Wie ich fälschte, log und Gutes tat - Thomas Klupp - E-Book
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Wie ich fälschte, log und Gutes tat E-Book

Thomas Klupp

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Beschreibung

Weiden ist eine Vorzeigekleinstadt: Die Wirtschaft brummt, von den Lady-Lions gibt es Charity-Barbecues für Flüchtlinge, die Oberschule ruft eine Leistungsinitiative in den MINT-Fächern aus, die Tennisjugend gewinnt das Landesfinale, und mit dem neuen Schuljahr prangt von jeder Wand ein Antidrogenplakat der Champions mit dem Slogan: »Geh ans Limit! Ohne Speed!«. Benedikt Jäger und seine Kumpels Vince und Prechtl sind nicht nur mittendrauf zu sehen, sie stecken auch mittendrin in dieser schönen Welt, die alle Abgründe vertuscht: Die Nächte feiern sie exzessiv im »Butterhof«, wie sie ihre Schulleistungen am neuen Evaluierungssystem vorbei vor den erfolgsgierigen Eltern verbergen, steht in den Sternen. Und dass die Lady-Lions ausgerechnet Crystal-Mäx, den Unterweltkönig und berüchtigten »Butterhof«-Betreiber, mit einer Finanzspritze beim Bau von Flüchtlingswohnungen unterstützen, macht die Lage noch unübersichtlicher ... Anarchisch und pointensatt im Hochgeschwindigkeitsrausch erzählt, getragen von bitterbösem Humor – ganz großes Tennis!

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ISBN 978-3-8270-7976-3 © Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2018 Covergestaltung: zero-media.net, München Covermotiv: Getty Images / Johner Images; FinePic®, München Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

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Inhalt

Cover & Impressum

Kapitel 1 – 13. September

Kapitel 2 – 4. Oktober

Kapitel 3 – 12. Oktober

Kapitel 4 – 22. Oktober

Kapitel 5 – 28. Oktober

Kapitel 6 – 29. Oktober

Kapitel 7 – 3. November

Kapitel 8 – 9. November

Kapitel 9 – 17. November

Kapitel 10 – 25. November

Kapitel 11 – 1. Dezember

Kapitel 12 – 2. Dezember

Kapitel 13 – 4. Dezember

7. Dezember

Epilog – 23. Dezember

Dank

Guide

Kapitel 1

13. September

Heute war der beste erste Schultag ever. Weil ich nämlich nicht in der Schule war. Statt im Unterricht zu sitzen, bin ich Ballon gefahren. Hundert Prozent legal sogar. Ich hätte nie gedacht, mal was Gutes über Heckmann zu sagen, weil er als Coach ja ein Totalausfall ist, aber auf sein Wort ist Verlass. Vor dem Landesfinale im Sommer hat er zu uns gesagt: »Jungs, wenn ihr den Titel holt, dann hebt ihr zum Schulstart ab« – und heute war Schulstart, und wir hoben ab. Vince meint, dass Heckmann die Ballonfahrt aus eigener Tasche bezahlt, weil er wegen uns bald befördert wird, aber das glaube ich nicht. So eine Fahrt kostet locker 500 Euro, und so viel Geld wirft nicht mal der dümmste Lehrer zum Fenster raus. Das Geld stammt bestimmt aus dieser Champions- oder Performancekasse oder wie auch immer die Kasse heißt, die die Fürstenberg letztes Jahr eingeführt hat, um öffentliche Spitzenleistungen für die Schule zu belohnen. Und ein 4 : 2 gegen die Oberhachinger Internatsficker, die auf ihrer Tennisbase täglich zwölf Stunden trainieren … definitiv Spitzenleistung. Öffentliche Spitzenleistung im Quadrat.

Jedenfalls: die Ballonfahrt. Die war top. Umso mehr, weil sie um ein Haar ohne uns stattgefunden hätte. Erst konnten wir nämlich den Startplatz nicht finden. Der Ballon sollte auf einer Wiese bei Auerbach starten, aber kaum waren wir aus Weiden raus und fuhren auf die B 470, zog Nebel auf. Frühnebel oder Bodennebel – so viel und so dichter Nebel jedenfalls, dass Heckmann den Schulvan auf 40 km/h runterbremsen musste. In den Kurven sogar auf 20. Und selbst das war noch flott. Trotz der Nebelscheinwerfer, die so aggressiv ins Weiß reinblendeten, konnte man kaum die Mittelstreifen erkennen, und obwohl wir durch den Manteler Forst fuhren und ringsherum Millionen von Tannen wuchsen, habe ich die ganze Fahrt über keinen einzigen Baum gesehen.

Bartels, der vor mir auf der Mittelbank saß und ziemlich Höhenangst hat, maulte dauernd rum, dass in der Suppe da draußen eh kein Ballon starten würde und wir besser gleich umkehren und zur Schule zurückfahren sollten. Prechtl verpasste ihm daraufhin ein paar Kopfnüsse der Marke Schädelbasisbruch, und Vince starrte wie hypnotisiert aus dem Fenster und murmelte in einer Tour: »Leben im Nebel, Life is evil, aha.« Für die Uhrzeit, es war höchstens Viertel nach sieben, gar kein so schlechter Spruch.

Ohne Jiří, der wie üblich vorn auf dem Streberplatz neben Heckmann saß, hätten wir die Ballonwiese vermutlich nie entdeckt. Aber Jiří hat Adleraugen. Als wir zum dritten Mal am Auerbacher Ortsschild vorbeikommen, streckt er plötzlich den Arm aus und ruft: »Herr Heckmann, da drüben, ich sehe was.« Keiner von uns anderen konnte auch nur das Geringste erkennen, Heckmann reißt trotzdem das Steuer rum und fährt Jiřís ausgestrecktem Arm hinterher. Wir rumpeln durch den Straßengraben, dann querfeldein über eine Wiese, und während unten die Gräser am Bodenblech kratzen, wird es tatsächlich heller. Erst sind nur Schemen zu erkennen, doch dann taucht ein Ballonkorb aus dem Nebel auf.

