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"Wer wir sind und was wir wollen" von Philipp Riederle ist ein enhanced eBook und kommt mit vielen attraktiven Zusatzinhalten. Neben schön gestalteten Kapiteleingangsbildern und Videoclips finden sich nach jedem Kapitel Fragen, die dazu anregen, das eigene Medienverhalten vor dem Hintergrund der Erfahrungen, Fertigkeiten und Erlebnisse zu reflektieren, oder eine konkrete Handlungsaufforderung geben, ein Gespräch zu suchen. Zudem ist ein interaktiver Multiple-Choice-Test enthalten, der über die eigene Verortung in der neuen Zeit Aufschluss gibt. Philipp Riederle weiß am besten, worauf die Digital Natives ansprechen und mit welchen Erwartungen sie sich ihrer beruflichen Zukunft zuwenden, denn er ist einer von ihnen. Sie nutzen die modernen Kommunikationstechnologien. Sie wissen, wo man am schnellsten Fachwissen abruft. Sie haben gelernt, ganz selbstverständlich die Vorteile der Community zu nutzen. Riederle schildert das Selbstverständnis und die Aufbruchsstimmung einer Generation, die gut ausgebildet, sehr vernetzt und kreativ einen massiven Wandel des gesellschaftlichen Gefüges und der Arbeitskultur bewirken wird.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2013
Philipp Riederle
Ein Digital Native erklärt seine Generation
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Philipp Riederle weiß am besten, worauf die Digital Natives ansprechen und mit welchen Erwartungen sie sich ihrer beruflichen Zukunft zuwenden, denn er ist einer von ihnen. Sie nutzen die modernen Kommunikationstechnologien. Sie wissen, wo man am schnellsten Fachwissen abruft. Sie haben gelernt, ganz selbstverständlich die Vorteile der Community zu nutzen.
Riederle schildert das Selbstverständnis und die Aufbruchsstimmung einer Generation, die gut ausgebildet, sehr vernetzt und kreativ einen massiven Wandel des gesellschaftlichen Gefüges und der Arbeitskultur bewirken wird.
Widmung
Intro
Digital Natives schauen nicht mehr fern
Digital Natives werden schneller erwachsen
Vom Podcast zum Plenum
Dieses Buch schließt den digitalen Generation Gap
1 Die lieben Medien – und wie wir damit umgehen
Das Kommunikationsverhalten der Generation Y
Die letzten verborgenen Geheimnisse der Generation Y
Die Spaghetti-Theorie: von der Wand in den großen Topf
Wir suchen nicht mehr – wir finden
Unsere Freundschaften sind intensiver
Der vermeintliche »virtuelle Raum«: die verlängerte Kneipentheke
Auf Wiedersehen Bilder, Bücher, Zeitungen?
Die Zeitung – altgedient oder ausgedient?
Das Buch: totgesagt und daher quicklebendig
2 Vom Auto bis zum Automaten
Alte Produkte und Systeme – und warum sie ausgedient haben
Tollkühne Menschen in ihren fahrenden Kisten
Der Automat oder die Kunst der Beherrschung
3 Start making sense!
Sinn statt Werbung
It’s dialogue, stupid!
Ein bisschen Apple im Gurkenglas
Das Web 2.0 ist zwangsläufig ehrlich
Für wen arbeitet Ihr?
Kommunikation »Like Björn«
Eine Frage der Werte
Bottom-up-Marketing
1. Entdeckt den Rückkanal – seid bereit zum Dialog!
2. Öffnet Eure Systeme!
3. Lasst Vernetzung zu!
4. Lasst Loyalität wachsen!
5. Macht keinen Unsinn – macht Sinn!
4 Was treibt uns an?
Liken oder nicht liken, das ist hier die Frage
Gut ist, was gefällt
Der Generationen-Graben
Von der Konsum- zur Coaching-Gesellschaft
Substanz gewinnt
Mein Antrieb und ich
Stammtisch statt Klassentreffen
Erfolgsmodell Freemium
5 User-generated Life in einer flüssigen Welt
Mediennutzer mit Analog-Hintergrund
Medien verändern Menschen
Immigrants beziehen »digital« auf Arbeit – wir aufs ganze Leben
Wir schwimmen Freistil
Führerschein – who cares?
Vom Mitmach-Web ins Mitmach-Leben
So geht Verabreden heute
6 Keine Altersfrage: Kindheit und Erwachsensein
Verlust der Kindheit
Wir sind langweilig! Oder einfach nur zu vernünftig?
Die erste Generation E-Mail: alles möglich, nur nicht so gemeint
Ihr seid abgeklärt – wir sind aufgeklärt
Nicht eine Frage des Alters – eine Frage der Haltung
Kampf dem Mob!
7 Bildung – auf den Kopf gestellt
Was bringt die Schule heute noch?
Moderne Medien basieren auf Kindern
Hole In The Wall – die »Maueröffnung« der Bildung
School’s out!
Nicht für die Schule lernen wir …
Du musst dein Leben ändern!
Eine Sache der Freiheit
Wissen? Neugier!
8 Es gibt viel zu tun
Die Arbeitswelt im Wandel
Liquid versus Struktur: Ist das möglich?
Willkommen in der Ideen-Industrie
Arbeit? Welche Arbeit?
Freiheit statt Freizeit – wie ist das möglich?
Ihr nennt es Schwäche – wir nennen es Persönlichkeit
Generation Sinn – mehr denn je
Leben für die Arbeit?!
9 Let’s face it
Facebook & Co. – von Selbstinszenierung bis Verschwörungstheorie
It’s the network, stupid!
Nicht einfach da, sondern präsent
Die Abi-Zeitung flüssig
Digitaler Pausenhof
Du bist, wer du sein willst
10 Ruhe, Rausch und Rebellion
Jungsein, Leben, Konsum und andere Dinge, die sich von Erwachsenen unterscheiden
Eine kurze Geschichte unseres Lebens
Die Neunundachtziger und wir
Was kommt nach dem Überfluss?
Alles mitmachen statt sich abheben
Erwachsen sein für Jüngere
Unser Ziel: nach Hause!
Generation Bausparer – mal im Ernst
We are Family
11 Wie wir leben
Haltungen und Verhaltungen
Wir kommunizieren öffentlich – aber nicht für alle
Jugendliche steuern ihre Präsenz
Der Jahrmarkt der Eitelkeiten
Das Gespräch: Nie war es so wertvoll wie heute
Back to the moment
Achtsamkeit – Bewusstsein mit Verstärker
Digital Natives go analogue
Playstation – schöner Ausgleich?
