19,99 €
Die legendäre Traumstraße Highway No 1 berührt spektakuläre Küstenabschnitte, großartige Naturlandschaften und die pulsierenden Metropolen Oregons und Kaliforniens. Es ist noch immer gelobtes Land, Traumziel für Millionen Reisende, Aussteiger und Glückssucher. Fotograf und Extremradler Dirk Rohrbach sucht an Amerikas Westküste nach wilden Landschaften, inspirierenden Typen und überraschenden Geschichten. Ein Roadtrip mit Sehnsuchtsgarantie, zum Nachreisen mit dem Bike, Motorrad oder Wohnmobil.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2023
Für Paul, into the great wide open
Wild und schroff ist die Küste kurz vor Bodega Bay. Hier wird der Highway 1 zu Kaliforniens Traumstraße.
Vorweg
Washington Coast
Traumstädte und richtig guter Kaffee
Olympic Peninsula
Entdecker und Bigfoots im Regenwald
Northern Oregon
Superfood im Radlerparadies
Southern Oregon
Auf den Spuren der Küstenindianer
Northern California
Im Land der Giganten
California Central Coast
Wilde Küste und große Träume
Southern California
Der zähe Weg bis Mexiko
Karte
Dank
Hiker biker sites gibt es überall entlang der Route. Günstiger kann man als Radler nirgendwo übernachten.
Ich tippe diese Zeilen am Tisch in der mother-in-law suite. So nennt Connie den Raum über der Garage, Schwiegermutterstube. Bett, Schrank, Dusche. Kochen kann ich drüben im Haus, hat sie mir angeboten. Connie und ihr Mann Chris sind gerade beruflich in München, ihr Haus hier in Redmond bei Seattle steht leer. Ein unwiderstehliches Angebot. Schließlich kenne ich das Zimmer seit 2004, als ich hier schon mal übernachtet habe. Nach dem Crash im Tunnel. Ich war dabei, Amerika mit dem Fahrrad zu umrunden, fast 15 000 Kilometer. Seattle markierte ungefähr Halbzeit, nachdem ich in Florida gestartet, quer durch den Süden bis Los Angeles und dann die Küste hochgefahren war. Mein erstes großes Abenteuer. Dafür hatte ich extra eine Auszeit genommen von meinen Jobs als Arzt und Radiomoderator, den Mietvertrag gekündigt und meine Sachen bei Freunden untergestellt. Sechs Monate allein in Amerika. Ein Traum.
Nicht ohne Herausforderungen. Speichenbrüche vor allem. Und dann der Crash im Tunnel. Im Straßengewirr von Seattle bin ich irgendwann auf der Autobahn gelandet und musste auf dem Seitenstreifen durch einen Tunnel, um zur nächsten Ausfahrt zu gelangen. Bergab hatte ich bestimmt 30, 40 Sachen drauf und meine Sonnenbrille auf der Nase. Zu spät erkannte ich direkt vor mir ein schemenhaftes Etwas. Beim Aufprall platzten sofort beide Reifen und die Felgen waren hinüber. Aber wie durch ein Wunder bin ich nicht gestürzt. Im Schock bin ich ausgerollt, abgestiegen und habe das Rad aus dem Tunnel rausgeschoben. Was da lag, habe ich nicht herausgefunden, vielleicht eine alte Autobatterie. Egal, ich war heile, das Rad nicht. Zum Glück.
Denn während der Reparatur fand ich Unterschlupf bei Connie und ihrer Familie. Die Einladung kam sogar schon vor der Reise per E-Mail. Connie stammt aus Augsburg, lebt aber mit ihrem Mann Chris und den beiden Töchtern schon lange in Washington. Übers Internetradio wusste sie von meiner Tour und lockte mich mit selbst gemachtem bayerischem Wurschtsalat. Nach ein paar Pausentagen im »Schwiegermutterzimmer« und mit zwei neuen Laufrädern konnte ich die Tour dann fortsetzen und am Ende wieder Florida erreichen. Die Umrundung war vollbracht – und ich danach völlig orientierungslos. Deutschland fühlte sich plötzlich so eng an. Ich vermisste die Weite, das Unterwegssein, die Begegnungen.
