Wer hat Angst vor der Klima-RAF? - Sonja Manderbach - E-Book

Wer hat Angst vor der Klima-RAF? E-Book

Sonja Manderbach

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Beschreibung

In Interviews mit zehn jungen europäischen Klimaaktivist*innen stellt dieses Buch eine Gruppe junger Menschen vor, deren Aktionen von Deutschlands Politikern zunehmend kriminalisiert werden. Wer sind diese Jugendlichen, die bereit sind, ihre eigene Zukunft aufs Spiel zu setzen, um für das einzustehen, woran sie glauben? In Gesprächen über Gewalt, über die Polizei, über Schule, Familie und persönliche Erfahrungen bietet dieses Buch die Möglichkeit, in ihren eigenen Worten zu hören, was diese jungen Menschen in Zukunft zu tun bereit sind und warum. Ist das die Klima-RAF? Und warum hat jeder solche Angst vor ihnen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ebook Edition

Sonja Manderbach & Zachary Gallant

Wer hat Angst vor der Klima-RAF?

Mit Katharina F. Gallant und Martha Kloss

Impressum

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN: 978-3-98791-120-0

1. Auflage 2025

© Westend Verlag GmbH, Waldstr. 12 a, 63263 Neu-Isenburg 2024

Lektorat: Emil Fadel, Katharina F. Gallant, Miriam Strake, Lothar Weller

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt

Inhalt

Titelbild

Vorwort: Wer spricht eigentlich von einer Klima-RAF?

Die Interviews

Was sind unsere grundlegenden Fragen?

Interview 1: Gustav, der deutsche Student

Interview 2: Appoline, die französische Aktivistin

Interview 3: Clotilde, die hoffnungslose Französin

Interview 4: Mikhail, der osteuropäische Kritiker

Interview 5: Ernst, der deutsche Demokrat

Interview 6: Maria, die lateinamerikanische Aktivistin

Interview 7: Marcos, der europäische Zapatista*

Interview 8: Patrick, der britische Klassenkämpfer

Interview 9: Kurt, der RAF-Kenner

Wer hat Angst vor der Klima-RAF?

Wer hat Angst vor Verletzlichkeit?

Wie sieht Verletzlichkeit aus?

Flugblatt-Affäre und Klimakleber*innen – was ist passiert?

Flugblatt-Affäre und Klimakleber*innen – worin besteht der Unterschied?

Fazit: Schützt die Klimabewegung vor der »Klima-RAF«!

Schlussfolgerung

Danksagung

Literaturverzeichnis

Navigationspunkte

Titelbild

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Wer spricht eigentlich von einer Klima-RAF?

»Vor unser aller Augen gründet sich eine grüne RAF. Klimaterroristen sind am Start.« [1] – Beatrix von Storch (AfD), damals stellvertretende Bundessprecherin

»Die Entstehung einer Klima-RAF muss verhindert werden.« [2] –Alexander Dobrindt (CSU), damals Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, seit 2025 Innenminister

»Dumpfer und sinnloser Vandalismus sind kein Beitrag zum Klimaschutz. Ganz im Gegenteil unternimmt die ›Letzte Generation‹ seit vielen Monaten alles, um die Zustimmung der Bevölkerung zum Klimaschutz zu zerstören. Davon profitieren am Ende die Falschen … Vandalismus zerstört und diese Klima-RAF muss endlich mit allen Mitteln des Rechtsstaats konsequent bekämpft werden!«[3] – Dennis Thering, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Hamburger Parlament

»Klimaextremisten greifen unsere Art zu leben frontal an und wollen als radikale Minderheit uns allen mit Gewalt ihre Ideologie aufzwingen … Alle Demokraten wissen, wenn wir es ernst meinen mit unserer wehrhaften Demokratie, dann müssen wir gegen diese Klimafanatiker mit aller Härte und Konsequenz zurückschlagen … Die bisherige Zurückhaltung der Polizei ist völlig fehl am Platz. Sie ist durch einen robusten Zwangsmitteleinsatz zu ersetzen … Wir müssen jetzt handeln, wenn wir eine Klima-RAF verhindern wollen.« [4] – Martin Hess (AfD), Mitglied des Deutschen Bundestages

