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»Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das erste Kind in einer Berliner Kinderklinik aufgrund dieser Überlastungssituation stirbt.« Was klingt wie Panikmache, ist das realistische Fazit des erfahrenen Kindermediziners Dr. Steffen Lüder – und nicht weniger als ein Skandal. Verzweiflung vor den Praxen, Wartezeiten von bis zu zehn Stunden, fehlende Husten- und Fiebersäfte, Bettenmangel auf Kinderintensivstationen und überlastete Kinderärzt*innen – es sind die dramatischen Symptome eines Systems, das schon lange in der Krise steckt. Gerade die jüngsten und schutzbedürftigsten Menschen kommen in unserem Gesundheitssystem besonders zu kurz – obwohl gerade sie unsere Zukunft sind. Trotz zahlreicher Warnrufe vonseiten der Ärzt*innen scheint es in der Politik allerdings noch immer kein Bewusstsein für Ausmaß und Dringlichkeit dieses Missstands zu geben. Dem tritt Dr. Lüder mit seinem aufrüttelnden Buch entschieden entgegen.
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2024
Dr. med. Steffen Lüder
Wie unser Gesundheitssystem das Leben unserer Kinder gefährdet
Dr. med. Steffen Lüder
Wie unser Gesundheitssystem das Leben unserer Kinder gefährdet
Notruf eines Kinder-arztes
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Originalausgabe
1. Auflage 2024
© 2024 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München Tel.: 089 651285-0
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Redaktion: Matthias Teiting
Umschlaggestaltung: Maria Verdorfer
Umschlagabbildung: Hannibal Hanschke
Satz: Andreas Linnemann
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-2587-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-2374-0
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2375-7
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Vorwort
Und dann hat er zu atmen aufgehört …
Teil 1: Was in der Kindergesundheit schiefläuft
Sag mir, wo die Praxen sind, wo sind sie geblieben?
Notaufnahme: Entscheiden Sie sich jetzt
Krankenhäuser: Krank sparen statt gesund pflegen
Medikamentenknappheit: Das geht nicht, das gibt’s nicht
Krankenkassenbudgets: Die magische Quelle versiegt
Teil 2: Woran das Gesundheitssystem krankt
Einreißen oder umbauen?
Studium und Ausbildung: Was lange währt …?
Die Sache mit dem lieben Geld
Digitalisierung: Willkommen im Entwicklungsland
Ein Appell an Sie, liebe Eltern
Über den Autor
Als Kind war ich oft krank. Meist hatte ich eine harmlose Erkältung, die ich bei Oma Trinkler auf dem Sofa auskurieren durfte, weil meine Eltern als Lehrer beide berufstätig waren. Das hat mir gefallen, obwohl es heißt, ich habe Oma Trinkler einige Nerven gekostet. Auch krank war ich sicher kein ruhiges Kind.
Neben den Erkältungen nahm ich noch einiges andere mit: Vor der Einschulung, mit vier oder fünf Jahren, wurden mir Polypen entfernt, mit sechs die Rachenmandeln. Obwohl meine dritte Operation, eine Beschneidung mit sieben Jahren, nicht groß anders war als die beiden vorhergehenden, prägte sie sich mir nichtsdestotrotz als besonders unangenehm ein. Ich erinnere mich genau daran, wie ich eine Atemmaske aufgesetzt bekam, aus der ein stinkendes Äthergas strömte. Niemand erklärte mir, was nun passieren würde. Niemandem schien in den Sinn zu kommen, dass ich Angst haben könnte. Mir wurde schlicht gesagt, ich solle jetzt bitte bis zehn zählen. Das wiederum kam MIR überhaupt nicht in den Sinn. Ich trat um mich und brüllte: »Ich red’ nicht mit euch!« Die Narkose wirkte dadurch natürlich erst recht – wer schreit, muss atmen. Doch auch wenn diese Operation so reibungslos verlief wie die beiden davor, hängt mir die »Maskenerfahrung« bis heute nach: Vom Geruch bestimmter Fensterputzmittel bekomme ich noch immer eine Gänsehaut, weil er mich an das Narkosegas erinnert.