Camp am Pazifischen Ozean in Washington. Die Brandung sorgt für einen tiefen Schlaf.
Trotzdem hat es noch mal fünf Jahre gedauert, bis ich einen krassen Schnitt in meinem Leben gemacht und den Ausstieg endgültig gewagt habe. Ich entschied mich gegen einen festen Wohnsitz, Karriere, Familie und für ein Leben als rastloser Nomade, überall und nirgends zu Hause. Seit 2010 pendle ich so zwischen Amerika und Europa. Im Sommer reise ich monatelang durch die USA, sammle Geschichten, Interviews, fotografiere. Im Winter teile ich meine Erlebnisse bei Vorträgen, Lesungen, im Radio und Fernsehen. Rückblickend war die Radtour 2004 nicht nur der Auslöser, sondern auch der Wendepunkt.
Wenn Radfahren philosophisch wird. Nur wer weitermacht, kann die Balance halten.
Neun Jahre später habe ich die USA mit dem Rad noch mal durchquert und bin von New York nach Los Angeles gefahren, genau durch die Mitte. Jetzt fehlte nur noch eine Tour von Nord nach Süd, um meine Trilogie der Radabenteuer abzuschließen. Warum also nicht zurück auf die schönste Küstenstraße der Welt? Hier gibt es alles. Schneebedeckte Vulkane, uralte Baumriesen, einsame Traumstrände und den endlos weiten Ozean. 3000 Kilometer wilde Küste. Ihr wollte ich folgen, aus eigener Kraft, mit dem Rad, von der kanadischen bis zur mexikanischen Grenze. Und ich wollte die Menschen treffen, für die Amerikas Westküste Heimat ist, Aussteiger, Träumer und Visionäre.
Vielleicht ist Radreisen die schönste Form des Reisens. Entschleunigt, aus eigener Kraft erfährt man sich ein Land, erlebt intensiver, nimmt Dinge wahr, an denen man im Auto einfach vorbeifahren würde. Und man kommt schnell ins Gespräch. Woher, wohin, warum. Die zentralen Fragen bei jeder Begegnung unterwegs. Und manchmal öffnet das Rad eben auch Türen. Und genau darum geht es mir. Meine Reisen sollen immer nur der rote Faden sein, um die Geschichten der Menschen zu erzählen, denen ich unterwegs begegne.
Drohnenbild von Gravelbike samt Ausrüstung. Wasserdicht verpackt hat alles seinen Platz am Rad.
Und damit ich mich voll darauf konzentrieren konnte, hatte ich meine Ausrüstung für die Tour an der West Coast noch mal ordentlich gepimpt. Das Rad ist jetzt ein superleichtes Gravelbike mit Carbonrahmen, Hydraulikbremsen und Gepäckträgern für wasserdichte Packtaschen, in denen ich Proviant, Wechselkleidung, Schlafsack, Isomatte und Zelt unterbringen kann. Ende Mai 2021 bin ich gestartet, wobei man diese Tour an der Westküste mit der passenden Ausrüstung grundsätzlich das ganze Jahr über fahren könnte. Das gilt erst recht für eine Reise mit dem Auto, Motorrad oder Wohnmobil. Egal wie, Hauptsache los! Von Nord nach Süd. Und immer rechts der Pazifik.
Start am Friedensbogen zwischen Kanada und USA. Von hier sind es gut 3000 Kilometer bis nach Mexiko.
CHILDREN · OF · A · COMMON · MOTHER. Die schwarzen Lettern prangen deutlich sichtbar in fast 20 Meter Höhe auf dem weiß getünchten Betonklotz. Peace Arch nennen sie ihn, den Friedensbogen. Und die beiden Kinder sind Kanada und die Vereinigten Staaten. Die Mutter heißt Europa, genauer: das Vereinigte Königreich. Und mit dem lagen die noch jungen Vereinigten Staaten von Anfang an im Clinch. 1812 resultierte daraus ein blutiger Krieg, der mehr als zwei Jahre dauern sollte. Es ging um territoriale Vorherrschaft im Nordwesten, um was sonst. 1814 wurde im belgischen Gent ein Friedensvertrag formuliert, der unter anderem eine fortan offene Grenze zwischen den USA und Kanada garantierte. »May these gates never be closed«, steht deshalb in ebenfalls schwarzen Lettern unten, im Durchgang des Bogens. Dann kam COVID – und die Tore schlossen sich doch, für mehr als anderthalb Jahre.
