Wie kann sie nur? - Sophie Passmann - E-Book

Wie kann sie nur? E-Book

Sophie Passmann

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Beschreibung

Über den alltäglichen Wahnsinn, eine Frau (im Internet) zu sein – highly relatable! Botox oder »in Würde altern«, zu viele Selfies auf Instagram posten oder jeden Beauty-Trend auf TikTok mitmachen? Frauen im Internet stehen unter ständiger Beobachtung. Jedes Like kann zur Anklage werden, jeder Kommentar zum Politikum. »Wie kann sie nur?«  Sophie Passmann ist selbst Teil der widersprüchlichen Welt weiblicher Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Radikal selbstkritisch seziert sie die Phänomene, die eine ganze Generation prägen: von der asketischen Disziplin einer Hailey Bieber über die kalkulierte Görenhaftigkeit von Charli XCX bis zur neurotischen Perfektion von Taylor Swift. Warum sind wir alle so fasziniert von Frauen, die uns etwas vormachen – und gleichzeitig hassen wir sie genau dafür? Sophie Passmann betrachtet den Zeitgeist wie niemand sonst: klug, selbstreflektiert und höchst unterhaltsam. 

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sophie Passmann

Wie kann sie nur?

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Sophie Passmann

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Sophie Passmann

Sophie Passmann, 1994 geboren, ist Autorin, Satirikerin und Moderatorin. Ihr Buch »Alte weiße Männer« stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, »Komplett Gänsehaut« und »Pick me Girls« stiegen sofort auf Platz 1 ein. Das Theaterstück zu »Pick Me Girls« von und mit Sophie Passmann wird seit mehr als einem Jahr am Berliner Ensemble aufgeführt – jede Aufführung ist in kurzer Zeit ausverkauft. Ihr Solo-Podcast »Der Sophie Passmann Podcast« ist ein riesiger Erfolg und erreicht seit März 2025 wöchentlich eine große und treue Hörerschaft über Streaming-Plattformen und YouTube.

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Über dieses Buch

Sophie Passmann ist selbst Teil der widersprüchlichen Welt weiblicher Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Radikal selbstkritisch seziert sie die Phänomene, die eine ganze Generation prägen: Von der asketischen Disziplin einer Hailey Bieber über die kalkulierte Görenhaftigkeit von Charli XCX bis zur neurotischen Perfektion von Taylor Swift. Warum sind wir alle so fasziniert von Frauen, die uns etwas vormachen – und gleichzeitig hassen wir sie genau dafür?

Sophie Passmann betrachtet den Zeitgeist wie niemand sonst: klug, selbstreflektiert und höchst unterhaltsam.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln

Covermotiv: © Max Strohe

 

ISBN978-3-462-31350-5

 

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

Motto

EINLEITUNG

DU IM INTERNET

ICH IM INTERNET

WE ARE SO BACK

FRANCIS FORD COPPOLA IST FÜR MICH IN ERSTER LINIE DER GROSSVATER VON ROMY MARS COPPOLA

BARBIE WAR DER DÜMMSTE FILM ALLER ZEITEN UND BILLIE EILISH IST EINE BILLIGE PARODIE

ME ME ME TIME

DICKE, UNVERSCHÄMTE FRAUEN WARTEN AUF DEINE HASSKOMMENTARE ZU OZEMPIC

DÜNNE, BRAVE FRAUEN WARTEN AUF DEINE HASSKOMMENTARE

DIE BESTE FRAU DER WELT MACHT MÄNNER WÜTEND

YOU DON’T UNDERSTAND, I’M OBSESSED

MAKING KOMPLEXE FROM SCRATCH

IN WÜRDE …

AM ENDE BLEIBT UNS NUR DAS INTERNET

ICH IM INTERNET 2

DANK

Für

EMILIA SUPERSTAR

I don’t care if it hurts, I want to have control

I want a perfect body, I want a perfect soul

Radiohead

I’m a mirrorball

I can change everything about me to fit in

Taylor Swift

EINLEITUNG

Das ist ein Buch über Frauen im Internet. Darüber, wie sie sich zeigen, darüber, wofür sie gelobt werden, wofür sie kritisiert und wofür sie gehasst werden. Darüber, wie ihnen erst Anerkennung geschenkt wird für das, was sie tun, nur, um ihnen kurze Zeit später genau diese Anerkennung wieder zu entziehen, wieder für das, was sie tun. Es ist ein Buch über dicke Frauen, die Shitstorms bekommen, weil sie abnehmen, über Millionärinnen, die sich dabei filmen, wie sie am Herd stehen und kochen, darüber, ob junge Popstars glaubwürdiger sind, wenn sie ihren Körper verhüllen, ob schlaue Männer Influencerinnen daten sollten, ob alternde Schauspielerinnen dem Internet ihr Gesicht in selber Weise zumuten können, wie sie es früher getan haben. Es ist ein Buch über die Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken, die süchtig danach zu sein scheint, pausenlos zu bewerten, um zumindest ein Mindestmaß an Kontrolle über sie behalten zu können. Und es ist auch ein bisschen ein Buch darüber, dass ich eine dieser Frauen im Internet bin, der das alles immer wieder passiert.

