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Band 2 der Museum-of-Broken-Hearts-Reihe von Julia Niederstraßer Wir sammeln nicht nur gebrochene Herzen - wir führen sie auch zusammen! Das Museum of Broken Hearts ist Tonis Herzensprojekt – ein Ort voller Ideen, Geschichten und Sehnsucht, den sie mit Leidenschaft leitet. Doch als ihre Eltern für die Planung der 'Night of Wishes' im Museum einen professionellen Eventmanager engagieren, steht ausgerechnet Vince vor ihr. Der Kerl, den sie seit ihrer Auseinandersetzung beim Speed Dating absolut nicht ausstehen kann. Doch zwischen Sticheleien und intensiven Blicken entsteht eine unerwartete Nähe. Bis ein Vertrauensbruch alles ins Wanken bringt und beide daran erinnert, wie schwer es ist, die Vergangenheit wirklich loszulassen… #MuseumOfBrokenHearts #WorkplaceRomance #ForcedProximity #ChronicIllness #Endometriose #GumpyxSunshine Alle Bände der Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Julia Niederstraßer
Bisher bei LEAF erschienen:
Where I Left My Heart
Where I Owned My Voice
Julia Niederstraßer
Ausführliche Informationen über unsere Autorinnen und Autoren und ihre Bücher
www.leaf-verlag.de
1. Auflage 2026
Originalausgabe:
Copyright © 2026 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland
Copyright © 2026 by Julia Niederstraßer
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Textredaktion: Janika Mielke, Sarah Di Fabio
Covergestaltung: Emily Bähr unter Verwendung von
Illustrationen von Lea Melcher @leamelcher www.leamelcher.de
Gesetzt aus der Adobe Caslon
Satz: LEAF Verlag unter Verwendung von Illustrationen von Joy Janna Kehrer und Stockmaterial von Adobe Stock (© SREESADHIN, © MD, © Pixi, © SREEPOLOK, © dariachekman, © Mahin, © linemafia, © Kristina, © clelia-clelia)
eISBN 978-3-911244-39-8
Du strahlst, das ist unübersehbar.
Aber was ist, wenn ich dahinter blicke?
Das ist für dich und mich, weil wir trotz allem hoffen, dass da jemand ist, der uns in der Helligkeit entdeckt; in all der Dunkelheit.
Liebe Leser:innen, dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte, deshalb befindet sich auf der letzten Seite eine Contentwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.
Taylor Swift – Eldest Daughter
Maisie Peters – Worst of You
Taylor Bickett – IDIOT!
ROSÉ – number one girl
Freya Skye – Lose My Head
Shaboozey – A Bar Song (Tipsy)
Billie Eilish - LUNCH
Katrina & The Waves – Walking on Sunshine
The La’s – There She Goes
Sabrina Carpenter – Skin
Conor Burns – Mansion On A Hill mgk – cliché
mgk – miss sunshine
mgk – treading water
mgk, Julia Wolf – iris
mgk, Camila Cabello – Bad Things
Conor Burns – come alive
mgk, Halsey – forget me too
mgk – cant stay here
mgk – orpheus
Können wir nächstes Mal eine Liste mit Lieblingspflanzen erstellen? Da wäre meine Auswahl definitiv facettenreicher.
Tonis Playlist
Vince’ Playlist
Prolog
Kapitel 1: Toni
Kapitel 2: Toni
Kapitel 3: Toni
Kapitel 4: Toni
Kapitel 5: Vince
Kapitel 6: Toni
Kapitel 7: Toni
Kapitel 8: Toni
Kapitel 9: Toni
Kapitel 10: Vince
Kapitel 11: Toni
Kapitel 12: Toni
Kapitel 13: Toni
Kapitel 14: Toni
Kapitel 15: Toni
Kapitel 16: Vince
Kapitel 17: Toni
Kapitel 18: Toni
Kapitel 19: Vince
Kapitel 20: Toni
Kapitel 21: Toni
Kapitel 22: Toni
Kapitel 23: Vince
Kapitel 24: Toni
Kapitel 25: Toni
Kapitel 26: Toni
Kapitel 27: Vince
Kapitel 28: Toni
Kapitel 29: Toni
Kapitel 30: Vince
Kapitel 31: Toni
Kapitel 32: Toni
Kapitel 33: Toni
Kapitel 34: Toni
Kapitel 35: Toni
Kapitel 36: Vince
Kapitel 37: Toni
Kapitel 38: Vince
Kapitel 39: Toni
Kapitel 40: Toni
Kapitel 41: Toni
Kapitel 42: Toni
Kapitel 43: Toni
Kapitel 44: Toni
Kapitel 45: Vince
Kapitel 46: Toni
Kapitel 47: Vince
Kapitel 48: Toni
Kapitel 49: Toni
Kapitel 50: Toni
Kapitel 51: Vince
Kapitel 52: Toni
Kapitel 53: Toni
Kapitel 54: Vince
Kapitel 55: Toni
Epilog
Danksagung
Wer mich in dieser Ecke hinter dem Bartresen und den Kellnern und Kellnerinnen herumlungern sieht, muss sich unweigerlich fragen, ob ich ein Stalker bin. Berechtigter Gedanke, aber ich schwöre, ich bin Eventmanager. Ein äußerst akribischer – das gebe ich zu –, der mit einem Klemmbrett und Füller gewappnet ist, um Notizen zu machen. Es ist meine erste Veranstaltung nach der Ausbildung in Eigenregie, vielleicht erklärt das … mich. Mein Streben nach Perfektion. Den von mir erstellten Ablauf der Silvesterparty der Pumpe habe ich mit den Beteiligten des Personals doppelt durchgesprochen und mir von jeder einzelnen Person gegenzeichnen lassen. Von den Türstehern und den ausschenkenden Servicekräften bis hin zu den Verantwortlichen für die Pyrotechnik um Mitternacht habe ich alle selbst ausgewählt. Nach gründlicher Prüfung ihrer Fertigkeiten, versteht sich. Auf Wunsch der Veranstalterin habe ich noch eine Spaßstation – wie sie es nennt – organisiert. Mit Argusaugen scanne ich die Umgebung ab. Spaß haben die rund fünfhundert Anwesenden definitiv. Vor der Fotobox hat sich eine Schlange gebildet, während das Parkett unter meinen Füßen durch die Technoklänge des DJs vibriert und die Tanzfläche brechend voll ist. Ähnlich sieht es an der Bar aus. Gelächter durchdringt gelegentlich die Musik; die silbernen Einlassbänder an den Handgelenken, die ein Freigetränk sichern, funkeln unter der Discokugel auf. Der Abend wirkt perfe…
Stopp! Fast hätte ich es übersehen. Ich visiere die Ballons im vorderen Viertel des Saals an. Eine große 2024 schwebt über dem gewaltigen Rad, das nur noch zur Zierde dient, aber für den Namen der Location verantwortlich ist. Denn früher war das hier ein Abwasser-Pumpwerk. Die Vier innerhalb der Zahlenfolge scheint Luft zu verlieren. Sie hängt ein wenig schlaff herunter. Ich knirsche mit den Zähnen, mache mir einen Vermerk, diesen Ballonhersteller zukünftig zu meiden. Die Frage ist, ob das Material bis Mitternacht durchhält. Andernfalls müsste ich mich ins Getümmel stürzen, um einen Ersatz anzubringen. Vorgesorgt hätte ich. In dreifacher Ausführung. Falls ich mich dafür entscheide, bräuchte ich eine Leiter. Die Stimmung könnte gestört werden. Die Zufriedenheit sinken. Bevor ich eine Wahl treffen kann, grölt jemand. Ich zucke zusammen, und mein Blick verharrt bei einer kleinen Gruppe am Tresen.
»Ab sofort gehen alle Getränke auf mich!«
Ein paar Umstehende klatschen und pfeifen begeistert, andere wiederum mustern die Urheberin der Verkündung skeptisch, als wären sie nicht sicher, inwiefern es ernst gemeint war. Doch die Frau wedelt mit einer schwarzen Kreditkarte vor der Nase eines Kellners umher, was die Menge zum Johlen und mich zum Aufstöhnen bringt. Kurz senke ich die Lider, atme tief durch, ehe meine Aufmerksamkeit zurück zu der Frau wandert. Eigentlich brauche ich sie kein weiteres Mal betrachten; trotzdem tue ich es. Hole mir die Bestätigung, die mein schlechtes Gewissen beruhigt. Obwohl das bei mir in diesem Punkt nicht existent ist. Dafür ist mir die Welt der Reichen und Schönen zu vertraut. Die Aktion der Frau habe ich bereits etliche Male miterlebt. Auf Partys mit Neureichen. Und korrekt: Die holde Spenderin ist hochgewachsen, kurvenreich und hat ein strahlend rundliches Gesicht mit abertausend Sommersprossen, gegen die der Winter keine Chance hat. Unter dem bunten Schein der sich im Takt der Musik bewegenden Lichter sind sie gut zu erkennen. Ebenso ihre verspielte Kleidung. Die leuchtend braunen Augen und das weizenblonde Haar. Sie ist ohne Frage schön, aber das sind fünfundzwanzig Prozent der Bevölkerung Deutschlands. Plus minus. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, ist sie etwa so jung wie ich, Mitte zwanzig, und wenn sie niemandem die Kreditkarte gestohlen hat, ist sie auch vermögend. Freimütig jeden Drink zu bezahlen, der heute über den Tresen geht, ist mutig. Oder aber einfach, wenn Mami und Papi die Sponsoren sind. In ihrem Alter ist es schließlich unwahrscheinlich, dass sie das Geld selbst verdient hat. Ich schnaube verächtlich, will mich gerade abwenden, um die schlaffe Vier der Luftballons näher zu inspizieren, als ich höre, wie die Frau ein Wasser für sich bestellt.
