„Wie kann denn der Sieger ein Verbrecher sein?“ - Anke Giesen - E-Book

„Wie kann denn der Sieger ein Verbrecher sein?“ E-Book

Anke Giesen

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Beschreibung

„Perm’-36“ im Ural ist die einzige Gedenkstätte in Russland, die sich auf dem Gebiet eines ehemaligen sowjetischen Straflagers befindet. Nachdem sie im Jahr 2014 von zivilgesellschaftlicher in staatliche Hand überging, nahm die neue Leitung grundlegende Veränderungen vor: So schloss man unter anderem eine Ausstellung zu ihren ehemaligen Insassen – den Dissidenten und den Kämpfern für die nationale Unabhängigkeit ihrer Sowjetrepublik. Zudem stellte man neue Schautafeln auf, auf denen der Beitrag der GULag-Häftlinge zum Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ betont wurde. Diese konzeptuelle Neuausrichtung wurde in Russland in den Medien wie auch in sozialen Netzwerken lebhaft diskutiert. In ihrer Untersuchung stellt Anke Giesen die verschiedenen Facetten der Debatte über die Veränderungen in „Perm’-36“ dar und analysiert sie. Der Leser macht Bekanntschaft mit den divergierenden „Gedächtnisinteressen“ in der Bevölkerung, erhält aber auch Einblick in die derzeitigen machtpolitischen Gegebenheiten und deren Einfluss auf die Entwicklung der Erinnerungskultur in Russland. So wird deutlich, was im ›Land mit der unvorhersagbaren Vergangenheit‹ einer tief greifenden Aufarbeitung von stalinistischem Terror und der Repressionen der späteren Sowjetzeit entgegensteht, obwohl entsprechende Erfahrungen und Erinnerungen dort fast jede Familiengeschichte durchziehen.

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Seitenzahl: 901

Veröffentlichungsjahr: 2019

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Forschungsinteresse

2. Forschungsüberblick zu „Kollektivem Gedächtnis“ und „Erinnerungskultur(en)“ in den Ländern des ehemals sowjetischen Herrschaftsbereichs

2.1 Erste theoretische Überlegungen: das Kollektive Gedächtnis bei Maurice Halbwachs

2.2 Das Konzept der „Erinnerungsorte“ von Pierre Nora

2.3 Das „kulturelle Gedächtnis“ von Jan und Aleida Assmann

2.4 Das Modell des Gießener Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“

2.5 Das Konzept „Memory at War“ von Alexander Etkind et al.

2.6 Weitere Forschungsperspektiven

2.7 Forschungsgeschichte zur Erinnerung an Terror und Repressionen in Russland

3. Theoretische Grundlagen und Methoden

3.1 Die Diskurstheorie Michel Foucaults

3.2 Methodische Vorgehensweise

3.3 Vorgehen bei der Zusammenstellung des Textkorpus und der Kodierung

I. Der Konfliktgegenstand: Die Lagergedenkstätte „Perm’-36“

1. Die Geschichte des Lagers in Kučino

2. Die Geschichte des Museums

3. Veränderungen im Museum seit Einsatz der neuen Leitung

II. Die Debatte über das Museumskonzept und den Verstaatlichungsprozess

1. Der Verlauf der medialen Konfliktberichterstattung

2. Die an Konflikt und Debatte Beteiligten

3. Die verschiedenen Diskursstränge und ihre Themen

3.1 Der Historisierungsdiskurs – Die Diskussion der musealen Repräsentation der sowjetischen Repressionesgeschichte

3.1.1 Die Frage nach der Zulässigkeit von Interviews mit früheren „Aufsehern“ in der Auftaktdebatte

3.1.2 Die Haftbedingungen während der letzten Lagerphase von 1972–1988

3.1.3 Die Zusammensetzung der Insassenschaft in der letzten Lagerphase von 1972– 1988

3.1.4 Die Repräsentation des GULag-Systems in den musealen Ausstellungen und Medien

3.1.5 Die Frage nach der Zulässigkeit des Vergleichs von Stalinismus und NS-Regime im Museumsnarrativ

3.1.6 Zwischenbilanz des Historisierungsdiskurses

3.2 Der Institutionalisierungsdiskurs – Diskussion der Formen der Museumsarbeit und ihrer institutionellen Rahmenbedingungen

3.2.1 Ziele, Umfang und Wirkung der Museumstätigkeit als Gegenstand der Diskussion

3.2.2 Die institutionelle Gestalt des Museums als Gegenstand der Diskussion

3.3 Der Kontextualisierungsdiskurs – Die Diskussion mutmaßlicher gesellschaftlicher und politischer Kontexte des Permer Museumsstreits

3.3.1 Der Museumsstreit als mutmaßliche Folge gegensätzlicher Einstellungen in der Gesellschaft

3.3.2 Die Frage nach den eventuellen Machtinteressen politischer Entscheidungsträger

3.3.3 Spezifika des russländischen Herrschaftssystems als mutmaßlicher organisatorisch-institutioneller Kontext des Museumsstreits – Die Debatte über die Methoden politischer Steuerung im Patronagesystem

3.3.4 Zwischenbilanz zum Kontextualisierungsdiskurs

III. Bestimmungsfaktoren der Permer Museumsdebatte

1. Die der Debatte über das Museum „Perm’-36“ zugrunde liegenden Narrative und Grundüberzeugungen

1.1 Einstellungen in Bezug auf das gegnerische Lager

1.2 Die unterschiedlichen Sichtweisen auf die UdSSR als Staat

1.3 Das jeweilige zugrunde liegende Menschenbild

1.4 Die daraus abgeleiteten Vorstellungen über das ideale Verhältnis zwischen dem Bürger und seinem Staat, die Rolle der Zivilgesellschaft und die Beziehung zum Ausland

1.5 Bedürfnislagen und Werte als Akzeptanzfaktoren in der Permer Museumsdebatte

1.6 Die der Debatte zugrunde liegenden Strukturmuster der Selbstidentifikation

2. Politische Rahmenbedingungen des Permer Museumsstreits

2.1 Russland – ein Ständestaat hinter moderner Fassade?

2.2 Die ideologischen „Klammern“ des derzeitigen Herrschaftssystems

2.3 Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im doppelt strukturierten Herrschaftssystem

2.4 Schlussfolgerungen in Bezug auf den Verlauf der Permer Museumsdebatte und ihre Diskussion

3. Zwischenfazit zu den individuellen und gesellschaftspolitischen Bestimmungsfaktoren der Permer Museumsdebatte

4. Der diskursive Kontext der Permer Museumsdebatte

4.1 Parallel geführte Debatten über Aspekte des Umgangs mit der Erinnerung an die politischen Repressionen

4.1.1 Die Debatte über die Veränderung der Schwerpunktsetzung im Soloveckij- Museumspark beim Gedenken an die Opfer des Soloveckij-Arbeitslagers

4.1.2 Die Debatte über das neu eröffnete „Museum der GULag-Geschichte“ in Moskau

4.1.3 Die Debatte über das El’cin-Zentrum in Jekaterinburg

4.1.4 Die Täterdebatte

4.1.5 Zwischenbilanz zu den parallel geführten Debatten

4.2. Der Permer Museumsstreit im Kontext der russländischen diskursiven „longue durée“

4.2.1 Ursprünge des Herrschaftssystems in Russland

4.2.2 Die russländische Intelligencija und ihre Diskurse im zaristischen Russland

4.2.3 Die Diskurse der Intelligencija in der sowjetischen Zeit

4.2.4 Zwischenbilanz zur diskursiven „longue durée“

4.3 Der Permer Museumsstreit im Kontext globaler Diskurse

IV. Fazit und Ausblick

1. Zum Zustand der russländischen Erinnerungskultur zu Terror und politischen Repressionen in der Sowjetzeit

2. Ausblick

Quellenverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Text-, Film- und Tondokumente aus den Massenmedien, Sozialen Netzwerken, Blogs, von den Websites von Organisationen sowie Texte aus Printerzeugnissen

2. Transkriptionen von Interviews

3. E-Mailkorrespondenz

4. Gesprächsprotokolle

5. Gesetzestexte

Literaturverzeichnis

Danksagung

Anhang I

Anhang II

Soviet and Post-Soviet Politics and Society

Impressum

ibidem-Verlag

„Dieses ist ein sehr russischer Ort, wie unsere ganze Lagergeschichte russisch ist. Überhaupt besteht darin unsere Beschämung und unsere große Schuld vor der Zivilisation des 20. Jahrhunderts dafür, dass das bei uns stattfand und weitergeht. Das ist unser nicht Überwundenes, nicht Beweintes, nicht Begriffenes und nicht Verziehenes“

Aleksandr Sokurov, Regisseur

 

„Was hat das überhaupt mit dem Staat zu tun? Der Richter, der meinen Großvater ins Gefängnis gebracht hat, war ein Dreckskerl, das ist alles. Man darf nicht denken, dass die Epoche Stalins eine solch schlimme Zeit war, schließlich haben wir den Krieg gewonnen…“

Ein Tourist

 

„Nein zur NATO-Basis in ‚Perm’-36’“

Banneraufschrift auf einer Mahnwache des

„Klubs Patriot“ vor dem Permer Regionalparlament

Vorwort

Im Juli 2013 verweigerte die Regierung des Permer Gebiets im Ural dem zivilgesellschaftlichen „Gedenkzentrum für die Geschichte der politischen Repressionen Perm-36“ erstmals die Unterstützung von dessen renommiertem Sommerfestival „Pilorama“ – unmittelbar nach einem von Präsident Putin veranlassten Wechsel des Gouverneurs. Als im Mai 2014 der Kulturminister des Gebiets, Igor’ Gladnev, den Gründern des Gedenkzentrums gar den Zutritt zu dem Gelände untersagte, begriffen die kremlkritische russische Bürgergesellschaft und ihre europäischen Kooperationspartner beide Vorfälle schnell als Startsignal einer neuen Phase im schon lange gespannten Verhältnis zwischen dem russischen Staat und nun auch jenen unabhängigen Organisationen, die sich im Land der Aufarbeitung der Geschichte widmeten. Diese neue Phase der Druckausübung hatte andere Felder der Bürgergesellschaft schon bald nach den Präsidentschaftswahlen 2012 erreicht und vor allem mit den Bolotnaja-Gerichtsverfahren gegen oppositionelle Demonstranten und dem neu eingeführten Sanktions-Gesetz gegen „nichtkommerzielle Organisationen, die die Funktion eines ausländischen Agenten erfüllen“ (das sog. „Agentengesetz“) ihre vorerst schärfste Form gefunden.

Denn hier wurde eine Institution, die sich die Aufarbeitung der sowjetischen Repressionsgeschichte auf ihre Fahnen geschrieben hatte und die der russischen Bürgergesellschaft mit dem „Pilorama“-Forum über Jahre eine landesweit relevante gesellschaftspolitische Diskussionsplattform eröffnet hatte, zur Zielscheibe staatlichen Willkürhandelns. Das Verfahren mündete bald in Gerichtsprozesse und in das erzwungene Ende der unabhängigen Arbeit im Gedenkmuseum. Einmal mehr bekräftigte dies die These, wonach das staatliche Handeln mit Putins dritter Amtszeit als Präsident noch einmal stärker auf die Gewinnung der Hoheit über die Geschichtsschreibung einerseits und der Kontrolle über jegliche gesellschaftspolitischen Entwicklungsprozesse andererseits zielte.