Jede Frau kann jederzeit die schlimmste Frau im Internet werden. Es reicht ein bearbeitetes Selfie, ein alter Videoausschnitt davon, wie man mal etwas Kontroverses gesagt hat, eine Reise zu viel, die man ohne seinen Partner oder sein Kind gemacht und dann im Internet dokumentiert hat, ein teures Kleidungsstück, ein Plastikcup, eine zu pralle Lippe, eine Lunchbox, die sie mit zu viel Gründlichkeit oder Hingabe für ihr Kind oder ihren Mann vorbereitet hat.

Im Internet zu sein, ist aber auch aufregend, weil man nie weiß, was als Nächstes passiert. Darf das eigene Idol übermorgen noch ein Idol sein oder muss ich es plötzlich vor allen Menschen verteidigen? Und traue ich mich das dann überhaupt? Es ist aufregend, weil man ständig Neues entdeckt, ständig eine vermeintlich bessere Version von Frau sieht, die Fragen aufwirft. Zum Beispiel danach, was man an sich selbst optimieren könnte. Es ist aufregend, weil man andere Frauen kennenlernt, die andere Leben auf anderen Kontinenten führen und mit denen man dennoch dieses schwer zu greifende Gefühl von Schwesternschaft haben kann, das sich über die banalsten Dinge herstellen lässt. Ausgeliehene Tampons in Badezimmern von Restaurants, die Nachricht an eine fremde Frau, weil man wissen möchte, wieso der eigene Freund ihr seit gestern Nacht auf Instagram folgt (beide wissen, dass das völlig verrückt ist, und beide waren bereits mehrmals in ihrem Leben in genau diesem Maße völlig verrückt), eine Strickjacke, die diese fremde Frau in ihrer Story so lässig trägt, ein Lipliner, der viral geht. Und plötzlich steht man mit acht anderen Frauen vor dem leeren Regal einer Drogerie, und alle wissen, dass man da ist, weil diese scheinbar perfekte Frau gestern Abend im Internet gesagt hat, dass dieses Produkt dein Leben verändert.

DU IM INTERNET

Das Ding ist: Die Version, die du von dir im Internet zeigst, gibt es nicht. Sie ist ein Worst-of von dir, ein mit neurotischer Gründlichkeit zusammengeflicktes Frankenstein-Monster, das immer und zu jeder Zeit auf das reagiert, was es im Internet sieht. Du denkst über Reaktionen nach, ehe es sie gibt, und du hältst diese Art von Neurose für Klugheit oder Besonnenheit. Du möchtest vorbereitet sein, und deswegen liegst du abends im Bett und spielst sicherheitshalber immer das Schlimmste von allem durch. Was wäre die furchtbarste Sache, die jemand unter ein Selfie von dir kommentieren könnte? Was denkt dein Ex-Freund über dieses Selfie? Was deine Mutter? Wie viele Leute leiten deine Beiträge ironisch an ihre Freunde weiter? Wieso ist es peinlich, wenn du zugibst, dass dich all das interessiert?

Du willst die Meinungen von anderen hören. Und du hast panische Angst vor ihnen. Du willst schlau sein, so schlau, dass Leute überrascht sind, wenn du trotzdem gut aussiehst. Du willst hübsch sein, alle im Internet sind mittlerweile hübsch, oder sie sind durchtrainiert, oder zumindest pausenlos glücklich. Du schaust dir Video-Anleitungen zum Glow Up von Frauen an, die vorm Einschlafen zwanzig Seiten eines Sachbuches lesen und ihre Gesichter mit Vaseline vor dem Austrocknen schützen, von Leuten, die ganze Monate zu Challenges erklären. Du behältst ein ständiges Bauchgefühl dazu, wie viele Fotos von dir selbst du in letzter Zeit auf Instagram gepostet hast, um rechtzeitig wieder das Cover eines Buches, den Screenshot eines Zeitungsartikels oder eine Petition, die dich nicht ansatzweise so sehr interessiert, wie du es dir wünschen würdest, zu teilen.

