Wer hat Angela lieb? - Marietta Brem - E-Book

Wer hat Angela lieb? E-Book

Marietta Brem

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Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Es war der schwerste Gang ihres Lebens. Sie fühlte sich, als würde sie das Liebste, das sie hatte, einfach am Straßenrand aussetzen. Doch dem war nicht so. Noch an diesem Morgen hatte sie mit Denise von Schoenecker telefoniert, die zusammen mit ihrem Sohn Dominik das Kinderheim Sophienlust leitete. Mit ihr hatte sie heute Nachmittag einen Termin, der ihr wie ein Wackerstein im Magen lag. Doch sie wusste, dass dies die einzige Möglichkeit für Angela war, trotz allem eine glückliche Kindheit zu haben. »Gibt es da viele Kinder?«, fragte das hübsche Mädchen, dessen goldblonde Locken sich an den Schläfen kringelten. Sorgfältig schnallte Stefanie es in dem Kindersitz an. »Wie lang muss ich dort bleiben? Darf ich wieder nach Hause?« »Das kann ich dir jetzt nicht erklären, Angela«, antwortete Stefanie ausweichend und tat, als hätte sie es sehr eilig. »Wir sind spät dran. Natürlich wirst du nicht für immer da bleiben. Ich muss ins Krankenhaus und weiß nicht, wie lange ich bleiben werde.« »Bist du sehr krank, Mami?«, fragte Angela erschrocken? »Kann ich nicht mit dir gehen?« Sie schluckte die Angst hinunter, die sie auf einmal als Schluchzen im Hals spürte.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sophienlust - Die nächste Generation – 125 –Wer hat Angela lieb?

Das kleine Mädchen ist so unglücklich

Marietta Brem

Es war der schwerste Gang ihres Lebens. Sie fühlte sich, als würde sie das Liebste, das sie hatte, einfach am Straßenrand aussetzen. Doch dem war nicht so. Noch an diesem Morgen hatte sie mit Denise von Schoenecker telefoniert, die zusammen mit ihrem Sohn Dominik das Kinderheim Sophienlust leitete. Mit ihr hatte sie heute Nachmittag einen Termin, der ihr wie ein Wackerstein im Magen lag. Doch sie wusste, dass dies die einzige Möglichkeit für Angela war, trotz allem eine glückliche Kindheit zu haben.

»Gibt es da viele Kinder?«, fragte das hübsche Mädchen, dessen goldblonde Locken sich an den Schläfen kringelten. Sorgfältig schnallte Stefanie es in dem Kindersitz an. »Wie lang muss ich dort bleiben? Darf ich wieder nach Hause?«

»Das kann ich dir jetzt nicht erklären, Angela«, antwortete Stefanie ausweichend und tat, als hätte sie es sehr eilig. »Wir sind spät dran. Natürlich wirst du nicht für immer da bleiben. Ich muss ins Krankenhaus und weiß nicht, wie lange ich bleiben werde.«

»Bist du sehr krank, Mami?«, fragte Angela erschrocken? »Kann ich nicht mit dir gehen?« Sie schluckte die Angst hinunter, die sie auf einmal als Schluchzen im Hals spürte. Zwar war sie selbst noch nie im Krankenhaus gewesen außer bei ihrer Geburt, doch daran hatte sie natürlich keine Erinnerung mehr. Sie spürte nur, dass es nichts war, über das man sich freuen konnte. Dafür war das Gesicht ihrer geliebten Mutter viel zu blass und zu ernst. »Ich bin ganz still, versprochen.«

»Das geht nicht, Angela. Aber du wirst sehen, in Sophienlust gefällt es dir ganz bestimmt.« Sie hatte Mühe, sich auf die Straße zu konzentrieren. Immer wieder konnte sie die Umgebung nur verschwommen sehen, weil sie ständig gegen die Tränen kämpfte.

Sie fühlte sich wie eine Verräterin. Ihr schlechtes Gewissen Angela gegenüber wurde immer stärker, je näher sie Maibach kamen. »Es muss dir gefallen«, sagte sie leise zu sich selbst. Sie parkte ihr kleines Auto an der Straße entlang. Dann holte sie Angela aus dem Kindersitz und nahm sie bei der Hand. Schweigend gingen sie den breiten Weg entlang, der zu dem herrlichen Herrenhaus führte.

