier im Raum.«

Andrea sah sich um. Hier im Warteraum der Anwaltskanzlei Cordas & Partner war nichts rot. Wollte die Blonde sie veralbern? Sie begann zu zählen: Eins, zwei, drei … vierunddreißig … Ihr Herz raste immer noch. Und wenn sie gleich ohnmächtig wurde? Andrea kniff sich in die Wange.

Die Stimme der Blonden hallte durch den Raum, als würde sie durch ein Megaphon sprechen. »Vermutlich haben Sie derzeit reichlich Kummer und Stress, stimmt’s? Ist jemand gestorben, den Sie sehr mögen?«

Kummer … Stress … Die Ereignisse der letzten Wochen stürzten auf Andrea ein. Wie auf der Zugfahrt hierher, von Oldenburg nach Recklinghausen. Sie hatte die ganze Zeit auf die vorbeirasenden Felder, Wiesen und kleinen Dörfer gestarrt und sich gefragt, wie es in ihrem Leben nur weitergehen sollte.

»Ich habe mich vorletzte Nacht von meinem Freund getrennt und habe zwei kleine Kinder. Ich brauche einen Job, hab finanzielle Sorgen. Eine neue Wohnung brauche ich auch. Und zwei Kindergartenplätze. Sonst kann ich ja nicht arbeiten.« Andrea japste nach Luft.

Die Blonde legte den Kopf schief. Ihr Lächeln kam Andrea mitleidig und süffisant zugleich vor.

»Kein Wunder, wenn Sie die Panik erwischt. Und wer ist gestorben?«

Andrea rieb sich die Stirn. Wenigstens klang die Stimme der Frau jetzt weicher. »Meine Tante.« Andrea schluchzte auf. »Sie war mir eine so gute Freundin. Sie hätte mir bestimmt helfen können. Sie wusste immer …« Andrea presste die Handflächen auf ihre Knie.

»Totale Lebenskrise also.« Die Blonde hob ihr Kinn. »Hab ich auch schon erlebt. Nur anders. Geschäftsschulden, wissen Sie. Bin damals in der Insolvenz gelandet und hab meinen Betrieb aufgeben müssen.«

Andrea nickte ihr mitfühlend zu.

Die Blonde rieb ihre Handflächen fest aneinander und schaute Andrea herausfordernd an. »Aber … Ich hab was gelernt. Was ganz Wichtiges! Kopflos werden nützt nichts.« Sie klappte ihren Schnellhefter zu und schlug ihn auf ihre Knie. »Am besten Sie nehmen sich den Cordas, damit er Ihrem Mann bei der Scheidung reichlich Geld abknöpft. Sie sind ja nicht allein für die Kinder verantwortlich, oder? Beim Jugendamt fragen Sie nach Kindergartenplätzen. Und eine Wohnung finden Sie am besten, wenn Sie …«

Andrea verbarg ihr Gesicht in den Händen. Sie hörte die Ratschläge der Blonden nicht mehr, hörte nur diese entschiedene, ja fordernde Stimme. Sie klang wie Frankas Stimme früher, wenn sie ihr sagte, was sie am besten tun solle. Andrea schluchzte auf. Diese schnieke Geschäftsfrau kapierte genauso wenig wie ihre Schwester. Franka hatte ihr auch immer ihre Lösungen aufzwingen wollen, ohne sie wirklich zu verstehen. Andrea zählte wieder ihre Pulsschläge. Ihr brach der Schweiß aus. Sie spürte, wie ihre Achselhöhlen feucht wurden.

2

Die Anwaltsgehilfin steckte ihren Kopf durch die Tür. »Frau Behrends, Dr. Cordas lässt bitten.«

Die Blonde erhob sich, kam zu ihr und strich ihr über die Schulter. »Noch ein Rat. Trinken Sie Wasser, viel Wasser! Und schauen Sie aus dem Fenster. Sagen Sie bewusst und laut, was Sie alles sehen. Das erdet.« Mit klappernden Absätzen verließ sie den Raum.

Andrea wischte sich über die Schulter, so als wolle sie die Hand der Frau nachträglich wegschubsen. Gut, dass die Besserwisserin fort war! Sie atmete durch. Diese nervige Frankastimme. Dieses überlegene Franka-Getue!

Andrea sprang auf, hetzte in den Empfangsraum der Anwaltskanzlei und bat die junge Angestellte, die dort wieder am Schreibtisch saß, um ein Glas Wasser. Die Frau mit den lila Haarsträhnen und einem silbernen Stecker rechts über der Oberlippe starrte ihr neugierig ins Gesicht. Garantiert zeigten ihre Wangen rote Flecken. Andrea flüchtete zurück in den Warteraum.

Langsam trank sie das Wasser. Bestimmt war es gleich vorbei. Bestimmt beruhigte sich ihr Herz. Sie war gesund! Ruhig bleiben, bleib doch ruhig!

Andrea stellte sich an eines der hohen Fenster und schaute hinunter auf die belebte große Straße. Aber sollte sie tatsächlich laut aufzählen, was sie da sah? Die Anwaltsgehilfin würde sie durch die offene Tür hören und für verrückt halten.

Auf dem Bürgersteig hasteten Regenschirme vorbei. Unter den Schirmen lugten Einkaufstaschen und Plastiktüten hervor. Andrea meinte, direkt sehen zu können, was sie enthielten: Viele köstliche Zutaten für ein fürstliches Pfingstmenü. Sie würde das Pfingstfest konsequent ignorieren. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie dachte an die mit Frank und den Kindern geplante Paddeltour auf der Hunte. Erst recht an die Übernachtungen im Zelt in der Wildeshauser Geest, auf die sich die Kinder so freuten. Die Tour musste ausfallen und die Kinder würden weinen.

Andrea beobachtete, wie jemand einen Golf direkt vor dem Haus geschickt in eine kleine Parklücke zwängte. Bewundernswert. Das hätte sie nie geschafft. Oder nur mit zehn Anläufen und einem Heer von aufblinkenden und hupenden Autos hinter sich. Eine Frau stieg aus. Mit beiden Händen strich sie ihre langen roten Locken hinter die Ohren. Sie trug einen knallgelben Mantel mit rotem Blumenmuster, und ein lila Seidenschal lag lässig um ihren Hals geschlungen. Stöckelschuhe, deren Rot noch leuchtender war als die Rosen des Mantels, zierten ihre Füße. Die Frau drehte sich um und musterte das Haus.

Franka! Andrea traute ihren Augen nicht und trat instinktiv vom Fenster zurück. Sie schluckte. Franka, die Einparkmeisterin, die ihr so oft Ratschläge gegeben hatte, wie sie ihre Einparkkünste verbessern könne.

Was verflucht wollte sie hier? Wollte Tante Lisa Franka etwa auch was vererben? Andrea runzelte die Stirn, mochte es nicht glauben. Sie spürte, wie ihr Herzklopfen wieder Aufschwung nahm. Das durfte nicht wahr sein! Mehr als zwanzig Jahre hatte Franka sich nicht um Tante Lisa gekümmert. Und Tante Lisa hatte ihr bei jedem ihrer Besuche bestätigt, dass auch sie Franka unmöglich fand. Die Worte ihrer Tante klangen ihr in den Ohren: Ich kenne niemanden, der seine Schwester so gerissen ausgetrickst hat wie Franka. Und nun machte Tante Lisa auch Franka zu ihrer Erbin? Unfassbar!

Andrea sah, wie die Schwester ihren Golf abschloss und durch die Haustür des Gebäudes aus ihrem Blickfeld entschwand. Gleich würde sie ihr gegenüberstehen. Andrea packte der Trotz. Wenn sie sich jemanden nie mehr schwach zeigen wollte, dann Franka. Weder beim Einparken und auch sonst nicht. Also kein Herzrasen mehr, beschwor sie sich. Sie hob stolz den Kopf, befahl sich auf der Hut zu sein, was auch immer heute noch passierte. Franka durfte nicht wieder in ihrem Leben mitmischen. Andrea ballte die Hände zu Fäusten. Sie wollte mit Franka nichts mehr zu tun haben. Jedenfalls solange nicht, bis sie sich bei ihr entschuldigte und ihren damaligen Betrug endlich eingestand. Aber … Andrea seufzte auf. Franka mischte in ihrem Leben wieder mit! Schon allein dadurch, dass sie hier aufkreuzte und sie ihr begegnen musste. Verdammt!

