WeserTod - Andreas Schmidt - E-Book
Beschreibung

Norbert Ulbricht, zu einem Kurztrip im Weserbergland unterwegs, wird unversehens zum Ermittler, als seine Freundin und Kollegin Maja Klausen vom 1. Fachdezernat der Polizeiinspektion zu einem Tatort gerufen wird. Der Schwimmgreifer Bodenwerder birgt ein zehn Jahre altes Autowrack aus dem Wasser. Die verweste Leiche hinter dem Lenkrad schockt Arbeiter und Polizei gleichermaßen – und in Hameln kommt es bei einer Anti-Atomkraftdemonstration zu derben Ausschreitungen: Mord am Chef des Sicherheitsdienstes im Kernkraftwerk an der Weser. Maja bekommt jede Menge unangenehmer Arbeit und versucht aus ihren Recherchen Verbindungen zum schauerlichen Fund in der Weser zu ziehen. Das Kernkraftwerk an der Weser scheint zum Spekulationsobjekt macht- und geldgieriger Manager zu werden. Die Täter ziehen eine Blutspur durchs Weserbergland.

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Seitenzahl:344

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Andreas Schmidt

WeserTod

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

© 2011 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Brigitte Mück, Carsten Riethmüller

Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel

Printed in Germany

E-Book-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

E-Book ISBN 978-3-8271-9806-8

Der Roman spielt hauptsächlich in allseits bekannten Stätten des Weserberglands, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Über den Autor:

Andreas Schmidt ist verheiratet und Vater zweier Kinder, er lebt und arbeitet mit seiner Familie in Wuppertal. Die Leidenschaft für das Schreiben entdeckte er als Jugendlicher; so schrieb er als Schüler diverse Kurzgeschichten und arbeitete an Schülerzeitungsprojekten mit. Nachdem er zahlreiche Heftromane für große Verlage geschrieben hatte, gab er 1999 mit „In Satans Namen“ sein Krimi-Debüt. 2002 gelang ihm mit „Das Schwebebahn-Komplott“ der Durchbruch. Inzwischen sind sechs Wuppertal-Krimis, eine Anthologie sowie der Thriller „Mein ist die Nacht“ erschienen. Seit 2008 ist er hauptberuflich als Autor und Texter für verschiedene Agenturen und Verlage sowie als Freier Redakteur tätig.

Mehr über Andreas Schmidt und seine Aktivitäten erfahren Sie unter www.andreasschmidt.org

Für meinen Vater, besten Freund und ersten Leser.

Werner Schmidt

(* 05.12.1939, † 21.04.2004)

PROLOG

Hessisch Oldendorf, 13. Oktober 2001

Er fuhr am Rande des Limits. Die Scheibenwischer schafften es kaum, mit den Wassermassen fertigzuwerden, die ein eisiger Wind gegen die Windschutzscheibe des Golf GTI peitschte. Angestrengt starrte er in die Lichtlanzen, die dem Wagen vorauseilten und es schwer hatten, die Regenwand zu durchdringen. Das Gebläse lief auf der höchsten Stufe, und trotzdem beschlugen die Scheiben und erschwerten ihm zusätzlich die Sicht. Doch er war in Eile. Vielleicht, so hoffte der athletische Mann hinter dem Steuer mit mahlenden Kieferknochen, vielleicht schaffte er es rechtzeitig nach Grohnde, um die drohende Katastrophe im Atomkraftwerk zu verhindern.

Rechts sah er immer wieder den Flusslauf der Weser. Als die Bundesstraße 83 an Hessisch Oldendorf vorüberführte, ging er ein wenig vom Gas und spähte in den Rückspiegel. Kein Zweifel, sie verfolgten ihn immer noch. Schon seit einigen Kilometern hing der schwere Wagen, wahrscheinlich ein Mercedes oder ein BMW, ihm an der Stoßstange. Er war sicher, dass ihn die beiden Männer, die er im Gegenlicht entgegenkommender Fahrzeuge ausgemacht hatte, von seinem Vorhaben abbringen wollten. Doch so weit wollte er es nicht kommen lassen, dachte er grimmig, und schaltete in den vierten Gang herunter, um dem Motor wieder die volle Leistung abzuverlangen. Kurz schlitterte der Wagen über die nasse Straße, und er umklammerte das Lenkrad fester, während er über den Rückspiegel beobachten konnte, dass der Abstand zu seinen Verfolgern wieder wuchs.