Der Korb steht im feuchten Gras und wird von den Scheinwerfern eines Pick-ups angestrahlt, der am Rand eines Feldwegs parkt. Um den Korb herum patrouillieren zwei von Kopf bis Fuß in Camouflagemontur gekleidete Typen und zerren an Seilen, die sich nach oben im Dunst verlieren. Ein dritter Camouflagetyp steht im Korb und befingert ein kanonenrohrdickes Metallteil über seinem Kopf. Mit jedem Meter, den wir näher kommen, sieht das Ganze verbotener aus. Eher nach Schleuserbande oder Waffenschmuggel, aber ganz bestimmt nicht nach Schulausflug. Umso mehr, weil die Typen schwarze Gesichter haben. Also, die sind nicht angemalt, sondern naturschwarz sozusagen. Was an sich völlig in Ordnung ist. Ich bin null Prozent ausländerfeindlich, aber in dem lichtzerfressenen Dunst leuchten die Gesichter irgendwie extradunkel und wirken extrem bedrohlich auf mich.

Ich stoße Vince an und will ihm was sagen, aber plötzlich bricht draußen ein Fauchen los. Als würden tausend Katzen im Chor um die Wette fauchen, so ein Fauchen ist das, und dazu schießt eine Stichflamme aus dem Metallteil raus. Jedes Lagerfeuer ein Witz dagegen. Die Flamme schießt baumhoch in die Luft, wird auf halber Strecke von der Ballonhülle geschluckt, die im Nebel jetzt blutrot aufglimmt und wie ein riesiges, todbringendes Alienherz über uns wabert, und obwohl wir im Van sitzen, angeschnallt und alles, reißen wir instinktiv die Arme vors Gesicht.

»Alter Schwede«, flüstert Prechtl, als der Brenner wieder erlischt, »ist ja voll Irak da draußen«, und Vince sagt: »Und wir haben auch noch die Pussy-Anzüge vom Fehr an.« Womit er leider ins Schwarze trifft. Wir alle, sogar Heckmann, tragen wegen des Fototermins nachher die Trainingsanzüge von Sport Fehr. Und die sind rosa. Schweinsrosa, auf dem Rücken steht in goldener Schnörkelschrift Kepler-Gymnasium Weiden – Tennis-Landeschampions, und was die Armeetypen darüber denken werden, weiß ich genau: nämlich, dass wir ein Haufen verweichlichter Tennispinkel sind, denen man am besten jeden Knochen im Leib einzeln bricht, bevor man sie nach Guantanamo verschifft.

Wir starren wie gelähmt zur Scheibe raus, und keiner rührt sich vom Fleck. Auch Heckmann, der sonst immer einen auf großer Antreiber macht, tut keinen Mucks. Erst als der Typ im Korb über die Brüstung klettert und mit seinen Kampfstiefeln auf uns zumarschiert, zieht er den Zündschlüssel ab.

»Ja, also«, sagt er, »dann mal auf in den Spaß.«

Er sagt das mit einer Stimme, als würde er seine eigene Hinrichtung verkünden, stößt aber trotzdem die Fahrertür auf. Wir tun es ihm nach, und in dem Moment, in dem ich raus auf die Wiese trete, das feuchte Gras an den Knöcheln spüre und die kühle Luft einatme, ändert sich meine Laune. Und zwar komplett. Ich bekomme schlagartig Lust, in den Korb zu klettern und wie Rauch in die Luft zu steigen, und daran kann nicht mal der Kampftyp was ändern, der sich jetzt vor uns aufbaut. Der will aber auch gar nix daran ändern, im Gegenteil. Statt uns anzupflaumen, dass wir zu spät sind, schlägt er die Hacken zusammen und salutiert vor uns.

»Master Sergeant Jack Conley«, ruft er mit strahlendem Perlweiß-Grinsen, »Second Stryker Cavalry Regiment, aba sagt’s Käpt’n Jack zu mia.«

Wir glotzen ihn an wie den Heiligen Geist persönlich, weil mit einem Schwarzen, der Käpt’n Jack heißt und Oberpfälzer Dialekt spricht wie höchstens noch meine Oma, hat keiner gerechnet. Selbst Vince, den so gut wie nichts aus der Fassung bringt, glotzt mit offenem Mund. Käpt’n Jack merkt das auch, oder vielleicht kassiert er öfter solche Blicke, jedenfalls erzählt er uns, dass er auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr stationiert war, als Kampfhubschrauberpilot, und seit seiner Pensionierung Ballonfahrten organisiert. Die beiden Typen, die auf der Ladefläche des Pick-ups jetzt Sachen verstauen, sind offenbar seine Söhne und heißen Jim und Troy. Käpt’n Jack sagt noch, dass sie mit dem Aufrüsten des Ballons leider nicht auf uns warten konnten, wir aber optimales Wetter haben. In den höheren Luftschichten, sagt er, weht eine Brise aus West, sodass wir mit ein bisschen Glück genau über Weiden fahren. Dann klatscht er in die Hände und ruft: »Pack mers, Boys, rein in den Korb.«

Heckmann öffnet die Heckklappe des Vans, wir schultern unsere Tennisbags und laufen zum Korb. Als Erstes klettern Vince und ich rein, und dann ist Prechtl an der Reihe. Er will gerade sein Bein über die Brüstung schwingen, da sehe ich es: Es tropft aus seiner Bag. Wobei tropfen die Untertreibung des Tages ist: Unten, wo die Bag zugezippt ist, genau zwischen den silbernen Reißverschluss-Schiebern, leckt ein richtiges Rinnsal raus. Fuck, denke ich, hoffentlich sieht Käpt’n Jack das nicht. Prechtl hat nämlich geladen. Ein halbes Dutzend Wasserbomben. Präserbomben, um genau zu sein. Mit Wasser und Tomatensaft zum Bersten gefüllte Präservative, die er, wenn wir erstmal tausend Meter über der Erde sind, über allen möglichen Dörfern und Straßen und Marktplätzen runterfeuern will. Mindestens eine von den Bomben muss bei dem Geholper über die Wiese geplatzt sein, und das ist natürlich suboptimal.