Ein junger, sehr gut aussehender Mann kam ihnen entgegen. Er hatte ein sanftes Lächeln um den schön geschwungenen Mund, und in seinen Augen spiegelte sich eine Wärme, die sogar auf diese Entfernung zu spüren war. »Frau Hallwach?«

Stefanie nickte und reichte ihm ihre Hand. »Herr von …«.

»Ich bin Dominik«, unterbrach er sie sofort. Er hielt ihre Hand einen kleinen Moment, dann beugte er sich zu Angela hinunter. Es fiel ihm schwer, fröhlich zu erscheinen, denn seine Mutter Denise hatte ihm bereits gesagt, dass Angelas Mutter kaum Chancen hatte, den Eingriff für längere Zeit zu überleben. »Ich bin sicher, es wird dir bei uns gefallen. Pünktchen ist mit den Kindern auf dem Spielplatz. Ich bringe dich zu ihr. Wenn du etwas möchtest oder du eine Frage hast, dann wende dich an sie.«

Stefanie stand etwas ratlos da und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. »Soll ich …«

Dominik erschrak, fing sich aber gleich wieder. »Wenn Sie möchten, dürfen Sie gern mit mir kommen. Dann können Sie sich davon überzeugen, dass die Kinder bei uns glücklich sind.« Er lächelte ihr aufmunternd zu.

Sie fanden Pünktchen, die zu einer bildhübschen jungen Frau geworden war, auf der Schaukel. Manches liebte sie noch immer so sehr wie früher, zum Beispiel flog sie leidenschaftlich gern mit der Schaukel durch die warme Luft. Als sie Nick erblickte, bremste sie mit den Schuhspitzen und hüpfte fröhlich herunter. »Da seid ihr ja«, begrüßte sie Angela und ihre Mutter fröhlich. Auch sie kannte die traurige Geschichte, doch sie ließ sich natürlich nichts anmerken. »Guten Tag, Frau Hallwach. Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns. Darf ich Ihre Angela für eine Weile entführen, damit sie sich alles ansehen kann?«

Stefanie nickte und war sehr erleichtert, als sie sah, wie vertraulich Angela nach Pünktchens Hand griff. »Darf ich mitgehen, Mami?«, fragte sie zögernd.

»Wenn du das möchtest, dann freue ich mich. Es wird dir bestimmt gefallen«, versicherte Stefanie sofort. »Ich werde inzwischen mit Frau von Schoenecker sprechen.«

»Aber du holst mich nachher ab, versprochen?« Wieder flackerte die Angst in Angelas schönen blauen Augen. »Ich will wieder nach Hause.«

»Natürlich hole ich dich ab, mein Schatz. Es ist noch eine Weile bis zu meinem Termin. Hab keine Angst. Aber eine Weile werde ich brauchen, um alles zu besprechen.« Sie nickte Pünktchen zu, die freundlich lächelte. »Machen Sie sich keine Sorgen um Angela, Frau Hallwach. Ich bin in Sophienlust aufgewachsen. Ich kenne so ziemlich alle Gedanken unserer Kinder.«

Beruhigt ging Stefanie neben Dominik zum Haus zurück. »Es fällt mir unendlich schwer«, sagte sie leise, aus ihren Gedanken heraus. »Angela ist alles, was ich habe. Ich würde sie so gern aufwachsen sehen, aber …« Ihre Stimme klang plötzlich heiser. Sie räusperte sich. »Ich hätte früher auf meinen Hausarzt hören sollen. Jetzt ist es vermutlich zu spät.«

Nick hätte ihr so gern etwas Tröstliches gesagt, doch hier waren alle Worte sinnlos. Er konnte ihr nur durch ein kurzes Streicheln ihres Oberarmes signalisieren, dass er sie verstand. Er klopfte an die Türe, die zum Arbeitszimmer seiner Mutter führte. »Frau Hallwach ist hier«, sagte er und ließ Stefanie eintreten. »Wenn du mich brauchst, ich bin die nächste Zeit bei Pünktchen und den Kindern am Spielplatz.«

»In Ordnung, mein Sohn«, antwortete Denise und trat auf Stefanie zu. Sie reichte ihr die Hand und bot ihr einen Platz auf dem gemütlichen Sofa an, das an der Wand stand. Sie selbst setzte sich auf den passenden Sessel ihr gegenüber. »Haben Sie sich schon einen kleinen Überblick machen können?«, fragte sie, als Nick die Türe leise geschlossen hatte.

