What He Doesn't Know - Kandi Steiner - E-Book

What He Doesn't Know E-Book

Kandi Steiner

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Beschreibung

Mein Ehemann will mich nicht mehr. Der erste Mann, den ich jemals geliebt habe, ist zurück und würde alles tun, um mich zu bekommen. Meine Ehe zerbröckelt schon seit Jahren. Ich weiß, dass mein fürsorglicher, liebevoller Ehemann noch irgendwo da drin ist, aber seit unser Leben auf den Kopf gestellt wurde, versteckt er sich hinter der Fassade eines anderen Mannes. Doch als Reese in die Stadt zurückkommt, um an der Schule zu unterrichten, an der ich arbeite, merke ich, dass ich meinen Schmerz vor dem Jungen, mit dem ich aufgewachsen bin, nicht verbergen kann. Der Mann, den ich geheiratet habe, oder der Mann, den ich verloren habe. Das ist die Entscheidung, die ich treffen muss.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Kandi Steiner
What He Doesn’t know
What He Doesn’t Know

Kandi Steiner

What He Doesn’t know

Übersetzt von Lisa Schönfeld

What He Doesn’t Know

Copyright der deutschen Ausgabe. © 2026 VAJOSH Verlag GmbH

What He Doesn’t Know Copyright. © 2018 by Kandi Steiner

All rights reserved

Übersetzung: Lisa Schönfeld

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel

»What He Doesn’t know«.

Korrektorat: Aileen Dawe-Hennigs und Melina Blankenburg

Umschlaggestaltung: Diana Gus

Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz

VAJOSH Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz 


Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH

»Ich habe gelernt, dass die Menschen, die wir lieben,

normalerweise zu einem von drei Dingen werden:

ein Zuhause,

ein Urlaub

oder die Hölle.«

– Beau Taplin

Im Nordosten von Mount Lebanon, Pennsylvania, stand ein Haus.

Es war ein wunderschönes Haus, stoisch und groß, mit etwas mehr als einem halben Hektar Land, fünf Schlafzimmern und drei luxuriösen Badezimmern. Die Frontansicht beeindruckte jeden, der vorbeikam: Der prächtige, vollständig aus Glas gefertigte Eingang mit seinem Turm und der majestätische Kronleuchter, der nach Sonnenuntergang durch das makellose Fenster zu sehen war.

Das Haus war einst magisch gewesen, voller Liebe und Freude und Pläne für die Zukunft. Es war viel zu groß für das junge Ehepaar, das es gekauft hatte. Beide begierig darauf, die freien Schlafzimmer mit Babys, die weitläufige Küche mit kleinen Fußspuren und unordentlichen Hochstühlen und die Wände mit Erinnerungen in sepiafarbenen Fotos zu füllen.

Innerhalb dieser Mauern befanden sich viele Dinge, die mir gehörten.

Da waren meine Bücher, von denen ich viele besaß und die in einem der Gästezimmer in den Regalen standen, wo ich oft saß und las. Da war das Porzellangeschirr, das mir meine Mutter an meinem Hochzeitstag geschenkt hatte; die Gartengeräte, mit denen ich jedes Wochenende den Garten pflegte, von dem ich immer geträumt hatte; der atemberaubende, vergoldete Vogelkäfig, auf den ich so stolz war und in dem einst zwei Wellensittiche gelebt hatten. Jetzt war er leer – genau wie ich.

Und ich hatte einen Mann.

Ein Mann, der zu mir gehörte.

Einer, den ich nicht länger bei mir haben wollte und der zweifellos nicht geschlafen hatte, obwohl die Sonne bereits aufgegangen war. Denn das Haus, in dem er wartete – dieses große, trostlose, gespenstische Haus – war der Ort, an dem ich in den letzten acht Jahren jede Nacht mein Haupt zur Ruhe gebettet hatte. Bis zur letzten Nacht.

Der festgetretene Schnee knirschte unter meinen Stiefeln, als ich den fremden Hof überquerte, den Kopf gesenkt, die Sonne zu hell für meinen Geschmack. Sie schien mich zu verurteilen, die ersten Augen, die mich als die Frau sahen, die ich über Nacht geworden war. Das Haus, das ich jetzt verließ, war ganz anders als das auf der anderen Seite der Stadt. Es war kleiner, gemütlicher, erfüllt von Musik und Lachen und nächtlichen Geständnissen, die leise in beigefarbene Baumwollbettlaken geflüstert wurden.

Ich schlüpfte auf den Fahrersitz meines luxuriösen SUVs, die Tür schloss sich mit einem sanften Klicken hinter mir. Auch im Auto fühlte ich mich einsam. Ein Familienauto. Zu viele Sitze für eine einzige Frau.

Meine Finger umklammerten das Lenkrad, meine Knöchel waren rosa von der Kälte, bis ich mich nach vorn beugte, um das Auto mit einem Knopfdruck zu starten. Ich schloss die Augen, meine Schultern hoben und senkten sich mit einem neuen Atemzug, und hinter meinen Lidern flackerten Bilder der vergangenen Nacht auf.

Eine Berührung. Ein Seufzer.

Ein Mann. Eine Frau.

Fingerspitzen und Lippen. Stöhnen und Atemzüge.

Alte Sehnsüchte wurden mit neuer Leidenschaft zum Leben erweckt, neue Entdeckungen wurden mit alten, zitternden Händen gemacht.

Freiheit. Leidenschaft.

Schmerz.

Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich mein Spiegelbild im Rückspiegel, aber ich erkannte die Frau, die mich anstarrte, nicht wieder. Ihr langes, kastanienbraunes Haar fiel in unordentlichen Wellen um ihre strahlenden, schokoladenbraunen Augen. Ihre Lippen waren rot und geschwollen, ihre Wangen rosa gefärbt.

Hätte jemand, der mich kannte, von letzter Nacht gehört, hätte er das Gehörte nicht geglaubt. Niemand hätte geglaubt, dass die sanfte, ruhige Charlie Pierce aus der Einfahrt eines Mannes fuhr, der nicht ihr Ehemann war. Dass sie ihn auf eine Weise kannte, die ihr nie bestimmt gewesen war. Dass sie seine Härte zwischen ihren Schenkeln und seine Lippen auf ihrer blassen Haut gespürt hatte.

Aber sie kannten mich nicht.

Ich kannte mich selbst nicht einmal.

Nicht mehr.

Man sagt, jede Geschichte hat zwei Seiten, und ich nehme an, in den meisten Fällen stimmt das auch. Aber die, die ich gelebt habe? Die hatte drei.

Im Nordosten von Mount Lebanon, Pennsylvania, stand ein Haus.

Aber es war kein Zuhause mehr.

Zwei Monate zuvor

Der Duft von Zimt weckte mich, noch bevor mein Wecker klingelte. Ich lächelte, die Augen noch geschlossen, während meine Gedanken in einer Erinnerung schwelgten, in die mich dieser Duft zurückversetzte. Eine Erinnerung, die Jahre zurücklag. Als ich endlich die Augen öffnete, verschwand das Lächeln, und ich setzte mich langsam im Bett auf und fuhr mir mit der Hand durch mein dunkles Haar.

Das Fenster unseres Schlafzimmers gab den Blick auf den weitläufigen Garten frei, wo die Sonne gerade am Horizont aufzugehen begann und die Bäume und unseren überdachten Pool in ein sanftes Morgenlicht tauchte. Es war kurz vor sechs.

Ich zog die Bettdecke zurück, die mein einfaches Baumwollnachthemd und meine mit Wollsocken bedeckten Füße offenbarte, als ich aus dem Bett stieg. Sobald ich aus dem Bett war, richtete ich es so her, wie es am Abend zuvor gewesen war, als wir uns hineingekuschelt hatten, und schlurfte dann hinüber zu Jane und Edward.