Der Akt der Übernahme der Gedenkstätte durch den russischen Staat wurde jedoch nicht widerspruchslos hingenommen, im Gegenteil setzten sich viele Vertreter der aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Medien, Kunst und Museumswesen im In- und Ausland für die vormaligen Gedenkstättenleiter ein und verlangten deren Rückkehr in die Führung des Museums. Es entspann sich eine russlandweite, kontroverse Debatte zwischen liberalen und konservativen, teilweise nationalistischen Kreisen, wie die sowjetische Geschichte und darin die Repressionen einzuordnen seien und inwieweit unabhängige, nichtstaatliche Akteure ein verbrieftes Recht haben sollten, die russische Geschichtsschreibung mit zu prägen. Zudem wurde auch intensiv diskutiert, welche professionellen Ansprüche durch unabhängige Akteure in deren Arbeit zu verwirklichen seien und inwieweit ein historisches Museum als gesellschaftspolitischer Akteur in der Auseinandersetzung um die weitere Demokratisierung Russlands auftreten darf – eine Rolle, die die einstigen Leiter des Gedenkmuseums Perm-36 stets für sich sahen und die sie sogar noch auszuweiten geplant hatten. Möglicherweise war gerade dies ein Grund für den finalen Zugriff der Regionalregierung von Perm, die sich darin durch nationalistische und kommunistische Gruppierungen wie „Sut’ vremeni“ („Wesen der Zeit“) unterstützt fühlen konnte, die gegen das unabhängige Gedenkmuseum Perm-36 in der Region eigene aggressive Kampagnen entfachten. Es gehört zu den Zwiespältigkeiten dieses Verstaatlichungsprozesses, dass gleichzeitig in der Hauptstadt Moskau auf Initiative und unter Beteiligung zivilgesellschaftlicher Kräfte wie der bekannten Menschenrechts- und Gedenkorganisation „Memorial“ ein föderales Erinnerungsprogramm zu den sowjetischen Repressionen erarbeitet und etabliert wurde, das nicht zuletzt die Schaffung einer Gedenkmauer als Denkmal für die Opfer der Repressionen und die Stärkung des bestehenden GULag-Gedenkmuseums in Moskau möglich machte.

Anke Giesens Untersuchung dieser über Jahre anhaltenden, stark polarisierten Debatte um das Konzept und die Leitungsverhältnisse der Gedenkstätte Perm-36 macht es auch für Außenstehende verstehbar, mit welch tiefgreifenden gesellschaftlichen Fragen sich die Bürger und Bürgerinnen Russlands in der Gegenwart beschäftigen. Dabei geht es nicht nur um den Umgang mit der Repressionsgeschichte, sondern auch ganz grundsätzlich darum, wie weit die staatliche Hoheit und Verantwortung einerseits und private bzw. zivilgesellschaftliche Befugnisse andererseits bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung reichen sollten – und welchen Platz das Land in Europa bzw. gegenüber den Gesellschaften Europas einnimmt.

Es gelingt der Autorin mit ihrer Analyse der verschiedenen Diskursstränge, dem Leser die verschiedenen Ebenen der Debatte nahe zu bringen. Sie zeigt zunächst durch die Untersuchung von Beiträgen in regionalen und russlandweiten Medien, aber auch von Aussagen in sozialen Netzwerken, Diskussionsveranstaltungen und Interviews, dass in der russischen Gesellschaft völlig unterschiedliche Geschichtsbilder von der stalinistischen Epoche wie auch der Brežnev-Ära verbreitet sind, die auf gegensätzlichen Idealbildern vom Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern gründen: dem des Garanten eines Rahmens, in dem sich bürgerliche Selbstverwirklichung vollziehen kann, oder dem des lenkenden Versorgerstaats. Diese gegensätzlichen Idealbilder wirken sich ihrerseits darauf aus, wie sich russische Bürger heute Gedenkstättenarbeit wünschen: entweder mit einem Schwerpunkt auf die Ehrung von Helden, die sich für ihren Staat opferten, oder als Stätten der Menschenrechtsbildung; entweder als staatliche Institutionen, die „von oben“ erstellte Kulturentwicklungspläne umsetzen, oder als zivilgesellschaftlich geführte Foren für einen eigenständigen und lebendigen historischen, politischen wie kulturellen Austausch.

Anke Giesens Untersuchung beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Analyse der Debattenbeiträge, sondern widmet sich auch den politischen Rahmenbedingungen, unter denen sich der Diskurs vollzieht. Der Leser erhält einen profunden Einblick in die Doppelstruktur der russischen Machtordnung, in der es regelmäßig eine offizielle und eine informelle Dimension staatlichen Handelns zu berücksichtigen gilt. Diese Erläuterung ermöglicht es, auch solche Diskursebenen nachzuverfolgen, die in den von offiziellen Medien veröffentlichen Debattenbeiträgen lediglich angedeutet werden. So öffnet sich der Blick auf einen Machtapparat, der nicht nur auf gesellschaftliche Strömungen reagiert, sondern diese auch gezielt zur Durchsetzung einer eigenen Deutungshoheit bei aktuellen und historischen Fragen oder unmittelbar zum Zwecke des Machterhalts befördert. Zudem wird deutlich, wie komplexere Positionen, die mehrere Perspektiven berücksichtigen, im Rahmen dieser Machtordnung häufig gegenüber eindimensional strukturierten Inhalten ins Hintertreffen geraten.

Die Autorin vergleicht die Kontroverse zu Perm-36 mit ähnlich verlaufenden Debatten zu anderen russischen Orten des Gedenkens an die Repressionen der Sowjetzeit und ordnet schließlich den Diskurs zu Perm-36 und die ihn konstituierende Machtstruktur auch ein in den Kontext der russischen „Longue durée“ zum Verhältnis von Bürger und Staat in Russland. So gelingt es ihr zu zeigen, dass auch diese Debatte sich letztlich in die seit mehreren Jahrhunderten geführte Diskussion in Russland einfügt, ob das Land Teil eines gemeinsamen europäischen Geschichts- und Kommunikationsraumes sei, in dem die einst monarchischen Gesellschaften sich schrittweise zu demokratischen Bürgergesellschaften transformieren, oder ob Russland einer ganz eigenen Entwicklungs- und Wertelogik unterliege. Daran knüpft sich jeweils die Frage, ob die Verhältnisse in Russland als „rückständig“ zu betrachten seien oder ob sich nicht sein „Sonderweg“ gar als wegweisend für die anderen Regionen Europas erweisen könnte. Die Beantwortung dieser Frage evoziert wegen ihrer Verbindung zum Selbstwertgefühl als Nation Emotionen wie Scham und Stolz – beide schwingen, wie gezeigt wird, im Diskurs untergründig mit. Indes macht die vorliegende Untersuchung diesen – oft als traditionell russlandspezifisch dargestellten – Topos der Frage nach der Zugehörigkeit zu Europa auch als einen Bestandteil der allgemeinen internationalen Entwicklung verstehbar: Es wird gezeigt, dass er auch als spezifische Variante der von Andreas Reckwitz postulierten, derzeit weltweit zu beobachtenden Konfrontation zwischen „Kulturessenzialisten“ und den Vertretern einer globalen „Hyperkultur“ gedeutet werden kann.

Mit ihrer Analyse der Vielzahl von Stimmen, die an der Debatte über Perm-36 beteiligt waren, erstellt Anke Giesen ein tiefenscharfes und historisch fundiertes Panoramabild der Grundfragen in der zeitgenössischen russischen Gesellschaft, das zugleich uns alle betreffende Konflikte unserer Zeit berührt. Die derzeit beobachtbare sukzessive Isolierung Russlands als Teil eines postulierten angeblichen Sonderwegs erklärt sich darin als ein Vorgang, der nicht zuletzt auch Ressentiments und Ambivalenzen im Umgang mit globalen Modernisierungsprozessen spiegelt, wie sie ebenso andere postkommunistische Gesellschaften in den vergangenen Jahren vermehrt aufweisen. Eine solche Lesart ergänzt die Beschreibung des heutigen Russlands, dieses so wichtigen und widersprüchlichen weltpolitischen Akteurs, um einige bedenkenswerte Facetten, die den notwendigen kundigen und rationalen Umgang mit den sehr unterschiedlichen Akteuren in Russlands Staat, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit gewiss befördern können.

Die vorliegende Untersuchung schärft zudem die Aufmerksamkeit dafür, welch wesentliche Bedeutung dem Wissen und Einsatz unabhängiger, nichtstaatlicher Fachleute bei der umfassenden Aufarbeitung der Diktaturgeschichte des 20. Jahrhunderts zukommt, insbesondere wo staatlich gebundene Institutionen sich ihr ganz oder teilweise verweigern. Die Unterstützung dieser historischen Aufarbeitung als Teil gesellschaftlicher Aufklärung und Transparenz, ihre Einbeziehung in die öffentliche Bildung und Debatte sowie der Schutz ihrer Protagonisten und die Weitergabe von deren Engagement an nachfolgende Generationen bleiben ein dringliches Anliegen für die Öffentlichkeit in Russland ebenso wie für die internationale Gemeinschaft. Sie können zur Stärkung eines historischen und politischen Bewusstseins über Erfahrungen mit Diktatur, die in der russischen und postsowjetischen Gesellschaft zweifellos noch viele Jahrzehnte lang auf vielen Ebenen nachwirken werden, beitragen – und damit in Russland auch neue Wege eröffnen für eine pluralistische, faktenorientierte und integrative Auseinandersetzung mit der Geschichte in einem gemeinsamen europäischen Raum.

Stefan Melle

Geschäftsführer DRA e.V. – Deutsch-Russischer Austausch

Berlin, im Oktober 2018

Einleitung

Die Gedenkstätte1 „Perm’-36“ im Ural fand als einzige Gedenkstätte Russlands, die sich am Ort eines ehemaligen sowjetischen Arbeitslagers befindet, in den 2000er Jahren verschiedentlich in den internationalen Medien Erwähnung. Im Juli 2014 wurde über das Lagermuseum im Dorf Kučino bei Perm,2 dessen Bauten zum Teil bereits zu Stalins Zeiten Anfang der 1940er Jahre errichtet worden waren, dann erstmalig weltweit breit berichtet. Zeitungen wie die britische „The Times“ oder die deutsche „Welt“ nahmen mit Schlagzeilen wie: „Kremlin Wipes out Memories of the Gulag“ (Hoyle 2014) oder „Wie Putin das Gedenken an den Gulag ruiniert“ (Kellerhoff 2014) Bezug auf den Ort der Erinnerung an sowjetischen Terror und politische Repressionen.