Noch suboptimaler ist aber, dass auch der Käpt’n das Rinnsal bemerkt.

»He, du«, sagt er, »wart mal, du tropfst.«

Prechtl schaltet auf taub und klettert weiter, aber so leicht lässt sich der Käpt’n nicht ignorieren. Er drückt Prechtl eine Hand auf den Oberschenkel, sodass er, ein Bein im Korb, das andere draußen, rittlings auf der Brüstung zu sitzen kommt. Wie ein aufgebocktes Galionsschwein hockt er da mit in der Luft baumelnden Beinen und quetscht sich auf den Baststreben die Eier ab, aber das ist jetzt sein geringstes Problem. Der Käpt’n will nämlich, dass er die Bag aufmacht. Aus einer seiner hundert Uniformtaschen zieht er sogar einen Lappen und hält ihn Prechtl hin, zum Trockenmachen, und Prechtl sagt: »Wird erledigt. Da drüben beim Van.«

Er springt wie eine Ziege vom Korbrand, und in dem Moment macht es Klick beim Käpt’n. Man kann regelrecht sehen, wie hinter seiner Stirn die Warnlichter angehen. Das Grinsen bröckelt aus seinem Gesicht, er zieht die Brauen zusammen und sagt: »Was is’n da ausglaufen?«

Prechtl: »Bestimmt bloß meine Capri-Sonne.«

Käpt’n Jack: »Schau nach.«

Prechtl: »Mach ich ja. Drüben beim Van.«

Käpt’n Jack: »Hier machst die Bag auf. Aber dalli.«

Vince und mir krampft schon halb der Kiefer vor Lachen, nur Heckmann steht wie immer voll auf dem Schlauch.

»Wenn Käpt’n Jack«, sagt er, »also wenn Herr Conley dir schon seinen Lappen gibt, Timo, dann öffne doch bitte die Bag.«

Und Prechtl, dem wirklich nix mehr einfällt, um die Lage zu retten, zippt im Zeitlupentempo den Reißverschluss auf. Bild für die Götter, ehrlich wahr. Am Boden der Bag schwimmt eine hellrote Suppe, am Racketrahmen kleben Gummifetzen, und in der Rundung unten, von den Scheinwerfern bestens ausgeleuchtet, glänzen vier heil gebliebene Präserbomben in ihrem schleimigen Nest. Der Käpt’n guckt Minimum zwanzig Sekunden in die Süffe rein. Er guckt, als würde da eine Horde Flugsaurier schlüpfen, dann drückt er sein Kreuz durch und schaut Prechtl hart ins Gesicht.

»Bürscherl«, sagt er, »ham sie dir ins Hirn gschissn.«

Prechtl darauf sofort: »Häh, wieso?«, und dass er die Teile nur dabeihabe, weil er später, also nach der Landung, noch zu einer Wasserbombenschlacht ins Stadtbad wolle. Den Bullshit hört sich der Käpt’n aber gar nicht an. Er lässt eine irre Standpauke los und erzählt was von Fallbeschleunigung und Aufprallkräften, er kennt sogar die physikalischen Formeln dafür, und zum Schluss packt er die Moralkeule aus.

»Was meinstn«, ruft er, »was passiert, wenn einer Omi so a Teil in Hut reinkracht? Oder wennst a Auto in voller Fahrt erwischst … Denk nach, Bursch, denk nach!«

Prechtl gibt sein Bestes, betroffen zu gucken, doch dazu fehlen ihm die passenden Muskeln. Betroffenheit: mimisch glasklar nicht sein Ding. Vor allem die Lippen spielen ihm einen Streich. Die ziehen sich so verkniffen nach innen und erzählen die wahre Geschichte: nämlich, dass ihm die Predigt vom Käpt’n schwer auf den Sack geht. Was ich, ehrlich gesagt, verstehen kann. Mal abgesehen davon, dass so ein Volltreffer ja völlig utopisch ist, will Prechtl weiß Gott keinem die Lichter auspusten. Der will einfach nur ein bisschen Spektakel veranstalten. Stichwort: Action & Fun. Und überhaupt: dass ausgerechnet der Käpt’n einen auf Gandhi macht, ist schon eine harte Nummer. Steht da in aller Herrgottsfrühe mit seiner Kampfuniform in der Gegend rum und hat sein Leben damit verbracht, im Hubschrauber durch die Welt zu fliegen und komplette Dörfer in Staub zu verwandeln. Und dafür hatte er garantiert mehr als Präserbomben am Start.

Klar ist aber auch, dass Prechtl sich nicht zu beschweren braucht. Als er Vince und mich gestern per Whatsapp vollspammte, dass wir mitmachen sollen, haben wir ihm gleich den Kopf gewaschen. Von wegen, dass ein Blick von Heckmann genügt. Ein Blick abwärts nämlich, weil so eine Bombe ja eine halbe Ewigkeit durch den Himmel stürzt und oben auch keine Ballonparade stattfindet, sodass man es dem Nachbarn in die Schuhe schieben kann. Beste Argumente gegen die ganze Aktion. Wollte er aber nicht hören. Und deshalb muss er jetzt fühlen.

