Wer hat Bambi getötet? - Monika Fagerholm - E-Book

Wer hat Bambi getötet? E-Book

Monika Fagerholm

0,0

Beschreibung

Ein furioser Roman voll von Punk, Zorn und bissigem Witz: Atemlos folgen wir einer Reise durch die Abgründe der Vorstadtidylle von Helsinki. Seit jener Party der vielversprechenden Jeunesse dorée ist nichts mehr, wie es war in dem eleganten Villenviertel bei Helsinki: Familien zerbrechen, Karrieren enden, und ein düsteres Schweigen liegt über der einst so heiteren Idylle am See. Unerbittlich legt Fagerholm frei, was sich in dieser Nacht ereignet hat: Der charmante Gastgeber Nathan, Gusten und deren zwei Freunde haben das Mädchen Sascha im Keller eingeschlossen, sie stundenlang gequält und vergewaltigt. Und auch wenn Schweigegeld bezahlt und Geständnisse abgelegt werden, kann nichts mehr heil werden, weil es keine Sprache gibt für das, was geschehen ist. Das muss auch Gusten erfahren, als er nach Jahren auf der Suche nach seiner großen Jugendliebe Emmy zurückkehrt …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Monika Fagerholm

Wer hat Bambi getötet?

Aus dem Schwedischen übersetzt von Antje Rávik Strubel

© 2022 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Vem dödade Bambi?«

2019 bei Förlaget, Helsinki.

© Monika Fagerholm 2019

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.com

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

Umschlaggestaltung: Thomas Kussin / buero8 unter Verwendung einer Fotografie von Helen Korpak

Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien

Lektorat: Jessica Beer

ISBN ePub:

978 3 7017 4679 8

ISBN Printausgabe:

978 3 7017 1759 0

Inhalt

Teil 1 Pochendes Kaninchenherz (Emmys Unruhe)

Gusten am Wasser, 1

Das Fertighaus

Gusten am Wasser, 2

Tierhandlung (Emmy am Nachmittag)

Teil 2 Bambi

Bilder von Emmy, 1

Jenseits von Afrika (Saga-Lill in Gråbbå)

Der Glasturm (Emmy im November)

Bilder von Emmy, 2

Gegenschuss Emmy im Dezember

Die Vergewaltigerjungs (zerbrochene Geschichten)

Die Geschichte von Sascha Anckar (die Abende mit Annelise)

Wie eiskalt ist dies Händchen (ein Handschuh im Schneematsch)

Gegenschuss Annelise Häggert (das Ende der Geschichte)

Gusten, nachts, 1

Hinterher

Gegenschuss Sascha Anckar (Ein Eisbecher im Vorort)

Gusten, nachts, 2 (The Hunters)

Epilog (ein paar Monate später)

»Der Schuppen, aus dem wir alle kommen.« (Emmy S.)

Sie googelt Country. Sie redet sich ein, dass es nur die Musik sei. Aber je mehr sie nachdenkt, desto mehr … denkt sie dann an die anderen Dinge, die Heuhaufen, das Glitzern, die Ratten, die Feuchtigkeit –

Morsches Holz.

In der Stimme –

Der Schuppen, aus dem wir alle kommen. Dieses Dunkel.

Teil 1

Pochendes Kaninchenherz(Emmys Unruhe)

Gusten am Wasser, 1

Man kann hier anfangen. Ein Morgen im September 2014.

Gusten Grippe geht hinunter ans Wasser. Kaltsee, Villenviertel: Allein ist er hier nicht gewesen, seit langem nicht mehr. Damals, vor vielen Jahren, zog er aus dem Villenviertel weg, in dem er aufgewachsen war, und schwor sich, nie zurückzukehren. Was macht er dann jetzt hier, just an diesem Septembermorgen zu Beginn eines Herbstes, der ihn zu dem zurückführen wird, was er einst verlassen hat? Richtige Antwort: nichts. Kein Gedanke, kein Anliegen. Ist nur irgendwie hier gelandet auf seiner morgendlichen Joggingrunde. Ja, es passiert ihm immer noch manchmal, dass er durch das Villenviertel läuft, mit dem Auto aus dem Vorort in der Nähe kommt, wo er mittlerweile wohnt, schick, in einer luxuriösen Junggesellenbude auf zwei Etagen (Gusten hier ist Immobilienmakler, Höllenmakler, sagt man, es ist sein Spitzname, weil er so gut ist). Vielleicht ist das ein Omen, ein Zeichen, ein bisschen sechster Sinn. Höchstwahrscheinlich nur Zufall, ironisches Zusammenspiel.