Die in den Schlagzeilen geäußerten Annahmen schienen angesichts der Krimannexion und des gerade ausgebrochenen und von Russland mit beförderten Krieges in der Ostukraine gut in das Gesamtbild einer erneut autoritären und imperial begehrlichen Staatsführung zu passen, die die weniger ruhmreichen Seiten der nationalen Geschichte weiterhin zu vertuschen suchte. Sie basierten jedoch auf der vordergründigen Interpretation eines Leitungswechsels, den der damalige regionale Kulturminister Igor’ Gladnev im Zuge der Verstaatlichung der Gedenkstätte vorgenommen hatte. Wegen der unangekündigten Umstellung der Finanzierungsmodi war es tatsächlich zu einer mehrwöchigen Schließung des bis dahin von der gleichnamigen Nichtregierungsorganisation „ANO ‚Perm’-36’“ betriebenen Museums gekommen.3

Wer sich jedoch anhand der regionalen Medien über die Vorgänge um „Perm’-36“ informierte, konnte schnell herausfinden, dass die in vielen westlichen Medien übermittelte Darstellung des Geschehens nicht der tatsächlichen Sachlage vor Ort entsprach; diese gestaltete sich ganz anders und zudem weitaus komplizierter: Entgegen der westlichen Berichterstattung war die Gedenkstätte weder über einen längeren Zeitraum (geschweige denn für immer) geschlossen worden, noch war die dort befindliche Ausstellung zur GULag-Geschichte entfernt worden. Tatsächlich hatte sich der Konflikt, der der Verstaatlichung vorausgegangen war, auch nicht an der Darstellung Stalins und des GULags innerhalb des Museums entzündet, sondern in erster Linie an der im Rahmen der Ausstellung und des Führungsnarrativs vorgenommenen Bewertung der letzten Phase des noch bis 1988 existierenden Arbeitslagers und seiner Insassen: denn ab 1972 diente „Perm’-36“ als berüchtigtes Speziallager für politische Gefangene, in dem auch einige bekannte Dissidenten wie Sergej Kovalev4 oder Natan Šaranskij5 einsaßen. Weiterhin ging die direkte Initiative zur Veränderung von Rechtsform, Leitung und Ausstellungsinhalten des Museums – entgegen der fälschlichen Annahme in mehreren westlichen Medien – nicht vom Kreml oder gar Vladimir Putin persönlich aus, sondern von der regionalen Kulturbehörde. Aus Moskau war im Gegenteil im Herbst 2013 noch verlautbart worden, dass man vorhabe, dem Museum eine reguläre Förderung aus dem föderalen Etat zukommen zu lassen.

Anhand der intensiven und ausführlichen Berichterstattung in den Permer Regionalmedien wurde zudem deutlich, dass der Konflikt um „Perm’-36“ nicht erst im Sommer 2014 entstanden war. So war schon seit geraumer Zeit eine stark polarisierte Debatte innerhalb der lokalen Zivilgesellschaft über die Gedenkstätte, ihr Konzept und ihre Rechtsform geführt worden. In deren Rahmen wurden neben der Art der Geschichtsdarstellung vor Ort noch weitere Themen kontrovers diskutiert, darunter die verschiedenen von der Gedenkstätte betriebenen Kultur- und Fortbildungsprojekte sowie der Kreis derjenigen, die Gestaltungsmacht über die Einrichtung hatten. Dabei stand schon seit Längerem der Vorwurf der Geschichtsfälschung in Bezug auf die Zusammensetzung der Insassenschaft des Speziallagers für politische Gefangene und deren Haftbedingungen während der 1970er und 1980er Jahre im Raum. Man hätte, so der Vorwurf von Seiten ehemaliger Mitarbeiter6 des regionalen sowjetischen Strafvollzugswesens, in der Gedenkstätte zu Unrecht die ehemaligen Insassen mehrheitlich als „unschuldige Opfer“ dargestellt, die unter „unmenschlichen Haftbedingungen“ zu leiden gehabt hätten. Tatsächlich hätten dort fast ausschließlich gefährliche Wiederholungstäter, Terroristen und Nazikollaborateure unter vergleichsweise milden Bedingungen eingesessen. Auch innerhalb der Permer Bevölkerung gab es schon länger einige kritische Stimmen, die monierten, dass jährlich vergleichsweise hohe Summen an Fördergeldern aus dem regionalen Etat für das von den Gedenkstättenbetreibern vor Ort durchgeführte Festival „Pilorama“-Forum ausgegeben worden seien, während für die ihrer Meinung nach dringlicheren regionalen Aufgaben kein Geld zur Verfügung gestanden habe. Dass auf dem vornehmlich von Vertretern oppositionell eingestellter Kreise geschätzten und viel besuchten Festival die Regierung zum Teil unter Benutzung deftiger Kraftausdrücke kritisiert worden war, erweckte darüber hinaus Anstoß bei den konservativeren Bürgern Perms.

Die zunächst rein regionale Debatte weitete sich jedoch auf das ganze Land aus, als das Permer Kulturministerium im Mai 2014 einen Leitungswechsel durchsetzte und anschließend Pläne zu konzeptionellen Veränderungen in der Einrichtung bekannt gab, die unter der neuen Leitung weniger als Opfergedenkstätte, sondern als Museum zu den „politischen Repressionen“ insgesamt fungieren sollte. Vor allem an Geschichte interessierte und im Menschenrechtsdiskurs involvierte Kreise Russlands skandalisierten zunächst die Veränderungen in der Gedenkstätte. Auf diese Weise erregten die Vorgänge in Perm schließlich weltweit Interesse – nicht zuletzt auch deswegen, weil sich die ehemaligen Betreiber der Gedenkstätte für ihr Ziel, wieder in die Gestaltung der Gedenkstätte mit einbezogen zu werden, intensiv um Unterstützung zunächst in zivilgesellschaftlichen Kreisen wie auch bei Vertretern der föderalen Regierung bemühten, später sich aber auch an langjährige Kooperationspartner im Ausland wandten.

An der Debatte zum Konflikt, der sich zwischen Befürwortern und Gegnern des ursprünglichen Gedenkstättenkonzepts – später auch mit Vertretern der Permer Regionalregierung – letztlich bereits seit dem Sommer 2012 entsponnen hatte, nahmen entsprechend immer mehr Personen aus der lokalen Permer Öffentlichkeit wie auch aus dem öffentlichen Leben des gesamten Landes teil. In ihrem Rahmen beleuchteten die Beteiligten dezidiert die verschiedenen Aspekte des Konzeptionsstreits und die Art und Weise, wie die Permer Regionalbehörden den daran anschließende Verstaatlichungsprozess gestalteten, auch im Hinblick auf das derzeit herrschende politische System in Russland. Sie nutzten für ihre Diskussion ebenso regionale wie russlandweite Medien, Blogs und soziale Netzwerke, Radio- und Videopodcasts, aber auch die Websites zivilgesellschaftlicher Organisationen.

1. Forschungsinteresse

Die Debatte über das Konzept und das Verstaatlichungsgeschehen von „Perm’-36“ ist eine der intensivsten und – was die Fülle der diskutierten Themen und Aspekte betrifft – umfassendsten, die in den letzten Jahren in Russland in Bezug auf seine jüngere Geschichte und den Umgang mit der Erinnerung an die Opfer der verschiedenen Phasen der sowjetischen Diktatur öffentlich geführt wurde. Weder an der Diskussion über das unter Präsident Dmitrij Medvedev geplante „Entstalinisierungsprogramm“ noch an die öffentliche Besprechung der Veröffentlichung der Namen von 40 000 am stalinistischen Terror beteiligten Offizieren des NKVD auf der Website der Gesellschaft „Memorial“ im November 2016 nahmen so viele Vertreter des öffentlichen Lebens derart engagiert über einen vergleichbar langen Zeitraum teil. Allein deshalb scheint eine ausführliche Analyse der Permer Debatte im Rahmen dieser in den Geschichtswissenschaften angesiedelten Untersuchung gerechtfertigt.

Jedoch erwuchs die Motivation zur vorliegenden Untersuchung vordringlich auch aus dem Interesse, die Vorgänge um „Perm’-36“, ihre mutmaßlichen Ursachen und deren Bewertung durch die Bürger Russlands differenzierter zu beschreiben und zu interpretieren, als in der oben zitierten, von Stereotypen geprägten Berichterstattung in den westlichen Medien geschehen. Vieles im gegenwärtigen Russland mag zwar an die sowjetische und andere Diktaturen des 20. Jahrhunderts erinnern, ist aber letztlich mit den zu Zeiten des Kalten Krieges etablierten Deutungsmustern nicht zu erfassen. Vielmehr ist hier ein genaueres Hinsehen erforderlich, das der Spezifik des gegenwärtigen Herrschaftssystems in Russland gerecht wird.

Mehrere an der Debatte Beteiligte, wie zum Beispiel der damalige inzwischen verstorbene Vorsitzende des internationalen Dachverbands der Gesellschaft „Memorial“7 Arsenij Roginskij, beschrieben die Vorgänge in Perm als beispielhaft und charakteristisch nicht nur für den Umgang Russlands mit den häufig als „schwierig“ bezeichneten Seiten seiner Geschichte und der Erinnerung an deren Opfer, sondern auch für den Zustand des politischen Systems im gegenwärtigen Russland insgesamt. So bezeichnete der Permer Regisseur Sergej Kačkin, der während der noch laufenden Debatte einen Film über die Gedenkstätte mit dem Titel „Perm’-36 – Spiegelung“ gedreht hatte, das Geschehen in Perm als „Metapher für das, was im ganzen Land vor sich geht“ (Šakirov 2016). Dies bestärkte die Verfasserin in ihrem Anliegen, durch die dezidierte Analyse eines ausgewählten Diskurses nicht nur einen Beitrag zu einem tieferen Verstehen der erinnerungskulturellen Gegebenheiten in Bezug auf den sowjetischen Terror und die Repressionen im gegenwärtigen Russland leisten zu wollen, sondern auch zu einem umfassenden Verständnis seiner politischen Gegebenheiten insgesamt beitragen zu können. Diese Aufgabe erschien nicht zuletzt angesichts des zurzeit stark polarisierten und ideologisierten Russlanddiskurses in Deutschland lohnenswert.

Dem Erkenntnisinteresse entsprechend wurde sich im Zuge der vorliegenden diskursanalytischen Untersuchung an den folgenden Forschungsfragen orientiert:

1) Was wurde auf welche Weise im Rahmen der Debatte um die konzeptionellen und administrativen Veränderungen im Museum „Perm’-36“ zwischen Sommer 2012 und Sommer 2017 verhandelt?

2) Warum tauchten in Zusammenhang mit den verhandelten Themen und Topoi gerade diese Aussagen „und keine anderen“ zu dieser Zeit an dieser Stelle auf?8

3) Welche Rückschlüsse lassen sich daraus auf die existierende Erinnerungskultur in Bezug auf Terror und politische Repressionen der Sowjetzeit ziehen und in welchem Zusammenhang steht diese mit dem Zustand des politischen Systems in Russland?

Die verschiedenen Teile der Arbeit bilden dabei die zur Beantwortung der einzelnen Fragen erzielten Ergebnisse ab: Nach einem einführenden Teil zum Stand der Forschung zur in Russland existierenden Erinnerungskultur in Bezug auf sowjetischen Terror und politische Repressionen, den theoretischen Grundlagen und Methoden für die vorliegende Untersuchung und der Vorstellung der Lagergedenkstätte „Perm’-36“ (Teil I) werden im Anschluss an einen Überblick über die Gesamtdebatte zunächst die in deren Rahmen diskutierten Themen und Topoi vorgestellt (Teil II).

