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2024 - 60. Jahrestag des Deutschlandbesuchs Martin Luther Kings
Martin Luther King ist auch in Deutschland eine Ikone des gewaltfreien Widerstandes gegen Unterdrückung. Seine Lebensgeschichte ist vielfach erzählt. Weniger bekannt ist, wie sehr Kings Kampf für politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit in seiner religiösen und spirituellen Haltung gründeten.
Dieser Spur folgt Michael Haspel in seinem Buch. Er macht sichtbar, wie sich in Kings Lebensweg und Widerstandskonzept religiöser Glaube, theologische Überzeugungen und politische Strategien gegenseitig beeinflussen und durchdringen. Glaube ist für King nicht ein Wohlgefühl des Getröstetseins, sondern eine Welthaltung der Liebe, die sich im Kampf für Gerechtigkeit bewährt.
Diese Botschaft verdient es, gerade angesichts der kommenden Jahrestage der Erinnerung an Martin Luther King neu gehört zu werden. Sie lädt ein zu einer befreiten und befreienden Spiritualität.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2024
Martin Luther Kings Lebensgeschichte ist vielfach erzählt. Weniger bekannt ist, wie sehr Kings Kampf für politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit in seiner religiösen und spirituellen Haltung gründeten.
Dieser Spur folgt Michael Haspel in seinem Buch. Er macht sichtbar, wie sich in Kings Lebensweg und Widerstandskonzept religiöser Glaube, theologische Überzeugungen und politische Strategien gegenseitig beeinflussen und durchdringen.
Glaube ist für King nicht ein Wohlgefühl des Getröstetseins, sondern eine Welthaltung der Liebe, die sich im Kampf für Gerechtigkeit bewährt.
Genau darum ist Kings Botschaft heute noch so wichtig.
Dr. Michael Haspel lehrt als außerplanmäßiger Professor Systematische Theologie am Martin-Luther-Institut der Universität Erfurt und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Theologie Martin Luther Kings ist einer seiner Forschungsschwerpunkte im Kontext seiner Arbeiten zur sozialen und politischen Relevanz von Glaube und Kirche.
Für Hannah Iris
»History is not about the past;
it is about arguments we have about the past.
And because it is about arguments that we have,
it is about us.«
(In der Geschichtsschreibung geht es nicht um die Vergangenheit;
es geht darum, wie wir sie deuten.
Und da es um unsere Deutungen geht,
geht es letztlich um uns.)
Ira Berlin
Michael Haspel
»Wer nicht liebt, steht vor dem Nichts!«
Martin Luther Kings Spiritualität als Grundlage seines Kampfes gegen Rassismus und Ungerechtigkeit
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Copyright © 2024 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagmotiv: Martin Luther King (1929-1968) während
eines Vortrags in Norwegen im Rahmen der Verleihung des
Friedensnobelpreises 1964; © der Vorlage: akg-images.de
ISBN 978-3-641-30645-8V001
www.gtvh.de
Inhalt
Einleitung
1.
Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit
Der Busboykott in Montgomery 1955/1956
Ursachen der rassistischen Segregation und Unterdrückung
Entstehungsfaktoren der Bürgerrechtsbewegung
Die gesellschaftlichen Konsequenzen des Glaubens
Der Busboykott in Montgomery Mehr als ein spontaner Protest
Der Weiße Widerstand
Kings spiritueller Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit
Kings Weg zur Gewaltlosigkeit
Die Bürgerrechtsbewegung formiert sich
Das letzte Wort haben die Gerichte
2.
Die Kraft der Liebe
Kings Konzept des aktiven gewaltfreien Widerstandes
Gewaltfreiheit aus Prinzip oder als Mittel zum Zweck?
Ist die gewaltfreie Provokation von Gewalt noch Gewaltfreiheit?
Voraussetzungen aktiven gewaltfreien Widerstandes
3.
Nomen est omen?
Spirituelle Herkunft und theologische Prägung
Aus Michael wird Martin
Schwarze baptistische Tradition und sozialkritische Aktualisierung
Die Personalität Gottes und der Bostoner Personalismus
Die Personalität der Menschen und das moralische Universum
Die bleibende Realität der Sünde
Baptist höherer Ordnung
4.
Die Mühen der Ebene
Vom spontanen Studierenden-Protest zur sozialen Bewegung
Am Anfang war Protest
Von der Mobilisierung …
… zum Organizing
Showdown in Little Rock
Der Kriegsheld Eisenhower hat Angst vor Bürgerrechten
Das erste Attentat auf King
5.
Sit-ins und Freiheitsfahrten
Vom studentischen Protest zur sozialen Bewegung 1960/61
Von Kings Theologie inspirierte Sit-ins
John Lewis macht sich auf den Weg des Widerstandes
Die Greensboro FourDie Sit-ins starten anders als gedacht
SNCC – eine studentische Bewegung entsteht
King beim Sit-in verhaftet
Die Kennedys greifen ein
Freiheitsfahrten in den Fernbussen
Showdown in Montgomery
Levison, Jones, O’Dell und Hoover
6.
Rassismus als Sünde
Gottebenbildlichkeit und Gotteskindschaft als Begründungen der Gleichheit aller Menschen
Das Konzept der Gotteskindschaft in der afro-amerikanischen Tradition
Martin Luther Kings Verständnis der Gotteskindschaft als Begründung von Gleichheit und Würde
Kings Verständnis der Gottebenbildlichkeit als Begründung von Gleichheit und Würde
7.
Bombingham
Die Birmingham-Kampagne und das öffentliche Gewissen
Von Albany nach Birmingham
Brief aus dem Gefängnis von Birmingham
Kinderkreuzzug
Verhandlungen, Kompromiss und Rückzug
8.
Die Rolle der Schwarzen Kirche und die Bedeutung der Musik in der Bürgerrechtsbewegung
Die Entstehung der Black Church
Wertschätzung der Demokratie und des Rechtsstaates
Liebe und Gerechtigkeit: Zur gesellschaftlichen Verantwortung der Kirche
Die Black Church als organisatorisches Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung
Die Pastoren als »organische Intellektuelle«
Vom Protest zur Politik
Theologische Perspektive
We Shall OvercomeDie Rolle der Musik in der Bürgerrechtsbewegung
9.
I have a Dream!
Durch Versöhnung zur Geschwisterlichkeit
Der Marsch für Jobs und Freiheit in Washington 1963
I have a Dream
King wird zur globalen Ikone
10.
Erlösende Liebe und befreiendes Leiden
Die verändernde Kraft der Liebe
»Redemptive Suffering« als nicht intendierte, aber akzeptierte Folge gewaltfreien Engagements für Gerechtigkeit
Das Leiden der Schwarzen und das Leiden Christi
Das innovative Potenzial von Kings Konzept des »redemptive suffering«
Kreative Liebe und kreatives Leiden als Interpretationskategorien
Wird das Leiden verharmlost?
Transformative Love
11.
Politischer Triumph und private Tragödie
Wahlregistrierungskampagnen im Süden
Der Triumph des Bürgerrechtsgesetzes von 1964
Berlin: Über Mauern und Grenzen
Nobelpreis: Von Oslo in die Welt
Das Drama von Selma und der Triumph des Wahlrechtsgesetzes von 1965
Kings Tragödie: Affären, Alkohol und Depression
12.
Vom Luther zum Loser?
Vom Reformer zum Radikalen? (1966-1968)
Angriff auf das White Privilege
Black Power statt Freedom now!
Über Vietnam hinausPazifismus und anti-kolonialer Kampf
13.
»Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen!«
Arme Leute-Bewegung (Poor People’s Campaign; PPC)
In Memphis beim Streik der Müll- und Kanalarbeiter
14.
Das Vermächtnis Martin Luther Kings als Zumutung und Herausforderung
Sollte man an Martin Luther King, Jr. erinnern?
Gibt es überhaupt einen originalen King, an den man sich erinnern kann?
An welchen King sollen wir uns erinnern?
Erinnern und Aktualisieren statt Enteignen und Aneignen
Was können wir dann von Martin Luther King, Jr. lernen?
Abkürzungsverzeichnis
Literatur
Anmerkungen
Einleitung
Martin Luther Kings Kampf für politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit ist in seiner religiösen und spirituellen Haltung verwurzelt. Dieser Spur folgt dieses Buch. Es zeichnet nach, wie sich in Kings Lebensweg und Widerstandskonzept religiöser Glaube, theologische Überzeugungen und politische Strategien gegenseitig beeinflussen und durchdringen. Glaube ist für King nicht ein Wohlgefühl des Getröstetseins, sondern eine Welthaltung der Liebe, die sich im Kampf für Gerechtigkeit bewährt. Diese Botschaft verdient es, neu gehört zu werden. Sie lädt ein zu einer befreiten und befreienden Spiritualität, die sich gegen Rassismus und Ungerechtigkeit wendet.
Die vierzehn Kapitel entsprechen den vierzehn Kalenderjahren, in denen King öffentlich wirksam war, und entfalten die spirituellen und theologischen Orientierungen Kings vor allem anhand seiner großen Reden, Predigten und Texte im Zusammenhang mit wichtigen Stationen der Bürgerrechtsbewegung. Das Buch ist also weder eine klassische Biografie Kings noch eine Geschichte der Bürgerrechtsbewegung, kann jedoch durchaus auch als solche gelesen werden. Die Kapitel 6 und 10 bieten intensivere theologische Vertiefungen und stehen als Exkurse für sich. Wer zuerst Kings theologische und spirituelle Prägung kennenlernen möchte, kann mit Kapitel 3 beginnen.