3

Andrea setzte sich wieder und wählte dabei ganz bewusst einen der Sessel, der mit dem Rücken zur offenen Tür des Warteraums stand. Franka musste sie ja nicht gleich sehen, und sie selbst musste sich einen Moment sammeln. Sie hörte, wie es klingelte und die Anwaltsgehilfin die Tür öffnete.

»Franka Ahlbrink. Ich bin zur Testamentseröffnung von Lisa Kupfer geladen.«

Andrea zuckte zusammen. Frankas Stimme. Selbstbewusst wie immer.

»Bitte kommen Sie herein. Eine Frau Ahlbrink ist übrigens bereits da.«

Andrea fluchte im Stillen. Musste die junge Frau sie gleich ankündigen?

»Meine Schwester, überpünktlich, wie immer.« Franka lachte auf. »Und wieso haben Sie dieses Treffen heute anberaumt? Einen Tag vor Pfingsten! Ich habe doch um Verschiebung gebeten.«

Andrea hielt den Atem an. »Da müssen Sie Dr. Cordas fragen.«

»Keine Sorge, das mache ich. Übrigens: Dieses Madonna-Piercing steht Ihnen überhaupt nicht.«

4

Franka betrat den Warteraum. Andrea atmete tief ein. Da musste sie durch, und zwar aktiv und nicht abwartend. Sie durfte Franka bloß keine Chance geben, das Schwesternzepter gleich wieder in die Hand zu nehmen. Sie stand auf und streckte ihr die Hand hin.

»Hallo Franka!« Musste ihre Stimme so zittern?

»Hallo Andrea!« Franka ignorierte ihre Hand.

Andrea zog ihre Hand zurück. Verdammt, ein Punkt für Franka. Sie wollte sich schon resigniert wieder setzen, dachte aber an ihre geliebte Tante. Wenn Lisa die Begegnung hier gewollt hatte … Entschieden streckte sie der Schwester ein zweites Mal die Hand hin, zwang sich zu lächeln.

»Komm, heute stellen wir mal alles zurück.«

Franka überging die Geste, zog ihren Mantel aus und hängte ihn an den Kleiderständer.

Andrea setzte sich und presste die Lippen zusammen. Verdammt! Sie betrachtete Franka. Sie trug eine hautenge schwarze Hose und ein knallrotes T-Shirt, über das eine bunt bestickte Weste mit lila Fransenborte fiel. Wenn Tante Lisa sie sehen könnte!

»Tja, wie du siehst, deine geliebte Tante hat mich auch eingeladen.«

Wie überheblich die Schwester sie von oben bis unten musterte. Graue Maus! Andrea sah die Wertung im fixierenden Blick der Schwester. Für den Anlass heute hatte sie ihren beigen Hosenanzug mit einer dunkelblauen Bluse gewählt. Und die braunen Schnürstiefel, denn es war Regen angesagt. Sie waren alles andere als schick, aber praktisch.

Franka setzte sich in den Sessel ihr gegenüber und zündete sich eine Zigarette an. Aus ihrem lila Lederrucksack zerrte sie eine Zeitung und blätterte geräuschvoll Seite für Seite um.

Andrea spürte, wie ihr Herz wieder Anlauf nahm. Ablenken, konzentrieren, ruhig bleiben, befahl sie sich. Sie öffnete ihre Handtasche und nahm die ausgedruckte Zugverbindung heraus. Zeile für Zeile las sie die Stationen ihrer Rückreise. Recklinghausen ab 18:09, Münster an 18:49, Münster ab 18:57, Bremen an 20:14, Bremen ab 20:25, Oldenburg an … Sie spähte über das Blatt hinüber zu ihrer Schwester. Franka war in ihre Zeitung vertieft. Andrea hörte wieder die Türglocke. Sie atmete auf. Das konnte nur Detlef sein. Sie würde mit der Schwester nicht mehr allein sein müssen.

Detlef trat auf sie zu, lächelte traurig. Ihr Cousin streckte die Arme nach ihr aus und umarmte sie. Andrea spürte, wie er versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken. Sie streichelte über den schwarzen Stoff seines Anzuges. Detlef schob sie ein Stück von sich und blickte ihr in die Augen. »War schön, was du mir alles über Mutter geschrieben hast. Danke. Sie weiß, du wärst zur Beerdigung gekommen, wenn es dir möglich gewesen wäre.«

»Das glaube ich auch.« Wie es Andrea wieder schmerzte, die geliebte Tante nicht auf ihrem letzten Weg begleitet zu haben und Detlef bei der Beerdigung zur Seite zu stehen. Aber die Kinder waren krank gewesen, und deren Vater Frank ist als Breikocher, Fiebermesser und liebevoller Tröster völlig ungeeignet. Sie hätte es sich nie verziehen, die kranken Kleinen mit ihm allein zu lassen.

»Klar doch, sie wusste immer alles«, sagte Franka spitz.

Detlef setzte sich in einen der freien Sessel und musterte sie. »Tag auch, Franka.«

»Tag auch.«

Er zog sein Handy aus der Tasche und las offenbar eine Nachricht. Oder tat er nur so? Andrea betrachtete Detlef irritiert. Konnte er Franka nicht anständig begrüßen, auch wenn er wusste, wie wenig sich seine Mutter mit ihr verstanden hatte? Dennoch imponierte ihr der Cousin. Er stand zu seinen Gefühlen. Er riskierte nicht, sich so wie sie eine Schlappe bei Franka einzukassieren. Ob Franka auf seinen Affront reagieren würde? Andrea sah, wie die Schwester die Augen zusammenkniff und die roten Locken zurückwarf.

»Was soll man auch sagen, wenn man sich schon ewig nichts mehr zu sagen hat?«

Franka grinste sie und Detlef herausfordernd an.

Andrea senkte den Kopf. Konnte die Schwester ihre Angriffslust nicht wenigstens heute im Zaum halten? Andrea wollte Franka wütend entgegnen. Und ärgerte sich, dass sie es mal wieder nicht schaffte.

5

Die Anwaltsgehilfin steckte den Kopf zur Tür herein und bat ins Büro ihres Chefs.

Cordas, ein glatzköpfiger Herr mit buschigen grauen Augenbrauen drückte ihnen die Hand und forderte sie auf, an dem großen Tisch in seinem Büro Platz zu nehmen. Seine knappen Beileidsworte wirkten auf Andrea eher kühl. Umso mehr staunte sie, dass der Tisch, an dessen Kopfende er sich setzte, eingedeckt war und sogar Gebäck bereitstand. Seine Mitarbeiterin brachte ihnen frischen Kaffee.

Cordas musterte sie, Franka und Detlef durchdringend über den Rand seiner Brille. Andrea schüttete zu viel Zucker in ihre Tasse. Die Schwester fragte nach einem Aschenbecher. Detlef verschränkte die Arme vor der Brust.

Cordas blätterte bedächtig in den Schriftstücken. Andrea verfolgte, wie er die Seiten vor und zurück schlug, ab und zu inne hielt und las. Die Stille machte sie beklommen, genauso wie vorhin die Stille im Warteraum. Sie lauschte auf das Ticken der alten Wanduhr hinter Cordas Schreibtisch, das einzige Geräusch im Raum. Mit dem Zeigefinger tippte sie den Takt auf ihr Knie.

Was würde Lisa ihr wohl vererben? Bis sie das Schreiben des Anwalts mit der Einladung zum heutigen Termin erhalten hatte, war sie davon ausgegangen, Detlef würde der Alleinerbe sein. Ihre Augen schweiften in Gedanken durch Lisas Haus. Vielleicht bekam sie ja den Biedermeiersekretär mit den vielen Schubladen und Geheimfächern? Der hatte sie als Kind besonders fasziniert. Sie hatte sich vorgestellt, darin die Liebesbriefe einer Prinzessin zu finden. Was auch immer sie erben würde, sie würde es hüten wie einen Schatz.

Und was würde Franka bekommen? Andrea runzelte die Stirn. Bestimmt die Aquarelle dieser portugiesischen Malerin, die Lisa so bewundert hatte. Cordas räusperte sich, nickte und sah zunächst Detlef und dann ihr und Franka ins Gesicht. Er zog die Augenbrauen hoch.

»Sie sind Zwillinge, wie?«

Andrea nickte. Franka rümpfte die Nase.

