Wer besitzt das Internet? - Cory Doctorow - E-Book

Wer besitzt das Internet? E-Book

Cory Doctorow

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Beschreibung

"Raubkopierer" gegen "Content-Mafia" - so lauten die gegenseitigen Bezeichnungen der Parteien im tobenden Copyright-Krieg. ACTA, ein internationales Handelsabkommen gegen "Produktpiraterie", hat diesem Konflikt neue Schwungkraft verliehen. "Wer besitzt das Internet??" versammelt Meinungen und Personen, die in diese Debatte involviert sind. Die Einen halten das aktuelle Urheberrecht für längst überflüssig und orten in der zunehmenden Kontrolle der Behörden über das Netz eine viel größere Gefahr als im Tausch von Dateien. Andere Autoren wiederum verteidigen die Rechte der Künstler an ihren Werken (und damit auch deren Existenzgrundlage) gegenüber der Gratis-Kultur im Internet.

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Seitenzahl: 214

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Stefan Kraft (Hg.) Wer besitzt das Internet?

© 2012 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien Lektorat und Gestaltung: Stefan Kraft

ISBN: 978-3-85371-800-1 (ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-345-7)

Fordern Sie einen Gesamtprospekt des Verlages an: Promedia Verlag Wickenburggasse 5/12 A-1080 Wien

E-Mail: [email protected] Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de

Mit Ausnahme des Beitrags von Gerhard Ruiss ist dieses Werk unter einer Creative Commons Lizenz vom Typ Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported zugänglich.

Stefan Kraft

Vorwort

Das Jahr 2012 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem der Streit um das Urheberrecht im Internet mit voller Wucht die Öffentlichkeit erreichte. Der späte Zeitpunkt ist verwunderlich. Seit das Internet Mitte der 1990er-Jahre die Möglichkeit schuf, digitale Daten von einem Computer zum anderen zu senden, wurden alsbald Songs, Filme und Texte unter Umgehung des Urheberrechts verbreitet. (Bei der Software geschah das schon zuvor, wie unser Anhang „Kleine Geschichte des Filesharing“ ab Seite 169 in diesem Buch beweist). Entwicklungen wie das Dateiformat MP3 machten die Musik-Files klein genug, um sie durch die damals noch quälend langsamen Modemleitungen zu pressen. Mittlerweile ermöglichen Breitbandanschlüsse den Download hochauflösender Filme in wenigen Minuten. Und nach all den Gerichtsverfahren, die die Unterhaltungsindustrie seit dem Fall Napster (1999) weltweit anordnete, gibt es mehr Tauschbörsen und mehr Möglichkeiten für den kostenlosen, denkbar ungefährlichen Bezug von Copyright-geschütztem Material als je zuvor.

ACTA und die Folgen

Warum also erst jetzt der große Aufschrei? Weil es ACTA gibt, oder besser gesagt: Weil es ACTA nach massiven Protesten eben nicht mehr gibt (siehe unsere Dokumentation um ACTA am Ende dieses Buches). Als es soweit war, das „Handelsübereinkommen zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie“ zu unterschreiben, ging die digitale Generation auf die Straße. In einigen osteuropäischen Ländern wie Polen oder Bulgarien, aber auch in Deutschland und Österreich nahmen die Demonstrationen ein für diese Länder ungewöhnliches Ausmaß an. Der mit ACTA möglicherweise bedrohte freie Zugang zum Internet erregte die Gemüter deutlich mehr, als etwa die Krisenbekämpfungsprogramme der Europäischen Union, die zu massiven sozialen Einschnitten nicht nur im Süden des Kontinents führen. Die Piratenpartei ist der politische Ausdruck dieser Stimmung, ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist ihre deutliche Gegnerschaft zum bisherigen Urheberrecht und die damit verbundene Praxis im Internet. (Dass es ihr an anderen Positionen mangele, wird ihr gerade von jenen etablierten Parteien vorgeworfen, die sich in ihren Positionen kaum voneinander unterscheiden. Doch sollen die „Piraten“ in diesem Vorwort nur als Proponenten der Anti-ACTA-Bewegung behandelt werden).