12 So geht Politik digital
Moderne Politik zwischen demokratischem Wahlkampf und arabischer Revolution
Mohamed Bouazizi: Ein Gemüsehändler verändert die Welt
Bringen Smartphones den Weltfrieden?
Transparenz ohne Grenzen
Wie geht Politik digital?
13 Von der Virtual Reality zur Real Virtuality
Szenerien und Szenarien einer Zukunft
Visionen ohne Arztbesuch
Die Gegenwart: Augmented Reality
Utopia wird Realität
Allzu menschlich-menschlich
Dank
Bibliographie
Für meinen Opa Eugen,
der mich lehrte, die Welt zu begreifen
Ich bin Philipp Riederle und etwa so alt wie das Internet. Geboren wurde ich 1994, also in einer Zeit, als ein paar wohlhabende Menschen mit kiloschweren Mobiltelefonen in abgelegene Waldstücke gefahren sind, um zu sehen, ob sie dort noch Empfang haben. In einer Zeit, in der noch munter »gefaxt« wurde und einige Visionäre eine Ära prophezeiten, in der Computer und Telekommunikation sich vereinen würden (und zwar schon bald!), als man noch von »EDV« sprach und der kalifornische Computerhersteller Apple gerade seinen Unternehmensgründer Steve Jobs hinauswarf. Immerhin, es gab schon Privatfernsehen; da liefen ziemlich merkwürdige Spielshows, in denen barbusige Mädchen herumhopsten oder jemand auf einem »heißen Stuhl« gegrillt wurde wie am mittelalterlichen Pranger.
So berichtete man mir. Ist auch nicht so wichtig, denn ich schaue kaum fern. Eigentlich nur, wenn Freunde etwas posten, was mir wirklich interessant erscheint. Und wenn Ihr Euch jetzt wundert, warum der Bengel nicht anständig fernsieht – und stattdessen nur an diesem Monitor herumdaddelt –, wären wir schon mitten im Thema. Denn ich könnte vermutlich Euer Sohn sein – nicht nur vom Alter her. Auch hinsichtlich der Tatsache, dass Ihr meine Generation nicht versteht und Euch womöglich Sorgen macht. Wie um Eure eigenen Kinder. Und gleichzeitig habt Ihr das unangenehme Gefühl, dass diese Generation der Digital Natives auf dem Vormarsch ist (was ja auch der natürliche Lauf der Dinge ist).
Willkommen bei der Generation Y, der Generation Z oder der Generation C – C wie Connected. Uns sind schon so viele Generationenbezeichnungen übergestülpt worden, da sollte man sich nicht festlegen. Schließlich kann es uns auch egal sein … Die vom kanadischen Schriftsteller Douglas Copland aus der Wiege gehobene Generation X definierte sich noch über das gepflegte Slackertum, die gespielte Verzweiflung angesichts der lähmenden Multi-Optionen, die die Gesellschaft zu bieten hat. Wir nutzen sie. Mehr, als Ihr vermutet. Unsere Leitfrage lautet: »Was ist für uns relevant?«
Der Generationenunterschied definiert sich über die digitalen Medien: auf der einen Seite Ihr Älteren, auf der anderen Seite wir – die erste Generation, die Medien, Kommunikation und digitale, soziale Vernetzung mit der Muttermilch aufgesogen hat. Das ist so. Damit müssen wir fertigwerden, und das nutzen wir anders, als Ihr denkt. Bei einer Podiumsdiskussion saß neben mir einmal der altgediente Privat-TV-Pionier Helmut Thoma (mit »How low can you go«-Formaten wie Tutti Frutti oder Der heiße Stuhl) und meinte nach einem Wortwechsel: »Wissen Sie, Herr Riederle, Sie machen den gleichen Fehler wie alle in Ihrer Generation: Sie schließen von sich auf andere.« Abgesehen davon, dass Herr Thoma als letzte Zuflucht den persönlichen Angriff nach vorne startete, war dieses Statement eine Dokumentation für die Vorgestrigkeit einer Haltung, die ich mir in meinem zarten Alter erst einmal aus der Historie anlernen musste.
Wenn wir schon beim Fernsehen sind, nehmen wir es einmal als Beispiel für den Unterschied zwischen meiner und der Thoma-Generation. Das Fernsehen produziert zeitlich festgesetzte Programme. Das Wort »Programm« leitet sich aus dem Griechischen her und bedeutet »Vorschrift«. Vor den Zeiten der Sender-Mediatheken im Internet war es ja zeitlich vorgeschrieben, wann man sich vor dem Fernseher einzufinden hatte, wenn man eine bestimmte Sendung sehen wollte. Ihr kennt das gar nicht anders. Natürlich hat das auch etwas Gemütliches; man sprach von einer Lagerfeuer-Atmosphäre, die man von Wilhelm Wieben bis Thomas Gottschalk über Generationen miteinander teilte. Man fühlte sich vor allem sehr persönlich verbunden: In den sechziger Jahren erhielt der Tagesschau-Sprecher Wieben einmal einen Brief, in dem stand: »Sehr geehrter Herr Wieben, Sie haben es sicher bemerkt: Wir haben neu tapeziert.« Mittlerweile ist man vielleicht aufgeklärter, aber das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger ist in puncto Fernsehprogramm noch immer das Gleiche. Alle vier Wochen Wetten, dass ..?, sonntagabends der Tatort: Es ist bei den Zuschauern, die aus der alten Bundesrepublik stammen, einzig einem Ritual zu verdanken, dass man vielleicht noch immer pünktlich einschaltet, obwohl man sich alle Fernsehsendungen längst zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Mediatheken herunterladen kann.
Die sogenannten »Macher« des alten Mediums Fernsehen haben offenbar nichts kapiert. Sie agieren immer noch so, als könne man den Zuschauern etwas vorschreiben. Besonders die Öffentlich-Rechtlichen müssten sich jedoch längst wundern, warum ihre Kernzielgruppe im Wesentlichen die Sechzigjährigen umfasst; sie beglücken uns mit Spielfilmen, in denen das Auftreten eines jungen Menschen ähnlich viel Jubel und Erstaunen auslöst, als käme mal der Enkel ins Altersheim. Im gleichen Maße werden nach wie vor Werbepausen zwischengeschaltet, in denen man getrost dem Kühlschrank und den Toilettenräumen einen Besuch abstatten kann – die vor allem aber unheimlich nerven (und natürlich längst umgangen werden können). Leider haben viele Website-Betreiber dieses Modell übernommen und schalten Spots vor interessante Beiträge. Meine Generation schaltet da nicht ab, sondern aus. Wir lassen uns eben nichts mehr vorschreiben. Eher umgekehrt. Und wenn Ihr uns kriegen wollt, müssen wir erst Eure Fans werden können.
