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Warum du dieses Buch lesen solltest Veränderungen in der Gesellschaft fangen mit Begegnungen auf persönlicher Ebene an. Eine Israelin trifft einen Iraner, doch beide ahnen nicht, woher sie kommen und schließen Freundschaft. Eine deutsche Rentnerin kocht mit Nordafrikanern und ihre Ängste verschwinden. Ein christlicher Fundamentalist trifft einen Muslim zum Frühstück. Von solchen Begegnungen an einem besonderen Ort, dem why not Café in Hamburg, erzählt dieses Buch. Es zeigt, wie persönlicher Austausch, Gespräche und Freundschaften die Vielfalt unserer Gesellschaft erfahrbar machen und damit ein echtes Fundament für Integration schaffen. Viele Menschen träumen davon, solche Begegnungsorte für Austausch und Integration aufzubauen, doch sie wissen nicht, wie und wo. Dieses Buch soll dir einen ersten Zugang bieten, dich motivieren und zum Machen anregen. Es ist Teil eines dreiteiligen Models für ein Start-Up Begegnungscafé aus Buch, Businessplan und Beratung. [why not] Integration zusammen leben
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vielen Dank an Anja, Eva und Tabea.
Besonderer Dank an Natalie und an die vielen Menschen, mit denen ich ihre Geschichten miterleben durfte.
Wenn du dieses Buch kaufst, dann spendest du direkt an die [why not] Integration gGmbH.
Du unterstützt unsere Vision, die ganzheitliche Integration und das Zusammenlebens der Menschen, insbesondere der Geflüchteten, Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund, zu fördern.
Name:
why not Integration gGmbH
IBAN:
DE06 4306 0967 2045 0391 00
BIC: GENODEM1GLS
GLS Gemeinschaftsbank eG
Du findest uns unter:
www.why-not-integration.org
Das [why not] ist eine NGO (Non Profit Organisation), die als gGmbH organisiert ist.Wir sind institutionell, politisch und religiös unabhängig und finanzieren uns vorwiegend aus Spenden, privaten und staatlichen Fördermitteln. Unser Team aus Leitung, Mitarbeitern, Freiwilligen und Sponsoren bringt langjährige Erfahrungen in ähnlichen Projekten im Bereich Integration und multikulturellem Zusammenleben mit.
Unsere drei Zugänge sind:
Begegnungsorte zu schaffen durch Räumlichkeiten, Fachwissen und Empowerment
Beratung- und Bildungsangebote in Form von Seminaren und Workshops mit den Themen Integration, Diversität und politische Partizipation
Zusammenleben indem wir multikulturell und multigenerational zusammenleben und arbeiten
Einleitung
Was ist ein Begegnungsort?
Was Begegnung bringt
Interkulturelle Kompetenzen
Komfort und Support
Männer und Frauen
Wie gründet man einen Begegnungsort?
Wie gewinne ich Mitstreiter?
Markt und Marketing
Was biete ich an?
Finanzielles
Rechtliches
Und was machst Du?
Was wir für Dich tun können
Nachwort – Ein Original
An einem Frühlingstag vor wenigen Jahren treffen vor einem Café in Hamburg zwei Welten aufeinander: Die eine in Gestalt einer jungen Frau mit Sommersprossen, ihre roten Locken leuchten in der Sonne, die Zigarette hält sie schon in der Hand. Neben ihr steht ein junger Mann mit Bauchansatz, auf seiner Glatze spiegelt sich das Sonnenlicht, er kramt in der Hosentasche nach einem Feuerzeug. Ihr Leben lang haben diese zwei Menschen gelernt, sich voreinander zu fürchten. Die rothaarige Frau ist überzeugt davon, dass der junge Mann und seinesgleichen ihr Volk auslöschen will. Er ist überzeugt davon, dass sie und ihresgleichen die ganze Welt in ihrer Gewalt haben. Eigentlich sollten sie sich hassen. Das wissen sie aber noch nicht. Die laue Luft kündigt den Sommer an, es ist ein schöner Tag im Norden Deutschlands, ihrer neuen Heimat.