Das ist 50 Jahre her. Damals hatte ich keine Ahnung, dass ich selbst einmal Arzt werden und Kinder behandeln würde. In meinem ersten Berufsleben, das noch in der damaligen DDR begann, war ich Diplom-Biologe. Ein Studium, für das ich mich entschied, weil ich meine Bio-Lehrerin toll fand. Sie machte einen großartigen Unterricht und begeisterte mich dadurch für das Fach. Biologie lag mir, sie war logisch – und Logik mag ich. Nach der Wende bekam ich ein Forschungsstipendium für zwei Jahre, das nach einem Jahr evaluiert und nicht mehr verlängert wurde. Plötzlich hatte ich keinen Job mehr und saß im Arbeitsamt. Mit Ende 20. Obwohl ich mich deutschlandweit hätte vermitteln lassen, waren für Biologen keine Stellen im Angebot. Das galt auch für die Bereiche Chemie, Physik oder Geografie, für die ich mich ebenfalls interessierte.
Da ich handwerklich komplett unbegabt bin, aber gut lernen und wissenschaftlich denken kann, kam mir Medizin in den Sinn – ein Berufszweig, der sich nicht ins Ausland auslagern lässt. Kranke werden immer vor Ort versorgt. Eine Naturwissenschaft, in der klares Denken gefragt ist und die nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip funktioniert: Woher kommt der Husten? Wann ist eine Blutentnahme sinnvoll? Eine krisenfeste Branche. So dachte ich.
Und damit begann ich mein zweites Studium. Auch da war mir noch nicht klar, dass ich einmal in der Kindermedizin landen würde. Das bahnte sich erst nach meiner Doktorarbeit an, als ich 2001 meinen Facharzt machen wollte. Ich verschickte drei Bewerbungen: je eine an die Gastroenterologie und Kardiologie in der Charité Berlin und eine an die Kinderklinik Lindenhof, weil die nur knapp zwei Kilometer von meinem Zuhause entfernt war. Diese dritte Bewerbung warf ich an einem Dienstag in den Briefkasten – exakt acht Tage später hatte ich ein Vorstellungsgespräch durchlaufen und die Zusage erhalten. Nicht weil ich über die Maßen qualifiziert gewesen wäre, sondern weil ich als Mann nicht schwanger ausfallen konnte. Schon damals war das Fachpersonal knapp. Schon damals musste ich mich gegen Klauseln wehren, die Überstunden quasi zur Voraussetzung für eine Vertragsverlängerung machten. Schon damals sprach ich die Missstände immer wieder an. Es interessierte nur (fast) niemanden.
Das änderte sich erst, als Ende 2022 die Influenza- und RS-Virus-Erkrankungen unter Kindern deutschlandweit in die Höhe schnellten. Als ich am 2. Dezember 2022 meine Praxis vorzeitig bis Jahresende schloss, wegen Budgetüberschreitung und Überlastung, waren die Medien voll von Berichten über Kinderarztpraxen und Kinderstationen kurz vor dem Kollaps. Über fehlenden Fiebersaft und Eltern, die in andere Bundes- oder unsere Nachbarländer fuhren, um in den Apotheken dort Medikamente für ihre Kinder zu besorgen. Wie kann ein Arzt da einfach dichtmachen?
Seitdem habe ich viele Male im Fernsehen, in gedruckten und in digitalen Medien erklärt, warum dies ein Zeichen an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach war. Weshalb es notwendig war zu schließen. Warum das System so nicht mehr lange funktioniert und was sich ändern muss, damit es wieder funktioniert. In diesem Buch möchte ich es noch einmal erklären. Ausführlicher. Detaillierter.