Aber damals, als Gusten ein Kind war, ist das hier seine Welt gewesen: Villenviertel, Kaltsee, die Ufer ringsum, die Landgüter am See, der kleine Wald und der mit Holzspänen bedeckte Wanderpfad, der um den schlammigen Flusslauf herumführt, der weder tief noch kalt oder gefährlich oder auch nur ein bisschen geheimnisvoll ist, wie Gusten es sich so gern hatte einbilden wollen, als er klein war – genauso wie sein gleichaltriger Spielkamerad Nathan. Als sie gemeinsam hier standen, mit identischen Basecaps. Die Augen zusammenkniffen und sich was ausdachten, sich Geschichten erzählten über alles mögliche Aufregende, was gewissermaßen sein KÖNNTE, selbst hier, aber die Geschichten blieben unvollendet, hingen in der Luft, lose Fäden. Und wenn man die Augen wieder aufmachte, sah man außerdem: bloß Fantasien, Spinnereien, ohne Resonanz im Wirklichen – und seicht das Wasser, braun vor Erde. Und die Landgüter am See – Gustens Mama war es, die die Gewohnheit hatte, das hier, auf diesem Pfad, auszurufen, wo sie und ihr Sohn ihre Morgenspaziergänge machten, ein bisschen wie in einer Show, denn so war sie. Oder so ist sie: wie aus der Oper, direkt von der Bühne, schon bevor sie zur Bühne kam. Würde man heute eine Biografie über Angela Grippe schreiben, würden diese Episoden aus Gustens früher Kindheit im Villenviertel zum ersten Kapitel gehören, das »Vorbereitung« heißen und von den Jahren handeln würde, in denen der künftige Opernstar – allerdings für einen ziemlich begrenzten Kreis von Schöngeistern, also keine Callas, die Verdi für die breiten Masse singt – zielstrebig ihre Stimme im Hinblick auf ihr Debüt ausbildete. Sie hörten nicht auf, um den See herumzulaufen, sie und ihr Sohn, der vier, fünf oder sechs Jahre alt war (jetzt ist Gusten sechsundzwanzig). Und plötzlich, während er hier steht, genau jetzt, heute, merkt er, dass das für ihn noch so lebendig ist, als wäre es gestern gewesen: »… und das gehörte uns und das und das«, ruft Angela auf dem Wanderpfad und weist mit dem Zeigefinger in alle Richtungen, über die unförmigen, dicht mit Schilf bewachsenen Ufer hinweg. »Und das …« Womit sie sagen will, dass einmal, vor Urzeiten, alles Land um den See ihrem Geschlecht und ihrer Familie gehörte – etwas, von dem Gusten, als er klein ist, nicht weiß, ob es wirklich stimmt oder ein Witz ist oder – auch darin ist sie gut, Mama Angela – nur eine Art, eigentlich etwas anderes zu sagen, denn die tatsächlichen Gegebenheiten in Gustens Kindheit liefern kaum Beweise für einen Familienbesitz von solchen Ausmaßen. So lange Gusten sich erinnern kann, haben er und Angela allein in derselben kleinen Zweizimmerwohnung in einem Hochhaus im Zentrum des Villenviertels gewohnt – das einzige Hochhaus, das es zu jener Zeit überhaupt gab (im Villenviertel wohnt man selbstverständlich in einer Villa, das ist schön), und irgendeine Verwandtschaft hat er nie getroffen oder kennengelernt. Aber trotzdem, ihm gefällt das Spiel, er ist mit von der Partie. »Alles hat uns gehört!« Mutter Angela auf dem Pfad, wie sie auf die Ufer zeigt und lacht, und er lacht, so geschieht es wieder und wieder, denn es handelt sich um eine Anekdote, die sich immer auf dieselbe Weise an genau dieser Stelle wiederholt, eine Öffnung im Schilf mit einem Felsen, auf den man klettern kann und von dem aus man einen freien Blick auf See und Ufer hat. Und natürlich weiß er, was als Nächstes kommt: Angela lässt den Zeigefinger auf dem gegenüberliegenden Ufer landen, etwa in der Mitte zwischen dem Geisterschiff – dem Haus der Häggerts – und dem langen Badesteg vor dem Grawellschen Kinderheim für Mädchen (beides übrigens die einzigen sichtbaren Bauwerke am See), auf einem fast dschungelartig dicht bewachsenen Erlenhain … Woraufhin sie die Stimme zu einem deutlich hörbaren Flüstern senkt, in das man sich hineinfallen lassen kann wie in einen alten Kinderreim, wenn man möchte: »Und dort, ja, genau dort … stand der Schuppen, wo der Stallmeister mit Frau und Tochter lebte« – eine theatralische Pause, zwinkerzwinker zu Gusten: »Die Tochter des Stallmeisters, Gusten. Kluges Köpfchen. Und mein Vater, ein echter good-for-nothing Taugenichts, aber gutherzig, wollte sie unbedingt unterstützen … Solange noch Geld da war, meine ich. Später hat er ja das meiste verspekuliert. Gleich von Anfang an, meine ich. Bezahlte ihren Schulunterricht und kümmerte sich darum, dass sie alles hatte, was sie brauchte. Äußerst begabt, zielstrebig, diese Tochter, absolut brillant, aber, wie man so sagt, of slender means.«

Und da, genau in diesem Augenblick, auf dem Wanderpfad, ist Geraschel in den Büschen zu hören, das Geräusch von Schritten und Stimmen, die sich nähern, und Angela lauscht und ihre Miene hellt sich auf. »Eine echte high achiever, Gusten, und ihr Name war – Annelise!«, rufen sie beide gleichzeitig. »Annelise« – wie eine Beschwörung; denn der Witz an der Sache ist, dass sie tatsächlich oft gerade in diesem Augenblick auftaucht, Annelise Häggert, seit vielen Jahren Mamas Freundin. Kommt ihnen auf dem Pfad aus der anderen Richtung mit Sohn Nathan im Schlepptau entgegen, und dann folgen viele fröhliche Begrüßungen, hallo, hallo, Küsschen rechts, Küsschen links auf die Wangen beider Frauen, denn der Punkt ist natürlich, dass Angela Grippe und Annelise Häggert sehr gute Freundinnen sind, ehemalige Klassenkameradinnen aus dem Villenviertel, obwohl ihre beruflichen Laufbahnen sie in unterschiedliche Richtungen geführt haben, das hektische, hektische Leben, worüber sie auch öfter reden, und zwar genau auf diese Weise. Aber zu jener Zeit, in Gustens früher Kindheit, ist es Annelise, die als Dozentin um die Welt reist und Vorträge auf Symposien und Konferenzen hält – sie ist Unternehmensjuristin und Wirtschaftswissenschaftlerin und Führungsprofi, die bereits einen Leitungsposten innehatte, obwohl sie erst 27 ist, und außerdem neuernannte Professorin für Wirtschaftswissenschaften an einer der besten Universitäten des Landes. Während Angela eher ortsgebunden ist. Sie hat einen großen internationalen Gesangswettbewerb in klassischer Musik gewonnen, aber danach ist nicht so viel passiert, was jedoch genau so ist, wie es sein soll. Denn eine Opernstimme muss, um ihr volles Potential zu erreichen, zuallererst jenseits von Scheinwerfern und Rampenlicht reifen und sich entwickeln und ausgebildet werden; das bedeutet zu Hause bleiben und unter der geschickten Anleitung von Pädagogen üben, üben zur Vorbereitung auf die Opernbühne. Wo sie später zu Ruhm gelangen wird, vor allem als Interpretin postmoderner Traditionen, beispielsweise der Werke des experimentellen Komponistenduos Schuck & Gustafson. Eben gerade jetzt, JETZT also, im Herbst 2014, hat Angela Grippe Erfolg in der Hauptrolle der Uraufführung von Dissections of the Dark Part III in einem der kleinen Opernhäuser in Wien. Wo Gusten sie übrigens am Wochenende selbst auf der Bühne gesehen hat – in Gesellschaft einer Freundin, Saga-Lill (die beste Freundin seiner Exfreundin Emmy Stranden, Saga-Lill, die er in eine ganz und gar nicht reibungslose – let’s face it – on / off sexuelle Beziehung gedrängt hat, nachdem Emmy ihn wegen eines anderen verlassen hat – vor nun bald drei Jahren, darüber ist er noch nicht hinweg).