Daran anschließend werden die Faktoren beschrieben, von denen die Debatte in Bezug auf ihre Inhalte und die verschiedenen formalen Aspekte bestimmt wurde (Teil III). Abschließend wird in einem Fazit – ausgehend von der Permer und parallel geführten Debatten – eine Gesamteinschätzung zum Zustand der derzeitigen Erinnerungskultur zu sowjetischem Terror und Repressionen, ihrer Möglichkeiten und Grenzen unter den herrschenden politischen Rahmenbedingungen in Russland vorgenommen (Teil IV).

2. Forschungsüberblick zu „Kollektivem Gedächtnis“ und „Erinnerungskultur(en)“ in den Ländern des ehemals sowjetischen Herrschaftsbereichs

Der „Permer Museumsstreit“ entzündete sich zunächst an Fragen der Darstellung und Bewertung der Geschichte des sowjetischen Strafvollzugs und ob und wie seiner Opfer zu gedenken sei. Er ist damit im Kern eine erinnerungskulturelle Debatte und inhärenter Teil des erinnerungskulturellen Diskurses in Bezug auf die kollektive Erinnerung an Terror und politische Repressionen, der von sowjetischen Machthabern und ihren Statthaltern in den Ländern des ehemals sowjetischen Herrschaftsbereichs ausgeübt wurde, genauso wie er ein Teil des Diskurses ist, welche Art von Gedenken dessen Opfern in Russland und anderen postsozialistischen Ländern in Europa gebührt. Zudem steht der gegenwärtige Zustand der Erinnerungskultur zur sowjetischen Repressionserfahrung in Russland im Zentrum der dritten Forschungsfrage. Im Folgenden soll daher ein Überblick über die Geschichte und den Stand der Forschung zu kollektivem Gedächtnis und Erinnerungskultur im europäischen postsozialistischen Raum gegeben werden.

Die Begriffe von Erinnerung und Gedächtnis werden zumeist mit dem Bedürfnis des Menschen in Zusammenhang gebracht, sich über die eigene Vergangenheit als unverwechselbares Individuum mit seiner eigenen persönlichen Geschichte zu identifizieren.

Daneben ist jedoch auch die Frage in den letzten Jahrzehnten zunehmend zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, aber auch der kulturwissenschaftlichen wie historischen Forschung geworden, wie die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe – unabhängig davon, ob es sich dabei um die Bewohner eines Dorfes, die Mitglieder einer Organisation oder die Angehörigen einer Nation handelt – sich gemeinsam an ihre Vergangenheit erinnern. Im Zentrum der Beschäftigung steht z.B. dabei, welche Ereignisse im Kollektiv für erinnernswert gehalten werden und auf welchen Kriterien diese Auswahl beruht. Das Forschungsinteresse richtet sich aber auch auf Fragen, ob über die Auswahl der Ereignisse und die Art und Weise, wie man sich an sie erinnert, Einigkeit oder Streit herrscht, auf welche Weise schließlich Gedächtnisinhalte aufbewahrt und an jüngere weitergegeben werden, aber auch, welche Funktion der möglicherweise nur vermeintlich gemeinsam geteilten Erinnerung in einer Gruppe zukommt.

Die Gesamtheit der ausgewählten kollektiven Gedächtnisinhalte einer Gruppe bzw. Gesellschaft und die zugehörigen Praktiken zu ihrer Konservierung und Tradierung werden im Rahmen dieses Forschungsinteresses als „Erinnerungskultur“ verstanden.

Der Göttinger Historiker Arnd Krüger definiert Erinnerungskultur entsprechend als die „Gesamtheit der Verhaltenskonfigurationen und sozial zugelassener oder erworbener Umgangsformen einer Gesellschaft oder Gruppe damit, Teile der Vergangenheit im Bewusstsein zu halten und gezielt zu vergegenwärtigen“ (Krüger 2009).

Im Folgenden werden zunächst die grundlegenden theoretischen Ansätze vorgestellt, die in der Geschichte der Erforschung kollektiv tradierter Erinnerung und des kollektiven Gedächtnisses Bedeutung erlangt haben, da sie zunächst die Begriffe und Kategorien lieferten, mit denen sich Kulturwissenschaftler und Historiker auch der Erforschung der sich in Ostmittel- und Osteuropa neue etablierenden, sich auf die sozialistische Zeit beziehenden Erinnerungskultur widmeten. Anschließend wird auf die spezifische Forschungsgeschichte zur Erinnerung in Bezug auf Terror und Repressionen in Russland eingegangen.

2.1 Erste theoretische Überlegungen: das Kollektive Gedächtnis bei Maurice Halbwachs

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs beschäftigte sich in der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts als einer der ersten systematisch mit dem Phänomen des „kollektiven Gedächtnisses“, wie er das von Mitgliedern einer Gruppe geteilte Bewusstsein über die Vergangenheit nannte. Seine beiden Bücher „Les cadres sociaux de la mémoire“ (dt. Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen) und „La mémoire collective“ (dt. Das kollektive Gedächtnis) stellen eine erste theoretische Grundlage für die Gedächtnisforschung und die Beschäftigung mit der Erinnerungskultur dar.

Halbwachs ging es in seinem Werk zentral um die soziale Bedingtheit des menschlichen Gedächtnisses. Da laut Halbwachs die Erinnerungen „uns von anderen Menschen ins Gedächtnis zurückgerufen werden“ (Halbwachs 1985b: 2), verfügten die Inhalte des individuellen Gedächtnisses stets über eine kollektive Dimension:

„…[wir] ergänzen […] unsere Erinnerungen, indem wir uns – zumindest teilweise – des Gedächtnisses der anderen bedienen. Viele Erinnerungen entgleiten uns […], weil wir nicht mehr unter den gleichen Personen leben. Viele Zeugen, die uns vergangene Perioden wieder in Erinnerung hätten rufen können, verschwinden. Es genügt zuweilen, daß wir den Ort, den Beruf wechseln, dass wir von der einen Familie in die andere geraten, daß irgendein gewichtiges Ereignis wie ein Krieg oder eine Revolution das uns umgebende soziale Milieu grundlegend ändert, [damit] uns für ganze Perioden unserer Vergangenheit nur eine recht kleine Zahl von Erinnerungen bleibt. Und im Gegensatz dazu hat eine Reise in das Land, in dem wir unsere Jugend verbrachten, die plötzliche Begegnung mit einem Jugendfreund die Wirkung, unsere Erinnerung aufzuwecken und ‚aufzufrischen’; unsere Erinnerungen waren nicht weg, sondern erhielten sich im Gedächtnis der anderen und im unveränderten Anblick der Sachen“ (Halbwachs 1985a: 50).9

Halbwachs verstand somit das kollektive Gedächtnis als eine Art „Echokammer“, in der die Erinnerungen des Individuums auf eine mehr oder weniger starke Resonanz stoßen. Dies übe auf die Erinnerungsfähigkeit des Individuums und die Menge und Qualität seiner Gedächtnisinhalte wiederum einen direkten Einfluss aus. Die Wahrnehmungen des Individuums, die in dieser „Echokammer“ der umgebenden sozialen Gruppe keine Resonanz erfahren, werden entsprechend im Rahmen dieser Vorstellung auch nicht aufbewahrt und fallen dem individuellen Vergessen anheim:

„Die Bilder von der Straße prallen von uns ab, ohne dauernde Spuren zu hinterlassen, und ebenso verhält es sich mit den meisten Eindrücken oder Erinnerungen, die sich nicht auf den wichtigsten Teil unseres sozialen Lebens beziehen“ (Halbwachs 1985a: 194).

Aber auch die Gruppe hat einen Einfluss auf das individuelle Vergessen: Wandelte sich deren Zusammensetzung, veränderten sich auch die Gedächtnisinhalte, die sich im Rahmen der Gruppe beim Individuum aktualisierten, da über bestimmte Geschehnisse die Kommunikation abbreche.

„Erst wenn die Gruppe sich wandelt, beginnt eine neue Zeit für sie, und ihre Aufmerksamkeit wendet sich allmählich von dem ab, was sie gewesen und jetzt nicht mehr sind. Aber die frühere Zeit kann für jene Mitglieder der Gruppe fortbestehen, die eine solche Wandlung am wenigsten berührt hat […]“ (Halbwachs 1985b: 118).

Die bewahrten Erinnerungen entsprächen dabei nicht dem tatsächlich Geschehenen, sondern zeichneten sich durch Veränderungen, Umgewichtungen und fiktive Ergänzungen aus:

„[D]ie Erinnerung ist in sehr weitem Maße eine Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe von der Gegenwart entliehenen Gegebenheiten und wird im Übrigen durch andere, zu früheren Zeiten unternommene Rekonstruktionen vorbereitet“ (Halbwachs 1985a: 55).

Halbwachs versuchte zudem, das Verhältnis von kollektivem Gedächtnis und Geschichtsschreibung zu bestimmen.

Während die Geschichte einem „Verzeichnis der Geschehnisse“ gleichkäme, „die den größten Raum im Gedächtnis der Menschen eingenommen“ hätten, seien diese jedoch „Notwendigkeiten und Regeln zufolge ausgewählt, nebeneinandergestellt und eingeordnet, die nicht für jene Gruppe von Menschen zwingend waren, die sie lange Zeit als lebendiges Gut aufbewahrt“ hätten (Halbwachs 1985b: 66). Geschichte beginne dort, wo die Tradition durch den Tod der Mitglieder einer Gruppe aufhöre, das soziale Gedächtnis somit verschwinde und die Geschehnisse zu ihrer Überlieferung schriftlich niedergelegt werden müssten (ebd.: 66ff).

Im Rahmen dieser Überlegungen verweist Halbwachs auch auf das gestaltende Moment des Interesses bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit:

Während in einer Gesellschaft zahlreiche kollektive Gedächtnisse nebeneinander existierten, in denen jeweils aufbewahrt würde, was für die Gruppenmitglieder von Interesse sei (ebd.: 73), umfasse beispielsweise die Nationalgeschichte Geschehnisse, die „eine Gesamtheit der Bürger als Mitglied der Nation“ interessierten (ebd.: 64).

Halbwachs stellte somit bereits grundlegende Überlegungen zur Beziehung von individuellen und kollektiven Erinnerungen, dem Verhältnis von Erinnern und Vergessen sowie von sozialem Gedächtnis und Geschichtsschreibung an. Zudem verwies er auf den Konstruktionscharakter von Gedächtnisinhalten und auf die Notwendigkeit des geteilten Interesses für die Bewahrung der Erinnerung an bestimmte Geschehnisse. So eröffnete er einen Raum für die wissenschaftliche Erforschung des Umgangs mit kollektiven Gedächtnisinhalten, der nach seinem Tod im KZ Buchenwald im Rahmen zahlreicher erinnerungskultureller Untersuchungen immer weiter ausgelotet wurde.