Nachdem die Straße gesprochen hatte, gab ein Wort das andere. Erstmals traten Künstler und Kulturschaffende, Literaten, Journalisten und Musiker in dieser Debatte gemeinsam auf und verkündeten, die Kostenlos-Kultur im Netz müsse ein Ende haben, und die gerade in Fahrt gekommene Bewegung gegen ACTA erhielt ein Gegengewicht. Im deutschen „Handelsblatt“ trugen sich „mehr als 160 Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik“ bei der Aktion „Mein K©pf gehört mir“ ein, die sich direkt gegen die Piratenpartei richtete. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ startete einen ähnlichen Aufruf mit dem Titel „Wir sind die Urheber“, der zu Drucklegung dieses Buches von über 1.500 Kreativen unterzeichnet worden war. In Österreich bildete sich die Initiative „Kunst hat Recht“, in der Schweiz schlossen sich Hunderte Schriftsteller dem „Zeit“-Manifest an. Ebenfalls im Frühjahr 2012 verfassten 51 Autoren der Fernsehserie „Tatort“ einen offenen Brief , der mit den Worten begann: „Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke, liebe Netzgemeinde!“ – und (mit rauer Stimme) in ein ähnliches Horn stieß, wie die zuvor genannten Aufrufe. Vereinzelt gab es prominente Gegenstimmen in den Medien. Die Schriftsteller Ilija Trojanow und Juli Zeh stellten sich ebenso gegen die Initiativen ihrer Kollegen wie eine Reihe österreichischer Medienaktivisten mit einem Gegenpamphlet zu „Kunst hat Recht“. Der Chaos Computer Club, eine Hackervereinigung aus Berlin, antwortete im Namen der Netzgemeinde den „Tatort“-Autoren ablehnend.

Klare Fronten

Auf den ersten Blick erscheinen die Fronten klar. Im Schützengraben des Copyright-Kriegs nehmen die Künstler ihre Stellung ein, weil ihre Existenz von den Gratis-Downloads im Internet bedroht ist. Auf der anderen Seite des Stacheldrahts rotten sich all jene zusammen, deren kostenloser Medienkonsum im Internet in seiner Existenz bedroht ist. Analog gegen digital, alt gegen jung, Urheber gegen Piraten. Simpler könnte man diesen Sachverhalt kaum ausdrücken, als es der österreichische Dramatiker Peter Turrini vor kurzem in einem Zeitungsinterview tat: „Da kommen diese bepickelten Mittelschichtspiraten daher, die im Internet aufgewachsen sind, und wollen alles downloaden, was nicht ihnen gehört.“

Bepickelt, Mittelschicht, im Internet aufgewachsen. Ein perfektes Feindbild nicht nur für die Vertreter der Hochkultur, sondern auch für den vermeintlich linken Rand der Künstlerszene. Und so ist der Schulterschluss ein breiter: Während die meisten ACTA-Demonstranten sich vorrangig darin einig sind, dass niemand das Internet antasten dürfe, sind sich in bemerkenswertem Gleichklang Verwertungsgesellschaften, Verlage, Musiklabels, Zeitungskonzerne, Popsänger, Autoren und Schauspieler darin einig, dass sie gemeinsam den digitalen Raum in die Schranken weisen müssen.

Das ist aber längst nicht mehr möglich. Alles, was sich digitalisieren lässt (und so gut wie jedes Medium lässt sich heutzutage digitalisieren) wird in Hinkunft kostenlos, wenn auch häufig illegal, im Internet zur freien Verfügung stehen. Nur gewaltige Eingriffe in den Netzverkehr durch die Behörden würden an diesem Zustand etwas ändern. Wie die in ACTA nur mehr vage formulierte Regelung, die Provider müssten den Datenstrom ihrer Kundschaft überwachen. Wer derartige Eingriffe gutheißt (und dies tun die wenigsten), der sollte das Internet besser nie wieder betreten.

Was also tun, um in Zukunft als Künstler noch von seiner Arbeit leben zu können, lautet die quälende Frage, die die meisten der Debattenteilnehmer antreibt. Bleiben wir bei den klaren Fronten und ordnen die Antworten in zwei gegenläufige Bewegungen ein. Die eine nennen wir überspitzt „neokorporatistisch“: Es ist die vereinte Front der Urheber, die gemeinsam mit ihren Arbeitgebern, ihren Agenten, ihren Rechteverwaltern marschiert. Diese Einigkeit ist eine hervorragende Zielscheibe für die Kritiker, die den Künstlern vorwerfen, gemeinsame Sache mit ihren Ausbeutern zu machen. Analytischer weist Matthias Spielkamp in seinem Beitrag zum Urheberrecht im Journalismus nach, dass diese gemeinsamen Interessen oft für die Masse der Urheber tatsächlich nicht bestehen.

Nennen wir die andere Bewegung, ebenso überspitzt, „individualistisch“: Künstler, die sich nicht länger gegen die Verbreitung ihrer Werke im Internet wenden, sondern – gezwungen durch die tief greifenden digitalen Veränderungen – nun als Selbstvermarkter im Netz auftreten und als Ich-AG auf den guten Willen und die freiwillige Bezahlung der Internet-User hoffen. Als eine der wenigen Künstlerinnen hat die Berliner Sängerin Zoe.Leela diese Strategie öffentlich gegen die Initiativen ihrer Kollegenschaft ausgerufen, ein Interview mit ihr und zur ihren Beweggründen findet sich in diesem Buch.

