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Der Titel "Wie alle Völker …?" geht auf eine Broschüre von Judah L. Magnes, des ersten Rektors der Hebräischen Universität in Jerusalem, zurück. Dieser betrachtete 1930 erstmals die Problematik im Verhältnis zwischen Moderne und Tradition, zwischen Politik und Religion auf, die sich seither durch die Geschichte des Staates Israel zieht. Reiner Bernstein zeigt, dass die Idee eines säkularen Nationalstaates gegen die von Anfang an bestehende theologische Grundausrichtung Israels nur schwer zum Zuge kam. Er macht deutlich, dass der politische Streit als Wesensmerkmal der Demokratie heute erschöpft zeigt und den Einfluss der nationalistischen und ultrareligiösen Gruppierungen nicht mindern kann. Und er hinterfragt, wie der Widerstand gegen das "Nationalstaatsgesetz" vom Juli 2018 die Wende zur politischen Vernunft einleiten und internationalen Konventionen Respekt verschaffen kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Reiner Bernstein
Israel und Palästina als Problem der internationalen Diplomatie
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ISBN 978-3-534-40102-4
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum
Unvergessen:Akiva Ernst Simon (Berlin 1899 – Jerusalem 1988),vielen besonders deutschsprachigen Zionisten in derbritischen Mandatszeit sowie den Anwälten des Friedensin Israel und Palästina von heute
Zum Geleit
Abkürzungen
Kapitel I Das Problem
Kapitel II Einleitung
Kapitel III Osloer Illusionen
Kapitel IV Das Schwert des Krieges als Rechtsstandpunkt
Kapitel V Keine Zukunft ohne Judentum
Kapitel VI Zions Judenfrage
Kapitel VII Heimat zweier Völker
Kapitel VIII 1967: „Wir waren wie Träumer“
Kapitel IX Camp David, „Road Map“ und „Genfer Initiative“: Geschichten vom dünnen Eis“
Kapitel X Der arabische Islam und das Versagen der palästinensischen Führung
Kapitel XI Politische und völkerrechtliche Aspekte des palästinensischen Flüchtlingsproblems
Kapitel XII Die internationale Diplomatie vom Kopf auf die Füße stellen
Kapitel XIII Kein Nachruf: Zu spät für den Frieden?
Namensregister
Kommentiertes Literaturverzeichnis
Glossar
Anlagen
„Schweigen ist keine Option mehr!“
„Der säkulare Zionismus steht nackt vor der jüdischen Tradition“
Eingangssätze aus der israelischen Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 und Auszug aus der Proklamation des Staates Palästina am 15. November 1988
Text der israelischen und der palästinensischen Nationalhymne
Die Gründung von Gush Emunim. Die Erlösungsreise des Landes beginnt
Welche Strategie hat Israel?
„Wir hatten schwere Vorbehalte gegen Deutschland“
Bestens vernetzt. Erzählung aus Israels „Rechtsstaatsnarrativ“
Israels Sicherheitsgarantie für Jordanien
Jerusalem – das Herzstück des israelisch-palästinensischen Konflikts
Fünf Thesen zum Nahostkonflikt
„Gegen Antisemitismus, für Kritik an der Politik des Staates Israel“
Liste von Friedensgruppen
Der moderne Sisyphos ist derjenige, der sich um die Überwindung des palästinensisch-israelischen Konflikts bemüht. Einer, der die Rolle eines solchen modernen Sisyphos übernommen hat, ist der unermüdliche Reiner Bernstein, Verfasser dieses Buches. Obwohl das Fragezeichen im Titel des letzten Kapitels – „Zu spät für den Frieden?“ – theoretisch die Zukunft noch offenlässt, täuscht Bernsteins Text nicht darüber hinweg, dass es sich um eine bloß rhetorische Frage handelt und Sisyphos davon ausgehen muss, dass eine Lösung erst in messianischer Zeit möglich sein wird.
Schlimmer noch: Wenn die Welt mit dem Messias zu rechnen hat, an den die israelische Siedlerbewegung glaubt, steht am Abschluss des langen Weges kein Happyend. Gerade weil der moderne Sisyphos sich in der Geschichte des Nahostkonflikts, der zionistischen Bewegung und des jüdischen Volks gut auskennt, muss seine Prognose äußerst skeptisch, ja pessimistisch ausfallen. Dieser düsteren Prognose wird der objektive Beobachter zustimmen müssen.
Es geht um den paradoxen Verlauf der zionistischen, also der nationaljüdischen Bewegung, vom Aufstand am Ende des 19. Jahrhunderts gegen die „Galut“ bis zur Kapitulation des säkularen Zionismus vor der Macht der messianisch-orthodox motivierten „Ganz Israel“-Ideologie, die das Land Israel auf Kosten des liberalen Nationalismus und demokratischer Überzeugungen zum höchsten Wert verwandelten, im Dienste einer ethnozentrischen Exklusionspolitik. 1948, 1967, 1993 waren die wichtigen Meilensteine auf diesem Weg. Ein Vierteljahrhundert nach der Prinzipienerklärung von Oslo sind die beiden demokratischen und humanen Alternativen – die Zwei-Staaten-Lösung wie auch der binationale Staat – nicht in Sicht. Auch ein optimistischer Sisyphos verliert somit den Mut: Das Scheitern der Bemühungen um eine gerechte und humane Lösung des Konflikts scheint prädestiniert zu sein.
Dass die israelische Politik, spätestens seit der politischen Wende im Jahr 1977, zu dieser aussichtslosen Perspektive zunehmend beitrug, ist auch Reiner Bernstein bekannt. Steht ein jüdischer Staat per definitionem im Gegensatz zum demokratischen Staat? Dabei hätte es ganz anders kommen können. Die Tradition von Achad Ha’am und des „Brit Shalom“ sowie die Tradition des liberalen Zionismus zielten auf eine andere Entwicklungsmöglichkeit. Bernstein ließ sich von Akiva Ernst Simon, dem Berliner Yecke, dem religiösen Juden, inspirieren, der die Verständigung mit den Palästinensern anstrebte. Simons Parole von der „fanatischen Toleranz“ fand jedoch keine Resonanz in Israel. Das letzte Wort hat der national-religiöse Fanatismus behalten, und zwar auf beiden Seiten. Mehr noch: Die kollektive Erfahrung als Opfer hat die israelisch-jüdische Gesellschaft nicht dazu motivieren können, über den Rollenwechsel zum Täter nachzudenken. Das Opfer von damals versteht sich als permanentes Opfer. Täter sind nur die anderen.
Über die Frage der starren Haltung der Kontrahenten hinaus stellt sich ein weiteres Problem: Weshalb konnten bislang die internationale Politik und deren Diplomatie die Kontrahenten nicht dazu bewegen, aus dem Teufelskreis auszusteigen? Weshalb deuten die USA, weshalb deutet die Bundesrepublik Deutschland höchstens an, dass sie mit der destruktiven israelischen Politik nicht einverstanden sind, sich aber nicht im Ernst um eine Lösung bemühen? Wieso erteilen sie den radikalen Varianten des Judentums – beim Islamismus haben sie keine derartige Scheu – keine klare Absage? Weshalb wird die Parole von der „besonderen Verantwortung für Israel“ missbraucht? Kurzum: Weshalb hat der internationale Sisyphos aufgegeben?
Prof. Dr. Moshe ZimmermannJerusalem, im Herbst 2018
BT
Babylonischer Talmud.
Chr.
Chronik (biblisches Geschichtsbuch).
Deut.
Deuteronomium = 5. Buch Mose.
DIAK
„Deutsch-Israelischer Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten e.V.“
Ez.
Prophet Ezekiel (Yecheskel).
Lev.
Leviticus = 3. Buch Mose.
Gen.
Genesis = 1. Buch Mose.
FA
„Foreign Affairs“, New York.
IHT
„International Herald Tribune“.
IsA
„Israel Affairs“, London.
Jer.
Prophet Jeremia (Yirmiyahu).
Jes.
Prophet Jesaja (Yeshayahu).
Jon.
Buch Jonas.
Jos.
Buch Josua (Yehoshua).
JP
„The Jerusalem Post“.
JPie
„The Jerusalem Post international edition“.
JPS
„Journal of Palestine Studies“.