Nicht nur »programmatisch«, auch inhaltlich haben wir uns längst vom Fernsehen verabschiedet. Wir sind im Internet unterwegs, dort, wo durch schonungsloses Offenbaren und Zeigen die letzten Geheimnisse der Kindheit aufgelöst werden, wo alles unverschlüsselt ist. Wir wachsen mit YouPorn auf; Sex ist für uns, wie Ihr sagen würdet, »nur einen Mausklick entfernt«. Wir werden schneller erwachsen, weil wir Zugang zu allem haben. Das wiederum bedeutet nicht, dass wir »reizüberflutet« sind. Wir suchen und selektieren. Wir entdecken und tauschen uns aus – immer dann, wenn Ihr denkt, wir starren seit Stunden nutzlos auf den Monitor.
Tatsächlich entsteht dort gerade eine neue Wirklichkeit, jenseits der »virtuellen Realität«, wie Ihr das früher genannt habt. Unsere Wirklichkeit ist nicht das Web 2.0 oder World of Warcraft, sondern sie ist wirklich wirklich. Wir kennen keine Vorschriften, wann und wo wir uns etwas anzuschauen haben; wir tun es ständig. Wir schauen auch nicht beliebig, sondern sehr gezielt. Wir chatten exakt so oft sinnlos in der Gegend herum, wie früher Teenager an der Bushaltestelle herumgehangen haben; es kommt immer darauf an, ob man etwas mit sich anfangen kann oder nicht. Und vielleicht ist genau dies das Revolutionäre an unserer Generation: Wir provozieren eben nicht mit Rock ’n’ Roll und Rebellion, sondern damit, dass wir alten Programmen entwachsen und schneller er-wachsen sind. Wir gehen mit unserer Lebenswelt komplett anders um, als Ihr denkt.
Die Paradigmen haben sich verschoben. Wir kommunizieren anders. Nicht vom Sender zum Empfänger, sondern miteinander. Wir erleben unsere Realität nicht als immer schneller werdend, sondern leben bequem im 24/7-Rhythmus, denn das hat überhaupt nichts mit Hektik zu tun. Zu sagen, dass es auf dem »digitalen Datenhighway« des »Cyberspace« so wahnsinnig schnell zugeht, entspricht der Feststellung, dass das Telefon ein wahnsinnig schnelles Medium ist, weil der Gesprächspartner ja schnell antwortet. Es geht aber nicht um Schnelligkeit, sondern um Gleichzeitigkeit – hier und jetzt. Wie wir.
Um solche Dinge geht es in diesem Buch. Und ich lade Euch herzlich ein, Euch ohne Anmeldung und Passwort einen direkten Zugang zu meiner Generation zu verschaffen – mit allen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die eine junge Generation eben bewirkt.
Sieht man einmal davon ab, dass ich mich immer schon sehr für Technik und Computer interessiert habe – wohl mehr als viele andere Jungs vielleicht für Fußball –, dann kann ich wohl behaupten, dass ich eine ziemlich normale Kindheit und Jugend hatte. Bis zu dem Zeitpunkt jedenfalls, als Apple im Jahr 2007 das iPhone auf den Markt brachte. Ich hatte mir vor der Markteinführung in Deutschland ein Gerät aus den USA mitbringen lassen und es gecrackt. Gerne hätte ich damals mehr Informationen über das iPhone gehabt als die flachgebügelten Presse- und Werbetexte. So etwas wie persönliche Berichte, die mir erklären, was es an neuen Ideen und Möglichkeiten für das Telefon gibt, ein kleines Video, das mir Schritt für Schritt zeigt, was ich alles machen kann und was die Programme für das Telefon – die sogenannten Apps – alles können. So etwas gab es aber nicht einmal ansatzweise. Bald schon hatte ich die Idee, meinem Know-how, das ich mir bis dahin als Dreizehnjähriger beim Drehen unserer Urlaubsvideos angeeignet hatte, einen neuen Sinn und ein neues Ziel zu geben.
So erscheint seit April 2008 mehr oder weniger regelmäßig mein eigener Podcast, eine Art Fernsehsendung – nur eben im Internet. Zuerst ganz unbeholfen aus dem Kinderzimmer, manchmal auch mit Staubsaugergeräuschen im Hintergrund, später dann aus dem eigenen, mit viel Spaß und Herzblut aufgebauten kleinen Aufnahmestudio.
In meinem Podcast Mein iPhone und ich berichte ich über neue Programme und Dienste rund um das Apple-Handy. Anfangs hat das eine Handvoll Zuschauer interessiert, dann ein paar hundert. Es war klassische Mund-zu-Mund-Propaganda. Die ersten, die meinen Podcast sahen, posteten die Seite weiter an Freunde, die auch ein iPhone besaßen, es aber nicht richtig einsetzen konnten, und so drehte sich die Spirale weiter und weiter. Mittlerweile schauen sich regelmäßig über 100000 Menschen meinen Podcast an. Ich freue mich jedes Mal genauso, wie ich auch darüber erstaunt bin, dass meine Sendung in den Podcast-Bestenlisten vor den Sendungen der großen Medienkonzerne rangiert. Mit Mein iPhone und ich habe ich regelmäßig mehr Zuschauer als zum Beispiel die jungen Kanäle von ARD und ZDF.
So wie es gerade aussieht, war mein Podcast aber erst der Anfang einer spannenden Reise. Denn ich wurde irgendwann gefragt, ob ich nicht mal einen Vortrag halten möchte. Ich sollte darüber reden, wie man so einen Podcast macht, was man bei der Technik beachten muss und wie man ihn verbreitet. Das war 2009. Ich war ziemlich aufgeregt. Der Vortrag fand im Rahmen eines BarCamps im Gebäude der Süddeutschen Zeitung statt. Die Teilnahmebedingungen waren ähnlich wie im Internet: Man musste gevoted werden, um in die erste Linie der Gesprächsrunde vorzudringen und einen Vortrag auf der Bühne halten zu dürfen. Ich wurde direkt in den »großen Saal« gevotet. Sogar einige Leute vom Verlag waren anwesend – mein erster Kontakt mit den Anzugträgern! Ich sollte eigentlich dreißig Minuten sprechen, habe aber die Zeit kolossal überzogen. Das Thema lautete »Podcastdistribution«. Wie funktioniert das Internet, und wie kommt der Podcast auf den besten Wegen zum Nutzer? Der Vortag war also eher technisch ausgelegt, aber irgendwie fanden es wohl alle recht spannend. Ich irgendwie auch. Es hat mir riesig Spaß gemacht, auf der Bühne zu stehen.
