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Wertschätzung ist ein menschliches Grundbedürfnis und in beruflicher Hinsicht ein Indikator für erfolgreiche Zusammenarbeit. Dieser TaschenGuide erklärt, warum wertschätzende Kommunikation vor allem in unserer von Selbstorganisation, Beschleunigung und Unsicherheit geprägten Arbeitswelt 4.0 so wichtig ist und bietet zahlreiche Tipps und leicht umsetzbare Impulse. Inhalte: - Wie man zu einem Arbeitsklima beiträgt, das von gegenseitiger Anerkennung und Würdigung geprägt ist - Wie eine wertschätzende Arbeitskultur aufgebaut wird - Reflexionswerkzeuge, um selbst eine wertschätzende Haltung zu kultivieren - Wie berufliche Standardsituationen durch kleine Veränderungen wertschätzender und damit fruchtbarer gestaltet werden können
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Haufe Lexware GmbH & Co KG
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Benjamin Volk
Wertschätzung im Job – Impulse für bessere
Kommunikation und Zusammenarbeit
1. Auflage 2022
© 2022, Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Munzinger Straße 9, 79111 Freiburg
Redaktionsanschrift: Fraunhoferstraße 5, 82152 Planegg/München
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Redaktion: Jürgen Fischer
Konzeption, Realisation und Lektorat: Nicole Jähnichen, www.eisbach-text.de
Bildnachweis (Cover): © Lumos sp, Adobe Stock
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Was ist Wertschätzung für Sie? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn Wertschätzung hat viele Facetten. Jeder Mensch hat unterschiedliche Vorstellungen, was er als wertschätzend empfindet.
In diesem Kapitel erfahren Sie unter anderem,
welche Dimensionen und Faktoren der Wertschätzung Expert:innen herausgearbeitet haben, warum uns ein differenziertes Weltbild wertschätzender sein lässt, was es mit dem Modell der drei Gehirne auf sich hat, was Sie durch eine Wertschätzungsbrille sehen können.Wertschätzung zeigt sich an vielen Facetten. Sie kommt in unserem Denken, unserem Handeln und auch in unserem Fühlen zum Ausdruck. Die folgenden Fragen können darüber Aufschluss geben.
(1) Denken: Welches Menschenbild ist förderlich für Wertschätzung? Welche Einstellungen, Überzeugungen und Grundannahmen herrschen beim Einzelnen, in einer Abteilung, in einem Team oder in einem Unternehmen dann vor? Wie wird voneinander gedacht?
(2) Handeln: Welche konkreten Handlungen, Prozesse, Abläufe, Vereinbarungen und Regelungen sind vorhanden, die Wertschätzung befördern?
(3) Fühlen: Wo und wie wird Wertschätzung in Gesprächen, in der Führungskultur, in der Art und Weise des Umgangs miteinander spürbar? Wie stark sind das gegenseitige Vertrauen und das Sicherheitserleben ausgeprägt? Welche Gefühle treten vermehrt auf, welche weniger?
In diesem TaschenGuide biete ich Ihnen Experimentier-Impulse für alle drei Dimensionen an. Sie können Sie darin unterstützen, ein besseres Verständnis von Wertschätzung zu erlangen, kon[11]krete Mittel an die Hand zu bekommen, um Wertschätzung im täglichen Handeln zu verankern und im Miteinander erlebbar zu machen. Doch lassen Sie uns zuvor noch einen Blick auf nützliche Modelle werfen, die die Basis für die Impulse bilden.
Richtig oder falsch, ja oder nein, Gewinnen oder Verlieren – eine klare Unterscheidung in diese Gegenpole im Sinne einer Schwarz-weiß-Sicht ist zielführend, wenn es um strategisches Denken, rationale Entscheidungen und logisches Abwägen geht. Diese Sichtweise vereinfacht die komplexen Zusammenhänge und Wechselwirkungen in der betrieblichen Wirklichkeit und stellt sicher, dass Organisationen handlungsfähig sind.