JQu
„The Jerusalem Quarterly“. Die liberal-konservative Vierteljahreszeitschrift, zuletzt redaktionell verantwortet von dem Orientalisten Emmanuel Sivan und dem Politologen Zeev Sternhell, stellte im Sommer 1989 mit der Ausgabe 51 ihr Erscheinen ein.
JR
„The Jerusalem Report“.
LBI
„Bulletin des Leo Baeck Instituts“, London / New York.
Lev.
Leviticus = 3. Buch Mose.
n.d.Z.
nach der christlichen Zeitrechnung.
Neh.
Prophet Nehemia (Nechemia).
NGO
„Non-Governmental Organization“.
Num.
Numeri = 4. Buch Mose.
NYT
„The New York Times“.
NZZ
„Neue Zürcher Zeitung“.
PIJ
„Palestine-Israel Journal“.
PT
Palästinischer (Jerusalemer) Talmud. Gegenüber dem Babylonischen Talmud fehlt ihm die normative Bedeutung.
Sam.
Buch Samuel.
1
André Malraux hat vorhergesagt, das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert der Religion sein, oder es werde gar nicht sein. Dazu forderte der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors von der internationalen Politik ein „tieferes Verständnis für die religiösen und philosophischen Vorstellungen anderer Zivilisationen“ und stellte damit das eurozentrische Weltbild in Frage. Stimmen wie diese haben jedoch keine nachhaltige Resonanz gefunden. „Vor allem werden wir uns künftig mehr Mühe geben müssen, andere zu verstehen, bevor wir selbst handeln und uns ihnen moralisch überlegen fühlen“, hat Sigmar Gabriel ergänzt. Selbst die westliche Elitenwissenschaft hat die Verschiebung der Determinanten im Wettstreit der Systeme nicht nachvollzogen. Die internationale Diplomatie steht mit ihren Angeboten und Vorschlägen den nationalistischen und ultra-religiösen Prioritäten in der Region erschöpft gegenüber. Ihre Ratlosigkeit bekämpft sie mit der Flucht in „Visionen“ und beschwört „Grundwerte“.
Die Kontroverse um das Verhältnis zwischen Moderne und Tradition, zwischen Politik und Religion zieht sich durch die Geschichte des Zionismus und des Staates Israel. Zwar trugen die „niederen Seelen“ der Land- und Bauarbeiter in der britischen Mandatszeit keine Gebetsriemen, doch blieb in ihrem Herzen die jüdische Heiligkeit verborgen, wurde behauptet. Die Infektion der bösen Schale („Klippá Nogá“) werde den Einwanderern ausgetrieben. Inzwischen weichen die Lebensentwürfe des einzelnen der Sakralisierung des nationalen Korpus. Gegen sie kommt die Idee eines säkularen Nationalstaates nur schwer zum Zuge. Der liberale Rechtsstaat ist desavouiert, die Falken haben über die Tauben triumphiert. Die politische Opposition präsentiert sich zerrissen, ist als Gegengewicht gering vernetzt und will an ihrer bis in die 1970er Jahre zurückführenden Grundentscheidung festhalten, die Kooperation mit arabischen Parteien zu meiden, um zum „nationalen Lager“ zu gehören. Die Gefahren des Irredentismus in der arabischen Bevölkerung wachsen. Werden arabische Antragsteller bei Behörden, arabische Studenten an den Universitäten und arabische Abgeordnete im Parlament auf ihrer Muttersprache bestehen? Oder wollen sie sich in einer Opferrolle einrichten? Zur Stabilisierung des jüdischen Nationalstaats ist die Bevölkerungsmehrheit zur absoluten Loyalität aufgerufen. Bekenntnisse, das Land gehöre Juden und Palästinensern gemeinsam, werden im Keim erstickt. Eine über den Flügelkämpfen stehende Persönlichkeit mit Charisma fehlt.
Israels erbitterter Kulturkampf zweier ideologisch verfeindeter Blöcke hat vor Deutschland nicht haltgemacht. Jede öffentliche Veranstaltung gerät ins Visier, die sich mit der israelischen Innen- und Außenpolitik kritisch auseinandersetzt. Am 18. September 2018 verabschiedete der Landtag von Nordrhein-Westfalen einen Antrag mit den Stimmen von CDU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen, in dem nach dem üblichen Deckmantel „Kritik an der israelischen Regierungspolitik (muss) genauso wie in Israel erlaubt sein“ die Behauptung verbreitet wurde, dass die „BDS-Bewegung … zur Isolation und zum wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Boykott des Staates Israel“ aufrufe. Die Antragsteller scheuten nicht davor zurück, den antijüdischen Boykott in Deutschland am 01. April 1933 als Begründung für ihre Entscheidung herbeizuzitieren. Dagegen hatte die Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis90/Die Grünen an die Bundesregierung im April 2013 schon klargestellt, dass es „nicht um Boykott israelischer oder gar jüdischer Produkte (geht), sondern um die Ermöglichung informierter Kaufentscheidungen“ sowie „um die Umsetzung internationalen Rechts und der Politik der Europäischen Union gegenüber Israel2“.
Die transnationale Kampagne kann, wenn sie sich gegen die Produkte aus den Siedlungen der palästinensischen Gebiete richtet, auf Ministerpräsident Menachem Begin (1913 – 1993) berufen, auf den die Anordnung an alle Botschaften und Konsulate zurückgeht, in Zukunft die Bezeichnung „Judäa und Samaria“ statt Westbank oder „verwaltete Gebiete“ zu benutzen und dafür alle administrativen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Die nachgewachsenen Generationen können mit den Markierungen der „Grünen Linie“ nichts mehr anfangen. Sind die Vorwürfe der Delegitimierung Israels und des antijüdischen Ressentiments berechtigt, oder geht es um die Verschleierung von Realitäten, den berüchtigten „facts on the ground“? Fest steht, dass mit Hemmnissen und Verboten BDS-Aktivitäten nicht mundtot zu machen sind.
Im Herbst 2018 forderte Benjamin Netanjahu mehrere europäische Regierungen offiziell dazu auf, Finanzhilfen für israelische NGO’s wie „New Israel Fund“, „Breaking the Silence“ und „B’tselem“ einzustellen, weil sie den Staat Israel und sein Militär beschädigen. Dafür schaltete der Ministerpräsident zusätzlich seinen Sohn Yaír ein, für den Menschenrechtsorganisationen der antisemitischen Konspiration verfallen sind. Im Zuge der vorzeitigen Auflösung der Knesset, um Neuwahlen im März 2019 Platz zu machen, wurde ein Gesetz vorbereitet, um Kultureinrichtungen aus der Förderung zu nehmen, die Israels Identität als jüdischen und demokratischen Staat nicht anerkennen.
Die Verurteilung der Politik Israels in trans- und supranationalen Gremien, in Leitmedien des In- und Auslandes und in Kreisen der internationalen Öffentlichkeit muss von einem Staat, der auf seine exklusiven ethnischen und religiösen Eigenbilder fixiert ist, als unangemessene, ja feindliche Versuche der Einmischung abgetan werden. Wenn sich zudem Juden dem massiven Druck entgegenstellen, erfüllen sie den Tatbestand des Selbsthasses. „Das BDS-Monster ist eine der glorreichen Erfindungen der israelischen Regierung. Mit Hilfe einer Propagandamaschinerie, riesigen Ressourcen und drohenden Botschaften hat sie eine legitime und gewaltlose palästinensische Protestbewegung in eine antisemitische Verschwörung verwandelt“, schrieb „Haaretz“. Wer einen jüdischen Staat haben will, leugnet die Existenz eines zweiten Volkes im Lande.
Waren die Beziehungen zwischen der arabischen Mehrheit und der sefardisch-jüdischen Minderheit in der Epoche der Osmanen relativ einträchtig verlaufen, so nahmen sie mit der aschkenasisch-jüdischen Einwanderung, der „Einsammlung der Zerstreuten3“, in das Land, in dem Milch und Honig fließen würden4, spannungsreiches Tempo auf. Ihm haben die heutigen Palästinenser nichts entgegenzusetzen. Nach innen gespalten, nach außen gelähmt, flüchten sie sich in Rufe wie „Gott ist groß“ („Alláhu Akbár“), nehmen zu Anschlägen als Ausdruck ihrer politischen Hilflosigkeit Zuflucht und können von ihren arabischen Nachbarn nichts erwarten. Ersatzweise verbreiten Gelehrte und Geistliche vernehmlich und aggressiv die These von der Gemeinschaft der islamischen Völker („Ummá“).