»Aber wie die Kessler-Zwillinge halten Sie es offenbar nicht?«

Andrea nickte erneut, dachte daran, wie Franka bereits als kleines Mädchen darauf beharrt hatte, nicht die gleiche Kleidung wie sie zu tragen und ihr verbot, einen Pferdeschwanz zu tragen. Diese Frisur war ihre.

Cordas räusperte sich erneut. »Ihre Mutter und Tante hat vor einem halben Jahr ihr Testament gemacht«, erläuterte er. »Die schriftliche Fassung bekommen Sie mit. Aber zunächst wird Lisa Kupfer zu Ihnen sprechen. Das hat sie ausdrücklich gewünscht.« Er deutete auf einen DVD-Player, der neben dem Tisch aufgebaut stand.

Andreas Magen krampfte sich zusammen. Tante Lisa sehen und hören? Sie schaute zu Franka und Detlef. Ob die beiden von Lisas Plan auch so überrascht waren?

Franka zog an ihrer Zigarette und verdrehte die Augen. Detlef strich sich durch die blonden Haare. Ein feines Schmunzeln floss über sein Gesicht. Andrea ahnte, was ihm durch den Kopf ging. Lisa hatte Auftritte geliebt.

Cordas erhob sich und rückte den riesigen Bildschirm zurecht. Er nahm die Fernbedienung zur Hand, setzte sich wieder und drückte auf Start. »Ich grüße Euch herzlich, meine Lieben.«

Andrea bekam eine Gänsehaut. Da saß Lisa im kleinen Schwarzen. Die Kamera zeigte ihren Oberkörper. Sie wirkte schmaler, als Andrea sie in Erinnerung hatte. Ihre Wangen waren eingefallen. Die tiefen Linien von der Nase zum Mund ließen sie verbittert aussehen. Ihre grauen Haare fielen ihr offen auf die Schultern. Wie blass sie war! Am meisten aber erschreckten Andrea Lisas Augen. Sie wirkten unendlich müde und durchsichtig.

»Ja, auch dich grüße ich, Franka. Schön, dass auch du gekommen bist und mir die Möglichkeit gibst, noch einmal das Wort an dich zu richten.«

Franka wiegte leicht den Kopf hin und her. Andrea hätte am liebsten heftig den Kopf geschüttelt. Da hatte sie Lisa regelmäßig besucht, jede Woche mit ihr telefoniert, ihr zu Weihnachten und zum Geburtstag etwas Ausgefallenes geschenkt … Und Franka, die Tante Lisa ignoriert, verachtet und schon gar nicht angerufen oder ihr gar geschrieben hatte, wurde als Einzige von Lisa gesondert begrüßt!

»Ja, ich plane, über meinen Tod hinaus. Und ich lenke. Der formale Testamentstext ist zwar wichtig, aber nicht mein Stil. Ich will von euch, meinen Erben, persönlich und ehrlich Abschied nehmen.«

Andrea kamen die Tränen. Sie musste das Gesicht von Lisa abwenden und schaute aus dem Fenster. Dort saß ein kleiner Spatz im Blumenkasten und pickte Körner aus dem Ziergras.

»Mein Tod wird euch überrascht haben. Mich nicht. Ich habe mich schon längere Zeit nicht gut gefühlt. Dann kam diese Herzattacke. Ich habe sie euch verschwiegen. Detlef, du hast damals richtig vermutet. Es war keine Migräne. Kühlborn bescheinigte mir ein schwaches Herz und riet mir, kürzerzutreten, der alte Narr.« Lisa lachte leise. Ihr Mund erschien Andrea viel zu groß auf dem riesigen Bildschirm. »Aber das wollte ich nicht. Ihr kennt mich. Mein Leben, das sind meine Autos, meine Angestellten, meine Kunden. Mir vorzustellen, ich würde nur noch im Garten die Rosen schneiden und nach den Äpfeln sehen … Lassen wir das!« Sie beugte sich vor, nahm ihr Sektglas in die Hand und prostete der Kamera zu.

Andrea blickte zu den anderen. Detlef umklammerte mit gefalteten Händen sein Knie und starrte gebannt auf den Bildschirm. Franka saß bequem zurückgelehnt und wippte mit dem Fuß ihres übergeschlagenen Beins. Andrea hätte nur zu gerne gewusst, ob Franka inzwischen eine erfolgreiche Künstlerin geworden war.

»Ich möchte euch noch etwas sagen, das mir wichtig ist.« Andrea hörte, wie Lisas Stimme bebte.

Ein Handy klingelte. Andrea schaute empört auf. Bestimmt Frankas Handy. Aber stattdessen zog Detlef seines aus der Jackeninnentasche. Cordas warf ihm einen vernichtenden Blick zu und stoppte die DVD. Hektisch stellte Detlef sein Handy aus. Cordas versuchte, die DVD wieder zu starten. Das klappte nicht gleich. Leise grummelnd kämpfte er mit der Technik.

Lisa erschien wieder. Andrea hörte sie atmen. Ihre Tante spitzte die Lippen und sog die Wangen ein. Andrea kannte das. Lisa suchte dann nach passenden Formulierungen. Es schien ihr, als würde die Kamera Lisas Gesicht heranzoomen.

»Am wichtigsten ist mir meine Botschaft an dich Detlef, mein geliebter Sohn. Wir waren ein gutes Team, erst zu Hause, später auch im Geschäft. Mit dir ist mein Leben reich geworden. Aber in den letzten Jahren stand etwas zwischen uns. Du weißt, was ich meine. Ja, ich habe deinen Lebenspartner Gerhard nie kennenlernen wollen. Ich weiß, du hast mir das nicht verziehen. Glaube mir, ich wünschte, ich hätte über meinen Schatten springen können!«

Andrea beobachtete, wie Detlef zusammenzuckte und einen kurzen Blick zu Cordas warf. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie unangenehm er es empfand, dass der Anwalt von seinem Schwulsein erfuhr.

»Ich hoffe, du wirst so glücklich mit deinem Partner, wie du es dir erträumst.« Lisas Stimme vibrierte. Für Andrea klang sie leiser als bei all ihren Sätzen vorher.

Detlef rieb sich die Stirn und sah aus dem Fenster. Andrea folgte seinem Blick. Draußen auf der Fensterbank saß immer noch der Spatz. Detlef lächelte, als er aufflatterte. Andrea schluckte. Bloß nicht losheulen. Tante Lisa musste am Ende ihres Lebens noch innere Berge versetzt haben.

»Keiner von euch soll weinen. Ihr habt mein Leben bereichert. Und deshalb will ich euch das hinterlassen, was ihr am besten brauchen könnt. Du, Detlef bekommst das Autohaus und all meine Aktien.«

Andrea nickte vor sich hin. Das hatte sie erwartet.

»Und du liebe Andrea, du bist mir immer so eine gute Freundin gewesen. Du wirst dich um meine Äpfel im Garten kümmern. Dir gehört ab heute mein Haus.«

Andrea riss die Augen auf, starrte auf den Bildschirm in die lächelnden Augen von Lisa. Die Ankündigung erschien ihr wie die frohe Botschaft eines Engels. Geldsorgen wegen der Trennung von Frank würde sie keine mehr haben. Sie könnte sogar zurück nach Recklinghausen in ihre Heimatstadt ziehen. Wieder nahe bei Vater wohnen, weit weg von Frank. Andrea durchströmte die Freude wie eine warme Welle.

»Und du liebe Franka«, Andrea sah, wie die Tante schmunzelte, »du wirst dich sicher fragen, was für dich noch übrig bleibt?«

Andrea schaute Franka an. Die Schwester spitzte die Lippen und rieb mit den Händen auf ihren Knien herum.