»Weißt was«, sagt Käpt’n Jack, »drauf gschissn. Du bleibst da.«

»Was …«

»Bodenarrest! Dableiben tust!«

Dann beugt er sich über die Korbbrüstung und sagt zu Vince und mir: »Und ihr zwei, ihr zeigt’s mir jetz auch eure Bags.«

Ich zippe blitzschnell den Reißverschluss auf, und während mir ein Schwall Sockenschweiß in die Nase schießt, steigt mein Respekt vor dem Käpt’n ins Unermessliche. Der hat weder Jiří noch Bartels gefragt – tatsächlich hat er die auch später nicht kontrolliert –, sondern sich sofort Vince und mich ausgeguckt. Keine Ahnung, ob das sein Armeetraining ist oder was immer ihn auf die Spur gebracht hat, jedenfalls ist der Mann kein Fake. Während er unsere Bags durchwühlt, gucke ich über seinen rasierten Schädel hinweg zu seinen Söhnen rüber. Die verfolgen die Szene von der Ladefläche des Pick-ups aus, und obwohl beide bis zu den Ohrläppchen hoch grinsen, tun sie mir aufrichtig leid. Weil, wenn du so einen Bluthund zum Vater hast, dann gute Nacht. Dann fängt dein Leben mit frühestens achtzehn an. Und bis dahin ist Zuchthaus angesagt.

»Mister Conley.«

Vinces Stimme streift mein Ohr.

»Mister Conley, Entschuldigung. Aber wir sind ja wegen der Schulmeisterschaft da. Weil wir die als Team gewonnen haben. Und der Timo gehört zum Team. Wär komisch, ohne ihn zu fliegen. Wär wirklich komisch. Lassen Sie ihn doch bitte mit.«

Sagt Vince in aller Ruhe, während er seine Bag zuzippt, und er schaut dem Käpt’n dabei sogar in die Augen. Und der schaut zurück, lasert einen Blick in Vince hinein, dass mir allein vom Zugucken die Pupillen schmerzen. Aber Vince hält ihm stand. Er blinzelt nicht und schaut nicht zu Boden, und kein Lügendetektor der Welt könnte sagen, ob er den Spruch ernst meint oder den Käpt’n verarschen will. Ich glaube, Vince selbst weiß es nicht. Wie so oft sagt er einfach, was ihm gerade einfällt, und klar geht das auch nur mit seinem Gesicht. Würde Prechtl so was sagen oder Bartels mit seiner Nase, die kämen nicht über die erste Silbe hinaus. Aber sie sehen halt auch nicht aus wie Vince. Und Vince eben schon. Der sieht aus wie ein Prinz aus Tausendundeiner Nacht. Olivfarbene Haut und schwarze Locken und Wimpern wie Seide. Ein Gesicht, um die ganze Welt zu erobern. Und Käpt’n Jack obendrein.

Der stellt irgendwann seinen Laserblick ab und schüttelt den Kopf. »Saubande«, murmelt er in den Nebel, »ihr Saubande vor dem Herrn.« Dann greift er sich Prechtls Bag und pflückt die Bomben raus. Eine nach der andern wirft er sie vor sich ins Gras und trampelt drauf rum. Unter seinen Tritten platzen die Präser wie nix, links und rechts spritzen Fontänen, und eine saut Heckmann die Hose voll. XXL-Tomatensaftdusche, das komplette linke Bein, aber Heckmann gibt keinen Laut. Immerhin. Weil, als Coach wäre das definitiv sein Part gewesen. Für Prechtl einzustehen. Obwohl Prechtl ja nur Ersatzspieler ist. Was der Käpt’n zum Glück nicht weiß. Was ihn vielleicht aber auch einen Dreck interessiert. Jedenfalls treibt er die anderen jetzt an, in den Korb zu steigen, und als Prechtl als Letzter über die Brüstung klettert, sagt er: »Wenn ich dich oben auch nur spucken seh. Ich schwör dir, Kamerad, du fliegst hinterher.«

Und egal, was man sonst über Prechtl sagen kann: Er hat nicht gespuckt. Hat nicht mal ans Spucken gedacht. Keiner von uns hat das. Nicht nur wegen des Käpt’ns und weil er wie der Leibhaftige zwischen uns stand. Sondern wegen der Fahrt an sich. Als nämlich der Brenner erneut in die Hülle fauchte und der Korb mit uns in die Höhe glitt: Schönheit pur. Zum Niederknien. Eine Schönheit, dass selbst Bartels vergaß, sein Handy zu zücken und wie verzweifelt Fotos zu knipsen. Die feuchte Wiese, der Van, der Pick-up, die Söhne des Käpt’ns auf der Ladefläche, die ganze trübgraue Nebelwelt: Alles löste sich in einem Leuchten auf. Verschwand darin. Über uns öffnete sich eine Kuppel aus gleißendem Blau, unter uns glomm ein Wattemeer. Am Horizont schwamm eine blassgelbe Sonne im Dunst und beschien das Ganze. Beschien die aus dem Weiß emportauchenden Hügelketten, die bewaldeten Höhenzüge, den Vulkankegel des Rauhen Kulm. Und dann, als plötzlich der Brenner aussetzte: Stille. Vollkommene Stille. Als hätte jemand die Zeit abgestellt. Als stiege nicht der Ballon ins Blau, sondern als stünden wir auf der Stelle, und irgendwelche Special-FX-Ingenieure manipulierten an den Kulissen herum. Unter uns, das war nicht die Oberpfalz. Das war Mittelerde. Lichtgerendert. Pixel für Pixel auf Hochglanz getuned. Keine Ahnung wieso, aber während ich Schulter an Schulter mit Vince über das Nebelmeer blickte, die Lungen voll Sauerstoff, die Augen vom Licht ringsum zu Schlitzen verengt, bekam ich einen Ständer. Einen Naturständer. Hart wie Kristall und bis in die letzte Kammer mit Helium statt mit Blut gefüllt. Irres Feeling dort in den Lüften. Besser als alle Drogen der Welt.