Drei Stunden später hält der Ballon immer noch. Bis das neue Jahr da ist, wird er es schaffen. Notfalls kann ich ihn austauschen, wenn alle für den Countdown nach draußen strömen. Ein letzter prüfender Blick in Richtung des Sorgenkinds, dann dränge ich mich an den Tanzenden vorbei zurück zu meinem Posten in der Ecke hinter dem Tresen. Auf meinem Weg schlägt mir der Duft von Schweiß und Alkohol entgegen, erhitzte Gesichter strahlen mich an. Obwohl sie kaum mir gelten, sondern dem Abend, zucken meine Mundwinkel.
Plötzlich ertönt ein lautes Zischen, gleich darauf wiederholt es sich. Viermal. Eine riesige Rauchwolke bildet sich schräg vor mir, friert die Szenerie einen Herzschlag lang ein. Wie auf Kommando rührt sich niemand. Stillstand. Auch in meinem Kopf. Erst als ich aus dem Augenwinkel ein buntes Sprühfeuerwerk sehe, kehrt das Leben in die Anwesenden zurück. In mich nicht. Ich verharre lediglich, spüre dumpf Schultern und Ellenbogen gegen mich krachen. Ein wenig mehr und ich würde fallen. Kreischende Menschen hetzen durch den sich verteilenden, undurchsichtigen Rauch auf den Ausgang zu. Von allen Seiten. Unkontrolliert, hektisch. Die ersten straucheln, husten. Und ich stehe nach wie vor da. Irgendwie unbeteiligt, dabei bin ich mittendrin. Gleichzeitig setzt das schrille Piepen der Feuermelder ein und peitscht die Menge zusätzlich an. Das ist der Moment, in dem sich mein Gehirn – ich – zurückmeldet.
Keine Massenpanik, bitte keine Massenpanik!
Mein Puls rast, rauscht in meinen Ohren. Was vorher an mir vorbeigezogen ist, prasselt jetzt auf mich ein: die Menschen, der Lärm, das Durcheinander. Die Sicherheitskräfte, die am Eingang maßlos überfordert sind. Mein Brustkorb hebt und senkt sich unregelmäßig, statt Sauerstoff atme ich Angst ein. Es ist egal, wie oft und wie schnell ich ausatme, ich werde sie nicht los. Schwarze Punkte flimmern in meinem Sichtfeld auf, meine Hände zittern, und das Klemmbrett samt Füller fallen geräuschlos zu Boden. Etwas Hartes trifft mich am Oberarm, reißt mich aus meiner Starre. Schlagartig hole ich tiefer Luft, achte darauf, dass sie bis in meinen Bauch gelangt, führe den Vorgang erneut durch. Kurz fokussiere ich mich auf die stetige Bewegung, verdränge ein Stück weit meine Angst. Krisenmanagement. Wer Events auf professioneller Basis plant und ausrichtet, sollte wissen, was im Notfall zu tun ist. Bereits in der Ausbildung wurde uns ein genereller Verhaltenskodex eingetrichtert: Situation sondieren, Ruhe bewahren und sich an die Fluchtpläne und Sicherheitshinweise halten. Ich kämpfe mich bis zum Tresen vor, springe rauf und angle nach dem Megafon, von dem ich weiß, dass es im Fach unter der Kasse versteckt ist. Inzwischen hat sich die Rauchwolke gelichtet, die Panik in der Menge bleibt dennoch. Bevor ich zu sprechen anfange, stocke ich, weil nicht weit von mir entfernt ein kleiner Pulk an Personen beieinandersteht. Im Gegensatz zu allen anderen fliehen sie nicht. Ich verenge die Augen. Das sind doch …die Frau von vorhin und ihre Gruppe! Sie sind mit Hand-Leuchtfeuern ausgestattet, die sie versuchen, hinter ihren Rücken zu verbergen, und versprühen letzte Funken. Zur Hölle noch mal, wie haben sie die Teile an den Türstehern vorbeigeschmuggelt? Wütend balle ich die freie Faust. Wie war das? Ruhe bewahren. Schließlich kann ich froh sein, dass der Auslöser für den Feueralarm harmlos ist. Trotzdem spüre ich einen Muskel an meiner Schläfe zucken, und mein Blick scheint sich an ihr festzubeißen. Würde sie aufsehen, müsste sie die Anklage darin förmlich attackieren.
Ich zwinge meine Aufmerksamkeit zurück auf das Megafon, schalte es an und verkünde: »Achtung, Achtung! Ich kann Ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist. Es haben sich lediglich ein paar verirrte Feuerwerkskörper in unsere Mitte geschlichen. Bitte folgen Sie dem Sicherheitspersonal in den Warnwesten ruhig und geordnet.« Während ich in die genannte Richtung deute, legt sich das Durcheinander von Furcht im Saal, wird von etlichen erleichterten Seufzern und einem anschwellenden Stimmengewirr abgelöst. Automatisch sehe ich zu den Verantwortlichen und … sie sind fort. Ich presse die Lippen aufeinander. Was habe ich erwartet? Dass sie sich reumütig entschuldigen? Als ob.
Fast Zwei Jahre Später
Wir sollten alle mehr tanzen. Auch im Gang eines Supermarkts. Ich bin mir ziemlich sicher, dadurch würden viele gehetzte Gesichter beim Einkaufen entspanntere Züge bekommen. Bei mir funktioniert es hervorragend. All About That Bass von Meghan Trainor schallt aus meinen Kopfhörern, als ich zwischen den Regalen voller Chips und Spekulatius hin und her tänzle und den Einkaufswagen im Takt des Beats vor mir herschiebe. Wie immer durchströmt mich dabei dieser Energieschub, der mich fröhlich mitsummen lässt. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie sich ein Pärchen beim Vorbeigehen fast die Hälse verrenkt, um mich länger anstarren zu können. Was soll’s?
Schwungvoll biege ich am Ende des Gangs ab, merke, wie die Kordeln meiner Winterjacke gegen meine Oberschenkel schlackern, und greife mit kreisenden Hüften nach einer XXL-Tüte Marshmallows. Ich liebe die Teile, und obwohl sie nicht auf meiner Liste für das Speeddating morgen Abend stehen, müssen sie mit. So will es das Gesetz. Schließlich braucht jeder Supermarktbesuch mindestens einen zusätzlich erworbenen Artikel. Selbst wenn dieser für mich ist und nicht für die Teilnehmenden, die sich für das Event im Museum of Broken Hearts angemeldet haben. Dort die leitende Position zu übernehmen, kommt mir nach wie vor unwirklich vor. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass ein Kroatienurlaub mit der Familie so zukunftsweisend sein könnte. Da ich mich in das Museum of Broken Hearts in diesem Land verliebt habe, haben meine Eltern kurzerhand mit den Eigentümern einen Deal ausgehandelt, der es mir durch ihren Lizenzkauf erlaubt, einen Zweitsitz in Kiel zu leiten. Ich darf donnerstags bis dienstags von neun bis achtzehn Uhr (meine Arbeitszeiten sind ehrlicherweise ein wenig ausgedehnter, dafür kann ich sie flexibel wählen) einen Ort gestalten, an dem Gegenstände ausgestellt werden, die eine Geschichte erzählen. Menschen mit gebrochenen Herzen geben sie bei uns ab und können sich bestenfalls von ihrem Schmerz lösen. Und ab morgen versuchen wir, auch in Form eines Speeddatings gebrochene Herzen zusammenzuführen. Ich liebe es.
Bevor ich die Tüte in den Wagen werfe, halte ich sie ausgestreckt vor mich und vollführe eine kleine Drehung. XXL-Marshmallows sind ganz fantastische Tanzpartner. Danach verfrachte ich sie zu den anderen Einkäufen und steuere die Abteilung des Ladens an, in der sich die Dekoartikel befinden. Ein Lied folgt dem nächsten, doch sobald ich im richtigen Gang gelandet bin, schalte ich die Kopfhörer aus. Stattdessen stimme ich leise einen Remix aus sämtlichen Weihnachtssongs an, die mir einfallen. Das Arrangement vor mir lädt förmlich dazu ein. Glitzernde Kugeln an künstlichen Tannengirlanden zieren die Regale voller Blumentöpfe, Tee- und Windlichter sowie gehäkelter Schneemannfiguren. Jeder Zentimeter funkelt in Rot-Weiß, entlockt mir ein Schmunzeln, weil ich automatisch an mir herabsehe. Selbst hier falle ich auf. Eine orangefarbene Winterjacke mit riesiger Kapuze, aufgestickten Blätterranken und Teddyfell sticht wohl immer hervor. Ich nehme drei Teelichtpackungen, suche fünfzehn gläserne Windlichter aus, da sich die Teilnehmenden an fünfzehn Tischen im Rotationsprinzip kennenlernen werden, und lege alles in den Wagen.
Anschließend bugsiere ich ihn in Richtung Kasse und platziere meine Artikel auf dem Laufband. Die Kassiererin schiebt sie nacheinander von links nach rechts. Es piept in Dauerschleife, während sie gestresst auf die Lebkuchen, Gurken und Brote auf dem Kassenband hinter mir sieht.
»Schönes Piercing«, sage ich, hole meine Bankkarte aus dem Portemonnaie und deute auf den silbernen Stecker in ihrer Wange. Zuerst runzelt sie die Stirn, tastet nach dem Schmuck, dann heben sich ihre Mundwinkel, und ich verfrachte meine Einkäufe in den Wagen. Ich lächle sie an. Jeder Mensch sollte täglich mindestens ein Kompliment bekommen. Ich verstehe nicht, weshalb das vielen so schwerfällt.