Offenbar hatte ich einen Nerv getroffen. Denn von da an bekam ich immer wieder Anfragen und sah hier dann auch recht bald eine Berufung: dazu beizutragen, die Wissenslücke der älteren Generation zu füllen; zu zeigen, wie sich nicht nur das Web und die Kommunikation verändern, sondern daraus resultierend das ganze Leben. Die digitale Welt ist ja kein Paralleluniversum. Sie ist unsere Welt, in der wir unser Leben gestalten. Unsere Welt ist ein Smartphone. Von dort geht alles aus, und deshalb verändert sich nicht nur der Umgang mit den Medien, sondern ganze Lebensbereiche, Gewohnheiten und Einstellungen sind im Wandel begriffen. Immer öfter stand ich nun in großen Sälen vor vielen Menschen in dunklen Anzügen. Ich erklärte ihnen, warum Podcasts so toll sind, wie wir Jugendlichen kommunizieren und warum beziehungsweise ob wir wirklich so viel in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Als ich dann öfter Vorträge hielt, begann ich auch, mich in der Theorie mit all diesen Dingen zu beschäftigen. Ich war schon immer sehr neugierig. Ich wollte wissen, warum all diese für mich selbstverständlichen Dinge, mit denen ich groß geworden bin, für die Erwachsenen so fremd sind.
Mit wem ich auch sprach: Immer spürte ich eine große Unsicherheit und Sorge. »Macht dieses Internet nicht süchtig?« – »Warum wollt ihr euch denn nicht mehr in Wirklichkeit treffen. Ihr hängt ja nur noch vor dem Rechner. Habt ihr gar keine Freunde mehr?« – »Lest ihr denn nicht auch mal ein gutes Buch?«. Viele Fragen dieser Art prasselten nach meinen Vorträgen immer wieder auf mich ein. Ich fühlte mich wirklich ein bisschen wie der Eingeborene, den die skeptischen Entdecker aus der alten Welt zaghaft beschnuppern.
Das war alles schon sehr cool. Hey, ich war fünfzehn! Ich war aber auch schockiert. Von meinen Eltern und meinen Lehrern wusste ich ja schon längst, dass sie die Welt, in der wir Digital Natives uns bewegen, oft nicht mehr verstehen und dass sie Sorge haben, den Kontakt zu uns zu verlieren. Die Leute, mit denen ich bei meinen Vorträgen bis heute zu tun habe, sind oft zwar auch besorgte Eltern – aber deswegen engagieren sie mich nicht. In der Regel stehe ich vor Repräsentanten großer Firmen, sogenannten Entscheidungsträgern. Menschen, die einen Doktor haben, die viel Geld verdienen und die mit großen Budgets bestimmen, wie es in der Wirtschaft künftig weitergeht. Diese Menschen haben meist kaum einen Schimmer davon, in welcher Welt wir uns bewegen; sie spüren aber die Veränderung. Sie haben nicht nur die Sorge, den Kontakt zu ihren eigenen Kindern zu verlieren. Sie wollen vor allem von mir wissen, wie sie mit ihrem Unternehmen den Anschluss an die Lebensrealität behalten und uns als ihre Zielgruppe oder potenzielle Mitarbeiter ansprechen können.
Sie sind nicht zu beneiden. Mehrere Branchen verlieren gerade den Kontakt zur jungen Generation. Darunter so wichtige Wirtschaftszweige wie die Automobilindustrie, die damit zu kämpfen hat, dass ein Auto nicht mehr unbedingt ein Statussymbol ist und dass immer weniger Jugendliche den Führerschein machen.
Es ist aber nicht nur für die Digital Immigrants, die technologisch weitgehend unbeleckten digitalen Einwanderer, schwer, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Auch für uns Digital Natives ist es nicht immer leicht, uns zu orientieren. Wir sind schließlich die erste Generation, die in einer völlig neuen Medienwelt groß wird – in einer Medienwelt, die dabei ist, viele Bereiche des Lebens grundlegend zu verändern. Und als wäre das nicht schon schwer genug, kommen die Rahmenbedingungen auch noch aus einer anderen Zeit.
Neulich meinte meine Großmutter: »Junge, ich bin gerade beim Nachbarn an seinem Computer und schicke dir gleich mal so eine E-Mail. Also stell dich mal daneben und warte, die muss gleich kommen.« Das ist süß. Einfach süß. Und so empfinde ich auch Leute wie Herrn Thoma. Einfach süß. Sender, Empfänger, Programm, guck oder stirb. Er könnte mein Großvater sein. Übrigens, Opa, Facebook lebt davon, dass Menschen von sich auf andere schließen: Überlegen, was andere interessieren kann, was sie teilen wollen, den Inner Circle erweitern, bloggen, twittern … oder auch mal ein total bescheuertes Katzenvideo anschauen.
Für die Menschen und Manager, die Helmut Thomas Kinder sein könnten, ist es nur ein kleiner Schritt, meine Generation zu verstehen. Sie werden sicher nachvollziehen können, dass wir in unser Leben zu integrieren versuchen, was nun einmal real ist: das Virtuelle. Wir leben damit, seitdem wir auf der Welt sind. Und ich möchte hier erzählen, was sich für uns verändert hat und was wir gerade damit anstellen. Ich wünsche Euch also eine große Entdeckungsreise in diesem Medium Buch, das ich übrigens wieder sehr zu schätzen gelernt habe. Um nicht zu sagen: like.
Im Internet kursiert seit Jahren ein wunderbarer Text von einem unbekannten Autor, der allen vor 1975 Geborenen noch einmal vorhält, wie und vor allem unter welchen »Gefahren« sie aufgewachsen sind:
Wenn du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten.
Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar.
Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst wieder zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei! Fahrräder (nicht Mountain-Bikes!) wurden von uns selbst repariert! Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach »Aufsichtspflicht«.
