Wie die Sprache uns einwickelt - Eduard Edelmann - E-Book

Wie die Sprache uns einwickelt E-Book

Eduard Edelmann

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Beschreibung

Vor 600 Jahren beschloss das Konstanzer Konzil, Jan Hus sei als Häretiker hinzurichten. Er wurde vor den Toren der Stadt verbrannt. Hus hatte seinen göttlichen Auftrag aus der Bibel abgeleitet, dem Wort seines Herrn. Ebenso wie hundert Jahre später Martin Luther, dessen Ketzerdasein jedoch mit einem natürlichen Tod endete. Gottes widerspruchsvoll offenbartes Bibelwort hat weder die Kirchenoberen zum Dienst am Nächsten erzogen, noch in den Hussitenkriegen der Feindesliebe ein Zeichen gesetzt, noch Luther den Aufruf, den Juden die Synagogen anzuzünden, verboten. Ein heutiger Philosoph, der sich zwar nicht mehr als Knecht der Theologie fühlen mag, rührt trotzdem mit überkommenen Denkwerkzeugen im wortreichen Gedankenbrei seiner Kollegen, um ihnen später ein eigenes doktrinäres Gebäude entgegenzusetzen. Die Autorität Gottes wird vom Einen durch die Logik ersetzt. Der Andere hat sich - zurück zu den Wurzeln! - für seinen öffentlichen Auftritt eine eigene Kasperlepuppe des heiligen Sokrates gebastelt. Und feinsinnige Sprachanalytiker können immer noch keine überzeugenden Ergebnisse vorweisen. Da ist es doch eine verlockende Aufgabe, in landläufiger Sprache über Sprache zu sprechen!

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

Vor 600 Jahren beschloss das Konstanzer Konzil, Jan Hus sei als Häretiker hinzurichten. Er wurde vor den Toren der Stadt verbrannt.

Hus hatte seinen göttlichen Auftrag aus der Bibel abgeleitet, dem Wort seines Herrn. Ebenso wie hundert Jahre später Martin Luther, dessen Ketzerdasein jedoch mit einem natürlichen Tod endete.

Gottes widerspruchsvoll offenbartes Bibelwort hat weder die Kirchenoberen zum Dienst am Nächsten erzogen, noch in den Hussitenkriegen der Feindesliebe ein Zeichen gesetzt, noch Luther den Aufruf, den Juden die Synagogen anzuzünden, verboten.

Ein heutiger Philosoph, der sich zwar nicht mehr als Knecht der Theologie fühlen mag, rührt trotzdem mit überkommenen Denkwerkzeugen im wortreichen Gedankenbrei seiner Kollegen, um ihnen später ein eigenes doktrinäres Gebäude entgegenzusetzen.

Die Autorität Gottes wird vom Einen durch die der Logik ersetzt. Der Andere hat sich - zurück zu den Wurzeln! - für seinen öffentlichen Auftritt eine eigene Kasperlepuppe des heiligen Sokrates gebastelt. Und feinsinnige Sprachanalytiker können immer noch keine überzeugenden Ergebnisse vorweisen.

Da ist es doch eine verlockende Aufgabe, in landläufiger Sprache über Sprache zu sprechen!

Der Autor

ist nur wenige hundert Meter von der Richtstätte des Jan Hus entfernt geboren, in Konstanz aufgewachsen, hat in Freiburg im Breisgau an der Universität und der Pädagogischen Hochschule natur-und geisteswissenschaftliche Fächer studiert und war Lehrer an Grund- und Hauptschulen in Baden-Württemberg.

Inhalt

AA Im Sprachnebel

AB Am Anfang war das Wort?

AC Die Verwirrungen des jungen Sprachlerners

AD Stecknadeln im Heuhaufen: Grundwörter

AE Unterschiedliches zum Unterschied

AF Erkenntnisfragen und Einladung in ein nationales Sprachbad

AG Propheten und Ketzer einer neuen Zeit

AH Sprachentwicklungs-Rundumschlag

AI Systematische Verwirrer und verwirrende Systematiker

AJ Verkehrsampeln, Sonnen, Gottesknechte und Selbstdenker

AK Unter dem Apfelbaum

AL Mein Sprachschaf wird nie erwachsen

AM Mit Blindheit geschlagen, von Gehirnwäsche bedroht

AN Ist die Logik vom Himmel gefallen?

AO Kleine und etwas größere Zahlen

AP Der Sprung ins Unendliche

AQ Vom Zählen zum Beten

AR Der Kammerton und andere Ideen

AS Zukunftsfrust und Zukunftslust

AT Die Struktur von Kapitel AS

AU Ein Gespräch mit der Sprache

AV Sprachgefuchtel und bedingungslose Kommunikation

AW Sind Sie ein Gegenstand?

AX Wo fängt das Ich an?

AY Die mythoreligiosophische Seelenchimäre

AZ Keine Macht den Sprachreglern!

BA Die Philosophie am Gängelband logischer Prediger

BB Ausblick

BC Zusätzliche Literatur

BD Personenregister

AA Im Sprachnebel

AA 01 Kurz nach meiner Erzeugung war ich keines einzigen Wortes mächtig. Inzwischen kann ich meine Sprache dazu benützen, bei meinen Mitmenschen etwas zu bewirken: Es kommt z. B. vor, dass mir jemand am Kaffeetisch den Zucker reicht, wenn ich darum gebeten hatte. Als Kommunikationsmittel für einfache Fälle scheint meine Sprache also ganz gut geeignet zu sein.

AA 02 Noch ein paar Beispiele, wie jemand durch geschickten Einsatz der Sprache beim Angesprochenen etwas erreichen kann: Propagandaminister und Werbefachleute studieren ihre Mitmenschen, um sie ihren Worten gefügig zu machen. Wenn der eine den totalen Krieg anpreist, der andere den geilen Ottkar, brandet oft fanatisches Beifallsgeschrei blindgläubiger Befürworter der angebotenen Produkte auf. Der eine Jubler findet sich dann bald überglücklich im Schützengraben wieder, der andere, ich weiß nicht, wo.