Für den Fall, dass der Oberste Gerichtshof als Normenkontrol-linstanz das „Nationalstaatsgesetz für das jüdische Volk“ („Nation-State Bill for the Jewish People“ – „Khoq Leóm Le-Am Ha-Yehudí“)5 als fünfzehntes Grundgesetz vom 19. Juli 2018“ kippt, hat Justizministerin Ayelet Shaked mit einem „Erdbeben, einem Krieg der Verfassungsorgane“ gedroht; bei der Amtseinführung neuer Rabbiner im Oktober 2018 schloss Staatspräsident Reuven Rivlin entgegen der gängigen Praxis Shaked aus. Für Kritiker des Gesetzes hingegen rückte die traditionelle Trauer um die Zerstörung des ersten und zweiten Tempels mit seinem Allerheiligsten („Kodesh Kadish“) am 9. Tag des Monats („Tisha b’Av“), der 2018 auf den 22. Juli fiel, näher und mündete im „freien Hass“ („Sin’át Hinám“) gegen alles Fremde. Das jüdische Volk habe nicht zwei Jahrtausende Verfolgungen und endlose Grausamkeiten ertragen müssen, um nun über ein anderes Volk zu herrschen, er schäme sich, Israeli zu sein, schrieb Daniel Barenboim. Ein moderner Staat lasse sich nicht mit zwei Arten von Staatsbürgern lenken, Herren und Dienern, bekräftigte der Herausgeber der arabischen Jugendzeitschrift „Al-Yad“ („Die Hand“) Odeh Bisharat. Das ehemalige Mitglied des Obersten Gerichthofs Salim Joubran mahnte, dass der Grundsatz der Gleichstellung in jedem demokratischen Staat der Welt gewährleistet sei. Der drusische Rechtsanwalt Rafik Hálabi warnte vor einem „Ehrenzertifikat“. Oppositionsführerin Tsipi Livni begründete die von Benjamin Netanjahu für ethnische und religiöse Minderheiten ins Spiel gebrachte Sonderregelung als Einführung eines „Klassensystems“. Der Jerusalemer Politologe Zeev Sternhell befürchtete, dass dem „Nationalstaatsgesetz“ weitere Stationen zum Abbau der pluralistischen Demokratie und der Gewaltenteilung folgen würden. Für den Rechtswissenschaftler Mordechai Kremnitzer bleiben Rassisten eben Rassisten. Der 94 Jahre alte Uri Avnery (1923 – 2018), der weltweit wie kein anderer Israeli die progressive Zivilgesellschaft repräsentierte, lehnte das Gesetz ab, weil Israel der Staat der israelischen Nation und nicht des jüdischen Volkes sei. In einer gemeinsamen Erklärung klagten 40 ehemalige Diplomaten, dass sie der Welt nicht mehr in die Augen blicken und ihr sagen könnten, dass ihr Staat im Geiste der Propheten die einzige Demokratie im Nahen Osten sei.
Die Abgeordnete Stav Shaffir, die im Sommer 2013 an der Spitze der Demonstrationen gegen die hohen Lebenshaltungskosten in Tel Aviv stand, weigerte sich, das „Nationalstaatsgesetz“ zum „zionistischen Traum“ zu rechnen. Es herrsche „ein Status quo des Terrors“ vor, „und je länger wir brauchen, eine Entscheidung zu fällen, desto früher werden wir Teil dieses Standpunkts“. Doch Netanjahu werde eine Episode in der Geschichte Israels bleiben, prophezeite Shaffir kühn. Der Kolumnist Bradley Burston schrieb in einem offenen Brief an „Bibi“ – so Netanjahus üblicher Spitzname –, er begehe den „zerstörerischsten Fehler“ seiner Amtszeit. Der in einer orthodoxen Familie in Los Angeles aufgewachsene Chemi Shalev verwahrte sich gegen den Chauvinismus: Es gebe wenige Länder, in denen solch primitive Ansichten zur Regierungspolitik gehören, etwa Iran und Saudi-Arabien. Der in den 1970er Jahren gegründete „Gush Emunim“ („Block der Glaubenstreuen“) habe den religiösen Zionismus metastasiert, die Ultraorthodoxen infiziert, die säkularen Nationalisten hypnotisiert sowie die Politik und die Medien infiltriert. Die Religion sei zur bedeutendsten Verkäuferin der Okkupation aufgestiegen. Für Shalev reichte das „Nationalstaatsgesetz“ jenen die Hand, die Israel mit Südafrikas Apartheid-Regime gleichsetzen.
Am 29. Juli forderten viele hundert Künstler, Autoren und Intellektuelle – unter ihnen Amos Oz, David Grossman, Abraham B. Yehoshua und Etgar Keret – Netanjahu und die Knesset auf, das Gesetz zurückzuziehen:
„Das Nationalstaatsgesetz, wonach der Staat Israel nur der Nationalstaat der Juden sein soll, erlaubt ausdrücklich die rassistische und religiöse Diskriminierung, verneint Arabisch als eine offizielle Sprache neben dem Hebräischen, erwähnt nicht die Demokratie als die Grundlage des Landes und gibt nicht die Gleichberechtigung als Grundwert an. Deshalb widerspricht sie der Definition des Staates als eines demokratischen Staates und der Unabhängigkeitserklärung, auf deren Basis der Staat gegründet wurde.“
Von nun an solle den Richtern das Recht gegeben werden, dem jüdischen Charakter Israels in ihren Entscheidungen Priorität einzuräumen. An die Adresse Netanjahus gerichtet, fuhren die Unterzeichner fort:
„Während Ihrer Regierungszeit haben Sie ständig die Grundlagen unseres Staates ausgehöhlt. Sie haben die Beziehungen zwischen Israel und den amerikanischen Juden beschädigt, und Sie haben ganze Bevölkerungsgruppen in die Armut gestürzt. Sie haben der israelischen Gesellschaft einen schweren Schlag versetzt, doch der schwerste Schlag ist der gegen die Werte der Gleichberechtigung und der gegenseitigen Verantwortung, auf denen die israelische Gesellschaft gründet und aus denen sie ihre Stärke bezieht.“
Stimmen wie diese halten die Option einer offenen Gesellschaft offen. Aber in Blitzumfragen stimmten 52 oder gar 58 Prozent der jüdischen Israelis dem „Nationalstaatsgesetz“ zu, und 51 Prozent befürworteten die Nachrangigkeit der arabischen Sprache. 45 Prozent zeigten sich unsicher, ob ein solches Gesetz notwendig sei. Um die Einschätzung des Würzburger Rechtsphilosophen Horst Dreier zu variieren: Nicht „die Kirche geht in den Staat auf“, sondern nationalistische und ultra-religiöse Themensetzungen bemächtigen sich des Staates, dessen Agenda, Dynamik und Klima sie in ihrem Sinne verändern und dessen Kontrollverlust sie feiern. Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte der in Hildesheim geborene nicht-zionistische Wiener Oberrabbiner Moritz Güdemann (1835 – 1918) geglaubt, das Judentum spanne „den Geist seines Bekenners nicht in den Schraubstock des Glaubens“. Die Wahrheit sei, dass der neutrale Staat ein Mythos bleibe, wenn er sich nicht auf den patriotischen und tribalen Zusammenhalt stütze, hat Yoram Hazony dagegengehalte6. Mit der Opferung des ethischen Neutralitätsgebots als eines Vertrags der gesellschaftlichen Befriedung ist die geringe öffentliche Wahrnehmung der Arbeiten der „neuen Historiker“ einhergegangen. Der von Timothy Garton Ash angemahnte liberale Patriotismus blieb auf der Strecke.