Machtwechsel

Letztlich entstanden beide Antworten aus einer Situation der Schwäche heraus. Die Entwicklungen im Internet haben das alte Rechtemodell praktisch weggefegt – jetzt gilt es zu retten, was zu retten ist. Während die einen sich auf ein Rückzugsgefecht begeben, wagen die anderen den Sprung in die weltweiten Wellen, mit dem Kopf voraus.

Die Musikindustrie, so hört man es nur allzu häufig, habe das neue Zeitalter verschlafen. Wie Peter Tschmuck in seinem detailreichen Beitrag über die Musikwirtschaft erklärt, ist ihr das schon einmal passiert. Einst wehrte sie sich energisch gegen das Aufkommen der Radiostationen – und wurde am Ende von eben diesen geschluckt.

Im Internet steht eine ähnliche Übernahme bevor. Denn natürlich handelt es sich dabei nicht um ein Gebiet fernab der immer härter werdenden Marktwirtschaft, so gerne das seine Bewohner auch hätten. Was im Netz geschieht, ist meist kommerzieller Natur, auch wenn das der User kaum merkt. Ohne dass sie irgendetwas davon herstellen müssten, verdienen Internet-Riesen wie Google und Facebook mit Musik, Filmen, Texten und Fotos Milliarden – die User stellen ihnen dazu kostenlos die Inhalte und ihre Arbeitskraft zur Verfügung. Wie Walter Wippersberg bemerkt, finden sich so die Piraten und die Konzerne auf derselben Seite wieder. Und möglicherweise bald schon werden diese Internet-Konzerne auch jene Industrien aufkaufen, die sie durch die freie Verbreitung der Dateien entscheidend geschwächt haben, im Verbund mit Apple, Microsoft und anderen Technologiefirmen.

Was wir mit diesem Buch anstoßen wollen, ist eine weiterführende Debatte über das Urheberrecht im Zeitalter des Internets, die auch die Entwicklung des Internets selbst in die Kritik stellt (siehe den Beitrag von Konrad Becker), das „geistige Eigentum“ und seinen Wert hinterfragt (dazu die Beiträge von Eckhard Höffner und Thomas Macho) und einen Ausblick auf kommende, bedrohliche Entwicklungen gibt (wie es Cory Doctorow tut). ACTA, so scheint es zumindest, ist Geschichte. Die verschärfte Überwachung des Internets unter dem Vorwand der Bekämpfung von Piraterie ist es nicht. Ebenso wenig gelöst ist die Zukunft der Kunst in der digitalen Welt. Wir hoffen, dass die Ansätze in diesem Buch weiterführen können.

Stefan Kraft Wien, am 13. Juli 2012

P. S.: Die unterschiedlichen Positionen zum Urheberrecht haben sich auch im Copyright dieses Buches niedergeschlagen. Die Beiträge wurden mit einer CC-Lizenz versehen, mit Ausnahme des Textes von Gerhard Ruiss.

Walter Wippersberg

Der neue Kampf ums Urheberrecht

Wer ein Produkt herstellt, das andere haben wollen, der soll für dieses Produkt auch bezahlt werden. Und zwar unabhängig davon, ob es sich um ein materielles oder ein geistiges Produkt handelt. Das war bis vor Kurzem allgemein akzeptierte Meinung. Geistiges Eigentum ist (seit mehr als 170 Jahren schon) durchs Urheberrecht geschützt. Wer sich fremdes geistiges Eigentum einfach aneignet, muss mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Das war – mehr oder weniger – unbestritten, solange etwa die Herstellung von „Raubdrucken“ (Bücher) oder „Raubkopien“ (Filme) oder „Raubpressungen“ (Schallplatten) mit erheblichem Aufwand verbunden war.

Das ist nun ganz anders geworden. Auf elektronischem Weg können Filme, Musikstücke, Werke der bildenden Kunst und der Literatur so einfach vervielfältigt werden, wie man sich das vor ein paar Jahrzehnten noch nicht vorstellen konnte. Ist etwas einmal digitalisiert und „ins Netz gestellt“, dann kann jeder damit tun, was er will. Er darf es nicht, aber er kann, also tut er es. Viele tun es. Dass die, um deren geistiges Eigentum es dabei geht, sich dagegen wehren wollen, ist verständlich. Also verlangen sie, die Künstler nämlich, dass das Urheberrecht an die neuen Gegebenheiten angepasst wird. In Österreich wurde Ende 2011 die Initiative „Kunst hat Recht“ gestartet.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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