AA 03 Ich überfordere Sie vermutlich nicht, wenn ich Sie nun bitte, die übernächste Zahl der Folge 13, 26, 39, 52, 65 ... zu überlegen.

AA 04 Hinweise: Haben Sie bemerkt, dass es „übernächste Zahl“ hieß? Sehen Sie, dass es hier um die etwas schwierigere 13er-Reihe geht? Was ist also 65 plus 13, plus noch einmal 13?

AA 05 Haben Sie eine Lösung gefunden? Vielleicht ist ja Ihre Lösung, die Sie für richtig halten, falsch? Wurden Sie durch die Frage motiviert oder eher durch die Vorstellung, schneller als ein anderer hypothetischer Leser zu sein? Haben Sie die Lösung umgehend und fast unbewusst ausgerechnet, jeden Hinweis selbstbewusst ignorierend?

AA 06 Ganz gleich, wie Sie zu einem Ergebnis gekommen sind, meine sprachliche Aufforderung hat ihre Denkaktionen ausgelöst, Sie waren persönlich gerade ein weiteres Beispiel dafür, dass man durch Spracheinsatz beim Angesprochenen etwas erreichen kann. Ich bedanke mich für Ihre Kooperationsbereitschaft, die ich aber nur zu Demonstrationszwecken ausnützen wollte.

AA 07 Wer die Aufgabe im Halbschlaf gelesen hat, dem wünsche ich einen erholsamen Ganzschlaf.

AA 08 Auch die Haltung eines Lesers, der mein versprachlichtes Ansinnen spontan abgelehnt hat, wäre bemerkenswert: Ist er als eingefleischter Trotzkopf eher selten einmal zur Mitarbeit bereit? Oder würde er auch einem sogenannten charismatischen Führer gegenüber nie auf eigenes Denken verzichten?

AA 09 Kein Problem scheint es, sprachliche Lücken zu schließen: Wenn Sie im „geilen Ottkar“ sofort ein Anagramm zum „totalen Krieg“ erkannt haben, können Sie zum nächsten Absatz springen. Wenn Sie nicht wissen, was ein Anagramm ist, können Sie das aus dem Beispiel vermuten, irgendwo nachschauen oder die Angelegenheit auf sich beruhen lassen.

AA 10 Einerseits ist es schade, dass meine hier schriftlich und auf Vorrat fixierte Sprache kein unmittelbares Feedback bei Ihnen findet, andererseits kann ich so eine Zeitlang ungestört meine Gedanken über Sprache fortentwickeln.

AA 11 Es gibt Probleme, zu deren Lösung das Denken die Sprache nicht braucht. Beim einsamen Denken über Sprache stelle ich jedoch schnell fest, dass mein Denken auf meiner Sprache aufbaut, ganz unabhängig davon, ob ich vorhabe, das schriftliche Endprodukt für mich zu behalten oder unters Volk zu bringen.

AA 12 Ich beginne Sätze, überlege ihre Fortsetzung und Vollendung, verwerfe ein Wort, verwerfe den ganzen Satz, beginne wieder von vorn usw. Was ich gerade über Sätze sagte, gilt ganz entsprechend auch für Abschnitte, Kapitel, den ganzen Text. Mein Denken und meine Sprache gehen hier ständig Hand in Hand.

AA 13 Ist das aber meine Sprache? Ich habe doch nur zwangsläufig mit diesem Konstrukt zu tun bekommen! Es war doch längst da, als ich auf die Welt kam! Sind das meine Gedanken? Die meisten Gedanken werden doch für mich selbst erst greifbar, wenn ich versuche, sie in die tradierten sperrigen Worthülsen zu zwängen, ein unzulängliches Gestammel, das nicht ich erfunden habe, das den Muff von tausend Jahren ausströmt und das meiner Gedanken freien Flug verhindert, wie Nebel die freie Sicht.

AA 14 Wie kann ich nur heute die Sprache, in die ich wie in eine alternativlose Zwangsjacke hinein-gezwängt wurde, als meine Sprache bezeichnen? Diese Sprache, die den Wortmüll von Generationen mit sich herumschleppt und sich jedem neumodischen Sprachschrott hirnlos öffnet?

AA 15 Wie kann man mit undurchsichtigen Worten als Hilfsmittel einen klaren Gedanken fassen? Was lichtet das Denken, wenn man schemenhafte Gedanken nur so ungefähr in nebelhafte Sprache fassen kann? Welcher Lügenbaron will behaupten, er könne sich am eigenen Sprachschopf aus dem Sprachnebel ans Licht der Evidenz ziehen?

AA 16 Es wird nur ein flügellahmes Hirnprodukt sein, was der Kritzler unausgegorener Wörter aufs Papier würgt. Ein seichtes Gewäsch, was sich der selbstverliebte Vielschreiber druckwarm entrinnen lässt. Parfümierte Worthäufchen, die der, der dem Zeitgeschmack schmeichelt, zahlenden Lesern zwischen die Buchdeckel drückt.

AA 17 Ich sage gar nichts mehr! Ich verweigere die Sprache! Jedes Wort wäre ein Zugeständnis an die vorgefundene übermächtige Sprache und würde sie zur Hintertür wieder hereinlassen. Ich bin kein Opportunist, der mit den Schwätzern heult!

Anmerkungen zu Kapitel AA

AA 11.1 Im sprachlosen Halbschlaf träumte etwa der deutsche Chemiker August Kekulé (1829 - 1896), wie eine sich windende Kette von Atomen einen Ring bildete, und kam so auf die Struktur des Benzolmoleküls.

AA 11.2 Übrigens: Wenn die Kennzeichnung am Anfang eines Abschnittes unterstrichen ist, folgen weiter hinten eine oder mehrere Anmerkungen zu diesem Abschnitt. Was Sie gerade lesen, ist die Anmerkung 2 zum Abschnitt AA 11 des Kapitels AA.