»Liebe Franka,wir haben leider keinen Weg mehr zueinander gefunden, nachdem du Andrea damals so einfallsreich betrogen hast. Wie lange ist das jetzt her? Es müssen ungefähr zwanzig Jahre sein, wenn ich nicht irre. Ich habe dir damals geschrieben und dich kritisiert. Das bedauere ich nicht. Das war richtig. Mehrfach habe ich dir die Hand gereicht, habe dich immer wieder zu mir eingeladen. Du hast mir nie geantwortet. Aber als deine Eltern sich trennten und du meine Position dazu nicht akzeptieren konntest, hast du mir geharnischte Briefe geschrieben. Weißt du eigentlich, wie traurig du mich gemacht hast? Aber dennoch bist du mir wichtig, Franka. Auch dir wünsche ich alles Glück dieser Welt für dein zukünftiges Leben. Auch dir gehört ab heute mein Haus.«

Andrea riss den Kopf hoch. Hatte sie richtig gehört? Sie suchte im Gesicht der Schwester. Franka schaute so überrascht auf den Bildschirm wie sie selbst, so als würde sie am liebsten bei Tante Lisa nachfragen. Andrea schluckte. Das durfte nicht wahr sein! Was hatte Tante Lisa sich dabei bloß gedacht? Andrea knetete ihre Hände. So ein großzügiges Erbe hatte die Schwester nicht verdient! Sie fing Frankas triumphierenden Blick auf und sah, wie die Schwester ihren Daumen siegesgewiss in die Luft streckte. Ihr Herz begann wieder zu rasen. Ob Tante Lisa sich vorstellen konnte, was sie ihr damit antat? Was fiel ihr ein? Andrea kam ihr Erbe augenblicklich wie eine Strafe vor. Am liebsten hätte sie losgeheult. Bleib ruhig, bleib doch ruhig! Wir können das Haus ja verkaufen, fiel ihr ein, und sie fühlte sich schlagartig ein wenig besser. Auch die Hälfte des Geldes würde sie retten. Aber die Vorstellung, nun mit der Schwester gemeinsam handeln zu müssen, beunruhigte sie. Gemeinsam einen Makler einschalten, gemeinsam den Haushalt auflösen, gemeinsam alle rechtlichen Dinge klären … So viele Absprachen mit Franka. Ob das gutging?

»Meine lieben Nichten!«

Andrea schreckte aus ihren Gedanken auf und schaute wieder auf den Bildschirm.

»Mein Wort zum Schluss. Ihr werdet gemeinsam verantwortliche und freudige Erbinnen meines schönen Hauses sein. Und bitte respektiert meinen allerletzten Willen: Ich wünsche, dass mein Haus für immer in Familienbesitz bleibt.«

Andrea kniff die Augen zusammen. Es schien ihr, als lächele die Tante hintergründig. Ihr wurde heiß. Was meinte sie? Sie forderte ja wohl, ihr Haus solle nicht an Fremde verkauft werden. Und das bedeutete … Sollte sie etwa mit Franka das Haus gemeinsam bewohnen? Bleib ruhig, bleib ganz ruhig!

Andrea schaute ihre Schwester an, die immer noch ungläubig auf den Bildschirm starrte.

6

Andrea verließ als Erste die Anwaltskanzlei, lief die Treppen hinunter und wartete unten auf der Straße auf Franka und Detlef. Wie froh sie war, noch einen Moment allein sein zu können. Es regnete immer noch. Andrea lehnte den Kopf in den Nacken und reckte ihr heißes Gesicht den Regentropen entgegen. Sie zwang sich, die Augen geöffnet zu halten. Wenn es ihr gelingen würde, eine Stunde lang bewegungslos und mit geöffneten Augen so stehen zu bleiben, ohne zu blinzeln, könnte sie Lisa wieder ins Leben zurückholen und das gemeinsame Erbe mit der Schwester abwenden. Kindliche Gedanken, das wusste Andrea, und doch gaben sie ihr für einen kleinen Moment ein Gefühl von Hoffnung.

Franka und Detlef kamen zusammen aus dem Haus. Detlef zerrte einen Knirps aus seiner Aktentasche und spannte ihn auf. Franka zündete sich eine Zigarette an und inhalierte heftig. Beide sagten nichts, traten von einem Bein auf das andere.

Andrea gab sich einen Ruck. Jetzt einfach so auseinandergehen? Es kam ihr wegen Tante Lisa unwürdig vor.

»Wie wäre es, wenn wir noch was trinken gehen?« Sie schaute Detlef fragend an, unsicher, ob er mitkommen würde, wenn Franka dabei war. Und richtig, Detlef lehnte ab und verabschiedete sich. Er habe gleich einen geschäftlichen Termin. Er müsse Mutters heiß geliebte Nissans ja nun alleine verkaufen. Er drückte sie kurz an sich, winkte Franka mit den Fingerspitzen zu und stapfte davon. Andrea seufzte tief. Mit Franka allein. Ihr graute.

»Geschäftstermin!« Auch Franka verfolgte Detlef mit Blicken. Sie kicherte. »Garantiert rennt der sofort zu seinem Liebsten, um ihm Tantchens grandiosen letzten Willen mitzuteilen.«

Andrea zuckte zusammen.

»Schwesterherz«, Franka sah sie herausfordernd an, »wir haben was zu klären, nicht?«

Andrea nickte und befahl sich, dieses aufgesetzte ›Schwesterherz‘ zu überhören.

»Besichtigen wir unser Haus! Ist Ewigkeiten her, seit ich es betreten habe.«

Franka übernahm also die Regie. Typisch! Andrea seufzte. »Wollen wir nicht vorher Tante Lisas Grab besuchen?«

»Ist nicht dein Ernst, oder?« Franka kramte in ihrem Rucksack, zog eine Coladose hervor und ließ den Verschluss aufschnappen. »Denkst du, Tantes Gesülze hat mich beeindruckt?«

Die Cola schäumte auf ihre Schuhe. Fluchend wischte sie mit Tempos auf ihren roten Stöckelschuhen herum.

Andrea sog die Lippen in den Mund. Gesülze! Sie stülpte die Kapuze ihres Regenmantels über den Kopf und zog die Schnüre fest. »Ich will mich dort von ihr verabschieden.« Sie gab ihrer Stimme einen festen Klang. »Das habe ich mir für meine Reise hierher fest vorgenommen.«

Franka setzte die Coladose an die Lippen und fixierte sie mit leicht zusammengekniffenen Augen. »Für mich bleibt sie die arrogante Madame, die mir immer so schön aufgetischt hat, was ich falsch gemacht habe. Darin war sie ’ne Meisterin!«

»Du hast sie nicht richtig gekannt.«

»Aber du, was? Du mit deiner rosaroten Brille auf der Nase.«

»Ach, hör endlich auf damit!«

»Ich hätte mir nie träumen lassen, dass sie sich einmal nicht auf deine Seite stellt.«

»Nun übertreib bloß nicht.« Andrea klang unwirsch.

»Mich hat die nie verstanden. Und du auch nicht.«

»Aber du bist die Meisterin im Einfühlen, was?« Andrea verdrehte die Augen. »Denk daran, wie gut du dich damals in mich einfühlen konntest. Wie du mich ausgebootet hast.«

Franka zündete sich erneut eine Zigarette an. »Willst du bis zu deinem Tod auf den ollen Kamellen rumreiten?«

Andrea zog ihre Kapuze wieder vom Kopf. Wie heiß ihr war! Sollten ihre Haare doch nass werden. Sie nahm wahr, wie die Schwester sie mit Stirnrunzeln musterte und wappnete sich gegen weitere Vorwürfe. Aber Franka schwieg und rauchte. Dabei tippte sie mit der Hacke staccatomäßig auf das Pflaster. Kaum hatte sie ihre Kippe zwischen die Sträucher im kleinen Vorgarten des Hauses geschnippt, reckte sie ihr Kinn hoch.

»Wir fahren jetzt zu Lisas Haus. Ich will heute noch nach München zurück. Auf den Friedhof kannst du ja gehen, wenn ich abgefahren bin.«

Sie schloss die Fahrertür ihres Golfs auf, nahm Platz und öffnete von innen die Beifahrertür. Andrea starrte auf die Rostflecke des Wagens und unterdrückte ein Seufzen.

Franka wischte mit einem Handtuch die beschlagene Windschutzschreibe frei, startete den Golf und hieb die Kupplung in den ersten Gang. »Die Heizung tut’s nicht mehr richtig.« Sie stellte einen Popsender auf volle Lautstärke.

Andrea war es nur recht so. Bloß nicht weiter streiten. Sie schaute nach draußen und versuchte zu erraten, wo sie gerade entlang fuhren. In Recklinghausen waren sie und Franka groß geworden. Aber diese selbst auferlegte Beruhigungsstrategie nützte nichts. Verdammt, alles war wie immer. Sie hatte mit der Schwester sofort wieder gestritten. Genau wie bei der letzten Begegnung vor sieben Jahren auf der Silberhochzeit der Eltern. Fast mit den gleichen Worten. Andrea lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze und schloss die Augen. Verdammt, warum konnte sie mit 42 Jahren nicht endlich gelassener auf die Schwester reagieren?