Nein, dachte er, ein BMW scheidet aus. Die bauen in den modernen Modellen ein neuartiges Abblendlicht ein, das vorausfahrenden und entgegenkommenden Fahrzeugen besonders grell erschien. Also doch Mercedes.

Die Reifen des GTI wirbelten Gischt auf, die sich wie ein nasses Netz auf die Seitenscheiben legte und die Lichtreflexionen von außen vervielfachte. Seit einigen Kilometern kämpfte er mit einem peitschenden Wind, der immer wieder die Karosserie des Golf ergriff und sie beutelte. Es war schwer, den Wagen auf der Straße zu halten, und dennoch fuhr er auf volles Risiko. Es ging um viel, und er wollte in dieser Nacht den Coup seines Lebens landen. Dafür musste er Grohnde aber unbeschadet erreichen. So setzte er auf den neuen Golf, einem Jubiläumsmodell anlässlich des 25. GTI-Jubiläums der Wolfsburger Autobauer. Das Fahrwerk bot ihm eine ideale Mischung aus Komfort und Sportlichkeit – so schien der Golf trotz des Wetters an der Straße zu kleben. Nur die Motorleistung des V5-Turbomotors mit seinen 180 Pferdestärken verführte ihn immer wieder dazu, das kompakte Fahrzeug auf Höchstleistung zu bringen.

Vor der langgezogenen Kurve schaltete er einen Gang herunter. Die Vorderräder untersteuerten leicht, doch dann hatte er den Wagen wieder unter Kontrolle. Er blickte nach rechts, dort glitzerte des Flusslauf der Weser wie ein schwarzes Band in der Landschaft. Mit einem Blick in den Rückspiegel stellte er fest, dass seine Verfolger aufgeholt hatten. Er trat auf das Gaspedal und konzentrierte sich auf die Kurve. Hier wäre ein Fahrfehler fatal.

Ein harter Schlag an der Vorderachse riss ihn aus seinen Gedanken. Es war, als wäre der rechte Vorderreifen weggeflogen. Nun schien der Golf über die Vorderachse zu schieben. Ein Ruck ging durch das Lenkrad, und er spürte, wie ihm das rechte Handgelenk brach. Ein schriller Schmerzenslaut kam über seine Lippen, und er versuchte den Wagen mit der unverletzten Hand wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch er konnte die Katastrophe nicht verhindern. Der Wagen schob sich unaufhaltsam auf die Böschung zu, die das Weserufer und die Straße voneinander trennten. Ein erneuter Ruck durchlief den Wagen, und er wurde in seinen Sicherheitsgurt gepresst. Ohnmächtig musste er mit ansehen, wie sich das Heck des Golf in die Luft hob und der Wagen sich überschlug. Ein letztes Mal riss er das Lenkrad herum, als er glaubte, der Wagen würde sich wieder in der Waagerechten befinden. Doch es war zu spät. Der Golf raste nahezu ungebremst auf das Ufer der Weser zu.

Die Windschutzscheibe barst, und er war durch ein milchiges, spinnennetzartiges Gebilde blind. Blech kreischte, und irgendwo hinter ihm ging eine Scheibe zu Bruch. Der Scherbenregen erwischte ihn und fügte ihm unzählige kleine Schnittwunden zu. Es fühlte sich an, als würde sein Gesicht verbrennen. Dann wurde es still um ihn herum. Der Wagen dümpelte auf der Weser, Sekunden nur, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen. Dann tauchte die Motorhaube ins Wasser ein, und er kurbelte mit der linken, unverletzten Hand eine Seitenscheibe herunter, versuchte den Sicherheitsgurt zu lösen, doch das Ding schien zu klemmen.