»Guten Morgen, ihr Lieben«, gurrte ich, als ich die schwarze Abdeckung vom goldenen Käfig zog.

Zwei wunderschöne Wellensittiche saßen darin, jeder auf seiner eigenen kleinen Schaukel. Jane sang ihren Guten-Morgen-Gruß, während Edward den Schlaf aus seinen Federn schüttelte. Ich öffnete den Käfig gerade so weit, dass ich jeden von ihnen mit meinem Zeigefinger streicheln konnte, und lächelte darüber, wie sie sich meiner Berührung entgegenstreckten. Sie waren mein ganzer Stolz, zusammen mit meinen Büchern und meinem Garten. Ich liebte es, ihnen an bequemen Sonntagvormittagen beim Spielen zuzusehen oder ihnen vor dem Schlafengehen neue Wörter beizubringen.

Cameron hatte mich an unserem ersten Hochzeitstag mit ihnen überrascht. Dieser Morgen, obwohl es nun schon fast sieben Jahre her war, fühlte sich immer noch an wie gestern. Ich erinnerte mich an die jüngere Version von uns, das absolute Glück, das Gefühl, dass nichts jemals zwischen uns kommen oder unsere einzigartige Liebe zerstören könnte. Er hatte an diesem Morgen auch gekocht, und die kleinen Vögel hatten am Esstisch gesessen, als ich nach unten kam.

Ich war zu ihnen geflogen, meine Augen groß wie Untertassen, als ich mit den Fingerspitzen über den goldenen Käfig fuhr. Die Wellensittiche waren aufgeregt herumgehüpft, hatten gezwitschert und zur Begrüßung gesungen, während ich mit den Tränen gekämpft hatte. Cameron hatte mich gerade über seine Schulter hinweg beobachtet, während er mit dem Pfannenwender den French Toast gewendet hatte, und ich hatte meine Lieblingsemotion in seinen karamellfarbenen Augen gesehen – Glück.

Mich glücklich zu sehen, machte ihn glücklich.

Zumindest war das früher so gewesen.

Wie wirst du sie nennen?, hatte er gefragt. Und ich hatte, ohne zu zögern, Jane und Edward geantwortet. Schließlich hatte Jane Eyre während meiner gesamten Highschool-Zeit praktisch an meinen Händen geklebt. Das gleiche, abgegriffene Exemplar stand auch jetzt noch in der Bibliothek auf der anderen Seite des Flurs, zusammen mit all den anderen Büchern, die ich im Laufe der Jahre gesammelt und geliebt hatte.

Jane, die mit einem lauten Zwitschern ihre Federn aufplusterte, riss mich zurück in die Gegenwart, und nachdem ich sie und Edward gefüttert hatte, folgte ich dem Duft von Zimt. Ich liebte es, wie die Treppe in einer Öffnung mitten in unserem Haus hinabführte und ich beim Überqueren der Brückenhalle und beim Hinabsteigen der Hartholzstufen einen vollständigen Blick auf die Küche und den Wohnbereich unter mir hatte. Cameron war bereits unten, gekleidet in seinem Lieblingsanzug, das zugehörige Jackett hing über einem der Stühle an der Küchentheke. Er umfasste den Bratpfannengriff mit der einen Hand und hielt einen Pfannenwender in der anderen, während aus den Lautsprechern in unserer Küche leise Bon Iver erklang.

»Guten Morgen«, sang ich, trat hinter ihn und drückte einen Kuss zwischen seine Schulterblätter. »French Toast mit Zimt.«

»Dein Lieblingsfrühstück«, erinnerte er mich, wie er es immer am ersten Schultag tat. Es war Januar, also technisch gesehen der erste Schultag des Semesters. Wir hatten bereits die Hälfte des Jahres hinter uns. Aber so war Cameron – egal, ob Herbst- oder Frühlingssemester, er stand immer vor mir auf, um mir mein Lieblingsfrühstück zu machen. Es war einer von nur vier Tagen im Jahr, an denen er statt mir kochte: zu Beginn des Herbstsemesters, des Frühlingssemesters, an meinem Geburtstag und an unserem Jahrestag.

Das war seit unserer Hochzeit eine Tradition, die er aus dem Wunsch heraus begonnen hatte, mich zu überraschen. Ich erinnerte mich noch gut an das erste Mal, an meinen ersten Unterrichtstag an der Westchester Prep. Er hatte eine kleine Kreidetafel mit der Aufschrift Mrs. Pierce auf den Tisch gestellt, daneben lag ein glänzender roter Apfel, und er bediente mich nur mit einer kleinen, weißen Schürze um die Hüfte.

Ich wäre fast zu spät zu meinem ersten Arbeitstag gekommen.

Ich runzelte die Stirn, als Cameron mich von sich schob, die ersten beiden Scheiben auf einen Teller neben dem Herd legte und dann die Flamme des Herds löschte. Er streute Puderzucker über den Toast, und als er sich entfernte, hinterließ er nichts als Kälte. Die Kälte ließ nicht nach, als ich ihm nachblickte. Er ging durch die Küche und stellte den Teller auf der Kücheninsel ab, wo bereits Sirup, ein Glas Orangensaft und eine einzelne rote Rose aus unserem Garten in einer schmalen Vase standen.

»Nichts für dich?«, fragte ich und spürte, wie die kleine Freude, die ich beim Aufwachen empfunden hatte, wie das letzte bisschen Tageslicht aus mir wich und der andauernden dunklen Nacht Platz machte. Ich versuchte verzweifelt, daran festzuhalten, diesen winzigen Blick auf mein altes Ich zu ergreifen und zum Bleiben zu bewegen, aber es war zwecklos.

»Ich muss los«, antwortete er, ohne sich umzusehen, während er sein Jackett von der Stuhllehne nahm. Er zog es sich über, richtete seine Krawatte und drehte sich dann zu mir um, und schon wurde mein Gesichtsausdruck wieder kühl. »Frühes Meeting.«

Cameron hatte sich an diesem Morgen rasiert, die scharfen Kanten seines Kinns traten deutlich hervor, als er mit der Hand über seine glatte Haut strich. Manchmal ließ er sich einen gepflegten Bart wachsen, und ich liebte es, wenn er das tat. Früher hatte er ihn nur aus diesem Grund wachsen lassen – weil er wusste, dass ich es so mochte. Aber in letzter Zeit rasierte er sich mindestens dreimal pro Woche.

Ich passte so gut zu Cameron – nicht nur in unserer Beziehung, sondern auch körperlich. Er war größer als ich, aber nicht viel, gerade so viel, dass ich bequem unter seinen Arm passte, wenn wir nebeneinander gingen. Wenn wir nachts beieinanderlagen, passten sich seine Knie perfekt an meine Beine an, und seine Arme legten sich um mich wie ein sicherer Hafen.

Auf Fotos sahen wir aus, als wären wir aus einem Magazin ausgeschnitten worden – unser dunkles Haar passte perfekt zusammen, unsere Augen hatten denselben goldbraunen Farbton. Er war kräftiger als ich, seine Gesichtszüge waren ausgeprägter und hoben sich von seiner olivfarbenen Haut ab. Diese Unterschiede betonten meine sanften Augen und meine helle Hautfarbe. Wir waren so ästhetisch ansprechend wie ein frisch gestrichenes Wandgemälde, vor dem jeder gern stehen blieb, um es zu bewundern. Aber manchmal, wenn ich ihn ansah, erkannte ich den Mann, den ich vor mir hatte, überhaupt nicht – nicht mehr.

Das hier war einer dieser Momente.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, der dünne Stoff meines Nachthemdes reichte plötzlich nicht mehr aus, um die Kälte abzuhalten.