Und das Feeling hielt an. Fast die gesamte Ballonfahrt lang. Bis die Sonne so hoch in den Himmel stieg, dass sie zu einem weißglühenden Punkt zusammenschrumpfte, ihre Strahlen den Dunst zersetzten und die Landschaft darunter zum Vorschein kam. Ein buntes Gesprenkel aus Feldern und Dörfern und Seen und Wäldern. Und noch mehr Wäldern. Zu allen Seiten dehnten sich dunkle Nadelwälder aus, nur hier und da von Straßen zerschnitten, von denen uns Miniaturautos entgegenblitzten. Sollte ich in Deutsch je wieder einen Aufsatz zum Thema Heimat abliefern müssen, ich schwöre, er handelt vom Wald. Themenverfehlung ausgeschlossen. Bestnote garantiert. Und dann, als wir schon langsam wieder an Höhe verloren, rief der Käpt’n: »Achtung, Burschen, Weiden voraus!«

Ich drängte an Bartels vorbei zum vorderen Korbrand und sah auf ein Mosaik aus flachen, rechteckigen Hallen und schwarzgeteerten Flächen hinunter, musste irgendein neues Gewerbegebiet sein, aber bald schon gerieten Häuser, Straßen und Gärten ins Bild und schoben sich zu einer Stadt zusammen. Einer Stadt, so spektakulär wie ein Taubenschiss. Schon klar, dass Weiden nicht gerade Tokio ist, aber von oben sah das Ganze wirklich mickrig aus. Und auch ziemlich fremd. Zumindest im ersten Moment. Bis wir über die Altstadt mit ihren spitzen Dächern fuhren, ich die Fußgängerzone und das Alte Rathaus erkannte und Vince mir seine Hand auf die Schulter legte.

»Da«, sagte er, »das Kepler da vorne. Die Enterprise.«

Ich sah sofort, was er meinte. Jenseits der Altstadt, auf der anderen Seite des Flutkanals, lag unsere Schule. Ein massiver, grauer Waschbetonquader, in der Mitte quadratisch ausgestanzt, an dessen Stirnseite sich links und rechts die Turnhallen anschlossen. Die beiden Hallen bildeten die Warp-Antriebe, und das Flachdach der Schule mit seinen im Sonnenlicht funkelnden Solarmodulen, die uns, O-Ton Fürstenberg, zur »ersten Energieeffizienzschule Ostbayerns« machten, war das Deck des Raumschiffs.

Ich sah hinunter und wünschte mir Prechtls Bomben herbei. Tatsächlich wünschte ich mir ein MG herbei. Nichts, was ich im Pausenhof je laut verkünden würde, aber ein paar kräftige Salven in den Betonklotz da unten, in seine Mauern und Fenster und Türen, hätten mir Erleichterung verschafft. Hätten – Jiří mal ausgenommen – jedem von uns Erleichterung verschafft. Einfach, weil es die Schule war. Weil sie uns ab sofort wieder in die Klauen bekam. Der bloße Gedanke, mich morgen Früh wieder durch ihre Flure zu schleppen, wie erlegt in den stickigen Räumen zu sitzen, saugte mir den letzten Tropfen Blut aus dem Schwanz.

Und dann … dann wurde mir richtig klamm.

Wir sanken nämlich über Weiden-Ost hinweg. Der Ballonschatten glitt über die rote Asche der Postkeller-Courts, auf denen ich gestern noch Bälle geschlagen hatte, verfehlte haarscharf den Butterhof, wo Prechtls Halbbruder seine kriminellen Feste abhielt, und kreuzte Sekunden später den Hopfenweg. Und im Hopfenweg, ganz oben, dort wo die Wiesen beginnen, dort wohne ich. Ich konnte unser Haus erkennen, den Garten, das hellblaue Rechteck des Swimmingpools. Meine ganze Welt, all die Orte, an denen ich meine Zeit verbrachte, schrumpften auf die Größe einer Ansichtskarte zusammen. Und die Ansicht darauf sah beschissen aus. Also nicht die Ansicht selbst. Die war okay. Sondern das, was darunter lag. Oder dahinter. Oder wo auch immer. Diese aus der Tiefe emporwuchernde Fälschung, dieses Trugbild, das mein Leben war.

»Alter, bitte, wie geil!«

Prechtls Stimme plärrte in meine Gedanken.

»Da unten schwimmt deine Mutter.«

»Und deine säuft Schnaps«, sagte ich.

»Im Ernst«, rief er, »schau hin.«

Er drückte meinen Kopf über den Korbrand, sodass ich steil nach unten sah, und das Erstaunliche war: Er hatte recht. Jedenfalls zum Teil. Jemand glitt in unseren Pool hinein, stieß sich vom Beckenrand ab und zog Bahnen im Blau. Definitiv nicht meine Mutter, weil die mit ihren Lions-Freundinnen gerade auf einem Achtsamkeitskurs im Allgäu ist. Konnte also nur Abdul sein. Abdul mit seinen achteinhalb Fingern, der, falls er keine Märchen erzählte, bis vor Kurzem noch in einem schwankenden Schlauchboot im Mittelmeer gesessen hatte. Ringsherum Wellen hoch wie Wanderdünen, über Bord gespülte Mütter und Kinder, und jetzt wohnte er bei uns im Anbau über der Garage, 40 qm samt Küchenzeile, und kraulte durch unseren beheizten Pool. Hätte er sich in seinem Boot bestimmt nie träumen lassen. Diese Reise ins totale Glück. Ich starrte auf Abduls Körper hinunter, und der Anblick entspannte mich. Nachhaltig. Vor allem auch erinnerte er mich, wie rasch die Dinge sich ändern konnten. Zumal Glück in meinem Fall überhaupt keine Rolle spielte. Gerade jetzt, zu Beginn des Schuljahrs, nicht. Jetzt fing ja alles wieder von vorne an, war alles wieder auf null gestellt.