Milad zündet sich eine Zigarette an und reicht das Feuer an Michal weiter. Sie sprechen über Deutschland, über das Rauchen, über die raucherfeindlichen Deutschen. Sie sprechen auf Englisch, Milad war früher Englischlehrer, Michal hat – wie viele ihrer Landsleute – schon die halbe Welt bereist. Und dann kommt unweigerlich die Frage: „Wo kommst du eigentlich her?“ Milad stellt sie. Und Michal erschrickt.Wo sie herkommt, wollte sie eigentlich nicht sagen. Schon gar nicht hier vor diesem Café, in dem so viele Araber ein- und ausgehen. „Sag erstmal, wo kommst du her?“ gibt sie die Frage zurück. „Aus dem Iran“, antwortet Milad und denkt sich nichts dabei. Erst als er sieht, wie Michal unsicher wird, fragt er nochmal: „Und du?“ Michal hat gelernt, nicht jedem zu erzählen, dass sie Israelin ist. Schon gar nicht jemandem aus dem Iran. Denn aus diesem riesigen Land 1000 Kilometer nordöstlich des schmalen Landstreifens Israel schallen immer wieder Drohungen Richtung Israel, Israelis dürfen nicht in den Iran reisen, Iraner nicht nach Israel. Michal schluckt den Schrecken herunter und antwortet ehrlich. „Ich komme aus Israel“, sagt sie.
Und da stehen diese zwei Menschen, verglimmende Zigaretten in der Hand, an einer kleinen Hamburger Straße unweit der Reeperbahn, und sind sich nicht sicher, ob sie sich mögen dürfen oder hassen müssen. In ihren Gedanken sprudeln die Vorurteile, die sie seit ihrer Kindheit gelernt haben: Israelis stehlen das Land der Araber, sie unterdrücken die Palästinenser und haben Einfluss auf alle Mächtigen dieser Welt. Iraner sind extremistische Muslime, wollen Ungläubige töten und Frauen unterjochen. „Aber ich bin keine gläubige Jüdin“, durchbricht Michal die Mauer aus Vorurteilen. „Ich bin Kommunist“, sagt Milad, der nichts anderes zu sagen weiß. Und allmählich bröckelt die Mauer, die Vorurteile zerfallen und beide fangen an zu lachen.
Ich stehe hinter dem Tresen und habe Michal und Milad durch die Glastür des Cafés beobachtet. Als sie sich draußen die nächste Zigarette anstecken, geselle ich mich dazu. „Und, hast du die Jüdin schon kennengelernt?“ sage ich zu Milad und grinse. Michal kennt meinen Humor schon. Milad muss noch einmal lachen. Die Pause ist gleich vorbei, der Deutschkurs geht weiter. Der Kurs ist es, was die beiden, den Iraner und die Israelin, in diesen Frühlingswochen verbindet. Dass sie noch mehr gemeinsam haben, lernen sie während der Zigarettenpausen und beim Teetrinken im Café. Milad ist aus dem Iran geflohen, weil er Kommunist ist. Michal hat einen Deutschen geheiratet und ist auf der Suche nach einer weniger religiösen Heimat. Beide versuchen, in Deutschland neu anzufangen. Beide hätten sich nie kennengelernt, wenn sie sich Deutschland nicht als ihre neue Heimat ausgesucht hätten.
Doch sie hätten sich auch in Deutschland nie kennengelernt, wenn es Orte wie dieses Café in Hamburg nicht gäbe.Wie in anderen Cafés auch stehen hier rustikale Holzstühle und Tische mit Kerzen und Zuckerstreuer, über dem Tresen hängt eine Tafel mit Getränken und Preisen, es gibt Caffé Americano, Cappuccino und Apfelschorle, Astra aus Hamburg und Wein aus Chile. Trotzdem ist dieses Café anders als andere Cafés, Bars und Restaurants. Im Kellergeschoss bekommen Menschen aus aller Welt Deutschunterricht, in einem lichtdurchfluteten kleinen Raum neben dem Eingang beraten Anwälte Migranten zu deutschen Rechtsfragen, manchmal feiern Latinos und Nicht-Latinos die Nacht bei Salsa- und Sambamusik durch, am Sonntag feiern eine afrikanische, eine rumänische und eine koreanische Gemeinde hier ihre Gottesdienste und hinter dem Tresen stehen Menschen aus aller Welt:Aus dem Irak und Ecuador, den USA, Norwegen, Brasilien, aus Syrien, Südafrika, Russland und Deutschland. Dieses Café haben wir why not genannt – nach dem Zitat des irischen Pazifisten George Bernard Shaw: „You see things; you say, ‚Why?‘ But I dream things that never were; and I say ‚Why not?‘“
Im why not trinken Touristen und Hamburger ihren Kaffee. Im why not lernen geflüchtete Syrer Landsleute kennen. Im why not üben Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis mit Ehrenamtlichen die deutsche Sprache. Und ein Iraner trifft auf eine Israelin. Das why not ist ein Begegnungsort.