AA 11.3 Sprache und Schrift gehen linear vor, die Welt ist jedoch voller Querverbindungen. Wenn die Sprache Welt vermitteln soll, kommt sie ohne Querverweise nicht aus; deswegen zeitweilig das dichte Gestrüpp der Anmerkungen, das Sie zunächst ja einfach mal umgehen können.

AA 11.4 Der Rückwärtspfeil gleich hier drunter soll Sie wieder ans Ende von AA 11 bringen.

AA 16.1 Wer dem schwammigen „Ungefähr“, dem eitlen „Ich“ oder dem angesagten „Man“ nach dem Maul redet, weiß bald nicht mehr, was er selbst eigentlich denkt.

AB Am Anfang war das Wort?

AB 01 Sich Schaum vor den Mund reden und dann verbissen die Lippen zusammenpressen! Auch wenn du es schaffst, ein paar Tage den Mund zu halten, ich, deine Sprache, bin durch eine andere Hintertür längst wieder da: Ich rede einfach in deinem Kopf mit dir weiter!

AB 02 Du hast doch selbst schon zugegeben, dass ein einfaches gesprochenes Sätzchen deinen Kaffee angenehm versüßen kann. Das war doch schon in deiner Kindheit so: Jede erfüllte Bitte hat dein Vertrauen in mich, die Sprache, gefestigt.

AB 03 Zugewandte Menschen haben dir einst die erste Heimat und damit auch die erste Sprachheimat gegeben. Ich bin keine Zwangsjacke, in die dich diese, doch wohl weitgehend wohlmeinenden, Leute stecken wollten.

AB 04 Ich diktiere dir nicht, was du sagen sollst, ich lasse dir die Freiheit, auch das Gegenteil zu behaupten. Hatte ich etwas dagegen, als du in der Kunst des Lügens schon früh schnelle Fortschritte darin zeigtest, mich flexibel anzuwenden? Dass Lügen kurze Beine haben, ist zwar auf meinem Mist gewachsen, aber persönlich erfunden habe ich den Satz nicht.

AB 05 Außerdem möchte ich betonen: Am Anfang war nicht das Wort! Da wäre ich zu hoch eingeschätzt. Für den Neugeborenen ist emotionale Geborgenheit wichtiger als ein Sprachbad, und menschliche Nähe kann dem mit Liebe erwarteten Gemeinschaftswesen durchaus auch wortlos übermittelt werden.

AB 06 Ich gebe zu, dass im Innern unseres gemeinsamen Sprachlands Nebel herrschen mag, aber Zonen dichten Nebels wechseln mit solchen freierer Sicht ab. Im Unterschied zu Münchhausen, der zu den Haaren greifen musste, weil sich ihm und seinem Pferd der schaurige Morast nicht einmal mählich gründete, stehst du auf dem Boden vorsprachlicher Tatsachen, auf denen die Sprache letzten Endes beruht.

AB 07 Die Erfinder und Zünder von Sprachnebelkerzen haben natürlich eine lange Tradition, aber du kannst jeden ihrer überlebenden Epigonen auch heute noch bei seinen Worten nehmen. Er kann sich nicht auf ein ehrwürdiges Alter seiner versprach-lichten Weltsicht und deren ständige Aktualisierung berufen. Ob er in gutem oder bösem Glauben seine Meinungen vertritt, er muss Rede und Antwort stehen können, was seine Sprachsachen angeht, die er aus seiner Sicht der Tatsachen abgeleitet hat.

AB 08 Auch im Nebel stehst du also auf sicherem Untergrund. Die Luft kann dir nicht ausgehen, du musst dich vorsichtig, kannst dich aber selbstbestimmt durchs Sprachland bewegen.

AB 09 Und an der Grenze? Auch dort werde ich nicht der wortklauberische Wächter sein, der dir „Du musst schweigen!“ zuruft, weil es ja einen Schritt weiter nichts mehr gäbe, wovon man reden kann. Die Grenze ist keine Linie, sondern ein Grenzgebiet, das mit noch namenlosen Begriffen schwanger geht. Ständig keimen in irgendwelchen Menschengruppen Ahnungen von bisher unbekannten Dingen auf, die auf einen Namengeber warten.

AB 10 Solange es Menschen gibt, wird kein Stein jemals mein Grenzstein sein. Eigennützige Lügen werden nach wie vor formuliert werden können, aber vielleicht schafft es eine überwiegend selbstbewusste und kreative Menschheit, die sich nicht durch Sprachpedanten einschränken und gleichschalten lässt, mich so weiterzuentwickeln, dass Verlogenheit von jedem nachdenklichen Sprachbenutzer schneller enttarnt werden kann.

AB 11 Manchmal kann ich aber den zunächst wunderlichen Ideen akribischer Sprachpedanten auch etwas abgewinnen, weil sie zum Nachdenken anregen. Im folgenden Text seien der belgische Künstler und der kritische Kleriker als pingelige Haarspalter entschuldigt. Modernen Märchenerzählern sollte man aber auch mal bewusst auf die Worte schauen.

AB 13 Ich, die Sprache, war zwar nicht am Anfang dabei, bin aber noch nicht am Ende! Ich verspreche dir eine interessante Entwicklung. Nimm daran teil und höre auf, den Mundtoten zu spielen. Eine Rolle übrigens, in der es dir schwerfallen wird, mündig zu werden.

Anmerkungen zu Kapitel AB

AB 11.1 Sehr genau malte der belgische Maler René Magritte (1898 - 1967) z. B. eine Pfeife, schrieb aber darunter, dass es keine Pfeife sei - es ist ja auch nur das Bild einer Pfeife!