Aber zurück zur Kindheit und zum Wanderpfad. Hinter Annelise ihr Sohn Nathan. Nathan Häggert, Annelises und Albinus »Abbe« Häggerts einziges Kind, so alt wie Gusten und folglich auch wegen der langen Freundschaft der Mütter Gustens Kindheitsfreund und Schulkamerad in all den Jahren im Villenviertel, bis zum Schluss, dem vorletzten Jahr am Gymnasium, das in einer Katastrophe endet.

Ja. Katastrophe. Keine Übertreibung – an der ganzen Sache gibt es auch nichts zu beschönigen oder zu verharmlosen. Alles kracht zusammen und geht kaputt. Für immer. Und, ebenso unausweichlich: Das ist seine Schuld. Und Nathans (vor allem).

»Brutale Gruppenvergewaltigung in Annelise Häggerts Haus.«

»Junge Frau stundenlang im Erdgeschoss der Luxusvilla des schicken Vorortes misshandelt.«

»Die vier Straftäter, ›Boys‹ aus derselben Gang und Schulkameraden.«

»Nathan Häggert als Anstifter identifiziert.«

Nathan. Aber hier, in der Kindheit, einfach noch Klein-Nathan, der Nachzügler. Und ja, klar, er ist noch klein zu dieser Zeit. »Er würde in eine Streichholzschachtel passen«, lachen beide Mütter froh und unbeschwert auf dem Pfad. Klein, blass und still.

Da kommt er als Allerletzter, bleibt stehen und starrt unter seinem Baseballcap hervor (was Gusten aus irgendeinem Grund veranlasst, beim Nachhausekommen seine Mama anzuquengeln: »Ich will auch so eins haben!« – und eins bekommt).

Aber er wird größer werden – und auch das Schweigen wird aufhören, während es gleichzeitig merkwürdigerweise ebenfalls größer wird.

Bedrohlich wird.

Time.

Time – Nathan, der tanzt, tanzt, allein auf einem riesigen Parkett, zu dieser Musik, Prince, immerzu Prince, Nathan liebt Prince –

die Augen geschlossen

Und öffnet die Augen mitten im Tanzen, sieht dich und ruft – es gibt kein Entrinnen – »GRIPPEE!«

Nathan später als Teenager mit der ersten großen Liebe (die ihn verlässt). Sascha heißt sie, sie ist neu in der Schule, aus dem Grawellschen Heim für Mädchen.

Nathan.

Nein, I have X:ed you out of my world (denkt Gusten jetzt).

Gibt keine andere Möglichkeit.

Hier auf dem Pfad also: Punkt. Das Lachen der Frauen, das in der Erinnerung verblasst, erlischt. Alles hat sich verändert, nichts ist mehr da.

Das Haus auf der anderen Seite der Bucht, das sich zwischen den Bäumen abzeichnet. Das Haus der Häggerts. So still. Geisterschiff. Verfallen jetzt: eingeschlagene Fenster in der oberen Etage. Gras und Unkraut wuchern hoch ringsum, Gerümpel überall im Garten. Wie ein verdammtes Mahnmal (aber wofür?) – Das Haus ist ein Organismus, wie ein Geisterschiff gleitet es durchs Dunkel … Und gleichzeitig erinnert Gusten sich immerzu, das spürt er nun wieder, so stark auch daran, wie er dieses Haus geliebt hat.

Wie ein Geisterschiff in der Dämmerung – dachte er als Kind, als er jung war –, fasziniert von der außergewöhnlichen Architektur, ein ganz eigener Stil. Der gleichermaßen beispiellose wie verhaltene Luxus … trügerisch, wie es von der anderen Seite des Ufers aus schien, ja, von hier, aus einigen hundert Metern Entfernung, von diesem Felsen im Schilf, auf den er und Nathan oft kletterten und über die Ufer schauten –

Und sich was ausdachten:

Das Haus ist ein Organismus (ein Kindheitsreim)

Wie ein Geisterschiff gleitet es durchs Dunkel

Dachboden, Wohnzimmer und Keller

Der Junge auf dem Dachboden, der Junge im Keller

Das Haus

segelt weiter

Zwei Jungen mit gleichen Baseballcaps.

Die Freunde waren (und ihre Mütter, Angela und Annelise, so stolz auf diese Freundschaft).

Zwei Jungen mit Baseballcaps (oder »Die Austauschbaren«, eines der Spiele, das sie spielten).

Einander preisgegeben.

Nathan auf dem Felsen, von wo er das Haus anschaut, das sein Zuhause ist, in der Ferne (eine Kindheitserinnerung): »Ich werde Architekt. Was willst du werden, Grippe?«

Gusten, nach kurzem Zögern, denn auf einmal fühlt er sich seltsam hohl, leer, räuspert sich: »Ich weiß nicht.«

Und dann, später, als Teenager, wird er selbst in diesem Haus wohnen, manchmal monatelang, in der achten und neunten Klasse und im Gymnasium. Das hat er sich selbst ausgesucht – er will seiner Mutter nicht von Stadt zu Stadt folgen, von Bühne zu Bühne, bis auf den Kontinent, wo ihre Karriere als Sängerin endlich in Fahrt kommt. Er will im Villenviertel bleiben, dort zur Schule gehen, mit seinen Freunden zusammen sein, er will das, was er kennt.

»Aber natürlich«, sagt Nathans Mama Annelise. »Selbstverständlich. Unsere Türen stehen dir immer offen, Gusten.«

Das Haus ist ein Organismus

Dachboden, Wohnzimmer und Keller –

Ein Geisterschiff, das durch die Dämmerung gleitet

Dort, irgendwo mittendrin, in der Küche, läuft für kurze Zeit in diesem letzten Herbst, bevor alles zusammenkracht, Musik. Normale Opernmusik. Er und Annelise (wenn sie zu Hause ist) am Küchentisch, zu zweit.

»Wie eiskalt ist dies Händchen, Madame.«

Zwei arme Bohemiens in Paris singen Verdi.