1930 hatte Judah Leon Magnes (1877 – 1948), ab 1925 erster Kanzler und von 1935 bis zu seinem Tode Rektor der Hebräischen Universität, die kommenden Herausforderungen in seiner Broschüre „Wie alle Völker …?“ thematisiert und ihnen den biblischen Vers vorangestellt „Welch anderes Volk auf Erden ist wie Dein Volk in Israel7?“ Magnes wollte ermitteln, ob der Zionismus aufgrund der einzigartigen jüdischen Bindung an Gott8 ein Gemeinwesen jenseits der Realgeschichte schaffen wolle und daraus ein gesondertes Eigentumsrecht auf das Land Israel 9 reklamiere, das mit dem Schwert verteidigt werden müsse10 – Israel gegen den Rest der Welt? Der unter dem Pseudonym Achad Ha’am („Einer aus dem Volke“, 1856 – 1927) auftretende Kulturzionist Asher Ginsburg hatte 1902/03 davor gewarnt, das Schwert gegen die Schrift zu setzen. An die Adresse der „östlichen Zionsfreunde“ gerichtet, warnte er davor, sich der Parole „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ anzuschließen. Oder laute die Alternative, so Magnes, dass sich der künftige Staat mit der universellen „Idee der Gemeinschaft aller Menschen (‚brotherhood‘) und der Gerechtigkeit“ als Teil der Völkergemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten zu verstehen gedenke? William M. Brinner und Moses Rischin stellten ihrer Magnes-Biographie dessen Bekenntnis voran: „Für das jüdische Volk werden hohe Ziele (‚high end‘) nie niedere Mittel rechtfertigen. Wir haben uns zu lange aus der rabbinischen Tradition genährt.“
In San Francisco geboren und über seine Mutter deutschsprachig aufgewachsen, musste sich der oberste Repräsentant der Universität eine gewisse politische Zurückhaltung auferlegen. Einerseits war Magnes als unumstrittene Führungsfigur anerkannt, andererseits blieb er die „einsamste Stimme unter den Juden“ (Horace M. Kallen) und für Abba Eban (1915 – 2002) der „große Abweichler“. Für Magnes bildete eine Binationalität mit Selbstregierung auf der Basis politischer und numerischer Parität den Ausweg. Moralische Kraft müsse den Sieg davontragen, wenn Zion „in Gerechtigkeit erlöst11“ werden wolle. Martin Buber (1878 – 1965) verlangte einen „intra-nationalen Zugang“, damit das jüdische Volk als nationale Entität in der sozialen Struktur Palästinas überlebe. Chaim Weizmann (1874 – 1952) zeigte sich davon überzeugt, dass der Zionismus mit der schwerwiegenden Wahrheit der arabischen Gegenwart konfrontiert sei. Nur mit der Lösung des „arabischen Problems“ sei ein lebensfähiger Staat Israel vorstellbar.
Die Schärfe der Alternativen ist von allen Regierungen in je eigenem Sinne beantwortet worden. Golda Meir (1898 – 1978) wählte in ihrer Biographie den Zwischentitel „We are alone“. Der Theologe und Diplomat Yaacov Herzog (1921 – 1972), einer ihrer Berater, bekannte sich in seinen Essays und Vorträgen „A People That Dwells Alone“ zu ihr. Die Belastungen der „Shoah“ haben Neigungen verstärkt, gegenüber der Welt „keine Wahl“ zu haben, fügen sich aber in ein älteres theologisches Konstrukt ein. „Wir sind Überlebende des Holocaust und sehen überall Gefahren. Israelis und Palästinenser – auch sie Überlebende zahlreicher Fremdherrschaften – kennen nur die Sprache der Gewalt“, räumte David Grossman 1999 ein. Die Erfahrungen der „Shoah“ haben für Rivlin die Qualität einer Linse, „durch die wir die Welt sehen“. Netanjahu bekannte sich zu zwei „Hauptprinzipien“, erstens: „Wenn jemand kommt, um dich zu töten, mache dich auf und töte ihn zuerst“. Zweitens: „Wenn jemand uns verletzt, klebt sein Blut an seinen Händen.“ In der „Haggada“ („Erzählung“) am „Seder“-Abend vor „Pessach“ wird der Herr gelobt, „dass Du Dein Volk abgesondert und geheiligt hast“, nachdem sich in jeder Generation die Völker gegen Dich wenden. Dazu hat Aviezer Ravitsky, Professor für Jüdische Philosophie in Jerusalem, auf die „theologische Bürde“ des Staatsnamens in der 979 hebräische Wörter umfassenden Unabhängigkeitserklärung und die Dehnbarkeit des dortigen Begriffs „Fels Israels“ verwiesen:
„In der religiösen Tradition bezeichnet der Begriff einen Glauben an Gott und verweist auf einen passiven Gruß an den ‚Erlöser Israels‘. Im modernen Hebräisch jedoch verweist ‚Vertrauen‘ (das hebräische Wort bitakhón bedeutet auch Sicherheit12) grundsätzlich auf physische und militärische Macht.“
Für den sich zur modernen Orthodoxie zählenden Autor blieb ungeklärt, ob mit dem Schlusssatz „Im Vertrauen auf den Fels Israels“ („Tsur Israel“) die Wehrhaftigkeit des jüdischen Volkes oder der Gott Israels gemeint war. Für Jonathan Sacks, „Chief Rabbi of the United Hebrew Congregations of the Commonwealth“ zwischen 1991 und 2013, stand die doppelte Antwort fest: für die Religiösen steht „Fels Israels“ für Gott, für die Säkularen das jüdische Volk mit seinem unbezwingbaren nationalen Willen. David Ben-Gurion (1886 – 1973) hoffte, dass der Begriff ausreichend doppeldeutig sei, doch das religiöse Führungspersonal setzte die Formulierung „Fels Gottes und seines Erlösers“ durch. Für den Präsidenten des „Herzl Institute“ in Jerusalem Yoram Hazony liegt die Entscheidung auf der Hand: Im Ergebnis („in effect“) ist seit Moses als „Sprecher des Himmels und der Erde“ die „Thora“ die Verfassung des Staates. Seine Botschaft sei kein Sieg des Universalismus, sondern die alleinige Legitimierung Israels. Am Freitag des 14. Mai 1948 (im jüdischen Kalender der 5. Tag des Monats „Iyar“) vor Beginn des Shabbats wurde die Unabhängigkeitserklärung im alten Museum von Tel Aviv hinterlegt, damit sie die drohende arabische Militärinvasion überstehe.
Dass der Staat Israel in der Nachfolge des frühen Zionismus keine Nichteinmischung in Glaubensinhalte garantieren konnte, lag außerhalb der Vorstellungswelt Theodor Herzls (1860 – 1904). Er klopfte an die Tür der jüdischen Zukunft, ohne ihre Fortentwicklung zu kennen. Religiösen Verbindlichkeiten stand er indifferent bis ablehnend gegenüber, die Rabbiner wollte er in die Synagogen schicken: „In den Staat haben sie nicht dreinzureden.“ War er „unjüdisch“? Indem das angestrebte Gemeinwesen die Religion von vornherein einbeziehen musste, war ihm der Zugang zu einer den Grundrechten verpflichteten Demokratie erschwert. Mehr noch: Es war gehalten, die religiöse Neutralität preiszugeben, wenn, wie Avraham B. Yehoshua ausgeführt hat, das jüdische Volk geschichtlich einzigartig ist und nach zweitausend Jahren in sein Land zurückkehrt. Indem die Bindung an Gottes Gebote „mit den durch Arbeit im Lande neu erworbenen Rechten“ verknüpft wurde, habe „die Kolonisation (…) nichts mit den so viel gescholtenen Kolonisationsmethoden des Imperialismus“ zu tun, lautete 1930 die Antwort auf den Kommissionsbericht des britischen Staatssekretärs für die Kolonien Walter Shaw (1864 – 1937).