7

Als Andrea die Augen wieder öffnete und auf die Straße hinaussah, entdeckte sie das Hinweisschild zum Ruhrfestspielhaus und zum Tiergarten. Franka bog ab. Gleich würden sie im Westviertel sein, in dem Lisas Haus stand. Andrea dachte an ihren letzten Besuch bei Tante Lisa. Sie war mit ihr und den Kindern im Tiergarten spazieren gegangen. Tante Lisa hatte die Anlage mit ihrem alten Baumbestand und dem nostalgischen Charme geliebt. Wenn sie zukünftig hier wohnen könnte, würde sie mit den Kindern ganz oft in den Zoo gehen und die putzigen Rhesusaffen besuchen, die die Kids mit ihrer behänden Kletterei so begeistert hatten. Sie seufzte und lehnte den Kopf an die Nackenstütze. Aber mit Franka das Haus teilen …

Wie immer, wenn Andrea durch das Westviertel fuhr, meinte sie, es gäbe nirgendwo einen wundervolleren Stadtteil. Die Gründerzeitvillen, die hier das Straßenbild prägten, kamen ihr auch heute wie kleine Schlösser vor. Welch prächtige Fassaden mit den geschwungenen Erkern und den Stuckverzierungen wie aus Zuckerguss! Und wie schön die Fenster betont waren! Um die unteren Fenster liefen breite Rundbögen und auf den oberen saßen kleine Spitzgiebel wie Kronen.

Die Sonne kämpfte sich durch die Regenwolken und warf zarte Strahlen auf Dächer und Bäume. Andrea kam es so vor, als würde das Wohnviertel im Meer der Maiblüten regelrecht aufstrahlen. Diese Farbenpracht in den Gärten! Leuchtend gelber Goldregen, violette Trauben der Glyzinien und weiße und rosa Kronen von Apfel- und Kirschbäumen. Fast meinte sie, den süßlichen Duft der Blüten zu riechen. Tatsächlich roch sie aber nur den muffigen, verrauchten Duft in Frankas Golf. Sie rieb sich die Schläfen. Hier, in dieser Pracht, könnte sie also wohnen und den Kindern ein Paradies bescheren.

»Da sind wir«, Franka stoppte abrupt. »Gut, dass Lisas Haus nicht so ein Protzbau wie die anderen hier ist.«

Lisas zweistöckiges weißes Haus ohne Prunk und Schnörkel schien sich in das Viertel hier verirrt zu haben. Andrea liebte diesen Bau aus den 70er Jahren mit seiner von Efeu umrankten Veranda und den roten Fensterläden. Anheimelnd sympathisch. Und wie schön, dass eine hohe dichte Hecke es von der Straße und von den Nachbargrundstücken rechts und links abgrenzte.

Schweigend schloss Andrea die Haustür auf und trat mit Franka in die Diele. Sie blieb unschlüssig stehen. Franka aber stob los und lief von einem Zimmer zum anderen. Andrea betrachtete irritiert die Garderobe. Sie sah anders aus als sonst. Die Mäntel und Jacken hingen einzeln auf den Bügeln, nicht mehr wie sonst drei oder vier übereinander. Oben auf dem Ablagebrett stapelten sich ordentliche Türmchen: Schals, Tücher, Hüte. Tante Lisas wuseliges Durcheinander ihrer Lieblingsaccesscoires war verschwunden. Der Anblick machte sie beklommen. Bestimmt hatte Lisa aufgeräumt, weil sie wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde.

Andrea betrat die Küche. Sie hörte Franka in der oberen Etage. Das alte Parkett knarrte bei ihren schnellen Schritten. Wie kalt es war! Andrea drehte die Heizung auf. Sie streifte ihre durchnässten Stiefel von den Füßen. Unter der Garderobe hatte sie Lisas Fellpantoffeln stehen sehen. Sie tappte in den Flur zurück, zog die Pantoffeln hervor und strich sanft über das Veloursleder. Sie zögerte, die Pantoffel anzuziehen. Aber Lisa würde es gut finden, wenn sie sich keine kalten Füße holte. Trotzdem zögerte sie noch einmal kurz, ehe sie in die Hausschuhe schlüpfte. Sie passten ihr. Als sie in die Küche zurückging, Lisas Schuhe an den Füßen, fühlte sie sich ihrer Tante nahe.

Andreas Augen füllten sich mit Tränen. Welch eine gute Freundin sie verloren hatte! Lisa hatte Sorgen so zurechtrücken können, dass man über sich lachen konnte und sich fragte, warum man sich eigentlich so aufregte.

Andrea hörte Franka jubeln. »Echt geil! Einfach super!« Was ihre Begeisterung auslöste, wusste Andrea nicht. Es konnte alles Mögliche sein. Lisas Haus war ein Sammelsurium vieler schöner Dinge. Die Einrichtung hatte keinen bestimmten Stil, aber sie war stilvoll. Schränke, Vitrinen, Tische und Stühle waren aus Kirschbaumholz gefertigt. Antiquitäten, die Lisa im Laufe der Jahre gesammelt hatte. Auf den neuen Parkettfußböden lagen Perser, farbenfrohe Gabbehs und zartseidene chinesische Teppiche. Und bestimmt gefiel Franka auch Lisas lichteinladende Fenstergestaltung. Alle Fenster hatten nur Übergardinen, mattweiße Chintzvorhänge, die auf den Boden aufstießen.

Andrea griff nach der Gießkanne im Regal und begoss Lisas Kräuter in den kleinen Blumentöpfen auf der Fensterbank, die vertrocknet wirkten. Die Tante hatte ihre Petersilie, den Oregano und den Dill immer mit großer Sorgfalt gehegt.

Franka stürmte in die Küche. »Tolle Bude! Und die Möbel sind garantiert viel wert. Wenn wir die auch verkaufen …«

Andrea starrte sie an und hörte die letzten streng gesprochenen Worte ihrer Tante. »Ich wünsche aber, dass mein Haus in Familienbesitz bleibt.«

»Du willst das Haus verkaufen?«, platzte sie heraus. »Das kommt nicht in Frage! Wir müssen Lisas Wunsch respektieren.«

»Denkst du, Lisas Order hat mich beeindruckt?« Franka sah sie herausfordernd an.

Andrea holte tief Luft. »Du kapierst nichts, aber auch gar nichts.«

»Wenn du meinst … Aber sag Andrea, willst du nicht auch verkaufen? Ihr lebt doch in Oldenburg.«

»Wir gibt‘ s nicht mehr!«

Franka nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet. Sie sagte nichts, trat an die Anrichte und öffnete die Kaffeedose.

»Auch einen?«

Andrea nickte und holte zwei der großen blauen Becher aus dem Büfett im Flur. Die hatte Tante Lisa am liebsten gehabt.

Franka nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine. »Was ist mit dir und Frank?« Sie schenkte ein.

Andrea schluckte. Sie würde sich hüten, der Schwester ihr Gefühlschaos, ihre Enttäuschung wegen Frank oder ihre Wut auf ihn zu offenbaren. »Frank wollte die Elternzeit nicht mit mir teilen. Und er hatte immer Recht.« Sie wärmte ihre Hände am Kaffeebecher. »Ich bin jetzt also alleinerziehende Mutter.«

»Das passt!« Franka kicherte hämisch. »Natürlich kann dein karrieregeiler Liebster Job und Abwasch nicht unter einen Hut bringen. Ist für den genauso unvorstellbar wie eine Trainerin bei Bayern München.« Sie blitzte Andrea über den Becherrand an. »Du willst hier also mit deinen Kindern einziehen?«

Andrea nickte. »Neu anfangen. Das wäre für mich und die Kids am besten.« Die quälenden Überlegungen der letzten Woche flogen ihr durch den Kopf. In der schönen Vierzimmerwohnung würde sie ohne Frank nicht bleiben können. Die Miete war viel zu hoch, selbst mit einem Halbtagsjob und Franks Unterhaltszahlungen für die Kinder. Sie würden umziehen müssen, in einen der preiswerteren Stadtteile in Oldenburg. Vermutlich in einen Stadtteil ohne Grün, ohne verkehrsberuhigte Straßen, mit ungepflegten Kinderspielplätzen und Schulen mit Gewalt. Wenn sie das den Kindern das bloß ersparen könnte …

Und nun saß sie hier in Lisas Küche, nur dass es nicht mehr Lisas Küche war, sondern ihre eigene. Meine Küche, meine Pantoffeln, mein Garten. Andrea schluckte. Aber das alles gehörte nun auch Franka.