Ich bin selber erst vor gut zwanzig Jahren aus Ecuador nach Deutschland gekommen und habe später sieben Jahre lang das why not in Hamburg geleitet, habe Ehrenamtliche motiviert und Migranten beim Deutschlernen, der Jobsuche und Asylanträgen geholfen und ein weiteres why not im Norden von Hamburg mitgegründet. Doch zwei Begegnungsorte in einer Großstadt reichen nicht. Solche Orte sollte es viel häufiger geben, nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland. Deswegen gibt es dieses Buch.
Dieses Buch soll Lust machen und das nötige Wissen vermitteln, um selbst Begegnungsorte für Menschen aller Nationen und Religionen zu schaffen. Es soll erklären, warum Begegnungsorte für unsere Gesellschaft so wichtig sind, wie man Begegnungsorte gründet und sie am Laufen hält und wo es Unterstützung für solche Projekte gibt.
Aber zunächst wollen wir klären:Was ist das überhaupt, ein Begegnungsort?
Es gibt in Deutschland fast keine neutralen Orte, um Menschen kennenzulernen. In einem Fußballverein trifft man Menschen, die Fußball spielen. In eine Kirche gehen Menschen, die an Gott glauben. In einer Flüchtlingsinitiative begegnen sich Menschen, die geflohen sind oder Geflüchteten helfen wollen. Aber wo lernt man Menschen aus aller Welt einfach so kennen, ohne sich gleich engagieren oder verpflichten zu müssen?
Ein Café wie das why not ist die Antwort auf diese Frage. Hier sollen sich Menschen aller Nationen, Weltanschauungen und Lebensumstände zuhause fühlen, sich mit Leuten verabreden, Kaffee,Tee, Limo oder Bier trinken und die weite Welt vor ihrer Haustür kennenlernen. Die Bezeichnung „Café“ steht heute für viel mehr als Kaffeetrinken: Es gibt Repair-Cafés, die ganz wenig mit Kaffee und ganz viel mit Reparieren zu tun haben. Es gibt Elterncafés, die Treffpunkte für Menschen mit Kindern sind. Hinter diesen Cafés steckt ein großes Bedürfnis, Menschen mit ähnlichen Interessen zu treffen, ohne gleich ein großes Programm aufstellen und befolgen zu müssen. In einer Werkstatt erwartet jeder, dass hier effizient repariert wird – und dann auch nur Autos, Fahrräder oder Toaster, aber nicht alles zusammen. In einem Repair-Café dagegen geht es um die Begegnung mit anderen, die auch etwas reparieren, die nachhaltig leben wollen, die eine ähnliche Weltanschauung teilen. In eine Elternberatung muss man mit einem bestimmten Problem kommen, lässt sich beraten und geht dann wieder. In einem Eltern-Café aber können sich Menschen in der gleichen Lebenssituation ungezwungen austauschen, über Einschlaf- und Stillprobleme sprechen - oder nur mit ihren Kindern und anderen Eltern abhängen.
Für Migranten, Geflüchtete, Weltenbummler und Menschen, die sich für andere Menschen, Kulturen und Religionen interessieren, gibt es bisher kaum neutrale Begegnungsorte. Es gibt Beratungsstellen und Deutschkurse, aber keinen Ort, an dem Menschen aus aller Welt einfach einen Tee zusammen trinken, wo Iraner und Israelis, Deutsche und Syrer, Muslime, Juden und Christen einander begegnen können. Doch erst, wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, wenn vor allem Migranten den Einheimischen begegnen können, kann Integration gelingen. Denn Integration geschieht nicht durch den Besuch von Deutschunterricht oder Bewerbungstraining. Integration geschieht dazwischen, in den Zigarettenpausen oder beim Kinoabend mit den Mitschülern.