Als ich hier stehe, mit meinem Rad, ist die Grenze immer noch dicht. Ich muss auf der amerikanischen Seite bleiben, in Blaine, Washington. Aber dort herrscht längst wieder reger Betrieb. Familien picknicken, Paare machen Selfies, Kinder spielen auf dem getrimmten Rasen. Hier also beginnt meine Reise: 3000 Kilometer nach Süden auf der schönsten Küstenstraße der Welt bis zur mexikanischen Grenze, wo mich ein krasses Kontrastprogramm erwarten wird, in ein paar Wochen.
Die Straße entlang der Westküste hat mehrere Namen. Als 101 beginnt sie hier oben in Washington, später, in Kalifornien, wird sie zum Highway 1. Pacific Coast Highway, Redwoods Highway, Shoreline Highway, Cabrillo Highway, El Camino Real lauten die Spitznamen. Eines haben alle Abschnitte gemeinsam, wenn man von Nord nach Süd fährt: Immer rechts liegt der Stille Ozean. Kein wirklich passender Name für das tosende Ungetüm, das das Meer hier häufig sein kann. Der Name geht auf den portugiesischen Seefahrer Ferdinand Magellan zurück, der bei seiner Weltumsegelung von Stürmen gejagt schließlich den Pazifik erreichte, wo die See ihn friedlich empfing. Deshalb nannte er sie Mar Pacifico. Schwein gehabt. Denn hier im Nordwesten Amerikas ist der Pazifik meist alles andere als still. Mit ohrenbetäubendem Lärm branden die Monsterwellen an die schroffe, windumtoste Küste. Gischt und Küstennebel schaffen ein einzigartiges Klima, in dem die größten Bäume der Welt wachsen. Sturm und eiskalte Wassertemperaturen sorgen dafür, dass die unendlich weiten Sandstrände oft verwaist bleiben. In all dieser gewaltigen, Ehrfurcht gebietenden Machtdemonstration der Natur liegen eine Kraft und Magie, die die Menschen seit Urzeiten anziehen. Die ersten ließen sich vor Tausenden von Jahren nieder, denn das Meer und die Wälder boten ihnen ein reichhaltiges Nahrungsangebot.
Vor knapp 100 Jahren wurden dann die Highways gebaut, die die amerikanische Pazifikküste zum Sehnsuchtsziel für Millionen Reisende machten. Wilde Natur, einsame Buchten, ewiger Horizont und die allmächtige Anziehungskraft des Meeres sorgen dafür, dass ein Roadtrip auf dieser Traumstraße zu einem unvergesslichen Abenteuer wird. Das Gefährt ist sekundär. Cabrio, Wohnmobil, Harley – Hauptsache der Sound stimmt. Denn die Küste ist vor allem auch musikalisch. In den 1960er- und 70er-Jahren mischten innovative Künstler Rock und Country, schufen den perfekten West-Coast-Sound. Später kamen die Rapper und Hip-Hopper. Und in Seattle und Umgebung revolutionierten erst Jimi Hendrix das Gitarrenspiel und dann die Grunge-Rocker der 90er die weltweite Musikszene.
Für Radfahrer ist die Pacific-Coast-Route wahrscheinlich die beliebteste in ganz Amerika, zum Trainieren und für ausgedehnte Touren. Die Adventure Cycling Association, sowas wie der amerikanische ADFC, hat ihr eigene Karten und Tipps gewidmet und damit deutlich zur Popularität beigetragen. Nirgendwo sonst in den USA ist die Infrastruktur für Radler besser, und das, obwohl es kaum Radwege gibt. Man fährt auf der Straße, die oftmals nicht mal einen Seitenstreifen, dafür aber reichlich Verkehr hat. Und trotzdem sind hier fast das ganze Jahr über Tourenradler unterwegs, die Teilstrecken oder die gesamte Route fahren. Angelockt von der spektakulären Aussicht, den vielen Campgrounds, einladenden Städtchen, Stränden und der Tierwelt. Wale, Delfine, Robben, Seeelefanten, Adler, Hirsche lassen sich oft ohne Weiteres vom Highway aus beobachten. Das spornt an, für den nächsten Anstieg. Und der kommt mit einer zermürbenden Regelmäßigkeit, die selbst eine Alpenüberquerung in den Schatten stellen könnte.