Laut der Frankfurter Kulturwissenschaftlerin Astrid Erll findet man bei Halbwachs bereits die Grundlage für zwei verschiedene Konzepte von kollektivem Gedächtnis:

„1. kollektives Gedächtnis als organisches Gedächtnis des Individuums, das sich im Horizont eines soziokulturellen Umfeldes herausbildet […];

2. kollektives Gedächtnis als der durch Interaktion, Kommunikation, Medien und Institutionen innerhalb von sozialen Gruppen und Kulturgemeinschaften erfolgende Bezug auf Vergangenes […]“ (Erll 2011: 16f).

Seine Schriften wurden jedoch zu seinen Lebzeiten wenig rezipiert. Trotzdem kann nach Einschätzung der Berliner Kulturwissenschaftlerin Nina Frieß seine Rolle für die Theorien der Erinnerungskultur nicht hoch genug eingeschätzt werden, da seine Schriften posthum „vielen Autoren erst durch die Abgrenzung die Möglichkeit“ gegeben hätten, „eigene Konzepte vorzustellen und weiterzuentwickeln“ (Frieß 2010: 23).

2.2 Das Konzept der „Erinnerungsorte“ von Pierre Nora

Da erst in den 1980er Jahren das Gedächtnis als kollektiv bedingtes Phänomen und kulturgestalterisches Moment wieder als Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung entdeckt wurde, soll hier als nächstes Pierre Nora Erwähnung finden. Nora tat sich 1990 als Herausgeber des mehrbändigen Werks „Les Lieux de mémoire“10 als weiterer wichtiger Begründer einer systematischen erinnerungskulturellen Forschung hervor.

Der im Titel verwendete Terminus bezieht sich auf die Vorstellung, dass sich das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe an bestimmten Orten kristallisiert. Nora führte dies insbesondere für die Gruppe der französischen Nation in ihrer Gesamtheit näher aus. Der Begriff „Ort“ erhält dabei neben der geographischen auch eine übertragene Bedeutung, d.h. auch die für eine Gruppe bedeutsamen Geschehnisse mit identitätsstiftender Funktion können einen solchen „Erinnerungsort“ darstellen, genauso wie berühmte Bücher, Gemälde oder Praktiken wie z.B. Schweigeminuten. Erll strich daher heraus, dass die „Erinnerungsorte“ bei Nora über eine materielle und funktionale Dimension verfügen müssten, zudem sollten sie absichtsvoll symbolisch aufgeladen sein. Erst dadurch würden sie von anderen kulturellen Objektivationen unterscheidbar:

„Am Anfang muss es einen Willen geben, etwas im Gedächtnis festzuhalten. Gäbe man das Prinzip dieser Vorgängigkeit auf, würde man schnell von einer enggefaßten Definition […] zu einer möglichen, aber unscharfen Definition abgleiten, die theoretisch jedes einer Erinnerung würdige Objekt einschlösse [Nora 1990: 32]“ (Erll 2011: 26f).

Halbwachs bestimmte den Resonanzraum, den sich die Mitglieder einer Gruppe gegenseitig zur Verfügung stellen, als das das Gedächtnis determinierende Moment. Nora ging hingegen davon aus, dass dieses für sein Fortbestehen von den „Erinnerungsorten“ abhängig sei: denn das Gedächtnis, das offen für die „Dialektik des Erinnerns und Vergessens“, anfällig für alle „Verwendungen und Manipulationen“ und „zu allen Übertragungen, Ausblendungen, Schnitten oder Projektionen fähig“ sei (Nora 1990: 12f), klammere sich an „Orte wie die Geschichte an Ereignisse“ (ebd.: 30). Somit muss das nach der Vorstellung Noras an die Erinnerungsorte geknüpfte kollektive Gedächtnis nicht mit seinen Trägern vergehen, sondern kann medial konserviert werden.

Auch Nora interessierte sich für die Beziehung zwischen Gedächtnis und Geschichte, die er – ähnlich Halbwachs – strikt voneinander trennte, indem er sie in ein Konkurrenzverhältnis zueinander setzte. Aufgrund ihres rekonstruktiven und kritisch-analytischen Charakters sei der Geschichte das Gedächtnis „stets verdächtig“. Ihre „wahre Mission“ bestehe darin, „das Gedächtnis zu zerstören und zu verdrängen“ (ebd.: 13). Erll, die für die Halbwachssche Position diesbezüglich im Hinblick auf seine Prägung durch das 19. Jahrhundert noch Verständnis aufbringen konnte, erschien diese „völlige Ausblendung der memorialen Funktion der Geschichtsschreibung angesichts der schon in den 1970er Jahren einsetzenden Diskussion um Konstrukthaftigkeit, Perspektivität und Standortgebundenheit der Historiographie“ befremdlich (Erll 2011: 27). Denn eigentlich seien Noras „Lieux de mémoire“ „wohl das prominenteste Beispiel für eine erinnerungshistorisch ausgerichtete Geschichtsschreibung11 […], in der eine (wiewohl nicht restlos überzeugende) theoretische Konzeption des kollektiven Gedächtnisses mit konkreten Analysen zur Herausbildung und Tradierung von Vergangenheitsversionen verbunden“ werde“ (ebd.: 28).

2.3 Das „kulturelle Gedächtnis“ von Jan und Aleida Assmann

Besonders im deutschsprachigen Raum hat die Anfang der 1980er Jahre von Jan und Aleida Assmann entwickelte Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“ eine große Wirkung entfaltet, durch die 2014 angefertigte Übersetzung von Aleida Assmanns Buch „Der lange Schatten der Vergangenheit“ (Assmann, A. 2006) ins Russische (Assman 2014) erlangte sie aber auch zunehmend im russischsprachigen Raum eine herausragende Stellung.

Als ein zentrales Verdienst dieser Theorie gilt, dass erstmalig die Verbindung von Kultur und Gedächtnis in systematischer und theoretisch fundierter Weise aufgezeigt wurde. Durch sie sei nicht nur der Zusammenhang von „kultureller Erinnerung, kollektiver Identitätsbildung und politischer Legitimierung“beschreibbar geworden, sondern es sei dank des „hohen Grades an Anschließbarkeit“ für „so unterschiedliche akademische Fächer wie Geschichtswissenschaft, Altertumswissenschaft, Religionswissenschaft, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft oder Soziologie“ ein gemeinsames Forschungsfeld mit einem „gemeinsamen Erkenntnisinteresse“ eröffnet worden (Erll 2011: 30).

Das Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ wird in der Assmannschen Theorie dabei dem des „kommunikativen“12 entgegengesetzt (vgl. Assmann, J. 2013: 56). Letzteres entspricht dabei weitgehend dem Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Halbwachs, indem es sich auf Gedächtnisinhalte bezieht, die innerhalb einer Gemeinschaft lebender Personen unterschiedlichen Alters kommunikativ verhandelt werden. Das kulturelle Gedächtnis hingegen werde getragen von „transferierbaren und tradierbaren kulturellen Objektivationen wie Symbolen, Artefakten, Medien und Praktiken sowie deren Institutionen, die sie von Menschen als sterblichen Wesen ablösen und durch ihre Übertragbarkeit ihre langfristige Geltung sicherstellen“ (Assmann, A.: 2006: 33). Diesem Bestand an geteilten Gedächtnisträgern wird in diesem Konzept – ähnlich wie den Inhalten des sozialen Gedächtnisses – eine hohe identitätsstiftende Funktion für Gruppen beigemessen:

„Unter dem Begriff kulturelles Gedächtnis fassen wir den in jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten zusammen, in deren ‚Pflege’ sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt, ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf dass eine Gruppe ihr Bewußtsein von Einheit und Eigenart stützt“ (Assmann, J. 1988: 15).

Während sich das kommunikative bzw. soziale Gedächtnis durch „seine Alltagsnähe“ auszeichne, sei das kulturelle Gedächtnis durch „seine Alltagsferne“ gekennzeichnet. Es beziehe sich auf „schicksalhafte Ereignisse der Vergangenheit, deren Erinnerung durch kulturelle Formen“ wie Texte, Riten und Denkmäler sowie „institutionalisierte Kommunikation“ (Rezitation etc.) wachgehalten werde. Als Beispiel führte Jan Assmann dabei den jüdischen Festkalender als Medium an, der für die Angehörigen einer bestimmten Gruppe von Menschen die Erschließbarkeit „des Sinngehaltes ihrer kollektiven Erfahrungen über Jahrtausende hinweg“ ermöglichte (ebd.: 12). Durch den Wissensvorrat, den eine Gruppe im kulturellen Gedächtnis bewahre, könnten ihre Angehörigen somit ihre Identität bestimmen, das „Eigene vom Fremden“ trennen, die Motivation zu seinem Erwerb sei daher weniger von Wissbegierde als von dem Bedürfnis nach Identität bestimmt (ebd.: 13).

Weiterhin betont Jan Assmann, dass das kulturelle Gedächtnis sich durch „Organisiertheit“ auszeichne, indem entsprechende Institutionen zu seiner Bewahrung geschaffen und Spezialisten ausgebildet würden. So entstünde über den Bezug auf ein normatives Selbstbild eine verbindliche und „klare Werteperspektive“, so dass „der Wissensvorrat und Symbolhaushalt“ strukturiert und „wichtige und unwichtige, zentrale und periphere, lokale und interlokale Symbole, je nach der Funktion, die ihnen in der Produktion, Repräsentation und Reproduktion dieses Selbstbildes zukommt“, ausgemacht werden können (ebd.: 14).

Zudem existiere das kulturelle Gedächtnis in „zwei Modi“, einmal im „Modus der Potenzialität als Archiv“, und zum zweiten „im Modus der Aktualität“, in dem die Inhalte des kulturellen Gedächtnisses auf die aktuelle Situation bezogen würden (ebd.: 13) – ein Gedanke, den Aleida Assmann später in ihrer Unterscheidung des Speichergedächtnisses und des Funktionsgedächtnisses aufgriff. Während das Funktionsgedächtnis zentrale Aufgaben wie „Identitätskonstruktion oder die Legitimierung einer bestehenden Gesellschaftsform“ übernehme, diene das Speichergedächtnis als „Reservoir zukünftiger Funktionsgedächtnisse“, als „Ressource der Erneuerung kulturellen Wissens“ und damit als „Bedingung der Möglichkeit kulturellen Wandels“ (Assmann, A. 1999: 140).13

Aleida Assmann erweiterte auch die Theorie um grundsätzliche Überlegungen zu Grundmustern des kulturellen Gedächtnisses, wie sie in Bezug auf historische Konstellationen von Siegern und Verlierern, Opfern und Tätern zu finden sind, und beschäftigte sich mit der Verarbeitung kollektiver Niederlagen und Traumata im kulturellen Gedächtnis. Damit öffnete sie das Konzept für die Untersuchung erinnerungskulturellen Umgangs mit „schwierigen Vergangenheiten“14 und Prozessen der „Vergangenheitsbewältigung“ (Assmann, A. 2006: 62ff).