»Oh. Das ist schade.«

Er griff in den Korb auf der Kücheninsel, um sich eine Banane zu nehmen, hielt inne und sah mich einen Moment lang an, als wollte er mich etwas fragen. Seine Augenbrauen zogen sich knapp über der geraden Nasenwurzel zusammen, aber die Falte verschwand so schnell, dass ich mich davon überzeugte, sie sei nie da gewesen.

Cameron trat an mich heran und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Er blieb nicht stehen, beugte sich nicht herunter, um diesen Kuss auf meine Lippen zu verlagern. Und dann griff er nach seinen Schlüsseln statt nach mir.

»Hab’ einen schönen ersten Tag, Schatz«, sagte er, und ich zwang mich zu einem Lächeln, das ich aufrechterhielt, bis ich wenige Augenblicke später hörte, wie sich die Haustür schloss.

Ich starrte auf den French Toast, dessen Duft mich verspottete. Ich konnte fast sein Lachen von jenem ersten Morgen hören, an dem er vor all den Jahren für mich gekocht hatte, konnte fast seine Arme um mich spüren, als wir in der Küche getanzt hatten, einem seiner Lieblingsorte, um mich an sich zu ziehen und im Takt unserer Lieblingslieder zu wiegen.

Aber an diesem Morgen gab es keine Schürze, kein Tanzen, kein Lachen. Nur die traurige, melodische Stimme von Bon Iver und einen Tisch, gedeckt für eine Person.

Ich schaltete die Stereoanlage in der Küche aus, warf den French Toast in den Müll und ließ den weißen Porzellanteller zusammen mit meinen Erinnerungen in der Spüle zurück.

Die Westchester Preparatory School lag mitten in Mount Lebanon, nur zehn Autominuten von unserem Haus entfernt. Sie war die bestbewertete Privatschule des Bundesstaates und eine der besten des Landes.

Als mir mein Traumjob als Kindergärtnerin an der Westchester angeboten worden war, wäre ich fast in Tränen ausgebrochen, auch wenn es mich nicht hätte überraschen sollen. Schließlich hatte ich meine gesamte Schulzeit in Westchester verbracht, ebenso wie mein Bruder und unser Vater. Mein Vater war schon seit meiner Kindheit einer der größten Spender der Schule.

Ich unterrichtete dort bereits seit fast acht Jahren und war immer noch genauso stolz wie an meinem ersten Tag, als ich die großen, hölzernen Flügeltüren öffnete, die in den Hauptflur des Annie-Grace-Flügels führten. Der Flügel war nach der Tochter des Gründers benannt und beherbergte die Vorschule bis zur fünften Klasse. Seit meinem ersten Tag an der Westchester-Schule befand sich hier auch mein Klassenzimmer.

Ich wickelte meinen Schal ab, als mich die Wärme aus dem Flur umhüllte. In der Schule herrschte eine fast andächtige Stille am frühen Morgen. Die Holzböden waren frisch gewachst, und die spätviktorianische Architektur erfüllte mich mit einem Gefühl von Geschichte, während mein Blick über die hohen Bögen und Deckenmalereien wanderte.

Meine Schüler würden die gold- und marineblaue Barock-Blumentapete und die antiken Kronleuchter erst zu schätzen lernen, wenn sie viel älter waren, vielleicht sogar erst als Absolventen. Bei mir war es damals so gewesen. Ich war zum ersten Mal stolz auf die Schule gewesen, auf ihre Gründung und die jahrhundertealte Geschichte, die in ihren Mauern steckte.

»Guten Morgen, Mrs. Pierce«, rief eine vertraute Stimme aus dem Flur, als ich um die Ecke in mein Klassenzimmer bog.

Randall Henderson, unser Schulleiter, stolzierte wie ein balzender Pfau auf mich zu. Es war nicht so, dass er vor irgendjemandem angeben wollte, schon gar nicht vor mir, sondern dass seine Persönlichkeit so laut und farbenfroh war wie die violetten und grünen Federn, die einen dazu verleiteten, näher zu kommen, um sie genauer zu betrachten. Sein Bauch war rund, seine Wangen ebenso, und sein Lächeln nahm selbst an den regnerischsten Tagen sein ganzes Gesicht ein.

»Mr. Henderson«, grüßte ich ihn mit einem Nicken und hängte meinen Mantel, meinen Schal und meine Handtasche an den Haken hinter meinem Schreibtisch. »Schön, Sie so früh am ersten Tag nach den Ferien zu sehen.«

»Die Freude ist ganz meinerseits«, versicherte er mir und steckte die Hände in die Taschen seiner marineblauen Anzughose. »Ich hoffe, Sie hatten schöne Ferien?«

Mein Magen zog sich zusammen, als ich an meine Feiertage dachte, die ich größtenteils allein verbracht hatte. Abgesehen vom ersten Weihnachtsfeiertag, an dem Cameron und ich mit meinen Eltern zu Abend gegessen hatten. Wäre ich nicht mit der Hoffnung auf ein traditionelles Frühstück am ersten Arbeitstag mit Cameron aufgewacht, wäre ich mit einem Seufzer der Erleichterung, dass die Schule wieder anfing, aus der Tür geeilt.

Cameron hatte während der gesamten Ferien lange Tage und manchmal sogar Nächte gearbeitet, und selbst als wir bei meinen Eltern zu Abend gegessen hatten, hatte er kaum ein Wort gesagt. Wir waren beide schon weit vor Mitternacht am Silvesterabend eingeschlafen, und ich hatte in dieser Nacht von früheren Jahren geträumt, von Mitternächten, die wir küssend unter Konfettiregen verbracht hatten.

»Es waren wunderschöne Ferien«, log ich Mr. Henderson an und hoffte, dass das Lächeln, das ich dabei aufzusetzen versuchte, zumindest einigermaßen überzeugend wirkte. Hatte Mr. Henderson bemerkt, wie sich dieses Lächeln in den letzten fünf Jahren verändert hatte? Wie es an Kraft und an Glanz verloren hatte? Sah mich überhaupt jemand, oder war ich für die anderen so tot, wie ich mich innerlich fühlte?

»Wie geht es Ihren Eltern? Gut, hoffe ich?«

Es war keine Überraschung, dass Mr. Henderson nach meinen Eltern, Gloria und Maxwell Reid, fragte. Sie waren eine Leuchtsäule in Mount Lebanon, bekannt und hoch angesehen. Sie hatten mit nur siebzehn Jahren geheiratet und seitdem als einflussreiches Paar die Stadt regiert.

»Sehr gut«, sagte ich. »Dad ist so stur wie immer, und Mom macht es ihm immer schwerer, seinen Gürtel zu schließen.«

Mr. Henderson lachte leise. »Die Kochkünste dieser Frau sind ein Segen und ein Fluch zugleich.«

»Das müssen Sie mir nicht sagen.« Ich strich mit den Händen über meinen schlichten, marineblauen Rock und verschränkte dann die Hände vor der Taille. »Kann ich etwas für Sie tun, Mr. Henderson?«

»Ja, tatsächlich. Wir haben einen neuen Musiklehrer, der die Stelle von Mrs. Flannigan als Klavierlehrer übernimmt.«

Wir sahen uns verständnisvoll an. Mrs. Flannigan hatte drei Jahrzehnte lang in Westchester unterrichtet, aber kurz vor den Ferien war bei ihr eine früh einsetzende Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert worden. Sie hatte sich würdevoll zurückgezogen, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, bevor sich die Symptome verschlimmerten, und wir alle fragten uns, wie Mr. Henderson so kurzfristig ihre Stelle neu besetzen würde.