Panik ergriff ihn. Er war wie ein Zuschauer eines tragischen Films und musste tatenlos zusehen, wie der Wagen unter die Wasseroberfläche sackte. In dem Moment, als ihm das Wasser im Wageninneren bis zum Kinn stand, wusste er, dass er den Kampf verloren hatte. Die Kälte, die nach ihm griff, spürte er bereits nicht mehr.

EINS

Gegenwart

Hameln, Wasserschutzpolizei Rosenbusch, 7.30 Uhr

Der erste Kaffee des Morgens schmeckte bescheiden, dachte Polizeioberkommissar Günter Permes frustriert und pustete in die Tasse mit dem verblichenen Logo der Polizeigewerkschaft. Es lag sicher nicht nur an der neuen Kaffeemarke, die Fritz gestern mitgebracht hatte. Der Beschluss der Landesregierung, die Wasserschutzpolizei in Hameln in Kürze aufzulösen, ging Permes gehörig an die Nieren. Und sinnvolle Alternativen gab es nicht, denn mit der Auflösung des Standortes Hameln hatte der Landtag gleichzeitig beschlossen, auch Oldenburg, Hannover, Braunschweig, Papenburg und sogar Norddeich aufzulösen. Wo sollte er dann Dienst schieben?

Man hatte ihm und seinen beiden Kollegen versprochen, dass sie sich einen neuen Einsatzort wünschen konnten. Pure Augenwischerei, denn unterm Strich würden die Beamten künftig dort eingesetzt werden, wo man sie benötigte.

Permes trat mit der Kaffeetasse ans Fenster der Wache und blickte nachdenklich hinaus auf den Fluss. Die Sonne stand schon hoch über der Weser und tauchte den Fluss in ein warmes, anheimelndes Licht. Herbstsonne, dachte er. Die Fenster waren halbrund in einer Art Erker angeordnet und erlaubten ihm einen Panoramablick von der Umgebung. Die Straße Rosenbusch verlief u-förmig zwischen der Pyrmonter Straße und dem Torbayufer. Während rechter Hand die ausrangierte Eisenbahnbrücke vor sich hinrostete, blickte er nach vorn auf die Schleuse und konnte links die Münsterbrücke erkennen, auf der dichter Verkehr Richtung Innenstadt herrschte. Ein typischer Herbsttag. Doch dieser Herbst war anders als die 46 bisherigen, die er erlebt hatte. Er fühlte sich kälter an, jedenfalls bildete er sich das ein. Vielleicht lag das aber auch an der beruflichen Ungewissheit, die ihm bevorstand. So versuchte er die Schönheit des Herbstes zu genießen, so gut es ging. Das Laub der Bäume am Ufer verfärbte sich und schillerte in allen Farben. Am Torbayufer wagten sich zwei Enten an Land, während im Himmel eine Möwe über dem Becken der Schleuse kreischend ihre Bahn zog. Ein Ausflugsdampfer tuckerte flussaufwärts. Unwillkürlich fragte er sich, ob die Menschen auf dem Ausflugsschiff ähnliche Sorgen hatten wie er. Der Beschluss, dass die kleine Wache am Rosenbusch dicht gemacht werden sollte, bereitete ihm schlaflose Nächte. Und so hatte er sich in den Morgenstunden unausgeschlafen und schlecht gelaunt auf den Weg hierher gemacht. Er war mehr Schiffer als Polizist, und doch hatte die Kombination beider Berufe den Reiz des Jobs ausgemacht. Wie viele seiner Kollegen stammte auch Günter Permes aus einer Schifferfamilie. Er liebte die Weser, nannte sie liebevoll seinen Fluss und hätte nie im Leben daran geglaubt, hier einmal wegziehen zu müssen. Jetzt, wo die beiden Töchter Lisa und Jenny aus dem Gröbsten heraus waren und Ausbildungsplätze in Hameln bekommen hatten. Jetzt, wo das Haus an der Sollingstraße in Holzminden fast abbezahlt war und als Altersvorsorge diente. Ausgerechnet jetzt.