Wenn es Liebe auf den ersten Blick gibt, existiert auch Hass auf den ersten Blick. Am nächsten Tag sitzt der beste Beweis dafür vor mir. Wobei Hass natürlich unzutreffend ist, vor allem unfair, schließlich bin ich dem Mann nie zuvor begegnet. Abneigung trifft es daher eher.
Zugegeben er ist unbestreitbar schön; geschätzte 1,90 m groß, schwarze kurz geschorene Haare, braune Haut und ein ozeanblaues Sakko, das perfekt sitzt. Darunter eine Weste, aus deren Tasche eine filigrane bronzefarbene Gliederkette hängt, die an einem der Knöpfe auf Höhe seines Bauchs angebracht ist, und dazu eine schwarze Jeans. Sein Kinn ist ein wenig spitz, und er hat einen Bartschatten.
Eleganz gepaart mit Lässigkeit.
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass er bisher zwar nur geschwiegen hat, mich aber alles an ihm nervt. Die Art, wie er seine Ärmel hochschiebt, als wäre das hier ein Geschäftsmeeting und kein Speeddating. Etwas, das rasch über die Bühne gebracht werden muss. Dazu die Distanz in seinen stechend grünen Augen. Die Arroganz, die an ihm haftet und selbst in seiner Handschrift wiederzufinden ist: der Aufkleber unterhalb seines Schlüsselbeins trägt nur seinen Namen, Vince, trotzdem sticht er mit den feinsäuberlichen Linien unter all den zittrigen oder blockschriftartigen Buchstaben der anderen Bens, Elodies und Tareks hervor. Er will nicht hier sein, da bin ich mir sicher. Dennoch ist dieser Mann für die nächsten zwei Minuten mein Gesprächspartner, während die Paare an den weiß lackierten Tischen um uns herum den Eingangsbereich des Museum of Broken Hearts mit ihren Stimmen fluten. Ganz im Gegensatz zu Vince und mir. Zwischen uns herrscht über das flackernde Windlicht hinweg Stille. Ein Blick auf die überdimensional große Stoppuhr auf dem Empfangstresen verrät mir, dass seit dem Startsignal einige Sekunden vergangen sind. Möglichst gelassen lächle ich, ernte den wahrscheinlich desinteressiertesten Ausdruck, der mir je gewidmet wurde, und mit dem er die mieseste Laune des Jahrhunderts verbreiten könnte, wenn er seinen nächsten Begegnungen einen ähnlichen schenkt. Er könnte damit unserem Event einen gewaltigen Dämpfer verpassen. Meine Antwort darauf? Mundwinkel, die noch höher wandern.
Meine Anwesenheit an diesem Ort war anders geplant. Statt der Gastgeberin bin ich Teilnehmerin, weil eine der angemeldeten Damen in letzter Sekunde abgesprungen ist. Daher bin ich aus meiner Arbeitsbluse, dem dazugehörigen Rock und der roten Strumpfhose geschlüpft, habe mir meinen Pullover mit bunten Tannenzapfen und eine Stoffhose angezogen und ihren Platz übernommen, damit niemand einen Leerlauf hat. Der Dank dafür ist Vince. Dabei könnte ich gerade durch die Reihen schlendern und beobachten, wie an einem Sonntagabend in den Hallen unseres Museums nicht nur Menschen mit gebrochenen Herzen Gegenstände abgeben, sondern wieder zusammengeführt werden. Ich könnte mir Notizen machen, was wir bei einem nächsten Event dieser Art verbessern müssten. Ich könnte …
Halb so schlimm, Toni. Zähl einfach bis drei und mach das Beste daraus. Schließlich sitzt gleich dein nächstes Date vor dir.
Ich räuspere mich, mustere erneut den Mann, der als Paradebeispiel für den Goldenen Schnitt herhalten könnte – seine Gesichtszüge sind derart harmonisch, dass es fast weh tut – und spähe auf den laminierten Zettel. Er dient als Ideengeber für Fragen, die wir im Broken-Hearts-Team erarbeitet haben. Sechs Eisbrecher, um Gespräche ins Rollen zu bringen, einen davon können Vince und ich offenbar gebrauchen. Kurz entschlossen lese ich die oberste Zeile vor: »Sex beim ersten Date – ein No-Go oder kein Problem?« Heilige … Direkter hätte ich nicht loslegen können. Mir wird schlagartig heiß.
»Das ist Ihre Einstiegsfrage an mich?«
»Jap. Wieso?«
»Weil wir nur zwei Minuten haben, um uns kennenzulernen, und Sie wollen weder wissen, was ich beruflich mache, noch was meine Hobbys sind. Auf diese Weise kommt garantiert kein Gespräch zustande. Das ist wenig bis überhaupt nicht durchdacht. Eher Letzteres. Und übergriffig ist es auch.«
Ich sag’s ja: Abneigung auf den ersten Blick. Jedes seiner Worte bestätigt es mir. Trotzdem muss ich zugeben: Meine Wahl hätte besser sein können. Doch a) haben das Team und ich uns nie über die Reihenfolge der möglichen Eisbrecher Gedanken gemacht (das sollten wir beim nächsten Mal tun), b) gibt ihm das nicht das Recht, so mit mir umzuspringen, und c) hätte ich mich bei jeder anderen Person längst entschuldigt. Versucht, die Stimmung zu retten. Aber bei ihm … nicht in tausend Jahren.
Stattdessen falte ich meine Hände, lege sie auf den Tisch und sehe ihn mit so viel Gelassenheit an, wie ich aufbringen kann. »Meine Frage verrät viel mehr über Sie als ihre vorgeschlagenen über die Hobbys und den Beruf. Vorausgesetzt sie wird beantwortet.«
»Was nicht passieren wird, da sie, ich wiederhole mich gern, übergriffig ist. Niemand wird darauf reagieren.«
»Einige vielleicht schon.«
»Höchstens mit pikiertem Schweigen.«
»Oder sie erkennen die Herausforderung an und kontern. Ehrlichkeit wäre auch eine Option.« Im Gegensatz zu ihm kann ich widersprechen, ohne vor Überheblichkeit zu strotzen.
Abermals hebt er die Braue. Selbst darin steckt so viel Blasiertheit, dass mehrere Menschen gleichzeitig damit ausgestattet werden könnten. »Es muss alles passen.«
»Um auf meine Frage zu reagieren, oder …?«
»Wenn alles stimmt, hat Sex beim ersten Date sicherlich seinen Reiz. Manche Begegnungen oder Momente haben etwas an sich. Da werden die ursprünglichen Pläne über den Haufen geworfen.«
Er mustert mich so intensiv, als wollte er herausfinden, ob ich verstehe, was er damit meint. Sofort wird seine Miene weicher, verliert einen Hauch Arroganz. Fatalerweise macht ihn das noch attraktiver. Interessanter. Ich verfange mich in seinem Blick, da er zum ersten Mal etwas anderes als Abneigung zeigt und so ernsthaft klingt, dass ich ihm glaube.
Plötzlich zieht er seine Sakkoärmel wieder hinunter, als wäre es längst Zeit zu gehen. »Und was sagt Ihnen das jetzt über mich?«
Mein Kiefer verspannt sich, doch ich bleibe freundlich. Egal, wie abrupt der Stimmungswechsel meines Gegenübers ist. Seit meiner Kindheit funktioniert das wie von allein, als wäre es Teil meiner Natur. »Dass Sie impulsiv sind und Ihrer Intuition folgen. Ihrem Gefühl.«
»Nächste Frage«, fordert er kühl.
»Der Fairness halber würde ich vorschlagen, dass Sie mir eine Frage stellen und wir uns abwechseln.«
»Wieso? Sie sind offensichtlich vorbereitet.« Er deutet auf den Zettel mit den Fragen. Wie viel Spott in einer harmlosen Bewegung stecken kann.
»Sie nicht?«
»Ich bin da eher spontan.«
»Und reden die Fragen anderer schlecht.«
»Solche auf jeden Fall.«
»Dann wird es für Sie heute Abend schwierig, erfolgreich zu sein«, prophezeie ich ihm. Ein freundliches Naturell zu haben, bedeutet nämlich nicht, alles mit sich machen zu lassen. Wütend funkle ich ihn an und nicke in die Richtung einer Frau nicht weit von uns entfernt. »Viele haben sich beim Hereinkommen einen der Zettel vom Empfangstresen mitgenommen. Heißt, einige werden sich an den Beispielen darauf bedienen.«
Beinahe gelangweilt sieht er sich um, ehe sein Blick zur Stoppuhr wandert und anschließend zu mir. »Ich schätze, mein Erfolg hängt ganz davon ab, wer die Fragen vorliest oder vorher kurz nachdenkt.«
Kaum hat er den Satz ausgesprochen, ertönt der Gong der Uhr. Um uns herum knarzen Stühle, während die Teilnehmenden aufstehen, ein paar von ihnen letzte gemurmelte Worte austauschen, und zum nächsten Platz wuseln. Vince bleibt sitzen. Ich ebenso. Wir fixieren uns, lassen uns nicht aus den Augen.
»Kleiner Tipp: Stellen Sie gleich lieber die zweite Frage. Dann läuft’s besser.«
»Ach, wissen Sie, egal, wer mir gegenübersitzen wird, es kann nur besser sein«, kontere ich und füge honigsüß hinzu: »Einen schönen Abend noch.« Schließlich darf die Höflichkeit nicht vergessen werden. Seine Nasenflügel beben. Zufrieden schiebe ich meinen Stuhl zurück, wende mich von ihm ab und steuere den nächsten Tisch an.