Kannst du dich noch an »Unfälle« erinnern?
Wir kämpften und schlugen einander grün und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen nicht. Wir aßen Kekse, Brot mit dick Butter, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen.
Wir hatten keine: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video/DVD, Surround Sound, eigenen Fernseher, Computer oder Internet-Chat-Rooms … wir hatten Freunde!
Wir gingen einfach raus und trafen unsere Freunde auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht zu klingeln, sondern gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer jeweiligen Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns.
Wie war das möglich?
Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöckchen und Tennisbällen. Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.
Wir bumsten quer durch den Gemüsegarten, hatten jede Menge Sex. Wir wussten zwar nicht immer den Namen unseres Partners, aber das war egal. Wir mussten uns die Pornos wenigstens nicht aus dem Internet laden, wir machten sie selber!
Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel herausholten. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas!
Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen. So war das. Herzlichen Glückwunsch uns allen, dass wir das überlebt haben! Geboren nach 1975 = So, jetzt wisst ihr Warmduscher das auch ;-)
Mal hier und dort ein wenig variiert, haben zahlreiche User und Blogger diesen Text verbreitet. Besonders der Umgang mit den Medien ist spannend – beziehungsweise die Tatsache, dass man zum Beispiel auch ohne Mobiltelefon »überleben« konnte. Morgens das Haus verlassen und abends irgendwann wiederkommen, ohne ständiges Justieren der Verabredungen. Oder ohne die berühmten Gespräche, die mit »Ich bin jetzt da« beginnen. Wir Warmduscher realisieren unseren Alltag tatsächlich »nicht ohne mein Handy«. Aber sollen wir tatsächlich, nur um zu beweisen, dass wir ganz normal sind, das Smartphone und Tablet zu Hause liegenlassen?
Kennt Ihr die Situation? Euer Kind kommt von der Schule nach Hause, setzt sich an den Computer, noch bevor es am Esstisch gesehen wurde, hackt wirr in die Tasten, und auf dem Bildschirm flimmern Fotos und Nachrichten im Sekundentakt vorbei. Umrahmt vom schönen Dunkelblau auf dem mit weißen Lettern etwas wie »facebook« aufleuchtet. Und so geht es offenbar den ganzen Tag weiter. Tagein, tagaus. Ist Euch eine solche Situation vertraut?
Ihr fragt Euch: »Was macht mein Kind eigentlich? Schwebt es da in dieser virtuellen Welt herum? Und warum geht es nicht mal raus vor die Tür, fährt mit dem Fahrrad um den Block? Oder macht Erfahrungen, wie wir sie früher gemacht haben?« Ihr habt Angst, dass Euer Kind gar nichts mehr vom »echten« Leben mitbekommt, wenn es offenbar alles nur noch durch die Scheibe des Bildschirms wahrnimmt? Aber vor der eigentlichen Antwort verschließt Ihr Euch. Sie lautet: Social Media und »virtuelle Welten« sind nicht etwas Fremdes, Bedrohliches, sondern ein neues Kommunikationsinstrument wie vor ein, zwei Jahrzehnten das Mobiltelefon.
Als die ersten Handys aufkamen, herrschte ungeheure Aufregung. So erzählte man mir zumindest. Aber nicht unbedingt, weil man so begeistert war, nun überall erreichbar zu sein, sondern weil man genau dies als unnötig, wenn nicht sogar als Bedrohung empfand. Ausgerechnet aalglatte Yuppies, schmierige Geschäftsleute oder Zuhältertypen waren die ersten sozialen Gruppierungen, die in der Öffentlichkeit mit Mobiltelefonen auftraten und sich oft auch damit brüsteten.
Handys gelten nicht mehr als schmierig. In Deutschland entfällt mittlerweile mehr als ein Mobiltelefon auf jeden Einwohner – weltweit sind mittlerweile sechs Milliarden Handys in Benutzung. Aber auch wenn ein Zwölfjähriger meint, er müsse ein iPhone haben, denn auf dem Schulhof sei das nun mal ein Statussymbol, hat Apple ganze Arbeit geleistet: Smartphones sind ein Statussymbol, das jeder hat! Anders formuliert: Obwohl fast jeder ein Smartphone besitzt, ist es nach wie vor ein Statussymbol.1 Zwar kann es wohl manchmal ungeheuer nerven, wenn man etwa in Bus oder Bahn von Mitfahrern umgeben ist, die pausenlos auf ihren Tasten herumknibbeln, schamlos laut telefonieren oder Musik hören, dass sich die Kopfhörer biegen. Von Realitätsverlust und Onlinesucht sprechen bei diesem Anblick wohl nur lebenserfahrene Altphilologen, die ihre Leserbriefe auf der Schreibmaschine tippen. Doch vielleicht flirtet der Kaugummi kauende Backfisch auf dem Nachbarplatz aber auch gerade online mit seiner frischen Liebe, die er am Wochenende kennengelernt hat? Oder liest der junge Mann gegenüber auf dem iPad ein Buch oder schreibt er seine Doktorarbeit? Oder vielleicht informiert er sich bei Wikipedia gerade über die Herkunft des Begriffs »Miesepeter«? Wäre das dann für die 1975 und davor Geborenen in Ordnung? Letztendlich ist auch dies eine Frage des Takts. Aber Menschen, die sich über Mitreisende beklagen, weil sie nur in ihre Handflächen starren oder mit ihrem »umts umts umts« aus dem Kopfhörer nerven, fordern damit nicht, dass man sich mit ihnen unterhalten soll.
Wenn von »virtuellen Welten« die Rede ist, in denen sich Teenager bewegen, dann handelt es sich tatsächlich um die reale Welt. Auch wir mussten uns schon mal mit den Stärkeren in der Klasse auseinandersetzen, vielleicht sogar mal prügeln. Der Einwand, statt prügeln wird heutzutage ja ganz elegant im Internet gemobbt, scheint zwar berechtigt, zieht aber nicht ganz. Das habt Ihr nämlich auch gemacht, nur mit anderen Mitteln, wie zum Beispiel Klatsch und Tratsch.