Es war zum Kotzen, dachte Permes verbittert und schüttelte den Kopf. Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Wahrscheinlich, damit hatte er sich schon abgefunden, würde er arbeitslos werden. Und was das in seinem Alter zu bedeuten hatte, war ihm klar: Ein Jahr Arbeitslosengeld einstreichen, bevor er in Hartz IV rutschte. Einen Job würde er mit 46 Jahren wohl nicht mehr bekommen. Unternehmer stellten junge Leute ein, die zum einen körperlich belastbar waren und zum anderen andere Lohnvorstellungen äußerten. Und ob Permes die letzten Raten für das Haus von seinem Arbeitslosengeld bestreiten konnte, daran zweifelte er schon jetzt. Er fühlte sich, als würde er am Abgrund stehen.

Unweit der Schleuse lag die Pamir, das blauweiße Streckenboot, auf dem er in den letzten Jahren Dienst verrichtet hatte. Die gute alte W9 würde man nach dreißig Jahren treuen Dienstes nach Leer in Ostfriesland schaffen, um sie dort zu verkaufen. Niemand wusste so wirklich, wann die drei Polizisten die Wache am Rosenbusch zum letzten Mal abschließen würden, wann es ernst wurde für sie. Auch die Gespräche der Hamelner Oberbürgermeisterin mit dem Ministerpräsidenten hatten nichts gebracht. Das Aus für die Wasserschutzpolizei Hameln war beschlossene Sache, daran hatte auch das in letzter Minute eingelegte Veto der Sozialdemokraten im vorigen Winter nichts ändern können.

Danke Hannover, dachte Permes verbittert, als das Telefon auf seinem Schreibtisch anschlug. Scheiß Hannover!

Als er sich umdrehte und zu seinem Arbeitsplatz blickte, starrte er auf die DEWEZET, die neben dem Telefon auf seinem alten Schreibtisch lag. Wie immer hatte er sich die Zeitung auf dem Weg zum Dienst an der benachbarten Westfalen-Tankstelle besorgt. Jeden Morgen hielt er dort an – der Mann an der Kasse kannte ihn bereits mit Namen, was wahrscheinlich auch daran lag, dass er in Uniform kam und ein kleines Namensschild auf der Brust trug. Permes besorgte sich hier immer eine Packung Zigaretten und eine Zeitung; manchmal auch ein Croissant, wenn ihm danach war.

Man titelte auf der Zeitung mit einer neuen Horrormeldung aus dem japanischen Fukushima. Mein Gott, dachte Permes, die armen Menschen dort. Nicht nur, dass ihr Lebensraum durch die verheerenden Erdbeben zerstört worden war; durch den Supergau im Atomkraftwerk war die Gegend jetzt völlig verstrahlt. Auch an der Weser gab es ein AKW mit einem eigenen Zwischenlager – in Grohnde. Dort befand sich am Flussufer auch die Verladestelle, eine wichtige Durchlaufstrecke bei Castortransporten. Mit der Auflösung der Wasserschutzpolizei war eine Durchführung des bestehenden Weser-Alarmplans nicht mehr möglich, und Permes betete, dass in Emmerthal nie etwas annähernd verheerendes wie in Japan geschehen möge.

Er wandte sich um und spielte sekundenlang mit dem Gedanken, es einfach klingeln zu lassen. Bald schon würde es auch ohne die Wasserschutzpolizei gehen. Warum sollte er also noch Einsatz zeigen?

Schließlich wurde er doch von seinem Pflichtgefühl übermannt und trat an seinen Schreibtisch. Er stellte die Tasse ein wenig zu schnell ab – der Kaffee schwappte über und bildete einen unansehnlichen Rand auf der Schreibunterlage. Permes unterdrückte einen Fluch, griff nach dem Hörer, umrundete den Tisch und ließ sich auf den Stuhl sinken, während er sich meldete.

Am anderen Ende der Leitung war Horst Sickelmann, stellvertretender Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes, das im gleichen Gebäude wie die Polizei untergebracht war. „Moin, Herr Nachbar. Herzliches Beileid“, murmelte Sickelmann betroffen.