Auf dem Weg zu diesem Buch habe ich vielfältige Unterstützung erfahren, für die ich dankbar bin. Von den vielen Menschen, die Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter waren, möchte ich hier einige wenige exemplarisch nennen. Dankbar erinnere ich, wie Howard B.M. Fauntroy, III. es mir Anfang der 1990er-Jahre ermöglichte, Erfahrungen mit der Spiritualität und Kultur der Schwarzen Kirche in Boston und Detroit zu machen. Anthony Pinns Kritik an und ganz andere Perspektive auf King waren und sind eine produktive Herausforderung. Fulata Lusungu Moyo verdanke ich Einsichten in die post- kolonialen Perspektiven Schwarzer Frauen und ihrer theologischen Deutung. Britta Waldschmidt-Nelson gilt mein Dank für die gemeinsamen Projekte zu King und der Bürgerrechtsbewegung sowie für ihre kollegial-freundschaftliche Unterstützung. Theologische Impulse und exegetischen Rat verdanke ich Rainer Kessler. Für immer wieder neue Inspiration und freundschaftliche Begleitung danke ich Miriam Rose, Kristian Fechtner, Matthias Koenig, Bradley Sperber und Stefan Hördler.
Von den vielen studentischen Mitarbeitenden über die Jahre möchte ich stellvertretend Karl-Christoph Goldammer und Yentl Wolff nennen und ihnen danken, da sie sich in besonderer Weise um dieses Buch bzw. vorausgehende Forschungsprojekte verdient gemacht haben. Dank gebührt auch Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden und Promovierenden an verschiedenen Orten, die zu Teilen des Buches hilfreiche Rückmeldungen gegeben haben. Besonders danke ich der Bibliothekarin Rita Backhaus von der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu Weimar, die auch noch den entlegensten Titel ausfindig gemacht und über Fernleihe besorgt hat, stellvertretend für alle hilfreichen Bibliotheks- und Archivmitarbeitenden auf beiden Seiten des Atlantiks. Die Universität Erfurt und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben frühere Forschungsvorhaben gefördert, auf die ich hier aufbauen kann. Last but not least, gilt dem Lektor des Gütersloher Verlagshaus, Diedrich Steen, mein herzlicher Dank. Er war von Anfang an von der Idee dieses Buches überzeugt und hat mit seinem virtuosen Lektorat umsichtig die Entstehung des Texts befördert.
Meine Tochter Hannah Iris ist schon mit einem King-Kinderbuch aufgewachsen. Als Teenagerin hat sie mich ziemlich geduldig bei Vorträgen und Besuchen des King-Memorial, der Ebenezer Church und nicht nur einem Bürgerrechtsmuseum begleitet. Ihr und ihrem wachen Sinn für Diskriminierung und Ungerechtigkeit ist dieses Buch gewidmet.
Weimar, Karfreitag 2024
1.
Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit
Der Busboykott in Montgomery 1955/1956
Es beginnt wie ein Märchen. Im Sommer 1953 heiraten Martin Luther King, Jr., ein vielversprechender junger Theologe, und die Gesangsstudentin Coretta Scott. Sie schließen beide ihr Studium in Boston ab, und King bewirbt sich Anfang 1954 als Pfarrer an der Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery, Alabama. Alle Voraussetzungen für die Gründung einer Vorzeigemittelklassefamilie und beruflichen Erfolg sind gegeben. Dabei war der Weg der beiden aus Neuengland zurück in den Süden nicht ganz selbstverständlich. Coretta Scott King wollte eigentlich nicht. Sie hatte in Boston das Konservatorium besucht und hoffte auf eine Karriere als Sängerin, die im rassistischen Süden nicht möglich war. King hatte Angebote, Professor an Colleges im Norden zu werden. Aber er sah sich in der Pflicht, als Pfarrer in den Süden zurückzukehren, wo die Schwarzen1 Kirchgemeinden oft die einzigen Institutionen waren, in denen Afro-Amerikanerinnen und Afro-Amerikaner frei von Unterdrückung durch die Weißen ihr Leben gestalten konnten.
Ursachen der rassistischen Segregation und Unterdrückung
Denn Schwarze wurden in vielen Bereichen diskriminiert. Sie durften bestimmte Läden und Restaurants nicht aufsuchen, sie mussten in separate Schulen gehen, in den Bussen hinten sitzen, eigene Warteräume benutzen und durften nicht von Wasserspendern trinken, die für Weiße bestimmt waren. Eine Reise durch die Südstaaten war für Schwarze eine Herausforderung, weil viele Motels sie nicht beherbergten. Und der Rassismus war lebensgefährlich. Nicht nur durch direkte rassistische Gewalt, sondern weil viele Krankenhäuser keine afro-amerikanischen Patientinnen und Patienten aufnahmen, und die weiten Wege in die Krankenhäuser, die Afro-Amerikaner behandelten, zu tödlich langen Verzögerungen der Behandlung führen konnten. Ganz abgesehen davon, dass die Krankenhäuser für Schwarze, wie auch die Schulen, schlechter ausgestattet waren als die für Weiße. Dazu kam: Die meisten Schwarzen im Süden durften nicht wählen.
Wie kann das eigentlich sein, in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts? Gehörten die USA nicht zu den Mitinitiatoren der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte? Waren durch Verfassungszusätze – die 13., 14. und 15. Amendments – Sklaverei und Segregation nach dem Bürgerkrieg nicht abgeschafft (1865) und alle Menschen ausdrücklich bei Wahlen gleichgestellt worden (1870)?
Ja, aber aus politischen Gründen hatten es die Nordstaaten hingenommen, dass die Südstaaten die Verfassung Schritt für Schritt durch Segregationsgesetze auf der Ebene der Einzelstaaten aushöhlten. Man brauchte die Stimmen der im Süden damals vorherrschenden Demokratischen Partei für Mehrheiten bei nationalen Wahlen. 1876 kam es bei der Präsidentenwahl zu keinem klaren Ergebnis. In einem Abkommen von 1877 erklärten sich die Demokraten bereit, den republikanischen Kandidaten mitzuwählen. Obwohl die Republikaner als die Partei des ermordeten Präsidenten Lincoln die Sklavenbefreiung durchgesetzt hatten, willigten sie im Gegenzug ein, die Bundestruppen aus dem Süden abzuziehen. Diese hatten bislang die Umsetzung der Rechte der Schwarzen überwacht. Damit war de facto die Ära der Reconstruction beendet, in der von 1865 an versucht worden war, die Rechte der Schwarzen im Süden zu sichern und das vom Krieg zerstörte Gebiet wieder aufzubauen. So wurde geduldet, dass die Sklaverei nicht etwa durch Freiheit und Gleichberechtigung abgelöst wurde, sondern durch die erneute Segregation.
Ab 1890 begann man in einzelnen Staaten, zunächst in Mississippi und South Carolina, damit, die Rechte der afro-amerikanischen Bevölkerung wieder einzuschränken.2 Mit Hilfe der sogenannten Jim Crow-Gesetzgebung3 wurde die Vorherrschaft der Weißen durch die alten Eliten der Südstaatendemokraten rechtlich verankert. Die Formel separate but equal war es, die die rechtliche Durchsetzung eines neuen Systems der Segregation ermöglichte. Denn der Supreme Court hatte 1896 im Fall Plessy versus Ferguson entschieden, dass Segregation dann verfassungsgemäß sei, wenn die Gleichheit der getrennten Einrichtungen für Schwarze und Weiße gegeben sei.
Bis zum Jahre 1910 wurde daraufhin in den Südstaaten in allen öffentlichen Bereichen die rassistische Diskriminierung der Schwarzen mithilfe einzelstaatlicher Gesetzgebung festgeschrieben. Durch Verfassungsänderungen wurden zudem in den meisten Südstaaten Wahlsteuern oder eine Wahlzulassungsprüfung rechtlich eingeführt. De facto wurden auf diese Weise die meisten Afro-Amerikanerinnen und Afro-Amerikaner von den Wahlen ausgeschlossen, da sie weder das Geld für die Wahlgebühr noch viele eine Schulausbildung genossen hatten, die es ihnen ermöglicht hätte, die Tests zu bestehen. Im Gegenteil, Lesen und Schreiben zu lernen war ihnen gesetzlich verboten gewesen. Darüber hinaus wurden die Möglichkeiten zur Registrierung sehr restriktiv gehandhabt und die Prüfungsfragen willkürlich bis zur Absurdität erschwert, so dass auch gebildete Schwarze oft keine Chance hatten.4 Um zu verhindern, dass durch diese rigiden Regeln auch Weiße von der Wahl ausgeschlossen wurden, führte man eine sogenannte Großvaterklausel ein: Wenn schon die Vorfahren des oder der Wahlberechtigten in das Wählerverzeichnis eingetragen waren oder es Bürgen gab, konnte von einer Wahltauglichkeitsprüfung abgesehen werden.5
In der afro-amerikanischen Bevölkerungsgruppe ging der Anteil der ins Wählerverzeichnis eingetragenen Wahlberechtigten daraufhin drastisch zurück. In Louisiana zum Beispiel standen 1896 130.344 Schwarze im Wählerverzeichnis. 1898 waren nur noch etwas mehr als 5.000 registriert und 1916 war die Zahl auf 1.772 zurückgegangen.6 Dadurch verloren die Schwarzen auch national an Bedeutung als Wählergruppe, was das Desinteresse der Republikanischen Partei an ihnen noch verstärkte.