Zur selben Zeit verwahrte sich Ben-Gurion – nach eigenen Worten mitnichten religiös, doch in Treue zu den Propheten: „Unser Mandat ist die Bibel“ – gegen die „Illusion, dass wir wie alle Völker sind“, und machte Moses als den Urheber des jüdischen Bewusstseins vom gesondert wohnenden Volk („Am segulá“) aus – für ihn „das angeborene jüdische Bewußtsein“, wenn auch „eine besondere Last, die Verpflichtung, nach dem Gewissen zu handeln und auf das zu hören, was der [Prophet] Elia hernach ‚die leise Stimme‘13 genannt hat“. Das jüdische Volk stehe erst am Anfang der Erwählung, schränkte er später ein, habe aber in der Zerstreuung die „göttliche Präsenz“ (aramäisch „Shechintá Be-Galutá“) in seinem Leben bewahrt. 1955 ließ er den kanadischen Generalmajor E.L.M. Burns, dem Kommandanten der UN-Waffenstillstandsmission, wissen: „Der Ewige gibt Seinem Volk Macht, der Ewige, mit Frieden segnet Er Sein Volk14.“
Für den Bibelwissenschaftler Uriel Simon stand der politische Zionismus „nackt vor der jüdischen Tradition“ und zeigte, „dass wir nicht wie andere Völker sein können“15. Shneúr Zalman Abramov (1908 – 1997), Mitglied der Knesset zwischen 1959 und 1973 sowie ihr zeitweiliger Präsident für den „Block für die Freiheit Israels“ (Akronym „Gahal“) unter Führung Menachem Begins, machte im Zionismus ein „ewiges Dilemma“ aus. Andere Autoren sprachen von einem „messianischen Dilemma“ oder von einer „messianischen Realutopie“. Der New Yorker Historiker Yosef Hayyim Yerushalmi (1932 – 2009) sah im Zionismus eine „angespannte Dialektik von Gehorsam und Rebellion“, der Jerusalemer Historiker Eliezer Schweid fragte: „Israel – Heimatland oder Land des Schicksals?“ Der Publizist Yossi Melman zeigte sich zwar davon überzeugt, dass 80 Prozent der Israelis Atheisten seien wie er selbst, dass sie aber auf dem „Drahtseil“ zwischen Weltlichkeit und Religiosität balancieren, wofür er in seinem Buch die Zwischenüberschrift „Auf Gott vertrauen wir“ wählte: Wahrscheinlich seien Religion und Nationalität eine Einheit: Durch die Konzentration bleiben beide miteinander verbunden.
Im Rückblick sei daran erinnert, dass der aus Köln eingewanderte Georg Landauer (1895 – 1974) die jüdische Nationalbewegung „immer (als) ein(en) Mantel für ganz verschiedenartige, ganz entgegengesetzte Bestrebungen“ sah. Die Soziologin Susan Hattis Rolef glaubte an die Chance, dass Israel zum „Hafen für alle Juden“ werde, „religiös oder säkular, orthodox, konservativ und Reform, aschkenasisch, sefardisch oder sonst“. Das Bekenntnis zur Pluralität richtete sich gegen eine religiöse Monokultur, welche Politik und Gesellschaft zu beherrschen sucht, sich populistisch-suggestiv und kanonisch der staatlichen Ordnung bedient und Israel nur als Ort der Zuflucht vor dem Antisemitismus wähnt. Jakob Klatzkin (1882 – 1948), von 1909 bis 1911 Chefredakteur der auf gelbem Papier erscheinenden „Welt“, dem von Herzl 1897 gegründeten Organ der Zionistischen Organisation, hatte noch geglaubt, dass die „Judophobie“ eine heilbare Krankheit sei.
Für die sich zur Friedensszene rechnende Publizistin Janet Aviad ist die ideologische Konversion zu einem „beständigen, dramatischen und machtvollen Beispiel des Widerstandes“ mit dem Ziel der „Ent-Israelisierung“ (Gershon Shaked) geworden, wobei sich strenggläubige Juden aller öffentlichen Dienstleistungen bedienen. In Anlehnung an die japanische Automarke konstatierte Yossi Melman ein „Subaru syndrome“, Gershom Scholem (1897 – 1982) beklagte die „technologische Assimilation“: Die orthodoxe Geschlossenheit im zaristischen Shtetl, der sich orientalische Juden im Habitus angeschlossen haben, soll unter Begleitung von Start-Ups und Hochtechnologie an die Stelle des religiös vielfältigen Bekenntnisses treten und der „Ent-Judung“ Paroli bieten. Bis in die staatlichen Apparate hinein ist ein „System der Unangreifbarkeit“ (Carolina Landsmann), der „Hegemonie“ (Anshel Pfeffer), der „Tyrannei“ (Chemi Shalev) und der „erbärmlichen Kapitulation“ Netanjahus (Eric H. Yoffie) zur Wahrung des religiösen Vetorechts im öffentlichen Leben entstanden – eine Leistung, die von liberaler Seite hilflos als „clown show“ und „exzentrisch“ gerügt wurde.
Es reichte 1995 aus, dass Yitzhak Rabin (1922 – 1995) das Militär in der Westbank teilweise umzugruppieren beabsichtigte, um den Palästinensern mehr Bewegungsfreiheit zu geben, für sein Todesurteil. Einen Staat Palästina lehnte er ab. 1977 verneinte ein Teilnehmer die Symmetrie zwischen der dreitausend Jahre alten Geschichte des jüdischen Volkes im Lande Israel und einer palästinensischen Nationalität, die „vielleicht fünfzig Jahre alt“ sei und eine künstliche Kreation darstelle. Das „palästinensische nationale Problem“ dürfe nicht auf Kosten des jüdischen Heimatlandes einschließlich Judäas und Samarias gelöst werden: „Warum haben wir das Recht, in Lydda, in Lod, in Ramle, in Ashdod und in Akko zu leben, wenn uns Jericho und Hebron vorenthalten werden?“ Wenn Nazareth und Galiläa 1948 annektiert worden seien, müsse Nablus folgen: „Judäa und Samaria sind hier“ („Yésha ẓe kan“). Mit Begriffen und Themen wie Terror, jüdischer Staat, Existenzrecht, Patriotismus, Loyalität sowie Judäa und Samaria haben sich Deutungsmuster als neue politisch-ideologische Wirklichkeiten über die Parteigrenzen hinweg durchgesetzt.
Der landesgeschichtlichen, theologischen und literarischen Durcharbeitung der jüdischen Geschichte in Palästina seit dreitausend Jahren sowie deren Interpretationen in zahllosen Forschungsarbeiten hat der arabisch-muslimische Kosmos wenig entgegenzusetzen, auch wenn im Koran die biblischen Namen ohne ihre religiöse Würdigung Abraham, Moses, David, Jakob, Josef und sogar Noah vorkommen 16. Wenn Aleida und Jan Assmann auf die Genese und die Kontinuität der kulturellen Erinnerung durch die Prinzipien der Auswahl und ihrer Nachdrücklichkeit mittels Texten, Bildern und Riten verweisen, „die unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unsere Selbst- und Weltbildung prägen“, dann haben die Palästinenser schlechte Karten. So wird Jerusalem in der Bibel über achthundert Mal genannt, im Koran gar nicht; in der frühen islamischen Literatur kommt die Stadt unter dem römischen Spottnamen „Aelia Capitulina“ vor – nach der jüdischen Niederlage im Bar-Kochba-Aufstand von 132 bis 135 n.d.Z. Magnes glaubte, dass dem ganzen Land und besonders Jerusalem durch die jüdische Aufbauarbeit die Heiligkeit zurückgegeben werde. Zwar ließ sich die Klage des Philosophen und ehemaligen Rektors der „Al-Quds“-Universität Sari Nusseibeh nachvollziehen: „Aufgrund der Okkupation kümmern wir uns nur um uns selbst, die Welt interessiert uns nicht“. Dass aber die Palästinenser „ein Spiegel der Juden“ seien“, war weit hergeholt. Denn beide „Ideo-Theologien“ (Clive Jones) unterscheiden sich fundamental in der Kraft ihres Durchsetzungsvermögens.