All das kannte ich. 2004 bin ich zum ersten Mal mit dem Rad an der Pazifikküste gefahren. Als Teil meiner Umrundung Amerikas bin ich von Los Angeles nach Seattle geradelt und habe dabei zwei essenzielle Fehler gemacht: Ich bin aus dem Süden nach Norden gefahren, gegen den Wind, der fast immer aus Nord, Nordwest kommt. Und ich habe die Strecke in nur drei Wochen runtergerockt, ohne einen einzigen Pausentag. Rückblickend echt bescheuert. Da bleibt nicht viel Zeit fürs Gucken und Genießen.
Das soll jetzt anders werden. Mein Truck und der Trailer parken bei Cindi, südlich von Olympia, Washingtons Hauptstadt. Ich habe sie über »Warmshowers« gefunden, sowas wie Couchsurfing für Radler. Cindi ist selbst Tourenradlerin und hat viel Platz auf ihrem Grundstück. Von dort bin ich mit dem Rad erstmal in drei Tagen durchs Hinterland von Seattle nach Norden, bis zum Peace Arch Park gefahren. Und von hier geht es nun schnurstracks immer nach Süden, von ein paar Umwegen und Serpentinen später mal abgesehen. Zur Orientierung habe ich Seiten aus einem Straßenatlas in eine durchsichtige Kartenhülle gefaltet und auf der Lenkertasche befestigt. Cindi hat mir noch einen alten Radreiseführer mitgegeben. Viele Infos sind längst überholt, aber die Tipps zu Distanzen, Ortschaften und campgrounds brauchbar.
Dichte Wolken verhüllen den Himmel, als ich am Nachmittag endlich vom Peace Arch Park aufbreche. Wind kräuselt das Meer. In der Ferne schemenhaft die Silhouette von Vancouver Island. Die Straße folgt nur kurz der Küste, dann geht es ins Hinterland. Ich rolle durch flaches Farmland, schlage das Zelt nach Sonnenuntergang im Birch Bay State Park auf. Mein erstes hiker biker camp. Auch ein Grund, warum so viele Wanderer und Radfahrer die Küste lieben: Viele state parks haben einen Extrabereich für uns abgetrennt, wo wir deutlich günstiger zelten können und selbst an überfüllten Wochenenden oder Feiertagen garantiert einen Platz bekommen. Am nächsten Tag führt mich die Straße durch noch mehr Felder, vorbei an Farmen bis nach Bellingham. Dann bleibe ich erstmal an der Küste. Aus dem tiefblauen Meer ragen die San Juan Islands empor. Im Osten dominiert an klaren Tagen der schneebedeckte Bilderbuchgipfel des massigen Mount Baker den Horizont. Baker ist ein Schichtvulkan, fast 3300 Meter hoch, und Teil des Pazifischen Feuerrings, der hier an der Küste einige der aktivsten und beeindruckendsten Vulkane entstehen ließ.
Padilla Bay und Mount Baker. Der Gletschergipfel des fast 3300 Meter hohen Vulkans thront in der Ferne über der Cascade Range.