Durch die Jim Crow-Gesetze wurde nicht nur das Wahlrecht für Schwarze eingeschränkt, sondern auch ihre ökonomische Benachteiligung verfestigt. Die meisten Schwarzen blieben wirtschaftlich von den Plantagenbesitzern abhängig. Da es keine grundlegende Landreform gab, mussten sie als Pächter weiter auf den Plantagen arbeiten, wo sie vorher versklavt waren. Die Pachtverträge waren Mittel der ökonomischen Ausbeutung. Darüber hinaus konnten insbesondere Schwarze Männer wegen Kleinigkeiten zu langen Zuchthausstrafen verurteilt werden, die sie »abarbeiten« konnten. Auf diese Weise wurden viele Schwarze wieder durch unfreie Arbeit ausgebeutet.7 Auch die Qualität der Schulausbildung für die Schwarzen Kinder war schlechter als in Schulen für Weiße. 89 % der Schwarzen Bevölkerung der USA lebten damals in den Südstaaten und waren von dieser Diskriminierung und Unterdrückung betroffen.
Schon bald nach dem Ende des Sezessionskrieges waren im Norden humanitäre Ziele hinter dem Wunsch nach stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen zurückgetreten. Vor allem war die verarbeitende Industrie im Norden an günstiger Rohbaumwolle interessiert, zu deren Herstellung weiterhin billige Arbeitskräfte benötigt wurden. Darüber hinaus war man auf einen ökonomisch stabilen Süden als Absatzmarkt angewiesen. So sah man vonseiten des Nordens und der Bundesregierung aus tatenlos zu, wie im Süden die ohnehin schon begrenzten Errungenschaften der Reconstruction weitestgehend rückgängig gemacht wurden. Für die Schwarzen war diese Entwicklung fatal: Nach dem Bürgerkrieg war es nie zu einem angemessenen ökonomischen Ausgleich gekommen und viele lebten weiter in Armut und blieben von den Weißen Grundbesitzern abhängig. Jetzt verloren sie zusätzlich wieder jegliche politische Interessenvertretung und Mitwirkungsmöglichkeit.8 In der Folge kam es zum einen zu einer großen Migrationswelle der afro-amerikanischen Bevölkerung vom Süden in den Norden und vom Land in die Städte des Südens, zum anderen aber auch zur Gründung von Bürgerrechtsorganisationen im Norden der USA. Diese versuchten, das System, das de facto separate and unequal war, mit juristischen Mitteln zu bekämpfen.
Von Schwarzen Bürgerrechtlern im Norden und Süden war spätestens seit den 1940er-Jahren ein Aufstand gegen die rassistische Segregation und Unterdrückung herbeigesehnt und aktiv vorbereitet worden. Etliche aus der Generation von Kings Lehrern reisten nach Indien, um die Ideen und Praxis Gandhis zu studieren. Darüber hinaus fand über die kirchlichen Verbindungen eine intensive internationale Vernetzung statt. Damit verband sich auch die Sehnsucht nach einer Schwarzen Führungspersönlichkeit, einem »Schwarzen Gandhi«.9
Entstehungsfaktoren der Bürgerrechtsbewegung
Die rechtliche Situation änderte sich, noch bevor die Kings nach Montgomery übergesiedelt waren. Der Oberste Gerichtshof der USA urteilte im FallBrown v. Board of Education of Topeka am 17. Mai 1954 letztinstanzlich, dass die Segregation im Schulwesen nicht verfassungsgemäß sei, und öffnete damit die Möglichkeit, weitere rassistische Gesetze in den Südstaaten aufheben zu lassen. Auf dieses Urteil hatten die traditionellen Schwarzen Bürgerrechtsorganisationen durch zahllose Prozesse gegen das System der rassistischen Unterdrückung im Süden hingearbeitet. Es sollte – wie wir noch sehen werden – die Grundlage für die Bürgerrechtsrevolution der 1950er- und 1960er-Jahre sowie für den berühmten Busboykott in Montgomery werden.
Darüber hinaus gab es viele weitere Faktoren, die Veränderungen in Gang setzten. Nicht allein, dass immer mehr Schwarze in Städten wohnten und mobilisiert werden konnten. Viele Schwarze hatten als Soldaten im Zweiten Weltkrieg und in Korea für Freiheit und Menschenrechte gekämpft, die sie nun auch zu Hause einforderten. Insbesondere Schwarze in Uniform wurden immer wieder Opfer von Übergriffen, weil sie offensichtlich nicht in das Bild rassistischer Weißer passten. Montgomery hatte zwei Militärbasen, die vollständig integriert waren. Dort saßen Schwarze und Weiße zusammen beim Essen und auch im Bus. Außerhalb der Basen mussten sie sich dann getrennt setzen. Das führte gerade bei den Soldaten zu erheblichem Unmut.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte zudem eine große Zahl von Kolonien, insbesondere aus dem Britischen Empire, die Unabhängigkeit. Aus Kolonisierten wurden Bürgerinnen und Bürger mit vollen Bürgerrechten. Dies weckte Erwartungen auch bei der afro-amerikanischen Bevölkerung in den USA.
Neben dem Urteil des Obersten Gerichtshofes zur Segregation im Schulwesen war es aber vor allem der brutale Foltermord10 an dem vierzehnjährigen Emmett Till am 28. August 1955, der die Öffentlichkeit erschütterte und das Ausmaß der rassistischen Gewalt im Süden der USA landesweit sichtbar machte. Emmett Till war aus Chicago zu Besuch bei Verwandten in Mississippi. Eine Weiße Frau beschuldigte ihn, sich ihr gegenüber nicht angemessen verhalten zu haben. Ihr Mann und ihr Schwager folterten den Jungen daraufhin zu Tode. Sie wurden von einem nur mit Weißen besetzten lokalen Gericht freigesprochen. Emmett Tills Mutter bestand darauf, dass bis zur Beerdigung in Chicago der Sarg geöffnet blieb, um vom Toten Abschied nehmen zu können. Dadurch wurde in den ganzen USA und weit darüber hinaus die Realität und Brutalität des Rassismus im Süden offenbar.11 In Biografien von Schwarzen Bürgerrechtlern wird diese Erfahrung oft als diejenige genannt, die in der Schwarzen Community die Bereitschaft zum Widerstand erhöhte.12 Solche Gewaltverbrechen gegen Schwarze Männer waren leider nicht selten. Der Fall Emmett Tills wurde aber in besonderer Weise öffentlich. Einmal wegen der mutigen und verzweifelten Entscheidung seiner Mutter, den entstellten Leichnam öffentlich zu zeigen, und dann auch, weil Till aus dem Norden stammte und darum Medien außerhalb des Südens über das Verbrechen berichteten.
Aber die Beharrungskräfte der Weißen Rassisten waren enorm. 1954 wurde der erste White Citizens’ Council (Weißer Bürgerrat) als Reaktion auf das Urteil zur Schulsegregation gegründet. Innerhalb kürzester Zeit entstanden Hunderte Ortsvereine im ganzen Süden, um die Weiße Vorherrschaft und die Weißen Privilegien zu verteidigen. Dies zeigt noch einmal: Der Rassismus bestimmte die Struktur des Southern Way of Life, eines Lebensstils, der ökonomisch seit dem 17. Jahrhundert auf der Ausbeutung der Schwarzen basierte. So war Ende des Jahres 1955 in Montgomery und im ganzen Süden die Situation äußerst angespannt. Die Schwarzen warteten ungeduldig darauf, dass das Urteil des Obersten Gerichtshofes umgesetzt und ihre Diskriminierung beendet würde. Die große Mehrheit der Weißen wollte die rassistische Ordnung entschlossen verteidigen.