2.4 Das Modell des Gießener Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“

Da man das Assmansche Konzept des kulturellen Gedächtnisses als „statisch und überhistorisch angelegt“ einschätzte, wurde im Rahmen des Gießener Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“ von 1997 bis 2008 ein Modell zur Beschreibung von kulturellen Erinnerungsprozessen entwickelt, das die „Pluralität der kulturellen Erinnerung“15 in den Vordergrund rückte (Erll 2011: 37). Das Modell wird hier vorgestellt, da es eine Veränderung der Forschungsperspektive abbildet, die sich ab den 2010er Jahren auch in der Erforschung der Erinnerungskultur Ostmittel- und Osteuropas niederschlägt: die Verschiebung des Interesses von den großen, allgemeinen auf nationaler Ebene angesiedelten Entwicklungslinien weg zu den konkreten lokalen Gegebenheiten.

Im Rahmen dieses Modells werden auf drei Ebenen mögliche Blickwinkel vorgegeben, die die „Suche nach operativen Faktoren und transversalen Linien“ vorstrukturieren, „die unterschiedliche Möglichkeiten der thematischen, methodischen und theoretischen Zurichtung des Themas eröffnen“ (Sandl 2005: 108).16

Dabei geht es einmal um die Frage nach den „Rahmenbedingungen des Erinnerns“, womit die Spezifik einer bestimmten Gesellschaftsform, deren „Wissensordnung, Zeitbewusstsein und Herausforderungslage“ (z.B. gesellschaftliche Umbrüche) gemeint ist. Zudem wird auf einer zweiten Ebene der Blick auf die „Ausformungspezifischer Erinnerungskulturen“ gerichtet, d.h. es werden „Erinnerungshoheit“(hegemonial oder konkurrierend) und -interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in den Fokus genommen, aber auch „Erinnerungstechniken“ (Gedächtnismedientechnologien) und „-gattungen“ (Geschichtsfilm, Historiographie etc.). Schließlich werden auf einer dritten Ebene „die Äußerungsformen und Inszenierungsweisen des vergangenheitsbezogenen Sinns, bzw. das konkrete Erinnerungsgeschehen“ beleuchtet. Dieses kann sich nach Typen der Erinnerungsarbeit (‚wissenschaftlich-diskursive’17 oder ‚imaginativ-fiktive’ Strategien) unterscheiden, oder von „individueller Lebenserfahrung“ oder „der Aneignung eines Erinnerungsraums jenseits der Erfahrungsschwelle“ geprägt sein. Auch die Untersuchung der Rezeptionsgeschichte der Gegenstände und Medien des kulturellen Gedächtnisses wird auf dieser Ebene nahegelegt (Erll 2011: 37f).18

Mit dem vorgestellten Modell des Gießener Sonderforschungsbereichs wurde somit in Bezug auf das kulturelle Gedächtnis und die Erinnerungskulturen von bestimmten Gruppen bzw. Gesellschaften ein weites Feld an möglichen Fragestellungen eröffnet. Dies ermöglichte eine differenzierte und vielfältige wissenschaftliche Bearbeitung des Feldes, die sich auch in einer Hinwendung der erinnerungskulturellen Beforschung zu den lokalen Gegebenheiten im postsozialistischen Raum spiegelte.

In den Fragestellungen des Modells bildet sich aber auch durchaus ein internationaler Trend ab, den der Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen Günter Morsch als „Erinnerungsboom“ bezeichnete und mit dem „Ende des kalten Krieges, dem Zusammenbruch der alten diaologischen Frontstellungen sowie mit der Entwicklung globaler Kommunikation“ in Verbindung brachte. Im Zuge dessen sei es möglich geworden, dass nun „verschwiegene und vertuschte Verbrechen aufgedeckt, vergessene und diskreditierte Opfer öffentlich geehrt“ würden und „Angehörige Auskunft über die Gräber ihrer Toten“ erhielten. Die Überlebenden erführen „eine späte Anerkennung“, und Täter würden „auch Jahrzehnte nach ihren Verbrechen zur Rechenschaft gezogen“ (Morsch 2010: 6).

Dies zöge aber nicht nur positive Entwicklungen nach sich:

„Doch mit dem Ende der Tabus und des Schweigens setzte gleichzeitig ein erbitterter Deutungskampf ein: die alten Feindbilder werden hervor gezerrt, Risse zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Ethnien und Staaten reißen auf, Opferkonkurrenzen entstehen, Parteien und Regierungen formen die wieder aufgebrochenen Ressentiments in »Erinnerungs- bzw. Vergangenheitspolitiken« um. Geschichte wird zur Waffe und in Extremfällen, wie z.B. beim Zerfallsprozess Jugoslawiens und der Sowjetunion, wird auch wirklich geschossen“ (ebd.).

Auch Volkhard Knigge, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, benannte im gleichen Jahr die Grenzen des Erinnerungskonzepts, indem er in Frage stellte, dass „Erinnerung als solche bereits der Königsweg zur Bildung von kritischem Geschichtsbewusstsein“ sei:

„Aus dem Blick gerät dabei nicht zuletzt, dass historisches Erinnern in der Geschichte eher dem Gegenteil, nämlich immer wieder hoch aggressiven Zwecken, gedient hat und weiterhin dient, etwa in Gestalt der Verortung und Verstetigung von Feindbildern oder der Begründung und Anheizung angeblich ausstehender Rache und Revanche“ (Knigge 2010: 10f).

Er plädierte vor dem Hintergrund seiner beruflichen Erfahrung, dass „Gedenkstätten nicht eine Erinnerung“ repräsentierten, „sondern Kristallisationspunkt zahlreicher und keineswegs einheitlicher Erinnerungen“ seien, für „einen bewussten Abschied vom Paradigma der Erinnerung“. Der „Selbstgenügsamkeit von Erinnerung“, „ihre[r] Abkopplung von geschichtswissenschaftlicher Forschung und methodisch fundierter Vernunft, ihre[r] Transformation in unhinterfragbare historische Offenbarung“, die „entweder „naiv“ sei oder „politischen Religionen und deren hohen Priestern den Weg“ bahne, setzte er die Forderung nach der quellenkritisch aufbereiteten Dokumentation „erfahrungsgeschichtlicher Zeugnisse“ entgegen. Schließlich sei es eine „Binsenweisheit, dass

„menschliches Erinnern bei aller Rückgebundenheit an Erfahrungen kein bloßes Widerspiegeln ist, sondern immer auch gegenwartsverhaftete und zukunftsgerichtete Konstruktion“ (ebd.).

Das auch von anderen deutschen Autoren geäußerte „Unbehagen an der Erinnerungskultur“19 wurde jedoch von Herbert Jaumann mit den spezifischen „Schattenseiten des öffentlichen Erinnerungsbetriebs“ in Deutschland in Zusammenhang gesetzt (Jaumann 2014). Schließlich hatten bereits Katrin Hammerstein, Ulrich Mählert und Julia Trappe in dem von ihnen 2007 herausgegebenen Sammelband im Titel die Frage nach einem „Diktat der Aufarbeitung“ bei der „Aufarbeitung der Diktatur“ gestellt. Die im Band kritisch beleuchteten „Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit“ (Hammerstein et al. 2007) waren schon 1999 von dem britischen Historiker Timothy Garton Ash aufgegriffen worden, der damals in Bezug auf Deutschland von einer „DIN-Norm für Vergangenheitsbewältigung“ gesprochen hatte (Garton Ash 1999: 309).

Während diese kritischen Überlegungen durchaus wichtig sind, was die spezifisch deutschen erinnerungskulturellen Gegebenheiten anbelangt, kann in Bezug auf den osteuropäischen bzw. postsowjetischen Raum keine Rede von einem etablierten „Erinnerungsbetrieb“ sein. In Ländern wie Russland mit der Geschichte einer jahrzehntelang staatlich gelenkten Gedächtnispolitik wurde von Seiten der Regierung immer wieder in die öffentliche Debatte schmerzlicher Erinnerungen von Individuen und Gruppen eingegriffen,20 daher sind dort Perspektiven, die sich mit den Konzepten des „kulturellen Gedächtnisses“ und der „Erinnerungskulturen“ eröffnen, noch neu.

2.5 Das Konzept „Memory at War“ von Alexander Etkind et al.

Jedoch sind auch in Ostmittel- und Osteuropa die von Morsch angesprochenen Phänomene im Zuge erbitterter Deutungskämpfe zu beobachten.

Um den besonderen Gegebenheiten besser gerecht zu werden, der die erinnerungskulturellen Entwicklungen im postsozialistischen Raum unterliegen, wurde von 2010 bis 2013 an der Universität Cambridge unter der Leitung des russisch-amerikanischen Psychologen und Kulturwissenschaftlers Alexander Etkind ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Memory at War“ durchgeführt, das sich der Erforschung der „kulturellen Dynamik in Polen, Russland und der Ukraine“ widmete (University of Cambridge 2010). Im Rahmen dieses Projekts entstanden zahlreiche Studien zu konflikthaften Auseinandersetzungen um Erinnerung und Gedenken an konkrete historische Ereignisse in Ost- und Ostmitteleuropa. In ihrem Band „Memory and Theory in Eastern Europe“ versuchen sich Etkind und sein Koautor Uilleam Blacker jedoch auch, eine theoretische Grundlage für die Erforschung der osteuropäischen „Memory Wars“ zu entwerfen. Sie verweisen dabei insbesondere auf folgenden Unterschied zur west- und westmitteleuropäischen Erinnerungskultur:

„In contrast with memory in the West, this memory formation has not been dominated by the Holocaust and the Nazi conquest of Europe. The terrorist practices exercised by states against their own citizens in both the Soviet Union and its colonized domains in Eastern Europe have been just as important, often more so. The transition from the long socialist decades of secrecy and servility, to the neoliberal twenty-first century, with its mobility, crises, and corruption, has made East European memory challenging, even explosive” (Blacker, Etkind 2013: 4).

Ein weiterer wichtiger Unterschied sei in Bezug auf die Medien festzustellen, in denen sich Erinnerungen manifestierten. Vor dem Hintergrund westlicher Erfahrung sei es nach wie vor verbreitet, öffentliche Erinnerung anhand ihrer „Hardware“ wie Denkmäler, Gedenkstätten und Museen mit einem festen Bezug zu Raum und Zeit zu analysieren. In Bezug auf Ost- und Ostmitteleuropa sei es aber viel angemessener, sich der „Software“ der Erinnerung zu widmen: Das Forschungsinteresse müsse sich vielmehr auf Formen richten wie „Memoiren, Romane, Filme, Kunstwerke, Beiträge aus sozialen Netzwerken, Erinnerungsveranstaltungen und hitzige öffentliche Debatten über die Vergangenheit. Diese Manifestationen von Erinnerung hätten Denkmäler, Gedenkstätten und Museen „hinter sich gelassen“ und seien zudem – wenn sie neu seien – häufig von „Fluidität“ gekennzeichnet, „umstritten“ und entfalteten zudem eine „aufwühlende“ Wirkung auf die Rezipienten.21

Es herrsche eine „weit verbreitete Unzufriedenheit in Bezug auf die Verwirklichung von Erinnerung und Trauer“ und ein „Gefühl, dass die Erinnerung das Gleichgewicht verloren“ habe, auch wenn „keine normative Beschreibung eines solchen ‚Gleichgewichts’“ existiere. Somit unterschieden sich diese „gequälten und verzerrten Erinnerungsentwicklungen“ stark von den „öffentlichen und konsistenten Narrativen des westlichen auf den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg konzentrierten Erinnerungsbooms“. Osteuropa zeige daher mehr Ähnlichkeit zu „Ländern des postkolonialen Raums“,22 deren Erinnerungs- und Trauerprozesse ebenfalls „unterdrückt“ worden und entsprechend „verworren“ seien (ebd.: 5).