AB 11.2 Der akribische Kleriker Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774 - 1860) war die rechte Hand des letzten Konstanzer Fürstbischofs Carl Theodor von Dalberg, zeichnete sich durch selbständiges und aufgeklärtes Denken aus und war beim damaligen Papst (damit zusammenhängend) nicht sonderlich beliebt. Während die meisten anderen ehrenfesten Domherren höchstpersönlich in ihren Gräbern liegen, behauptete er das nur von seinen körperlichen Überresten.

AB 11.3 Hinter dem modernen Märchenerzähler steckt der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry (1900 - 1944), von dem „Der kleine Prinz“ (etwa bei Rauch, Düsseldorf) stammt, wo der Autor als Bruchpilot wenig zeichnerisches Talent zeigt.

AB 12.1 Albrecht Dürer (1471 - 1528), deutscher Maler und Geometer

AB 12.2 Agnes Dürer, Albrecht Dürers Frau, war auch als Kunsthändlerin tätig.

AC Die Verwirrungen des jungen Sprachlerners

AC 01 Soweit meine innere Stimme! Infam, wie sie mich mit sprachlichem Heimatgefühl umnebelt, mich wohlig in der Watte sentimentaler Kindheitserinnerungen versinken lässt.

AC 02 Ihre Argumente sind aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Sie wurden von ihr auch überraschend undogmatisch vorgetragen. Sollten meine Ressentiments gegen die Sprache nicht so sehr von ihr selbst, sondern von manchen ihrer Verwender herrühren?

AC 03 Vielleicht vom abgehobenen Denker, der sich in seinem Wolkenkuckucksheim über die Gefühlsseligkeit eines bodenständigen Heimatverfechters vor Lachen ausschüttet - ein abstrakt feinsinniges Lachen zwar und, wie er behauptet, ganz dünkel- und auch wertfrei?

AC 04 Oder wird die Sprache von machtgeilen Oberschwätzern verhunzt, die ihre versteckten Ängste in den Griff bekommen wollen, indem sie verzagte Genossen suchen, die als umherschweifende Sinnsucher zuerst in die unverdauten Halbwahrheiten des Gröschwaz hineintreten und dann als unterwürfige Jasager kleben bleiben?

AC 05 Wird sie von Leuten missbraucht, die sich mit Schutzstaffelemblemen runifizieren - aber wenig bis nichts über die Herkunft dieser zackigen Zeichen wissen? Wird sie von Sekundäraposteln zurechtgelogen, die missionarisch verkünden, außerhalb ihres Glaubensgebäudes sei kein Heil - und Andersredenden ein reinigendes Feuerchen entfachen? Wird sie von pseudowissenschaftlichen Funktionären vergewaltigt, die das Paradies auf Erden versprechen - doch im sibirischen Teil dieses Paradieses eine eisige Hölle für Widerspenstige bereithalten?

AC 06 Nur ein neueres Beispiel für widersprüchlichen Sprachgebrauch, das nicht erst in tieferen Schichten der Gotteskunde, für Laien unverständlich, unter Fachleuten diskutiert werden kann: Aus welchen Voraussetzungen schließt Uwe Scharfenecker, ein Doktor der katholischen Theologie, auf seine Wahrheit, dass der Teufel keine Person sei?

AC 07 Joseph Ratzinger, ebenfalls Doktor der katholischen Theologie und ehemals Papst, unterschreibt die gegenteilige Wahrheit, dass der Teufel nämlich eine Person sei. Können zwei widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig wahr sein?

AC 08 Wie kann man nur in einer so wichtigen Frage so unterschiedlicher Meinung sein? Oder wird von langjährig ausgebildeten Theologen der Personbegriff nicht mehr so ernst genommen? Ein Gott in drei Personen - na und? Der eine Mensch eine Person, der andere eine Unperson - na und?

AC 09 Der christliche Teufel, der sich auf die Bibel berufen kann, ist im Abendland groß geworden. Geschlechtsreif wurde er vor mehr als 500 Jahren, lag beim Verkehr mit unsereinem mal oben, mal unten, sehr zum Nachteil der jeweiligen Konkubinen und Konkubisten, wenn es bekannt wurde bzw. unter Folter bekannt wurde. Heute führt der Teufel eher ein Schattendasein, was möglicherweise beim rangniedrigeren Kleriker eine volksverträglichere, relativierende Äußerung ausgelöst hat.

AC 10 Sprache! Mich vor Verbissenheit zu warnen! Aber es ist schon was dran: Verkrampftes Denken und verbohrte Gefühle sind oft gekoppelt, allerdings in Gegnerschaft. Das Denken hält sich für den dominanten Part und versucht mitleidlos, das Gefühl zu knebeln. Aber ganz gleich, wer gewinnt:

Ich bin das Schlachtfeld! Gewinnt das verbogene Gefühl, bleibt mir das schlechte Gewissen, gewinnt das verbissene Denken, trifft mich die Rache aus der Tiefe meines Fühlens.

AC 11 Gelassenes Denken und entspannte Gefühle geraten dagegen wohl selten in Widerspruch zueinander. Vielleicht versuche ich doch noch, auch positive Gedanken über Sprache in mir aufsteigen zu lassen und meinem Spracherwerb ein wenig nachzuspüren:

AC 12 Bereits in frühkindlicher Zeit fing ich an, mich im alemannisch gefärbten Nachkriegsdeutsch, das meine Umgebung benützte, häuslich einzurichten. Dessen Wortschatz versuchte ich mir voll kindlicher Lernlust, doch weitgehend unreflektiert, anzueignen, mit kreativen Ausrutschern, die von wohlmeinenden Erwachsenen amüsiert belächelt wurden.

AC 13 Gläubig wurden von mir auch Begriffe wie „Knecht Ruprecht“, „Gott Heiliger Geist“ oder der bayrisch freistaatliche „Wolpertinger“ aufgenommen, in der kindlichen Vorstellung, dass mir noch nicht bekannte, jedoch reale Wesen zu diesen Begriffen geführt hatten. Mit dem Ruprecht hatte ich sogar persönlichen Kontakt - oder war es nur ein Leiharbeiter, der seinen Körper einem Phantom zur Verfügung gestellt hatte?