»Ich hatte das Glück, einen hervorragenden Kandidaten zu finden, der bereit war, während der Ferien umzuziehen, aber er konnte nicht so früh hier sein, wie ich es mir gewünscht hätte, um ihm die Schule zu zeigen und sein Klassenzimmer einzurichten. Miss Maggert hat das zum Glück für mich übernommen«, fügte er hinzu. »Wie auch immer, er ist in der Gegend aufgewachsen, hat aber nie die Westchester besucht. Würden Sie ihm vielleicht die Schule zeigen und ihn zum Mittagessen einladen, bis er sich eingewöhnt hat?«

Innerlich zuckte ich zusammen, aber nach außen hin lächelte ich nur freundlich und nickte. Das Wort Nein gab es in meinem Wortschatz nicht, und das schon, seit ich denken konnte. Meine Mutter hatte mich dazu erzogen, immer eine gute Gastgeberin zu sein, die anderen entgegenkommt, und da es mir mehr Freude bereitete, andere glücklich zu sehen, als aus eigenem Unbehagen Nein zu sagen, kam ich dieser Erwartung nach.

Immer.

Selbst wenn ich dafür meine Freizeit nach der Schule opfern musste, um jemandes Nachsitzdienst zu übernehmen, oder mir beim Kleben von Einladungen für eine Spendenaktion die Finger an den Umschlägen aufschnitt, oder, wie jetzt, zustimmen musste, jemandes Mittagessenbegleitung zu sein, obwohl mich schon der Gedanke an belanglosen Small Talk so nervte wie andere Menschen das Kreidegeräusch an einer Tafel.

»Natürlich. Sehr gern«, sagte ich schließlich laut.

»Wunderbar!« Mr. Henderson klatschte in die Hände. »Er richtet sich gerade in seinem Klassenzimmer ein, aber ich werde Sie beide heute beim Mittagessen vorstellen. Sie sind meine Lebensretterin, Charlie.« Er winkte, als er sich zum Gehen wandte. »Einen schönen ersten Tag in der Schule!«

Ich winkte zurück, aber als er um die Ecke bog und verschwand, sank meine Hand und mein Lächeln verschwand.

Es hatte mir wirklich Freude bereitet, ihm helfen zu können und die Erleichterung in seinen Augen zu sehen, als ich ihm gesagt hatte, dass ich die Aufgabe übernehmen würde. Dennoch waren meine Hände schon feucht bei dem Gedanken, meine Mittagspause damit zu verbringen, einen Fremden zu unterhalten, anstatt mich mit meinen Lieblingsfiguren aus einem abgegriffenen Buch zu beschäftigen.

Aber ich hatte keine Wahl, und ich wusste, dass ich ihm so oft helfen würde, wie er mich darum bat. So war ich nun einmal. So war ich schon immer gewesen. Also atmete ich tief aus und ließ alles hinter mir, während ich meinen Unterrichtsplan für den Tag durchging.

Charlie Pierce, das Mädchen, das immer Ja sagte.

»Sie sollte jeden Moment hier sein, Mr. Walker«, versicherte mir Mr. Henderson mit hochroten Wangen. Er schwafelte über Westchester, während ich aufmerksam zuhörte und versuchte, alles aufzunehmen. Mein Kopf schmerzte bereits von der Informationsflut.

Die meisten neuen Lehrer wären schon seit mindestens zwei Wochen hier gewesen, hätten ihr Klassenzimmer eingerichtet und sich mit der Schule vertraut gemacht. Aber dies war mein erster Tag – mein erster Tag in Westchester, mein erster Tag zurück in meiner alten Heimatstadt, mein erster Tag als Lehrer.

Das war das Letzte, was ich jemals tun wollte – unterrichten. Und doch hatte ich, als sich die Gelegenheit bot, gewusst, dass es genau das war, was ich tun musste. Die Musiklehrerin, die vor mir hier unterrichtet hatte, verfügte über dreißig Jahre mehr Erfahrung im Unterrichten als ich. Allerdings hatte ich eine Zeit als Pianist am Broadway hinter mir und besaß ein Stück Papier, das besagte, dass ich die Juilliard überlebt hatte. Das reichte, um mir den Job zu verschaffen, und es reichte, um mich an den Ort zurückzubringen, den ich vor vierzehn Jahren verlassen hatte.

Den Ort, den ich früher mein Zuhause genannt hatte.

Und ein Zuhause war das Einzige, was ich finden wollte, und jetzt, wo ich zurück war, wurde mir klar, wie sinnlos diese Hoffnung gewesen war.

»Sie werden Mrs. Pierce lieben«, sagte Mr. Henderson und zog mich zurück in das kleine Lehrercafé, wo wir auf die Lehrerin warteten, die mir für diese Woche als Begleiterin für das Mittagessen zugeteilt worden war. »Sie ist eine unserer besten Lehrerinnen und schon seit fast zehn Jahren hier. Außerdem ist sie eine ehemalige Schülerin. Ich hatte das Vergnügen, sie über die Jahre hinweg wachsen zu sehen.« Er lachte leise. »Sie war eine brillante Schülerin. Immer still, sehr fleißig und schüchtern, aber als Lehrerin strahlt sie richtig.«

Ich nickte mit einem höflichen Lächeln und steckte meine Hände in die Taschen meiner Hose. Ich hatte Mr. Henderson versichert, dass ich niemanden brauchte, der mich über den Campus führte oder jeden Tag mit mir zu Mittag aß. Wenn überhaupt, war die Eingliederung in das Lehrerkollegium meine geringste Sorge. Ich war viel mehr damit beschäftigt, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, die eines Tages erwachsen werden würden. Hätte ich jemandem, der mich als Teenager in dieser Stadt kannte, erzählt, dass ich eines Tages in Westchester unterrichten – oder überhaupt unterrichten – würde, hätte derjenige mich für verrückt erklärt.

Ich hatte zwar als Kind nicht die Westchester besucht, aber ich hatte viele Freunde, die dort gewesen waren, und ich war mit diesen Freunden leichtsinnig genug gewesen, um zu wissen, dass Privatschüler beim Feiern keine halben Sachen machten. Mein Vater hatte meine Schwester und mich auf eine öffentliche Schule geschickt, vor allem, weil er wollte, dass wir seine alte Schule besuchten, aber auch, weil ich von Geburt an ein Unruhestifter gewesen war.

Ich schätzte, er wollte nicht mehr als dreißigtausend Dollar im Jahr bezahlen, damit ich an einer Schule randalierte, wenn ich den gleichen Schaden kostenlos an der Schule in der Nähe unseres Hauses anrichten konnte.

Trotzdem war es prestigeträchtig – Westchester. Ich hatte mich immer gefragt, wie es wohl sein würde, dort zur Schule zu gehen, und schon nach einem Vormittag in den Hallen konnte ich die Geschichte spüren. Vielleicht war das wirklich meine Chance, neu anzufangen, ein kleines Stück des Mannes wiederzufinden, der ich gewesen war, bevor ich alles verloren hatte, was mir wichtig war.

Mr. Henderson klatschte in die Hände, und mein Blick schoss zu der Frau, die gerade durch die Tür gekommen war.

»Ah! Da ist sie ja!«, sagte er fröhlich.

Die Frau sah von dem Buch in ihren Händen zu uns auf, und das war das Erste, was ich erkannte – ein vertrautes, zerfleddertes Exemplar von Jane Eyre, das ich in einem Leben, weit entfernt von diesem hier, unzählige Male gesehen hatte.

»Wieder einmal mit Charlotte Brontë auf der Flucht, was?« Mr. Henderson lachte leise, aber ich brachte kein Lachen über die Lippen.

Ich starrte nur.

Charlie Reid stand vor mir wie ein Geist, der mich seit mehr als einem Jahrzehnt verfolgte, nach dem ich mich ebenso lange gesehnt, aber nie wirklich geglaubt hatte, ihn jemals wiederzusehen.