»Es besteht immer die Gefahr, dass bei einer grossen Bewegung ein kleiner Kern beginnt, aggressiver und radikaler zu werden … Alexander Dobrindt hat auf ein Phänomen hingewiesen und gewarnt, was sich daraus entwickeln könnte.« [5] – Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und Bayrischer Ministerpräsident

»Mich erinnert das doch sehr stark an den Eskalationsprozess in der Zeit … am Ende der Studentenbewegung, als sich terroristische Gruppen gebildet haben.« [6] – Stefan Aust, damaliger Herausgeber der WELT

Der Hinweis auf eine Klima-RAF ist ein wirkungsvolles Mittel, um die deutsche Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen – Angst vor den eigenen Kindern und Enkeln, Angst vor den eigenen Schüler*innen und Auszubildenden, vor jüngeren Kolleg*innen, vor jüngeren Bekannten und Nachbar*innen. Und diese Angst vertieft die Spaltung in einer Gesellschaft, in der wir ohnehin Gefahr laufen, die Bedürfnisse und Sorgen unserer Mitmenschen zu übersehen, weil wir verlernt haben miteinander zu reden. Das Interessanteste an dieser Angst ist jedoch, wie nebulös sie ist, wie sie sich, ähnlich wie die Angst vor dem Terrorismus, überall ausbreitet. Denn einer Klima-RAF könnte ja jeder dieser jungen Menschen angehören, die besorgt um die Zukunft ihres Planeten sind.

Es gibt in unserem Alltag eine große Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität. Deutlich zu erkennen ist dies in der US-amerikanischen Politik, zum Beispiel in der Kriminalitätsdebatte. Wenn US-Präsident Donald Trump und seine Gleichgesinnten sich lauthals darüber empören, dass die Zahl der Gewaltverbrechen, inklusive der Mordrate, in den letzten Jahren zugenommen habe, entbehrt diese Behauptung jeglicher faktischer Grundlage. [7] Auch in Deutschland werden Statistiken nach Bedarf ausgelegt, etwa wenn die AfD sich über »nichtdeutsche Tatverdächtige« ereifert, zugleich aber unberücksichtigt lässt, dass die Zahl polizeilich erfasster Straftaten in Deutschland deutlich unter dem Höchststand von 2004 liegt. [8] Solche Unstimmigkeiten zwischen Fakten und Rhetorik sind zweifellos bei einer Vielzahl von Themen zu finden. Besonders augenfällig werden sie aber, wenn es darum geht, politische Gegner und generell Angehörige bestimmter Gruppen zu diskreditieren. So auch in der Debatte um Klimaschutz und die Protestaktionen von Klimaaktivist*innen.

Diese Form der Panikmache, insbesondere wenn sie von den tatsächlichen Fakten losgelöst ist, ist brandgefährlich. Denn sie führt zu ganz real existierenden politischen Programmen. Mitglieder des Bundestages wie Beatrix von Storch nutzen die Angst vor einer »Klima-RAF«, um neue Gesetze zur Bestrafung von Klimaaktivist*innen zu fordern:

»Wenn das kein Extremismus ist, und wenn das nicht die Vorstufe zu Terror ist, was ist dann die Vorstufe von Terror? Verantwortlich für alle Schäden … sind aber nicht nur die Klimaspinner selber, sondern auch die Justiz, die das Strafmaß nicht voll ausschöpft: 10 Jahre Knast für die Idioten vom BER [dem Flughafen Berlin Brandenburg], das wäre meine Ansage …« [4]

Von Storch zählt natürlich zu den extremsten Gegner*innen der Klimabewegung. Aber auch damals-noch-nicht-Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete die Aktivist*innen der Klimaschutzbewegung Letzte Generation etwa zur gleichen Zeit, als von Storch ihre Erklärung abgab, als »kriminelle Straftäter« [9] und setzte sich aktiv für neue Gesetze ein, um die Kriminalisierung von Klimaaktivist*innen zu verschärfen.