Ich nehme alles zurück: Es geht schlimmer. Speeddating mag für viele Menschen funktionieren, für mich bisher nicht. Tom, Gesprächspartner Nummer zwei, fand meine Oberweite spannender als meine Antworten, und Gregor schockiert mich gleich mit seiner ersten Frage: »Wären vier Kinder für dich in Ordnung? Ich hätte gern vier. Meine Frau sollte vier haben wollen.« Er blinzelt nicht, sondern starrt mich offen an. Dagegen ist meine Sex-Einstiegsfrage fast schon harmlos. Zumindest wenn ich seinen befehlsmäßigen Unterton bedenke. Oder den Umstand, dass dank ihm ein Kästchen in meinem Unterbewusstsein aufspringt, das Minimum einmal im Monat Hauptakteur in meinem Leben ist. Endometriose. Eine chronische Erkrankung der Gebärmutter, die neben horrormäßigen Schmerzen auch die Frage aufwirft, ob ich Kinder bekommen kann. Bei vielen Betroffenen ist das schwierig. Es geht also nicht nur darum, ob ein Kinderwunsch besteht, sondern ob es überhaupt möglich ist.
»Spannendes Thema«, fange ich an und spähe zur Stoppuhr. Noch eine Minute fünfundvierzig. Innerlich stöhne ich auf. Als ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Gregor richte, entdecke ich Vince zwei Plätze weiter bei seinem Date. Er lacht. Ernsthaft? Ich verenge die Lider. Wo bitte ist seine Arroganz hin, die ihn in meinem Beisein umgeben hat? Sein desinteressierter Ausdruck, der unser Event crashen könnte?
»Also, was ist?«, fragt Gregor ungeduldig.
Nach wie vor von Vince abgelenkt erwidere ich. »Ich weiß nicht, ob ich Kinder möchte. Das wäre eine Entscheidung für die Zukunft.«
»Aber als Frau ist das doch klar.«
Himmel, offenbar sitzt die junge Version vom old white man vor mir. Ich höre ihn beinahe fragen: Wie sollst du denn sonst glücklich werden?
Ich hasse diese vorsintflutliche Einstellung!
Mit einem Mal fühle ich mich beobachtet. Vince’ Blick ruht auf mir, etwas Wissendes blitzt darin auf. Ich recke das Kinn, gönne ihm nicht die Genugtuung, dass er Spaß zu haben scheint und ich nicht.
Dann lächle ich Gregor strahlend an, ignoriere dieses stechende Grün, das ich immer noch auf mir spüre. »Machen wir mit einer anderen Frage weiter, ja?« Ohne seine Antwort abzuwarten, widme ich mich dem Zettel auf dem Tisch und lese die übrigen Vorschläge durch – sicher ist sicher.
Glaubst du an Sternzeichen?
Welche berühmte Person würdest du gern treffen?
Wie würde dein bester Freund oder deine beste Freundin dich beschreiben?
Was ist eine gute Sache, die dir in dieser Woche passiert ist?
Bist du ein Hunde- oder ein Katzenmensch?
Ich gehe Zeile für Zeile durch und streiche sie im Geiste allesamt. Eigentlich ist es egal, was dort steht. Ich will nichts weiter über Gregor erfahren. Seine Reaktion hat mir gereicht.
»Hör mal.« Entschlossen wende ich mich ihm zu. »Ich befürchte, wir funktionieren nicht zusammen. Deshalb schlage ich vor, wir warten die nächste Minute ab und widmen uns dann unseren nächsten Dates.«
Er öffnet entrüstet den Mund, denkt dabei offensichtlich über meine Worte nach und nickt anschließend. Erleichtert lehne ich mich gegen die Stuhllehne. Das Gleiche hätte ich bei Vince und meinem Gespräch machen sollen. Merkwürdigerweise ist es mir bei ihm nicht einmal in den Sinn gekommen.
Nach heute Abend möchte ich nur noch in mein Bett. Speeddating. Vince. All die Menschen. Das war viel. Mein Atem bildet kleine Wolken, als hätte ich sie dem Sternenhimmel über mir entrissen. Ich lasse den Blick über die Grautöne meiner Umgebung schweifen. Dunkle Pflanzensilhouetten in den Vorgärten, die ich im Kieler Stadtteil Düsternbrook passiere, ein Kieselsteinweg, der zu einer Veranda führt, und eine Bank unweit von mir entfernt, auf die sich die Nacht gesetzt hat. Und über allem der Mond. Ich lege den Kopf kurz in den Nacken, inhaliere die Stille. Kristallklare Novemberluft durchströmt meine Lunge, doch was bleibt, ist das ausgehöhlte Gefühl; nichts Neues, schließlich ist es oft genug da. Irgendwo habe ich gelesen, dass es sich dabei um die Social Battery handle. So sehr ich die Gegenwart anderer auch genieße, es kommt der Moment, an dem alles zu viel ist. Jedes Gespräch, jede Bewegung, alle Anwesenden saugen mich ohne ihr Zutun aus. Sie sind einfach da und ich irgendwann nicht mehr. Nur noch meine Hülle, der man nichts anmerken kann. Mein Lächeln ist Perfektion, überstrahlt meine eigene Social Battery.
Ich führe meinen Weg fort, bis ich zu Hause ankomme. Das gigantische Gebäude im Jugendstil ist bei Weitem nicht die einzige Villa in diesem Viertel, aber genau dieses Fleckchen Erde ist seit knapp sieben Jahren mein Zuhause. Hamburg ist schön und wird immer der Ort meiner Kindheit bleiben, trotzdem ist Kiel die Stadt, die mich erdet.
064138. Für jede Zahl, die ich eingebe, taucht ein Sternchen auf dem Display unseres Türcodes auf. Unter dem warmweißen Licht der Veranda-Außenbeleuchtung wirkt das Rot meiner kaltgefrorenen Hände fast schon ansehnlich. Ich bestätige die Ziffernfolge, warte auf das Surren des elektronischen Schlosses, das mir Eintritt gewährt. Es ertönt, und ein kalter Schauer durchfährt mich. Die Zahlenfolge des Codes ist akzeptiert. Das Geburtsjahr meiner Schwester, das Alter meines Vaters, als Henriette geboren wurde, danach das meiner Mutter. Meine Eltern haben sich für diese Ziffern entschieden. Wie jedes Mal halte ich inne, weil meine Schwester bedacht wurde und ich nicht, und stoße die Tür auf. Es ist nichts dabei. Sie vermissen sie einfach. Wärme schlägt mir entgegen, prallt auf die Kälte, die ich hereintrage. Rasch schlüpfe ich aus meiner Winterjacke, hänge sie an die Garderobe im Flur und zucke zusammen, als die gegenüberliegende Tür aufgerissen wird.
»Etti?« Die hoffnungsvolle Stimme meiner Mutter trifft mich bis ins Mark, ehe ich sie zu Gesicht bekomme. Mit ihren 1,56 m wirkt sie unter dem grauen Rundbogen verloren. Genau wie ihre Hoffnung. Denn Henriette wird nicht kommen.
»Nicht ganz«, sage ich leichthin und gehe auf sie zu, umarme sie. Ihr Veilchenduft steigt mir in die Nase. Henriette. Obwohl meine Schwester alles dafür tut, um nicht mit ihrer Familie in Verbindung gebracht zu werden, haftet der Geruch von Veilchen auch an ihr.
Meine Mutter lässt mich los. »Tut mir leid.« Sie meint es ernst, das weiß ich. Aber es ist der vierte Tag, an dem ihre jüngste Tochter fehlt. Es ist das unendlichste Mal der vierte Tag. Dazwischen kehrt sie immer wieder zurück, ohne bei uns zu übernachten. Dennoch wird es nicht leichter, nur gewöhnlicher.
»Alles gut«, versichere ich ihr. »Ich habe nichts von ihr gehört.«
»Vielleicht morgen.« Sie nickt, streicht sich eine nicht existierende grau melierte Strähne aus der Stirn. Seit vorgestern hat sie kurze Haare, an die sie sich noch nicht gewöhnt hat.
Diesmal bin ich diejenige, die nickt. »Ja, vielleicht.«
»Du sagst Bescheid?«
»Natürlich. Wie immer.«
064138. Der Code schwebt zwischen uns, füllt unser Schweigen. Wenn sich Henriette meldet, dann bei mir. »Wo ist Papa?«
»In ihrem Zimmer.«
Bis eben habe ich mich ausgehöhlt gefühlt, jetzt ist es so, als würde Blei in jeden Winkel meiner selbst sinken. Normalerweise meiden meine Eltern ihre Quadratmeter, außer an ihrem Geburtstag.
»Morgen ist der dritte November«, stelle ich leise fest und bin mir sicher, dass mein Vater und meine Mutter um Mitternacht in Henriettes Zimmer sein werden. Als würden sie tatsächlich darauf hoffen, sie würde plötzlich hereinspazieren. Dabei haben wir ihre letzten beiden Geburtstage nicht einmal zusammen verbracht, einer davon war der achtzehnte.
»Ich glaube, sie wird da sein.«
»Bestimmt.«
»Du hast ihr geschrieben, oder?«, versichert sie sich nicht zum ersten Mal innerhalb der vergangenen Tage, weil sie doch nicht ganz daran glaubt. Sie hofft es.