Mir wurde vage bewusst, dass ich mir vielleicht doch vorgestellt hatte, sie wiederzusehen, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war. Vielleicht hatte ich darauf gehofft.

Vielleicht war sie ein Grund, warum ich zurückgekommen war.

Ihre Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen, bevor sie vorsichtig ein Seidenband zwischen die Seiten schob und das Buch in ihrer Umhängetasche verstaute.

»Sind Sie überrascht?«, fragte sie mit zögerlicher, leiser Stimme. Es war nicht die Stimme, an die ich mich erinnerte – die fröhliche, vogelähnliche Stimme, die jeden Satz wie ein Lied klingen ließ. Aber sie war auch nicht mehr das Mädchen, an das ich mich erinnerte. Sie war keine sechzehn mehr. Ihr Haar war nicht mehr zu zwei Zöpfen geflochten, die über ihre Schultern fielen, und ihre Augen strahlten nicht mehr vor Leben.

Nein, Charlie war nicht mehr dasselbe Mädchen, das ich vor vierzehn Jahren in der letzten Nacht, bevor ich sie und diese Stadt hinter mir gelassen hatte, weinend auf meiner Veranda zurückgelassen hatte.

Sie war niemand, den ich hätte erkennen dürfen, aber diese Augen würde ich nie vergessen.

»Nicht im Geringsten«, sinnierte Mr. Henderson. Er klopfte mir auf die Schulter, drückte fest zu und deutete auf Charlie, als hätte ich sie seit ihrem Eintreten auch nur eine Sekunde lang aus den Augen gelassen. »Mr. Walker, das ist …«

»Charlie Reid«, vollendete ich seinen Satz und hielt einen Moment inne, um die Mischung aus Schock und Staunen in Charlies Augen zu beobachten, bevor ich ihr die Hand reichte. »Ich fasse es nicht.«

Sie ließ mich ihre Hand nehmen, ihre kühlen Finger glitten über meine Handfläche, bevor ich meine um ihre schloss und sie sanft schüttelte. Einen Moment lang hielt ich sie einfach nur fest und wollte, dass sie vor Freude strahlte, sich an den Jungen erinnerte, der früher nebenan gewohnt hatte.

Aber sie leuchtete überhaupt nicht auf.

Wenn überhaupt, schien es, als wäre jedes Licht, das sie jemals besessen hatte, irgendwann in den Jahren, die vergangen waren, erloschen. Ihre Augen wirkten leer – nicht einmal traurig, einfach nur leer. Ihre blassrosa Lippen formten nicht das Lächeln, das ich gekannt und geliebt hatte, ihre Wangen erröteten nicht bei meinem Blick, wie sie es früher getan hatten.

Sie blinzelte nur, zog ihre Hand aus meiner und legte sie wieder auf den Riemen ihrer Tasche.

»Ich heiße jetzt Pierce«, sagte sie, und ich suchte in diesen Worten nach irgendeiner Emotion, fand aber nichts. »Du bist zurück.«

Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, sie zu verstehen. Sie hatte mich doch erkannt – und alles, was sie zu sagen hatte, war: Du bist zurück?

»Ja, das bin ich«, sagte ich und lächelte, während ich sie musterte. Das lange, dunkle Haar, das sie früher immer geflochten hatte, war zu einem hohen, festen Dutt hochgesteckt, und sie trug einen langen, schlichten, marineblauen Rock und eine einfache weiße Bluse. Ein goldener Schal rundete ihren Schullook ab. Die Farben von Westchester, die sie trug, ließen sie fast mit der Schule verschmelzen, als wäre sie gar keine Frau, sondern nur eine Verlängerung der Flure, durch die sie ging.

»Sie kennen sich, nehme ich an?«, unterbrach Mr. Henderson fröhlich wie immer.

»Wir waren früher Nachbarn«, antwortete ich, als sie nichts sagte. »Charlie und meine kleine Schwester waren beste Freundinnen, und ich war mit ihrem Bruder befreundet. Das war, bevor wir weggezogen sind.«

»Ausgezeichnet! Das erspart mir eine Menge alberner Vorstellungsrunden«, sagte Mr. Henderson, während er auf seine goldene Armbanduhr schaute und mir erneut auf den Rücken klopfte.

Sein Blick fiel auf Charlie, und ich bemerkte, dass sie mich anstarrte, obwohl sich ihr Gesichtsausdruck nicht verändert hatte. Als Mr. Henderson ihren Namen sagte, blinzelte sie und sah ihn an.

»Charlie, wie besprochen, zeigen Sie Mr. Walker bitte den Campus, wenn Sie Zeit haben. Und Sie sind immer noch bereit, nächste Woche mit ihm zu Mittag zu essen?«

Ihr Blick huschte kurz zu mir. »Natürlich. Überlassen Sie das mir.«

»Wunderbar. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, ich habe ein unangenehmes Treffen mit einer Mutter aus der Oberstufe, die unmöglich glauben kann, dass ihr süßer Sohn vor den Winterferien einen Waschraum verwüstet hat.« Er verdrehte die Augen, zwinkerte uns aber beim Verlassen des Raumes zu.

Es waren mindestens ein Dutzend andere Lehrer in der Lounge, aber ich sah nur Charlie.

Wir hätten genauso gut allein sein können, so wie die Luft in Mr. Hendersons Abwesenheit plötzlich an Spannung zunahm. Ich fragte mich, ob sie es auch spürte. Ich konnte mich nur an ihrem Gesichtsausdruck orientieren, der nichts verriet. Entweder verbarg sie ihre Gefühle sehr gut, oder sie hatte überhaupt keine.

Ich war mir nicht sicher, was mich mehr beunruhigte.

»Charlie Reid«, sagte ich nachdenklich, in der Hoffnung, dass sie jetzt, wo wir allein waren, etwas lockerer werden würde. »Du bist keine Kaulquappe mehr. Was ist mit den Zöpfen und den übergroßen T-Shirts passiert?«

»Ich finde, eine Dreißigjährige mit Zöpfen sieht ein bisschen albern aus«, sagte sie. »Und T-Shirts entsprechen nicht gerade der Kleiderordnung.«

Ich konnte nicht sagen, ob sie einen Witz machen wollte oder ob sie es so ernst meinte wie eine Todesanzeige. Ich lächelte trotzdem, in der Hoffnung, dass es Ersteres war, aber das Lächeln verschwand schnell, als ich ihre nächsten Worte hörte: »Und noch einmal: Ich heiße jetzt Pierce.«

Pierce.

Natürlich war sie verheiratet. Das hätte mich nicht überraschen dürfen. Es hätte mich nicht einmal zum Blinzeln bringen dürfen, geschweige denn zu dem trockenen Schlucken, das mir die Kehle versengte. Sie war jetzt dreißig und trotz des Lichts, das aus ihren Augen verschwunden war, immer noch genauso schön wie früher.

Ich wiederholte in Gedanken, dass sie verheiratet war, immer und immer wieder wie einen Fluch.

Aber ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden.

»Richtig. Pierce«, sagte ich schließlich und räusperte mich, um die Rauheit aus meiner Kehle zu bekommen. »Entschuldige. Ist wohl eine Angewohnheit. Schon lange verheiratet?«

»Fast acht Jahre.«

Ich pfiff. »Und ich kann mir morgens kaum eine Schüssel Cornflakes zubereiten. Ich dachte, ich wäre der Reifere von uns beiden.«

Wir wussten beide, dass das ein Witz war. Sie war immer die Reifere von uns beiden gewesen, schon als sie noch ein Teenager gewesen war und ich eigentlich aufs College gehen sollte.

Charlie war fünf Jahre jünger als ich, und keiner von uns würde das jemals vergessen. Es waren diese fünf Jahre, die uns auseinandergebracht hatten, die uns ständig daran erinnert hatten, was wir beide wollten, aber niemals haben konnten.

