"Wer begehrt Einlass?" - Eva Demmerle - E-Book

"Wer begehrt Einlass?" E-Book

Eva Demmerle

0,0

Beschreibung

Der letzte Weg der Habsburger "Das Einzige, was wir im Leben mit Gewissheit wissen, ist, dass wir einmal sterben müssen", sagte einst Otto von Habsburg. Viele Mitglieder der Familie Habsburg haben schon zu Lebzeiten bestimmt, wo und wie sie begraben werden möchten. So gibt es heute neben dem habsburgischen Erbbegräbnis, der Kapuzinergruft in Wien, zahlreiche Stifte, Klöster und Kirchen, in denen ein oder mehrere Habsburger zur letzten Ruhe gebettet sind. Eva Demmerle und Gigi Beutler erzählen die spannende(n) Geschichte(n) der Begräbnisorte von Wien bis Tirol sowie aus dem ereignisreichen Leben der dort bestatteten Habsburger. Aus dem Inhalt: Die Kapuzinergruft Das Salesianerinnenkloster am Rennweg: das Kloster der Kaiserin Wiener Neustadt: die allzeit Getreue Die Familiengruft Hohenberg in Schloss Artstetten: der ermordete Thronfolger Das Dominikanerinnenkloster "Zum Heiligen Kreuz": die namenlosen Kinder von Tulln Stift Neuberg: Otto der Fröhliche und seine Familie Die Krone von Graz: das Mausoleum von Kaiser Ferdinand II. Stift Stams: Vater mit leeren Taschen und münzreicher Sohn Die Hofkirche in Innsbruck: Wer sich im Leben kein Gedächtnis macht … Der königliche Damenstift in Hall: eine emanzipierte Frau Bozen und Schenna: die starken Brüder von Kaiser Franz Die Gouvernante von Tirol in Linz u. v. a. Mit zahlreichen Abbildungen

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



EVA DEMMERLE GIGI BEUTLER

»WerbegehrtEinlass?«

HABSBURGISCHEBEGRÄBNISSTÄTTENIN ÖSTERREICH

VorwortKarl von Habsburg

Mit 111 Abbildungen

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2019 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos: Vanitas-Symbol mit der Krone des Heiligen Römischen Reiches, Detail am Sarkophag von Kaiser Karl VI., Kapuzinergruft Wien © Eva Demmerle

Lektorat: Martin Bruny

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 10,75/13,62 pt Minion Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-135-1

eISBN 978-3-903217-17-1

Inhalt

Vorwort

Einleitung: Denn sterben müssen alle Leut!

Wien

Der Tod, das muss ein Wiener sein

Die Pietas Austriaca

Die Kapuzinergruft

Wer begehrt Einlass? Die letzte Beisetzung in der Kapuzinergruft: Otto und Regina von Habsburg

Die Gruft vor der Gruft. Zur Baugeschichte und Gründung der Kapuzinergruft durch Kaiserin Anna

Der stetige Ausbau der Gruft

Einbalsamierung, Herz- und Intestinabestattung

Im Purpur waren sie geboren, im Purpur wurden sie beigesetzt

Die Särge und ihre Künstler

Die Begräbniszeremonie

Das barocke Begräbnis

Die Trauerphasen bei Hof

Leben und Sterben in der Renaissance und im Barock: Ein Rundgang durch die Kapuzinergruft

Was steckt dahinter? Die Werkstätten

Der Stephansdom

Die Dominikanerkirche Maria Rotunda

Die Minoritenkirche

Die Augustinerkirche

Das Salesianerinnenkloster am Rennweg: das Kloster der Kaiserin

Wien, Hütteldorf: die rote Erzherzogin

Niederösterreich

Stift Heiligenkreuz: Rot-Weiß-Rot im Wienerwald

Das Dominikanerinnenkloster »Zum Heiligen Kreuz«: die namenlosen Kinder von Tulln

Der Doppelkönig von Mauerbach: Friedrich der Schöne

Gaming: Albrecht der Lahme und die reiche Kartause Marienthron

Wiener Neustadt: die allzeit Getreue

Die Familiengruft Hohenberg in Schloss Artstetten: der ermordete Thronfolger

Steiermark

Stift Neuberg: Otto der Fröhliche und seine Familie

Stift Rein: der erste Erzherzog

Stift Seckau: die Pracht der Renaissance

Die Krone von Graz: das Mausoleum von Kaiser Ferdinand II.

Kärnten

St. Paul im Lavanttal: die lange Reise einer toten Königin

Tirol

Stift Stams: Vater mit leeren Taschen und münzreicher Sohn

Die Hofkirche in Innsbruck: Wer sich im Leben kein Gedächtnis macht …

Das Servitenkloster in Innsbruck: kein Nachfolger, dafür viele Klöster

Der Innsbrucker Dom St. Jakob: der erste und der letzte Hochmeister

Jesuitenkirche: die jüngere Tiroler Linie der Habsburger

Der königliche Damenstift in Hall: eine emanzipierte Frau

Bozen und Schenna: die starken Brüder von Kaiser Franz

Tulfes: Adelheid von Österreich

Oberösterreich

Stift St. Florian bei Linz: die vergessene Königin

Die Gouvernante von Tirol in Linz

Die Begräbnisstätten in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Gründung

Anmerkungen

Literatur

Bildnachweis

Danksagung

Register

Der Mensch wird eingehen in das Haus seiner Ewigkeit.Prediger 12, 5

NON NUMERO RAMOSIch zähle die Zweige nicht.Der Tod biegt ein Bäumchenund bricht von ihm den jüngsten Zweig.

UT COEPI VIXIKaum hatte ich begonnen, hatte ich gelebt.Der Tod schneidet einen Faden am Spinnrocken entzwei.

IN CARCERE METAMIm Tod (Kerker) erntet man, was man gesät hat.

Inschriften am Sarkophag derzwölfjährigen Erzherzogin Maria Theresia,Tochter von Kaiser Leopold I.

Du nennst dich stolz eine Kaiserin,wirst aber gleich jedem andern hin …Respektloses Memento Mori,an die Mauer der Hofburg gekritzeltzur Zeit Maria Theresias

Angeblich hat die Kaiserin darunter schreiben lassen:Ich bin eine Frau wie jede Frau,Nur wählt ich meine Eltern schlau …

Vorwort

Habsburger sind in Österreich in fast jedem Bundesland beigesetzt. Nicht nur die Kapuzinergruft und der Stephansdom, sondern auch viele andere Orte, meistens Klöster beziehungsweise Kirchen, bergen seit über 700 Jahren die sterblichen Überreste der Familie. Somit haben die Habsburger ebenso physisch Spuren in Österreich hinterlassen.

Ein Buch über Begräbnisstätten und Begräbnisorte ist nicht nur ein Buch über die Gräber, sondern, wie hier vorliegend, genauso über die Geschichte Österreichs und Europas. Die Grabstätten belegen Leben und Wirken der dort Beigesetzten, die in vielen Fällen aus dem allgemeinen historischen Bewusstsein gefallen sind. Dabei spiegeln gerade die Begräbnisorte der ersten drei Generationen nach König Rudolf das Zusammenwachsen des Landes wider, aber auch die Suche nach Kontinuität zu der vorangegangenen Dynastie der Babenberger. Nachdem Rudolf 1282 seine Söhne Albrecht und Rudolf mit den Herzogtümern Österreich, Steiermark und Krain belehnt hatte, startete man keinen abrupten Neuanfang, sondern fügte sich behutsam in bestehende Traditionen und Kontinuitäten ein, wie vor allem die habsburgischen Grabstätten in Tulln und Heiligenkreuz zeigen. Gerade die Grabstätten der frühen Habsburger belegen deutlich, wie die Familie mit den Ländern zusammengewachsen ist.