Von der Billigung der politischen und militärischen Stärke als oberster Priorität blieb die Friedensszene in Israel nicht verschont. Ihre Schwäche hat einer Art Festungsmentalität mit verzweifelten und trotzigen Abwehrmechanismen Platz gemacht. Das gilt in erster Linie für Jerusalem. Für die Zeitschrift „Palestine-Israel Journal“ ist die Stadt das eindrücklichste Sinnbild des Niedergangs in den bilateralen Beziehungen. Hier lebten einst in „stolzer Abgrenzung“ voneinander Juden, Moslems und Christen in einem „Mosaik getrennter Gemeinschaften“, hielt 1960 der Anwalt Dov Joséph (1899 – 1980) fest, der 1948 zu den Verteidigern der Stadt als Militärgouverneur gehörte. In den tiefsten Schichten würden sich für ihn Legenden, Fabeln und Tatsachen vermischen, die Jerusalem zweitausend Jahre lang als zentrales Symbol in der Religion jedes Kindes erhalten hätten. Sein aus dem zaristischen Russland stammender Vater sei ein frommer Jude gewesen, für den die Tradition, die Prinzipien und die Beobachtung der moralischen und rituellen Chiffren des Judentums alle um die Heilige Stadt und den Tempel als der Einwohnung Gottes („Shechiná“) gekreist hätten. Für den Kolumnisten Roger Cohen von der „New York Times“ ist sie eine „Stadt der Leidenschaften“. Entstünde in Ost-Jerusalem die palästinensische Metropole, würden viele Israelis das Land verlassen, um den psychischen Schockwellen zu entkommen, hat Zeev Sternhell ausgeführt. Zur Begründung seiner Zweifel an der liberalen Kraft der Zivilgesellschaft verwies der Soziologe Meron Benvenisti, einstiger Stellvertreter Teddy Kolleks (1911 – 2007) und für den arabischen Osten der Stadt zuständig, darauf, dass sich das jüdische Gedächtnis an die Zentralität Jerusalems seit zweitausend Jahren unverändert erhalten hat:
„Die Tatsache, dass in alten Zeiten die Grenzen der Stadt durch religiöse Autoritäten gemäß dem jüdischen Religionsgesetz geändert wurden, während sie heute von säkularen Kräften gezogen werden, konstituiert keinen grundlegenden Wandel. Das moderne Religionsgesetz setzt auf administrative Entscheidungen und dehnt die Grenzen der Stadt gemäß ihrer [von ihm selbst entschiedenen] Heiligkeit aus.“
Wenn der Bräutigam bei der Eheschließung ein Glas unter seinen Füßen zertritt, erinnert er an die Zerstörung des Tempels. Im Herbst 2017 verlangten ultraorthodoxe Kreise, die allein in Jerusalem über 40 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung ausmachen, die Rückkehr zur jiddischen Sprache, weil das Hebräische von religiös abtrünnigen Juden verdorben worden sei.
Wie lange kann ein Land aus der Vergangenheit leben? Die wachsende Zahl der ausländischen Touristen, die ungebremste Reisefreudigkeit der Israelis – ein „Haaretz“-Redakteur zitierte den in Spanien wirkenden und an einer Grabstelle bei Tiberias verehrten Moses Maimonides (Akronym „Rambam“, 1135 – 1204), für den eine Reise aus dem Gelobten Land einer Gotteslästerung gleichkam –, die effizienten Forschungs- und Entwicklungszentren, die Universitäten, der ungestüme Konsum sowie die Massenkultur der Beliebigkeit zählen zu jenen Faktoren, die das Land vor der Selbstghettoisierung bewahren. Sie bleibt jedoch lebendig, wenn ein weitgereister Geschäftsmann uns vom Ölberg aus stolz „Mein Jerusalem“ mit Blick auf den Felsendom zeigt, der das „Noble Heiligtum“ überragt. Die in die Hunderttausende gehende Zahl der Israelis in New York, in Los Angeles oder in Berlin – „eine Art Wanderdünenphänomen“ (Scholem) – hinterlassen bisweilen den Eindruck von Super-Israelis mit allen Schattenseiten der Überkompensation ihres schlechten Gewissens.
Der israelisch-palästinensische Brandherd ist international an den Rand gedrängt oder gar abgeschrieben worden, obwohl von ihm eine Destabilisierung im gesamten Nahen Osten ausgeht. Die ausführlichen Jahresberichte der europäischen „Heads of Missions“ in Jerusalem finden in den Hauptstädten keine hinreichende Aufmerksamkeit. Stattdessen haben sich zum 70. Jahrestag der Gründung Israels deutsche Politiker und solche, die sich zur Verantwortung berufen fühlen, zu Lobeshymnen veranlasst gesehen. Schon ein Jahr zuvor luden die Fraktionen des Bundestages zwei israelische Referenten, aber keinen palästinensischen Gast ein und stellten ihrem Fragenkatalog das Bekenntnis voran:
„Israel ist als jüdischer und demokratischer Staat sowohl aufgrund seiner Geschichte sowie seiner geographischen Gegebenheiten innerhalb der Region in einer besonderen Situation.“
Im Februar 2018 distanzierte sich der Koalitionsvertrag von Union und SPD von der Siedlungspolitik, zu deren auswärtiger Akzeptanz die israelische Exekutive erhebliche Mittel einsetzt, und wiederholte die besondere Verantwortung gegenüber Israel als einen jüdischen und demokratischen Staat. Zwei Monate später würdigten die Fraktionen von Bündnis90/Die Grünen und DIE LINKE Israels demokratische und rechtsstaatliche Strukturen, erinnerten an die Flucht und Vertreibung der 750.000 Palästinenser 1947/48, rügten die Siedlungspolitik, verwahrten sich gegen „Israelfeindschaft“ und bekannten sich zur Existenz und zu den Sicherheitsinteressen Israels als einem zentralen Prinzip der deutschen Politik. Für die Palästinenser blieb nur der Sarkasmus über die Uneinigkeit zwischen der PLO und „Hamas“ sowie „die Unbeweglichkeit und schlechte Regierungsführung“ in Ramallah übrig.
Legislative und Exekutive beharren auf ihren präfixierten Sackgassen. Dabei hatten schon 2008 zwei mit der Arbeit der US-Administration vertraute Autoren der Behauptung widersprochen, die Thematisierung der politischen Asymmetrien bedeute den Abschied von Israel. Vielmehr komme die rücksichtslose Solidarität einem strategischen Eskapismus gleich und könne sich für Israel als lebensgefährlich erweisen. Die „obszönen Schemata der Annexion großer Teile der Westbank oder die Vertreibung von Arabern aus Israel selbst“, mit denen die Nebelschwaden Netanjahus auf die „Kein-Staat-Lösung“ (Roger Cohen) zusteuern, waren höchst verdächtig. Dass pflichtschuldig vorgetragene Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser geht entgegen allen Erfahrungen von der Erwartung aus, mit dem Aufbau ihrer Institutionen sei das Ziel eines Staates Palästina vorgezeichnet.
„Es gab eine Zeit, wo das Wort ‚deutscher Zionismus‘ in der zionistischen Welt einen bestimmten qualitativen Sinn hatte. Es war nicht nur eine geographische Bezeichnung. Die Wortzusammenstellung wird vielen nicht gefallen, sie ist plump und unangemessen, aber es steckt darin ein richtiger Kern“, hat Robert Weltsch (1891 – 1982), Chefredakteur der bis 1939 in Berlin erschienenen Wochenzeitung „Jüdische Rundschau“, herausgegeben von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, in der Rückschau konstatiert: Es ging um Warnungen vor nationaler Selbstgerechtigkeit. Vorwiegend aus dem deutschsprachigen Raum gebürtige Frühzionisten – der in Berlin praktizierende Kinderarzt Siegfried Kanowitz (1900 – 1961) bezeichnete die Einwanderer aufgrund ihrer pazifistischen Gesinnung als „schwierigen Exportartikel“ – kannten am ehesten den ungezähmten Extremismus.
(Courtesy of the Hebrew University in Jerusalem)
Akiva Ernst Simon (1899 – 1988). „In meinem wohlhabenden, gebildeten musikfreudigen Elternhaus [in Berlin] hatte ich vom Judentum nichts gehört, gesehen und erlebt: kein Wort hebräisch, kein Fest (außer Weihnachten!), keine Synagoge, keine Barmizwa. Aber Vater war streng gegen die Taufe: ‚Ein anständiger Mensch verlässt keine belagerte Festung wegen eines Vorteils.“ Guy Miron hat an Simons Satz zur Eröffnung des „Leo Baeck Institut“ in Jerusalem am 31. Mai 1955 erinnert: „Das deutsche Judentum ist ein Toter, der nicht bestattet und beklagt wurde. Es liegt uns ob, diese Pflichten [in Israel] nachzuholen.“ Gershom Scholem hat berichtet, dass er im Gegensatz zu Simon nicht „ganz zum Judentum zurückkehren“ wollte.