Hochrangige Unions-Politiker*innen wie Alexander Dobrindt verteufeln und kriminalisieren Klimaaktivist*innen, deren erklärte Absichten und Handlungen gewaltfrei sind. Zeitgleich wird der Rechtsextremismus, selbst in seinen gefährlichsten Formen, immer salonfähiger. So behauptete etwa Bernd Baumann, Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, in Bezug auf ein Geheimtreffen von AfD-Vertreter*innen, rechtsextremistischen Aktivist*innen und Sponsor*innen in Potsdam im Jahr 2023: »Das sind keine Rechtsextremisten, das ist eine Lüge, das ist eine Kampagne. Die Fakten sind falsch«. [10] Fakt war jedoch, dass mehrere Teilnehmende den Verfassungsschutzbehörden durchaus bekannt waren, etwa aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die als »gesichert rechtsextrem« eingestuften Identitären Bewegung. [11]

Diese Taktik der Verharmlosung von Rechtsextremismus ist für die AfD normal. Der Anschlag in Hanau im Februar 2020, bei dem zehn Menschen ermordet und fünf weitere verletzt wurden, wurde vom Bundeskriminalamt eindeutig als rechtsextremistisch eingestuft. Dennoch twitterte der damalige AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen: »Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren.« [12] und der Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Alexander Gauland pflichtete ihm bei »Bei einem völlig geistig Verwirrten sehe ich kein politisches Ziel. Insofern bin ich vorsichtig mit dem Begriff Terror. Und von links und rechts wollen wir ja gar nicht reden.« [12]

Doch nicht nur die AfD verharmlost die Gefahr durch Rechtsextremist:innen. Jüngst bewertete der CDU-Bürgermeister vom brandenburgischen Bad Freienwalde eine gewalttätige Attacke durch etwa ein Dutzend Vermummte mit mutmaßlich rechtsextremer Gesinnung auf ein Fest der Vielfalt in seiner Stadt lediglich als »Störung«. [13] Zu dieser »Störung« gehörte unter anderem ein gezielter Faustschlag ins Gesicht eines Festbesuchers, woraufhin Umstehende versucht hätten, den Angreifer festzuhalten. Der Bürgermeister kommentierte: »Nun kann man sagen, der hätte ihn nicht hauen dürfen. Der andere hätte ihn aber auch nicht festhalten dürfen. Das sind Sachen, wo ich sage: Wer will wen denn jetzt verurteilen und wofür?« [13] Auch die ehrenamtliche Bürgermeisterin (Unabhängigen Bürgerliste) des brandenburgischen Golßen versäumte, sich von einem möglichen Versuch der Einflussnahme Rechtsextremer zu distanzieren: Die Diskussion, die entflammte angesichts der Finanzierung ihres Stadtfestes unter anderem durch den vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften AfD-Landtagsfraktionschef Hans-Christoph Berndt, empfand sie als unnötige Politisierung. [14] Ähnlich äußerte sich der CDU-Oberbürgermeister der sächsischen Kreisstadt Freital 2017 zur rechtsterroristischen Vereinigung »Gruppe Freital«, der nicht zuletzt versuchter Mord vorgeworfen wurde: »Das darf man nicht schönreden und da darf man auch nicht weggucken, aber man sollte es auch nicht überbewerten.« [15] Freital war auch der Schauplatz einer Ansprache des AfD-Prominenten Maximilian Krah, dessen Äußerungen vom Bundesamt für Verfassungsschutz als verfassungsfeindlich und fremdenfeindlich eingestuft wurden [16] und der regelmäßig Reden vor als rechtsextrem eingestuften Organisationen hält. Krah erklärte zum AfD-Parteiprogramm:

»Eine Linksliberale hat dort [in Brüssel] gesagt, Demokratie heißt nicht, dass die Mehrheit regiert, sondern, dass die Minderheiten beschützt werden … Aber Sie [hier im Freitaler Schloss] sind die Mehrheit, für die wir Politik machen. Wenn ich hier in den Raum schaue, ist es nicht bunt und vielfältig, das ist das Schöne an Freital. Sie alle sind deutsch, sächsisch, weiß.« [17]

Als gefährlich stufte Krah dagegen Klimaschutzbewegungen wie Fridays for Future ein, die durch ihre »Angstkampagnen … die Jugend gerade versaut.« [17]