Jäger, sagte ich mir in dieser tausendfach eingedrillten Match-Perspektive, mit der ich die Big Points holte und reihenweise Tiebreaks gewann, Jäger, du Sieger, du hast alles selbst in der Hand.

»Sorry«, sagte ich laut zu Prechtl, »sorry für den billigen Diss.«

»Sherry«, erwiderte Prechtl, »zurzeit kippt sie Sherry, vom Schnaps ist sie weg.«

Ich stieß ihm aufmunternd in die Rippen und sog Luft in die Lungen, Luft, die schwach nach Jauche stank. Unten zerspurte ein Traktor die Felder, Tröglersricht zog vorüber, Höfe und Scheunen und Biogas-Kuppeln, und während der Käpt’n Kommandos in sein Funkgerät bellte, nahm ich mir ein Versprechen ab. Und zwar würde ich dieses Jahr büffeln. Drei Stunden täglich, kein Problem. Mich Lerngruppen anschließen. Und falls das nicht genügte, um Nachhilfe betteln. Bei Frank Gruber oder der dicken Margarete sogar. Ich würde, koste es, was es wolle, dieses Trugbild in Stücke sprengen und zu genau der Person werden, die ich im Glauben meiner Eltern längst war.

»Benedikt, alles klar?«

Vince sah mich an.

»Siehst aus, als hättest du Gülle gefressen.«

Ich winkte ab.

»Alles top«, sagte ich und zeigte nach unten, und gemeinsam verfolgten wir die Staubspur des Pick-ups, der da im Affenzahn über den Feldweg heizte, geradewegs auf die Wiese zu, der unser Korb entgegensank.

»Alle Mann festhalten«, rief der Käpt’n, »Touchdown in t minus zwanzig«, und während ich meine Finger um die Korbbrüstung krallte, schloss ich die Augen und streckte mein Gesicht der Sonne entgegen. Wärme auf der Haut, ein goldenes Flimmern hinter den Lidern, und dann setzten wir weich, wirklich butterweich, auf der Erde auf.

PS

Und zum Schluss noch Bartels, der Held. Kaum hatten wir festen Boden unter den Füßen, hing er überm Korbrand und reiherte los wie ein Vulkan. Schwall auf Schwall klatschte ins Gras, Rührei und Speck und Vollkornbrotbröckchen und etwas, das nach halbverdautem Hackfleisch aussah. Endloses Röcheln und Würgen. Und dann kam giftgrün die Galle. Und noch mehr Galle. Olympische Mengen, mit denen er da die Pflanzen düngte, aber nicht ein Tröpfchen ging in den Korb. Wahnsinnsdisziplin, das so lange drinzubehalten. Trug ihm auch den Respekt vom Käpt’n ein. Der klopfte ihm auf den Rücken und sagte was von Anstand und Timing und dass er der wahre Bezwinger der Lüfte sei. Und auch von uns lachte keiner laut. Obwohl es ziemlich lustig war. Umso mehr, weil plötzlich die Fotografin vom Neuen Tag auf der Wiese stand. Zwei Fotografinnen sogar. Die Zeitungsknipse in ihrem Lederröckchen und dazu die Tante von der Need-no-Speed-Initiative. Oder Need-no-Crystal-Initiative. Weiß ich jetzt nicht mehr genau, wie die heißt. Motto jedenfalls: Geh ans Limit! Ohne Speed! Und weil wir ans Limit gegangen waren im Sommer, wurden wir fotografiert. Deal von der Fürstenberg. Wir, das siegreiche Kepler-Tennisteam, die neuen Need-no-Speed-Botschafter der nördlichen Oberpfalz. Leuchtende Vorbilder für die drogengefährdete Jugend ringsum. Bloß sahen wir nicht so aus. Vor allem Bartels nicht. Der sah aus, als hätte er drei Nächte auf Crystal durchgefeiert. Der legte sich erstmal ins Gras und hielt sich den Bauch. Dazu Prechtl mit seinen Augenringen. Von Jiřís Draculablässe jetzt gar kein Wort. Die drei hätten problemlos Statistenrollen in Breaking Bad gekriegt. Als Cousins von Skinny Pete oder so.

Die Frauen packten trotzdem ihre Kameras aus und kommandierten wie wild drauflos.

»Ihr zwei«, Ansage von der Speedtante an Vince und mich, »vordere Reihe. Die anderen dahinter. Und alle mal grimmig schauen.«

»Und jetzt«, die sexy Lederknipse, »gaaanz breit lächeln. Damit sich eure Eltern morgen früh freuen. Drei, zwei, Cheeese.«

Danach mussten wir die Rackets rausholen und brüllend zum Volley ausholen. Zur Vorhand. Zum Schmetterball. Uns um die Schultern fassen. Uns in einem V aufstellen, Schläger vors Gesicht, »ja, weiter, ran an die Nasenspitze«, und durch die Bespannung hindurch in die Linse grinsen. Dann grimmig, »viel grimmiger, aber, hallo, nicht schielen«, durch die Saiten starren. Mit den Schlägern mal bitte Luftgitarre spielen. »Ne, haha, sieht wie Zirkus aus. Bildets wieder ein V.«

Und in unserem Rücken plagten sich der Käpt’n und seine Söhne mit dem Ballonabbau ab. Südstaaten, Baumwollplantage, circa 1800, so fühlte sich das Shooting zunehmend an. Nahm aber trotzdem ein gutes Ende. Und das war hundert Prozent Heckmanns Verdienst. Als den Frauen nämlich die Puste ausging, rief er: »Was meint ihr, Jungs, ein Bild mit dem Käpt’n?«

Wir sofort: »Aber klar!«

Der Käpt’n zögerte auch keine Sekunde. Der sprang sofort vom Pick-up runter, stellte sich zwischen uns, und als die Kameras klickten, knipste er sein Grinsen an. Und Prechtl, der Clown, fasste ihn um die Schulter und brüllte: »HEYO Käpt’n Jack«, und wir alle im Chor: »HEYO Käpt’n Jack! Bring me back to the railroad track!« Und der Käpt’n, lässig wie nie zuvor, schob sich seine Pilotenbrille vor die Augen und grölte aus vollem Hals mit.