Viele setzten sich schon früh mit ihrem eigenen Tod und ihrer letzten Ruhestätte auseinander. Manches Mal spielten politische Überlegungen bei der Wahl des Begräbnisses eine Rolle, andere Male war es einfach der Wunsch nach einem Ort für sich selbst und die engere Familie. Beides konnte aber auch zusammenfließen. Und schließlich haben wir Grabmäler mit einer hohen Symbolkraft, die im Kontext ihrer Zeit das Selbstverständnis des Verstorbenen darstellen, zum Beispiel das immer noch nicht ganz entschlüsselte Hochgrab Kaiser Friedrichs III. im Wiener Stephansdom, das prunkvolle Kenotaph Kaiser Maximilians I. in Innsbruck oder der beeindruckende Doppelsarkophag Kaiserin Maria Theresias in der Kapuzinergruft. Auch sie gestaltete ihr Begräbnis selbst. Wie eine Mutter schart sie selbst im Tod ihre Kinder um sich, und so sah sie sich ebenso als mütterliche Herrscherin.

In diesem Buch sind über 700 Jahre habsburgische Begräbniskultur zusammengefasst. Ich danke den beiden Autorinnen, dass sie sich dem Thema so ausführlich gewidmet haben, und wünsche dem Buch viel Erfolg.

Karl von Habsburg, im Sommer 2019

EinleitungDenn sterben müssen alle Leut!

Denkt man an habsburgische Begräbnisstätten, fällt den meisten spontan die Kapuzinergruft in Wien ein, eventuell noch der Stephansdom. Tiroler werden wohl die Innsbrucker Hofkirche erwähnen, die durch das Kenotaph Maximilians überregionale Bekanntheit erlangt hat, sowie den Dom St. Jakob und natürlich Stift Stams. Doch die Habsburger haben im Tod weit mehr Spuren in Österreich hinterlassen, als im allgemeinen Bewusstsein vorhanden ist. In diesem Buch widmen wir uns den 29 wichtigsten Orten, an denen Habsburger begraben sind. Es gibt weit mehr Orte, vor allem private Begräbnisstätten, die jene Habsburger bergen, welche nach 1918, also nach dem Ende der Monarchie, gestorben sind. Um deren privaten Charakter zu wahren, haben wir auf ihre Erwähnung verzichtet.

In sechs Bundesländern befinden sich habsburgische Gräber, mit großen und wichtigen Persönlichkeiten der Dynastie, mit bekannten und ebenso unbekannteren Personen, die kaum mehr im allgemeinen Gedächtnis vorhanden sind. So sind etwa die frühen Habsburger, die ersten vier Generationen nach König Rudolf I., kreuz und quer durch Österreich bestattet, nahezu alle in eigenen Klostergründungen und Klosterstiftungen. Rudolf selbst gründete das erste habsburgische Kloster und damit die erste habsburgische Grablege auf österreichischem Boden (das Dominikanerinnenkloster in Tulln), seine Kinder und Enkel setzten dies fort. Mit der Generation seiner Söhne Albrecht und Rudolf sowie ihrer Geschwister haben sich die Habsburger in Österreich etabliert. Sie haben sich heimisch gefühlt. Dort, wo man seine Toten begräbt, dort will man bleiben.

Klöster waren schon immer bevorzugte Begräbnisorte. Einhergehend mit der Stiftung war der Auftrag an die Konvente, für das Seelenheil der dort Begrabenen zu beten. Teilweise geschieht dies heute noch, wie beispielsweise in Gaming oder in Heiligenkreuz. Die Klöster, besonders gefördert und beschenkt von den habsburgischen (Erz-) Herzogen, wurden zu wichtigen ökonomischen, politischen und kulturellen Zentren des Landes. Insofern bauten die Habsburger die Kulturlandschaft Österreichs mit auf. Nicht immer waren es eigene Gründungen, in denen Habsburger sich begraben ließen, manches Mal knüpfte man aus politischen Überlegungen an alte Traditionen und Kontinuitäten an. Etwa in Heiligenkreuz, das schon knapp eineinhalb Jahrhunderte bestand, bevor die Habsburger ins Land kamen. In der babenbergischen Stiftung war babenbergische Prominenz begraben worden.

Wenn wir die frühen Begräbnisstätten schildern, versuchen wir immer, uns auch dem Leben der dort Begrabenen, die kaum mehr bekannt sind, anzunähern. Viele haben Wichtiges zur Geschichte Österreichs beigetragen, manche spielten nur eine Nebenrolle. Insofern soll dieses Buch eine kleine Wiederentdeckung der Geschichte Österreichs sein. Es waren doch alles individuelle Menschen mit ihren Träumen, Wünschen und politischen Vorstellungen, denen einiges gelang, die aber genauso oft scheiterten.

Tragische und traurige Schicksale gab es darunter, mitunter mehr bei den weiblichen als bei den männlichen Mitgliedern der Dynastie. Haupttodesursache bei Frauen waren bis weit in das 19. Jahrhundert hinein Schwangerschaft und Geburt. So manche Frau starb im Kindbett, die Säuglingssterblichkeit war hoch – davon zeugen die vielen sterblichen Überreste von Babys und Kleinkindern. Nach persönlichem Glück fragte niemand, das war damals keine so wesentliche Kategorie wie heute.

Habsburger waren nicht nur im Leben reisefreudig, sondern genauso im Tod. Davon erzählen die Berichte über die vielen Überführungen und Verlegungen von sterblichen Überresten. Die wohl abenteuerlichste Geschichte ist jene der Stammmutter des Hauses, Gertrud von Hohenberg (1225–1281), deren Leichnam vier Mal den Ort wechselte, bevor er endgültig in St. Paul im Lavanttal ankam. Aber auch dort wurden die Knochen einige Male umgebettet.

In der heutigen Zeit, in der Krankheit und Tod aus der Gesellschaft gedrängt werden, mutet die Auseinandersetzung mit dem Tod, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten gegeben war, seltsam an. Doch Leben und Tod lagen in jener Zeit eng beieinander. Man lebte permanent mit dem Tod und war sich der eigenen Sterblichkeit bewusst. Viele Habsburger haben noch zu ihren Lebzeiten ihre genauen Vorstellungen davon, wie sie einmal begraben werden wollten, niedergeschrieben. Das Leben ist flüchtig, der Tod allgegenwärtig. Gut daran tut, wer sich frühzeitig damit befasst. Dies ist vielleicht etwas, was wir von diesen Generationen lernen können. Der wortgewaltige Hofprediger von Kaiser Leopold I., Abraham a Sancta Clara (1644–1709), prägte die Worte:

Mit schönen Titeln und Nomine

Thut euch vorm Todt nicht retten.

Denn sterben müssen alle Leuth,

das ist ein alte Metten.