Jetzt, mit fünfunddreißig und dreißig, waren diese Jahre kein Hindernis mehr. Sie waren nicht einmal mehr eine kleine Unebenheit auf der Straße.

Aber der Ring an ihrem Finger, mit dem sie spielte, machte die Straße komplett unpassierbar.

»Immer noch unfähig, Wasser zu kochen, was?«, sagte sie nach einem Moment. »Wenigstens einer von uns hat sich nicht verändert.«

Sie schaffte es, so was wie ein Lächeln zu zeigen, nur ein leichtes Zucken ihrer Lippen, und das ließ meines doppelt so groß werden. Vielleicht hatte ich mich äußerlich nicht sehr verändert – klar, meine Haare waren jetzt länger und fielen mir über die Ohren, meine Brust war breiter, meine Arme auch, dank eines Freundes, den ich an der Juilliard kennengelernt und der mich davon überzeugt hatte, dass wir mehr Frauen abbekommen würden, wenn wir mehr Zeit im Fitnessstudio als im Unterricht verbringen würden. Aber im Grunde war ich wohl derselbe geblieben.

Das konnte ich von ihr nicht behaupten.

Ich versuchte, sie nicht anzustarren, aber ich konnte mich nicht davon abhalten, nach dem Mädchen zu suchen, das vor vierzehn Jahren in der Nacht, bevor ich Pennsylvania verließ, um nach New York zu ziehen, vor mir gestanden hatte. Ich glaubte immer noch, sie hatte mich in dieser Nacht gehasst, und ich hatte nie vergessen, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, die sich zwar gesammelt hatten, aber nie gefallen waren, als wir uns verabschiedeten.

Sie hatte mich gebeten, sie zu küssen, und ich hatte Nein gesagt – und die Jahre zwischen uns hatten mich von ihr ferngehalten wie ein elektrischer Zaun.

Selbst jetzt noch verfluchte ich mich für diesen Fehler.

»Hast du Hunger?«, fragte ich und deutete auf das Café hinter uns. Es war eine Art Lehrerzimmer, wie ich es nur aus Filmen kannte, das es in keiner öffentlichen Schule geben würde. Meine Lehrer hatten mit Sicherheit Lunchpakete und Fertiggerichte mitgebracht, aber das Lehrercafé in Westchester bot ein komplettes Buffet – von Salaten und warmen Sandwiches bis hin zu gegrilltem Hähnchen und Gemüsegerichten.

Charlie musterte das Essen hinter mir, und ich hätte schwören können, dass ich ihren Magen krampfen spürte, als wäre es mein eigener. »Ich habe eigentlich gerade vor dem Mittagessen etwas gegessen.«

Ich wusste sofort, dass es eine Lüge war, weil sie im nächsten Moment an ihrem Daumennagel kaute, eines ihrer verräterischen Zeichen. Das tat sie immer, wenn sie nervös war oder etwas verbarg, und die Tatsache, dass zumindest eine Sache an ihr gleichgeblieben war, brachte mich zum Lächeln.

Ich kramte in meiner Tasche nach einem Apfel, bevor ich den Rest meiner Sachen auf dem Tisch hinter uns liegen ließ. Ich zog meinen Mantel an, wickelte mir einen Schal um den Hals und nahm einen Bissen von der Frucht.

»Dann ist jetzt wohl der perfekte Zeitpunkt für die Tour.«

Charlie nickte nur und schaute nicht zurück, um zu sehen, ob ich ihr aus dem Café folgte.

Als sie mir den Rücken zuwandte, atmete ich tief aus und schüttelte den Kopf. Es war Segen und Fluch zugleich, sie nach so vielen Jahren wiederzusehen. Die Grenzen, die einst zwischen uns bestanden hatten, gab es nicht mehr, aber die neuen, die an ihre Stelle gerückt waren, waren aus Stahl, mit Stacheldraht versehen und mit Warnungen übersät, sich von ihr fernzuhalten.

Der Ring an ihrem Finger war ein Symbol für ihre Bindung zu einem anderen Mann.

Das allein hätte mich zur Vernunft bringen müssen. Das allein hätte mir klar sein müssen, aber das war es nicht.

Charlie Reid war verheiratet. Sie hieß jetzt Charlie Pierce, und trotzdem war es mir egal.

Ich liebte sie trotzdem.

Charlie

Reese Walker war zurück in der Stadt.

Ich konnte es immer noch nicht glauben, selbst als er neben mir herging, während wir den Westchester-Campus besichtigten, und sein Arm meinen berührte, als wir um den Innenhof herumgingen. Ich hielt meinen Blick auf die Gebäude gerichtet, auf die ich zeigte, und vermied es, seinem flehenden Blick zu begegnen, ihn anzusehen.

Ich hatte es im ersten Moment gewusst, als er mich angesehen hatte – Reese suchte Charlie, das Mädchen, das er zurückgelassen hatte. Das Mädchen, das er einmal gekannt hatte.

Sie existierte nicht mehr.

»Dort drüben beginnen die Sportanlagen«, sagte ich und zeigte auf die andere Seite des Innenhofs, wo einige Highschool-Schüler zu Mittag aßen. Es war eiskalt, Reese und ich hatten uns wieder in unsere Schals und Mäntel gehüllt, aber selbst im Winter gab es ein paar Kinder, die der Kälte trotzten, um außerhalb der lauten Cafeteria zu Mittag zu essen. »Wenn du Zeit hast, solltest du dir das alles mal ansehen. Wir haben ein olympisches Schwimmbecken, ein hochmodernes Fitnesscenter, Softball- und Baseballfelder, Fußball- und American-Football-Felder, einen Wrestling-Raum – Westchester ist stolz darauf, jedem etwas bieten zu können.«

Reese nickte zwar, aber sein Blick streifte die Einrichtungen nur kurz, bevor er ihn wieder auf mich richtete.

Auch er hatte sich verändert.

Das Erste, was mir aufgefallen war, als ich ihn erkannt hatte, war, dass seine Haare länger waren. Früher waren sie ordentlich geschnitten und kurz gewesen, jetzt waren sie so wild gewachsen wie bei dem Jungen, an den ich mich erinnerte. Er war kräftiger geworden, seine Schultern und seine Brust waren breit, seine Arme muskulös – der schlaksige Junge aus meiner Kindheit war verschwunden und an seine Stelle war ein Mann getreten, den ich seit vierzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Reese war der letzte Mensch, den ich an diesem Tag erwartet hatte, und doch löste sein Anblick kein einziges Gefühl in mir aus. Es war fast so, als wäre er nie weg gewesen, als wohnte er immer noch nebenan und ich würde ihn jeden Tag sehen.

Da war etwas Verborgenes, etwas Aufwühlendes, das sich in mir regte, als er lächelte. Es berührte einen kalten, öden, aber vertrauten Teil von mir, der an die Oberfläche drängen wollte, aber nicht konnte.

Vielleicht lag es daran, dass ich überhaupt nichts mehr fühlte.

»Und hier«, sagte ich und öffnete die Tür zu unserer erstklassigen Einrichtung für Kunst und Wissenschaft, »hier wirst du wohl die meiste Zeit außerhalb des Klassenzimmers verbringen. Das Jenkins Center für Kunst und Wissenschaften.«

Reese stand dicht neben mir, während ich alle Besonderheiten des Gebäudes aufzählte, die verschiedenen Räume und Einrichtungen, die gleichmäßig auf zwei scheinbar gegensätzliche Leidenschaften und Fähigkeiten verteilt waren. Westchesters Ziel war es immer gewesen, Wissenschaft und Kunst zu vereinen, um neue, kreative Wege zu finden, die Welt, in der wir lebten, zu sehen und zu verstehen. Es gab Tanzstudios, digitale Musikstudios sowie klassische Bandräume, einen Orchestergraben im Flügel für Darstellende Künste und verschiedene Wissenschaftslabore mit jeweils eigenen Schwerpunkten. Das Gebäude war riesig, und ich kannte nur etwa die Hälfte dessen, was es tatsächlich beherbergte.