Die gesellschaftlichen Konsequenzen des Glaubens
Schon vor dem offiziellen Antritt seiner Pfarrstelle hat King in Gastpredigten Rassismus und die Notwendigkeit des Widerstandes zum Thema gemacht. Die erste Predigt, die er im Mai 1954 hielt, nachdem er die Wahl zum Pfarrer angenommen hatte, trug den Titel »Geistige und geistliche Versklavung«. Schon hier wird deutlich, dass King mentale und spirituelle Muster erkennt, die die Schwarzen in Unterdrückung und Benachteiligung festhalten, sich andererseits aber auch bewusst ist, dass Befreiung auch eine spirituell-religiöse Dimension hat. Am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, folgte eine Erinnerung, dass das Christentum eine »Religion der Tat« sei. Dabei wendet King sich einerseits gegen die Doppelmoral Weißer Christinnen, welche rassistische Verhältnisse mit Gewalt aufrechterhalten, aber am Sonntag Gottesdienst feiern. Andererseits ermahnt er mit einem Gleichnis auch die Schwarzen, sich gegen die Ungerechtigkeit aktiv einzusetzen. Bereits eine Woche später nimmt er sich des Themas »Was ist der Mensch?« an. Entscheidend ist für King, dass der Mensch als Ebenbild Gottes eine spirituelle Dimension hat, zugleich aber auch leiblich existiert. Anders als etwa für Augustinus folgt daraus für King kein Dualismus, bei dem die leibliche Dimension der geistlichen untergeordnet wird, sondern beide Dimensionen gehören zusammen. Deshalb sind für King die spirituelle und sozialethische Dimension des Evangeliums untrennbar verbunden. Mit seiner ersten Predigt nach dem Amtsantritt am 3. September schließt King, wenn man so will, diese theologisch-programmatische Reihe ab. Das Thema: »Die Liebe Gottes«. Für King ist Folgendes entscheidend: »Gottes Liebe ist erlösend bzw. befreiend. Gottes Liebe schafft Leben und neues Licht. Sie bewahrt uns vor dem Tod.« Damit hat er quasi den Schlussstein der kurzen Darstellung seiner Theologie gesetzt: Die Liebe Gottes erlöst und befreit. Sie befreit aus allen Formen der Unfreiheit. Es ist Aufgabe der Kirche und Christen, an der Befreiung mitzuwirken, weil die Botschaft Jesu auf geistliche und leibliche Freiheit sowie auf geistliches und leibliches Wohlergehen zielt. Diese theologische Grundstruktur sollte King bis zu seinem Tod begleiten und tragen.13
Unmittelbar nachdem Martin Luther King sein Amt als Pastor der Dexter Avenue Baptist Church angetreten hatte, regte er auf diesem Hintergrund einige Änderungen im Programm und in der Struktur der Gemeinde an. Zum einen führte er ein System von Gemeindekreisen ein. Alle Gemeindeglieder sollten aufgrund ihres Geburtsdatums automatisch einem Kreis angehören, der sich regelmäßig traf.14 Dies hatte eine Mobilisierung der Mitglieder zur Folge, sogar eine Zunahme der Attraktivität der Gemeinde, was sich mittelfristig in einem Mitgliederzuwachs und der Zunahme finanzieller Zuwendungen bemerkbar machte.15 Darüber hinaus förderte King die Gründung respektive Wiederbelebung einiger Gemeindeausschüsse. Dazu gehörte ein Ausschuss für gesellschaftliche und politische Verantwortung (Social and Political Action Committee), der die Aufgabe zugewiesen bekam, die gesellschaftlichen Entwicklungen zu analysieren, die Gemeinde zu informieren und, wenn notwendig, zu mobilisieren:
»Da das von Jesus verkündigte Evangelium sowohl eine gesellschaftliche wie eine persönliche Dimension hat und so den ganzen Menschen zum Heil bringen möchte, wird ein Ausschuss für gesellschaftliche Verantwortung eingerichtet, um die Gemeinde fortlaufend über die soziale, politische und ökonomische Situation qualifiziert zu informieren.«16
Martin Luther King, Jr. legte dabei großen Wert auf die Zusammenarbeit mit der großen Bürgerrechtsorganisation National Association for the Advancement of Colored People (NAACP)17 und wollte vor allem erreichen, dass sich möglichst alle Gemeindemitglieder in das Wählerverzeichnis eintragen ließen, um so an den Wahlen teilnehmen und öffentliche Verantwortung übernehmen zu können. King als Pastor der Gemeinde ging mit gutem Beispiel voran. Er wurde Mitglied in der lokalen Gruppierung des NAACP und schon nach kurzer Zeit in den Vorstand des Ortsvereins gewählt. Die Schriftführerin dieses Ortsvereins war Rosa Parks.18 Außerdem wurde er Mitglied der einzigen nicht-segregierten Organisation in Montgomery, dem lokalen Ableger des Alabama Council on Human Relations (ACHR). Auch dort wurde King nach nur kurzer Zeit mit einer verantwortlichen Position betraut. Als stellvertretender Vorsitzender arbeitete er eng mit den Weißen im Vorstand zusammen. Der Council on Human Relations war die einzige institutionelle Möglichkeit zur Kommunikation zwischen Schwarzen und Weißen.19 Kings soziales Engagement und die Übernahme von öffentlicher Verantwortung im Dienst für Freiheit und Gerechtigkeit der afro-amerikanischen Bevölkerung nahm schon bald erhebliche Ausmaße an. In seinem ersten Jahresbericht als Pfarrer gibt er seiner Gemeinde Rechenschaft darüber, dass er neben 46 Predigten in seiner Kirche 20 weitere Redeverpflichtungen wahrgenommen und an 36 Sitzungen von Bürgerrechtsorganisationen teilgenommen habe. Im Jahr darauf hat sich die Relation schon umgekehrt: Nur noch 36 Predigten hat er von der eigenen Kanzel gehalten, dafür war er bei 110 Sitzungen präsent. Blieben diese Zahlen im darauffolgenden Berichtsjahr in etwa konstant, so ist aber eine deutliche Zunahme der Predigt- und Vortragstätigkeit außerhalb der eigenen Gemeinde zu verzeichnen.20
Auch die Gemeindeglieder der Dexter Avenue Baptist Church engagierten sich für die sozialethischen Programme ihrer Kongregation. Vor allem das Social and Political Action Committee entfaltete erhebliche Aktivitäten. Neben der Herausgabe einer zweiwöchentlich erscheinenden Zeitschrift, die der Information aller Gemeindemitglieder über politische und soziale Probleme diente, veranstaltete das Komitee Wählerschulungen für diejenigen, die sich, um als Wähler registriert zu werden, einem Wahltest unterziehen mussten. King hob die Arbeit dieser Gruppe in seinem Jahresbericht besonders hervor: Nicht nur die Anzahl der Wählerinnen und Wähler der Dexter Avenue Baptist Church war gestiegen, auch die anderen Schwarzen Kirchengemeinden hatten sich von diesen Aktivitäten inspirieren und anspornen lassen. Die Aktivisten dieses Ausschusses sollten nur wenige Monate später zu den ersten ehrenamtlichen Organisatoren des Busboykotts gehören. Das alles bewegte sich aber im Rahmen der traditionellen Bürgerrechtsorganisationen: Bildung, Wählerregistrierung, Verhandlungen und Klagen, um juristische Präzedenzfälle zu schaffen.
Der Busboykott in Montgomery
Mehr als ein spontaner Protest
Auch in Montgomery hatte der Ortsverein der Bürgerrechtsorganisation NAACP schon eine ganze Weile auf eine Gelegenheit gewartet, die sich als Präzedenzfall eignete, um juristisch gegen die diskriminierenden Regelungen in den Bussen vorzugehen. Die meisten Schwarzen waren auf die Busse angewiesen und so dem Rassismus der durchweg Weißen Fahrer ausgeliefert. Rosa Parks, die den Busboykott schließlich auslösen sollte, war die Schriftführerin des lokalen Zweiges der NAACP, in dem sie als eine der wenigen Frauen schon seit Längerem aktiv war und auch die Jugendgruppe leitete. Bei Konferenzen der NAACP hatte sie Ella Baker kennengelernt, eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung, die zu diesem Zeitpunkt bei der NAACP für die lokalen Organisationen zuständig war. Parks war überregional in der Dokumentation von rassistischen Verbrechen und Übergriffen tätig, damit die NAACP auf Grundlage dieses Materials rechtliche Maßnahmen ergreifen konnte. Sie hatte selbst Erfahrung mit der Diskriminierung in den Bussen Montgomerys. Im Sommer des Jahres 1955 nahm sie an der Highlander Folk School an einem Training zur Bekämpfung der rassistischen Segregation teil. Sie war also alles andere als unerfahren und naiv, als sie sich weigerte, im Bus ihren Platz für einen Weißen frei zu machen.
Die Bushaltestelle, an der Rosa Parks am Nachtmittag des 1. Dezember 1955 nach der Arbeit in den Bus einstieg, liegt am ehemaligen Sklavenmarkt, dem heutigen Court Square/Ecke Dexter Ave. Darauf wird in den vielen Beschreibungen, die ich gelesen habe, kaum hingewiesen.21 Schaut man die Dexter Ave hinauf, sieht man das imposante Capitol, den Regierungssitz von Alabama, einem eminenten Symbol der Versklavungsökonomie, wo 1861 die Konföderation der Südstaaten gegründet wurde. Die Dexter Avenue Baptist Church liegt nur einen Block unterhalb des Capitols. Im 120 Grad-Winkel zur Dexter Ave kann man vom Court Square auch direkt die Commerce Street hinunter zu den Hafenanlagen am Alabama River schauen. Zwischen den beiden Spuren der Straße führt der Riverwalk Tunnel direkt zum Flussufer. Durch diesen Tunnel hindurch wurden die Baumwollballen zu den Schiffen gerollt. Die versklavten Menschen mussten den umgekehrten Weg zum Sklavenmarkt und auf die Plantagen zur Zwangsarbeit gehen. Neunzig Jahre nach Aufhebung der Versklavung22 stand nun Rosa Parks am 1. Dezember 1955 an dieser Stelle und musste sich in allen Lebensbereichen, so auch im Bus, den rassistischen Segregationsgesetzen beugen. Sie setzte sich also in den mittleren Bereich des Busses. Als sich die Sitze im vorderen, für Weiße reservierten Bereich füllten, weigerte sie sich, ihren Sitz im mittleren Bereich für einen Weißen frei zu machen. Die Situation war in der städtischen Verordnung nicht ausdrücklich geregelt. Die vorderen Plätze waren für die Weißen reserviert. Im mittleren Bereich galt juristisch, dass die Plätze nach Bedarf gefüllt wurden. Es war aber nicht vorgeschrieben, dass eine Schwarze Person ihren Sitz frei machen musste, wenn für Weiße keine Plätze mehr vorhanden waren. Das war nur Gewohnheitsrecht und bot den Ansatz für ein Gerichtsverfahren. Da der Busfahrer unbedingt auf einer Verhaftung und Anklage Parks bestand, anstatt sie nur des Busses zu verweisen, lag nun eine Handlung vor, die gerichtlich überprüft werden konnte.23 Mit der Verhaftung von Rosa Parks nahmen die Dinge ihren Lauf. Denn die Umstände eigneten sich gut für eine Präzedenzklage gegen die Segregationsregelungen in den Bussen Montgomerys.