Ein weiterer schwieriger Punkt sei das im Zuge von Naziokkupation und sowjetischem Terror sowie wechselseitiger Kollaboration entstandene „Vergangenheitsbild, das Opfer- und Täterstatus in sich vereinige“. Die daraus resultierende „Selektivität“ von Erinnerung sowie „Vergessen“ könne nicht mit Hilfe des „in Westeuropa etablierten Paradigmas verstanden“ werden (ebd.: 8f), in dem die Bestimmung von Tätern und Opfern eindeutiger vorgenommen werden könne.

Insgesamt würden die Konzepte der Erinnerungsstudien „bei ihrer Reise durch Osteuropa herausgefordert und abgeändert“. In Nordamerika und Westeuropa bedienten sich viele Forscher der Traumatheorie, um Erinnerungsprozesse zu untersuchen. Traumapatienten zeichneten sich jedoch dadurch aus, dass sie sich gerade an das traumatische Ereignis nicht erinnern könnten. So sei die Traumatheorie in Osteuropa „nicht in gleichwertiger Weise anwendbar“, da man dort hingegen feststelle, dass man sich vor allem „an Verluste fast zu gut“ erinnern könne. So charakterisierten nicht „traumatische Verzerrungen“ der Erinnerung die postsozialistischen Entwicklungen, sondern stattdessen „eine wiederholte, sogar etwas obsessive Erinnerung an den Verlust“. Entsprechend hätten sich viele, die die osteuropäische Erinnerungskultur untersuchten, „dem Freudianischen Konzept der Trauer zugewandt“ und somit das Augenmerk der Forschung eher auf die „Beziehungen zwischen privaten und öffentlichen Trauerprozessen“, aber auch auf ihr neurotisches Gegenstück, die „Melancholie“, gerichtet (ebd.: 9).

So löblich der Versuch, eine auf den postsozialistischen Raum zugeschnittene Erinnerungstheorie zu konzipieren, auch erscheinen mag: Die erinnerungskulturellen Gegebenheiten im „Westen“ werden im Rahmen dieser Theorie in einen extremen Gegensatz zu denen in der postsozialistischen (wie auch der postkolonialen) Welt gesetzt. Sicherlich sind tendenziell in vielen westmittel- und westeuropäischen Ländern die Vermittlungsprozesse zur Einhegung von Konflikten über die Darstellung der Vergangenheit, die sich zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sowie zwischen gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen etabliert haben, länger eingeübt und die entsprechenden Institutionen stärker ausgebildet als in den ehemals sozialistischen (und postkolonialen) Ländern. Im Westen nehmen staatliche Strukturen heutzutage tendenziell häufig eher eine Rolle der Moderation zwischen den erinnerungspolitischen Anliegen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ein, während in vielen Ländern des postsozialistischen (und postkolonialen) Raums der Staat tendenziell oft seine eigenen geschichts- und erinnerungspolitischen Interessen ohne Rücksicht auf die Interessen einzelner gesellschaftlicher Gruppen vertritt. Doch sind sowohl in Bezug auf die Länder im Westen wie auch im Osten jeweils in Abhängigkeit von spezifischen historischen Ereignissen, in Bezug auf die Erinnerungsinteressen geäußert werden, diesbezüglich große graduelle Unterschiede festzustellen.

Des Weiteren ist auch in den westmittel- und westeuropäischen Ländern die Stellung der Holocausterzählung als erinnerungskulturelles „Masternarrativ“ in Zusammenhang mit Migrations- und anderen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen nicht in allen gesellschaftlichen Milieus gleich unangefochten verankert. Genauso wenig ist bei Beschäftigung mit Themen wie z.B. der Kollaboration mit den nationalsozialistischen Besatzern die Grenze zwischen Opfern und Tätern immer eindeutig zu ziehen. Etkinds und Blackers Thesen zum angeblichen unterschiedlichen Umgang mit Traumatisierung, Verlust, Trauer und Melancholie in West und Ost erscheinen zudem etwas willkürlich aufgestellt und lassen sich durch Gegenbeispiele schnell entkräften: so erscheinen beispielsweise viele Angehörige von Kreisen der „Heimatvertriebenen“ aus ehemals deutschen Ostgebieten in Deutschland auch auf die Verlusterinnerung konzentriert. Auch bleibt unklar, was man sich unter einer Erinnerung, die sich im Unterschied zu der in Osteuropa im Gleichgewicht befände, vorzustellen hat.

So scheint der Ansatz, der sich ja die Erarbeitung eines dem postsozialistischen Raum angemessenen Konzepts auf die Fahnen geschrieben hatte, durch die spezifische Proklamation angeblich tiefgreifender Unterschiede zum „Westen“ die Gefahr der Verfestigung einer Forschungsperspektive zu transportieren, die die Erinnerungskultur in Ost- und Ostmitteleuropa vornehmlich nicht als eigenständiges Phänomen, sondern weiter unter dem Vergleichshorizont der „Abweichung“ und des „Defizits“ betrachtet, obwohl eigentlich etwas anderes intendiert scheint.

2.6 Weitere Forschungsperspektiven

Im Rahmen des Forschungsfeldes zum kollektiven Gedächtnis und zu(r) Erinnerungskultur(en) sind in den letzten Jahren einige spezifische Forschungsperspektiven besonders in den Vordergrund gerückt, die auch in Russland und anderen ehemals sozialistischen Ländern zunehmend aufgegriffen werden.

Zum einen ist dort der Ansatz des „Postmemory“ von Marianne Hirsch zu nennen. Mit Hilfe dieses Konzepts wird versucht, das Phänomen zu ergründen, das bei Nachkommen von Menschen mit „machtvollen, häufig traumatischen Erfahrungen“ zu beobachten ist. Viele Vertreter der sogenannten „zweiten Generation“ berichten, dass die Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern an Ereignisse vor ihrer Geburt anscheinend auf eine so tiefe Weise an sie übermittelt wurden, dass sie diese als eigene Erinnerungen erleben (Hirsch 2008: 103). Das Forschungsinteresse, das sich zunächst auf die Familie als Raum der Erinnerungs- und Traumaübermittlung und auf Fotografien als mögliches Transmissionsmedium anhand der Familien von Überlebenden des Holocausts richtete, hat sich insbesondere in Deutschland im Rahmen vorrangig psychologischer Untersuchungen auf die Nachkommen der „Kriegskinder“ enorm ausgeweitet.23 In Bezug z.B. auf die Nachkommen der GULag-Insassen steht die Forschung jedoch noch am Anfang.24

Eine zweite Forschungsperspektive, die immer mehr Bedeutung erhält, stellt die Untersuchung politischer Strategien in Bezug auf die Ausgestaltung der Erinnerungskultur(en) bzw. des öffentlichen Herstellens von Vergangenheitsbezügen dar. Der Leipziger Historiker Stefan Troebst verstand die „Geschichtspolitik“25 in seinem gleichnamigen Artikel von 2014, der einen umfassenden Überblick über das Feld bietet, dabei als „ein Politikfeld wie etwa die Sozialpolitik oder die Gesundheitspolitik“, das „durch den Umgang politischer Instanzen und Akteure mit primär nationalen Jahres- und Gedenktagen, ‚historischen’ Orten und Persönlichkeiten, Höhen bzw. Tiefen der eigenen Nationalgeschichte, Geschichtsmuseen und -ausstellungen, Denkmalen, Gedenkstätten, Memorialkomplexen u.a. gekennzeichnet“ sei (Troebst 2014: 2). Er zitierte aber auch den Politikwissenschaftler Harald Schmid, in dessen Definition Geschichtspolitik als „jene Diskurse und Handlungen“ bestimmt werden, mit denen die Deutung von Geschichte als gegenwärtige öffentliche Repräsentation einer kollektiv relevanten Vergangenheit zu politischen Zwecken betrieben wird“ (ebd.: 4).26

In seinem Beitrag widmete sich Troebst zudem auch der Problematik des Verhältnisses von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur: Während einige Forscher „Geschichtspolitik“ als einen spezifischen Teilbereich der Erinnerungskultur(en) einer Gesellschaft verstehen, verwenden andere den Begriff jedoch häufig auch komplementär. Er zitiert dazu Edgar Wolfrum, der dies darauf zurückführt, dass „Erinnerungskultur in einem engeren Sinn Vergangenheitsbezüge“ meine, „mit denen ‚Gemeinschaft’ gestiftet bzw. Gruppenidentität gepflegt wird“, in „einem weiteren Sinne aber den gesamten Kulturbetrieb, in dem es um Geschichte geht“, erfasse und damit „mit dem Begriff ‚Geschichtskultur’ deckungsgleich” werde (ebd.: 8).27 Troebst plädiert deshalb für ein Modell,

„das die „Erinnerungskultur” einer Gesellschaft als gemeinsames Produkt (a) staatlicher Geschichtspolitik, (b) der Geschichtspolitik nicht-staatlicher /zivilgesellschaftlicher Akteure, (c) des staatlichen Zugriffs wie medialer Öffentlichkeit entzogenen Bereichs des familiär tradierten Gedächtnisses und (d) der häufig gegenläufigen erfahrungsbasiert-individuellen Erinnerung von Zeitzeugen begreift. Entsprechend kann „Erinnerungskultur” als Oberbegriff gelten, ‚Geschichtspolitik’ hingegen als einer von mehreren Unterbegriffen, der, wie gezeigt, seinerseits die Subkategorie der ‚Vergangenheitspolitik’ aufweist (ebd.: 9).

In Bezug auf seine wissenschaftliche Erforschung schätzte Troebst das Feld der Geschichtspolitik im Artikel als ein „mittlerweile veritables neues Forschungsfeld“ ein, „das durch normativ-kritische wie durch wissenschaftlich-objektive Ansätze, hier vor allem geschichts-, politik-, sozial- und kulturwissenschaftliche, charakterisiert“ sei (ebd.: 2).

Zudem verwies er dabei insbesondere auch auf den Unterschied zwischen demokratisch und autoritär bis diktatorisch verfassten Gesellschaften. Während in den ersteren Gesellschaften staatliche und nicht-staatliche Akteure sich geschichtspolitisch engagierten, wäre das Feld in letzteren durch das Monopol des Staates gekennzeichnet (ebd.).