Eine lange Brücke bringt mich vom Festland nach Fidalgo Island. Den gesamten Norden der kleinen Insel beansprucht Anacortes, 18 000 Einwohner. Die Stadt hätte mal das New York des Westens werden sollen, wäre es nach den Gründern gegangen, die hier im späten 19. Jahrhundert die Endstation einer Eisenbahnlinie über das Kaskadengebirge planten. Der Traum platzte und Anacortes etablierte sich stattdessen als Fischereihafen, Fischkonserven-Hersteller und Sägewerkzentrum. In den 1950er-Jahren wurden Raffinerien gebaut, zwei sind noch immer in Betrieb und bis heute der größte Wirtschaftsmotor. Außerdem pendeln von hier aus Fähren zu den San Juan Islands und nach Vancouver Island in Kanada. Tourismus spielt eine zunehmende Rolle. Die Northern-Tier-Radroute der Adventure Cycling Association verbindet Anacortes mit Bar Harbor in Maine an der Ostküste. Fast 7000 abenteuerliche Radkilometer liegen dazwischen.
Manche Besucher kommen nur wegen eines einzigen Ladens nach Anacortes. Der heißt schlicht The Business und verkaufte in seinen Anfangsjahren Ende der 70er gebrauchte Bücher, buntes Glas, Vogelfutter oder entwickelte Filme aus analogen Fotokameras. Im Laufe der Zeit konzentrierte sich The Business dann zunehmend auf Musik, Schallplatten vor allen Dingen, und wurde zum Kultladen für Vinylnerds. »Wir fokussieren uns total auf neu und independent«, sagt Nick Rennis, der The Business inzwischen gemeinsam mit seiner Frau Evie führt. Verstaubte Regale voller alter, gebrauchter Platten sucht man hier aber vergebens. »Wir wollen heutigen Künstlern eine Plattform geben, die man in anderen Läden nicht sieht.« Und das geht weit über den Verkaufsraum hinaus.
Im hinteren Teil des historischen Backsteingebäudes liegt das Warenhaus. Hier stapeln sich Platten, T-Shirts, Poster und Fanartikel von Dutzenden Bands. Nick und Evie haben den Vertrieb für inzwischen mehr als 80 kleine Labels im ganzen Land übernommen und verschicken die Produkte weltweit. Allein damit bezahlen sie mittlerweile ihre Rechnungen, denn nur mit Laufkundschaft könnte sich The Business nicht über Wasser halten. »Hier ist sonst nicht viel los. Außer der wunderschönen Natur gibt es eigentlich keinen Grund, warum man sich hierher verirren sollte«, sagt Nick. »Es sei denn, man ist auf dem Weg zur Fähre.« Super sleepy sei Anacortes, ein verschlafenes Nest mit schönen Wäldern, in dem vor allem Rentner leben. Und ein paar Millennials mit ausgefallenem Musikgeschmack. »Wir stehen hinter allem, was du hier findest, und haben entweder eine persönliche Beziehung zum Künstler oder zum Label.« Von den meisten Namen auf den Platten in den Regalen habe ich noch nie gehört, obwohl auch ich der Meinung bin, einen außergewöhnlichen Musikgeschmack zu haben. Offenbar einen anderen als Nick.
Evie und Nick Rennis vor ihrem »Business« in Anacortes. Wer Außergewöhnliches auf Vinyl sucht, wird hier fündig.
»Zuhause hören wir Ambient … aber auch lauten Sludge Metal oder was Folkiges oder Psych Rock aus Afrika.« Bei manchen Begriffen, muss ich echt nachfragen, weil ich nicht den blassesten Schimmer habe, wie es klingen könnte. Ich bitte um Nachhilfe. »Wir sind total begeistert vom Label Guruguru Brain. Die haben gerade eine neue Platte von Didhala rausgebracht, japanischen Spacey Psych Rock. Hat diesen throwback sound aber fühlt sich dabei auch sehr, sehr frisch und interessant an. Sie haben proggy Momente aber gleichzeitig auch heavy sludgy Elemente.« Ich verstehe immer noch nur Bahnhof. Zum Glück bietet mir Nick eine Kostprobe, aber nicht wie erwartet auf dem Plattenspieler, sondern vom Laptop. Streamen geht schneller als Platte aus der Hülle nehmen, auflegen, Track finden, Nadel korrekt platzieren und absenken. Was Momente später aus den Lautsprechern durch den Verkaufsraum wabert, klingt schrammelig, düster, melancholisch und ja, spacig. Gitarren und Percussion und verfremdete Vocals. Interessant bis gewöhnungsbedürftig.