Am Court Square/Ecke Dexter Ave stieg Rosa Parks in den Bus. Dies ist der ehemalige Sklavenmarkt. Die Dexter Ave führt den Hügel hinauf zum Capitol von Alabama. Dort wurde 1861 die Konföderation der Südstaaten gegründet. Kurz vor dem Capitol rechts liegt die Dexter Avenue Baptist Church. In einem 120-Grad-Winkel zur Dexter Ave führt vom Court Square die Commerce Street zum Alabama River, der auch dem Sklavenhandel diente.
Nach der Verhaftung von Rosa Parks war es zunächst der NAACP-Veteran und Vorsitzende des Ortsvereins E.D. Nixon, der sich Parks und der Sache annahm. Da er als Nachtzugschaffner arbeitete und deswegen regelmäßig mehrere Tage am Stück unterwegs sein musste, war er in den ersten entscheidenden Tagen nicht in Montgomery. Möglicherweise wäre er sonst zur Führungspersönlichkeit des Boykotts geworden. Sein Engagement, seine Erfahrung und sein Ansehen in der Bürgerrechtsszene und der Schwarzen Bevölkerung sprachen jedenfalls dafür. Aber es sollte anders kommen.
Die Verhaftung Parks’ und das Gerichtsverfahren schienen die lang erwartete Gelegenheit für die NAACP zu bieten, den Rechtsweg zu beschreiten, um gegen die rassistischen Regelungen vorzugehen. Daneben gab es aber auch einen Aufruf zum Boykott der Busse: nicht etwa von Martin Luther King, auch nicht von der NAACP, sondern vom Women’s PoliticalCouncil (WPC). So nannte sich eine Vereinigung Schwarzer Frauen unter der Führung der Professorin am Alabama State College Jo Ann Robinson, die sich schon länger um die Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation der Schwarzen bemüht hatte, insbesondere für Schwarze Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt durch Weiße wurden. Ein weiteres Anliegen der Vereinigung war die Verbesserung der Situation in den Bussen, die wiederum besonders Schwarze Frauen betraf, da diese oft auf die Busse angewiesen waren.24 Zwar wurde auf Grund des rassistischen Verhaltens vieler Busfahrer schon länger überlegt, die Busse zu boykottieren. Aber konkrete Vorbereitungen wie Pläne, die Beschaffung von Ressourcen und vor allem ein Training von Teilnehmenden für gewaltfreie Protestmaßnahmen gab es nicht. Vor dem Vorfall mit Rosa Parks hatte es andere Fälle gegeben, die sich dann aber aus Sicht der Verantwortlichen weder als Anlass für einen Boykott noch für ein Beschreiten des Rechtsweges eigneten.
Zunächst wurde E.D. Nixon in die Pläne einbezogen. Dann wurden die Pastoren der Schwarzen Gemeinden mit eingebunden, ja, sie bildeten mit ihren Gemeindegliedern das Rückgrat der Boykottbewegung. Schon am nächsten Tag, Freitag, dem 2. Dezember, trafen sich einige Schwarze Pfarrer mit anderen führenden Afro-Amerikanern in Kings Kirche. Außer der Unterstützung für den zunächst auf einen Tag angesetzten Busboykott gab es keine weiterreichenden Beschlüsse. Wichtig war, in den Sonntagsgottesdiensten für den Boykott zu werben. King und Ralph Abernathy, ein anderer junger baptistischer Prediger, ergänzten den Boykott-Aufruf noch um eine Einladung zu einer öffentlichen Versammlung am Abend des Busboykotts, um über das weitere Vorgehen zu beraten.
Am Montag, dem 5. Dezember 1955, den Martin Luther King als »The Day of Days«25 bezeichnete, überschlugen sich die Ereignisse. Es war der erste Tag des Busboykotts und die Beteiligung war von Anfang an sehr viel höher, als erwartet. Darüber hinaus fand am Vormittag die Verhandlung gegen Rosa Parks statt. Sie wurde wegen des Verstoßes gegen die Bussegregation zu einer Geldstrafe verurteilt, wogegen nun weiter gerichtlich vorgegangen werden konnte. Am Nachmittag fand ein weiteres, entscheidendes Treffen der Schwarzen Führungspersönlichkeiten statt. Die Versammelten beschlossen, zur Durchführung des Boykotts eine eigene Organisation zu gründen, welche die verschiedenen Vereinigungen der Afro-Amerikanerinnnen und Afro-Amerikaner zusammenführen sollte. Die Montgomery Improvement Association (MIA)26 wurde ins Leben gerufen. Im Unterschied zur NAACP, die ihre Mitglieder vorwiegend aus der dünnen akademischen Mittelschicht rekrutierte, vereinte sie alle wichtigen Gruppen der Schwarzen Bevölkerung. Allerdings dominierten Pastoren, die jeweils die institutionellen Ressourcen, vor allem aber die Mitglieder ihrer Gemeinden als Massenbasis mobilisieren konnten. Die MIA entwickelte sich im Unterschied zur NAACP zu einer kirchennahen Basisorganisation. In ihr wurden die verschiedenen, vor allem kirchlichen Kommunikationsnetze zusammengeführt, so dass effektiv eine Massenbasis für den Busboykott mobilisiert werden konnte. Martin Luther King wurde eher zufällig, auf alle Fälle überraschend, zum Präsidenten dieser Organisation bestimmt.27 Als junger, gebildeter, aber noch nicht lange in der Stadt lebender Pfarrer genoss er das Vertrauen vieler, ohne in die internen Konflikte und Eifersüchteleien verstrickt zu sein, die möglicherweise die Organisation blockiert hätten. So traute man ihm am ehesten zu, als Integrationsfigur zu wirken. Ein Teil der Schwarzen Bourgeoisie wollte so vermutlich den als radikal geltenden E.D. Nixon verhindern. King wurde von einem anderen profilierten Schwarzen Bürgerrechtsveteran, Rufus Lewis, vorgeschlagen. Wohl auch, weil Lewis nicht sicher war, bei einer eigenen Kandidatur gegen Nixon die nötige Mehrheit zu bekommen.28 Für Professorinnen wie Jo Ann Robinson hätte eine so exponierte Funktion mit Sicherheit den Verlust ihrer Arbeitsstelle am Alabama State College bedeutet, da dieses von der Weißen Elite beaufsichtigt wurde. So geschah das eher Unwahrscheinliche, wenige Tage vorher noch Unerwartbare: King wurde als Präsident der MIA gewählt. Dies bedeutete auch, dass man ein Scheitern des Boykotts, von dem wohl etliche Beteiligte ausgingen, King anlasten könnte. Bei ihm ging man davon aus, dass er dann mühelos an einem anderen Ort seine Karriere fortsetzen könnte, wohingegen die älteren und weniger gebildeten Pfarrer es schwerer gehabt hätten. King hatte dieses Präsidentenamt gar nicht angestrebt. Er war zögerlich, überhaupt bei dem ganzen Unternehmen eine prominente Rolle einzunehmen, da er erst im Sommer seine Doktorarbeit29 neben dem Pfarramt abgeschlossen hatte und seine Tochter Yolanda noch keine drei Wochen alt war. Zudem war King selbst ja erst 26!30
Die Beteiligung an der Großveranstaltung am Abend des selben Tages in der Holt Street Baptist Church war wie schon beim Boykott selbst überwältigend. Mehrere Tausend Menschen füllten schon lange vor Beginn die große Kirche in einem Arbeiterdistrikt Montgomerys. Es war kaum ein Durchkommen in der Menschenmenge, die sich vor der Kirche versammelte. So wurde die Veranstaltung über Lautsprecher nach außen übertragen. Die Versammlung selbst beinhaltete Elemente eines Gottesdienstes in der den Schwarzen Kirchen eigenen Dynamik. Gemeindelieder und Gebete, Schriftlesung und Andacht wechselten sich ab. Die Ansprache von Martin Luther King, Jr. vereinte Elemente deliberativer Rede und prophetischer Predigt miteinander. Neben diesen geistlichen Elementen wurde über den Stand der Dinge im Fall Rosa Parks berichtet. Schließlich stellte der Ausschuss die Forderungen der Boykottbewegung, die er formuliert hatte, vor. Sie wurden einstimmig verabschiedet.31
Schon an diesem Abend wurde eine Konstellation deutlich, die bis zum Ende des Busboykotts und bis weit in die 1960er-Jahre hinein Bestand haben sollte. Obwohl es überwiegend Frauen waren, die den Busboykott ausgelöst und anfänglich organisiert hatten, sprach an diesem Abend keine Einzige von ihnen. Rosa Parks hatte zwar einen Ehrenplatz auf dem Podium, aber zu einer Rede wurde sie nicht aufgefordert. So blieb es auch während des ganzen Boykott-Jahres. Sie sprach zwar regelmäßig bei Vortragsreisen im ganzen Land, um für Unterstützung und Spenden zu werben, aber bei keiner der zweimal wöchentlich stattfindenden Versammlungen ergriff sie das Wort oder wurde dazu aufgefordert, es zu tun. Auch im Vorstand der MIA gab es nur eine einzige Frau, und zwar als Schatzmeisterin. Zum einen entsprach das dem patriarchalen Geschlechterverständnis der dominierenden Männer, auch wenn diese wie etwa King und Abernathy deutlich jünger waren als Parks. Zum anderen versuchte man auch, Rosa Parks in der öffentlichen Wahrnehmung als einfache Näherin, als eine fromme und fleißige, in der Schwarzen Gemeinschaft geachtete Frau darzustellen, um dem von den Weißen Eliten verbreiteten Narrativ entgegenzuwirken, dass ihre Verhaftung vom NAACP geplant worden sei und sie gar nicht aus Montgomery stamme. Das verzerrte allerdings die öffentliche Wahrnehmung. Rosa Parks war eine der erfahrensten und couragiertesten Bürgerrechtlerinnen in Montgomery zu dieser Zeit. Auf alle Fälle erfahrener als King und Abernathy. Sie nahm aber keine Führungsposition ein, sondern arbeitete in der Organisation des Fahrdienstes und anderen Funktionen mit.32
Da er am Nachmittag weitere Termine hatte, blieb King kaum Vorbereitungszeit für seine Ansprache bei der ersten Versammlung. In Kings Rede33 tauchten wichtige Motive auf, die er in den folgenden Jahren immer wieder aufgreifen sollte. Seine erste Feststellung ist: »Wir sind hier als amerikanische Bürger«, und: »Wir sind auch hier aufgrund unserer Liebe zur Demokratie«. Das war zum einen eine Begründung für die Forderung nach Gleichbehandlung. Als amerikanischen Bürgern standen den Schwarzen von Verfassungs wegen die gleichen Rechte zu wie allen anderen. Zum anderen sollte damit deutlich werden, dass es sich beim Protest nicht etwa um »unamerikanische Umtriebe« handeln könne. Die Paranoia vor kommunistischer Unterwanderung war enorm. Kings Hinweis auf die demokratische Legitimität der Aktion richtete sich gegen den Versuch, den Busboykott als eine von außen gesteuerte Aktion zu diffamieren, um ihm damit jegliche Legitimität in der Öffentlichkeit zu entziehen.