Kapitel 2

4. Oktober

Total seltsamer Schultag heute. Top und Terror zugleich. Die gute Nachricht: Ich sitze jetzt neben Margarete. Erste Reihe, direkt vorm Lehrerpult, aber was soll’s. Klar hat es seine Nachteile, dem Arm des Henkers so nah zu sein. Andererseits sind die meisten Lehrer ja ADHSler. Die hält es nie lange auf ihrem Stuhl. Lieber hampeln sie vorm Smartboard rum und scannen die hinteren Reihen. Weil hinten die Unruhestifter hocken, das lernfaule Pack. Prechtl und Sauer und so weiter. Zum Glück bin ich da weg. Sehr wacher Moment von mir, als die Tyralla am Ende der ersten Stunde verkündete, dass Gruber jetzt doch in die Hochbegabtenklasse gewechselt ist. Grubers Eltern sei Dank. Die haben ihn da reingepusht. Gruber selbst wollte gar nicht. Weil er Stotterer ist. Und sein Stottern unter Druck explodiert. Der hat schon bei uns kaum mehr einen geraden Satz rausgekriegt, wenn er mal eine 1– bekam. Und jetzt also Hochbegabtenklasse. Wo eine 1– quasi Hiroshima ist. Gruber, godspeed.

Aber, wie gesagt, mein Glück. Während die anderen noch »Strebersau« und »ho-ho-ho-hochbehindert« durchs Klassenzimmer schrien, war ich schon auf dem Weg nach vorn. Schaute der Tyralla seriös ins Gesicht und sagte, dass ich ganz unfreiwillig in der letzten Reihe saß, weil ich am ersten Schultag Ballonfahren musste und die Sitzordnung danach schon festgelegt war. Dass ich mich hinten aber nicht gut konzentrieren könne und deshalb gern auf Franks Platz wechseln würde.

»Also, wenn das für Sie und natürlich für Margarete in Ordnung ist«, schob ich hinterher.

»Quelle belle surprise«, sagte die Tyralla noch voll im Unterrichtsmodus, »fragen wir Margarete doch gleich.«

Ich drehte mich um und fragte.

Und Margarete sagte Ja.

Das heißt, eigentlich sagte sie nichts. Sie saß einfach nur da in ihrem XXL-Faserpelzpanzer und nickte. Durchs Mikroskop bestimmt gut zu sehen. Ihre Augen klebten am Pult, aber ihr Kinn ruckte Millimeter nach unten. Und rastete plötzlich ein. Als sei sie ein monströser Wackelbuddha, dem mitten in der Bewegung der Saft ausging. Hätte nicht die Tyralla vor uns gestanden, ich hätte sie in den Arm genommen. Weil diese Verkorkstheit, die kannte ich ja. Da litt ich voll mit. Wenn ich mit Vince und Prechtl auf den Butterhofpartys war und die Mädchen aus der FOS und der Berufsschule und vor allem die Tschechinnen, die alle schon achtzehn waren, wenn deren Blicke mich streiften, dann gefror ich genauso zu Eis. Zu einem Klumpen gefrorener Scheiße. Unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren.

»Danke«, sagte ich, »wirklich spitze von dir.«

Ich holte meine Sachen von hinten, und dabei schwor ich mir, nett zu Margarete zu sein. Sie maximal menschlich zu behandeln. Auch hintenrum keine Sprüche zu drücken. Nicht nur, weil ich bei ihr abschreiben wollte. Sondern weil sie trotz ihrer hundert Kilo und allem ja ein absolut menschliches Wesen war.

Und dann, mitten in meine humanitären Gedanken hinein, schlug der Gong. Es gongte zur zweiten Stunde, Mathe bei Frau Krause, ich kramte mein Heft aus dem Jutebeutel und sah zur Tür. Die Tür stand offen, sodass ein Stück Gang zu sehen war: grauer Steinfußboden, die graue Waschbetonwand, die vergitterten Fenster zum Innenhof. Gefängnisoptik vom Feinsten, und passend dazu trat ein Wärter ins Bild. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarzer Aktenkoffer. An die eins neunzig lang und dürr wie ein Stecken. Ein Gesicht in der Farbe von Löschpapier. Das war nicht Frau Krause. Das war Sargnagel. Obwohl er hier nichts verloren hatte, marschierte er ins Klassenzimmer und warf die Tür ins Schloss. Durchquerte den Raum, schmiss seinen Koffer aufs Pult, machte kehrt und blieb vor dem Smartboard stehen.