„Kannst du dir sparen“, gab Permes bissig zurück und angelte nach seiner Tasse. Während er trank, verzog er das Gesicht, was Sickelmann am anderen Ende der Leitung natürlich nicht sehen konnte.

„Ich mein’ das ernst. Das stand doch jetzt in der DEWEZET. Hameln ohne Wasserschutzpolizei – wie soll das denn funktionieren?“

„Dann müssen die 55.000 Sportboote im Jahr auf dem Fluss halt ohne uns klarkommen. Oder man wird sich an Streifenwagen mit Bootsanhänger gewöhnen müssen“, erwiderte Permes sarkastisch.

„Wenn ich mich recht erinnere, gibt es die WSP Hameln schon seit 1922.“

„Kannst du mal sehen, wie alt du schon bist.“ Nun musste Permes doch grinsen. Und auch der Kaffee schmeckte einen winzigen Deut besser. „Aber du rufst bestimmt nicht an, um mir dein Beileid zu bekunden“, schob er in sachlichem Ton nach.

„Allerdings. Unser Bagger hat an der Kiesverladestelle in Hessisch Oldendorf ein Auto aus dem Fluss geholt. Solltest du dir mal ansehen.“

„Ich habe einen gut erhaltenen Gebrauchtwagen – danke.“

„Solltest trotzdem mal kommen und dir den Mist ansehen, ich meine es ernst.“

Sickelmann war offenbar nicht zum Scherzen aufgelegt. Die Männer kannten sich seit über zwanzig Jahren und gaben sich allzu gern liebevollen Frotzeleien hin. Wenn er rummuffelte, dann hatte das wohl einen Grund.

„Nun gut, ich komme raus. Bist du auch vor Ort?“

„Sicher, ich melde mich aus Hessisch Oldendorf. Hau rein, die Sache ist ziemlich heiß.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hatte Sickelmann aufgelegt.

„Blödmann“, brummte Permes und legte ebenfalls auf. Während er seinen Kaffee leerte, fragte er sich, was an einem Autowrack in der Weser so heiß sein konnte. Vermutlich, dachte Permes im Hinausgehen, hat wieder einer seine Schrottkarre im Fluss versenkt, um die Entsorgungskosten zu sparen. Routine. Fahrgestellnummer feststellen, Halteranfrage und Anzeige an den Halter. So einfach war das. Nichts, weshalb man schlechte Laune schieben musste, so wie Sickelmann es tat.

Wenn hier einer Grund zu schlechter Laune hat, dann bin ich das wohl, dachte Günter Permes, als er zum Streifenwagen marschierte, der neben der kleinen Wache parkte.

Holzminden, 7.45 Uhr

Ihm wurde ziemlich heiß, als er sich an die letzte Nacht erinnerte. Das Blut wanderte abwärts in seinen Schoß, und ein lüsternes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Er bedauerte es, dass er damit nicht vor seinen Freunden prahlen durfte. Alles, was in der letzten Nacht geschehen war, musste geheim bleiben. Und so war es die Erinnerung, an der er sich jetzt verzehrte. Sie hatte sehnsüchtig in der luxuriösen Wohnung auf ihn gewartet. Bis zu dem Moment, als er sie in den Arm genommen hatte und sie ihm den Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss verschlossen hatte, der keine Fragen zulassen sollte, und sie unbekleidet auf den Fußboden des großen Wohnzimmers gesunken waren, waren nur wenige Sekunden vergangen. Es hatte nur sie gegeben, und so hatten sie sich der Kleidungsstücke entledigt. Er hatte sich ihr hingegeben, als sie ihre Lippen auf Wanderschaft geschickt hatte und ihre Lippen seine Männlichkeit umschlossen hatten und ihm auch den letzten Rest Vernunft geraubt hatten. Irgendwann, als er kurz davor gewesen war, den Verstand zu verlieren, hatte er sich revanchiert, sie sanft fortgedrückt und ihr süße Qualen bereitet; hatte ihre Haut mit seinen Küssen bedeckt und dabei keinen Zentimeter ausgelassen, hatte seine Hände auf Wanderschaft geschickt und sie wahnsinnig gemacht. Als er seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, waren ihre Hände durch sein Haar geglitten, sie hatten sanft daran gezogen und er hatte es geliebt, ihre Lust zu schmecken, während sie seinen Kopf sanft gedrückt gehalten und ihm so signalisiert hatte, nicht aufzuhören. Als es kein Zurück mehr für sie gab und auch ihr halbherziges „Wir dürfen das nicht tun, wir dürfen das nicht“ einem lüsternen Keuchen gewichen war, war er schnell und tief in sie eingedrungen und hatte ihr das gegeben, wonach sie sich offenbar schon viel zu lange gesehnt hatte. Tief hatte er ihr dabei in die Augen geblickt, hatte ihren Atem in seinem Gesicht gespürt und ihr zugesehen, wie ihr Blick glasig wurde und winzige Schweißperlen auf der Stirn ihm verrieten, dass sie so weit war. Erst, als sie sich stöhnend unter ihm gewunden und ihm das Becken entgegengehoben hatte, war es auch für ihn so weit gewesen, dass es kein Zurück mehr gab.