AC 14 Zu Wörtern wurden auch Gefühle mitgeliefert. So war etwa vom Gesicht meiner eigentlich äußerst gutmütigen Großmutter bei der Verwendung des Wortes „Sozi“ deutlich erkennbar Abscheu abzulesen. Ich nahm allerdings schon damals bald an, sie hätte für den Papst seitenverkehrt auch das Wort „Oberpfaffe“ abschätzig benützt, wenn sie in einem ganz anderen Umfeld erwachsen geworden wäre.

Eine Begründung oder Nische für ihre Gutmütigkeit hätte sie sich aber in jeder Ideologie zurechtgelegt. Mir kam also ihre Mitmenschlichkeit besser entwickelt vor als ihre Reflexionsfähigkeit.

AC 15 Oder es wurde von einer anderen konservativen Bezugsperson bei der Erwähnung des Philosophen Ludwig Feuerbach das Wort „Vulgärmaterialismus“ förmlich ausgespuckt.

AC 16 Über den Wortschatz hinaus habe ich genauso bereitwillig und unkritisch die Regeln übernommen, wie man aus Wörtern Sätze zusammenbaut und diese zu einem sinnvollen Text verbindet.

AC 17 Diese Bereitwilligkeit, sich in der Sprache zu üben, wurde später oft beeinträchtigt durch die lästige Pflicht, Aufsätze schreiben zu müssen: Ein vorgegebenes Thema war nach vorgegebenem Schema abzuhandeln.

AC 18 Dagegen blieben Diskussionen mit Freunden und Erwachsenen beliebte Wettbewerbe im Argumentieren, eine Methode der Standortbestimmung und der Selbstversicherung. Dass ich dabei etwas lernte, war nicht meine Absicht, ergab sich aber nebenbei.

AC 19 So entwickelte sich meine Vorstellung von der Sprache als eines Instruments, das für Alltagszwecke durchaus brauchbar ist, z. B. für die Mitteilung, dass draußen gerade die Sonne scheint.

AC 20 Verwirrend war aber, dass sich Befürworter und Gegner von Kapitalismus, Kommunismus, Sozialismus, Thomismus, Atomismus usw. deutlich schwerer taten, in einer Diskussion auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Das schlagende Argument der einen Seite wurde auf der anderen oft als leeres Wortgeklingel abgetan.

AC 21 Oder wurde die Sprache hier von beiden Seiten nur in der Absicht benützt, eine Konfrontation zuzuspitzen?

AC 22 Wenn aber der gute Wille bestand, eine Streitfrage zu klären, lag dann der übliche Misserfolg an der nur halb bewusst gewordenen Vieldeutigkeit der Sprache? War man an der versteckten Unbestimmtheit der Wörter gescheitert? Ist die Diskussion in einem Gerede über Definitionen stecken geblieben?

AC 23 Was ist nicht alles z. B. über das kurze Sätzchen „Ich denke, also bin ich“ geschrieben worden. Der Satz ist eine Hydra: Die Wörter sind ihre Köpfe, wobei ich mich nicht festlegen will, welches Wort den unsterblichen Kopf bedeuten soll:

Das eine „ich“, das andere „ich“ oder eins der drei restlichen Wörter. Einen Kopf abzuschlagen, bedeutet, ein Wort zu erklären, wobei dann aber gleich, o Schreck, neue erklärungsbedürftige Wörter benützt werden müssen.

AC 24 Tausend Deuter, was noch wenig ist, fühlen sich dazu berufen, den Satz mit je tausend Wörtern, was noch wenig ist, zu erklären. Wenn man die sekundären, tertiären und quartären Interpretationen einschließlich des offensichtlichen Senfs dazu berücksichtigt, haben sich die schillernden Wörter „ich“, „denke“, „also“ und „bin“ in Millionen neue, noch schwammigere sprachliche Elemente vervielfacht, aus denen vermutlich zum Teil gegensätzliche Auffassungen ersichtlich werden.

AC 25 Was mich jedoch nicht hindern wird, mir in späteren Kapiteln einen kurzen Druck auf meine eigene Senftube zu gönnen.

AC 26 Nach Ansätzen in alter Zeit wird es in neuerer Zeit verstärkt als wünschenswert erkannt, die Sprache und ihre Unklarheiten in die Untersuchungen mit einzubeziehen.

AC 27 Aber noch einmal: Wie kann man mit vieldeutigen Begriffen als Hilfsmittel die Sprache erklären?

AC 28 Gibt es wenigstens eine Handvoll Wörter, die etwas so umweglos benennen, dass eine ausführlichere Beschreibung überflüssig ist? Eine Sprachsache, die eine Tatsache direkt und ohne Schnörkel trifft? Archimedische Sprachpunkte, von denen aus Sprachpfade angelegt werden können, denen jeder auch ohne wissenschaftliche Überlebensausrüstung folgen kann?

Anmerkungen zu Kapitel AC

AC 05.1 Ein kleines katholisches Paradies auf Erden kenne ich jedoch in Berlin, würde Sie aber gern auf dem Weg ins zweite Untergeschoss der Anmerkungen abschütteln.

AC 06.1 Das war zu lesen in einem Artikel des Schwarzwälder Boten vom 24.03.2012, in dem es um Teufelsaustreibungen ging.

AC 06.2 Uwe Scharfenecker (*1964) ist ein deutscher Theologe, der an führender Stelle für die Ausbildung pastoraler Berufe in der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig ist oder war.

AC 07.1 Joseph Ratzinger (*1927) ist als Papst der katholischen Kirche (Benedikt XVI.) 2013 von diesem Amt zurückgetreten.