»Habe ich. Alles wie besprochen, wenn sie die Nachricht im Chat gelesen hat, weiß sie, dass wir morgen ab neunzehn Uhr im Louphi auf sie warten werden. Für den Fall, dass sie die Pizzeria nicht kennt, habe ich ihr die Adresse mitgeschickt.«
»Und ob sie die Nachricht gelesen hat, kannst du nicht mit Gewissheit sagen, da sie die Funktion ausgeschaltet hat, richtig?«
»Genau.« Mamas Text, mein Text, dann erneut ihrer und so weiter und so fort; unsere Unterhaltung klingt nach einem schlechten Skript, in dem der Inhalt unerträglich oft wiederholt wird, bis wirklich alle verstehen, worum es geht. Aber meine Mutter braucht das. Ihren Text und meinen, damit sie die Hoffnung nicht verliert. »Es ist Pizza, Mama. So eine Einladung schlägt niemand aus, auch nicht Henriette.«
»Danke, Toni, du bist einfach meine Little Miss Sunshine. Du schaffst es, jede Situation positiv zu gestalten. Das können nicht viele.«
»Bin stets bemüht.« Ich lächle sie an und sie mich. Unsere Mimiken haben allerdings einen Makel: mich. Weil sich die Leere meiner Social Battery mit aller Macht zurückmeldet, und ich nichts anderes tun kann, als zu strahlen. Für meine Mutter, damit es ihr nicht auffällt. Schließlich muss sie tagtäglich genug ertragen. Dass die eigene Tochter lieber auf der Straße schläft als zu Hause, muss hart sein. »Ich gehe ins Bett, ja? Heute war ein langer Tag.«
»Mach das und schlaf schön.« Sie gibt mir einen Kuss auf die Stirn, ich winke zum Abschied und steige die Wendeltreppe zu meinem Loft hinauf. Kurz sehe ich über die Schulter zu ihr hinunter, klammere mich an dem golddurchzogenen Treppengeländer fest und beobachte, wie meine Mutter durch die Tür verschwindet. Früher haben wir dort zu viert gelebt, bis ich in meine eigene Wohnung gezogen bin und Henriette immer seltener nach Hause kam. 064138. Das eine Kind wurde hinter den Mauern des Codes von der Fürsorge der Eltern erdrückt, und das andere würde zu gern von seinem Tag berichten.
Ich streife mir die Stiefel von den Füßen, öffne meinen Fischgrätenzopf. Auf mein Klatschen hin schaltet sich die Deckenbeleuchtung an. Vor mir erstreckt sich mein Wohnbereich mit der beigefarbenen Sofalandschaft und den bunten Kissen darauf. In dem Wandschrank daneben stehen zweiunddreißig Schneekugeln. Meine Sammlung aus Landschaften, Wahrzeichen verschiedener Länder und Figuren verteilt sich über vier Fächer. Im Vorbeigehen schüttle ich eine der Kugeln. Glitzernde Flocken rieseln auf den Pariser Eiffelturm und zu Boden. Früher habe ich das ständig mit meiner Mutter und Etti gemacht. Es war unser Ritual. Ging es einer von uns nicht gut, haben wir uns vor eine Schneekugel gesetzt und dem Schnee oder Glitzer bei ihrer Magie zugesehen. So oft hat unsere Mama uns über die Scheitel gestrichen und geflüstert: »Einmal schütteln, Liebes, dann zeigt sich die Welt gleich von einer anderen Seite.« Inzwischen halte ich als Einzige an dem Ritual fest, an den kleinen Eiskristallen. Um Ettis Sammlung ein Stockwerk tiefer verwenden zu können, müsste ich sie zuerst vom Staub befreien.
Bevor die letzte Flocke auf dem Eiffelturm zum Stillstand kommt, wende ich mich von den Kugeln ab. Durch die bodentiefe Fensterfront scheint der Mond. Sein Spiegelbild glitzert in der darunterliegenden Kieler Förde, wirkt fast wie sein Zwillingsbruder. Egal, in welchem Teil des Lofts ich mich befinde, ich habe die perfekte Sicht auf das Wasser. Gähnend steuere ich auf die offene Küche zu, die dank meiner nicht vorhandenen Kochkünste ein beinahe unbenutztes Dasein fristet, und gieße mir ein Glas Leitungswasser ein. Ich lasse mich ausgelaugt auf eine der drei Schaukeln nieder, nippe an meinem Getränk. Sanft schwinge ich vor und zurück und beglückwünsche mich zum wiederholten Mal, mich statt für Stühle für von der Decke herabhängende Schaukeln vor dem hellen Esstisch entschieden zu haben. Obwohl es kaum mehr als dicke Holzbretter an Seilen sind, ist diese Variante wesentlich gemütlicher. Ich trinke den letzten Schluck aus, erhebe mich und falle im angrenzenden Zimmer in mein Himmelbett. Unglaublich, wie wenig Energie man haben kann. Einen Moment lang starre ich auf die handgroßen Lampions unter dem Dach des Baldachins und habe das Gefühl, die Matratze würde mich nahezu dazu ermutigen, mich vor dem Schlafengehen nicht umzuziehen. Einfach liegen zu bleiben und in den Untiefen der weichen Decken zu versinken. Einem unbestimmten Takt folgend wippe ich mit meinen Fußspitzen auf und ab, reibe mir über das Gesicht und hole anschließend mein Handy aus der Hosentasche hervor, um es auf meinem Nachtschrank ans Ladegerät anzuschließen. Doch ehe ich dazu komme, geht eine Sprachnachricht von Juna ein. Ohne mein Zutun schleicht sich ein Grinsen auf meine Lippen. Auch wenn ich sie erst vor ein paar Monaten kennengelernt habe, bin ich froh, sie zu meinen Freundinnen zählen zu können. Hätte sie keine Zeichnung für die Ausstellung im Museum of Broken Hearts abgegeben, um (zum Glück vergeblich) mit der Liebe zu ihrem besten Freund abzuschließen, wären wir uns möglicherweise nie begegnet. Vielleicht sollte ich ein Dankesschreiben an Link aufsetzen. Schmunzelnd öffne ich Junas und meinen Chat und spiele die Audiodatei ab.
»Toni-Makkaroni …«
Ich schnaube belustigt. Wir wissen beide nicht mehr, wie sie auf den Spitznamen für mich gekommen ist. Neuerdings höre ich ihn jedoch ständig aus ihrem Mund.
»So langsam fallen mir keine Schlaflieder mehr ein. Ich könnte von vorn beginnen, oder du entlässt mich, großherzig wie du bist, aus dem Versprechen, dir jeden Abend einen Gute-Nacht-Song zu präsentieren. Musst du sagen. Aber für heute habe ich noch einen gefunden. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit: Aaah, aaahaaahaaa, Pummeluff.«
Lachend drücke ich auf Pause, schüttle den Kopf. Nur Juna kann auf die Idee kommen, das Lied eines Pokémons zu wählen, bei dem die Zuhörenden in einen Tiefschlaf fallen. Außerdem ist es absurd, dass sogar eine derart simple Melodie bei ihr fantastisch klingt. Ich bin froh, dass sie sich nach ihrem ersten Auftritt im Museum – im Zuge dessen ich ihr besagtes Versprechen abgenommen habe – mehr und mehr traut, vor Publikum zu singen. Abgesehen von ihrem Gesangstalent ist sie eine fabelhafte Songwriterin. Es ist nicht so, dass sie sich ihrer Gabe nicht bewusst war. Es ging vielmehr um ihre Skoliose, ihren schiefen Rücken und die Gesellschaft, die ihr jahrelang weisgemacht hat, einem Idealbild entsprechen zu müssen, um in die Welt zu passen.
Als ich mich beruhigt habe, summe ich Pummeluffs Töne ebenfalls vor mich hin, während ich erneut auf Play tippe und Links Stimme wenig später im Hintergrund ertönt.
»Du singst Pummeluff? Kennt Toni das überhaupt?«
»Alle kennen diese Ikone. Und selbst wenn nicht, ist sie so schlau, den Namen im Internet einzugeben, und zack, ist alles klar.«
Kurz raschelt es, dann wird Link lauter, als würde er sich dem Handy nähern. »Du als singendes Pokémon bist schon ein bisschen niedlich.«
»Du stehst also auf flauschige rosa …«
»Ich stehe auf dich«, unterbricht er sie, Juna schweigt, und ich kann mir das verzückte Hach nicht verkneifen. Die zwei sind Zucker.
Mit einem Glucksen ist meine Freundin wieder zu hören. »Okay, also, ja. Ich denke, ich verabschiede mich mal, wünsche dir eine angenehme Nachtruhe und widme mich …«
»Mir!«, ruft Link dazwischen, bevor die Sprachnachricht endet. Für eine Sekunde schwebt mein Daumen über dem Mikrofonzeichen, um eine Antwort aufzunehmen, doch ich lasse es bleiben. Es wären bloß ein paar Sätze, trotzdem kann ich nicht. Da ist keine riesige Sperre in mir, nichts, das sich dagegen sträubt oder nicht will. Mir fehlt nur die Kraft dafür, und hier in meinem Zimmer ist das in Ordnung. Ich muss niemandem etwas vorspielen, denn ich bin allein. Morgen werde ich reagieren.