Das war mitten im Barock. Und im Barock entstand die berühmteste und beeindruckendste habsburgische Grablege in Österreich: die Kapuzinergruft. Einst für ein kleines Begräbnis von Kaiserin Anna für sich selbst und ihren Mann, Kaiser Matthias, geplant, wurde sie im Lauf der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut. Sie birgt heute 148 Personen, davon zwölf Kaiser, 17 Kaiserinnen und zwei Herzurnen von Kaiserinnen. 400 Jahre österreichische und europäische Geschichte sind in der Gruft präsent und 400 Jahre kaiserliche Bestattungskultur.

Der Tod wurde zelebriert, gehörte er doch für die katholischen Habsburger zum Leben dazu. »Das Einzige, was wir im Leben mit Gewissheit wissen, ist, dass wir einmal sterben müssen«, sagte Otto von Habsburg. Er selbst wollte nicht unbedingt in die Kapuzinergruft. Sie sei ihm zu wenig ein Ort des Gebets. Angesichts der vielen Touristen kann man diesen Gedanken nachvollziehen. Die Gratwanderung zwischen einem Museum, einem einmaligen europäischen Kulturerbe und einem Friedhof ist nicht immer leicht.

Betritt man die Gruft, so öffnet sich der lange Mittelgang, exakt unter der Kapuzinerkirche gelegen, und gibt die Perspektive frei bis zum großen Doppelsarkophag Maria Theresias und Franz Stephans, dem Höhepunkt des barocken herrscherlichen Begräbnisses. Schritt für Schritt werden die Särge prunkvoller und schöner, selbst die Kindersärge. Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac schrieb über den Barock: »… nach Art dieses Jahrhunderts, wo nichts gemacht werden konnte, ohne schön zu sein …«1. Sogar der Tod, die eigene Vergänglichkeit, wurde noch in Schönheit eingekleidet und zelebriert. Dabei spielte das herrscherliche Selbstverständnis eine Rolle: Die »repraesentatio maiestatis«, die Repräsentation der Majestät, ging über das Leben hinaus. Die herausragende Rolle des Hauses Habsburg, von Gottes Gnaden auserwählt und bestimmt, die Geschicke Österreichs und seiner vielen Völker zu lenken, spiegelt sich selbst im Tod.

Das Zeitalter des Barocks ist gerade erst einmal 250 Jahre her, aber was damals selbst für nichtadelige Menschen normal und selbstverständlich war, damit können wir heute nichts mehr anfangen. Die Zeit der Aufklärung und der Revolutionen hat zu große geistige Zäsuren hinterlassen. Am sichtbarsten wird dies in der Kapuzinergruft am Kontrast zwischen dem barocken Sarg Maria Theresias und dem einfachen Kupfersarg von Kaiser Joseph II., ihrem Sohn, der keine Verzierung aufweist. Als »kaiserlicher Revolutionär« noch charmant bezeichnet, schüttete er mit seiner Reformwut manches Kind mit dem Bade aus. Die Wiener mit ihrer Liebe zur »schönen Leich« stieß er mit scharfen Restriktionen vor den Kopf. Bekanntestes Beispiel ist der von ihm eingeführte Sparsarg, der mit einer Klappenvorrichtung am Boden eine mehrfache Benutzung erlaubte. Aber Joseph scheiterte mit seinen Begräbnisreformen und musste sie schließlich zurücknehmen: »Da die Menschen in diesem Lande eine so große Sorgfalt für ihre Leiber auch nach ihrem Tod äußerten, ohne zu bedenken, dass sie alsdann nichts weiter als stinkende Kadaver wären, so ist mir weiter nichts daran gelegen, auf welche Art sie künftig begraben sein wollen.«2

Weitaus verheerender war seine Klosterreform. Sein intoleranter Rationalismus zeigte kein Verständnis für ein rein kontemplatives und betendes Leben. Über 900 Klöster ließ er auflösen, darunter solche, in denen Habsburger begraben lagen. In manchen Fällen wurde nicht einmal Sorge dafür getragen, die sterblichen Überreste der Habsburger ordnungsgemäß an einem anderen Ort zu bestatten.

Anders seine Mutter und sein Großvater. Kaiser Karl VI. und Kaiserin Maria Theresia verdanken wir die großzügige Förderung des Werkes von Pater Marquard Herrgott, einem Benediktinermönch aus St. Blasien, der als Diplomat am Wiener Hof akkreditiert war. Er schuf die mehrbändige »Monumenta Augustae Domus Austriacae«, deren vierter Teil, die »Taphographia Principum Austriae«, eine ausführliche Darstellung der habsburgischen Grabstätten ist. Begleitet vom Kupferstecher Salomon Kleiner, bereiste Pater Herrgott Österreich und beschrieb penibelst alle vorhandenen Grabstätten. Ausgestattet mit einem kaiserlichen Befehl, wurden für ihn sogar alle Grüfte geöffnet. Ihm und Salomon Kleiner verdanken wir heute die Abbildung jener Grabstätten, die den josephinischen Klostersturm nicht überlebt haben.

In der Kapuzinergruft markiert der Übergang von der Maria-Theresien-Gruft zur Franzensgruft nicht nur jenen vom Heiligen Römischen Reich zum Kaisertum Österreich, sondern überhaupt zu einem anderen Staatsverständnis. Der Herrscher sah sich nun nicht mehr unbedingt als von Gott zur Herrschaft auserwählt, sondern vielmehr als ersten Diener seines Staates. Dies schlägt sich in der Nüchternheit der Särge nieder.

Beim Gang durch die Gruft ist angesichts der Toten aus vier Jahrhunderten und geballter österreichischer und europäischer Geschichte stets zu bedenken, dass es sich nicht um ein Museum, sondern um einen Friedhof handelt.

Die Kapuzinergruft ist eine der touristischen Hauptattraktionen Wiens und spült einen nicht unerheblichen Betrag in die Kassen, der den Unterhalt der Kapuzinerprovinz in Österreich sichert. Ein literarisches Denkmal setzte ihr Joseph Roth mit seinem Buch »Die Kapuzinergruft«. Sie war für ihn der Kulminationspunkt österreichischer Geschichte und Selbstbewusstseins. Unter dem Eindruck der braunen Flut, die sich im März 1938 über Österreich ergoss, schrieb Roth eine Fortsetzung seines Romans »Radetzkymarsch«, deren letzte Szene die Verzweiflung angesichts der endgültigen Vernichtung Österreichs ausdrückt:

Die Kapuzinergruft, wo meine Kaiser liegen, begraben in steinernen Särgen, war geschlossen. Der Bruder Kapuziner kam mir entgegen und fragte: »Was wünschen Sie?«

»Ich will den Sarg meines Kaisers Franz Joseph besuchen«, erwiderte ich.

»Gott segne Sie«, sagte der Bruder, und er schlug ein Kreuz über mich.

»Gott erhalte …!«, rief ich.

»Pst!«, sagte der Bruder.

Wohin soll ich, ich jetzt, ein Trotta? …3

Nicht nur in Österreich haben die Habsburger ihre Spuren hinterlassen, ihre Grabstätten befinden sich in vielen Ländern Europas. Die Abtei von Brou bei Bourg en Bresse in Frankreich birgt das prachtvolle Grab von Margarete von Österreich, im strengen Escorial in der Nähe von Madrid finden wir die Grabstätten von Kaiser Karl V. und den spanischen Habsburgern, und in Italien, vor allem in Florenz, haben ebenfalls Habsburger ihre letzte Ruhe gefunden, denn sie waren auch Großherzoge der Toskana. Das wohl wichtigste Grab für die gegenwärtigen Habsburger befindet sich mitten im Atlantik, auf der portugiesischen Insel Madeira. In der Kirche von Nossa Senhora do Monte oberhalb von Funchal liegt der letzte regierende Monarch Österreich-Ungarns, Kaiser Karl, der im Jahr 2004 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde.