»Ich kann nicht glauben, dass du hier zur Schule gegangen bist«, sagte Reese hinter mir. Ich wandte mich seiner Stimme zu und nahm mir endlich einen Moment Zeit, um ihn zu betrachten, während er den Raum bewunderte.

Seine smaragdgrünen Augen waren weit aufgerissen, eine Hand berührte das Holzgeländer, das zu einer Wendeltreppe hinauf zum zweiten Stock führte, wo sich Einzelübungsräume befanden, die die Schüler reservieren konnten. Diese Augen weckten Erinnerungen an lange Nächte am Flügel, daran, wie ich ihm beim Spielen zugesehen hatte. An die Musik, die er hörte, bevor irgendjemand anders es tat. Die Musik, die er selbst komponierte.

Dieser schwere Teil von mir bewegte sich wieder, eine Sehnsucht nach etwas, aber ein einfaches Blinzeln begrub sie.

Ich beobachtete, wie Reese alles in sich aufnahm: die ganze Pracht, die Geschichte, seinen Blick, der über die gesamte Länge des Flurs schweifte, bevor er auf die Karte in seiner Hand fiel, während er alles zusammenfügte.

»Es war eine unglaubliche Erfahrung«, sagte ich nach einem Moment. »Einige der besten Jahre meines Lebens habe ich hier verbracht. Ich glaube, deshalb konnte ich es kaum erwarten, zurückzukommen.«

»Nun, ich hatte nicht das gleiche Verlangen, an meine Highschool zurückzukehren.« Reese lächelte, sah mir wieder in die Augen und steckte die Karte in seine Gesäßtasche. »Einige der besten Jahre deines Lebens, was?«, sinnierte er und fuhr mit den Fingern über das Holz. »Und wo hast du die anderen Jahre dieser Kategorie verbracht?«

Ich schluckte und senkte den Blick auf meine schlichten Kitten Heels.

»Garrick«, antwortete ich leise und erinnerte mich an meine Jahre an der Universität dort. Es war eine kleine Privatuniversität, nicht weit von zu Hause entfernt. Dort hatte ich auch Cameron kennengelernt. »Und meine ersten Jahre als Lehrerin. Als ich verheiratet war.«

Ich spürte Reeses Blick auf meiner Haut brennen, aber ich erwiderte ihn nicht. Ich wollte nicht wissen, wie seine Augen aussahen, wollte nicht, dass er meine suchte, als ob die Wahrheit darin verborgen wäre.

»Du hast deinen Mann an der Garrick kennengelernt?«

Ich nickte, sah aber immer noch nicht auf.

Reese schwieg. Dann trat er einen Schritt vor, sodass ich seine rotbraunen Oxford-Schuhe neben meinen sehen konnte. Wir standen Zehe an Zehe, und ich erinnerte mich an eine andere Situation, in der wir so gestanden hatten, als ich ihn nicht ansehen konnte. Das war lange her.

»Und jetzt?«, fragte er schließlich.

Ich hob langsam den Blick und sah ihm in die Augen.

»Lebst du jetzt die besten Jahre deines Lebens, Tadpole?«

Die Art, wie er mich ansah, zwang mich dazu, etwas zu sagen, meine Seele zu offenbaren, die er so verzweifelt zu sehen versuchte. Früher hatte ich sie ihm auf dem Silbertablett serviert, mit großen Augen und offenem Herzen, ohne etwas zu verbergen.

Aber er verstand es nicht. Jetzt gab es einfach nichts mehr zu sehen.

Es war fünf Jahre her, dass ich etwas zu bieten hatte.

Die Türen hinter Reese flogen auf, und Schüler traten zunächst langsam herein, bevor aus dem Rinnsal ein Strom wurde.

»Wir sollten zurückgehen«, sagte ich und strich mir über die Haare, um sie zu glätten. »Ich habe meinem Assistenten gesagt, dass ich vielleicht etwas später vom Mittagessen zurückkomme, aber wir haben heute viel zu besprechen, also sollte es nicht allzu lange dauern. Und du bist bei den Fünftklässlern, ja?«

Reese sah mich nur an. Er wartete immer noch auf eine Antwort.

»Nun, sie werden jetzt auch zurück in den Unterricht gehen. Es ist besser, sie nicht zu lange allein zu lassen. Sie sind alt genug, um mehr Ärger zu machen, als du denkst.«

Ich wickelte meinen Schal wieder um den Hals und schob mich durch die Tür, ohne nachzuschauen, ob er mir folgte.

Später am Abend warf ich meine Ledertasche auf einen noch nicht ausgepackten Karton neben meiner Haustür, zog meinen Mantel und meinen Schal aus und ließ sie ebenfalls auf den Karton fallen. Mein neues Haus war mit Kartons übersät, die meisten davon unberührt; einige waren aufgerissen und durchwühlt, weil ich an diesem Morgen in Eile gewesen war, um das zu finden, was ich brauchte.

Meine Sachen waren vorausgeschickt worden, und bis zu meinem Nachtflug nach Pittsburgh am Vorabend hatte ich nur noch einen Koffer in New York City gehabt. Die Entscheidung, in meine Heimatstadt zurückzuziehen und in Westchester zu unterrichten, hatte ich spontan getroffen, nachdem ich in einer durchzechten Nacht im Internet auf die Stellenanzeige gestoßen war. Man hatte mich gebeten, zwei Wochen vor Arbeitsbeginn anzureisen, aber da ich meine Verpflichtungen in den Restaurants, in denen ich gespielt hatte, noch erfüllen und meine Schüler von der Juilliard übergeben musste, war das nicht möglich gewesen.

Es war das erste Mal, dass ich das Haus persönlich sah, als ich an diesem Morgen meine Koffer abstellte, mich umzog und aus der Tür zu meinem ersten Arbeitstag eilte.

Ich seufzte, als ich das chinesische Essen auspackte, das ich auf dem Heimweg aus Westchester mitgenommen hatte, und zog müde einen Behälter nach dem anderen heraus. Es war ein langer Tag gewesen, der mich mehr erschöpft hatte als gedacht.

Ich konnte nicht glauben, dass ich wieder hier war.

Der Umzug zurück nach Mount Lebanon war mein letzter Versuch, wieder zu mir selbst zu finden, ein Zuhause zu finden, etwas Trost in einer Welt, die mir jetzt so fremd war wie ein unentdeckter Planet. Mein neues Haus lag nur einen Steinwurf von dem entfernt, in dem ich aufgewachsen war, und ich hatte gehofft, dass ich mich dadurch dem Mann, der ich einmal gewesen war, näher fühlen würde.

Bislang hatte es mich jedoch nur noch einsamer gemacht.

Mount Lebanon war mein Zuhause gewesen. Hier hatten meine Eltern aus dem Nichts eine Familie und ein Vermögen aufgebaut. Hier hatten meine Schwester Mallory und ich in einem großen Garten gespielt und uns darüber gestritten, wer welche Hausarbeiten erledigen musste. Hier hatte ich Klavier spielen gelernt und entdeckt, dass Musik das Wichtigste in meinem Leben war.

Hier hatte ich mich in ein Mädchen mit Rehaugen verliebt, das nebenan wohnte und das ich dort zurückgelassen hatte, ohne ihr jemals zu sagen, was sie mir bedeutete.

Ich öffnete eines der Biere, die ich ebenfalls auf dem Heimweg gekauft hatte, und stellte den Rest des Sixpacks in den Kühlschrank. Die bittere Flüssigkeit tröstete mich, ebenso wie das Lo Mein, und endlich erlaubte ich mir, an sie zu denken.