Mit dieser rechtlich-politischen Perspektive verknüpfte King die christliche Identität: »Wir sind Christen […] Wir glauben an die Lehren Jesu […]. Die einzige Waffe, die wir heute Abend in unserer Hand haben, ist die Waffe des Protests.« D.h., er bestimmte den Protest von vorneherein als gewaltfrei. Allerdings dürfte hier bei King stärker im Sinn gewesen sein, die Methoden klar etwa von denen des Ku Klux Klan abzugrenzen und dem Weißen Establishment die Angst vor einem gewalttätigen Aufstand zu nehmen. Dies war schon im eigenen Interesse; denn hätte sie eine Bedrohungssituation wahrgenommen, dann hätte die martialisch ausgerüstete Polizei die Versammlung mit massiver Gewalt aufgelöst. Wenn man diesen Kontext nicht berücksichtigt, könnte der Eindruck entstehen, King habe quasi schon an diesem Abend ein fertiges Konzept des aktiven gewaltfreien Widerstandes im Kopf gehabt. Dass dies nicht der Fall war, werden wir noch sehen.
Dann verweist er auf den makellosen Charakter von Rosa Parks und führt das Motiv der Müdigkeit ein, das immer wieder angeführt wird, auch wenn Rosa Parks sicher nicht nur deshalb im Bus sitzengeblieben ist, weil sie müde war. Und er benutzt ein Sprachbild, das wahrscheinlich viele der Anwesenden direkt angesprochen hat: »Meine Freunde, ihr wisst auch, es kommt die Zeit, wenn die Leute es müde sind, dass die eisernen Füße der Unterdrückung sie niedertreten.«34
In einem weiteren Schritt verbindet King gesellschaftliche Gerechtigkeit mit dem Konzept der christlichen Nächstenliebe: »Wenn wir nicht recht haben, dann hat der Oberste Gerichtshof auch unrecht. Wenn wir unrecht haben, dann wäre die Verfassung der Vereinigten Staaten im Unrecht. Wenn wir nicht recht haben, dann wäre Gott selbst im Unrecht. Wenn wir unrecht haben, dann wäre Jesus von Nazareth nur ein utopischer Träumer […] Wenn wir nicht recht haben, dann wäre Gerechtigkeit eine Lüge; Liebe hätte keine Bedeutung. Wir sind entschlossen […] zu kämpfen, bis Gerechtigkeit fließt wie Wasser und Recht wie ein mächtiger Strom.« So verknüpft er nicht nur Liebe und Gerechtigkeit wie zwei Seiten einer Medaille, sondern in Aufnahme der Worte des Propheten Amos auch die christliche Nächstenliebe mit dem prophetischen Engagement für Gerechtigkeit. Er begründet auf diese Weise die Forderungen sowohl ganz säkular mit der Verfassung als auch zugleich christlich. Auf diese rhetorische Kaskade folgt der Appell an die Einheit der Protestierenden und den Mut zum Widerstand. Ein Absatz gegen Ende seiner Rede klingt fast schon wie die Vorwegnahme der Proteststrategie: »An der Seite der Liebe steht immer die Gerechtigkeit, und wir nutzen nur die Mittel des Rechts. Aber wir nutzen nicht nur die Mittel der Überzeugung, wir nutzen auch die Mittel des Zwangs. Es handelt sich nicht nur um einen Prozess der Bildung, sondern auch um einen Prozess der Gesetzgebung.«
King gelingt es in dieser ersten Ansprache, zahlreiche Mitglieder von Schwarzen Kirchgemeinden davon zu überzeugen, dass der politische Kampf für Gerechtigkeit und gegen Rassismus biblisch begründet ist. Das ist nicht trivial. Auch die meisten Schwarzen Kirchen waren zunächst unpolitisch und auf das spirituelle Heil der Gemeindeglieder orientiert. King hat das immer wieder beklagt. Aus soziologischer Perspektive kann man feststellen, dass es die Schwarzen Kirchen waren, welche die Massenbasis und das organisatorische Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung stellten.35 Aber wie ist das gelungen?
Die These dieses Buches ist, dass es genau diese theologisch begründete Verbindung von Liebe und Gerechtigkeit, Heil und Wohl war, welche für die Menschen ansprechend, überzeugend und motivierend war. Mit ihrer Rückbindung an die rechtlichen Grundlagen der Bürgerrechte war dieses Narrativ zugleich auch für Nicht-Gläubige anschlussfähig und lieferte die Absicherung für »gesetzestreue Bürger«, dass sie nichts Unrechtes tun.
Die Gemeindeglieder der Schwarzen Kirchen stellten dann die Massenbasis des über ein Jahr dauernden gewaltfreien Boykotts. Dabei hatte King zu diesem Zeitpunkt wenig Ahnung, wie man eine solche Aktion organisiert. Doch der Busboykott wurde ein voller Erfolg. Ein Großteil der Schwarzen Bevölkerung beteiligte sich. Mit Unterstützung der Schwarzen Kirchengemeinden entwickelte die MIA ein System von Ruf- und Sammeltaxis, das als Alternative zu den Bussen fungierte, auch wenn die Polizei immer wieder versuchte, unter wechselnden Vorwänden dagegen vorzugehen. Das Entscheidende aber war: Die Menschen gingen zu Fuß. Und das 362 Tage lang. Montgomery war nicht der erste Busboykott. Im nicht allzu weit entfernten Baton Rouge war 1953 ein Boykott in wenigen Tagen erfolgreich gewesen. In Montgomery konnte man auf diese Erfahrungen aufbauen, insbesondere hinsichtlich der Organisation eines alternativen Beförderungssystems.
Der Weiße Widerstand
Die Stadtverwaltung Montgomerys lehnte die moderaten Forderungen der MIA ab. Zu Beginn umfassten diese nicht etwa die Aufhebung der rassistischen Segregation und Diskriminierung in den Bussen, sondern nur die Forderung nach Freundlichkeit, einer Klärung, dass im Mittelteil der Busse die Sitze denjenigen zustünden, die zuerst dort saßen, und schließlich die Forderung, auch Schwarze als Busfahrer anzustellen. Nachdem ein Gespräch mit dem Bürgermeister ergebnislos geblieben war, rief die MIA zusätzlich zu einem Einkaufsboykott und Verzicht auf Weihnachtseinkäufe auf, um so ökonomisch Druck auf die Weiße Elite auszuüben. Die Infragestellung der rassistisch begründeten Privilegien der Weißen Bevölkerung löste massiven Widerstand aus. Der Weiße Bürgerrat hatte starken Zulauf und die real oder vermeintlich für den Boykott Verantwortlichen wurden durch ökonomische, psychologische und physische Gewalt angegriffen. Zahlreiche Beteiligte verloren ihre Jobs und damit ihre Lebensgrundlage. Darüber hinaus wurden Steine in Fenster geworfen, Menschen verprügelt und Todesdrohungen ausgesprochen. Die Kings bekamen immer wieder anonyme Schmäh- und Drohanrufe mit der Forderung, die Stadt zu verlassen.