Nicht nur in der Kapuzinergruft, sondern ebenso an den anderen 28 Begräbnisorten, die in diesem Buch vorgestellt werden, sowie an vielen weiteren denken wir ein kleines Memento mori – auch wir sind sterblich. Wer gläubig ist, möge ein kleines Gebet für das Seelenheil nicht nur dieser, sondern aller Verstorbenen, die uns am Herzen liegen, beten.

Denn sterben müssen alle Leut!

Eva Demmerle, Gigi Beutlerim Sommer 2019

Wien

Der Tod, das muss ein Wiener sein

Wien und der Tod gehören von jeher zusammen. Er passt gut in das barocke, heitere und doch leicht wehmütige Ambiente der Stadt. In Liedern wird er besungen, in alten Sagen wird von ihm erzählt, in kaiserlichen Anekdoten wird er erwähnt. Er gehört einfach zum Leben. Man fürchtet sich hier nicht vor ihm, man begegnet ihm manchmal spöttisch, bisweilen voll Verachtung, meist aber voll Würde und im Wissen, dass alles endlich ist.

Einige Erzählungen spiegeln dies: So kennt jedes Wiener Kind die Sage vom »lieben Augustin«, dem ewig betrunkenen Spielmann, Stegreifdichter und Bänkelsänger aus der Zeit von Kaiser Leopold I. Täglich ging der liebe Augustin auf seinem Dudelsack pfeifend durch die Gassen Wiens und sang fröhliche, oft aber auch tieftraurige, melancholische Lieder. Jeder kannte ihn. Wenn er sich ein paar Groschen verdient hatte, kehrte er in die nächste Wirtsstube ein und vertrank alles wieder. Nicht selten verbrachte er die Nacht in Hausnischen oder auf dem Boden in einem Wirtshaus, schlief seinen Rausch aus und machte am nächsten Morgen dort weiter, wo er am Abend zuvor geendet hatte. Im Jahr 1679, als die große Pestepidemie wütete, die ungefähr 12 000 Menschen das Leben gekostet hat, wankte der liebe Augustin eines Abends wieder einmal schwer bezecht nach Hause. In der Dunkelheit stolperte er und fiel in ein großes Loch, eine Grube im Erdboden. Seelenruhig schlief er ein und verbrachte nach seinen eigenen Worten »eine köstliche Nacht«. Am Morgen merkte er, dass er inmitten von Pestleichen geschlafen hatte. Erst die Pestknechte, welche eine neue Fuhre von Toten anbrachten, halfen Augustin aus seinem üblen Nachtlager. Bald nach dieser Begebenheit soll die Pest angeblich erloschen sein. Der Dichter Franz Karl Ginzkey beendete sein Gedicht über den »lieben Augustin« mit den Worten:

Als nun Frau Pest von der Sache erfuhr,

sprach sie zum Tod: »Das ist Wiener Hamur!«

Solcher Hamur ist mir gräßlich verhaßt,

komm, laß uns anderswo weilen zu Gast.

Wolfgang Amadeus Mozart, der geniale Komponist, dessen Name allein schon wie Musik klingt, starb am 5. Dezember 1791 in seiner Wohnung in der Rauhensteingasse in Wien. Er war nur 35 Jahre alt geworden. Um sein Begräbnis ranken sich viele Mythen. Vor allem das Gerücht vom angeblich einsamen »Armenbegräbnis« hält sich hartnäckig.

Nachdem Mozart vor der Capistrankanzel im Stephansdom eingesegnet worden war, erwiesen ihm einige seiner Freunde die letzte Ehre und begleiteten den Sarg noch ein Stück weit. Er sollte nach St. Marx gebracht werden, aber noch bevor das Stadttor erreicht worden war, verließ einer nach dem anderen den traurigen Zug. Es war allerdings damals üblich, dass Angehörige und Freunde nicht mitgingen, sondern nach der Einsegnung den Toten verließen. So trat Wolfgang Amadeus Mozart seinen letzten Weg allein an. Dies ist der Grund, warum bis heute niemand genau weiß, wo sein Grab zu finden ist.

Mozarts Tod fiel gerade in die Zeit der neuen und von den Wienern gehassten Begräbnisordnung von Kaiser Joseph II. Der Komponist hatte ein »Begräbnis dritter Klasse« erhalten, mit einem eigenen Leichenwagen, daher kann man ruhig von einem gehobenen Begräbnis ausgehen, das in bürgerlichen Kreisen üblich war. Was man in der Tat aber nicht weiß, ist der genaue Begräbnisort. Als man sich lange nach Mozarts Tod für sein Grab zu interessieren begann, konnte niemand mehr feststellen, wo genau er beerdigt worden war. Heute hat Wolfgang Amadeus Mozart ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, aber es ist leer.

Isabella von Parma, die erste Gemahlin von Kaiser Joseph II., war von melancholischer Morbidität befangen. Sie lebte in Wien, an einem der schönsten, elegantesten Höfe Europas. Sie war jung, schön, gebildet, talentiert, wurde angebetet von ihrem Gemahl, war willkommen in der kaiserlichen Familie, und doch hatte sie eine krankhafte Todessehnsucht. Immer wieder äußerte sie, dass sie den Tod »als gute Sache ansehe, der sie endlich von der Sinnlosigkeit des Daseins befreien werde …« In den berühmten »billets noir« an ihre Schwägerin Marie Christine, mit der sie eine innige Freundschaft verband, schrieb sie: »Ich bin zu nichts nütze. Wenn es erlaubt wäre freiwillig zu sterben, ich würde es tun.« Auf die Frage ihrer ihr sehr zugeneigten Schwiegermutter Maria Theresia, warum sie denn immer so melancholisch sei, sich kaum an der Fröhlichkeit der Familienzusammenkünfte und diversen »Amusements« beteilige, ja sich auch ihrer kleinen Tochter gegenüber nicht besonders liebevoll zeige, antwortete Isabella: »Ich will nicht, dass man sich an mich gewöhnt, ich werde doch nicht lange hierbleiben. Vielleicht drei Jahre.« Womit Isabella letztendlich recht behalten sollte.

Die Pietas Austriaca

Die Familie Habsburg war und ist streng katholischen Glaubens. Dieser feste Glaube hat vielen Mitgliedern der kaiserlichen Familie geholfen, in schweren Zeiten ein hartes Schicksal zu ertragen. Habsburg und die Kirche waren eine Einheit. Die Pietas Austriaca, die österreichische Frömmigkeit, die speziell die Frömmigkeit des Hauses Habsburg, der Casa d’Austria, meint, hat sich vor allem im Barock im Zeitalter der Gegenreformation herausgebildet. Während sich Europa in die Glaubenskriege stürzte, blieb Habsburg der katholischen Kirche treu. Kompromisslos und loyal verteidigten die Habsburger die katholische Religion. Besonders die Marienverehrung sowie die Verehrung des Kreuzes, das Symbol des Christentums schlechthin, standen im Mittelpunkt der habsburgischen Glaubens- und gottesfürchtigen Geisteshaltung. Das ging so weit, dass nur eine Katholikin in die kaiserliche Familie einheiraten durfte. Andersgläubige Bräute mussten zum katholischen Glauben konvertieren. Was fast immer so geschah. Zwei Mal jedoch weigerten sich junge Prinzessinnen, ihrem Glauben abzuschwören. Lieber wollten sie ledig bleiben. Beide waren überzeugte Protestantinnen.

Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, als Braut für den späteren Kaiser Karl VI. ausersehen, wehrte sich mit Händen und Füßen gegen eine Konversion. Ihre Familie war erbost, der Wiener Hof schickte ihr einen Geistlichen, dem es gelang, sie vom katholischen Glauben zu überzeugen. Intelligent, wie sie war, hatte sie nämlich nach überzeugenden Argumenten verlangt. Schließlich schwor sie dem protestantischen Glauben ab und willigte zur Erleichterung aller Beteiligten in die katholische Hochzeit ein.

Bei der anderen Prinzessin handelt es sich um Henriette von Nassau-Weilburg. Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern, liebte diese Frau innig und sah sie schon verloren. Da hatte sein Bruder, Kaiser Franz II./I., Mitleid mit den beiden und meinte: »Na, dann soll s’ halt mit ihrem Glauben zu uns kommen. Aber Schwierigkeiten darf s’ keine machen …« Henriette durfte als einzige Protestantin in die kaiserliche Familie einheiraten und ihre Religion behalten. Aus ihrer Heimat brachte sie die Sitte des Christbaums mit.

So entgegenkommend wie Franz II./I. war sein Vorfahre, Kaiser Ferdinand II., nicht. »Lieber herrsche ich über eine Wüste als über ein Land voller Ketzer!«, war seine Ansicht.

Das Beschützen und Bewahren der katholischen Religion war den Habsburgern eine wichtige Aufgabe. Stiftungen jeder Art, Kirchen, Klöster, Danksäulen, und Marienverehrungen sowie Wallfahrten gehörten zu ihren selbstverständlichen Handlungen.

Kaiser Karl VI. und seine Gemahlin Elisabeth Christine mussten lange auf Kindersegen warten. Endlich bekam die Kaiserin am 13. April 1716 einen Sohn. Voll unsagbarer Freude und Dankbarkeit machten die kaiserlichen Eltern eine Wallfahrt nach Mariazell und spendeten eine goldene Kinderstatue, die exakt Größe und Gewicht des neugeborenen Prinzen hatte. Leopold Johann starb jedoch im Alter von nur sieben Monaten. Elisabeth Christine war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder guter Hoffnung. Innigst erflehte das Kaiserpaar die Gnade der Gottesmutter, ihnen ein gesundes, lebensfähiges Kind zu schenken. Und wirklich gebar die Kaiserin am 13. Mai 1717 eine kräftige kleine Prinzessin. In ihrer Freude und als Dank, selbst wenn es »nur ein Mädchen« war, ließen sie auch dieses Kind in Gold aufwiegen und dem Gnadenbild in Mariazell weihen, wo es sich heute noch in der Wallfahrtskirche befindet. Das kleine Mädchen war übrigens die spätere Kaiserin und Königin Maria Theresia.

Als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches sahen sich die Habsburger im wahrsten Sinne des Wortes als von Gottes Gnaden auserkoren zur Ausübung ihrer herrscherlichen Pflichten und ihres göttlichen Sendungbewusstseins. Manche Habsburger waren übertrieben fromm, fast möchte man sagen: bigott – was sich in mehrmaligen täglichen Messbesuchen zeigte sowie in Selbstgeißelungen.

Maria Theresia forderte im Stundenplan für ihre Kinder den täglich zweimaligen Besuch der Messe und das Beten des Rosenkranzes in der Kirche. An Fasttagen öfter. Mindestens drei Messbesuche für erwachsene Familienmitglieder beziehungsweise stundenlange Gebete zum Wohl des Reiches waren selbstverständlich. In Fällen schwerer Erkrankungen beteten die Familienmitglieder über Stunden auf den Knien liegend um die Genesung des Erkrankten. Es war selbstverständlich, dass die Familie Habsburg an den großen kirchlichen Festen, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Weihnachten, offiziell teilnahm. Dazu gehörte, dass das Kaiserpaar am Gründonnerstag zwölf alten Männern und Frauen der Ärmsten als symbolischen Akt die Füße wusch. In Demut dienen, wie Jesus es gelehrt hat, und sich in christlicher Nächstenliebe üben – dieser Brauch wurde bis zum Ende der Monarchie 1918 beibehalten. In der Hofsilberkammer kann man heute noch die vergoldeten Schüsseln und Kannen sehen, die für die Fußwaschungszeremonie vorgesehen waren.

Die Kapuzinergruft

Wer begehrt Einlass? Die letzte Beisetzung in der Kapuzinergruft: Otto und Regina von Habsburg

Vielen ist das feierliche Begräbnis von Dr. Otto von Habsburg und seiner Frau Regina vom 16. Juli 2011 noch im Gedächtnis. Weltweit sahen die Zuschauer vor den Fernsehbildschirmen die eindrucksvolle Anklopfzeremonie. Der Zeremoniar der Familie, Dr. Ulrich-Walter Lipp, klopfte an die Tür der Kapuzinerkirche, im Inneren warteten die Kapuzinermönche, um den Sarg des Verstorbenen in Empfang zu nehmen. Der Kustos der Gruft, Pater Gottfried Undesser, fragte auf das erste Klopfen:

Pater Gottfried: Wer begehrt Einlass?

Zeremoniar: Otto von Österreich, einst Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, Großherzog von Toskana und Krakau, Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyr, Kärnten, Krain und der Bukowina, Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren, Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara, gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradisca, Fürst von Trient und Brixen, Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien, Graf von Hohenems, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc., Herr von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark, Großwojwode der Wojwodschaft Serbien etc., etc.

Pater Gottfried: Wir kennen ihn nicht!

Erneutes Klopfen.

Pater Gottfried: Wer begehrt Einlass?

Zeremoniar: Dr. Otto von Habsburg, Präsident und Ehrenpräsident der Paneuropa-Union, Mitglied und Alterspräsident des Europäischen Parlamentes, Ehrendoktor zahlreicher Universitäten und Ehrenbürger vieler Gemeinden in Mitteleuropa, Mitglied ehrwürdiger Akademien und Institute, Träger hoher und höchster staatlicher und kirchlicher Auszeichnungen, Orden und Ehrungen, die ihm verliehen wurden in Anerkennung seines jahrzehntelangen Kampfes für die Freiheit der Völker und für Recht und Gerechtigkeit.

Pater Gottfried: Wir kennen ihn nicht!

Erneutes Klopfen.

Pater Gottfried: Wer begehrt Einlass?

Zeremoniar: Otto, ein sterblicher, sündiger Mensch!

Pater Gottfried: So komme er herein!

Erst dann öffnete sich die Tür, und die Tiroler Schützen trugen den Sarg in die Kirche.4

Am 16. Juli 2011 wurde Otto von Habsburg in der Kapuzinergruft beigesetzt. Zeremonienmeister Dr. Ulrich-Walter Lipp bei der berühmten Anklopfzeremonie.