Franka stand auf, trat ans Küchenfenster und schaute in den Garten hinaus. Andreas Augen folgten ihrem Blick. Lisas Apfelbäume strahlten im Weiß ihrer Blüten.

Andrea sah das Paradies für Tommy und Jolante vor sich. Der große Garten, Frühstück auf der Terrasse, die Schaukel an einem der Apfelbäume, Bagger auf der Wiese, Meerschweinchengräber unter dem Flieder.

Frankas Augen blitzten herausfordernd. »Meinetwegen kannst du das Haus haben. Aber kannst du mich ausbezahlen?«

Andrea schluckte.

»Scheiße, was?« Franka sprang auf und riss die Tür des Kühlschranks auf. Sie japste erfreut. »Klasse, sie hat Sekt gebunkert.« Sie kam mit einer Flasche an den Tisch zurück.

»Hol mal Gläser.«

»Bin ich dein Dienstmädchen?«

»Aber du kennst dich hier aus.«

Andrea stand auf und holte die Champagnerflöten aus dem Wohnzimmer. Franka füllte die Gläser.

»Kostbares Zeug, was? Bringt bestimmt auch gute Kohle.«

Andrea nahm einen großen Schluck, verschluckte sich, hustete. Energisch verordnete sie sich jetzt Regiearbeit. Sie zwang sich, ihren Ton bestimmt klingen zu lassen. »Ich nehme Tante Lisas Wunsch ernst. Eine von uns sollte hier wohnen. Und wenn du hier einziehst und mich ausbezahlst?«

Kaum waren die Worte heraus, hielt sie inne. Nein, Franka hatte das schöne Haus nicht verdient. Sie hatte Lisa weder geschätzt noch geliebt.

»Vergiss es!« Franka winkte ab. »Bin arm wie ’ne Kirchenmaus. Bin eine dieser gescheiterten Existenzen, die sich mit Hartz IV ausruhen.«

»Du bist arbeitslos?«

»Nö, so würde ich das nicht nennen.« Franka hielt inne, schaute vor sich auf den Tisch, rieb mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte herum. »Ich arbeite immer. Bringt aber keine Kohle. Bin gerade dabei, mein Leben neu zu ordnen. Genau wie du.«

Frankas Stimme hatte einen Tonfall angenommen, den Andrea zum ersten Mal an diesem Tag hörte. Sie kannte ihn von früher, aus Situationen, in denen sie und Franka heftig stritten und in denen Franka plötzlich wie abwesend schien und gleichzeitig so durchlässig, dass es Andrea für einen kurzen Moment so vorkam, als ob ihr jemand anderes gegenüber stand. Wenn Franka so sprach, hatte Andrea meist ihre Wut vergessen und ein warmes Gefühl für ihre Schwester empfunden. Im Nachhinein hatte sie oft überlegt, ob es eine von Frankas raffinierten Strategien war, die sie gezielt einsetzte. Aber irgendetwas sagte ihr, dass Franka in diesen Momenten ganz und gar wahrhaftig war. Und das spürte sie auch jetzt, hier in Lisas Küche.

»Magst du erzählen?« Andrea lächelte ihrer Schwester zu. Vielleicht würde ihr gleich eine Lösung einfallen. Und neugierig war sie obendrein.

8

Franka trank schnell und rannte in der Küche herum, eine Zigarette in der Hand. Alles sträubte sich in ihr, Andrea in ihre Pleite einweihen. Andrea hatte sich schon seit Jahren nicht mehr dafür interessiert, was sie machte oder wie es ihr ging. Franka schnaubte. Nein, Andreas Gedanken kreisten immer nur um diese blöde Geschichte von damals. Sie schaffte es einfach nicht, die Sache als Jugendsünde zu werten. Für sie blieb Franka wohl immer die Schwester, die sie um ihren ersten Job gebracht hatte. Aber wenn sie Andrea über ihr Scheitern in München erzählte, kapierte sie bestimmt besser, warum sie so dringend Kohle brauchte.

»Ich habe vor ein paar Jahren mit ein paar netten Leuten ein Marionettentheater aufgezogen. Das waren alles Schauspieler ohne Job. Wir tingelten durch die Lande und spielten witzige Geschichten rund um Umweltskandale, Beziehungskisten, Immobilienhaie und Ausländerfeindlichkeit. Das lief anfangs richtig super. Wir konnten alle davon leben, wenn auch bescheiden. Und dann ging’s bergab.« Franka inhalierte heftig. »In den letzten zwei Jahren erwischte uns die Flaute. Weniger Engagements, schlechtere Gagen. Dann stiegen zwei Leute aus und die Truppe löste sich auf.«

Franka schwieg, kniff die Augen zusammen und warf ihre Haarmähne zurück.

Andrea holte ihr einen Aschenbecher. »Das hört sich traurig an, Franka.«

Franka nickte. Nein, sie würde Andrea nicht vorjammern, wie sehr sie das alles getroffen hatte. Nicht nur die Arbeit, die sie so begeistert hatte, war weg, sondern auch die Freunde, mit denen sie jeden Tag geprobt hatte oder abends aufgetreten war. Noch schlimmer aber waren diese schreckliche Leere und die langen Tage, die ohne Theater nicht enden wollten. Sie presste ihren Zeigefinger zwischen ihre Augenbrauen. Dieser arrogante Typ bei der Arbeitsagentur, der grinste, als sie ihm von ihren Marionetten erzählte. Nein, sie würde Andrea auch nicht erzählen, dass sie nicht wusste, wie es für sie weitergehen könnte.

»Vielleicht gründe ich ein neues Ensemble. Und wenn ich noch mal anfange …« Franka schaute Andrea herausfordernd an. »Da wäre ein schönes Startkapital der absolute Bringer.«

Sie leerte das zweite Glas, füllte es erneut auf und schenkte auch Andrea nach.

Andrea sah nach draußen auf die Apfelbäume. Franka folgte ihrem Blick und meinte, die Baumkronen schwanken zu sehen. Sie beobachtete die Schwester, die ihr Sektglas streichelte und garantiert von ihrem neuen Zuhause hier träumte.

»Wir sind Tante Lisa ja wohl was schuldig.«

»Der bin ich nichts schuldig«, fauchte Franka und trank ihr Glas aus. Sie holte die nächste Flasche aus dem Kühlschrank, öffnete sie und schenkte sich nach.

»Ich denke, du willst heute noch nach München zurück?«

Franka winkte ab. »Keine Sorge, ich penne ’ne Runde im Auto.«

Sie sah, wie Andrea eine Entgegnung hinunterschluckte und den Kopf schief legte.

»Sag mal, Franka, hast du denn nichts gefühlt, als du das Video gesehen hast?«

Franka verkniff es sich zu nicken. Ihre wahren Gefühle gingen die Schwester gar nichts an. Sie hatte Tante Lisa mal bewundert. Die erste Chefin in der Familie. Aber Lisa hatte immer Partei für Andrea ergriffen, genau wie Vater. Und später war sie auf Vaters Seite, gegen die Mutter. All das würde sie ihr nie verzeihen.

»Ich habe Frust geschoben«, sagte sie. »Tante Lisa hat mich immer nur erziehen wollen. Mit was für einem Gefasel. Heute setzt sie das Hauserbe ein, um mich zu dirigieren. Wir sollen auf liebende Schwestern machen, was?« Franka kicherte. »Eine absurde Idee. Und mach mir nichts vor, Andrea. Du empfindest das als genauso schräg wie ich.« Franka holte tief Luft. »Was ist nun, willst du mich ausbezahlen?«

Andrea schwieg, klopfte mit den Fingern auf den Tisch.

Franka triumphierte. Natürlich sah Andrea da keine andere Möglichkeit, natürlich würde sie letztlich dem Hausverkauf zustimmen.