Stefanie lehnte ihren Kopf zurück und schloss für einen Moment lang die Augen. »Es ist hier das Paradies«, sagte sie leise, ohne Denise von Schoenecker anzusehen. »Ich spüre sehr viel Liebe und Fürsorge, und ich weiß, dass es der beste Platz für meine Angela ist, um eine unbeschwerte Kindheit zu haben. Doch bei mir, ihrer Mutter, wäre sie wirklich zu Hause.«

»Ich verstehe Sie, Frau Hallwach«, stimmte Denise ihr leise zu. Sie litt mit der schwerkranken Frau, hätte ihr gern etwas Tröstendes gesagt, ein wenig Hoffnung vermittelt. Doch nach allem, was Stefanie ihr bereits am Telefon erzählt hatte, waren die Aussichten, diese Erkrankung für längere Zeit zu überleben, sehr gering. Hier konnte wirklich nur ein Wunder helfen. »Angela hat doch auch einen Vater.«

Stefanie riss die Augen auf. »Marcus darf nichts erfahren«, stieß sie erregt hervor.

»Marcus?«, wiederholte Denise verblüfft. »Ich sehe in den Papieren, dass Angelas Vater Jürgen Hallwach heißt. Sie sind doch verheiratet, oder hab ich da was falsch verstanden?«

Verlegen schüttelte Stefanie den Kopf. »Das hat schon seine Richtigkeit«, antwortete sie. »Es ist eine etwas verwickelte Geschichte. Jürgen hat die Vaterschaft anerkannt, denn er wollte sich nicht scheiden lassen. Doch Angelas biologischer Vater ist ein anderer. Den habe ich jedoch vergessen. Es gibt ihn nicht mehr.«

Denise schwieg eine ganze Zeit lang. »Haben Sie ihn verständigt? Er ist dann wohl außer Ihnen die einzige Bezugsperson, die Angela hat.«

»Meine Tochter kennt ihn nicht. Als ich Marcus damals kennenlernte, erschien mir ein Leben mit ihm wie der Himmel auf Erden. Jürgen und ich hatten gerade neu gebaut, und entsprechend stürzten wir uns in die Arbeit, um alles bezahlen zu können. Marcus war einer der Handwerker, den Jürgen mitbrachte, um uns beim Innenausbau zu helfen. Die beiden kannten sich aus der Schule, waren wohl auch mal eine Weile befreundet gewesen. Doch das hielt nicht sehr lange.«

»Er war also der Mann, der dann Angelas Vater wurde«, half Denise ihrer Besucherin weiter, als die schwieg und nur vor sich hin starrte. »Sie müssen es mir nicht erzählen, wenn es Ihnen unangenehm ist«, versicherte sie sofort.

Stefanie schüttelte den Kopf. »Nein, es ist mir nicht unangenehm. Doch außer Ihnen und Jürgen weiß niemand, dass mein Mann vermutlich nicht der leibliche Vater meiner Tochter ist. Das soll auch so bleiben.« Jetzt wirkte sie etwas munterer. »Allerdings weiß Jürgen auch nichts von meiner Krankheit. Ich werde es ihm erzählen, wenn ich den Termin fürs Krankenhaus habe.«

»Denken Sie, dass Ihr Ehemann sich um Angela kümmern würde, falls …« Verlegen brach Denise ab. Es war unendlich schwer, über so etwas zu sprechen. Doch es musste sein, immerhin ging es um ein kleines Mädchen, das vermutlich in absehbarer Zeit die Mutter verlieren würde.