A uf dem perlmuttschimmernden Boden des Museum of Broken Hearts stapfen die ersten Personen eingepackt in Gummistiefeln und Regenmänteln. Sie mustern die Gegenstände auf den Sockeln, die am Ende des Saals einen Halbkreis bilden. Unter Glasquadern verschlossen, erzählen die Dekokissen, Handschellen und Taschentuchboxen die Storys ihrer einstigen Eigentümer. Gebrochene Herzen gibt es in jeder Lebenslage und in jedem Jahrhundert. Vermutlich ist das der Grund, weshalb ich es liebe, tagtäglich an diesem Ort zu sein. Lächelnd stehe ich am Rand des Geschehens. Mein kleines Ritual vor dem Arbeitsbeginn. Bevor ich mich in die Umkleidekabine begebe, tauche ich für fünf Minuten in den Zauber des Museums ein. Ich lasse meinen Blick über die Besuchenden und die Exponate schweifen. Nichts davon ist weiß. Alles, was sich hier befindet, ist in Farbe getaucht, in unterschiedliche Nuancen. Die Geschichten und ihr Publikum: senfgelb, flaschengrün, purpurrot, violett, türkis. Eingelassen in einen Rahmen aus weißen stuckverzierten Wänden, Böden, Balken und Clubsesseln in den Ecken, weil Weiß alles zulässt. Darin kann alles sein, wie es will. Sowohl Mensch als auch Gegenstand. An diesem Ort ist nichts zu grell, zu dunkel, zu hell. Ich liebe es.
Ich kuschle mich tiefer in das Teddyfell meiner Jacke. Als sich der Wecker meines Handys vibrierend in meiner Hosentasche bemerkbar macht, schalte ich ihn aus und gehe auf den Löffel unter dem Glaskasten zu. Gestern stand er nicht da. Das Broken-Hearts-Team muss ihn nach unserer gemeinsamen Entscheidung, ihn auszustellen, noch vor dem Speeddating aufgebaut haben. Ehrfurchtsvoll berühre ich das Schild auf dem Quader. Es ist eine Art Steckbrief, den diejenigen ausfüllen, die einen Gegenstand bei uns abgeben. Dass uns Leute ihr Innerstes anvertrauen, ist nicht selbstverständlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das aufgeregte Flattern dabei jemals in mir nachlässt. Obwohl ich die Zeilen bereits kenne, überfliege ich sie erneut.
Löffellust
New York City
Von unserer Reservierung um 20:00 Uhr bis zum nächsten Morgen
Wenn aus Freundschaft Leidenschaft wird – zumindest für einen Abend. Rückblickend betrachtet habe ich nach diesem einen Moment gesucht, einem Startsignal oder etwas Ähnlichem, das unsere Verabredung verändert hat. Plötzlich hat sich die Stimmung geändert. Nie zuvor habe ich jemanden gesehen, der sich einen Löffel so sexy in den Mund schiebt und Schokopudding isst. Danach wurde es wild. Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben, zurück zu unserer Freundschaft zu kommen. Vielleicht, weil uns beiden irgendwie klar war, dass da nicht mehr ist als diese eine Nacht. Nur für eine Sekunde war mein Herz gebrochen. Es wollte mehr von unserer Leidenschaft. Aber gleich darauf war es wieder ganz. Das liegt an unserer Freundschaft; wir haben es hingekriegt, die Stunden zwischen uns zu genießen. Ich kann dich ansehen und mit einem Grinsen daran denken, was zwischen unserer Tischreservierung und dem nächsten Morgen passiert ist.
Ich liebe die Melancholie, die oftmals im Museum herrscht. Ich liebe diese Koexistenz von Schmerz und Heilung. Was aber fast noch schöner ist, sind die Erlebnisse ohne viel Drama. Löffellust zeigt so gut, dass manches vorbei ist, und man die Erinnerung daran genießen kann. Herzen müssen nicht zwangsläufig im Tränenmeer ertrinken.
Schmunzelnd wende ich mich ab, weiche einem Paar hinter mir aus und lächle sie im Vorbeigehen an. »Viel Spaß.« Ehe ich den Ausstellungssaal verlasse, betritt meine Mutter ihn und dirigiert mich nach draußen. »Solltest du nicht …«
»In einer halben Stunde im nächsten Meeting am anderen Ende der Stadt sitzen? Ja, aber ich muss dir jemanden vorstellen. Das hatte ich beinahe vergessen«, erklärt sie, während ich ihr durch den Eingangsbereich bis zu den Büroräumen neben dem Café des Museums hinterhereile. Mich im Umkleideraum fertig zu machen, fällt daher wohl aus.
»Okay«, erwidere ich und mustere sie argwöhnisch, sobald sie in meinem Büro stehen bleibt und sich zu mir umdreht. Selbst hier ist alles weiß: die Regalwand voller Ordner, der PC und mein ergonomischer Schreibtischstuhl. Er heißt Mushu; nach dem kleinen roten Drachen aus meinem Lieblings-Disney-Film Mulan. Wer mir so gute Dienste leistet, braucht einen Namen.
Meine Mutter stellt ihre Aktentasche geräuschvoll auf meinen Schreibtisch. »Wie fange ich an?«, murmelt sie und streicht sich über die Falte an ihrer Stirn, als könnte sie diese dadurch glätten. Außerhalb unserer eigenen vier Wände strahlt sie eine bewundernswerte Dominanz aus. Sogar heute, an Henriettes Geburtstag. Dabei sind es für sie und meinen Vater kräftezehrende Stunden des Bangens und Hoffens, ob sich ihre jüngste Tochter blicken lässt. Weder das eine noch das andere ist ihr anzumerken. Privat und beruflich, das konnten sie schon immer trennen. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb meine Eltern so erfolgreiche Unternehmer sind. Sie investieren in die unterschiedlichsten Projekte, sind ständig auf der Suche nach lukrativen Start-ups und jonglieren mit Aktien und Kryptowährungen. Doch all das bleibt außerhalb ihres geschützten Rahmens – unserer Familie – und umgekehrt ebenso. »Du hast Pläne. Sehr viele, und das finden dein Vater und ich ausgesprochen lobenswert. Aber du bist keine Eventmanagerin.«
»Richtig«, stimme ich ihr zu, ohne zu wissen, worauf sie hinauswill.
»Und um größere Veranstaltungen so umzusetzen, wie du sie im Kopf hast, möchten wir dir jemanden vom Fach zur Seite stellen.«
»Das schaffe ich schon.« Wenn man alle vergangenen Male der letzten Zeit zusammennimmt, ist das mit Sicherheit der hundertste Versuch, sie zu beschwichtigen. »Ich werde mich einfuchsen, und dann kriege ich das hin, versprochen.«
»Toni, Liebling.« Die Stimme meiner Mutter ist unendlich sanft – kein gutes Zeichen. »Wir begrüßen deinen Einfallsreichtum, dein Engagement und dass du eine Menge ausprobieren möchtest, das musst du uns glauben. Aber noch haben dein Vater und ich das Zepter in der Hand, weshalb wir eine Eventfirma beauftragt haben, uns im nächsten halben Jahr zu begleiten.«
»Das heißt, auch bei der …«
»Night of Wishes, korrekt«, vollendet sie meinen Satz und tätschelt meine Wange. »Ich weiß, du organisierst da etwas ganz Einzigartiges. Am liebsten würdest du es im Alleingang schaffen, aber gerade weil wir wissen, wie groß diese Veranstaltung werden soll, denken wir, es wäre gut, wenn du jemanden an deiner Seite hättest, der dich unterstützt. Das ist Arbeit für mehrere Leute, nicht für eine einzelne Person.«
Obwohl ich sie um mehr als einen Kopf überrage, habe ich das Gefühl, unter ihren Worten zu schrumpfen. Mein Stolz tut es auf jeden Fall. Mit der Night of Wishes sollte das Museum nach außen hin etwas Positives darstellen. Denn laut einer Online-Umfrage verbinden die meisten Leute unsere Ausstellung mit Wehmut und Sehnsucht. Dem will ich entgegenwirken, indem alle Teilnehmenden der Night of Wishes ihre Wünsche für das kommende Jahr an einen Baum hängen, der symbolisch verbrannt wird. Das Ziel ist Hoffnung. Wenn die Menschen an das Museum denken, sollen sie es nicht nur mit Traurigkeit verknüpfen. Allerdings scheinen mir meine Eltern die Durchführung des Abends nicht zuzutrauen.
»Bisher habe ich es gut allein geschafft, oder nicht?«
»Hast du, definitiv.«
»Weshalb zaubert ihr dann urplötzlich jemanden vom Fach aus dem Hut?« Bei jemanden vom Fach rümpfe ich die Nase.
»Wir haben schon lange darüber nachgedacht«, erwidert sie und fügt hinzu: »Mit Carlson Events haben wir bereits Mitte Oktober gesprochen und vor ein paar Tagen die Verträge unterzeichnet. Einer ihrer Mitarbeiter kommt gleich vorbei, damit du ihm alles zeigen kannst. Ab morgen beginnt die eigentliche Arbeit. Nach sechs Monaten sehen wir weiter.«
Ich presse meine Kiefer aufeinander, zermalme darunter meinen Stolz, meinen Widerspruch. Im Grunde haben meine Eltern recht. Vom Eventmanagement habe ich keine Ahnung. Ich habe Ideen, ein abgeschlossenes Studium in Kunstgeschichte und Leidenschaft für alles, was mit dem Museum zu tun hat, doch reicht das aus? »Wieso habt ihr mich nicht eingeweiht?«
»Weil wir dich kennen und das Wissen darum, dass dir jemand helfen wird, dich unnötig gestresst hätte.«
Ehe ich antworten kann, klopft es an der Tür, und Priya vom Empfang streckt den Kopf herein. »Herr Sander ist da. Soll ich ihn durchschicken?«
»Sehr gern.« Meine Mutter nickt, während ich versuche, mich zu sammeln. Herr Sander ist jedoch schneller und schließt keine Minute später die Tür hinter sich. Ein Blick aus stechend grünen Augen streift mich für einen Sekundenbruchteil. Verflixt. Herr Sander ist … Vince vom Speeddating?