Das alles erschien ihm jetzt, mit Einbruch des neuen Tages, wie der Traum eines pubertären Teenagers, der mit dem Testosteronüberschuss nicht umzugehen wusste. Sie hatte ihn um Jahre verjüngt, hatte sich nach ihm verzehrt, und sie hatte ihm genau das gegeben, was er schon viel zu lange entbehrt hatte.

Er verdrängte die Gedanken und atmete ein paar Mal tief durch, als er die Hitze in seinen Lenden spürte. Er durfte sich heute keine Schwäche leisten. Heute galt es, die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. Und ob sie in seinem neuen Leben noch einen Platz haben würde, das musste die Zeit zeigen. Seine Hände zitterten leicht, als er den Achtzylinder des BMW startete und losfuhr. Heute würde sein Tag der Entscheidungen werden.

Hessisch Oldendorf, 7.55 Uhr

Die Stelle, an der sie den Wagen aus dem Wasser gezogen hatten, sah Permes schon von Weitem. Kollegen vom örtlichen Streifendienst hatten alle Hände voll zu tun, die versammelten Schaulustigen auf Distanz zu halten. Rotweißes Absperrband flatterte im Wind. Permes ließ den Streifenwagen am Straßenrand stehen. Frustriert verzichtete er darauf, den Streifenwagen Pamir 5-11-0 abzuschließen. Demnächst würde der alte Polizeiwagen bei einer Versteigerung unter den Hammer kommen – benötigt wurde er von der Wasserschutzpolizei ja nicht mehr. Permes versuchte seine düsteren Gedanken zu verdrängen und näherte sich der Fundstelle an der Weser. Der Schwimmgreifer Bodenwerder lag am seicht abfallenden Ufer und zog die Blicke der Neugierigen auf sich. Obwohl es recht früh am Morgen war und die Leute eigentlich an ihrem Arbeitsplatz sein müssten, standen sie herum und gafften, was das Zeug hielt. Scheinbar hatte es sich schnell herumgesprochen, was geschehen war.

Am Ufer das Autowrack, bis zur Unkenntlichkeit zerstört und verwittert. Permes wunderte sich über den Sichtschutz, den die Kollegen aufgestellt hatten. Was war so besonders an einer alten Karre, die man aus der Weser gezogen hatte? Permes fragte sich zum stellvertretenden Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hameln durch. Sickelmann, ein drahtiger Mittfünfziger mit silbergrauen Haaren und einer Brille, war in ein Gespräch mit der Besatzung der Bodenwerder vertieft. Die drei Männer standen ziemlich betroffen am Ufer und schüttelten immer wieder die Köpfe. Als Sickelmann kurz aufblickte, erkannte er Permes. Er ließ die Arbeiter alleine zurück und näherte sich Permes mit ausladenden Schritten.

Sein Händedruck war fest – so mochte es der Wasserschutzpolizist.

„Das ist ein ziemlich dicker Hund“, wurde er von Sickelmann begrüßt.