Stefanie schwieg lange. Sie starrte vor sich hin und schien tief in Gedanken versunken zu sein. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie nach einer Weile. »Wir haben seit fünf Jahren keinen Kontakt. Wir … ich hatte mich in Marcus verliebt und wollte nur noch mit ihm zusammen sein. Ich weiß nicht, was damals in mich gefahren ist. Jürgen war doch meine große Liebe, und dann …«

»Dennoch haben Sie sich nicht scheiden lassen?«, fragte Denise überrascht. »Und die beiden Männer waren damit einverstanden?«

Ein schwaches Lächeln glitt über Stefanies blasse Lippen, doch sie wurde gleich wieder ernst. »Marcus hat mich ein paar Wochen nach Angelas Geburt verlassen. Er wolle kein Muttertier im Bett, hat er gesagt. Außerdem sei Jürgen der Vater und müsste zahlen.«

»Aber Marcus war doch der Vater. Haben Sie keinen Vaterschaftstest machen lassen? Das hätte mit einem Schlag alle Unklarheiten beseitigt.«

Stefanie zuckte die Schultern. »So genau wollte ich es gar nicht wissen. Auf diese Weise konnte ich mir immer noch vorstellen, dass Jürgen der Vater ist«, gestand sie verlegen. »Eines Abends kam Marcus nicht mehr nach Hause. Bis heute hab ich nichts mehr von ihm gehört. Angela kennt ihn gar nicht. Zum Glück fragt sie auch nicht nach ihrem Vater.«

»Für diesen Fall, der mit Sicherheit bald eintreten wird, sollten Sie sich eine gute Erklärung zurechtlegen«, meinte Denise besorgt. »Aber ich kann Sie verstehen«, fügte sie hastig hinzu, als sie sah, dass Stefanie mit den Tränen kämpfte.

»Ich befürchte, dass ich keine Zeit mehr haben werde, Angela etwas erklären zu müssen.« Stefanie griff nach ihrer Tasche, als wollte sie sich daran festklammern. »Können wir jetzt zum Schriftlichen kommen?«, fragte sie leise. »Ich … ich kann nicht mehr. Heute möchte ich alles geregelt haben. Würden Sie dann bitte veranlassen, dass man Angela holt, falls ich es nicht mehr kann?«

»Selbstverständlich. Unsere Schwester Regine, die Sie nachher kennenlernen können, wird sich um alles kümmern. Sie holt Angela von zu Hause ab, wenn Sie …« Denise brach ab. Es fiel ihr unendlich schwer, in dieser schlimmen Situation sachlich zu bleiben. Das war schon immer so gewesen. Sie litt mit jedem Schicksal, mit jedem Menschen, mit jedem Tier. Das machte ihr Leben nicht leichter, doch dafür wurde ihr so viel Zuneigung entgegengebracht, die sie für all die schweren Stunden entschädigte.

»Sie können sich ganz auf uns verlassen, Frau Hallwach. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Angela zu schützen. Sie haben mein Wort.«

Stefanie nickte nur, dann erhob sie sich. »Ich werde jetzt gehen. Ich … darf Angela hierbleiben? Ich möchte mich nicht noch einmal von ihr verabschieden müssen. Es ist besser für uns beide. Sagen Sie ihr bitte, dass ich sie immer lieb haben werde, dass sie auf alle Ewigkeit in meinem Herzen wohnt und dass wir uns wiedersehen …«. Sie blickte Denise an und man konnte sehen, dass ihre Augen längst leer geweint waren. »Wir werden uns wiedersehen«, wiederholte sie, »… wo auch immer …«

»Machen Sie sich keine Sorgen um Angela«, versicherte sie Stefanie und begleitete sie zur Tür. »Wenn wir noch etwas für Sie tun können, dann lassen Sie es uns wissen.«

Stefanie nickte müde. »Ich danke Ihnen für alles und – bitte gehen Sie nicht mit runter. Ich …« Sie brach ab, dann lief sie davon.

»Ich verstehe dich …«, murmelte Denise betroffen. »Ich kann dich so gut verstehen.«

*

Endlich Feierabend.

Jürgen Hallwach klappte den Ordnerdeckel zu und lehnte sich seufzend auf seinem bequemen Bürostuhl zurück. Seit er die Partnerschaft in der einstmals kleinen Steuerberatung übernommen hatte, wurden die Kunden immer mehr. Es sprach sich herum, dass hier zwei wirklich kompetente Steuerberater waren, die sich um ihre Klienten kümmerten und versuchten, das Beste aus den jährlichen Steuerberechnungen herauszuholen.