»Herr Sander, hallo. Schön, Sie wiederzusehen.« Meine Mutter macht einen Schritt nach vorn, schüttelt seine Hand und lädt ihn mit einer Geste ein, ihr zu mir zu folgen. »Das ist meine Tochter und die Museumsdirektorin Antonia Schilling. In den nächsten Monaten wird sie Ihre Ansprechpartnerin sein.« Er lächelt sie höflich an, dann mich. Wenn möglich, läuft das Ganze noch rascher ab als der Sekundenbruchteil, in dem sein Blick mich streift.
»Freut mich«, bringt er knapp hervor.
Ich habe das Gefühl, in meinem Kopf entsteht eine elendig lange Leerstelle, bis sie sich schlagartig und mit voller Wucht füllt. Vince, pardon, Herr Sander, zeigt keinerlei Anzeichen, von meiner Anwesenheit überrascht zu sein. Dass ich Antonia Schilling bin, scheint ihm bekannt zu sein. Vielleicht wusste er beim Speeddating bereits, wer ich bin.
Weil meine Mutter signalisiert, uns zu setzen, schiebe ich ein hastiges »Mich auch« hinterher. Vince nimmt auf einem der zwei Lederstühle vor dem Schreibtisch Platz, ich auf Mushu.
»Es gibt nicht mehr viel zu sagen. Außer dass wir uns sehr auf Ihren Input freuen. Besonders die Night of Wishes wird davon profitieren.« Nach einem raschen Blick auf ihre diamantbesetzte Uhr sieht meine Mutter mich, danach ihn an. »Sollten Fragen auftauchen, stehen mein Mann und ich jederzeit zur Verfügung. Bis dahin wünsche ich viel Erfolg und muss mich leider verabschieden. Der nächste Termin ruft.«
Vince – nach dem Speeddating ist und bleibt er Vince und nicht Herr Sander – erhebt sich, was meine Mutter mit einer eindeutigen Handbewegung abtut. »Meine Tochter wird Sie gleich herumführen. Ab morgen könnt ihr zusammen in die Vollen gehen.« Bevor sie mein Büro verlässt, nickt sie mir zu. »Wir sehen uns später.«
Ihre Worte und das Schließen der Tür werden von meinem donnernden Puls verschluckt, sind bloß ein dumpfes Geräusch. Dafür macht Vince neben mir umso mehr Lärm. Als er sein Bein über das andere schlägt, raschelt seine Anzughose ohrenbetäubend. Ich spähe auf den grauen Stoff, der durch die eingenommene Haltung oberhalb der Schnürboots endet. Das Leder der Schuhe wirkt abgewetzt und bildet einen interessanten Kontrast zu seinem restlichen eleganten Erscheinungsbild; dem Hemd, dem Jackett, der Weste, aus deren Tasche erneut die filigrane Gliederkette hervorlugt.
»Also«, fange ich an und strecke das Kreuz durch, »allen, die im Museum arbeiten, wird das Du angeboten, weil wir auf Augenhöhe sein wollen. Von daher …«
»Lehne ich dankend ab.«
»Okay«, sage ich verdattert und zucke mit den Schultern. Ich weiß nicht, was stärker ist. Die irrationale Kränkung, dass er mein Angebot ausschlägt, oder die Genugtuung, da seine Abfuhr mein Bild von ihm bestätigt. Es ist sein gutes Recht, gesiezt zu werden. Trotzdem verpasst er sich durch seine Antwort einen Rahmen. Alles, was ich von ihm erlebt habe, wird darin eingefangen. »In Ordnung. Dann bleiben wir beim Sie.«
»Unbedingt.«
Ich rümpfe die Nase. Jetzt fühlt es sich wirklich wie eine Abfuhr an. Anstatt sie an mich heranzulassen, sage ich: »Sie wirken nicht überrascht, mich zu sehen.«
»Warum auch? Schließlich kenne ich meine Aufträge.« Er mustert mich von der Seite; distanziert und mit der Arroganz, die mir bereits nach einem Treffen vertraut ist. Zugegeben, der Drang, einen Zauberwürfel aus der Schale auf dem Schreibtisch zu nehmen und ihn damit abzuwerfen, ist enorm. Glück für ihn, dass ich so gut erzogen bin.
»Aber mich nicht. Wäre es eine neue Info für Sie gewesen, mit mir zu arbeiten, hätten Sie eben anders reagiert.«
»Oder es hat mich einfach weniger gekümmert, als ich Sie in dem Büro gesehen habe und mir bewusst wurde, mit wem ich beim Speeddating zu tun hatte.«
»Wer sagt, dass es mich gekümmert hat?«
Mit hochgezogener Braue verschränkt er seine Hände und kesselt damit das Knie seines überschlagenen Beins ein. »Das ist offensichtlich.«
»Glaube ich nicht.«
»Dennoch entspricht es der Wahrheit.«
Ich schweige. Herausfordernd. Ertappt. Und irgendetwas daran bringt ihn dazu, sich zu erklären.
»Ihr linker Mundwinkel zuckt, wenn Sie sich aufregen.«
»Wir kennen uns kaum zwei Minuten. Für mehr war beim Speeddating leider keine Zeit.«
»Plus die letzten fünf Minuten, da kann einem schon viel auffallen.«
»Sie wissen gar nichts«, entgegne ich und benötige dafür drei Atemzüge, so rasch hebt sich mein Brustkorb. Seine Atmung ist wesentlich langsamer, im Gegensatz zu seiner Fußspitze, die in einem eigenen Takt auf dem Boden auf und ab wippt.
Ein heißer Schauer läuft mir über den Rücken. Es ist, als wäre in meinem Inneren ein Bunsenbrenner aktiv, und ich habe keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Womöglich liegt es einfach daran, dass ich meine Jacke nach wie vor trage. Hastig ziehe ich sie aus und hoffe, dass die Hitze abnimmt. In einer fließenden Bewegung stehe ich auf, sehe zu ihm hinunter und folge meiner Intuition. »Beim Speeddating wussten Sie, wer ich bin.«
»Was macht das für einen Unterschied?«
»Für Sie vielleicht keinen. Für mich schon. Das ist der erste Punkt, den Sie sich über das Museum merken sollten: Alles, was hier geschieht, ist ehrlich. Die Geschichten, die Mitarbeitenden, die Philosophie. Ohne Authentizität funktioniert nichts. Erst recht nicht die Events, die wir planen.«
Einen Moment lang fixiert er mich, dann tritt ein warmer Ausdruck in das Grün seiner Augen, das mich an Seeglas erinnert. An die Scherben, die am Meer vergessen wurden und nach einer Ewigkeit zwischen Sand und Wasser gefunden werden. Ich halte seiner Musterung stand. Sie dauert einen Sekundenbruchteil, wie alles, was er mir bisher gegeben hat, und das hat nichts mit seiner Überheblichkeit zu tun.
Anschließend steht er auf, überragt mich trotz meiner 1,82 m um einige Zentimeter. »Um der Ehrlichkeit willen: Ich wusste, wer Sie sind, und wollte vor meinem ersten Arbeitstag auskundschaften, wie es bei Ihnen läuft.«
»Und?«
»Jede kleinste Kleinigkeit ist zu überdenken. Selbst Luftballons.«
»Luftballons?« Beim Speeddating hatten wir garantiert keine.
Ohne näher darauf einzugehen, fährt er fort: »Wenn Fragebögen herausgegeben werden, sollte alles bedacht werden. Auch die Reihenfolge der Fragen. Mag es noch so trivial erscheinen.«
Ich balle meine Hände zu Fäusten und lächle. Ja, er hat recht. Hatte er bereits gestern. Dennoch geht mir seine Art gegen den Strich. Ebenfalls seit gestern. Daher beschließe ich, nicht zu diskutieren, sondern bedeute ihm, mich nach draußen zu begleiten. »Ich würde jetzt mit der Führung durch das Museum starten.«
Uns auszukundschaften ist und bleibt eklig. Von oben herab. Aber was hätte ich auch erwarten sollen? Die zwei Minuten plus fünf weitere in meinem Büro haben mir schließlich genau gezeigt, dass Vince Sander ein Arsch ist.
Ich führe ihn durch die verschiedenen Säle, zeige ihm unser Café of Broken Hearts, den dazugehörigen Hinterhof und lasse ihn kurz in den Lagerraum sehen, in dem wir die abgegebenen Gegenstände verwahren, über die noch entschieden werden muss, ob sie im Museum ausgestellt oder online aufgelistet werden. Er verfolgt alles mit interessierter Miene und macht sich Notizen auf einem Klemmbrett. Ob der Funke für unser Projekt bei ihm übergesprungen ist, kann ich nicht beurteilen. Dafür strahlt er zu viel distanzierte Professionalität aus. Im Empfangsbereich angekommen betrachtet er mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen die XXL-Weltkarte an der Wand. Ein Abbild in Sepia, auf dem rote Stecknadelköpfe die Orte markieren, aus denen die Exponate stammen. Es sind Hunderte kleiner Punkte, die jeweils für eine Person stehen, die loslassen wollte.
»Gebrochene Herzen gibt es überall«, sage ich, geselle mich zu ihm und kann nicht verbergen, wie beeindruckt ich von dieser Tatsache bin. Menschen unterscheiden sich auf so vielfältige Art und Weise, aber wenn es um ihre Herzen geht, ähneln sie sich doch sehr.