Solch ungezwungene Begegnungen sind in einem Café möglich. In einem Café kann sich jeder sicher fühlen, jeder erwartet etwas Ähnliches: Getränke, Snacks, Tische, Stühle,Theke und Menschen.Aber in einem Café ist noch mehr möglich, ohne dass jemand sagt: Das ist nicht normal, das darfst du nicht machen. Sprachschüler, die sich den Unterricht nicht leisten können, kochen zum Beispiel mittags Essen aus ihrer Heimat, das im Café als Mittagsmenü verkauft wird.Abends werden Filme auf Deutsch oder Englisch gezeigt, legendäre Partys gefeiert oder Vorträge organisiert. Es gibt Rechtsberatung und Deutschunterricht. Und gleichzeitig ist dieser Ort ein ganz normales Café, in das jeder kommen und Kaffee trinken kann.
Ich liebe es, wenn Menschen ins why not kommen und merken: Hier ist irgendetwas anders. Hier sitzen mehr Menschen unterschiedlicher Hautfarben als in anderen Cafés. Der Typ hinter der Theke versteht die Bestellung nicht, grinst nur und holt schnell jemanden zum Übersetzen. An einem Tisch üben drei Männer die korrekte Aussprache des deutschen CH. In einer anderen Umgebung ist diese Mischung nicht möglich. In eine Anwaltskanzlei für Ausländerrecht kann nicht einfach jemand hineinspazieren und einen Tee trinken. In einer Sprachschule kann man nicht einfach mittags ankommen und arabisch kochen. Und in vielen Kirchen kann man abends nicht einfach eine rauschende Salsa-Party feiern. Aber in einem Café ist fast alles möglich. Es ist ein Café – der perfekte Begegnungsort.
Und ein Café wie das why not ist auch eine Anlaufstelle für die vielen Deutschen, die Einwanderern helfen möchten, aber nicht wissen, wie, oder nicht genug Zeit haben, sich intensiv zu engagieren.Wenn sie dann doch kostenlosen Deutschunterricht für Menschen ohne Papiere oder ein regelmäßiges Frauenfrühstück für Muslimas organisieren, sind sie enttäuscht, wenn die Teilnehmer nicht pünktlich kommen oder ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Dabei funktionieren Menschen aus vielen Kulturen nicht so wie die Deutschen, sie sind weniger organisiert. Dafür haben sie ihre Stärken in der spontanen Begegnung, im Kontakt mit anderen, der nicht durch Pläne und Strukturen eingeengt ist. Integration in Deutschland hat einen riesigen Bedarf an solch einer ungezwungenen Begegnung, an einem Zusammenleben ohne Planung und Programm.
Ein Begegnungsort ist also ein Ort für alle: für Migranten und Einheimische, für Helfer und Menschen, die Hilfe brauchen, und natürlich auch für Leute, die einfach nur einen Kaffee trinken wollen. Im besten Fall bringt dieser Ort ihnen allen etwas. Er bewirkt Veränderungen in jedem, der hierher kommt. Denn in der Begegnung lernen und wachsen wir. Begegnung bringt jedem etwas.