»Ja, da fällt dir nichts ein, was liebe Schwester?«

»Mensch, spar dir wenigstens diesen Ton«, fuhr Andrea sie an. »Wenn ich einen Job hätte … dann hätte bei der Bank Chancen auf einen Kredit. Aber …«

Franka nickte. Ohne Job kein Kredit. Das galt für sie genauso. Dieser Situation mussten sie beide knallhart ins Auge sehen. Wenn Andrea das bloß endlich begreifen würde! Sie sprang auf.

»Ich haue ab und rufe dich an, wenn ich ’nen Makler aufgetan habe, der uns die Hütte hier zum besten Preis verscherbelt.« Sie griff nach ihrem Rucksack, winkte Andrea zu und verließ die Küche.

»Franka«, hörte sie Andrea rufen. »Warte!«

Franka hielt inne. Machte die Schwester ihr doch ein Angebot? Oder wollte Andrea sie nicht so abrupt abreisen lassen? Sie spürte, dass sie das freuen würde. Bloß nichts anmerken lassen, schwor sie sich und lief in die Küche zurück. Herablassend grinste sie auf die Schwester hinunter. Mit Genugtuung sah sie, wie Andrea aufatmete.

»Wir könnten Vater oder Detlef das Haus anbieten. Für die wäre das eine prima Geldanlage. Die könnten das Haus an mich vermieten und dich ausbezahlen. Und so bliebe das Haus in Familienbesitz!«

Franka kreuzte ihre Arme vor der Brust, hielt sich an ihren Schultern fest. Verdammt! Andrea ging es nur um das Haus. Und um ihre geliebte Tante! Aber diese Idee …

»Das ist nicht dein Ernst!« Franka schnaubte empört. »Vater als Käufer meines Erbes? Der Typ, der Mutter ins Unglück gestürzt hat?! Nie! Außerdem hat der als Industriemechaniker die Kohle nicht. Und Detlef wird den Preis drücken. Oder glaubst du, der legt für das Haus seiner Mutter den Höchstpreis hin? Vermutlich ist er eh sauer, dass wir es kriegen.« Sie wandte sich wieder zur Tür. »Tschau, Schwester. Du hast verloren. Kapier das endlich!«

»Warte!«, rief Andrea. »Ich habe noch eine Idee.«

Franka schüttelte den Kopf, ohne sich zu Andrea umzudrehen. Wie sollte es da noch einen Ausweg für uns geben?

»Kannst du nicht hier eine neue Theatergruppe gründen?«

Franka fuhr herum. »In diesem Kaff?«

»Kaff? Recklinghausen ist Ruhrgebiet.«

Köln, ja, das wäre zu prüfen, überlegte Franka. Aber Recklinghausen? Sie hörte die Kommentare ihrer Freundinnen, denen sie ständig predigte, wie wichtig ein kulturell reger Ort für eine Künstlerin sei. Na gut, in Recklinghausen gab’s die Ruhrfestspiele. Aber das war die Bühne der Großen. Würde sie hier mit Kleinkunst eine Schnitte gewinnen können? Wusste sie überhaupt etwas über die alternative Kulturszene im Ruhrgebiet? Franka sah direkt in Andreas Gesicht, das wie eingerahmt schien vom Fensterrahmen hinter ihr, mit den Apfelbäumen als Hintergrundkulisse.

»Was hat das mit dem Haus zu tun?«

»Du könntest hier wohnen.« Andrea presste die Hände auf die Tischplatte. »Wir könnten beide hier wohnen. Wenigstens vorübergehend. Keine Mietkosten und …«

Franka lachte los. »Du willst mit mir zusammenziehen?« Sie setzte ihr Spottgesicht auf und wusste, dass sie es exzellent beherrschte: Gespitzte Lippen, leicht zusammengekniffene Augen, die fixieren und kritisch mustern. »Himmel, welche Macht hat Tante Lisa über dich?«

Andrea leerte ihr Glas. »Eigentlich liegt mir nichts ferner. Aber Lisas Wunsch …«

Franka griff nach der Sektflasche, setzte sie an die Lippen, trank, wischte sich den Schaum aus den Mundwinkeln und nahm wieder auf dem Stuhl gegenüber Andrea Platz. Der neue Vorschlag hatte was. Aber wieder mit Andrea unter einem Dach leben? Das hatte sie schon im Elternhaus genervt. Andrea, die Ordentliche. Andrea, die Leise, die nie zu laut Musik hörte. Andrea, die Fleißige, die immer alle Schularbeiten erledigte. Aber hatte sie eine bessere Idee?

»Na gut.« Sie schaute Andrea fest in die Augen. »Wir ziehen beide ein. Du suchst dir einen Job. Ich bastele an einer neuen Karriere als Marionettentheaterbesitzerin. Sobald du mit deinem Job einen Kredit bekommst, zahlst du mich aus und ich such mir ’ne andere Bleibe.«

Andrea lächelte. Auf Franka wirkte es wie ein triumphierendes Lächeln. Die Schwester fühlte sich als Siegerin. Nein, das konnte sie so nicht stehen lassen.

»Ich überleg ’s mir«, sagte sie also, »und rufe dich in ein paar Tagen an.« Sie stapfte wieder Richtung Tür, den Kopf selbstbewusst erhoben.

Am Prickeln hörte sie, dass sich Andrea Sekt nachschenkte. Franka fuhr herum. »Wenn ich komme, dann unter zwei Bedingungen.«

»Ja?« Andrea runzelte die Stirn.

Franka warf die roten Locken zurück. »Erstens, ich will die ganze obere Etage für mich. Ich brauche meine Ruhe. Kleinkinder sind mir ein Gräuel. Geschrei, tropfende Nasen, voll geschissene Hosen und jedes Mal Essensverweigerung, wenn der Spinat auf dem Tisch steht. Nee, liebe Schwester, nicht mit mir. Und zweitens, unser Alter taucht hier nicht auf. Der hat bei mir verschissen, weißt du ja.«

Franka sah, wie Andrea die Augen aufriss. Aber wenn sie sich nicht arg täuschte, würde die Schwester keinen Rückzieher machen. Und richtig. Andrea presste ihre Lippen zu einem schmalen Strich und sagte: »Abgemacht.« Franka knallte die Küchentür hinter sich zu und verließ ihr neues Haus.

Teil II

1

»Wann sind wir endlich da?«

Andrea stöhnte auf. Seit sie mit den Kids in Oldenburg gestartet war, stellten sie diese Frage alle halbe Stunde. »Das dauert noch ein bisschen. Wer einen Audi sieht, so einen wie Papa ihn fährt, bekommt einen Punkt. Und wer die meisten Punkte hat, bekommt einen Milky Way.«

Die Aufgabe fesselte die Kinder keine Viertelstunde.

»Gibt’s noch Bonbons?«

»Nein, die Tüte ist leer.«

»Wann kommt Papa uns besuchen?«

»Bald. Das hat er versprochen. Er nimmt euch dann fürs Wochenende mit nach Oldenburg.«

»Und du kommst nicht mit?«

»Nein, ich bleibe bei Tante Franka. Sonst ist sie ja allein in unserem neuen Haus.« Andrea seufzte bei der Lüge.

Wie kaputt sie sich fühlte. Die Fahrt mit dem gemieteten Kleintransporter forderte ihre ganze Aufmerksamkeit. Noch nie hatte sie ein so großes Gefährt über die Autobahn kutschiert. Und dann noch dieser verdammte Dauerregen, der die Fahrbahn in eine undurchschaubare Gischt tauchte!

»Kann Tante Franka Mau Mau spielen?«

»Fragt sie, wenn wir ankommen.«

Andrea schien es eine Ewigkeit her zu sein, seit sie mit Franka in Lisas Küche den verrückten Plan ausgeheckt hatte. Wie froh sie war, dass die Schwester keinen Rückzieher gemacht hatte. In den letzten drei Wochen hatte sie mit Franka nur ein paar Mal telefoniert, um die Formalitäten wegen des Erbes zu klären. Sie hatten nicht über die gemeinsame Zukunft gesprochen, sondern nur vereinbart, dass sie im Juni Lisas Haus beziehen würden.

Je näher sie Recklinghausen kam, desto verkrampfter umklammerte sie das Lenkrad. Würde sie mit Franka auskommen? Würde Franka nett zu den Kindern sein? Andrea zwang sich, die Leuchtpfosten am Straßenrand zu zählen.