Wir glotzten ihn an wie eine Herde Lämmer den Schlachter und warteten, was jetzt kommen würde. Es kam aber erstmal nix. Sargnagel stand einfach nur da in seiner Beerdigungskluft und presste den Zeigefinger gegen die Lippen. Stecknadelstille. Ich hörte Margarete neben mir schlucken. Eine Fliege surrte am Fenster entlang. Meyers Mähtraktor tuckerte über den Sportplatz. Hunde bellten in Paralleluniversen. Sargnagel hob den Arm. Ganz langsam, als wolle er mit Effekt einen Pop-Act ankündigen, beschrieb er einen Bogen in Richtung Tür. Ich dachte erst, er zeige auf das Kreuz, das bis vor Kurzem noch über dem Türrahmen hing und von dem noch ein Abdruck zu sehen ist. Ein Phantomabdruck. Der Putz ist an der Stelle ein ganzes Stück heller, aber in dem Moment knackte schon der in die Wand eingelassene Lautsprecher, und in die Stille hinein, in diese perfekt getimte Sargnagel-Pose, schallte die Stimme von der Fürstenberg:

»Guten Morgen, liebe Schülerinnen und Schüler. Ich hoffe, ihr hattet ein schönes, langes Einheitswochenende und startet voller Energie in die neue Woche. Im Namen des gesamten Kollegiums verspreche ich euch eine aufregende Woche, in der wir gemeinsam weitere Schritte in Richtung Schule der Zukunft gehen.«

Blablabla. Der übliche Fürstenberg-Montagmorgenappell. Bloß, dass wegen des Feiertags heute schon Dienstag war. Und noch etwas war anders. Zwei Dinge sogar. Das eine hatte mit Sargnagel zu tun. Während die anderen Lehrer sich das Gelaber im Sitzen anhörten, stand Sargnagel stramm. Mit durchgestrecktem Arm. Sah fast wie der Hitlergruß aus, was er da zeigte. Nur, dass er den Arm nicht nach vorn ausstreckte, sondern seitlich zum Lautsprecher hin. Hitler-No-Look oder so. Zum anderen sagte die Fürstenberg diesmal seltsame Sachen. Sie sagte was von Bushaltestellen. Dass wir ab sofort auf die Bushaltestellen achten sollten, weil wir dann alle sehr stolz auf uns wären: »Kleine Überraschung, ihr werdet schon sehen.«

Dann kündigte sie noch eine Maßnahme zur Exzellenzsicherung des Unterrichts an. Und zwar sollten wir, die Schüler, dieses Jahr unsere Lehrer bewerten. Ihren Unterrichtsstil und so weiter. Performance Evaluation nannte sie das. Unsere Klassenleiter würden uns im Januar eine Kennung zuteilen, mit der wir uns auf der Schulhomepage einloggen könnten, um dort Evaluationsbögen auszufüllen. Das Kollegium, sagte die Fürstenberg, also fast das gesamte Kollegium stehe geschlossen dahinter und freue sich auf die Ergebnisse. Unsere Daten würden anonym behandelt, nur unsere Eltern, die müssten die Bögen natürlich absegnen. Ab da schaltete ich ab. Weil diese Elternsache: typisch Fürstenberg. Als würde auch nur einer von uns ernsthaft vom Leder ziehen, wenn ihm die Eltern im Nacken sitzen. Ein Fake das Ganze. Verlogen hoch zehn.

Ich konzentrierte mich lieber auf Sargnagel und fragte mich, was er von der Sache hielt. Bei den meisten Lehrern konnte man das sofort sehen. Die Tyralla und auch Heckmann zum Beispiel, die nickten immer wie blöde, wenn die Fürstenberg mit neuen Ideen kam. Kron dagegen fing unter Garantie superübertrieben zu gähnen an. Aber Sargnagel. Keine Chance. Der stand wie versteinert vorm Smartboard und starrte über unsere Köpfe hinweg an die hintere Wand, wo die gesiebdruckten Sprüche aus dem Talenteunterricht hängen: Auch im Alphabet kommt Anstrengung vor Erfolg und Be the bestYOU YOUcan be und so weiter. Er verzog dabei keine Miene. Als gehe ihn das alles nichts an. Und vermutlich ging ihm die Sache tatsächlich am Arsch vorbei. Hätte ich Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, mich juckten meine Noten auch nicht mehr.

Umso erstaunlicher, dass Sargnagel hier vor uns stand. Dass er überhaupt noch das Schulhaus betrat. Sich durch die Flure schleppte, stickigen Klassenräumen entgegen, in denen Halbstarke saßen, die ihn hassten. Ich spürte das Blut in meinen Adern rauschen, es pulste im Ohr. Was mir nämlich erst jetzt klar wurde, so richtig körperlich klar, war, dass ich eine Leiche auf Raten sah. Unter seiner schwarzen Kluft, irgendwo tief drinnen, wucherten unkontrolliert die Zellen. Genau in diesem Moment. Was an sich schon gruselig war. Aber das wirklich Gruselige war: Sargnagel machte eine Show daraus. Klar, dass er für seinen Spitznamen nichts konnte. Der kam von uns. Und an seiner Blässe war bestimmt die Bestrahlung schuld. Aber seine Gevatter-Tod-Gedächtnis-Klamotten, in die war er am Morgen selbst geschlüpft. Und der Hitlerarm und das Schweigen und alles: hundert Prozent selbst ausgedacht. Als wollte er ein Statement abliefern, wollte Gott und der Welt verkünden: Seht her, ich sterbe, mir scheißegal! Krasse Nummer. Aber erfolgreich bis jetzt. Er starb nämlich schon seit Jahren. Schon vorletztes Schuljahr, als er zum ersten Mal von der Bildfläche verschwand, hieß es: Der beißt bald ins Gras. Und letztes Frühjahr dann wieder. Aber er war immer noch da. Lebte alle Prognosen in Schutt und Asche und stand seinen Mann.

Jäger, sagte ich mir, mit dem Typ ist nicht zu spaßen, Jäger, gib acht! Kein sehr frischer Gedanke, schon wahr. Aber leider korrekt. Nachdem die Fürstenberg sich mit ihrem üblichen »Viel Freude im Unterricht«-Singsang in den Äther verabschiedet hatte, krallte sich Sargnagel den Sensorstift und schmierte seinen Namen aufs Board. Er bearbeitete das Board wie mit einem Eispickel, es knirschte und quietschte, und dann stand da StD Dr. H. Scharnagl in leuchtendem Rot. Mit dem Stift im Anschlag drehte er sich zu uns um.