Es geht um eine Patientengruppe, die zu den vulnerabelsten gehört, aber keine Stimme hat. Denn Kindermedizin ist nicht profitabel. Dass unser Gesundheitssystem krankt und nur humpelnd vorwärtskommt, wenn es um das Wohlergehen der Kinder geht, ist nicht erst seit gestern so. Auch als ich selbst noch ein Kind war und behandelt wurde, anstatt selbst zu behandeln, hätte vieles besser laufen können. Da war es zum Beispiel nicht üblich, dass Eltern bei ihren Kindern im Krankenhaus bleiben durften. Vätern wurde ihr Neugeborenes nur durch eine Scheibe gezeigt. Und ich lag nach meiner Beschneidungs-OP allein auf der chirurgischen Station, in einem Zimmer mit drei Opas, und wartete sehnsüchtig auf die zwei Stunden täglich, in denen mich meine Eltern besuchen durften. Kinder wurden damals allein gelassen. Und sie werden es auch heute noch. Aber anders.
Dass Eltern mit im Krankenhaus übernachten und Väter ihre Neugeborenen in den Arm nehmen dürfen, das hat sich erst über die Jahre entwickelt. Es ist eine positive Entwicklung, eine im Sinne der Kinder und ihrer Eltern.
Aber nicht alles, was sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in der Pädiatrie und dem hiesigen Gesundheitswesen getan hat, ist gut oder hat zu einer Verbesserung der Situation kranker Kinder geführt. Damals wurden Kinder behandelt wie kleine Erwachsene – und das hat sich bis heute nicht geändert. Aber damals wurden die Kinder zeitnah behandelt. Heute müssen Eltern stunden- oder tagelang auf einen Untersuchungstermin für ihre Kinder warten. Ausführlich beraten, Erklären, Zuhören? Das geht allein schon wegen des Zeitdrucks nicht, der in deutschen Kinderarztpraxen herrscht: Vier Minuten habe ich im Schnitt pro Kind. Ende 2022 waren es gerade noch zweieinhalb. Heute ist Medizin Fließbandarbeit. Man verdient Geld, wenn man viele Menschen sieht. Aber wenn ich viele Menschen sehe, kann ich mit den vielen weniger reden.
Circa 150.000 Patientenkontakte hatte ich in meinem Beruf als Kinderarzt, seit ich 2008 meine Praxis in Berlin im Stadtbezirk Lichtenberg-Hohenschönhausen übernahm. Einige Jugendliche, die ich früher behandelt habe, kommen jetzt als junge Eltern mit ihren Kindern zu mir. Das ist schön. Das ist ein Grund, warum ich meinen Beruf liebe. Trotz allem. Kein Tag ist wie der andere, kein Kind ist wie das andere. Doch jedes Kind und jeder Jugendliche hat es verdient, gesehen zu werden und eine gute und unmittelbare Behandlung zu bekommen, wenn sie gebraucht wird. Natürlich: Das System lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Genau wie ein Öltanker sich nicht mal eben wenden lässt. Aber man kann, man muss alles, was möglich ist, dafür tun, dass das Gesundheitssystem auf einen Kurs kommt, der sinnvoll und nachhaltig ist für alle Beteiligten. Bis dahin werde ich weiter den Mund aufmachen und meine Meinung sagen. Bis dahin werde ich weiter im Minutentakt behandeln (müssen). Denn jeder, der innerhalb meiner Sprechstundenzeiten zu mir kommt, soll auch drankommen. Falls ich mich deswegen mal gestresst fühlen sollte, dann finden Sie mich zu Hause in der Sauna. Und das wird der einzige Ort bleiben, an dem Sie mich das Handtuch werfen sehen.