Selbstverständlich sind Smartphones und das Internet der Untergang des Abendlandes. Die »neuen« Medien sind »schlimm«! Viel erfolgreicher, nachhaltiger und lebensechter sind dagegen Medien wie Bücher und das Fernsehen, in denen man (wie etwa so mancher Kulturpessimist) solche Wahrheiten hinausposaunen kann und sich dann auf der Bestsellerliste ganz oben wiederfindet. Wenn es denn so einfach wäre …
Das sogenannte Web 2.0, oft und vielfach als Raketentechnik behandelt, ist für uns ein Kommunikationsmedium, mit dem wir groß geworden sind – das für uns schon immer allgegenwärtig war. Das Neue, Revolutionäre, Gefährliche, Bedrohliche oder Großartige an diesem Medium: Die Grenzen zwischen Sender und Empfänger, Anbieter und Verwender verschwimmen. Früher gab es eine Handvoll großer Medienanstalten, die als »Gatekeeper« die begrenzte Sendezeit oder Publikationsfläche verwalteten, wobei die öffentlich-rechtlichen schon immer ganz offiziell von der Politik unterwandert waren, die die Gremien traditionell mit »ihren Leuten« besetzen.2 Diese Medienunternehmen waren der einzige Sender und somit der einzige Weg zum großen Publikum. Ohne eigenes Medienunternehmen, ohne Produktionsteam, millionenschwere Technik und ein hinreichendes Budget schien das Erreichen eines medialen Publikums unmöglich. Unternehmen behandelten ihre Werbemaßnahmen wie eine Handvoll Spaghetti, die an die Wand geworfen wird: Irgendwas wird schon hängen bleiben. Bis heute wissen die Marketingleute nicht, wie sie dieses Medium wirklich effektiv nutzen können.
Im Web 2.0 ist man nicht mehr Anbieter oder Nachfrager. Jeder ist Partizipant. Und wenn wir zurückkommen zu den klassischen linearen Medien: Irgendwie machen uns diese klebrigen Spaghetti an der Wand nicht mehr so richtig an. Stattdessen schauen wir lieber in den großen Topf: Jeder Teilnehmer kann publizieren, kommunizieren und weltweit Menschen erreichen. Im Internet findet jeder auch ohne Einflussnahme von oben sein Publikum, und sei es noch so klein. Manchmal wird es aber auch ganz groß: Die ersten Gesangsaufnahmen von Justin Bieber im zartesten Kindheitsalter sorgten für Furore – ebenso wie der Mathematikstudent, der eine schwierige Aufgabe auf YouTube für alle verständlich löst, der Blogger, dessen Meinung plötzlich unzählige Follower findet, oder auch der Diktator, der trotz massiver Attacken gegen die eigene Bevölkerung schließlich vor der Basisdemokratie des Mediums kapitulieren muss.
Das Internet ist nicht eine Masse. Internet – das sind wir alle. Das Medium sucht sich seine Fans selbst. Wer gut unterhält, findet seine freiwilligen Fans, manchmal rund um den Globus. Die Klickraten bei einem Mini-Film-Experiment schnellen manchmal in eine Höhe, von denen Massenmedien nur träumen können.
Bei dem Fernsehexperiment Gottschalk live war einer meiner Lieblingsschauspieler aus der Kindheit zu Gast: Michael »Bully« Herbig. Nicht schlecht habe ich dann gestaunt über die Einblendung unter seinem Namen: »20 Millionen Menschen sahen seine Filme.« – nicht über die offenbar gewaltige Menge an Menschen, die er mit seinem Lebenswerk erreichte, sondern über die Tatsache, dass bestimmte Blogeinträge oder YouTube-Videos diese Marke innerhalb einer Woche knacken können – und meine Podcasts sie in vier Jahren geknackt haben.
Ich kann mit einem Podcast, den man mit drei Klicks öffnet, mehr Menschen erreichen als ein Schauspieler mit seinen gesamten Filmen während seines ganzen Lebens. Das liegt nicht nur daran, dass jeder Mensch global kommunizieren kann, sondern dass die Technik stimmt. Früher war Technik eine Wissenschaft für sich: kompliziert, fast unbeherrschbar, in der Hand von Riesen und vor allem unerschwinglich.
Mit einem Smartphone kann ich heute hochauflösendes Videomaterial produzieren, wie es vor wenigen Jahren nur im Kino zu sehen war. Bezeichnenderweise bringt heute kein Mensch mehr seine Filme zum Fotoladen an der Ecke und wartet auf die teuren Resultate, sondern fertigt einen beachtlichen Teil der privaten Filme und Fotos auf dem Smartphone an. Die Technologie ist hochprofessionell, die Qualität hervorragend, und alles ist jederzeit machbar und kostenlos. Ob ausgebildeter Journalist, Spaziergänger, Hobbyfotograf und -Filmer oder Kameramann: Die Grenzen fallen. Die Qualität ist druckreif. Die Aussage macht den Unterschied. Content is king.
Und wer noch immer meint, dass die Qualität und der Unterhaltungswert der nutzergenerierten Inhalte nicht an die der (Inszenierungs-)»Profis« heranreicht, für den gibt’s jetzt eine Hausaufgabe: Fahrt mal den Rechner hoch und gebt bei YouTube den Suchbegriff »The longest time« ein, den Titel eines A-capella-Popsongs von Billy Joel aus dem Jahr 1984. Was gleich auf Euerm Bildschirm aufpoppen wird: Mehrere hundert, wenn nicht sogar mehrere tausend (die Suchanfange brachte über hunderttausend Treffer) kreative Interpretationen von überwiegend begabten, musikalischen Usern. Mit dabei: ein Überraschungskonzert auf einer öffentlichen Herrentoilette, eine amüsante Slapstick-Inszenierung, ein Buben-Ensemble im Grundschulalter, verschiedene Schul- und Uni-Ensembles, alle mit ihrem speziellen Charme, Interpretationen als Ballade, eine als Rap. Aufnahmen, auf denen der User die verschiedenen Stimmen selbst einsingt und dann zusammenmischt. Die Bandbreite der Virtuosität ist gigantisch. Nirgendwo anders springt der Spaß an der Musik so über. Ein Klick auf die »empfohlenen Videos« in der Seitenleiste. Und noch einer. Und noch einer. Ups, und schon ein ganzer Abend vorbei und die Castingshow verpasst. Mist.