»Für«, wie Mama manchmal zu sagen pflegt, »die breite Masse.«

»Aber Gusten«, sagt Annelise in der Küche – »das kann doch keinen Spaß machen, NUR diese experimentellen Kompositionen zu singen – ›Dissections of the Dark‹.«

(ein kleines Lachen)

»INTERESSANTE Musik, Gusten, aber berührt sie uns? Ich meine: Ist nicht der Sinn von Musik, dass sie UNSER Herz berührt?«

Und dreht die Lautstärke hoch.

»Sie haben meine Hand berührt, Madame.«

Und er nimmt sie –

während ein harter Bass aus dem Untergeschoss wummert – wo sich in diesem letzten Herbst Nathan befindet, manchmal auch Sascha, in seinem Atrium.

Aber was soll’s – Erinnerungen, Fantasien – all das ist nun vorbei (das Leben ist weitergegangen, nichts ist mehr da).

Annelise ist tot, ein aggressiver Krebs hat sie geholt, das war im August vor zwei Jahren. In der Todesanzeige nur ein Name unter: Geliebt, vermisst, dein Sohn Nathan.

»Weißt du, Gusten, es fühlt sich an, als wäre man eine Überlebende. Aber der Preis fürs Überleben ist, dass man irgendwie zu seiner eigenen Parodie wird.«

Mama auf dem ganzen Bildschirm, mit Turban und großer, dunkler Sonnenbrille (sie und Gusten skypen miteinander in jenem Sommer; sie ist an ihrem Geheimort, ihrer »geheimen« Sommerfrische, wo sie sich aufzuhalten pflegt, wenn sie, immer seltener, in ihrer alten Heimat ist. Sie hat jetzt ein anderes Leben anderswo, ein Haus, einen Hund und jemanden, mit dem sie lebt, der Partner heißt).

Mama. Diese Hülle, ihre Haut, faltig, gespannt, ledrig. Wie alt ist sie da? (Richtige Antwort nach kurzem Nachdenken: so alt wie Annelise, als sie stirbt, etwa zweiundfünfzig).

Die letzten Jahre nach der Katastrophe wohnten Annelise und Nathan allein im Geisterschiff. Papa Albinus »Abbe« war weg, hatte sie verlassen. Annelises Karriere im Eimer. »Sie ist tief gefallen«, sagte Angela manchmal, bei den seltenen Gelegenheiten, an denen das Gespräch auf Annelise kam, allerdings ohne das, was passiert war, beim Namen zu nennen. Sie, Angela, sagte nie Misshandlung, Gruppenvergewaltigung –

nur (wenn sie es nicht vermeiden konnte) »die Sache«.

In all den Jahren danach, als der Kontakt zwischen ihr und Annelise – und Nathan und Gusten und Gusten und Annelise – abgebrochen war und es auch bleiben würde (und Sascha Anckar, das Vergewaltigungsopfer, an Drogen zugrundeging, irgendwo in den USA).

Ja, und psst, über Annelise muss auch Folgendes gesagt werden: dieser Stallmeister, die Tochter des Stallmeisters, von der Angela bei den Spaziergängen auf dem Wanderpfad faselte, als Gusten klein war: Das war tatsächlich nur eine Art, eigentlich etwas anderes zu sagen. Natürlich hatte es nie einen Stallmeister mit Familie gegeben, hatte es überhaupt nie irgendeine Familie gegeben. Denn Annelise, verheiratete Häggert (eine der ältesten Familien im Villenviertel) – einst das Maskottchen des gesamten Villenviertels und sein kleiner Liebling wegen ihrer großartigen Karriere, die einen Abglanz auf sie alle warf, in jenen Jahren war sie wirklich berühmt, wurde gewählt zur Frau des Jahres, zur Geschäftsfrau des Jahres, zur Fredrika und Ulrika des Jahres und so weiter – war eigentlich ein Heimkind, aufgewachsen im Kinderheim Grawellska, das ebenfalls einst hier unten am See gewesen war. Mit anderen Worten: eine aus dem Grawellska. Obwohl das Grawellska, als Sascha vor vielen Jahren dort wohnte, im Herbst 2007 und noch im Frühling 2008, bis zur Katastrophe, kein Kinderheim mehr war, sondern eine private sozialpädagogische Einrichtung für gefährdete Mädchen und junge Frauen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr zu Hause wohnen konnten oder kein Zuhause hatten. Wie beispielsweise Sascha, die infolge verschiedener kleinkrimineller Handlungen wie Ladendiebstahl und Drogenmissbrauch aus der Wohnung rausgeworfen worden war, in der sie mit ihrem Papa gewohnt hatte. (»Vadda«, sagte sie, »der verdammte Pimp.«)

Zurück im Haus blieb Nathan. Der immer noch dort wohnt. Nein nein nein … Sie sehen sich nicht, er und Nathan, haben keinen Kontakt, nie im Leben, aber Gusten weiß natürlich Bescheid, das gehört zum Geschäft, schließlich arbeitet er in der Immobilienbranche. Weiß auch dank eines anderen Kindheitsfreundes namens Cosmo Brant Bescheid. Der beharrlich anruft, schreibt, sich verabredet. Und ihn hier herunter an den Kaltsee schleppt.

»Das Haus heißt Bad Karma oder Das sorglose Leben. Oder, Grippe? Weißt du noch?«

Gusten zögert, aber natürlich weiß er das noch.

»Und, Gusten …«, fährt Cosmo fort, einst der least-likely-to-succeed-guy dieser strahlenden, goldenen Jugendgang aus dem Villenviertel, der sie beide einmal angehörten (obwohl sich Cosmo meistens nur dranhängte), heute Filmproduzent (und der vielleicht Erfolgreichste und Bekannteste von ihnen allen, das fing schon in der Filmhochschule an, und jetzt ist er nicht nur Regisseur, sondern auch Produzent von Dokumentar- und Spielfilmen, hat eine eigene Produktionsfirma, geht auf Festivals, gewinnt Preise).

Und er ist der einzige der alten Villenviertelfreunde, zu dem Gusten weiterhin Kontakt hat – aus irgendeinem Grund (vielleicht weil Cosmo unbedingt weiter in Kontakt bleiben will, auch nachdem er in der Filmbranche so erfolgreich wurde).

»… Manchmal BRICHT das Alte einfach über dich HEREIN …«

Cosmo mit seiner hohen, absichtlich verstellten Truman-Capote-Stimme (die er bravourös beherrscht), bei einem dieser Anrufe. Oder wenn sie durchs Villenviertel spazieren, hinunter zum Kaltsee – was sie tatsächlich tun, nicht oft, aber manchmal –, denn Cosmo muss hierherkommen und braucht ihn, um diese Sachen sagen zu können über das, was war.