AC 07.2 Im Katechismus der katholischen Kirche, dessen Veröffentlichung Papst Johannes Paul II. 1992 anordnete und der unter der Federführung des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger entstand, heißt es (Vierter Teil, Zweiter Abschnitt, Artikel 3, VII, Nummer 2851), wo es um die Bitte im Vater-Unser-Gebet „... sondern erlöse uns von dem Bösen“ geht:

AC 07.3 „In dieser Bitte ist das Böse nicht etwas rein Gedankliches, sondern bezeichnet eine Person, Satan, den Bösen, den Engel, der sich Gott widersetzt. Der ‚Teufel‘ [Diabolos] stellt sich dem göttlichen Ratschluss und dem in Christus gewirkten Heilswerk entgegen.“

AC 08.1 Meine, mir über lange Jahre vertraute Großmutter mütterlicherseits, bezeichnete und bezeichne ich als Person, so wie ich das Wort gelernt habe und anwende. Meine andere Großmutter kannte ich zwar nicht, aber ich würde eine Wette eingehen, dass auch sie eine Person war.

AC 09.1 Katechismus- und karrierekonform wird dieser aber wohl im Ernstfall seine Äußerung zurücknehmen müssen. Oder er schiebt dem Autor des Zeitungsartikels den Schwarzen Peter des Missberichtens zu.

AC 14.1 Meine Großmutter mütterlicherseits und ihre Geschwister waren natürlich gut katholisch, weil ihre Eltern und ihr prägendes Umfeld gut katholisch waren. War es meinem Großonkel Karl ein Trost, dass die Waffen, denen er im Ersten Weltkrieg zum Opfer fiel, vermutlich von französischen katholischen Geistlichen gesegnet worden waren?

AC 14.2 Vermutlich muss man den 1950 geborenen Rowan Williams, den nachmaligen Erzbischof von Canterbury, einen brillanten anglikanischen Theologen nennen. Der Herr über alle Zeit hätte diesen walisischen Säugling auch schon vorzeitig (1927) in die bayrische Wiege des Ehepaars Ratzinger legen können. Wäre dann er Papst geworden? Und welchen Lebensweg hätte das 23 Jahre lang konservierte Josephle aus einer walisischen Wiege heraus angetreten?

AC 15.1 Ludwig Feuerbach (1804 - 1872), deutscher Philosoph und Religionskritiker

AC 23.1 Das Sätzchen stammt von René Descartes (1596 - 1650), einem französischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler. Er ist übrigens bei Weitem nicht der einzige, dessen inhaltsreiche Schriften bald kirchlicherseits verboten und unter dem heiligen Stuhl begraben wurden.

Anmerkungen zu den Anmerkungen zu Kapitel AC

AC 05.1.1 Neugieriger Leser! Nehmen Sie wenigstens großzügig die angebotenen Spendenmöglichkeiten zur Kenntnis, wenn Sie sich hier, im „Kreuzberger Himmel“ in der Yorckstraße, öfter breitmachen! Und bereiten Sie sich gut auf das Arbeitsessen vor, bei dem ein Patriarch (Abraham) und ein General (Ludwig Yorck von Wartenburg) in ihrem Verhalten der jeweiligen Obrigkeit gegenüber verglichen werden sollen.

AC 05.1.2 Zur Zeit macht z. B. die „Franziskanerpfanne“ (in Salbeibutter gebratene Kartoffelgnocchi mit gedörrten Cherrytomaten, Kürbiskernen, frischem Basilikum und gehobeltem Parmesan) zu 7,50 € einen guten Eindruck.

AC 05.1.3 Der heilige Franz verlangt von Ihnen auch nicht, sich zur Kasteiung Asche oder Wasser ins Essen zu rühren - nein, die flüssige Beilage, auch zu einem schmackhaften Fleischgericht natürlich, darf aus einem bayrisch-benediktinischen Klosterbier aus Andechs bestehen.

AC 05.1.4 So gestärkt werden Sie im Berghain ein langes Wochenende durchhalten können!

AC 07.2.1 Karol Józef Wojtyła (1920 - 2005), polnischer Theologe und Priester, ab 1978 Papst unter dem Namen Johannes Paul II.

AC 14.2.1 Die Eltern des erwähnten obersten Brückenbauers und Menschenfischers sind Joseph Ratzinger, Gendarmeriemeister, und Maria Ratzinger, geborene Peintner, Köchin.

AD Auf der Suche nach Grundwörtern

AD 01 Für Descartes ist das Ich nicht das Primäre, denn er folgert sein Ich, sein Ichsein, sein ganzes Ich, das für ihn irgendwie aus einem zweitrangigen Körper und einem dort hineingeblasenen edleren Geist besteht, aus eben diesem Geist, genauer aus seinem Denken und Zweifeln. Diese Denklastigkeit deutet wohl zeitbedingt auf die Einfleischung des Ich in einen verachteten Körper hin, der zwar zum Ich gehört, aber als heimtückischer Hintertreiber des verheißenen und ersehnten ewigen Lebens gesehen wurde.

AD 02 Durch die Löcher der Argumentation starrt einem hier die gespenstische, fleischlose, aber deswegen nicht geistvolle, Transzendenzfratze der christlichen Körperfeindlichkeit mitsamt ihren negativen Auswirkungen entgegen - auch bei einem nachdenklichen Descartes, dessen Projekt die Suche nach soliden Grundlagen war. Wie hätte der Arme auch nach einer jahrhundertelangen Diktatur theologischer Dogmenschwinger, die das Denken als Aschenputtel in die Küche verbannten, klarer sehen können?