Dies ist nur ein Beispiel für die zahllosen Versuche rechter politischer Kräfte in Deutschland, die von ihren Verbündeten ausgehende Gefahr herunterzuspielen, während sie die Klimadebatte nutzen, um ihre politischen Gegner*innen zu kriminalisieren. [18] Besonders besorgniserregend ist, dass die extreme Rechte äußerst erfolgreich darin ist, die Debatte über Klimaschutzaktivist*innen zu prägen. Denn die Idee einer Klima-RAF und von gefährlichen Klimaterrorist*innen wird nicht nur von Storch, Hess oder anderen Rechtsextremen in der AfD wie von propagiert, auch nicht nur von Ähnlichdenkenden im rechten Flügel der CDU, sondern auch von wichtigen Meinungsmacher*innen wie Stefan Aust, dem derzeitigen Herausgeber eines der einflussreichsten Nachrichtenportale Deutschlands: der WELT. Dies veranlasst auch Politiker*innen der Mitte und sogar Menschen, deren Positionen eigentlich die Mitte-Links-Parteien repräsentieren sollten, beispielsweise hochrangige Mitglieder der SPD und der Grünen, dazu, sich öffentlich kritisch gegenüber Klimaaktivist*innen zu positionieren. Diese Mitte-Links-Politiker*innen haben sich als völlig bereit erwiesen, Klimaaktivist*innen zur Sicherung ihres eigenen politischen Überlebens (rhetorisch) zu opfern. Selbst der ehemalige SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert warnte bereitwillig mit erhobenem Zeigefinger vor dem »Absolutismus« [19] der Klimaaktivist*innen und ließ damit die Propaganda des »Klimaextremismus« legitim erscheinen.

Einer der interessantesten Beiträge zur politischen Debatte über Klimaaktivist*innen kam vom CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Müller aus Braunschweig.

»Ein Angehöriger dieser Organisation ›Letzte Generation‹ hat vor zwei Jahren Praktikum bei mir im Abgeordnetenbüro gemacht. Ich nehme denjenigen zum Teil auch ab, dass sie sich für das Thema Klimaschutz interessieren. Ich nehme es nicht in der Breite ab und nicht in diesen Ausdrucksformen. Diese sind doch eher durch Selbstverliebtheit und Ichbezogenheit geprägt.« [4]

Es ist eine interessante Sichtweise auf die Realität: Carsten Müller akzeptiert, dass manche Menschen ein wirkliches Interesse am Klimaschutz haben könnten. Generell unterstellt er Klimaaktivist*innen jedoch egoistische Motive. Das erscheint besonders seltsam, wenn man bedenkt, dass diese jungen Menschen bereit sind, ihre berufliche Zukunft für etwas aufzugeben, das sie als Kampf um das Überleben der Menschheit betrachten. Unabhängig von der persönlichen Einstellung zu den Protestmethoden der Klimaschutzbewegung scheinen diese Aktivist*innen doch eher von einer Menschenliebe in Verbindung mit einer Selbstlosigkeit angetrieben zu werden, die nur wenige selbstverliebte Politiker*innen nachvollziehen können (was ein weiterer Grund sein könnte, warum letztgenannte diese Form des Protests oft nicht nachvollziehen können). Es ist daher wichtig, sich genauer mit den Hintergründen der vermeintlichen Klima-RAF auseinanderzusetzen. Und dazu ist es absolut notwendig, nicht allein den Statements von Prominenten oder gar selbsternannten Klima-Influencern zuzuhören, sondern den Menschen, die sich tatsächlich für den Klimaschutz einsetzen. Also eben jenen Menschen, die den Austs, Söders und von Storchs und ihren Gleichgesinnten so viel Angst einjagen. Wir sprechen hier von Aktivist*innen, die nicht wollen, dass ihre Namen in den Zeitungen stehen, denjenigen, die Aust in seinem Versuch, subtile Parallelen zur RAF zu ziehen, als »Untergrund« bezeichnen würde.

Und wer könnte besser geeignet sein, um Einblicke in die viel diskutierte »Klima-RAF« zu erhalten, als die Menschen, die bei einem europäischen Klima-Camp Sabotageakte geplant haben? Im Folgenden haben wir Interviews mit diesen jungen Klimaaktivist*innen zusammengestellt, damit unsere Leser*innen sie ein wenig kennenlernen, möglichst direkt etwas über ihre Beweggründe erfahren und dann selbst entscheiden können, ob diese jungen Menschen so ichbezogen und selbstverliebt sind, wie Herr Müller es behauptet. Doch vielleicht klingen ihre Stimmen genauso menschlich wie die des Praktikanten in Herrn Müllers Abgeordnetenbüro.