Kings spiritueller Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit
Auch am Abend des 27. Januar 1956 nahm King einen solchen Anruf entgegen. Er beschrieb erst später die tiefe Verzweiflung, die dieser Anruf auslöste. Er konnte nicht schlafen, stand in der Nacht auf und ging in die Küche, um sich eine Tasse Kaffee zu machen. Er dachte ernsthaft darüber nach aufzugeben und – so berichtet King selbst – überlegte, wie er das machen könnte, ohne als Feigling dazustehen. An diesem Punkt größter Erschöpfung und Verzweiflung betete King am Küchentisch sitzend: »Ich bin hier, um mich für das einzusetzen, was ich für richtig halte. Aber jetzt habe ich Angst. […] Ich bin am Ende meiner Kräfte, ich habe keine Reserven mehr. Ich bin zu dem Punkt gekommen, wo ich es nicht mehr alleine schaffe.«
In diesem Moment – so beschreibt es King – spürte er die Gegenwart des Göttlichen wie niemals zuvor, geradezu so, dass er eine innere Stimme vernahm: »Stehe auf für Gerechtigkeit, stehe auf für die Wahrheit; und Gott wird für immer an deiner Seite sein!«36
Dieses Geschehen wird als das Küchen-Erlebnis (kitchen experience) bezeichnet. Ob es so stattgefunden hat, oder ob es eine literarische Verdichtung verschiedener Erfahrungen in der Zeit ist, kann nicht überprüft oder entschieden werden. In den überlieferten Dokumenten der King-Papers findet sich allerdings kein Hinweis, dass King von dieser Erfahrung zum damaligen Zeitpunkt berichtet hätte.
Die Darstellung kombiniert zwei Gattungen religiöser Literatur. Zum einen ist das der Bericht eines Erweckungserlebnisses, das in den evangelikalen Traditionen sehr wichtig ist und meist eine persönliche Gotteserfahrung, wie zum Beispiel eine Gebetserhörung, beinhaltet. Durch die Erweckung findet eine Verwandlung statt, eine Befreiung. Zum anderen klingen in der Darstellung biblische Berufungsberichte an. In den alttestamentlichen Berufungen folgt auf den Auftrag durch Gott der Einwand des Berufenen. Am prominentesten ist dieses Motiv wohl bei Jona ausgeprägt, der bei dem Versuch, vor seiner Aufgabe zu fliehen, im Bauch des Walfischs landet. Es handelt sich in Kings Fall also eher um die Erneuerung der Berufung. Er ist berufen, wendet sich mit seinen Zweifeln an Gott, dieser entkräftet sie mit seiner Zusage und Beauftragung.
Mit dem Bericht des Küchen-Erlebnisses vermittelt er seinen christlichen, besonders den evangelikalen Leserinnen zum einen sein authentisches Christsein, das als Vorbild dienen kann, zum anderen die göttliche Legitimation seiner Leitungsrolle. Das Küchen-Erlebnis charakterisiert die Führungsrolle Kings auch als geistliches Amt. Wie ein berufener Prediger von der Gemeindeleitung gewählt und dann in der gottesdienstlichen Einführung unter Mitwirkung anderer Geistlicher durch den Geist berufen und erfüllt wird, so ist auch Kings Führungsamt in der Bürgerrechtsbewegung demokratisch und charismatisch legitimiert.
In der Darstellung Kings fällt weiter auf, dass er selbst kein Datum für das Küchen-Erlebnis angibt, sondern nur mitteilt, dass es an einem Abend Ende Januar gewesen sei.
Kings Weg zur Gewaltlosigkeit
Drei Tage später, am 30. Januar, und das gibt King genau so an, wurde ein Bombenanschlag auf das Haus der Kings verübt. Coretta und die im November geborene Tochter Yolanda hielten sich im Haus auf. Durch großes Glück blieben sie unverletzt. Aus Nachbarschaft und Gemeinde kamen etliche Menschen zur Hilfe, einige hatten vorsorglich Waffen mitgebracht. King bemühte sich, die aufgebrachte Menge zu beruhigen und sie von Racheaktionen abzuhalten. Er ermahnte sie zur Feindesliebe und forderte diejenigen mit Waffen auf, diese nach Hause zu bringen. Er erinnerte die Menschen daran: »Wir müssen dem Hass mit Liebe begegnen.« King war es nach seiner Darstellung gelungen, die Menschen von der Gewaltlosigkeit zu überzeugen. Er schreibt die Wirkung dem Heiligen Geist zu und betrachtet dieses Ereignis als einen Wendepunkt: »Der Geist Gottes war in unseren Herzen; und die Nacht, die dazu verurteilt schien, in unkontrolliertem Chaos zu enden, fand ihren Abschluss in einer erhabenen Demonstration der Gewaltfreiheit.«37
Allerdings berichtet King auch, dass seine Gemeinde darauf bestand, sein Haus von bewaffneten Wachen schützen zu lassen. Er selbst hat eine Lizenz beantragt, eine Waffe im Auto mitführen zu dürfen, was erwartungsgemäß abgelehnt wurde. Daraufhin fragte er sich, ob es überhaupt mit dem Ansatz der Gewaltfreiheit vereinbar sei, wenn er Waffen zur Selbstverteidigung besäße. Gemeinsam mit Coretta habe er dann entschieden, alle Waffen abzugeben und nur unbewaffnete Wachen für das Haus zu akzeptieren.
An das Küchen-Erlebnis fügt sich so eine doppelte Konversion zur Gewaltfreiheit an. Zum einen die Bekehrung der Gruppe, die nach dem Bombenanschlag zu Kings Haus gekommen war, zur Feindesliebe, zum anderen die Vollendung der Beauftragung Kings, dadurch dass er auf Waffenschutz verzichtete und so zum glaubwürdigen Anführer des gewaltfreien Protestes wurde.
Allerdings berichtet Bayard Rustin – Afro-Amerikaner, Vorbereiter und treibende Kraft der Bürgerrechtsbewegung und Berater Martin Luther Kings in Fragen des gewaltfreien Widerstandes –, dass er bei seinem ersten Besuch bei King Ende Februar darüber schockiert war, eine Schusswaffe offen im Wohnbereich liegen zu sehen. Er musste King erst überzeugen, diese abzugeben, wenn er glaubwürdig den aktiven gewaltfreien Widerstand anführen wolle. Dies alles deutet darauf hin, dass der Abschnitt in Kings Bericht literarisch verdichtet ist. Das heißt nicht, dass er falsch ist; aber die Elemente sind mit einer gewissen Absicht in diese Komposition eingefügt worden. Die Botschaft für die Leserinnen ist klar: King ist der berufene Anführer des von Gott inspirierten gewaltfreien Widerstandes.
Dies änderte jedoch zunächst nichts am Terror und der Unterdrückung durch die Weißen Rassisten. Auch die Häuser anderer am Busboykott Beteiligter wurden Ziel von Bombenanschlägen. Das Ehepaar Parks verlor die Arbeitsplätze. Trotz etwas Unterstützung durch die MIA und private Initiativen war ihre ökonomische Situation prekär. Dazu kam die permanente Angst vor Übergriffen. Raymond Parks schlief nicht mehr, ohne seine Schusswaffe bei sich zu haben.
Erstaunlich ist, dass diese bedrohliche Situation noch nicht reichte, um Montgomery in den Focus der überregionalen Öffentlichkeit zu rücken. Dafür sorgten dann erst die Anklage und Inhaftierung von 89 vermeintlich für den Boykott Verantwortlichen aufgrund eines Anti-Boykott-Gesetzes des Staates Alabama aus dem Jahr 1921. Erst jetzt verschärfte auch die MIA ihre Forderungen und verlangte die komplette Aufhebung der rassistischen Segregation in den Bussen.
Als die Beschuldigten ihre Haft freiwillig antraten, kam es zu massenhaftem Protest. King und andere hatten Mühe, die Menge zu beruhigen und Ausschreitungen zu verhindern. Der kollektive Haftantritt wurde von zahlreichen Reportern und Fotografen dokumentiert und so im ganzen Land medial verbreitet. Das Vorgehen des lokalen Gerichts wurde sowohl von den Schwarzen in Montgomery als auch der liberalen Öffentlichkeit im Norden als ungerecht und übertrieben, vor allem auch als kontraproduktiv angesehen. Denn die Situation im Süden wurde von den großen Bürgerrechtsorganisationen genau beobachtet.