AD 03 400 Jahre früher sieht man mit einem verspäteten mitleidigen Kopfschütteln, wie sich ein sensibler mittelalterlicher Italiener durch asketischen Unsinn selbst in einen frühzeitigen Tod treibt. Die Missachtung des Körper geht bei Franz von Assisi vom Scheitel bis zur Sohle. Er verbietet sich die Gaumenfreude, indem er kaltes Wasser und Asche in sein Essen rührt. In einer Regel des Franziskanerordens heißt es zu seiner Zeit: „Und hassen wollen wir unseren Leib mit seinen Lastern und Sünden.“

AD 04 Diese Aufforderung war damals zwar weithin christliche Theorie. Aber Sie wissen vielleicht selbst, wie Ihre eigenen Rank-Schlank-Sportlich-Vorsätze zum Teufel gehen, wenn Sie von einem dampfenden Sauerbraten mit Knödeln und Rotkraut hungrig angeschaut werden.

AD 05 Franz von Assisi war jedoch ein ehrlicher Mann, während Kleriker um ihn herum Wasser predigten und Wein tranken, den ehelichen Verkehr ihrer Schäfchen kaum zur Fortpflanzung guthießen, selber aber, damals schon zölibatär, als lustvoll aufrecht stehende Kanoniker etwa, mit prallem Beutel ihre pfründenfinanzierte Gunst in jede Richtung verspritzten.

AD 06 Nun war der Relativismus schon immer ein Markenzeichen des Christentums. Gottes Wunsch und Wille hielt manchmal Jahrhunderte, manchmal auch nur kurze Zeit. Wenn man z. B. Papst Stephan VI. noch fragen könnte, würde er es sicher als Gottes Wunsch und Wille bezeichnen, dass er die verrottende Leiche seines Vorvorgängers Formosus ausgraben ließ und ihr mit seinen Helfershelfern, zum Teil hohe apostolische Nachfolger, den Prozess machte. Für Papst Urban II. war es offenbar Gottes Wunsch und Wille, dass er zum Ersten Kreuzzug aufrief. Definitiv war es Gottes Wunsch und Wille, Maria, die Mutter Jesu, nach ihrem Tod mit Leib und Seele in den Himmel aufzunehmen, was im Jahr 1950 Papst Pius XII. endgültig, verbindlich und unfehlbar feststellte.

AD 07 Vieles, was frühere Träger des Lehramtes, Päpste und Bischöfe, auf Gottes Wunsch und Wille hin veranlasst haben, wird von heutigen Amtsträgern den damaligen historischen Umständen in die Schuhe geschoben. So wird es zu einer Quintessenz apostolischer Nachfolge, abgenützte Wünsche Gottes als doch nicht so himmlischen Willen zu relativieren und zeitgemäßere Gotteswünsche, die jedoch oft der gesellschaftlichen Wirklichkeit hinterherhinken, nachträglich aus Bibel und Tradition hervor-sprießen zu lassen.

AD 08 Der moderne Theologe, der auf der Höhe der Zeit steht, wird überrascht die Augenbrauen hochziehen, wenn die Rede auf die Körperfeindlichkeit des Christentums kommt. Ohne Mühe wird er Bibelverse zitieren, die das Gegenteil nahelegen - aber aus fast jedem ausführlicheren Werk solcher Art kann man mit einigem Geschick fast alles und jedes begründen.

AD 09 Es entbehrt nicht der Komik, wenn das Chamäleon Kirche heute über eine zunehmende Diktatur des Relativismus zischt und ihn geradezu als Religion des modernen Menschen ausmacht.

AD 10 Hat sich also Descartes seines Ichs eher indirekt durch Denken und Zweifeln versichert, bin ich mir meines Ichs unmittelbarer bewusst. Um meine etwas ausschweifende Abschweifung über christliches Gedankengut noch weiter auszuquetschen, stelle ich die Ichs von Maria, Jesus, Formosus, Stephan, Urban, Franz, Pius und dazu noch Ihr Ich vor mich in eine Reihe.

AD 11 Von Ihrem Ich, Ihrer Person oder kurz von Ihnen habe ich wirklich nur eine sehr allgemeine Vorstellung. Da Sie jedoch ein Zeitgenosse und vermutlich Landsmann des christlichen Abendlands sind, scheint mir, dass die Ichs der anderen meinem Ich noch unähnlicher sind.

AD 12 Mein Ich, das mir manchmal selber verdächtig ist, kann ich nicht als Grundlage einer allgemeinen Kommunikation vorschlagen. Das Wort „ich“ würde dann etwas bedeuten, das nur ich authentisch erklären kann, und auch das nur rudimentär und möglicherweise selbstbezogen und beschönigend.

AD 13 Aus denselben Gründen würde ich es ablehnen, wenn Sie sich als grundlegendes Objekt für das Wort „ich“ bewerben.

AD 14 Das Wort „ich“ scheint als Grundbegriff also nicht besonders geeignet zu sein, da das, was es bezeichnen soll, das Ich, offenbar ein Objekt ist, das unter Erklärungen, die der zusätzlichen Erklärung bedürften, völlig verschüttet würde.

AD 15 Die Ablehnung von „ich“ als Grundwort soll natürlich niemand daran hindern, sich in der Diskussion über das Wort und das, was dahinter stecken könnte, auseinanderzusetzen. Es ging mir um einen belastbaren, zustimmungsfähigen Grundbegriff.

AD 16 Unterschiedliche Leute reden sogar von der Illusion des Ich, als würde dem Wort „ich“ gar nichts Reales entsprechen, so wenig wie dem Wort „Wolpertinger“ ein reales bayrisches Waldtier.

AD 17 Aber jetzt bin ich zufällig auf das Wort „Realität“ gekommen. Das ist doch ein geeigneter Grundwortkandidat, es bezeichnet ja die Realität, an der ich mich schmerzhaft stoßen kann! Manchmal ist sie vielleicht auch nicht hieb- und stichfest, nur indirekt bemerkbar, aber sie ist immer da.