Als würde Cosmo sich dann verwandeln, noch einmal ein anderer werden als der, der er nun ist, ein Typ aus der Filmbranche, anerkannt, wahrgenommen, mit einer Identität und der Sicherheit, die das mit sich bringt.

Stattdessen: der, der er damals war (den man aufzog, über den man sich lustig machte, lachte, spottete). Eine Figur, die gegen jede Wahrscheinlichkeit (er wurde heftig gemobbt, vor allem von Nathan) eine bewundernswerte Energie und Zähigkeit besaß, eine Verrücktheit und Starrköpfigkeit, schon damals; hunderte unternehmerische Projekte gleichzeitig am Laufen hatte in seinem »Büro« daheim in der Brantska Branten, wo der ganze Brant-Clan seine Villen und Häuser hatte, im Westen des Villenviertels (und dort, im »Büro«, übrigens einen inoffiziellen Filmclub betrieb für besonders Auserwählte, wo künstlerische Kunstfilme gezeigt wurden, Haneke, Pasolini – so was).

An Entrepreneur at Heart.

Ein zäher kleiner Alter im Körper eines Jungen.

So zog er sich auch an – »leger« mit Anzug und eng geknoteter Krawatte aus echter Seide (einer schweineteuren Marke).

An Entrepreneur at Heart stand auf der Visitenkarte, die er in einer Auflage von 500 Stück in irgendeinem Supermarktautomat hatte drucken lassen. Was (für manche) nur Anlass zu noch mehr Spott und Gelächter gewesen war.

Immer, wenn Gusten an Cosmo dachte, dachte er gleichzeitig (auch) an einen Staubsauger.

Weit offene Augen und Ohren, die alles in sich aufsaugen wollen –

Es war einmal eine Fresse, die sich an Scheiben presste, an geschlossene Türen, Wände, um zu hören, zu sehen, aufzuschnappen.

Ein Aufsaugeraufsaugeraufsauger – welchen Nutzen können wir daraus ziehen? Cosmo, the-least-likely-to-succeed-guy, in der Schule als Schrankschwuchtel gemobbt (und nach der Schule von seinen Freunden, besonders von Nathan).

Arschstefan, bis er seinen Namen änderte. Nathan war es, der ihn so genannt hatte, bevor er Cosmo dermaßen in die Fresse schlug, dass dieser im Krankenhaus landete.

Und als Cosmo aus dem Krankenhaus kam, hatte er seinen Namen geändert.

Zu Cosmo »fuckin« Brant (»klingt fast kosmologisch, Grippe, oder?«)

Aber nun, dieser Morgen im September, noch mal.

Das Haus. Das sich zwischen den Bäumen abzeichnet – still wie der See, wie das starke Gefühl von Zeitlosigkeit hier unten. Geisterschiff. Die Fenster dunkel, keine Regung im Garten, nichts. Der Verfall – kann man sich vorstellen –

leuchtet überall

Bad Karma

(Das schlampige, sorglose Leben) –

»Fast wie eine Vergewaltigung … so zerstört. Oder Grippe?«

»Überleg dir, Grippe, dass Nathan da wirklich immer noch wohnt, in all dem Scheiß«, (sagt Cosmo Brant).

»Und manchmal, Grippe, ist es, als würde alles einfach über dich hereinbrechen. Das ganze Alte sozusagen … Also. Was sollen wir machen, Grippe?«

»Hä?«

»Sollen wir die schlafenden Hunde einfach schlafen lassen, Grippe?«

»Wie meinst du das?«

»Der Film … der könnte ›Bad Karma‹ heißen, zum Beispiel. Oder ›Das Mädchen im Keller‹, natürlich auch eine metaphorische Aussage. Und er handelt von, tja – du weißt schon, Grippe.«

»Was?«

»Nee, jetzt hab ich’s«, fährt Cosmo fort. »›Wer hat Bambi getötet?‹ Dieses Reh. Die perfekte Unschuld … Wer hat Bambi getötet, ein alter Song der Pistols übrigens. Kapiert?«

»Was denn?«

»DIE STILLE. Jetzt ist ja wieder alles so ruhig, so glatt an der Oberfläche –«

Und

plupp

Cosmo wirft einen Stein

Und dann blubb, blubb

Für einen Augenblick bricht die Oberfläche. Und dann ist es wieder still.

»Und Nathan?«

»Was ist mit Nathan? Denkst du, ich hab Angst vor ihm?«

Plötzlich merkt Gusten, wie sein Herz anfängt zu klopfen, das Adrenalin steigt. Und es trifft ihn noch mal noch mal noch mal: Nein, hier hab ich wirklich nichts zu suchen.

Und Gusten Grippe, 26, nun erwachsen, erfolgreicher Immobilienmakler und so weiter – dreht sich um, geht los –

Das Telefon plingt, eine SMS. Danke für ein wunderbares Wochenende! Saga-Lill. Und für einen kurzen Augenblick durchfährt Gusten die Erinnerung an letzte Nacht: Weichheit, Dunkel, Körper und Nähe – sie haben guten Sex, er und Saga-Lill, aber –

sonst nichts.

nicht tagsüber, nicht hier.

Er klickt die Nachricht weg, antwortet nicht.

Die Starre ist gebrochen. Gusten läuft weiter durch den Morgen.