Der Tod von Dr. Otto von Habsburg hat in Österreich sowie europa- und weltweit Betroffenheit ausgelöst. Im 99. Lebensjahr war der einstige Kronprinz und Visionär Europas in seinem Haus in Pöcking im Kreis seiner Familie gestorben. Sein Leben überspannte das ganze 20. Jahrhundert mit seinen Höhen und Tiefen. Er galt als Mann von vorgestern und übermorgen. Als Zweijähriger lehnte er noch an den Knien von Kaiser Franz Joseph, als Vierjähriger ging er mit seinen Eltern hinter dem Sarg des alten Kaisers und erlebte wenige Wochen später die feierliche Krönung seines Vaters in Budapest zum König von Ungarn.

1918 brach die Monarchie zusammen, die kaiserliche Familie musste ins Exil. Nach zwei Restaurationsversuchen in Ungarn verbannten die Alliierten die Habsburger nach Madeira. Dort kniete Otto von Habsburg am 1. April 1922 am Sterbebett seines Vaters, der mit kaum 35 Jahren an Entkräftung starb.

Bereits mit 20 Jahren stürzte er sich in den Kampf gegen den Nationalsozialismus, der das kleine Österreich überrollte. Als die Nazis in Österreich einmarschierten, ließ Hitler den Habsburger als Hochverräter in Abwesenheit zum Tod verurteilen. Während des Exils in den USA versuchte Otto von Habsburg alles, damit seine Heimat nach dem Krieg wieder auf der Landkarte erscheinen konnte. Österreich hat es ihm schlecht gedankt. In den 1960er-Jahren musste er sich über Jahre das Recht zur Wiedereinreise erkämpfen, erst 1966 war ihm das schließlich möglich.

Otto von Habsburgs Vision war nie die einer Wiedererrichtung der Monarchie gewesen, wie ihm böswillige Gegner unterstellten. Er kämpfte für ein großes und freies Europa und für die Freiheit der Völker, zunächst als Präsident der Internationalen Paneuropa-Union, ab 1979 auch als Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Das Paneuropäische Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze vom 19. August 1989, als dessen Schirmherr er fungierte, war die erste Massenflucht von »DDR«-Bürgern seit dem Mauerbau 1961 und zugleich der Startschuss für den Fall des Kommunismus und des Eisernen Vorhangs. Die Aufnahme der Staaten Mittel- und Osteuropas in die Europäische Union im Jahr 2004 erfüllte ihn mit großer Freude. Wenige Wochen vor seinem Tod nahm er glücklich noch die Nachricht wahr, dass sein geliebtes Kroatien nun ebenfalls in die EU aufgenommen würde.

Seine Frau Regina, geborene Prinzessin von Sachsen-Meiningen, mit der er ab 1951 verheiratet war, war bereits am 3. Februar 2010 gestorben – ein Verlust, über den er nicht mehr hinwegkam. Sie wurde am 10. Februar 2010 in der Familiengruft Sachsen-Meiningen auf der Veste Heldburg in Thüringen, auf der sie aufgewachsen war, vorläufig beigesetzt.

Die Trauerfeierlichkeiten von Otto von Habsburg, der am 4. Juli 2011 gestorben war, dauerten bis zum 17. Juli. Er wurde einbalsamiert, sein Herz in einer Herzurne versiegelt. Bereits am 5. Juli bahrte man seinen Leichnam in der kleinen Kirche St. Ulrich seines Wohnortes Pöcking auf. Die Bevölkerung nahm großen Anteil, zahlreiche Besucher kamen aus dem Ausland, um dem großen Europäer die letzte Ehre zu erweisen. Nach einem festlichen Requiem am 9. Juli in der Kirche St. Pius in Pöcking folgte am Montag, dem 11. Juli, ein Requiem in der Münchner Theatinerkirche, an dem fast die gesamte bayerische Staatsregierung teilnahm. Bei der Verabschiedung auf dem Odeonsplatz sang Münchens Oberrabbiner Dr. Steven Langnas ein jüdisches Totengebet in Achtung und Respekt für den Einsatz von Otto von Habsburg für verfolgte Juden während des Zweiten Weltkrieges.

Die nächste Station war Mariazell, der für Mitteleuropa so wichtige Wallfahrtsort, mit dem die Habsburger auf das Engste verbunden sind. Der Wallfahrtsdirektor ließ die Marienstatue mit dem Brautschmuck von Regina von Habsburg schmücken, den sie nach ihrer Hochzeit der Muttergottes von Mariazell gestiftet hatte. Ihr Sarg war inzwischen aus der Veste Heldburg überführt worden, ihre Herzurne ist allerdings dort verblieben. Gemeinsam wurden die Särge von Otto und Regina von Habsburg in der Wallfahrtskirche aufgebahrt, ein feierliches Requiem schloss sich an.

Einen Tag später folgte die Aufbahrung in der Kaiserkapelle der Kapuzinerkirche. Viele Menschen kamen, um von diesen beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten Abschied zu nehmen, die Warteschlange ragte weit auf den Neuen Markt.

Otto von Habsburg war der interreligiöse Dialog stets ein Anliegen gewesen, und so fand am 14. Juli an den aufgebahrten Särgen ein interreligiöses Gebet statt mit dem Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky, dem Rabbiner Dr. Steven Langnas und dem Großmufti von Sarajevo, Dr. Mustafa Cerić, mit dem Otto von Habsburg freundschaftlich verbunden war.

In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde dann der Sarg von Otto von Habsburg in den Stephansdom überführt, ein Ereignis, an dem nur sehr wenige Menschen teilnahmen. Am Adlertor wartete Dompfarrer Toni Faber, gekleidet mit einem schwarzen Chormantel, und geleitete den Sarg, der von Mitarbeitern der Wiener Bestattung getragen wurde, in den nächtlich dunklen Dom. Auf der Hälfte des Weges zur Kreuzkapelle, in der der Sarg bis zum Morgen aufgebahrt werden sollte, machte der kleine Trauerzug halt. Ein Cellist, neben ihm nur drei Kerzen, spielte das »Gott erhalte«. Kaum einer der Anwesenden war nicht zutiefst berührt.

Der Samstag, der 16. Juli, war der Tag des großen Requiems im Stephansdom, das von Kardinal Christoph Schönborn zelebriert wurde. Neben dem Bundespräsidenten Heinz Fischer, Bundeskanzler Werner Faymann, Vizekanzler Michael Spindelegger und dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl waren zahlreiche Staatsgäste, unter ihnen die Monarchen von Luxemburg, Schweden und Liechtenstein, hochrangige Vertreter der Europäischen Union und andere Spitzenpolitiker gekommen. Der Trauerkondukt führte über den Graben und den Kohlmarkt, durch die Hofburg hindurch, ein Stück über den Ring und endete schließlich vor der Kapuzinergruft. Nach der Anklopfzeremonie segnete Kardinal Schönborn beide Särge ein, bevor sie in der Gruftkapelle beigesetzt wurden. Die Beisetzung der Herzurne von Otto von Habsburg erfolgte am nächsten Tag in der Benediktinerabtei Pannonhalma in Ungarn, der er seit seiner Jugendzeit eng verbunden war.

Beim Requiem für Otto von Habsburg am 16. Juli 2011 im Stephansdom entfaltete sich noch einmal imperiale Pracht.