Und wer hier die emotionalen Eskapaden um die Auftretenden vermisst, der findet entsprechend herzzerreißende Geschichten auch im Äther. Im Gegensatz zu den gescripteten und dramatisierten Ausführungen in den Prime-Time-Formaten wirken hier die Erzählungen ganz von selbst. Ein Suchbegriff reicht. Fragwürdig ist höchstens der teils inflationäre Gebrauch, den man von der Möglichkeit des Alles-Filmens macht: Wenn bei jeder Veranstaltung von der Hausparty bis zu den Olympischen Spielen ständig die Kamera gezückt wird, stellt sich die Frage: Hat man eigentlich auch gesehen, was da abgelichtet wurde, oder hat man die großen Momente im Prinzip verpasst, obwohl man mittendrin ist und nicht nur dabei? Oder auch: Interessiert es wirklich andere, was man davon publiziert?
Das genau ist der Punkt. Wir haben unendlich viel Input, der jederzeit zur Verfügung steht: Millionen von Websites, Foren, Blogs, Sendern, Programmen, Content – und im Schnitt vierhundert bis fünfhundert Facebook-Freunde.3 Deshalb sind wir von Kindesbeinen an mit der Notwendigkeit aufgewachsen, zu selektieren, bis es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Was ist relevant für mich? Womit will ich mich beschäftigen? Was ist es wirklich wert? Das führt dazu, sehr effizient zu denken und zu handeln. Das klassische »Surfen« im Internet, wie es damals hieß, ist nur eine Nutzungsvariante von vielen. Surfen hat immer den Beiklang, sich etwas auszusetzen, sich irgendwo zu verlieren, den Fortgang nicht alleine lenken zu können, sondern eben sprichwörtlich von einer riesigen Welle getragen zu werden. Das ist jedoch nur eine Option, wie man Medien nutzt, und auch das kann Spaß bereiten. Das professionelle, gezielte oder selektive Vorgehen im Internet, etwa bei einer Recherche, ist jedoch auch längst Standard. Das Schöne daran ist ja: Wenn man etwas wirklich sucht – einen Begriff, eine Erklärung, ein Produkt –, dann sucht man nicht, man findet ihn. So-fort. Das Gleiche gilt für Zitate, für verschollene Bücher, seltene Kräuter oder Quellen ganz anderer Art.
Ein Bekannter erzählte mir, dass er eigentlich einen recht interessanten Stammbaum habe. Schon sein Urgroßvater habe um die Jahrhundertwende viel geschrieben und veröffentlicht, unter anderem ein Standardwerk der Forstwissenschaft; er habe aber auch eine Fichte-Ausgabe herausgegeben – einiges davon fand sich in der Universitätsbibliothek wieder. Aber er konnte die Bücher natürlich nur ausleihen. Als es dann das Internet gab, dauerte es nicht allzu lange, bis Antiquariate ihre gesamten Bestände digital auflisteten, um sie auch online anzubieten. Was vorher Jahre und Jahrzehnte permanenten Stöberns in muffigen Läden bedeutet hätte, war binnen Sekunden aufrufbar. Um eine lange Story kurz zu machen: Wenig später besaß der Doktorand mehrere Bücher seines Urgroßvaters – und noch einige, von denen man gar nichts mehr wusste: eigene Texte, Gedichtbände und eine Abhandlung über das gleiche Thema, zu dem der Urenkel gerade in der Bibliothek seine Doktorarbeit verfasste: Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft.
Ihr seht: Anders, als oft suggeriert wird – und wie es als Vorurteil in vielen Köpfen tief verankert ist –, erschöpft sich die Nutzung der neuen Medien nicht in »sinnbefreiter Daddelei«. Vielmehr geht es darum, mit anderen Menschen zu kommunizieren, die Köpfe zusammenzubringen. Die verschiedenen Arten, wie wir unsere Beziehungen pflegen, sind nun um das Internet erweitert. Dort können wir mehr erreichen: mehr Freunde und auch mehr Gespräche. Nicht 1:1, sondern mit allen, oder innerhalb einer kleinen Gruppe, ganz wie wir unsere Freundschaften online pflegen wollen. Ich muss nicht alle Spaghetti an die Wand werfen und schauen, was hängen bleibt, sondern kann ganz gezielt mit diesem oder jenem Freundeskreis kommunizieren.
Kritik ist jedoch durchaus auch angebracht an dem permanenten Verweilen im Web und in den Social Media. Ein Faktor, der gegen die große Freiheit spricht, ist die Zeit. In der Tat kostet das fast lebensnotwendige Online-Sein ungeheuer viel Zeit. Aus diesem Grund ist einer meiner guten Freunde tatsächlich nach dem langen Marsch durch die Facebook-Deaktivierung (darunter auch: Fotos von ihm mit Freunden unter der Überschrift: »Diese Freunde würden Dich vermissen …«) ausgestiegen – aber nur einer. Es ist aber nicht nur eine Facebook-Schikane, sondern eigentlich prinzipiell sozial gar nicht möglich, wieder auszusteigen. Einladungen zu Geburtstagsfeiern oder Partys, Gerede, Gerüchte, Termine: Wer nicht drin ist, bekommt schlicht kaum noch etwas mit. Auf dem Pausenhof wird heute nicht mehr darüber geredet, was gestern im Fernsehen kam, sondern darüber, was es Neues gibt.
Von älteren Generationen kommt jedoch der Vorwurf: »Ihr habt doch in Wirklichkeit gar keine Freunde mehr! Ihr hackt doch nur noch in die Tasten, schaut auf leuchtende Farbpunkte und wisst gar nicht, mit wem ihr gerade kommuniziert! Das hat doch mit Freundschaft, so einer zum Pferdestehlen, nichts mehr zu tun!«
Ich habe mich lange mit diesem Einwand beschäftigt – oder vielmehr: Er hat mich beschäftigt, denn wenn man einmal vom Phänomen Facebook-Party absieht, bei dem man plötzlich und versehentlich mehr Freunde hat, als einem lieb ist (wenn man seinen Account nicht echten Freunden vorbehält), geht es den Usern um ernsthafte und, wenn es sich ergibt, auch enge Bekanntschaften. Verschiedene Studien kamen zu dem überraschenden Ergebnis, dass Facebook & Co. die User nicht apathisch oder einsam macht, sondern geselliger und umtriebiger. »Online-Freundschaften vertiefen und erhalten in aller Regel offline-Freundschafen«, sagt der Sozialpsychologe Prof. Dr. Jaap Denissen von der Berliner Humboldt-Universität. Die Social Media bewirken, dass man sich öfter im richtigen Leben trifft als ohne Zugang zum Netz. In einem »Tal der Ahnungslosen« in Ostdeutschland, wo es bis vor kurzem keinen Netzzugang gab, stellten die Wissenschaftler fest, dass die Annahme von Ehrenämtern, kommunalpolitische Aktivitäten oder Verabredungen zu Oper, Kino und anderen geselligen Dingen wesentlich seltener vorkamen als in vernetzten Regionen.4
Die Generation Facebook hat offenbar viel mehr »Freunde« als früher. Das ist zunächst nicht weiter erstaunlich, und der Begriff »Freunde« ist auch durchaus diskutierbar. Aber jetzt kommt’s: Unsere Beziehungen zu unseren Freunden dauern länger und sind wesentlich intensiver und gefestigter als die der Generation vor uns.