Eine differenzierte Perspektive, aus der heraus die Vielfalt des menschlichen Wesens ganzheitlicher wahrgenommen und gewürdigt wird, birgt wichtige Wertschätzungspotenziale. Sie wird dem Menschen in seiner sozialen Eingebundenheit und inneren Komplexität gerechter, wie auch die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie belegen.
Die folgenden Abbildungen und die nachfolgende Tabelle sollen die qualitativen Unterschiede der Betrachtungsweisen vermitteln.
Vereinfachende Weltsicht
Differenzierte Weltsicht
Wenn sich Menschen bedroht fühlen oder aufgrund innerer oder äußerer Konflikte in Stresssituationen geraten, dann verlieren sie graduell den Zugang zur geistigen Flexibilität und Problemlösekompetenzen. Ein konstruktives, lösungsorientiertes Gespräch ist in solchen Situationen dann nur schwer möglich.
Anschaulich lässt sich das durch die Theorie des dreieinigen Gehirns des US-amerikanischen Hirnforschers Paul D. Mac-Lean erklären. Demnach hat der Mensch miteinander vielfach neuronal verbundene »Gehirne«, mit untereinander erheblich abweichender Struktur und Neurochemie, die aus unterschiedlichen Epochen seiner evolutionären Vergangenheit stammen. Die älteren Gehirnanteile beeinflussen die jüngeren sehr stark und unmittelbar.
Das älteste, das sogenannte Reptiliengehirn, entspricht dem Hirnstamm und übernimmt elementare Vitalfunktionen wie Atmung, Schlaf, Herzschlag. Das Mittelhirn, auch als älteres Säugergehirn bezeichnet, weist einen Entwicklungsstand [18]auf, wie ihn eine Katze oder eine Kuh haben. Es ist unter anderem zuständig für Gefühle, soziales Lernen und Aggressionsbereitschaft. Das jüngere Säugergehirn, der Neocortex, ermöglicht nicht mehr nur die Befriedigung primärer Bedürfnisse, sondern auch Kreativität sowie Reflexion und planendes Handeln.
Wenn Situationen als bedrohlich erlebt werden, dann sind langes Nachdenken und Abwägen eher hinderlich. Dann übernehmen die schnelleren einfacheren, archaischen Verhaltensmuster, die im älteren Säuger- und Reptiliengehirn zu verorten sind. Das Gehirn sorgt dann im Zusammenspiel mit dem autonomen Nervensystem dafür, dass sich der Körper zum eigenen Schutz auf Kampf, Flucht oder Erstarren vorbereitet. Diese Verhaltensmuster sind elementare Überlebenskompetenzen, um die volle Aufmerksamkeit auf die Abwendung einer Bedrohung zu richten. Nur sind sie leider auch oft mit einem fixierenden Tunnelblick verbunden, der eine differenzierte Betrachtungsweise ausschließt und uns geistig wenig flexibel sein lässt. Umgekehrt heißt das: Nur wenn sich Menschen sicher fühlen, können sie ihr volles geistiges Potenzial entfalten.
Fragen Sie sich daher vor allem in schwierigen Gesprächssituationen:
Bin ich selbst in einem Zustand, der Ruhe und Sicherheit signalisiert, oder sende ich gerade Signale aus, die (mich selbst und) andere unnötigerweise beunruhigen könnten?[19] Ist mein Gegenüber derzeit in einer aufnahmebereiten Verfassung oder hat er in den Überlebensmodus geschaltet? Fühlt er sich wohl und sicher oder ist er noch belastet mit anderen Gedanken? Was kann ich ihm anbieten, damit er sich sicherer fühlt?Menschen erkennen in Sekundenbruchteilen, ob sie sich sicher fühlen können oder nicht. Das wird deutlich durch die Polyvagal-Theorie des Neurowissenschaftlers Stephen W. Porges (Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit, Lichtenau 2021). Er geht davon aus, dass das autonome Nervensystem von Säugetieren im Verlauf der Evolution mit dem Soziale-Verbundenheitssystem ein auf soziale Kooperation und Co-Regulation gerichtetes »Upgrade« erhalten hat: Der sogenannte ventrale Vagus befähigt uns in Sekundenbruchteilen, anhand der Mimik, Kopfhaltung oder Stimmlage von anderen Bedrohungen für uns selbst zu identifizieren, aber auch uns gegenseitig wieder zu beruhigen (Co-Regulation). Der ventrale Vagus steuert unter anderem die Gesichtsmuskeln um die Augen herum, um freundliche oder ängstliche mimische Signale auszusenden, sowie Muskeln im Kehlkopfbereich, um die Stimmlage zu modulieren.