Die Gruft vor der Gruft. Zur Baugeschichte und Gründung der Kapuzinergruft durch Kaiserin Anna

Eine der interessantesten historischen Kostbarkeiten Wiens ist die Kapuzinergruft in der Innenstadt. Als Kaiserin Anna Kloster und Gruft stiftete, konnte sich wohl niemand vorstellen, dass daraus einmal eine der weltweit berühmtesten Grablegen einer Herrscherdynastie werden würde.

Die Kapuzinergruft, auch Kaisergruft genannt – liegen doch zwölf Kaiser und 17 Kaiserinnen hier bestattet –, befindet sich unter der Kapuzinerkirche am Neuen Markt und ist bis in das 21. Jahrhundert hinein das Erbbegräbnis der Familie Habsburg beziehungsweise Habsburg-Lothringen, wie der Name der kaiserlichen Familie nach der 1736 stattgefundenen Hochzeit der Tochter und Erbin Kaiser Karls VI., Erzherzogin Maria Theresia, mit Herzog Franz Stephan von Lothringen korrekt lautet. Seit ihrer Errichtung wurde an der Kapuzinergruft noch in jedem Jahrhundert gebaut, auch in der Republik in den 1950er-Jahren.

Die feierliche Grundsteinlegung war am 8. September 1622 erfolgt. In dieser Zeit, als Kirche und Gruft angelegt wurden, hieß dieser Platz Mehlmarkt oder Mehlgrube. Hier stand das sogenannte »Hoföbstlerische Haus«, in dem Joseph Haydn fünf Jahre wohnte und die Kaiserhymne komponierte: das »Gott erhalte, Gott beschütze, unsern Kaiser, unser Land …«. Der ursprüngliche Text, Kaiser Franz II./I. gewidmet, lautet: »Gott erhalte Franz den Kaiser …«.

Im Jahr 1599 war im Auftrag Seiner Heiligkeit Papst Clemens VIII. der wegen seines frommen Lebenswandels geachtete Kapuzinerpater Laurentius von Brindisi mit zwölf Ordensbrüdern nach Wien gekommen. Die Patres sollten im Auftrag Roms in den österreichischen Staaten Kapuzinerorden gründen. Ihr eigentliches Ziel war Prag. Da dort jedoch die Pest wütete, beschlossen die Patres, zunächst in Wien zu bleiben, wo sie freundlich von den Minoriten, einem Bettelorden, wie die Kapuziner selbst einer sind, aufgenommen wurden. Dank ihres Eifers, mit dem sie sich um das Seelenheil ihrer Mitmenschen kümmerten, und auf Fürsprache des Erzbischofs von Wien, Kardinal Melchior Klehsl, erlaubte Kaiser Rudolf II. den Kapuzinern, in der Wiener Vorstadt St. Ulrich ein bescheidenes Kloster zu bauen. Auf dem ehemaligen Klosterareal der Kapuziner in der Mechitaristengasse im 7. Bezirk befinden sich heute Kloster und Kirche der Mechitaristen.

Kaiserin Anna, die Tochter von Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, Gattin von Kaiser Matthias, dem Bruder und Nachfolger von Kaiser Rudolf II., verehrte und schätzte die Kapuziner, die sie aus ihrer Heimatstadt Innsbruck kannte, zeit ihres Lebens. Als sie 1617 beschloss, ihnen in der Nähe der Hofburg ein Kloster zu errichten, gab sie gleichzeitig den Auftrag zum Bau einer Gruft für sich und ihren Gemahl. Zu diesem Zweck erbat Anna von Kaiser Matthias den Grundbesitz des Schaumburger Hofes im Bereich der heutigen Gluckgasse und des Lobkowitzplatzes. In ihrem 1618 geschriebenen Testament verfügte Kaiserin Anna: »Alle Täfelein, sammt dem Altare, so in meiner Kapelle seynd, verschaffe ich in die Kapuzinerkirche, da Ihre kaiserliche Majestät, mein geliebter Herr und Gemahl und ich liegen werden. Das Silbergeschirr, so ich im Testament sonst Niemand verschafft oder geschenkt habe, ordne ich, daß man es zu Hülf den silbernen Altar in der Kapelle unserer Begräbnüß zu machen anwende …« Kaiserin Anna war jedoch nicht sicher, ob ihr Gemahl nach ihrem Tod dem Kloster wirklich all das kostbare Silbergerät übergeben werde und so schloss sie ihr Testament mit den Worten: »So aber Ihre Majestät den Bau der Kirchen nicht ganz wollen verrichten, sondern nur den Situm […] den Kapuzinern schenken, so verordne ich über 12 000 Floren [Gulden], so ich zur Erbauung der Kapellen und des Altares verschaffen, noch zur Erbauung der Kirchen 10 000 Floren.«

Im Dezember 1618, nur ein Jahr nach ihrer Stiftung, starb die junge Kaiserin im Alter von 33 Jahren, gerade zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Kaiser Matthias, ihr Gemahl, folgte ihr drei Monate später in den Tod. Da zu diesem Zeitpunkt weder mit dem Bau der Kirche noch des Klosters begonnen worden war, setzte man die Leichen der beiden Stifter einstweilen im Königinkloster in der Dorotheergasse bei. Heute befinden sich an dieser Stelle die beiden Evangelischen Kirchen Augsburger und Helvetischen Bekenntnisses.

In diesem Jahr 1618 war im Mai der Ständeaufstand in Böhmen ausgebrochen, provoziert durch den Prager Fenstersturz. Protestantische Adelige hatten die kaiserlichen Stellvertreter in der Prager Burg zum Fenster hinausgeworfen und damit einen Krieg provoziert, der als Religionskrieg begann und als Krieg um die Hegemonie im Reich endete. Erst nachdem die protestantischen Aufständigen und der Pfälzer Winterkönig bei der Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620 durch die kaiserlichen Truppen besiegt worden waren, entschloss sich Kaiser Ferdinand II., Matthias’ Nachfolger, mit dem Bau des Kapuzinerklosters zu beginnen. Um genug Platz für das Bauvorhaben zu erhalten, kaufte Kaiser Ferdinand, der versprochen hatte, sobald die Zeiten etwas ruhiger würden, Kaiserin Annas letzten Willen zu erfüllen, noch einige Handwerkerhäuser auf dem gleichen Platz. Er ließ alles abreißen, und somit bot sich im Lauf weniger Jahre viel Platz zum Bau von Kloster und Kirche. 1621 erwarb der Kaiser den Altenburgerhof, der in der heutigen Spiegelgasse stand. (1630, acht Jahre nach der Grundsteinlegung, erstand er den Seggauer Hof im Gebiet der heutigen Plankengasse.)

Die Gründer der Kapuzinergruft: Kaiser Matthias und Kaiserin Anna

Am 8. September 1622, am Tag von Mariä Geburt, wurde in einer feierlichen Zeremonie der Grundstein gelegt. Um acht Uhr früh versammelten sich die Kapuzinerpatres im Augustinerkloster. In Anwesenheit der gesamten kaiserlichen Familie, Ferdinand II., Kaiserin Eleonora, den Erzherzogen Ferdinand Ernst und Leopold Wilhelm sowie den jungen Erzherzoginnen Maria Anna und Cäcilia Renate, und des hohen Klerus wurde in italienischer Sprache eine feierliche Messe zelebriert. Kardinal Fürst von Dietrichstein weihte das neue, auf den Altar gelegte Kreuz. Nach der Segnung nahmen der Provinzial der Kapuziner und einige Ordensbrüder das Kreuz auf ihre Schultern und trugen es zum Neuen Markt, wo sie es an dem Ort ablegten, an dem der Hochaltar der neuen Kirche zu errichten war.