Begegnung schafft Wissen. Von solch einem internationalen Begegnungsort profitieren nicht nur die Migranten. Ich sehe genauso, dass unsere deutschen Ehrenamtlichen und die zufälligen Besucher im Café oder auf unseren Partys durch die Begegnungen mit Menschen anderer Kulturen wachsen. Da ist zum Beispiel Tina, die unseren Sprachschülern ehrenamtlich bei den Deutschhausaufgaben hilft. Sie saß eines Tages allein an einem Tisch im Café, ein offenes Buch vor sich, und schrieb konzentriert in ein Heft. Ich fragte sie: „Na, machst du jetzt schon die Hausaufgaben für jemanden?“ Sie antwortete: „Nein, ich lerne Arabisch.“ Das ist ein tolles Beispiel für das Geben und Nehmen an einem Begegnungsort wie dem why not. Tina kam eigentlich zu uns, um anderen ihre Sprache zu vermitteln. Nun lernt sie die Sprache der anderen. Und so merken auch unsere Sprachschüler: Ich nehme nicht nur, ich kann auch etwas zurückgeben – ich bin nützlich! Aber Tina lernt nicht nur eine andere Sprache. Sie erfährt auch, was es für die Migranten bedeutet, Deutsch zu lernen.Tina lernt Arabisch mit drei Leuten aus Syrien, mal mit dem einen, mal mit dem anderen. Das ist gar nicht so einfach, weil sich die drei oft nicht einig sind, wie ein Wort geschrieben wird oder was es genau bedeutet. „Das ist im Deutschen genauso“, sagte ich. „Nein, bei uns sind Rechtschreibung und Grammatik doch festgeschrieben“, entgegnete Tina. Da musste ich lachen. Denn erst neulich hatte eine Ehrenamtliche ein paar Dokumente aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Eine andere Helferin korrigierte die Übersetzung nochmal – und hatte einiges verändert. Alte Rechtschreibung, neue Rechtschreibung – da waren sich beide Ehrenamtliche nicht einig. Und beide sind Lehrerinnen! Das sind diese kleinen Erlebnisse an einem Begegnungsort, die das eigene Weltbild ein bisschen verrücken und einem die Welt, wie man sie kennt, in einem neuen Licht erscheinen lassen.
Begegnung schafft Gefühle. Emotionen sind es, was in Deutschland oft fehlt.Wir denken in Zahlen und Statistiken, aber wenig in Gefühlen. Ich war mal zu einer Podiumsdiskussion mitten in der Flüchtlingskrise von 2015 eingeladen. Da war ein Experte für Menschenrechte und Geflüchtete und ein Abgeordneter des Bundesparlaments. Das ist etwas, was in Deutschland richtig gut funktioniert: Man lädt Experten ein, die Zahlen und Fakten fantastisch präsentieren können. Bei dieser Podiumsdiskussion gab es eine Powerpoint-Präsentation nach der anderen. Der eine Experte war tatsächlich in einem Flüchtlingslager in Jordanien gewesen, hatte mit syrischen Geflüchteten gesprochen, ihre notdürftigen Unterkünfte und ihre Verzweiflung gesehen. Und da stand er nun auf einer Bühne in einer evangelischen Kirchengemeinde in Hamburg und versuchte, den Syrienkonflikt zu erklären. Und ich dachte nur: Das interessiert doch niemanden, woher dieser Konflikt kommt. Die Menschen in Deutschland wollen doch vor allem wissen, was das für sie bedeutet.Was macht das mit ihnen und ihrer Welt, dass diese verzweifelten Menschen nach Deutschland kommen? Und wie geht es diesen Menschen? Was passiert mit ihnen? Die Experten mit ihren Statistiken lassen die Menschen völlig allein mit ihren Fragen und Emotionen. Da werden Powerpoint-Präsentationen gezeigt mit Zahlen und Kuchendiagrammen. Da wird erklärt, wie viele Leute im vergangenen Jahr Anträge für die Kostenübernahme ihres Deutschunterrichts eingereicht haben oder wie viel Geld für die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere gespendet wurde. Aber die meisten Menschen, die dort zuhören und sich oft bei all den Zahlen und Informationen langweilen, sind sowieso schon mit im Boot.Alle anderen werden von den Zahlen und Statistiken nur abgeschreckt. Denn es fehlen die Gefühle. Die Freude einer afghanischen Frau, die Deutsch lernen darf, obwohl die Kosten nicht übernommen werden, und als Gegenleistung für andere kochen kann. Die Erleichterung eines nigerianischen Mannes, dem nun endlich jemand bei seinem Asylantrag hilft. Die Euphorie einer syrischen Familie, die endlich eine Wohnung gefunden hat und aus dem Flüchtlingsheim ausziehen kann.
Neulich las ich auf Facebook einen Post: „Keiner hat uns gefragt, ob wir ein Einwanderungsland sein wollen.“ Das stimmt! Niemand hat die Deutschen gefragt.Auf die Verunsicherung, die all die Migranten bei vielen Deutschen auslösen, müssen wir, müssen Politiker, aber auch die Migranten eingehen. Migration ist eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist.Wir müssen lernen, mit dieser Entwicklung zu leben. Gut leben können wir mit ihr und mit den Menschen, die in unser Land kommen, wenn
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