Dieses System versetzt uns auch in die Lage, sehr schnell die Verfassung anderer Menschen zu lesen, also zu erkennen, ob es [20]einer Person gutgeht oder ob es Anlass zur Sorge und Zuwendung (Co-Regulation) gibt.
Anhand der aufgezeigten Theorien wird deutlich, wie wichtig das behutsame Einschwingen auf die Situation und das Gegenüber für gelingende Kommunikation sind. Freundlicher Small Talk und ein Lächeln können wichtige Botschaften sein, die dem anderen die notwendige Sicherheit signalisieren.
Die folgende Abbildung verdeutlicht, dass das Spektrum unseres Denkens, Fühlens und Handelns erheblich davon beeinflusst wird, ob wir uns sicher fühlen oder nicht. Sehen wir uns bedroht, was zum Beispiel auch bei Stress der Fall ist, verengt sich unser Handlungs-, Denk- und Gefühlsspektrum und uns stehen dann viel weniger hilfreiche Optionen zur Verfügung, als wenn wir uns sicher fühlen. Sich diese physio- und psychologischen Mechanismen des menschlichen Verhaltens vor Augen zu führen, bietet neue Zugänge, um andere und sich selbst verständnisvoller und damit wertschätzender zu betrachten.
Wertschätzungsbrille
[22]Mit dem Blick durch diese Wertschätzungsbrille ergeben sich Potenziale, verlorengegangenes Sicherheitserleben durch gegenseitige Co-Regulation wieder aufzubauen und ein Abrutschen in ein Erleben von Unsicherheit durch wertschätzende Signale unwahrscheinlicher zu machen.
Nehmen wir Begegnungen als bedrohlich für die eigene Position wahr, wie es zum Beispiel in hektischen Meetings unter Zeitdruck, im Mitarbeitergespräch bei Kritik, in Diskussionen und Machtkämpfen der Fall sein kann, gehen wir schnell in den Überlebensmodus über. Wir greifen dann die Standpunkte anderer an, wir rechtfertigen uns oder verstummen und stellen uns damit quasi tot. An eine produktive und konstruktive Zusammenarbeit mit Köpfchen ist dann nicht zu denken.
In der folgenden Abbildung sind in den roten Sektoren Haltungen und Überzeugungen dargestellt, die dazu führen können, dass Gespräche als Kampf oder Bedrohung erlebt werden. Im weißen Sektor herrscht dagegen soziale Verbundenheit und Co-Regulation vor. Produktive Gespräche mit echten Win-win-Chancen sind dann besser möglich. Die Gesprächsteilnehmenden fühlen sich sicher und einander verbunden.
Hilfreiche und hinderliche Haltungen
Angenommen, Sie würden mit der Haltung »Ich bin okay und du bist okay« in Gespräche gehen, welchen Unterschied würde das machen?
Was uns und andere unsicher machen kannAusbleiben erwarteter oder Eintreten unerwarteter Gestik, Mimik, Stimmklang, Stimmlautstärke, Körperhaltung und -koordinationJegliche Veränderung des gewohnten Umfeldes (Versetzung, Wechsel der Vorgesetzten, Entlassung)