Diese Beobachtung erhält nicht nur in Bezug auf Länder wie Russland, die klare autoritäre Strukturen aufweisen, sondern auch im EU-Raum immer mehr Brisanz: Durch die Übernahme von Regierungsverantwortung in Ländern wie Ungarn oder Polen durch Parteien, die „nationalpatriotisches“ Gedankengut und ein „illiberales“ Modell von Demokratie propagieren, stellt sich dabei auch in Europa zunehmend die Frage, inwieweit die Tätigkeit von Historikern und Museumsbetreibern nicht selber durch geschichtspolitische Maßnahmen eingeschränkt wird.28

Interessant sind auch die Bezüge, die Marianne Hirsch im Interview auf dem Moskauer Geschichtsportal „Uroki istorii“ (Lehren der Geschichte) zwischen „postmemory“ und einer nationalen Geschichtspolitik herstellt, deren Ziel es sei, bei der Jugend patriotische Gefühle zu wecken:

„Es werden sehr ähnliche Techniken genutzt: die Hinwendung zum Persönlichen, um für die jüngere Generation einen gemeinsamen Ort herzustellen, der um bestimmte Erinnerungen an die Vergangenheit herum konstruiert ist, aber trotzdem sind es prinzipiell andere Dinge. Ich denke, es ist sehr interessant, sie mobilisieren das postmemory, aber die Mobilisierung muss unbedingt politisch aktuell sein“ (Lozinskaja 2016).29

Als ein weiterer Ansatz soll hier noch das besonders im angelsächsischen Raum seit den 1970er Jahren verbreitete Konzept der „Public History“ erwähnt werden. Unter dem Begriff „Public History“ wird eine Geschichte verstanden, die

„für ein breites Nicht-Fachpublikum aufbereitet wird, die die Allgemeinheit betrifft, von dieser selbst mitgestaltet wird und auch geschrieben werden kann“ (Zündorf 2017).

Stefanie Samida zählt dazu

„die Präsentation von Vergangenheit in den klassischen Massenmedien wie Buch, Zeitung, Radio und Fernsehen genauso wie solche in Museen, Gedenkstätten, Stiftungen und Archiven oder etwa im Kontext der Politischen Bildung“ (Samida 2014: 3).

Somit seien alle „Public Historians“, die Geschichte darstellten und vermittelten, wie etwa eine „auf freiwilliger Basis arbeitende Stadtführerin und der am Wochenende als Alemanne verkleidete Fernfahrer“ ebenso wie „die klassischen Dienstleister, die als Journalisten, in Agenturen, für Unternehmen und Museen, für die Werbung oder auch in der Politik“ arbeiteten, nicht zuletzt auch Wissenschaftler, wenn sie in dieser Rolle aufträten (ebd.). Die „Public History“, die sich inzwischen auch als Universitätsfach (in Deutschland als „Angewandte Geschichte“) etabliert hat, schließt aber auch zunehmend die Erforschung von Aktivitäten der öffentlichen Geschichtsvermittlung mit ein.

Ebenfalls darf nicht vergessen werden, dass durch die Ausweitung des Zugangs des Internets weltweit auch zunehmend der virtuelle Raum genutzt wird, um sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. So gibt es inzwischen zahlreiche Angebote in vielen verschiedensprachigen Netzen, anhand derer Nutzer sich über unterschiedliche Sichtweisen auf die Vergangenheit informieren können, Ergebnisse eigener Forschungen sowie neue Sichtweisen auf Foren oder in sozialen Netzwerken zur Diskussion stellen können etc., so dass durch dieses Medium der Kreis der erinnerungskulturellen Akteure sich vervielfacht hat. Insbesondere in Ländern wie Russland, die sich durch eine rigide Geschichtspolitik auszeichnen, werden die von der Regierungsposition abweichenden erinnerungskulturellen Sichtweisen im Internet veröffentlicht und diskutiert. Aber auch die menschlichen Erinnerungspraktiken unterliegen durch die heutige Möglichkeit, Fotos, Videos und andere Dokumente eines Ereignisses sofort auch über das Internet für einen großen Kreis von Personen zugänglich zu machen, einer fundamentalen Veränderung. Entsprechend versuchten in den letzten Jahren Kulturwissenschaftler, wie die niederländische Medienwissenschaftlerin José van Dijk in ihrem Buch „Mediated Memories in the Digital Age“ (van Dijk 2007), diese Entwicklung auch theoretisch aufzuarbeiten.

2.7 Forschungsgeschichte zur Erinnerung an Terror und Repressionen in Russland

Der sowjetischen kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Forschung war bis Ende der 1980er Jahre die Berücksichtigung bestimmter ideologischer Prämissen auferlegt, und ihre Vertreter konnten zudem nur schwer Kontakte zu ihren westlichen Kollegen aufbauen. Für diese existierten wiederum diverse Hindernisse, Forschungssaufenthalte in der Sowjetunion zu realisieren. Daher bestand noch bis in die 1990er Jahre hinein eine große Diskrepanz zu den in West- und Mitteleuropa verbreiteten Theorien und Forschungsansätzen. Poststrukturalistische Herangehensweisen, die an Stelle einer erforschbaren objektiven Realität die Konstruiertheit aller sozialen und kulturellen Phänomene betonen, fassen in Hochschulen und Forschungsinstituten in Russland nur langsam Fuß. Entsprechend gab es zwar schon früh eine ausdifferenzierte „museologische“ Forschung,30 die sich auch mit dem historischen Museum als Bildungsinstitution befasste, in dessen Rahmen die museale Darstellung einer objektiven Geschichtsschreibung zu verwirklichen sei. Eine an persönlichen oder kollektiven Erinnerungen orientierte Herangehensweise an die Vergangenheit fand jedoch allenfalls privat oder im Rahmen literarischer Texte oder des Filmschaffens statt.

So haben sowohl der historische Roman wie auch der historische Film zwar eine große Tradition in Russland, wurden dort aber lange nicht als Phänomene einer speziellen „Erinnerungskultur“ diskutiert. Dies gilt noch einmal in besonderem Maße für die Erforschung der Erinnerung an den politischen Terror der Stalinzeit wie auch an die politischen Repressionen in der Sowjetzeit insgesamt. Da die historischen Ereignisse in Verbindung mit Terror und Repressionen bis Mitte der 1980er Jahre in der Sowjetunion gar nicht öffentlich verhandelbar waren, konnten sie auch nicht historisch erforscht werden, entsprechend konnte sich zunächst auch keine öffentliche Erinnerungskultur in Bezug auf die Repressionserinnerung etablieren. Erst ab Ende der 1980er Jahre entstanden Denkmäler und Gedenkstätten für die Opfer von Terror und Repressionen, richtete man in regionalen landeskundlichen Museen Abteilungen zur lokalen Repressionsgeschichte ein oder griff das Thema des staatlichen Terrors nicht nur im „tamizdat“,31 sondern auch im inländischen Kulturschaffen auf.

So war die Historikerschaft in Russland wie auch die internationale nach dem Zusammenbruch der UdSSR, der mit neuen Möglichkeiten einherging, Zugang zu Archiven zu erhalten, zunächst mit der Erforschung des Ausmaßes und der verschiedenen Formen der politischen Repressionen beschäftigt. Entsprechend rückte das Forschungsgebiet der dazugehörigen Erinnerungskultur erst später in den Fokus von Historikern und Kulturwissenschaftlern. Die ersten Studien zur russländischen32 bzw. russischsprachigen Erinnerung an Terror und Repressionen und zum Gedenken ihrer Opfer entstanden erst ab den späteren 1990er Jahren – häufig in der Zusammenarbeit von russländischen und russischsprachigen Wissenschaftlern und westlichen Kooperationspartnern.33 Zum Teil wurden sie auch von westlichen Wissenschaftlern – darunter viele mit (post-)sowjetischem Migrationshintergrund – in Russland durchgeführt.34

Die aus dieser institutionellen Verquickung sich ergebende Verwobenheit der russländischen erinnerungskulturellen Forschung mit der internationalen bildet sich auf der Ebene der Veröffentlichungen ab: So wurden vor allem Sammelbände – wohl auch aus Gründen des Vergleichs – mit Beiträgen über die Erinnerung in Bezug auf den ganzen postsozialistischen Raum und die dortigen Ereignisse über den Zeitraum von 1917–1989 veröffentlicht. Dabei dominierten neben Beiträgen über generelle erinnerungskulturelle Tendenzen die Studien von Wissenschaftlern zu speziellen Erinnerungsorten oder zurErinnerung an besondere Ereignisse, aber auch zur Erinnerung spezifischer Gruppen oder zurGeschichtsdarstellung in ausgewählten Medien wie Schulbüchern oder Filmen. Viele dieser Sammelbände wurden dabei insbesondere in Deutschland veröffentlicht,35 in neuerer Zeit aber auch im anglo-amerikanischen Raum und zunehmend auch in Russland.

Innerhalb dieser Themenvielfalt in Bezug auf die vielfältigen Erinnerungsdiskurse und Gedenkkulturen dieses sehr heterogenen Raums Ostmittel- und Osteuropas finden sich dabei Beiträge, deren Autoren sich mit den drei Dimensionen der Erinnerung, nämlich mit der in der Gesellschaft verankerten Erinnerungskultur, der staatlichen Geschichtspolitik und dem Thema der „Vergangenheitsbewältigung“ in Bezug auf die politischen Repressionen beschäftigten. Nur einige Bände konzentrierten sich lediglich auf Russland oder sogar ausschließlich auf die politischen Repressionen. Neben den Sammelbänden, die sich der Erinnerung an den Terror und die politischen Repressionen in Russland widmen, existieren aber auch einige Monographien.

In Bezug auf die Untersuchungen zur Repressionserinnerung fällt dabei auf, dass in der ersten Phase, die grob die 2000er Jahre umfasste, zunächst umfassende Bestandsaufnahmen in Bezug auf ganz Russland vorgenommen wurden. Auch stand immer wieder die Beobachtung im Zentrum, dass sich in Russland keine von Staat und Bevölkerung getragene Kultur der „Vergangenheitsbewältigung“ etabliert hatte. Angesichts des immensen Ausmaßes der vom Staat in der Vergangenheit begangenen Verbrechen wurde der Frage nachgegangen, was den von den Autoren als erwünscht dargestellten Prozess der Aufarbeitung behindert, wobei in der Regel der Staat und seine Führung als Verursacher der Hemmnisse ausgemacht wurden.

Ab den 2010er Jahren entstanden hingegen mehr Untersuchungen, die sich konkreter Orte, Medien, Akteure der Erinnerung und des Gedenkens widmeten und die lokalen Besonderheiten, die sich von dem bis dato häufig als „defizitär“ eingeschätzten erinnerungskulturellen Mainstream unterschieden, in den Mittelpunkt stellten – ein Trend, der sich jetzt im Anschluss an die Annexion der Krim, den Ausbruch des Krieges in der Ukraine und der damit einhergehenden Verschärfung der geschichtspolitischen Anstrengungen von Seiten des Staates mit einer gewissen Zeitverzögerung wieder umzukehren scheint.

Im Folgenden sollen nun die zentralen Veröffentlichungen zur Erinnerung an die politischen Repressionen und das Gedenken an ihre Opfer vorgestellt werden.

Vergleichsweise früh beschäftigte sich in seiner Monographie unter dem Titel „Erinnerung und Modernisierung“ aus dem Jahre 2000 der Soziologe Andreas Langenohl unter anderem auch mit der Repressionserinnerung in Russland. Er untersuchte die dortigen öffentlichen Erinnerungsdiskurse der 1990er Jahre