Das Fertighaus

Emmy geht mit ihrem Hund durch die Sonne, ein zweijähriger aggressiver kleiner Dackel namens Herz. Sie geht durch die Gegend mit den Einfamilienhäusern im neuen Teil des Villenviertels, ja, genau das alteingesessene, wohlhabende Villenviertel, in dem sie selbst, Emmy Stranden aus dem ländlich-bäuerlichen Gråbbå, heute wohnt. Unten am Wasser, an der Playa, wie der bessere Teil des Kaltseeufers genannt wird, das ansonsten hauptsächlich aus undurchdringlichem Schilf besteht, ganz oben in einem nagelneuen fünfstöckigen Wohnhaus, das im Volksmund Glasturm heißt, weil in der Konstruktion so viel Glas steckt und die äußere Form des Gebäudes ein bisschen rund ist (auch wenn man das im Inneren nicht merkt). In einer Wohnung also wohnen sie. Mats Granat, Emmys Mann, der die Nase voll hatte von Eigenheimen und Villen und der Mühe mit dem Instandhalten und Schneeschaufeln und den kaputten Heizungen und dergleichen, wie er sagt. Er ist ja auch älter, 54, und Emmy Stranden, 26, seine zweite Frau. Und Emmy hat nichts dagegen: Denn von dort, von dem verglasten Balkon in der fünften Etage, kann man über den See und die Baumwipfel und den Himmel schauen und über sich selbst nachdenken – zum Beispiel darüber, dass man als Mädchen vom Land in die Stadt kam, allein, mit leeren Händen, und nun ist man hier! Man kann an sich selbst denken, als käme man aus einer Geschichte, einem Narrativ, wie ihre beste Freundin Saga-Lill sagen würde – sie haben die Wälder von Gråbbå gleich nach der Schulzeit zusammen verlassen –, die an der Universität Theologie studierte, bevor sie das Studium abgebrochen hat. Die genau dieses Wort verwenden würde, damit sie einem dann erklären kann, was es bedeutet. Seit einer Weile liebt Saga-Lill es, zu erklären, was Worte bedeuten. »Ein Narrativ ist einfach nur eine Geschichte über irgendwas«, sagt sie (jedes Mal so, als würde man es nicht wissen).

Junge Frau in der Sonne, Kopf in den Wolken, Beine fest auf der Erde. Auch so hat Saga-Lill Emmy oft beschrieben, unter anderem, vor langer Zeit, als alles noch anders war, in Gråbbå, wo sie das Ende ihrer Jugend gemeinsam verbrachten, ehe sie das Land zugunsten der »Lichter der Stadt« verließen (ja, lächerlich vielleicht, aber auch so redeten sie manchmal miteinander). Und voller Begeisterung. Das war fast ein Hobby damals, als sie ziemlich viel Zeit in Saga-Lills Zimmer im Zentrum von Gråbbå verbrachten, oberhalb der Zahnarztpraxis mit dem blinkenden Neonschild EIN BREITES WEISSES LÄCHELN, wo ihre Eltern arbeiteten, solange es die Praxis noch gab. Bevor Saga-Lills Bruder starb und die Familie zerbrach (der Papa setzte sich wenige Monate später mit der Rezeptionistin Gunvej nach Norwegen ab; »brannte durch«, wie er es nannte. Obwohl sie und Saga-Lill nie darüber sprachen, wenn sie sich sahen, und wahrscheinlich war das gut so): immer wieder auf diese Weise von einer solchen Verzückung füreinander ergriffen zu werden – wie ein imaginäres und richtiges gegenseitiges Fotografieren. Fotografie war Saga-Lills Hobby, sie hatte eine teure Kamera und eine Dunkelkammer, die sie sich in einem der drei Badezimmer der großen Wohnung eingerichtet hatte, die in dem schönen Steinhaus war – dem im Großen und Ganzen einzigen Steinhaus in Gråbbå –, einige Straßenzüge vom Marktplatz im Zentrum von Gråbbå entfernt. Ja, besonders von Emmy entstanden Bilder in verschiedenen Situationen, die danach mit tollen Titeln versehen wurden, die klangen wie die Kapitel einer äußerst verschlungenen Geschichte: EMMY IM SONNENSCHEIN, EMMY KOPF IN DEN WOLKEN BEINE FEST AUF DER ERDE, EMMY MITTEN IM LEBEN (was tatsächlich auch der Name des Blogs ist, den Emmy vor einigen Jahren begonnen hat und den sie mit wechselndem Erfolg am Leben zu halten versucht).

Mit anderen Worten MÄDCHEN VOM LAND EROBERT DIE STADT. Obwohl, na ja, vielleicht war es nicht ganz das, was passiert war, aber immerhin. Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte sie geglaubt, dass sie, Emmy aus den östlichen Gråbbåwäldern mitten im Nichts, hier landen würde – in einem wohlhabenden Villenviertel mit dem zweitniedrigsten kommunalen Steuersatz im Land, keine fünfzehn Autominuten von der Hauptstadt entfernt. In einem fast großbürgerlichen Idyll (jedenfalls das Viertel um den Glasturm und die Playa und die alte Villengegend am Kaltsee).

WILDE EMMY MIT GITARRE (EMMY COUNTRY SINGEND)

Landet hier.

Und ist hier glücklich.

Und schließlich – wenn sie jetzt darüber nachdenkt, ist sie ja auch wirklich beinahe hier gelandet, schon ganz zu Anfang, vor hundert Jahren (6–7 Jahren, genauer gesagt), nachdem sie die Schule beendet und das Land für die Stadt verlassen hatte, wovon sie und Saga-Lill bis zur Schlaflosigkeit geträumt hatten in diesen letzten Gråbbåjahren daheim bei Saga-Lill. Ja, nicht ganz genau exakt hier im Villenviertel, aber in der Nähe, im Vorort nebenan, wo sie zufällig eine günstige Untermiete in einem alten Haus gefunden hatte, nur einige Fahrradminuten von ihrem Sommerjob in einer Tierklinik entfernt, in der sie bis zum Beginn ihres Studiums (Kleintierpflege an einem Institut) im Herbst arbeiten wollte. Eine ganze Dachwohnung mit eigenem Eingang und Küche, mit einer Toilette und einem Bad mit einer Badewanne auf Füßen, in einem gepflegten Fertighaus aus den Fünfzigerjahren mit einem großen Garten, in dem Apfelbäume und Flieder wuchsen, die sie im Grunde an Gråbbå erinnerten, vielleicht sogar ein bisschen zu sehr, aber die Miete war billig und der Vermieter ziemlich oft weg – ein älterer Mann, Kriegsveteran, der manchmal für lange Zeit in der Reha oder im Krankenhaus war.