1928 erhielt Ernst Simon eine Anstellung als Lehrer und Seminarleiter an der Hebräischen Universität, aus der sich eine Professur für Philosophie und Erziehungswissenschaften ergab. Drei Wochen vor dem Junikrieg 1967 wurde ihm der Staatspreis zugesprochen. Auf seiner Grabplatte in Jerusalem ist dem religiösen Humanisten ein Denkmal als „Lehrer in Israel“ gesetzt worden. Im Geleitwort zu Simons Briefsammlung hat Rabbiner Yehoschua Amir daran erinnert:
„Wer einmal die Inbrunst gehört hat, mit der er in unserer nicht-orthodoxen Synagoge zur Thora aufgerufen, den Segensspruch über die Thora sprach, der wußte, dass Simon den ihm gemäßen Platz im Judentum gefunden hatte. Aber wiederum: so packend er seiner Glaubensgewißheit Glaubensgewißheit in seinen Predigten Ausdruck zu geben wußte, so war ihm jede Gedankenverbindung zwischen Glauben und Macht in tiefster Seele fremd. Fanatisch war er höchstens in seinem bedingungslosen Eintreten für Toleranz.“
Im Gegensatz zu Stefan Heym (1913 – 2001), Fritz Kortner (1892 – 1970), Ernst Deutsch (1890 – 1969), Anna Seghers (1900 – 1983) und Arnold Zweig (1887 – 1968) – er war als einziger nach Palästina ausgewandert – war es für Simon ausgeschlossen, nach Deutschland zurückzukehren. Es blieb bei Visiten.
Wir leben nicht im Elfenbeinturm intellektueller Debatten. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung bedeutet einen Gewinn an Freiheit im Denken und Handeln. 1957 schrieb Weltsch, der nach den Worten der Tel Aviver Historikerin Anita Shapiras einen „dominanten Einfluss“ auf die deutschen Zionisten ausübte, dass „die Erkenntnisse und Erlebnisse, die den deutschen Zionismus geformt haben, auch unter den nun veränderten Verhältnissen wirksam sind. Es wäre eine interessante Aufgabe, unter diesem Gesichtspunkt die Außenpolitik des Staates Israel einer objektiven kritischen Betrachtung – außerhalb der Arena tagespolitischen Streites – zu unterziehen. Zu einer solchen Untersuchung, sagen viele, ist die Zeit nicht reif …“ Ist sie gekommen, gar überfällig? Aus seiner Korrespondentenzeit in Beirut und Jerusalem hat Thomas L. Friedman überliefert, „dass die Wirklichkeit kaum Ähnlichkeit mit den blutleeren, logischen und antiseptischen Darstellungen in den Lehrbüchern hat“. Kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2018 plädierte Sigmar Gabriel für „die offene Debatte … als Zeichen unserer Stärke“.
Vom Blick nach innen erschließen sich in Längs- und Querschnitten Einschätzungen zur intimen Dialektik von Ideologie und Geschichte, so dass neue Achsen für das Urteil erkennbar werden. Denn es fällt auf, dass sich Regierende, Parlamentarier und um Einfluss ringende Honoratioren im westlichen Ausland in innerjüdischen und -israelischen Zusammenhängen, Kontroversen und Aporien hilflos verfangen, während gleichzeitig die historische und politologische Literatur israelischer Autoren vielfach durch interpretatorische Offenheit dem Material gegenüber ausgewiesen ist, wenn es nicht um die Begleiterscheinungen im Vorfeld und im Gründungsjahr 1948 geht; hier werden ideologische Barrieren gegen den Verdacht ins Feld geführt, dass die Legitimität Israels in Zweifel gezogen wird. Vor allem, wenn sie im Ausland arbeiten, ist die Freimütigkeit auch unter arabischen Wissenschaftlern eingezogen. Nach den Epochen der Mantra-artigen Beschuldigungen und Anklagen ist die selbstkritische Befassung mit der arabischen Politik auf dem Vormarsch.
Ben-Gurion hat den Zionismus gern mit dem amerikanischen Traum der Eroberung des Mittleren Westens verglichen. Mag man Donald Trump politische Berechenbarkeit absprechen, so springt bei Netanjahu das Gegenteil ins Auge: ein durchtrainiertes, in sich ruhendes Kalkül mit autistisch-leidenschaftlichen Zügen, die Argumenten kaum zugänglich sind. Dazu hat Bob Woodward aus den Gesprächen mit Ministern und hohen Beamten deren fortwährenden Eindruck geschildert, dass Trumps Improvisation seine große Stärke sei, dass er „mit einem Blick eine Situation oder einen Raum erfassen könne“ und dass er „nicht durch umsichtiges Vorausdenken vom Gleis abgebracht werden“ wolle. Strategisches Denken liege ihm fern. Nur seine Erinnerungsschwäche, die an den vermeintlichen oder tatsächlichen Belastungen des Staatshaushaltes endete, verhinderte unter dem vorsorglichen Einsatz seiner Berater manche schwerwiegenden Entscheidungen oder verwässerten sie, um seiner „krankhafte(n) Unabhängigkeit und Irrationalität“, verstärkt durch die unablässige Aufmerksamkeit für die Fernsehnachrichten besonders in „Fox News“ und die Presseberichte über ihn, einen Riegel vorzuschieben. „Es bringt überhaupt nichts, dem Präsidenten eine durchdachte, substanzielle Vorlage zu erstellen, durchorganisiert und mit Folien versehen. Man weiß ja, dass er sowieso nicht zuhört“, beschwerte sich Trumps demokratischer Wirtschafts- und finanzpolitischer Berater Gary Cohn.
Im Gegensatz dazu ist auf Netanjahus Kurs berechenbarer Verlass: Er spielt weder Vabanque, noch hat er mit dem „Nationalstaatsgesetz“ den „Weg der totalen Dummheit oder der moralischen Einfalt“ (Eric H. Yoffie) eingeschlagen. Da beiden Selbstzweifel fremd sind, ist Israel der „Staat der Trumpisten“ ein moralisches Chaos repräsentieren, genannt worden, beide werden von großen Teilen ihrer Bevölkerung getragen. Indem sie auf der Welle des polulistischen „national interest“ reiten, stehen sie an der Spitze des Zerfalls der liberalen Demokratie, die keinen Relativismus kennt, wie Yascha Mounk für die USA belegt hat. Nationale Souveränität ist ihnen wichtiger als globale Abhängigkeiten. Sehen sie die Welt als Parias? Während das Motto „America first“ auf die Unabhängigkeitserklärung vom 04. Juli 1776 zurückgreift, hat das Jahr 1967 der Formel „Israel alone“ die endgültige Schubkraft verliehen. Mit ihm beginnt das koloniale Projekt, das auf Begründungen und Rücksichtnahmen verzichtet, die aus dem politischen Streit während der britischen Mandatszeit nicht wegzudenken sind.
Das von mir herangezogen Material ist im Allgemeinen in der Ursprungssprache ausgewertet worden. Zitate wurden in der originalen Schreibweise übernommen. Bei hebräischen und arabischen Namen und Begriffen folge ich der dortigen Zitierung, so dass es zu Mehrfachschreibweisen kommen kann.
Sehr zu danken habe ich Margret Greiner, Autorin zu jüdischen, palästinensischen und israelischen Frauen, und ihrem Ehemann Dr. Bernhard Greiner, Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Tübingen, für die liebevolle und kompetente Begleitung sowie Wolfgang Z. Keller (Pehl am Ammersee) für die Durchsicht erster Entwürfe. Der Münchner Fotograf Fritz Mastnak hat mir zu den Aufnahmen aus der Farm von Daoud Nasser und aus „Neve Shalom/Wahat As-Salam“ verholfen, Darlene Dunham (Seattle) hat mir das Foto vom Checkpoint vor Bethlehem überlassen. Dr. Stefan Litt von der Nationalbibliothek der Hebräischen Universität hat zwei Aufnahmen beigesteuert. Dr. Roni Hammermann (Jerusalem), die seit Jahren mit den Frauen von „Machsom Watch“ das Verhalten israelischer Soldaten gegenüber Palästinensern an den „Checkpoints“ beobachtet, hat mir bei der Suche nach Materialien zu Magnes geholfen. Georg Nacke (Blaichach) macht mich seit langem auf interessante Beiträge aufmerksam. Jochi Weil (Zürich) hat mich auf das „Eidgenössische Department für auswärtige Angelegenheiten“ zugunsten der „Genfer Initiative“ aufmerksam gemacht. Mein großer Dank gilt Privatdozent Dr. Thomas Meyer (München/Berlin) als vorzüglichem Kenner der jüdischen Philosophie, Dr. Tilman Spengler, Mitglied im Pen-Zentrum Deutschland (Ambach am Starnberger See), für seine Begleitung sowie Anja Neiss-Regnier (München) für sachdienliche Hinweise.