„Ist die Karre geklaut, oder weshalb macht ihr so ein Bohei?“

„Da sitzt einer drin“, entgegnete Sickelmann unbeeindruckt.

„Bitte?“ Permes konnte sich nicht vorstellen, dass der stellvertretende Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes ihn auf den Arm nehmen wollte.

„Es befindet sich noch eine unbekannte Person in dem Fahrzeug, die wir bislang nicht identifizieren konnten“, wiederholte Sickelmann in bestem Behördendeutsch. Dann grinste er schief. „Abgesehen davon, ist das dein Job.“

„Falsch. Für Tötungsdelikte bin ich auch nicht zuständig“, murmelte Permes und zückte das Handy.

„Willst du ihn nicht erst mal sehen?“ Sickelmann deutete mit dem kantigen Kinn zu dem Autowrack.

„Kann nicht schaden“, erwiderte Permes und folgte Sickelmann mit dem Telefon in der Hand. Der Wagen bot einen schaurigen Anblick. Das zerdrückte Blech war irgendwann einmal schwarz oder anthrazit gewesen. Von der Form her hatte es sich um einen Kompaktwagen gehandelt – ein Astra, vielleicht auch ein Citroën oder ein Japaner, Permes konnte das nicht beurteilen. Die Karosserie war bis zur Unkenntlichkeit zerstört.

„Ein Golf war das“, brummte Sickelmann, der offenbar die Gedanken des Polizisten erraten hatte. „Siehst du an den Alufelgen; entweder ein GTI oder die frisierte Karre eines Spinners, der sich die GTI-Felgen nachträglich montiert hat.“

„Warum ist der so zerbeult?“ Permes hatte Mühe, seine Fassungslosigkeit zu verbergen.

Sickelmann lachte humorlos auf. „Hast du eine Ahnung, wie viele Schiffe bei Niedrigwasser über das Wrack gerumpelt sind? Wir können froh sein, dass da nichts passiert ist.“

„Nichts passiert ist gut. Willst du mir sagen, der Wagen war über einen längeren Zeitraum im Fluss?“

„Guck dir die Leiche an und bilde dir selbst ein Urteil – du bist der Polizist.“

Die Männer näherten sich dem Wrack, und Permes wagte einen zaghaften Blick in den Fahrzeuginnenraum.

Tatsächlich hockte eine verweste und skelettierte Leiche hinter den Resten des Lenkrads. Es war ein Anblick wie in einem schlechten Horrorfilm: Leere Augenhöhlen schienen ins Nichts zu starren, die Zähne erinnerten an ein Raubtier; sie fielen Permes sofort ins Auge. Knochen und Kleidungsfetzen auf dem Fahrersitz jagten Permes einen Schauer über den Rücken. Auf dem Fahrzeugboden stand das Wasser knapp zehn Zentimeter hoch.

„Das sieht man nicht alle Tage, was?“ Sickelmann betrachtete Permes nachdenklich.

Der Polizist schüttelte den Kopf und wählte die Nummer des Ersten Fachkommissariats der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden. Dies war definitiv nicht seine Baustelle.

ZWEI

Er hatte die Anfahrt genossen. Als er im Morgengrauen in Wuppertal losgefahren war, hatte es geregnet, doch als er am Autobahnkreuz Wuppertal-Nord im ersten Stau gestanden hatte, war Ulbrichts Laune schlagartig gesunken. Am Westhofener Kreuz hatte die Sonne die tief hängenden Wolken verdrängt, und Norbert Ulbricht hatte die windschiefe Sonnenbrille mit den verstaubten Gläsern aus dem Handschuhfach gekramt, die er schon seit gefühlten zwanzig Jahren besaß. Nichts Besonderes, die Brille stammte aus einem der unzähligen Billigläden in der Barmer Innenstadt, doch das Ding passte ihm und war einigermaßen bequem. Es schien ein warmer Tag zu werden, einer der vielleicht letzten angenehmen Herbsttage in diesem Jahr. Der Sommer war vorbei, und Norbert Ulbricht war froh, dass die unerträgliche Bullenhitze erst mal überstanden war.

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