Die Bürgerrechtsbewegung formiert sich
Schon am 21. Februar traf der Bürgerrechtsveteran und erfahrene Organisator Bayard Rustin in Montgomery ein. Der Spezialist für aktiven gewaltfreien Widerstand vom Versöhnungsbund, Glenn Smiley, erreichte Montgomery nur wenige Tage später am 27. Beide haben dokumentiert, dass sie einerseits in King und dem Busboykott großes Potenzial sahen, andererseits aber Beratung und Unterstützung für dringend notwendig hielten, weil vor Ort wenig Expertise und Ressourcen für solche komplexen Protestaktionen vorhanden waren. Rustin musste Montgomery allerdings schon nach kurzer Zeit wieder verlassen, da er aufgrund seiner Homosexualität und einer früheren Mitgliedschaft einer der kommunistischen Partei nahestehenden Jugendorganisation zu viel Angriffsfläche für eine Schmutzkampagne gegen den Boykott geboten hätte.38 Trotzdem hielt er den Kontakt zu King und traf sich mit ihm an sicheren Orten. Smiley blieb zunächst und kam später immer wieder. Er unterstützte die Strategieentwicklung als Berater und führte Trainings in aktivem gewaltfreien Widerstand durch. Dies war insbesondere notwendig, um z.B. die Fahrer des alternativen Transportsystems im Umgang mit provozierenden und gewalttätigen Ordnungskräften zu schulen. Viele der Aktionen setzten Strategie und spezifische Kompetenzen voraus. Aktiver gewaltfreier Widerstand ist weder etwas für Feiglinge, noch ist die Aussicht auf Erfolg ohne Planung und Vorbereitung besonders hoch. Dazu kam die Unterstützung für King als Ghostwriter, da er selbst die vielen Anfragen für Artikel etc. gar nicht bewältigen konnte. Die Bewertungen dazu, wie entscheidend diese professionelle Expertise von außen war, gehen erwartungsgemäß auseinander. Dass sie einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, steht allerdings außer Zweifel.39
Auch finanzielle Unterstützung, vor allem aus dem Norden, war für den Boykott überlebenswichtig. Eine besondere Rolle spielte dabei die von Ella Baker, Bayard Rustin und Stanley Levinson, einem Weißen Geschäftsmann und Aktivisten, in Kooperation mit anderen Bürgerrechtsaktivisten in New York neu gegründete Organisation »In Friendship«, die vielfältige Fundraisingaktivitäten anregte, koordinierte und durchführte. Nach anfänglicher Zurückhaltung übernahm zunehmend auch die NAACP die Kosten für Kautionen und die Gerichtsverfahren.40
Das letzte Wort haben die Gerichte
Es gehört zu den wenig beachteten Details des Protests in Montgomery und zur Ironie der Geschichte, dass schließlich weder der Boykott an sich, noch die Anklage gegen Rosa Parks zur Aufhebung der Segregation in den Bussen führte. Bei der Verhandlung am 5. Dezember 1955 hatte der Staatsanwalt nämlich im laufenden Verfahren die Anklage verändert. Da eine Anklage wegen der örtlichen Beförderungsrichtlinie wohl nicht erfolgreich gewesen wäre, wurde Parks wegen des Verstoßes gegen das Segregationsgesetz von Alabama verurteilt. Dies wurde auch durch die zweite Instanz bestätigt. Es wäre wenig aussichtsreich gewesen, diesen Fall vor ein Bundesgericht zu bringen.
Stattdessen hat Fred Gray, der Bürgerrechtsanwalt in Montgomery, mit Hilfe der NACCP am 1. Februar 1956 eine Klage in Vertretung von vier afro-amerikanischen Frauen direkt beim Bundesbezirksgericht eingereicht. Geklagt wurde gegen die Spitze der Stadtverwaltung und andere Verantwortliche wegen der diskriminierenden Behandlung in den Bussen(Aurelia S. Browder v. William A. Gayle). Eine solche Klage wäre im Prinzip auch ohne den Boykott möglich gewesen. Die NAACP hätte das präferiert. Aber das wäre wohl ohne den Kontext des Busboykotts und der damit verbundenen medialen Aufmerksamkeit einem »radikalen Akt« gleichgekommen, der massive Repressionen für die Beteiligten nach sich gezogen hätte und wenig aussichtsreich gewesen wäre.41
Interessanterweise änderte das private Busunternehmen im April seine Politik und plante von sich aus, die rassistische Segregation in den Bussen abzuschaffen, um weiteren wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Insofern zeigte der Boykott tatsächlich Wirkung. Allerdings wurde dem Busunternehmen auf Betreiben der Stadtverwaltung gerichtlich untersagt, den Plan in die Tat umzusetzen. Auffällig ist, dass dieser Aspekt in den meisten Darstellungen des Busboykotts fehlt. Vermutlich ist dieser Sinneswandel auch einer der Gründe, warum die Integration in den Bussen nach der Entscheidung der Bundesgerichte beinahe reibungslos verlief.
Denn die Klage im Fall Aurelia S. Browder v. William A. Gayle war erfolgreich. Schon am 5. Juni 1956 wurde entschieden, dass die Segregation in Bussen in Alabama verfassungswidrig sei. Nun rückten die zwei Weißen Richter, welche einen dritten überstimmt hatten, in den Fokus der Weißen Rassisten. Sie wurden zum Ziel von Hass und Gewalt und sozial geächtet. Überhaupt darf bei der Geschichte des Civil Rights Movements nicht vergessen werden, dass es eine überschaubare Zahl Weißer verfassungstreuer Richter im Süden war, welche unter Bedrohung und Verlust von Ansehen und Karrierechancen durch ihre unvoreingenommenen Urteile wesentlich zur Überwindung der Segregation beigetragen haben.
Der Boykott der Busse wurde jedoch fortgesetzt, bis das Urteil rechtskräftig war. Am 13. November hat dann der Oberste Gerichtshof die Entscheidung bestätigt. Die entsprechende Anordnung wurde am 20. Dezember 1956 der Stadtverwaltung zugestellt. Am Abend entschied eine Versammlung, wiederum in der Holt Street Baptist Church, den Busboykott zu beenden. Am darauffolgenden Tag fuhren King, Smiley, Nixon und Abernathy im ersten integrierten Bus. Der Weiße Texaner Smiley saß demonstrativ neben King. Anders als in einigen Dokumentationen dargestellt, war Rosa Parks nach ihrer Erinnerung nicht dabei, sondern sie wurde später vom Jet Magazinfür ein Fotoshooting zu einer Busfahrt eingeladen.
Streng genommen war die Aufhebung der Segregation in den Bussen Montgomerys also nicht das Ergebnis des Busboykotts, ja nicht einmal durch den Protest Rosa Parks bewirkt. Browder v. Gayle hätte auch ganz unabhängig davon initiiert werden können. Allerdings haben Rosa Parks’ mutige Tat und der Busboykott überhaupt erst die Aufmerksamkeit und den Kontext geschaffen, die eine zügige Behandlung der Klage durch ein Bundesgericht begünstigt haben. Auch die Gewaltfreiheit und Friedfertigkeit der Protestierenden hat wohl eine Atmosphäre bewirkt, die ein liberales Urteil ermöglichte. Freilich wird man die Entscheidung, den Busboykott auch nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofes zunächst fortzuführen, auch als Taktik verstehen können, so dass die Integration der Busse mit dem Ende des Boykotts zusammenfiel. Damit konnte die Wahrnehmung entstehen, die Aufhebung der Segregation sei das Ergebnis des mühevollen Boykotts. Alles andere hätte wohl auch das Bewusstsein der Selbstwirksamkeit der Beteiligten, die unter großen Opfern den Busboykott durchgeführt hatten, zu sehr in Frage gestellt.
Auch wenn die Beendigung der Bussegregation als großer Erfolg gefeiert und international in Medien so wahrgenommen wurde, war es doch nur ein Teilerfolg. Und es gab Wermutstropfen. Schon früh setzten Konkurrenzen und Eifersüchteleien darüber ein, wer welchen Beitrag geleistet hatte und wem öffentliche Aufmerksamkeit zustand. E.D. Nixon fühlte sich nicht nur von King nicht angemessen gewürdigt, sondern haderte auch mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Rosa Parks, seiner engen Vertrauten, zuteilwurde. Jo Ann Robinson spielte eine zentrale Rolle, wurde aber in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Abernathy, Kings Freund und Stellvertreter, fühlte sich eigentlich immer zu wenig beachtet. Wenn man Kings Darstellung des Busboykotts liest, schien er darum bemüht, gerade die Leistungen anderer herauszustellen.
Allerdings war der Erfolg objektiv begrenzt. Alle anderen Bereiche der Segregation in Montgomery blieben davon unberührt. Ja, die Gesamtsituation in Montgomery war durch die massive Gegenreaktion der Weißen angespannter als zuvor. Busboykotte an anderen Orten des Südens blieben erfolglos, so dass erst einmal nicht klar war, wie es weitergehen sollte.
Über den konkreten Erfolg in Montgomery hinaus war dies jedoch ein symbolischer Sieg, der auf den ganzen Süden als Hoffnungszeichen ausstrahlte. Durch den Boykott wurde ein Protestmuster entwickelt, das sich bei späteren Aktionen bewähren sollte. Zunächst ist der durch die Schwarzen Kirchen getragene Massenprotest zu nennen, den es vorher in den Südstaaten so nicht gab. Die Protestaktionen erzeugten, insbesondere wenn es zu unangemessenen Gegenreaktionen kam, überregionale Aufmerksamkeit in Verbindung mit Präzedenzfällen, die vor Gericht gebracht wurden. Das Entscheidende war dann, dass ein Bundesgericht das umstrittene Recht in den Südstaaten aufhob und ggf. die Bundesregierung dies mit Zwangsmitteln durchsetzte. Ein Muster, das schließlich zum Bürgerrechtsgesetz (1964) und Wahlrechtsgesetz (1965) führen sollte. Aber bis dahin sollte es noch ein mühsamer Weg sein.
2.
Die Kraft der Liebe
Kings Konzept des aktiven gewaltfreien Widerstandes