Er nickt nachdenklich, deutet auf einen einsamen roten Stecknadelkopf in Brasilien. »Was ist mit dem? Habt ihr wirklich eine Geschichte aus Brasilien bekommen?«
»Jap, vor ungefähr einem halben Jahr. Ein Urlauber hat sie eingereicht, und wir haben sie übersetzen lassen. Das war das getrocknete Kleeblatt im zweiten Saal.«
Mit gerunzelter Stirn dreht er sich zu mir. »Sie können sich merken, wo welches Ausstellungsstück steht?«
»Natürlich. Das hier ist mein zweites Zuhause.«
»Ich hatte Mühe, auch nur eines der Dinge mitsamt seiner Geschichte zu verinnerlichen.«
»Warten Sie, ich fotografiere das Kleeblatt und den Steckbrief dazu rasch ab.« Ehe er antworten kann, eile ich davon und kehre kurz darauf zurück. Ich halte Vince mein
Handy vor die Nase, bin unfähig, mich zu entscheiden, ob ich auf seine von links nach rechts huschenden Pupillen beim Lesen oder auf den Text achten soll, den ich quasi auswendig kenne.
Ein präpariertes, getrocknetes vierblättriges Kleeblatt
Salvador, Brasilien
Juni ’95 bis März ’98
Ihr Kleeblatt verfolgt mich länger, als unsere Beziehung gedauert hat. Wir waren jung. Sind viel gereist. Einmal auch nach München, wo sie auf einer Wiese ein Kleeblatt gefunden hat. Und weil es nur drei Blätter hatte, zupfte sie von einem anderen eins ab und hielt es an das gepflückte. Ihre Worte sind noch heute mein Mantra: »Wir machen uns unser eigenes Glück, Glücksbringer sind völlig überbewertet.« Wenn also ein vierblättriges Kleeblatt in der deutschen Kultur etwas Positives bedeutet, basteln wir uns eben unsere eigenen. Das haben wir fast drei Jahre lang getan, ehe sie die Mutige war und unsere Beziehung beendet hat. Wir hatten nicht einmal Streit, haben uns lediglich auseinandergelebt. Trotzdem haben wir uns lange nicht getraut, getrennte Wege zu gehen. Seitdem verweilt dieses eine Kleeblatt in meinem Portemonnaie. Damit ich nie wieder darauf warte, dass eine andere Person mutiger ist als ich. Und seit ich ihn, E***, getroffen habe, ist das nicht mehr nötig. Ich habe für mein eigenes Glück gesorgt und war mutig. Deshalb gebe ich unser Kleeblatt ab.
Ich erkenne den Moment, in dem Vince mit dem Lesen fertig ist. Seine Pupillen kommen zur Ruhe, während er gedankenverloren an der Gliederkette an seiner Weste zwirbelt.
»Gut, oder?«
»Nett.«
Ich blinzle. Das hat er nicht gesagt, oder? Nett. Nett. Egal, welche Betonung ich vor meiner geistigen Akustik auswähle, sie klingt niemals gut. Daher lächle ich vage und verfrachte mein Smartphone in meine Hosentasche.
»Ich denke, ich habe einen recht guten Eindruck von allem gewonnen, und würde auf dieser Grundlage einige Ideen ausarbeiten, die wir ab morgen durchgehen können«, verkündet er unvermittelt.«
»Okay. Ich würde allerdings auch gern ein paar meiner Gedanken einbringen. Die habe ich mir gemacht, bevor ich wusste, dass wir eine Eventfirma engagieren.«
»Vorschläge sind immer hilfreich.«
Mag sein, dass es an mir liegt, aber ich höre förmlich, dass er mich nicht ernst nimmt. Seine Blasiertheit. Sein nett. Ich blicke ihn direkt an. »Schön. Dann bis morgen.«
»Auf Wiedersehen«, erwidert er mit einer Ruhe in der Stimme, bei der ich die Zähne aufeinanderbeiße.
»Toni Elisabeth Schilling, du heißer Feger«, ertönt es plötzlich glockenklar vom Eingang, und ich zucke zusammen. Überrascht verrenke ich mir halb den Nacken, um an Vince vorbeizuspähen, der, anstatt zu verschwinden, neugierig in die gleiche Richtung sieht.
Da steht Isabelle Lauer. Der Inbegriff von guter Laune und Spontanität. Wir kennen uns seit Jahren, weil unsere Familien durch Geschäfte miteinander verbunden sind. Außerdem führt sie einen erfolgreichen Modeblog, der nach einigen Startschwierigkeiten hervorragend läuft. In den ersten Monaten waren die Medien mehr an Isabelles Hintergrund interessiert als an ihren Blogeinträgen. Eine junge Frau mit Multipler Sklerose, die über Mode spricht, ist geradezu prädestiniert dafür, ausgeschlachtet zu werden, garantiert Klicks im digitalen Zeitalter. Sie wurde zur Special Snowflake gemacht, weil sie tRoTz iHrEr BeHiNdErUnG ihren Weg geht. Inzwischen ist ihre Autoimmunerkrankung selten ein Thema, dafür ihre lockere Art über Recycling im Fashionbereich zu berichten. Mit Seidenhandschuhen und einem schimmernden Shopper ausgestattet, winkt sie und kommt auf ihren mit Strass überzogenen Gehstock gestützt zu uns. Ihre eisgrau gefärbten Haare schwingen dabei von links nach rechts. Nur die Spitzen sind blutrot, passen hervorragend zu dem Rosentattoo an ihrem Hals.
Nachdem wir uns umarmt haben, schiebt sie mich ein Stück von sich und begutachtet mich. »Du siehst so gut aus, Schönheit. Und wenn ich mit dir fertig bin, wirst du noch besser aussehen, versprochen.«
»Was auch immer du damit meinst«, erwidere ich ausgelassen, bis ich mich daran erinnere, dass Vince weiterhin neben mir steht. »Isabelle, das ist Herr Sander, unser neuer Eventmanager. Herr Sander, das ist Isabelle Lauer, eine liebe Bekannte der Familie.«
»Ein Eventmanager fürs Museum, soso«, sagt sie.
Ich kann nicht anders, als schmunzelnd die Augen zu verdrehen. Wenn jemand den perfekten Flirttonfall draufhat, dann sie.
»Freut mich, Sie kennenzulernen.« Er zwinkert ihr zu.
Entschuldigung? Ungläubig starre ich ihn an. Es ist wie beim Speeddating. Bei anderen ist es ihm offenbar möglich, kein arroganter Arsch zu sein. Gute Erziehung hin oder her, nun hätte ich doch gern einen Zauberwürfel.
In dem Versuch, mich nicht davon ablenken zu lassen, konzentriere ich mich auf Isabelle. »Was machst du hier?«
»Dich zum Shoppen abholen.«
»Jetzt? Waren wir verabredet?«
»Nein, nein. Aber ich dachte mir, dass wir für Samstag neue Kleider brauchen. Und vormittags ist in den Boutiquen nicht so viel los.«
»Theoretisch habe ich schon eins«, wende ich ein und muss dabei an das pastellgelbe Chiffonkleid denken, das ich vorgestern mit meiner Mutter ausgesucht habe. Die Handballmannschaft THW Kiel richtet diesen Samstag eine Wintergala aus.
»Zwei sind besser.«
»Wo du recht hast … Ich sage dem Team eben Bescheid, dann können wir los.« Dadurch ruft zwar eine Nachtschicht nach mir, aber den Papierkram, der für heute auf dem Plan steht, kann ich auch später erledigen. Dafür muss ich nicht zwangsläufig hier sein.
Vince räuspert sich. »Ich würde mich mal auf den Weg machen.«
»Natürlich. Bis morgen.«
»Vielleicht sieht man sich ja irgendwann mal.« Isas Flirtton ist voll aufgedreht; diesmal verfehlt er Vince jedoch. Er nickt knapp in die Runde und verabschiedet sich mit einem unendlich verschlossenen Gesichtsausdruck. Danach kehrt er uns den Rücken zu. Einen Moment lang sehe ich ihm nach und erkenne, dass ich nicht die Einzige bin. Ungläubig schnaube ich. Wie schafft man es, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne irgendetwas zu tun, außer zu laufen? Zugegeben, sein Gang ist ungewöhnlich geradlinig und dynamisch, aber bitte – er läuft nur!
»Du bist dir sicher, dass er Eventmanager ist?«, fragt Isa.
Verwirrt sehe ich sie an. »Ja. Wieso?«
»Er kommt mir bekannt vor.«
»Eventuell bist du ihm schon mal begegnet.«
»Ich glaube nicht«, sagt sie nachdenklich. »Wie ist sein Vorname?«
»Vince. Warum?«
»Weil ich ihn nur mit Nachnamen schlecht finden kann«, nuschelt sie, während sie in ihr Handy vertieft ist. Eine Sekunde später hält sie mir das Smartphone triumphierend vor die Nase. »Ha! Ich wusste es. Vince Sander ist ein Model. Oder war es mal.«
»Was?« Erstaunt nehme ich es ihr ab. Der Mann, der eben vor uns stand, ziert nun auf hundertfache Weise Isabelles Bildschirm. Bei den meisten Fotos ist er auf dem Catwalk zu sehen, ein paar zeigen ihn auf Partys, aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie präsentieren sein jüngeres Ich. Manche der Bilder müssen Jahre alt sein. Wahllos klicke ich auf eines der Suchergebnisse und öffne damit den entsprechenden Artikel.
Der Zwanzigjährige lässt durch seinen Pressesprecher verkünden, ab sofort keine Aufträge mehr anzunehmen und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Für viele kommt dieser Entschluss unerwartet, denn Sander hatte sich nach seinem Start als Kindermodel insbesondere durch seine Arbeit für Calvin Klein im Erwachsenenbereich in der Modelwelt etabliert. Nähere Erklärungen oder etwaige Gründe für sein Karriereaus wollte er auch auf Nachfrage nicht liefern.
»Ich wüsste zu gern, weshalb er aufgehört hat. Am Aussehen kann’s nicht gelegen haben«, witzelt Isa und schnappt mir das Smartphone aus der Hand.