Nach dieser Zeremonie wurde der ebenfalls geweihte Grundstein in das rechte Eck des Chors gelegt. Fünf goldene Gedenkmünzen zum ewigen Andenken an die Frömmigkeit des Kaiserhauses wurden beigefügt. Diese Münzen tragen auf beiden Seiten den Namen dessen, der sie gespendet hat, und den Grund, warum sie gespendet wurden.

Die erste Münze überreichte Kaiser Ferdinand II. im Namen der Gründer der Gruft, Kaiserin Anna und Kaiser Matthias. Auf der einen Seite dieser Gedenkmünze sind folgende Worte in lateinischer Sprache zu lesen: »Matthias, römischer Kaiser, König von Deutschland, Ungarn und Böhmen, Erzherzog von Österreich, hat diesen Platz zur Erbauung eines Kapuziner-Klosters und der Kirche gewidmet und sich hier den Ort des Begräbnisses auserwählet. Er starb den 20. März 1619.« Auf der zweiten Seite steht: »Gott sei Lob und Ehre. Anna, römische Kaiserinn, Königinn von Böhmen und Ungarn, Erzherzoginn von Österreich, Gräfinn von Tirol, hat zur Errichtung des Kapuziner Klosters in Wien ein reiches Almosen und einen reichen Schmuck, die Kirche zu zieren, hinterlassen. Sie starb den 15. December 1618.«

Die zweite Münze überreichte der Kaiser in seinem Namen. Auf der einen Seite dieser Gedenkmünze befindet sich die Inschrift: »Nachdem Kaiser Ferdinand II. durch die Vorsehung Gottes die sich empörenden Stände Böhmens, Ungarns, Österreichs und Schlesiens zum Gehorsam brachte, ließ er unter der Regierung des Papstes Gregor XV. zur Ehre Gottes, der seligsten Jungfrau Maria, und des heiligen Franziskus von Assissi dieses Kapuziner Kloster errichten.« Auf der zweiten Seite ist zu lesen: »Die Krone dem rechtmäßig Streitenden. Ferdinand II. von Gottes Gnaden Römischer Kaiser, König von Deutschland, Ungarn und Böhmen, Erzherzog von Österreich, hat dieses Kapuziner Kloster bauen lassen, und den Grundstein zu demselben gelegt, so wie auch diese Münze zum ewigen Andenken beigefügt.«

Die dritte Münze überreichte Kaiserin Eleonora. Auf der einen Seite dieser Münze ist zu lesen: »Eleonora, römische Kaiserinn, Königinn von Ungarn und Böhmen, Herzoginn von Gonzaga, aus dem durchlauchtigsten Hause der Herzoge von Mantua, Gemahlin des Kaisers Ferdinand.« Auf der Rückseite steht: »War aus Ehrfurcht, die sie für den heiligen Franziscus und zu dem Orden der Kapuziner hegt, zugegen, als der Grundstein zu dieser Kirche gelegt wurde. Sie legte diese Münze zum ewigen Andenken bey.«

Die vierte Münze überreichte Erzherzog Ferdinand Ernst. Auf der einen Seite ist zu lesen: »Ferdinand Ernst, Sohn des Kaisers Ferdinand II. Erzherzog von Österreich, von dem Eifer für die katholische Religion und für das Wohl des österreichischen Hauses durchdrungen.« Auf der anderen Seite steht: »War zugegen, als der Grundstein zu dieser Kapuzinerkirche zum heiligen Franziscus in Wien gelegt wurde, und legte diese goldene Gedenkmünze dem Grundsteine bey. Im Jahre 1622.«

Die fünfte Münze überreichte Erzherzog Leopold Wilhelm mit seinen Schwestern Maria Anna und Cäcilia Renata. Auf der Vorder- und Rückseite der Münze steht: »Leopold Wilhelm, Maria Anna und Cäcilia, treue Geschwister.« Auf der Rückseite ist zu lesen: »Haben dieses dreyfache Denkmahl ihrer frommen Freude zur Ehre der allerheiligsten Dreieinigkeit, der seligsten Mutter Gottes und des heiligen Franziscus, dem Grundstein der Kapuziner Kirche in Wien beygelegt. Im Jahre 1622.«

In einer Festschrift aus dem Jahr 1822, also zum 200-jährigen Bestehen der Kapuzinergruft auf dem Neuen Markt, ist erwähnt: »Der fromme Layenbruder aus dem Kloster in der Vorstadt St. Ulrich, Stephan von Verona, hatte noch am selben Tag die Nachricht vom wunderbaren Sieg der Kayserlichen bei Prag erhalten und dies sofort dem Kaiser [Ferdinand II.] kundgetan. Welcher dessen Loyalität nie vergaß. Einige Jahre später starb Stephan von Verona und Kaiser Ferdinand ließ ihm einen schönen Sarg verfertigen und bei den Kapuzinern am Neuen Markt beisetzen. Habit und Gürtel des Layenbruders erbat sich die Kaiserin [Eleonora Gonzaga-Mantua] und befahl, nach ihrem Hinscheiden alles dem Kloster zurück zu stellen. Dieses Kleid und der Gürtel werden heute noch im Kloster auf dem Neuen Markt aufbewahrt.«

1633 waren Kirche und Gruft so weit hergestellt, dass die sterblichen Überreste von Kaiser Matthias und Kaiserin Anna in die Kapuzinergruft überführt werden konnten. Dieser kleine Raum, »das Grüftl«, in welchem das Kaiserpaar heute noch ruht und den ein prachtvolles Barockgitter abschließt, war zunächst das ganze Begräbnis (Synonym für Begräbnisstätte). An der Überführung der Verstorbenen nahmen Kaiser Ferdinand II. mit seiner Familie, der hohe Klerus, der Adel und eine große Volksmenge teil. Auf Anordnung von Kaiser Ferdinand II. wurde das Begräbnis mit allem Prunk einer kaiserlichen Bestattung streng nach Spanischem Hofzeremoniell begangen. Alle waren in tiefste Trauer gekleidet.

Am Sarg von Kaiserin Anna befand sich in lateinischer Sprache die Inschrift: »Denkmahl der Durchlauchtigsten Kaiserin Anna, treuen Gemahlin des glorreichen Kaisers Matthias, Königs von Ungarn und Böhmen, Erzherzogs von Österreichs. Im Herrn gestorben den 15. December 1618.«

Am Sarg von Kaiser Matthias war zu lesen: »Denkmahl des glorreichsten und unüberwindlichsten Kaisers Matthias, Königs von Ungarn und Böhmen, Erzherzogs von Österreich, der sein Leben und die Regierung den 20. März 1619 im Herrn beschloß.«

Zunächst wurden die Bleisärge, da noch ohne »Sargfüße«, auf den blanken Boden gestellt. Erst Kaiserin Maria Theresia ließ in den 1750er-Jahren, also mehr als 100 Jahre später, diese reinen Renaissancesarkophage mit Adlerfüßen versehen.