Es ist halb 3 Uhr nachts. Ein Montag im November, noch knapp vier Wochen bis Weihnachten. Petra S. sitzt im dämmrigen Schein ihrer Nachttischlampe in ihrem Bett, an ihre Brust gelehnt ihr kleiner Sohn Tom, 6 Jahre alt. Sein Kopf glüht, der Schlafanzug – bereits der zweite diese Nacht – klebt nass an seinem Körper. Tom atmet schwer, aber immerhin schläft er endlich. Davor hatte er so sehr gehustet, dass er sich beinahe hätte übergeben müssen. Eine heftige Erkältung, vermutet Petra S. Geht wahrscheinlich gerade in der Schule rum. Vielleicht die Grippe.
Nichts hatte so richtig geholfen. Kein Kräutertee mit Honig, keine Wadenwickel. Irgendwann hatte Petra S. aufgegeben und ihr Kind ins Elternschlafzimmer verfrachtet. Wenn sie schon nichts anderes tun konnte, dann wollte sie Tom wenigstens in ihrer Nähe haben. Auch wenn ihr Mann darüber wenig begeistert war: Er musste am nächsten Morgen früh raus, balancierte jetzt am äußersten Rand des Bettes und versuchte, noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Sanft strich Petra S. dem dösenden Tom über das feuchte Haar. Sie selbst würde vermutlich nur noch ein wenig vor sich hindämmern, bis um 6:30 Uhr der Wecker klingelte. Bestenfalls. In der Grundschule würde sie Tom krankmelden und stattdessen mit ihm in die Kinderarztpraxis fahren müssen, sobald dort geöffnet wurde. Verdammt, eigentlich hätte sie um 9:00 eine Besprechung im Büro. Vielleicht würden sie ja schnell drankommen, wenn sie früh genug dort waren. Dann könnte sie wenigstens von zu Hause aus noch ein bisschen arbeiten. Falsch gedacht.
Als Petra S. und Tom um kurz vor acht, wenige Minuten bevor ihr Kinderarzt Dr. F. öffnet, an der Berliner Praxis ankamen, hatte sich davor schon eine kleine Schlange gebildet. Müde Eltern, die entweder apathisch dreinschauende Kinder auf dem Arm schaukelten oder versuchten, hysterisch brüllende zu beruhigen. Dass gerade wieder die Grippe grassierte und die Atemwegsinfekte zunahmen, hatte Petra S. gelesen, aber dieser Anblick überraschte sie dann doch.
Als die Medizinische Fachangestellte die Tür endlich aufschloss, drängte die Meute in den Anmeldebereich, als wäre Winter-Schlussverkauf. Stoisch-routiniert fertigten die beiden Damen hinter dem Empfangstresen einen nach dem anderen ab. Karte durchziehen und: »Bitte im Wartezimmer Platz nehmen, wir rufen Sie dann auf.« Petra S. hatte versucht, den Medizinischen Fachangestellten klarzumachen, dass es dringend war. Toms Fieber war zwar ein wenig gesunken, aber seine Atmung ging rasselnd, er hustete noch immer stark. Dass ein Kind in einem solchen Zustand lange im Wartezimmer saß, konnte doch niemand wollen, oder? Aber so weit, irgendetwas zu erklären, war sie gar nicht gekommen. Nachdem sie ihre Vermutung »starke Erkältung, vielleicht auch Grippe« geäußert hatte, was die Medizinische Fachangestellte mit einem Nicken und hektischem Tippen in den Computer quittierte, wurde sie zu den anderen Eltern ins Wartezimmer geschickt. »Kann ein bisschen dauern«, hatte es geheißen.
Dieses Bisschen zog sich nun schon fast eine Stunde lang hin. Tom auf ihrem Schoß wimmerte entweder oder quengelte, er wolle nach Hause. Um Petra S. herum hustende, schniefende, heulende Kinder und zunehmend genervte Eltern. Die Besprechung konnte sie vergessen und vermutlich auch das Vorhaben, heute zumindest noch ein paar E-Mails zu beantworten. »Hoffentlich muss Tom jetzt nicht auch noch spucken vor lauter Husten …«