An Charlie.

Es war unmöglich gewesen, den ganzen Tag nicht an sie zu denken – im Klassenzimmer, in der Pause, im Auto auf dem Heimweg. Aber ich hatte mein Bestes gegeben, mich darauf zu konzentrieren, meine neuen Schüler kennenzulernen und herauszufinden, was sie von mir brauchten. Jetzt, wo ich allein in meinem neuen Haus war, mit nichts als Fast Food und der gewaltigen Aufgabe, auszupacken, um mich abzulenken, konnte ich die Gedanken an sie nicht länger zurückhalten.

Sie war immer noch Charlie. Immer noch das Mädchen, das ich von früher kannte, nur dass sie nicht mehr dasselbe Mädchen war, das ich von früher kannte. Ihre Augen waren dunkler, müder, an den Augenwinkeln von den Jahren gezeichnet. Ich wusste, dass sie mich dafür hasste, dass ich sie verlassen hatte. Ich wusste, dass sie in all den Jahren nicht versucht hatte, Kontakt aufzunehmen, aber die Art, wie sie auf mich reagiert hatte, schockierte mich bis ins Mark.

Es war nicht so, dass sie es hasste, dass ich da war, oder dass sie immer noch wütend auf mich war. Und es war definitiv auch nicht so, dass sie sich freute, mich zu sehen.

Es war schlimmer – denn sie schien überhaupt keine Reaktion zu zeigen.

Früher war sie so voller Leben gewesen, und jetzt wirkte sie fast hohl, wie eine Hülle der jungen Frau, die ich vor über einem Jahrzehnt gekannt hatte. Sie konnte nicht einmal meine Frage beantworten, ob sie jetzt glücklich war. Eine Frage, die ich ihr in einem Moment gestellt hatte, der nur uns beiden gehört hatte. Ich wollte ihre Ehrlichkeit. Ich hatte sie angefleht, sich mir zu öffnen und mich an sich heranzulassen.

Jetzt, wo ich allein war, wurde mir klar, wie naiv ich gewesen war, zu glauben, ich hätte mir dieses Privileg nach all den Jahren des Stillschweigens verdient.

Sie schuldete mir rein gar nichts, am wenigsten Vertrauen, und ich war dumm gewesen, darauf zu hoffen.

Ich aß mein Chicken Lo Mein schweigend und trank mein erstes Bier zu schnell, bevor ich die leere Flasche durch eine zweite ersetzte, während ich über meinen ersten Tag nachdachte. Ich war nach dem Unterricht länger geblieben, um die Tour, die Charlie und ich begonnen hatten, allein zu beenden. Für das Kunstzentrum hatte ich mir extra Zeit genommen, um mich mit dem Gebäude vertraut zu machen, in dem ich den Jugendlichen die Magie der Musik beibringen würde.

Ich. Kinder unterrichten.

Es war immer noch so unfassbar.

Als Teenager war ich leichtsinnig gewesen und hatte meine Nächte mit Partys verschwendet, wenn ich mich nicht gerade am Flügel verloren hatte. Graham, mein bester Freund und Charlies Bruder, war mein klügerer Gegenpart gewesen. Obwohl er tendenziell länger weggeblieben war als ich, schien er nie so viel Ärger bekommen zu haben. Er hatte seine Nächte im Bett mit einer neuen Freundin beendet, und es hatte zu viele Nächte gegeben, in denen ich meine damit beendet hatte, meine Eltern mit Polizisten im Schlepptau zu wecken.

Es war nie etwas Ernstes gewesen – keine illegalen Drogen oder Diebstahl oder so etwas. Meistens war mir einfach langweilig gewesen, also hatte ich jedem, der mir über den Weg lief, Streiche gespielt, nur um etwas zu tun zu haben. Aus dem gleichen Grund war ich auch nie besonders gut in der Schule gewesen. Es war nicht so, dass ich nicht intelligent war, sondern dass ich die vielen Aufgaben, die mir aufgegeben worden waren, für reine Zeitverschwendung gehalten hatte. Ich hatte nie Hausaufgaben gemacht, jedoch alle Tests mit einem B bestanden, was mir einen guten Notendurchschnitt eingebracht hatte. So hatte ich mich einfach durch die Schulzeit treiben lassen.

Charlie war genau das Gegenteil. Sie hatte immer Bestnoten.

Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, ließ mein kaum angerührtes Essen im Kühlschrank stehen und entschied mich stattdessen für ein drittes Bier. Ich schob einen der Küchenbarhocker zur Glasschiebetür, öffnete sie einen Spaltbreit und stellte meine Füße auf einen ausgepackten Karton, bevor ich mir eine Zigarette anzündete. Als ich einen Zug nahm, entwich mir ein Seufzer der Erleichterung in Form von Rauch aus meiner Lunge.

In Westchester galt striktes Rauchverbot, sogar für Lehrer, und obwohl ich mir die Zigarette angezündet hatte, sobald ich ins Auto gestiegen war, fühlte ich mich unwohl, da ich in New York City fast stündlich geraucht hatte. Ich sagte mir, dass es wohl an der Zeit war, mit dem Rauchen aufzuhören – aber wirklich versucht hatte ich es bisher nie.

Charlie hatte mich als Teenager ständig wegen des Rauchens kritisiert. Ich hatte mit vierzehn angefangen, und sie hatte mir nie erlaubt, in ihrer Gegenwart zu rauchen. Jedes Mal, wenn ich in ihrer Gegenwart eine Zigarette angezündet hatte, hatte Charlie sie mir aus dem Mund gerissen und mit mir geschimpft. Manchmal hatte ich es nur getan, um sie zu provozieren, um zu sehen, ob es ihr noch etwas ausmachte.

Ich ließ die Zigarette zwischen meinen Lippen ruhen und lehnte mich wieder auf dem Barhocker zurück. Der Rauch stieg langsam auf und wurde vom kühlen Wind Pennsylvanias durch die kleine Öffnung der Glasschiebetür gesogen. Die Kälte machte mir nichts aus, nicht hier und nicht in New York City. Aber Mount Lebanon war ein himmelweiter Unterschied zur Millionenstadt. Ich war jetzt wieder in den Vororten, an einem Ort, an dem ich mir wahrscheinlich eine Zukunft aufbauen würde, die der von Dad und Mom hier sehr ähnlich sein würde.

Ich wünschte, sie wären hier, um mich jetzt zu sehen. Um zu sehen, was aus mir geworden war.

Bei dem Gedanken an sie durchzuckte der vertraute Schmerz meine Brust, und ich zuckte zusammen, rauchte meine Zigarette zu Ende und nahm mein Bier mit ins Esszimmer. Dort hätte ein Tisch stehen sollen, an dem ich mit meiner Familie sitzen und essen könnte, aber stattdessen stand dort nur mein kleiner Flügel. Ich hatte seit einer Woche nicht mehr darauf gespielt, seit die Umzugshelfer in meiner Wohnung in New York City aufgetaucht waren, um es abzutransportieren.

Ich stellte mein Bier auf den Deckel, setzte mich auf die Bank und meine Finger bewegten sich automatisch zu den Tasten. Als die ersten Töne das leere Haus erfüllten, fand ich ein wenig Frieden, aber nicht so wie früher. Es war fast wie eine falsche Gewissheit, eine Lüge, die mir sagte, dass alles in Ordnung sei, obwohl das weit von der Wahrheit entfernt war.

Früher hatte mich die Musik gerettet, aber sie war vor drei Jahren zusammen mit meiner Familie gestorben.

Ein Amoklauf. Ein Mann, der mich genauso gut hätte erschießen können, so sehr hatte er mir jede Freude im Leben genommen.