AD 18 Leider bedürfte es aber auch hier wieder vieler ihrerseits erklärungsbedürftiger Worte, um die Realität zu beschreiben. Wer kann alle Kriterien aufzählen, die die Realität eines Gegenstands absichern? Mitsamt den realen Beziehungen, die zwischen ihm und anderen Dingen bestehen, z. B. zwischen der Erde und dem Mond oder zwischen Aristoteles, einer Drachenwurz und einem blonden Pferd? Das scheint auszuufern und auch sehr von der Zeit abhängig zu sein! Manches wurde von manchen früher für real gehalten, z. B. der Gott Zeus, dem heute wohl nur noch wenige Menschen Opfer bringen.

AD 19 Viele Wörter, die auf den ersten Blick als Primärbegriff in Frage zu kommen scheinen, sortiert man nach kurzer Überlegung wieder aus.

AD 20 Wie ist es aber mit dem Wort „Unterschied“?

AD 21 Während mich die Wörter „ich“ und „Realität“ ins Grübeln bringen, wenn’s um ihre Erklärung geht, muss ich mir das Wort „Unterschied“ nicht mit immer komplizierteren sprachlichen Mitteln näherbringen. In unsprachlicher Direktheit erkenne ich auf Anhieb Unmengen von Unterschieden. Ich sehe, höre, rieche, schmecke und fühle sie mit meinen fünf Sinnen; deswegen erkläre ich hiermit „Unterschied“ zum Primärwort.

AD 22 Die Unterscheidungsfähigkeit ist kein menschliches Alleinstellungsmerkmal. Tiere können zweifellos Geräusche unterscheiden, Pflanzen Helligkeitsgrade: Wenn man in die Hände klatscht, erhebt sich der Taubenschwarm in die Lüfte; die Knospen der Sonnenblumen drehen sich zur Sonne, weil sie sie offenbar „sehen“ können. Sogar wenn ein wollsackverwitterter Wackelstein „fühlt“, dass er seine Unterstützung verliert, verabschiedet er sich die Tiefe.

AD 23 Inzwischen haben wir Untersuchungsmethoden und Instrumente geschaffen, die Unterschiede erkennbar machen, welche mit unbewaffneten Sinnen nicht einmal andeutungsweise wahrnehmbar wären, welche also über die Unterscheidungsfähigkeit unserer fünf Sinne weit hinausgehen. Ötzi wäre sicher sprachlos vor Staunen, wenn er wüsste, was alles z. B. Radiokarbonmethode, Computertomografie und natürlich auch noch älteres gängiges archäologisches Rüstzeug und Wissen über sein Leben und seinen Tod vor 5000 Jahren erzählen.

AD 24 Nebenbei zeigt die Fundsituation auch, dass es sich bei Ötzi nicht um einen primitiven Wilden handelt, der es gerade mal schafft, mit der Bierflasche in der Hand zur rechten Zeit mit der richtigen U-Bahn bei der angesagten Fußballarena anzukommen. Oder um einen feinen Pinkel, der sich nur in der besseren Gesellschaft bei einem Fläschchen Dom Pérignon von genau 9° Celsius so richtig wohl-fühlt. Nein, er scheint einer zu sein, der nach anfänglichem Staunen von Ihnen genau erklärt haben will, wie ein Computertomograf funktioniert.

AD 25 Des Menschen Werkzeugkasten mit immer ausgefeilteren Hilfsmitteln, Unterschiede aufzuspüren, wird laufend umfangreicher und differenzierter. Offenbar misst der Mensch den realen Unterschieden große Wichtigkeit bei, wohingegen das Wort „Unterschied“ zu den eher langweiligen Wörtern gezählt wird, derer sich kaum jemand annimmt, der über Gott und die Welt nachdenkt und redet.

AD 26 Über das, was hinter den Wörtern „Gott“, „Welt“, „Wille“, „Vorstellung“, „Sein“, „Zeit“, „Wahrheit“, „Freiheit“, „Grünheit“ usw. steckt, zerbricht man sich oft wortreich und publikumswirksam den Kopf, während der „Unterschied“ unauffällig, unbeachtet und unverdientermaßen ein Schattendasein im Begriffseintopf der unbedachten Wörter fristet.

AD 27 Der Pantheist z. B. sieht keinen großen Unterschied zwischen Gott und Welt, der Thomist schon; aber beide treten vorschnell und kampflustig mit ihrem „Gott“ und ihrer „Welt“, geläufige Begriffe, wie sie meinen, auf die Bühne, während sie den grundlegenderen Begriff „Unterschied“ kaum der Erwähnung Wert finden.

AD 28 Diese übereilte Bereitwilligkeit, die paradoxerweise seit Jahrtausenden besteht, ist das Kennzeichen von unbeweglichen, der Tradition verhafteten Haltbarkeitserhaltern, die Begriffe unreflektiert mit der Muttermilch einsaugen und als Erwachsene ähnlich unreflektiert wieder von sich geben, nachdem sie vielleicht immerhin irgendwo an einer abgewandten Seite eines Begriffs ein bisher unentdecktes Mütterchen gefunden haben, das sie mit ihrem philosophischen Stellschraubenschlüsselchen ein bisschen auf- oder zudrehen, je nachdem, welchem Ismus sie sich gerade verpflichtet fühlen.

AD 29 Zugegeben, wie zum Streiten zwei Personen gehören, was die Lage unübersichtlicher macht, gehören auch zum Unterschied mindestens zwei Irgendwasse, die sich irgendwie voneinander abheben. Aber auch z. B. der Begriff „Gegenstand“ ist nicht einfacher, da ein Gegenstand ja nur erkennbar wird, wenn er sich irgendwovon unterscheidet. Ich müsste dazu noch erklären, was ein Gegenstand ist.

AD 30 „Unterschied“ gefällt mir nach wie vor als Grundbegriff. Deswegen kann es nichts schaden, ein bisschen mit ihm warm zu werden, indem ich ihn gleich anschließend zur Demonstration in leicht unterschiedlichen Sätzen verwende, über deren Bedeutung ich nebenher nachdenke.

Anmerkungen zu Kapitel AD

AD 03.1 Franz von Assisi (1181/1882? - 1226)