Dieses Buch beinhaltet neun Interviews mit Klimaaktivist*innen. Hier gesammelt sind ihre eigenen Worte in ihrem eigenen Tonfall, nicht vermittelt durch die Propagandamaschinerie von politischen Parteien, die jährlich mehrere Millionen in Wahlkampfspenden von klimazerstörenden Industrien annehmen. [20] Um diesen Interviews einen Rahmen zu geben, wurde dieses Buch von zwei Menschen organisiert und geplant, die in den Augen der Mehrheit der Gesellschaft als etwas weniger radikal wahrgenommenen als unsere Interviewpartner*innen: Zum einen von Sonja Manderbach, gewaltlose Aktivistin bei der (ehemaligen) Letzten Generation und Christians for Future, die sich aufgrund ihres Aktivismus über zwanzig Mal vor Gericht verantworten musste. Zum anderen Zachary Gallant, ehemaliger Leiter des deutschen Zweigs einer größeren internationalen Klimagerechtigkeits-NRO.

Wir rufen unsere Leser*innen auf, sich ihre eigene Meinung zum Klimaaktivismus zu bilden. Dazu reicht es nicht, die Perspektiven von Politiker*innen zu konsumieren. Vielmehr ist es für das eigene Verstehen unerlässlich, auch den Beschuldigten zuzuhören.

Die Interviews

Alle in diesem Buch abgedruckten Interviews wurden anonym aufgezeichnet. Um die befragten Aktivist*innen vor einer möglichen Strafverfolgung zu schützen, kennt nicht einmal der Interviewer selbst die tatsächliche Identität seiner Gesprächspartner*innen. Entsprechend handelt es sich bei den angegebenen Namen um Pseudonyme. Die Authentizität der Aktivist*innen in diesem Buch wurde jedoch von vertrauenswürdigen Kolleg*innen aus Organisationen wie Greenpeace oder sogar der katholischen Kirche bestätigt. Ihre Geschichten sind authentisch, und die angegebenen Identitätsmerkmale (Geschlecht, Alter, Nationalität, Geburtsregion, Bildungsniveau, sozioökonomischer Hintergrund usw.) sind korrekt.

Diese Interviews wurden auf Klimacamps geführt. Das ist die Selbstbezeichnung der Aktivist*innen für diese Treffen, die in unmittelbarer Nähe zu jenen Orten stattfinden, die die Aktivist*innen durch ihre Demonstrationen und ihren zivilen Widerstand beabsichtigen zu schützen. In der Regel handelt es sich umeher schwer zugängliche und abgelegene Orte, an denen die Aktivist*innen mehrere Tage in einfachen Zelten ohne zivilisatorische Infrastruktur wie Leitungswasser, Strom oder W-Lan zubringen. Eines dieser Klimacamps fand 2024 in Westfrankreich statt, um gegen den Bau von riesigen Stauseen zu demonstrieren, die der Landwirtschaft Wasser wegnehmen und lebenswichtige lokale Ökosysteme zerstören. Das andere Camp fand 2023 auf der Insel Rügen statt und wurde von der Gruppe »Ende Gelände« organisiert, bevor die Gruppe offiziell als »linksextremistischer Verdachtsfall« eingestuft wurde. [21]

Das Selbstverständnis von Ende Gelände mag eine solche Einstufung in Teilen sogar gerechtfertigt erscheinen lassen. Auf ihrer Webseite schreibt die Gruppe unter dem vielsagenden Titel »Radikaler Ungehorsam gegen Kapitalismus und für Klimagerechtigkeit weltweit!«:

»Schmelzende Gletscher, steigende Meeresspiegel, Artensterben, Dürren und Überschwemmungen – die Klimakatastrophe droht ganze Regionen unbewohnbar zu machen. Besonders hart trifft es die Menschen, die am wenigsten dazu beigetragen haben: Schon jetzt verlieren Menschen im Globalen Süden wegen der Klimakrise ihre Lebensgrundlage, während die Konzerne des Globalen Nordens weiter Profite machen, als gäbe es kein Morgen. Die Politik will dieses System der globalen Ungerechtigkeit, der Ausbeutung und Zerstörung aufrecht erhalten, denn der Kapitalismus muss wachsen – um jeden Preis. Eine klimagerechte Welt müssen wir selbst erkämpfen, gemeinsam und solidarisch!« [22]