Mein besonderer Gruß für das Geleitwort geht an Prof. Dr. Moshe Zimmermann, bis zu seiner Emeritierung 2012 Direktor des „Richard Koebner Minerva Center for German History“ an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Ohne die Ermutigungen und Hilfen meiner in Jerusalem geborenen Frau Judith Bernstein sowie unserer Töchter Sharon Blumenthal mit Ehemann Eric und ihren Kindern Talja und Edna (Köln) sowie Shelly Steinberg (Tel Aviv) wäre das Buch nicht entstanden.
Als Plädoyer in der nahöstlichen Debattenkultur fühle ich mich als Begleiter und Autor jenen Menschen auf beiden Seiten der Konfliktlinien verbunden, die sich unter erheblichen persönlichen Beeinträchtigungen für den politischen Ausgleich nach innen und außen einsetzen. Statt den Anschein von wissenschaftlicher Ojektivität vorzuspiegeln, geht es mir um die Aufmerksamkeit für geradezu zwingende Kontinuitäten aus theoretischen und politischen Narrativen sowie aus biographischen Determinanten. Ihre Details konstituieren die große Agendafülle, hinter der sich Völker verschanzen, zu ihren Gefangenen werden und Klischees produzieren, hat David Grossman ausgeführt. John Kerry hat seiner politischen Autobiographie „Every Day Is Extra“ die Anmerkung vorausgeschickt, dass sie „eine Haltung gegenüber dem Leben“ sei. Auch wenn mich die Interaktionen zwischen Theologie und Politik seit langem beschäftigen, war ich erstaunt, in welcher Fülle die öffentlichen Debatten in Israel auf biblischen Quellen zurückgreifen, welche die Doppelidentität von Religion und Nation bestätigen und dem einstigen Schmelztigel-Ideakl ein Ende bereiten sollen. Der Koran hat nichts vergleichbares aufzuweisen.
1 Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzten den Vers in Num. 23,9 so: „Da, ein Volk, einsam wohnt es, unter die Erdstämme rechnet sich’s nicht“. Der Historiker Amos Funkenstein (1937 – 1995) hat auf die tägliche Danksagung in der Liturgie aufmerksam gemacht, dass der Schöpfer „uns nicht gleich den Völkern der Länder erschaffen und uns nicht den anderen Geschlechtern der Erde gleichgestaltet hat“.
2 Antwort des Auswärtigen Amtes auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Kerstin Müller (Köln), Marieluise Beck (Bremen), Agnes Brugger u.a. und der Fraktion Bündnis90/Die Grünen vom 13. Mai 2013. BT-Drucksache Nr. 17-13339 vom 29.04.2013.
3 Deut. 30,4-5. Dazu Jer. 31,7-8: „Denn so spricht der Herr: Jauchzet Jakob zu und brecht in Jubel aus über das erste der Völker! Tut es laut unter Lobgesang kund: Der Herr hat Sein Volk gerettet, den Rest Israels! Ja, Ich bringe sie herbei aus dem Lande im Norden und hole sie zusammen aus den Winkeln der Erde.“
4 Ex. 3,7-9.
5 Israels Knesset verabschiedete am 19. Juli 2018 das „Nationalstaatsgesetz für das jüdische Volk“ mit 62 gegen 55 Stimmen.
1. Grundprinzipien
Das Land Israel ist die historische Heimat des jüdischen Volkes, die der Staat Israel geschaffen hat. Der Staat Israel ist die nationale Heimat des jüdischen Volkes, in dem es sein natürliches, kulturelles, religiöses und historisches Recht auf Selbstbestimmung erfüllt. Das Recht, die nationale Selbstbestimmung im Staat Israel zu erfüllen, ist allein dem jüdischen Volk vorbehalten („is unique to the Jewish people“).
2. Symbole des Staates
Der Name des Staates ist „Israel“.
Die Staatsflagge ist weiß mit zwei blauen Streifen an den Seiten und einem blauen Davidsstern in der Mitte. Das Staatsemblem ist ein siebenarmiger Leuchter mit Olivenblättern auf beiden Seiten und dem Wort „Israel“ darunter. Die Staatshymne ist „Die Hoffnung“ („Ha-Tiqva“). Details bezüglich der Staatssymbole wird ein Gesetz regeln.
3. Hauptstadt des Staates
Jerusalem in Gänze und vereinigt ist die Hauptstadt Israels.
4. Sprache
Die Sprache des Staates ist Hebräisch. Die arabische Sprache hat einen speziellen Status im Staat. Regulierungen zum Gebrauch des Arabischen in staatlichen Einrichtungen oder durch sie wird ein Gesetz regeln. Diese Klausel beeinträchtigt nicht den Status, der der arabischen Sprache gegeben wurde, bevor dieses Gesetz in Kraft trat.
5. Einsammlung der Zerstreuten
Der Staat steht der jüdischen Einwanderung und der Einsammlung der Zerstreuten offen.
6. Bindungen an das jüdische Volk
Der Staat will sich bemühen, die Angehörigen des jüdischen Volkes abzusichern, die in Schwierigkeiten oder gefangen sind, [und zwar] aufgrund der Tatsache ihrer Zugehörigkeit zum Judentum („Jewishness“) oder ihrer Staatsbürgerschaft. Der Staat handelt in der Diaspora, um die Bindungen („affinity“) zwischen dem Staat und den Angehörigen des jüdischen Volkes zu stärken. Der Staat wird tätig, um das kulturelle, historische und religiöse Erbe des jüdischen Volkes in der Diaspora zu stärken.
7. Jüdische Ansiedlung
Der Staat betrachtet die Entwicklung der jüdischen Ansiedlung („settlement“) als einen nationalen Wert und wird tätig, um ihre Schaffung und ihre Konsolidierung zu ermutigen und zu fördern.
8. Offizieller Kalender
Der hebräische Kalender ist der offizielle Kalender des Staates, daneben wird der Gregorianische Kalender als ein offizieller Kalender verwendet. Der Gebrauch des jüdischen Kalenders und des Gregorianischen Kalenders wird ein Gesetz regeln.
9. Unabhängigkeitstag und Tage des Gedenkens
Der Unabhängigkeitstag ist der offizielle nationale Feiertag des Staates. Der Tag des Erinnerns an die Gefallenen in Israels Kriegen sowie der Tag des Gedenkens an den Holocaust und an das Heldentum („Holocaust und Heroism Remembrance Day“) sind die offiziellen Gedenktage des Staates.
10. Ruhetag und Shabbat
Der Shabbat und der Feierlichkeiten Israels sind die Ruhetage im Staat; Nichtjuden haben das Recht, ihren Shabbat und ihre Feierlichkeiten als Ruhetage zu pflegen. Details in diesen Angelegenheiten wird ein Gesetz regeln.
11. Unveränderlichkeit
Das Grundgesetz darf nicht ergänzt werden, bis ein anderes Grundgesetz von der Mehrheit der Mitglieder der Knesset verabschiedet ist.
6 Absolvent der Princeton University, Promotion über Ostasien an der „Rutgers University“, Rückkehrer zur Religion („Ba’al T’shuvá“), Anhänger Meir Kahanes, Mitglied der staatlichen Bildungskommission, Gründer des „Shalem Center“ zur Förderung von biblischen, talmudischen und mittelalterlich-jüdischen Studien sowie Präsident des „Herzl Institute“ in Jerusalem. Sein jüngstes Buch „The Virtue of Nationalism“ (New York 2018) hat er den „Mitgliedern meines Stammes“ gewidmet.
7 2. Sam. 7,23.
8 Ex. 20,3: „Du sollst keine anderen Götter haben als Mich.“
9 Zum Bundesschluss zwischen Gott und den Israeliten sowie zur wiederholten Verheißung des Landes Gen. 12,7; Gen. 17; Gen. 26,2; Gen. 28,13.
10 Gen. 27,39f.
11 Jes. 1,27.
12 Klammer im Original.
13 1. Könige 19,9ff.
14 Psalm 29,11.
15 Mein Interview mit Uriel Simon in den Anlagen.
16 Martin Bauschke hat für die Nennung Moses‘ 36 Stellen in den 114 Suren und für Abraham 25 Stellen gezählt.