Von Anacortes starten die Fähren zu den San Juan Islands und nach Vancouver Island in Kanada.
Trotzdem ist es spannend, wie viel Musik es abseits des engen Mainstream zu entdecken gibt, und dass die offenbar nur durch das Medium Vinyl eine echte Chance bekommt. Mit dem Klang hat das rein gar nichts zu tun, bestätigt Nick. »Es kommen immer wieder audiophile Typen rein, die mir von ihrem Equipment erzählen. Davon hab’ ich keine Ahnung, kann dir kaum sagen, ob ein Plattenspieler besser klingt als der andere. Es geht nicht um das Medium mit dem besten Sound. Aber Vinyl hilft dem Künstler in der Regel einfach am meisten.« Er meint den Verkaufspreis und den hoffentlich angemessenen Anteil, den ein Musiker davon bekommt. Denn eine ganze Platte kostet halt mehr als ein Single-Download, oder, noch schlimmer, ein Streaming. »Außerdem bringt ein Album meiner Meinung nach die Message des Künstlers besser rüber. Allein schon die größere Verpackung, die größere Cover-Art, die Beilage oder ein Poster, das ist alles interaktiver.« Und Plattenalben verlangen als Medium, dass man sich mehr damit auseinandersetzt, findet Nick. »Du kannst nicht einfach eine Platte auflegen und den Raum verlassen. Irgendwann musst du sie umdrehen, du musst also aufmerksamer sein. Und du kannst nicht von Track zu Track springen sondern hörst etwas in der Reihenfolge, in der es arrangiert worden ist.«
Manchmal kommen Kunden der Erinnerungen wegen ins Business und werden von Nick dann sanft auf den Boden der Realität zurückgeholt. »Nichts gegen Nostalgie. Aber viele Menschen bringen sich dadurch um die Chance einer völlig neue Erfahrung. Das wäre eine Schande, denn es gibt bestimmt eine ganze Menge Leute, die heute das machen, was du früher gemocht hast. Vielleicht hast du Lust, dich darauf einzulassen und bist dann genauso begeistert wie damals, als du in der Highschool die alten Platten zum ersten Mal gehört und dann mit nach Hause gebracht hast.« Um seinen Kunden den Umstieg zu erleichtern, macht Nick Empfehlungen und hat kleine Etiketten zwischen die neuen Platten sortiert, mit Namen bekannter Künstler. »Wenn du die magst, dann könnte dir auch das gefallen.«
Manchmal ist The Business auch Konzertsaal, mit einer kleinen Bühne im Schaufenster. Die Rollwagen mit den sortierten Platten werden dann einfach beiseitegeschoben, um Platz für 20 Zuhörer zu schaffen, vielleicht auch für ein paar mehr. »Wenn Künstler einen Tag Pause haben, zwischen ihren Shows in Seattle und Vancouver, fragen wir sie manchmal: ›Hey, statt in der Hotelbar abzuhängen, habt ihr nicht Lust, einen ziemlich schrägen Gig bei uns zu spielen?‹«
The Business hat sich über die Jahrzehnte einen Namen gemacht, ist Kult bei Musikjunkies und wurde von einem Magazin vor ein paar Jahren als einer der besten Plattenläden im ganzen Land bezeichnet. Ein bisschen mag das neben der Leidenschaft von Nick und Evie auch an seiner Lage in Anacortes liegen. »Wir sind am Nordende der Commercial Avenue, der einzigen Straße, wo was los ist. Weiter vorne gibt es Restaurants und Geschäfte, hier hinten wird’s dann ruhiger«, sagt Nick. »Wir liegen gegenüber von Dakota Creek, der Werft, und neben der Seilfabrik. Ich mag das total, es fühlt sich echt wie Anacortes an, einzigartig. Unser Block hier hat dieses verkrustete alte Hafenviertel-Gefühl. Neben uns ist der Laden für Schiffsbedarf und Eisenwaren, ein verrücktes altes Holzgebäude. Wenn du eine Schraube brauchst oder Schnürsenkel, einen Hut oder eine Boje, das bekommst du alles da drin.«