Eines der Gründungsmitglieder von Ende Gelände, Tadzio Müller, war der erste, der im Dezember 2021 öffentlich die Klimaschutzbewegung und ihre mögliche Radikalisierung als ökologisch-motivierte RAF in den Raum stellte, sofern ein wirkungsvoller Klimaschutz weiterhin verhindert werde. [23] Obwohl seine Formulierung weitaus angemessener war als die der zuvor zitierten Politiker*innen, schätzte er seine Äußerung später als Fehler ein – als strategischer Fehler, da er den im Vorwort zitierten emotionalen Tiraden von AfD- und CDU-Politiker*innen Vorschub leistete. [24]

Tatsächlich äußerten unsere Interviewpartner*innen, zwei bis drei Jahre nach Prägung der »Klima-RAF«, nichts Positives über Müller. Sein Wunsch, in den Schlagzeilen zu stehen, war ein zentraler Kritikpunkt. Doch um die Bewegung für Klimagerechtigkeit zu verstehen, ist es unerlässlich, eben nicht nur die Stimmen der aufmerksamkeitshungrigen Redner*innen zu hören (und die Reaktionen darauf, die ihnen weitere Aufmerksamkeit zukommen lassen). Viel wichtiger ist es in unseren Augen denjenigen zuzuhören, die ihre Identität angesichts ihres Aktivismus in den Hintergrund stellen. Einige von ihnen klangen zwar ähnlich wie Müller und andere Talkshow-Gäste, aber auf den folgenden Seiten wird deutlich, dass viele von ihnen eigentlich keine Aktivist*innen sein wollen und dass sie keinesfalls die Aufmerksamkeit auf ihre eigene Person lenken wollen. Die Interviews zeigen, dass sie einfach nur normale Menschen sein möchten, dies aber nicht können, weil die Welt in Flammen steht.

Schauen wir uns die beiden Situationen etwas genauer an, anlässlich derer die Interviews geführt wurden:

Im Camp von Ende Gelände auf Rügen versammelten sich fast 1 000 Demonstrant*innen, um gegen die neuen Flüssigerdgas-Terminals zu protestieren, die die deutsche Regierung als »grüne« und politisch tragfähige Alternative zu russischem Öl geplant hatte. Dabei sieht Ende Gelände jedoch das Argument, die neuen Terminals dienten der Energiesicherheit, als Vorwand, um der Gasindustrie etwa durch Langzeitlieferverträge mit Qatar reiche Gewinne zu ermöglichen. Tatsächlich aber sei die Gewinnung des Flüssigerdgases durch Fracking hochgradig umweltschädlich und nehme »verheerende wirtschaftliche, gesundheitliche und soziale Folgen in den Förderregionen in Kauf«. [25]

Bereits mehrere Tage vor der großen Demonstration versammelten sich Hunderte von Aktivist*innen, um gemeinsam mit Hunderten von Einheimischen aus Rügen ihre Aktionen zu planen, die offiziell angekündigte und genehmigte friedliche Demonstration ebenso wie Aktionen zivilen Ungehorsams und die direkte Sabotage der Flüssigerdgas-Infrastruktur. Wie Professor*innen, Wissenschaftler*innen und lokale Umweltexpert*innen auf einer Pressekonferenz vor der Demonstration erklärten, würde der Bau der Flüssigerdgas-Terminals wichtige Brutplätze für gefährdete Wildtiere zerstören und der regionalen Biosphäre dauerhaften Schaden zufügen. Diese lokale Perspektive war auch für die nicht aus Rügen stammenden Demonstrant*innen von Bedeutung; darüber hinaus begriffen sie die Flüssigerdgas-Terminals auf Rügen jedoch als typisches Symptom der globalen Klimazerstörung.

Die meisten Aktivist*innen, die wir hier getroffen haben, waren schon am Kampf um den Hambacher Forst 2018 beteiligt gewesen. Man sah ihnen an, dass sie sich kannten und dass zwischen ihnen eine große Verbundenheit herrschte.