Und das Erste, dem sie sich neben ihrem Job widmete, war die Ortsgruppe der Visans Vänner, die an einem Mittwoch im Monat Open-mike-Songabende im Klubraum des Gemeindehauses veranstaltete. Das kam richtigem Country am nächsten, das waren nicht nur Träume »im Heuhaufen«, wie sie und Saga-Lill es genannt hatten, wenn sie in Gråbbå Zuflucht in einer verlassenen Scheune am Rand des Dorfes gesucht hatten, um dort abzuhängen, nur sie beide, und Emmy mit Gitarre für ein Ein-Personen-Publikum auftrat, dessen Hobby das Fotografieren war und das Fotos machte knips knips knips …

EMMY SINGT COUNTRY – die Heuhaufen, das Glitzern, die Ratten, den Schuppen, aus dem wir kommen, in der Stimme –

Aber dann ging sie mit dem Hund raus. Ein verzogener mittelgroßer Pudel aus dem Villenviertel, der überhaupt nirgendwohin gehen wollte, sondern sich nach Frauchen und Herrchen sehnte, die ihn zurückgelassen hatten, als sie nach Italien auf ihre jährliche zweiwöchige Urlaubsreise aufgebrochen waren. Also saßen Emmy und der Hund schließlich immer in einem belaubten Park – einem winzig kleinen, absurden grünen Fleck mit dem ironischen Namen Löwenpark mitten im Villenviertel, wo der Pudel zu Hause war und Emmy sich als »Hunde-Au-Pair« hatte anstellen lassen (ihre eigene blöde Idee, um ihre Kasse aufzufüllen, denn sie verdiente rein gar nichts bei ihrem Sommerjob in der Tierklinik, weil die Arbeit als Praktikum für das Studium angerechnet wurde, mit dem sie noch nicht einmal begonnen hatte). Die Besitzer des Pudels, eine Veterinärfamilie aus dem Villenviertel namens Brant, hatte sie in der Klinik kennengelernt. Dieses gottverdammte Villenviertel! Was sie damals nur erneut daran erinnert hatte, wie wenig städtisch diese Stadt eigentlich war, nach der sie sich in Gråbbå gesehnt hatte – dieser Gedanke verschlimmerte die schlechte Laune noch, die sie schon wegen des Hundes hatte, der Nöffi hieß (ausgerechnet!) und nichts von ihr wissen wollte. Der sie hasste. Der sich weigerte, sich vom Fleck zu rühren, einfach nur dastand, auf den perfekt geharkten Sandwegen mitten im Park neben dem unbeschreiblich hässlichen Einkaufszentrum des Villenviertels – ein Betonklotz aus den Siebzigerjahren mitten in dieser schicken Gegend – und sie anstarrte, sodass sie sich auf eine Bank setzen musste, damit es nicht allzu peinlich wurde. »Dicker, beweg deinen Arsch«, fauchte sie, aber was half das. Nöffi war das egal, nur die Aufmerksamkeit schien er zu genießen. Und gerade als sie das Handy herausholte, um Saga-Lill anzurufen (die als Erstsemesterstudentin der Theologie eine gemütliche helle Einzimmerwohnung auf dem Uni-Campus im Zentrum der Hauptstadt zugewiesen bekommen hatte) und sich über ihr Schicksal im Exil zu beschweren und ich dachte, ich hätte das Land ein für alle Mal hinter mir gelassen, setzte sich ein melancholischer junger Mann neben sie auf die Parkbank.

Der Mann, der, wie sich herausstellte, so alt war wie sie, hieß Gusten Grippe. »Was für ein blöder Name! Corny!«, sagte Emmy später oft am Telefon zu Saga-Lill, in dieser ersten Zeit, als das mit ihr und Gusten begann, aber mit zufriedenem Kichern, denn schließlich war sie hoffnungslos, kopflos verliebt!

Emmy und Gusten. Gusten und Emmy. Die daraufhin unzertrennlich wurden. »Es ist einfach so passiert. Ich kann es nicht erklären. Nur manchmal … passiert es so«, hatte sie zu Saga-Lill am Telefon gesagt.

Sie und Gusten. Zusammen. Just kids. Die gemeinsam in der Dachwohnung des Fertighauses im Vorort neben dem Villenviertel wohnten, alles andere war wie weggespült. Emmy und Gusten: mit ihrer Liebe, ihren Spielen Adults by daylight, leb das Leben wie ein Musical, und all den Träumen von einem Leben voller Hingabe und Kreativität: Emmy mit Gitarre. Ja, plötzlich wurde ihr klar, dass sie eine Singer-Songwriterin werden würde – und Gusten schrieb Kurzgeschichten und war im ersten Semester an der Theaterschule.

Wirklich ganz schön lange, sie und Gusten Grippe. Fast drei Jahre lang, bis sie Gusten verließ, nachdem sie ihren zukünftigen Mann Mats Granat auf einer Open-mike-Veranstaltung der Visans Vänner im Gemeindehaus des Villenviertels kennengelernt hatte – wohin sie es an einem Mittwoch im Herbst 2011 endlich geschafft hatte. Mit drei Jahren Verspätung: so, als hätte sie drei Jahre gebraucht, um zu Visans Vänner zu kommen, wohin sie eigentlich die ganze Zeit schon unterwegs gewesen war.

Mats G., der ja nun selbst nicht singt oder spielt (er ist irgendein Berater bei einer großen Firma), war zufällig an diesem Abend im Publikum, als Emmy zum ersten Mal öffentlich als Singer-Songwriterin auftrat. Allein mit Gitarre ein paar eigene Songs sang: »The Wide Wide Fields of Homeland« und noch einen: »Hillbilly, vogelfrei«, aber ehrlich gesagt, war es für sie nicht so gut gelaufen, denn sie hatte nicht so viel geübt, wie sie sollte, weshalb es schief klang (das hörte sie auch selbst, ihr eigenes Gekreische). Aber vor allem stimmte etwas mit den Worten nicht – also mit den Worten im Song, den sie vor einer ganzen Weile allein oben in der Dachwohnung geschrieben hatte, in einem einsamen Sommer, dem ersten Sommer nach Gråbbå, vor Gusten, vor allem anderen.