2

Gegen Mittag schloss sie Tante Lisas Haustür auf. Ihr Kopf pulsierte vor Schmerz, ihr Herz klopfte wild. Gelächter perlte ihr entgegen, es musste aus der Küche kommen. Da lachten offenbar mehrere Personen. Sie konnte helles Kichern und dunkles Grölen ausmachen. Franka hatte also Besuch.

»Hallo«, rief sie. »Hallo, Franka.« Keine Antwort.

Sie öffnete die Tür zur Küche. Die Kinder klammerten sich an ihren Beinen fest und schauten neugierig nach der neuen Tante. Franka saß mit zwei Frauen und zwei Männern am reichlich gedeckten Frühstückstisch. Andrea erspähte frische Brötchen, eine Platte mit Lachs und Forellenfilets, eine mit Käse und eine Pfanne, in der Rührei mit Speck und Schinken dampften. Sie spürte, wie ihr Magen knurrte. Wie verlockend es nach Kaffee roch! Wenn sie sich nicht irrte, hatte die Tischrunde die zweite Flasche Sekt bereits geköpft.

»Hi, Andrea«, rief ihr Franka zu. »Meine Freunde aus München. Sie sind auf der Durchreise an die Nordsee.«

Acht Augenpaare musterten sie und die Kinder. Franka blieb sitzen und begrüßte weder sie noch Jolante und Tommy mit Handschlag. Die Fünf am Küchentisch plauderten fröhlich weiter.

Andrea schluckte, wollte etwas sagen, aber brachte keinen Ton heraus. Sie schloss die Küchentür und dirigierte die Kinder zurück in die Diele. Tränen stiegen ihr in die Augen. Typisch Franka! Unglaublich!

Jolante zog ihr verrutschtes buntes Stirnband wieder auf die Stirn und zupfte ihre schulterlangen braunen Haare in Form. »Tante Franka hat gar nicht gemerkt, wie schön ich als Indianersquaw bin.«

Andrea zitterte, strich der Fünfjährigen kurz über den Kopf. Dann versetzte sie der blauen Reisetasche unter der Garderobe einen Tritt.

»Mama, was hast du?« Jolante schaute ängstlich zu ihr auf. »Mag Tante Franka uns nicht?«

Andrea riss sich zusammen. Auf keinen Fall durften die Kinder spüren, wie verdammt wütend sie auf die Schwester war. Andrea legte Jolante den Arm um die Schultern.

»Klar mag euch Tante Franka.« Andrea schluckte. »Sie hat Besuch. Da muss sie eine gute Gastgeberin sein. Wenn ihre Freunde weg sind, hat sie Zeit für uns.« Sie lächelte den Kindern zu. »Kommt, ich zeige euch unsere Räume.« Sie versuchte, betont munter zu klingen. Aber sie nahm genau wahr, dass die Kinder sie durchschauten. Sie zogen die Köpfe ein. Tommy kaute an seinen Fingernägeln.

Andrea öffnete die Tür zum Wohnzimmer und zuckte zurück. Dort lagen zwei Luftmatratzen mit zwei Schlafsäcken darauf. Drumherum ein wildes Durcheinander von Reisetaschen, Klamotten, Schuhen und CDs. Andrea japste auf. Sie knallte die Tür zu und führte die Kinder zu Lisas Arbeitszimmer.

»Hier ist eure Bude, da machen wir was draus.«

Entsetzt blieb sie im Türrahmen stehen. Das gleiche Chaos wie im Wohnzimmer. Tommy drängte sich an ihr vorbei und hüpfte auf den Luftmatratzen herum. Dem pummeligen Kleinen rutsche die noch zu große Jeans von den Hüften. Seine blonden Locken flogen. Jolante tat es ihm nach.

»Wie im Zelt«, jubelte sie.

»Im Zelt, im Zelt«, krähte Tommy.

»Sofort raus hier«, herrschte Andrea die Kinder an.

Die beiden hüpften weiter, so als hätten sie nichts gehört. Andrea stöhnte auf. Natürlich mussten sie sich nach der langen Fahrt austoben. Oder wollten sie sie ablenken, sie mit ihrer Freude anstecken?

»Schluss! Ihr kommt sofort her zu mir!«

Wieder in der Diele drückten sich beide Kinder an sie. Andrea wurde heiß vor Wut. Sie schob Jolante und Tommy unwirsch zur Seite und stürmte in die Küche.

»So geht das nicht, Franka«, schrie sie. »Du wusstest, dass wir heute einziehen! Überall herrscht solch ein Chaos!« Ihre Stimme überschlug sich. »Wie rücksichtslos, unmöglich! Das ist …«

»Mach hier bloß keine Szene!« Frankas Augen funkelten warnend.

»So geht das nicht!«, brüllte Andrea. »Ich komme mit zwei Kleinkindern. Wann reisen Sie ab?«, schmetterte sie Frankas Gästen entgegen.

Einer der Männer sagte was vom Start in etwa zwei Stunden, man müsse ja noch packen.

»Das muss schneller gehen.« Andrea stemmte die Hände in die Hüften. »Ich stehe mit dem Umzugswagen draußen und muss den heute noch wieder abgegeben.«

»Bloß keine Hektik, Schwesterherz.« Franka hielt ihr das Sektglas entgegen.

Andrea wäre am liebsten auf sie zugestürzt, hätte ihr das Glas entrissen und es über ihrem Kopf entleert. Aber die Kinder!

»Beeilung!« Andrea kreischte das Wort in die Küche und donnerte die Tür hinter sich zu.

Die Kinder heulten los. Andrea erschrak. Das erste Mal erlebten sie ihre Mutter völlig aufgebracht. Sie hatte sich immer bemüht, nicht vor den Kindern mit Frank zu streiten. Nicht, dass sie es nicht doch mitbekommen hätten, aber es hatte immerhin einen zivilisierten Anschein gehabt.

Andrea zog die beiden sanft in ihre Arme und flüsterte beruhigend auf sie ein. Das wirkte. Die Tränen der Kinder versiegten. Jolante jammerte, sie habe Hunger. Tommy krähte »Durst!«

Mist, fluchte Andrea. Ihre Küche war besetzt. Sie wollte Franka umbringen. Die Schwester hätte den Kindern wenigstens ein Glas Apfelsaft anbieten können.

»Wer sagt mir, wie viele Apfelbäume im Garten stehen?«, murmelte Andrea in die Haare der Kinder. Jolante und Tommy stürmten nach draußen.

Im Bad klatschte sich Andrea Wasser auf die heißen Wangen. Was sollte sie machen? Vom Frühstück würden sie nichts abbekommen. Konnte Franka sich nicht vorstellen, wie ausgehungert sie und die Kids nach der langen Fahrt waren? Wild entschlossen lief Andrea zum Bulli und kramte nach den Anoraks der Kinder und dem Regenschirm. Sie liefen los. Eine Pommesbude würden sie schon irgendwo finden.

3

Als Andrea mit den Kindern zurückkehrte, waren die Münchener abgereist. Andrea atmete auf und räumte den Bulli aus. Das war viel Schlepperei, auch wenn sie alle Möbel in Oldenburg zurückgelassen hatte. Im Mietwagen stapelten sich ihre Klamotten, die der Kinder, zwei Roller, ein Bagger, mehrere Puppen, das große grüne Plüschkrokodil, Bälle, die Holzeisenbahn und vieles mehr.

Franka ließ sich nicht blicken. Wenigstens hatte sie die Küche picobello aufgeräumt. Andrea wertete das als ersten kleinen Fingerzeig, dass die Schwester sich mit ihr und den Kindern im neuen gemeinsamen Zuhause arrangieren wollte.

Sie stapelte die Sachen aus dem Bulli erst mal in der Diele. Wütend saugte sie durch die Räume. Eigentlich hatte sie Franka dazu auffordern wollen. Aber neuer Stress mit der Schwester … Viel zu anstrengend.

Als erstes richtete Andrea das Kinderzimmer her. Tommy und Jolante machten eifrig mit, übertrumpften sich mit Vorschlägen, was wohin sollte. Andrea beruhigte sich und vergaß den Ärger mit Franka für eine Weile. Die Kinder steckten sie mit ihrer Neugier und Freude an.

Am späten Nachmittag klingelte es. Andrea öffnete.

»Umzugsunternehmen Rumpelstilzchen«, verkündeten zwei korpulente männliche Gestalten.

»Ja, und?«

»Wir sollen die Möbel abholen.«

»Welche Möbel? Das muss ein Irrtum sein.«