Damit ist keineswegs gemeint, dass Internet-User öfter chatten, sich auf Facebook oder per E-Mail austauschen – und dass das dann eine »wahre Freundschaft« darstellt. Laut einer offiziellen Studie aus den USA5 pflegen 56 Prozent der Nicht-Internet-Nutzer Freundschaften und Kontakte zum Beispiel durch Vereinsarbeit, Mitgliedschaften in Clubs und anderen Gemeinschaften, bei frequenten Social-Network-Usern sind es hingegen 82 Prozent, die sich offline engagieren, Freunde treffen, sozial unterwegs sind! Und ihr wollt mir erzählen, wir seien durch das Netz desozialisiert. Pah.
Man kann aber auch eine weiterführende Frage stellen: Wie kommt es eigentlich, dass unsere Generation überhaupt auf die neuen Medien so abfährt? Wieso wollen wir per Twitter, SMS oder auf Facebook kommunizieren, wo wir uns doch ohnehin den halben Tag in der Schule treffen? Dafür gibt es sogar eine biologische Antwort: Elektronischer Kontakt ist wie Kuscheln. Beim digitalen Kommunizieren wird ein Hormon freigesetzt, das uns ein ähnliches Gefühl gibt, wie wenn wir uns sinnlich, zärtlich und geborgen fühlen: das Kuschelhormon Oxytocin.67 Wer kennt es nicht, dieses anmachende Brausen, das in uns aufsteigt, wenn wir als Absender einer tollen Nachricht eine angenehme Person wahrnehmen?
Eine schlüssigere Antwort gibt vielleicht die Analyse des Erfolgs des amerikanischen Unternehmens Zynga. Ihr kennt Zynga? Sicherlich kennt Ihr das Facebook-Spiel FarmVille – oder spielt selbst mit. Irgendwoher muss ja der Erfolg kommen, mit dem das Start-up aus dem Silicon Valley mit über 80 Millionen Usern zur beliebtesten Facebook-Anwendung wurde. Der Businessplan von Zynga sieht vor, dass man wie bei einer Mischung von Tamagotchi und dem Siedler-Spiel seinen kleinen Bauernhof unterhält und ihn mit den besten Ernteergebnissen optimal bewirtschaftet. Um im Freundeskreis der erfolgreichste Bauer zu sein, bestellt man sich bei FarmVille einfach eine Ladung virtuellen Dünger. Für echtes Geld, versteht sich. Durchschnittlich 2,25 Dollar pro Spieler erwirtschaftete Zynga in der Anfangsphase des Unternehmens. Aufgrund des großen Erfolgs des Online-Spiels erwirtschaftete Zynga 2011 den gigantischen Umsatz von 1,14 Milliarden Dollar – ohne viel Hardware.
Mich hat dieses Phänomen zu folgender Erkenntnis gebracht: Wir Menschen projizieren unsere Grundbedürfnisse (für die altklugen Bildungsbürger: die ab der dritten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide, hier in der westlichen Welt) – das Gefühl, nicht allein zu sein, Menschlichkeit, Kommunikation, Freunde, Unterhaltung, ein wenig Wärme, Lebendigkeit, Interaktion und das Gefühl, gebraucht zu werden – in dieses neue Medium. Und da die sozialen Medien anders als die klassischen linearen Medien keine kommunikative Einbahnstraße sind, erfahren diese Bedürfnisse offenbar auf eine gewisse Weise Befriedigung. Das Internet ist also nicht ein virtueller Raum, sondern die Verlängerung der Kneipentheke, der Selbsterfahrungsgruppe oder eben der Clique.
Viele der älteren Generationen haben nicht ein Problem mit der digitalen Jugend von heute. Sie haben ein Problem damit, dass deren Revolution nicht auf der Straße stattfindet – nicht in der Popmusik und nicht so, wie sich die Erwachsenen von heute das eben vorstellen –, sondern im Internet. Sie sagen sogar teilweise, dass wir ihnen nichts vormachen können. Aber sie sehen nicht, was wir dort tun, treiben, unternehmen. Vielleicht verabreden wir uns gerade zu einem Flashmob, zetteln eine Revolution an, schreiben irgendwo die Hausaufgaben ab oder diskutieren sogar einen äußerst komplexen Sachverhalt. Dazu später mehr.
Doch nicht alle »Alten« beklagen den Untergang ihrer klassischen Medien wie Zeitungen, Bücher, das Radio, ja sogar Fernsehen. Meine gesamte Familie (auch mein Großvater!) liest inzwischen die Lokalzeitung nicht mehr gedruckt, sondern auf dem iPad. Wenn es einen wirtschaftlichen Schwund gibt, dann sind es die klassischen Medienunternehmen, die verpennt haben, sich angesichts der technologischen Entwicklung neue Geschäftsmodelle auszudenken. Denn schon vor über zwanzig Jahren verabschiedete sich der Media Lab-Visionär Nicholas Negroponte mit einem aufsehenerregenden Vortrag von den klassischen Massenmedien: »Good-bye to Mass Communication: So Long Broadcast, Newspapers, Books«.8 Die Alternative war für ihn in leicht abgewandelter Form das, was tatsächlich eingetreten ist. Wie man sich in Fachkreisen mittlerweile einig ist, gilt jedoch weiterhin das Rieplsche Gesetz, nach dem kein neues Informationsmedium ein altes verdrängt, sondern ihnen meistens andere Funktionen zuweist. So starb mit der Erfindung des (Ton-)Films das Theater nicht aus, und das Kino überlebte auch die Einführung des Fernsehens.
Um es gleich vorwegzunehmen: Im Unterschied zur Generation Fernsehen, die sich nach Zeiten und den Programmen richtet, schauen wir tatsächlich immer weniger bis gar nicht in die Röhre. Warum man Radio hören soll, muss mir mal jemand erklären; wenn man einmal die einzelnen UKW-Frequenzen zwischen 87,5 und 108