Als würden die Worte nicht länger in ihren Mund passen, wie sie sollten, als wären sie zu groß, zu prätentiös, lächerlich, überhaupt nicht so einfach und ehrlich, wie sie hätten sein sollen. Wie jetzt: »wide wide fields«: Meinst du die Äcker von Kleinkleckersdorf? Sie hatte Saga-Lills kritische Stimme beinahe hören können, während sie sang, aber GOTT sei Dank war Saga-Lill nicht da. Emmy hatte vergessen, Saga-Lill einzuladen, sie hätte sich ja zu Tode geschämt. Denn klar, das WAREN die Äcker von Kleinkleckersdorf, die sie meinte, zumindest auf gewisse Weise, metaphysisch sozusagen: Darum drehte sich doch alles Kreative, worüber sie sich mit Gusten ebenfalls einig gewesen war. Darüber hatten sie am Anfang ihrer Beziehung viel geredet, bevor er mit dem Schreiben aufhörte und die Theaterschule schmiss: auf eigene Art ein möglichst präzise gestaltetes Bild der Wirklichkeit zu formen und zu formulieren (hatte Gusten formuliert). Sich von der Wirklichkeit zu lösen und sie gleichzeitig zurückzugewinnen, um ihr die Bedeutung zu verleihen, die sie haben sollte. Mit all deiner Freiheit und Fantasie. Aber, wieder ehrlich gesagt, war sie sich auch da nicht länger sicher gewesen – als wäre irgendetwas an der Musik, Country, zu Hause in Gråbbå mit Saga-Lill so viel wirklicher gewesen, Stand by your man im Heuhaufen. Auch wenn es dort gar keine Heuhaufen oder Männer gab, von denen sie gesungen hatte, genauso wie Tammy, dafür aber eine Menge Jungs. Für Emmy hatte es immer Jungs gegeben, Brüder, wie Joel, Saga-Lills Bruder, den, der gestorben war. Dieses Weiche, wie die Wärme der Kaninchen, das Flaumige (aber wirklich – kann man das denken über jemanden, der tot ist? Und sie hatte ihn auch nicht so gut gekannt, so weit waren sie nicht gekommen: waren gerade acht Tage zusammen gewesen, als er bei einem Busunglück auf dem Weg in ein Skisportlager in Lappland ums Leben kam).

Aber er hatte dort gesessen, Mats G., im Gemeindehaus. Völlig reglos in der ersten Reihe im großen Versammlungsraum, und hatte sie angeschaut – geschaut und geschaut, konnte seine Augen nicht von ihr lösen, und klar, hatte sie sofort gedacht, ja, hübsch, aber so viel älter, bestimmt über vierzig (wie sich zeigen würde, war er 52), aber sein Aussehen war, tja, irgendwie zeitlos, patiniert, »wie ein betagter Tennisspieler«, wie sie kichernd sagte, als sie Saga-Lill hinterher von dieser entscheidenden Begegnung zu erzählen versuchte.

Hatte seine Augen nicht von ihr, Emmy, lösen können. Er war zufällig im Gemeindehaus gewesen, weil das Büro des Pastors direkt nebenan lag und er vorgehabt hatte, das Aufgebot zu bestellen, um seine damalige Freundin Therese zu heiraten (42 Jahre alt, Schauspielerin). Aber das hatte Emmy natürlich nicht gewusst: Erst hinterher hatte er erzählt, wie er sie, als er auf dem Flur vorbeiging, durch den offenen Türspalt gesehen hatte. Und alles um ihn herum hatte angehalten, er war von ihr angezogen worden wie von einem Magneten. War hereingekommen, hatte sich in die erste Reihe gesetzt und sie angestarrt. Und sie wiederum hatte zuerst versucht, ihn während ihres Auftritts zu ignorieren, konnte es dann aber nicht lassen, zurückzuschauen, und ihre Blicke hatten sich getroffen und getroffen UND getroffen. Im ganzen Körper war das zu spüren gewesen. Der Körper! Als wäre ihr Körper (trotz all dieser teilweise schrillen Töne, die sie aus ihm herauspresste – ja, natürlich hatte sie gehört, wie schrecklich und unbegabt sie klang, aber plötzlich, rebellisch, gab sie einen Scheißdreck drauf!) genau da zum Leben erweckt worden. Und hätte sich quasi wie eine Blüte entfaltet, und sie war gefallen gefallen gefallen Hals über Kopf und kurz darauf schwanger geworden (was leider zu ihrer ersten Fehlgeburt führte – oder sollte man einfach nur Fehlgeburt sagen, denn seitdem, in den zwei Jahren, hat sie ja keine mehr gehabt, nur unzählige negative Schwangerschaftstests), und sie hatten geheiratet, und allmählich war auch die Wohnung, die Mats für sie ganz oben im Glasturm reserviert hatte, nach Verzögerungen fertiggeworden, und sie zogen in 150 herrliche Quadratmeter! Denn Emmy, EINE ETWAS ANDERE MAMA, sollte ja nun Kinder bekommen!

Und der Rest war Geschichte. Oder ist. Oder wie auch immer … vielleicht muss das nicht betitelt oder benannt werden, alles, was sie hat. Mats G., den sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit liebt, das hat nicht nachgelassen. Und er, Mats G., liebt sie, das weiß sie – auch wenn es eine viel ruhigere Liebe ist als beispielsweise Gustens Liebe, die einfach weiterging in diesen nun bald vier Jahren, seit Schluss gewesen war. Er kann irgendwie nicht loslassen, ruft an, schreibt E-Mails oder SMS. Und läuft ihr über den Weg. So oft, dass man manchmal fast denken könnte, er würde sie stalken.

Mats hingegen – eine irgendwie reifere, erwachsenere Liebe. Und der Körper … dieses Gefühl im Körper – zu brauchen, zu lieben, sich hinzugeben. Haben zu wollen. Einen anderen, SO sehr. Begehren. Dieses Begehren, wie stark das ist –

Das ist etwas, worüber Emmy auch in ihrem Blog philosophiert hat und noch weiter philosophieren muss, das weiß sie. »Diese Freude, ein funktionierendes herrliches Sexleben zu haben!« Und so weiter, noch detaillierter und genauer. »So wunderbar sinnlich & lustvoll«, wie es ihre Mentorin Gunilla Gahmberg aus der »Blogosphäre« formuliert. »Ein berührendes, klickfreundliches Thema« (sagt sie außerdem). Das weitergesponnen werden muss, auch um dem Blog EMMY MITTEN IM LEBEN ein bisschen Leben einzuhauchen, der eine erbärmliche Existenz führt, vor allem weil sie es nicht wirklich schafft, ihn zu schreiben, und deswegen ein schlechtes Gewissen hat. Sie weiß auch nicht wirklich, warum – sie kann das echt nicht so richtig beantworten, wenn Gunilla Gahmberg danach fragt. Und warum fühlt es sich wie ein Verhör an? Sie sollte doch dankbar sein, wenn sich ein in der »Blogosphäre« so erfolgreicher Mensch wie Gunilla Gahmberg, deren Blog La Dolce Vita einmal tausende Follower hatte, überhaupt dafür interessiert, mit ihr zusammenzuarbeiten.