Du siehst unendlich viele Frauen im Internet, jeden Tag. Du vergleichst sie mit dir selbst oder deiner Mutter oder seiner Ex-Freundin, an schlechten Tagen denkst du darüber nach, wer von beiden es besser macht. Es ist nichts, was du beabsichtigst. Ein Reflex, eine schlechte Angewohnheit, die du nicht versuchst, loszuwerden, weil du sie ja nur vor dir selbst rechtfertigen musst. Niemand außer dir weiß, wie du auf die Körper anderer Frauen schaust, wenn sie Fotos aus dem Urlaub posten. Du fragst dich, ob sie wirklich alles essen, was sie posten, ob sie ihren Bauch eingezogen haben, ob sie sich für dauerhafte Haarentfernung entschieden haben. Du tust so, als würden dich die Antworten auf diese Fragen weiterbringen und als würdest du dadurch schlauer werden. In Wahrheit befriedigt es ja nur diese Gier danach, die ständig präsente und irre nervige Frage zu beantworten, wer gewinnen würde in diesem Wettbewerb, bei dem sich niemand angemeldet hat. Du schaust dir an, wie sie ihren Körper verändert, die Farbe ihrer Haare. Wie ihr Partner sie auf dem Foto zum Jahrestag in den Armen hält, was für dich Aufschluss darüber gibt, ob er sie wirklich liebt. Du kennst diese Frauen nicht. Aber wir haben vor vielen, vielen Jahren aufgehört, infrage zu stellen, ob sich das gehört. Ob sie uns gehören. Das Internet besteht aus Influencerinnen, die unverschämt viel Geld verdienen, aus Comedians, die Podcasts haben und über ihre Ex-Freunde reden, aus YouTuberinnen, die zeigen, wie sie auf einer Fashion Week den Traum all ihrer Fans leben. Sie zeigen uns ihre Kleiderschränke und Unreinheiten, teilen ihre Playlists und Tipps für eine gute Darmgesundheit. Was sollst du also anderes tun, als dir eine Meinung zu bilden über sie? In Wahrheit kennst du diese Frauen eben doch. Du bist diese Frauen.

 

Du kannst dir nichts Gemütlicheres vorstellen, als abends im Bett zu liegen, im Hintergrund eine Serie laufen zu lassen und parallel auf dem Handy Videos in sozialen Netzwerken anzuschauen. Das Handy bleibt lautlos, außer, wenn dir etwas wirklich Interessantes angezeigt wird. Dann pausierst du die Serie, weißt aber, dass du auch einfach kurz die Lautstärke runterdrehen könntest, weil du ohnehin nicht wirklich etwas davon mitbekommst. Bis heute passiert es dir, dass du Serien zum zweiten oder dritten Mal siehst und in einem aufmerksamen Moment ganze Handlungsstränge das allererste Mal erlebst. Du weißt, dass das von außen unsinnlich wirkt, das ständige Beschallt- und Beleuchtetwerden von mehreren Bildschirmen gleichzeitig, würde man ein Foto von dir machen, wie du da sitzt, dann sähe es aus wie das Cover eines Buches, das den negativen Einfluss von Social Media auf junge Menschen anprangert oder das Thumbnail einer neuen Folge Black Mirror. Die Wahrheit ist allerdings, dass sich für dich nichts daran trostlos oder dystopisch anfühlt. Du hüllst dich nach einem harten Tag in der echten Welt in eine Decke von Content und musst endlich keine Fragen mehr beantworten. Du weißt, dass das alles nicht gut ist, dass du deine Zeit viel sinnvoller und gesünder nutzen könntest, dass das eigentlich nicht deinen Ansprüchen an dich selbst genügt. Aber es gibt eben auch einen Teil von dir, der sich genau danach sehnt: einfach nach stumpfem Content, der nie aufhört und dich unendlich füttert. Und um ganz ehrlich zu sein, bildest du dir ein, dass du soziale Netzwerke besser nutzt als andere. Das ist auch der Grund, wieso du dich nicht angesprochen fühlst, wenn Leute darüber sprechen, dass es jungen Menschen schadet. In Wahrheit ahnst du aber, dass du ein Problem hast, genau wie alle anderen. Das sich immer und immer wiederholende, fast schon mechanische Öffnen der zwei selben Apps auf dem Handy, manchmal im Abstand von wenigen Minuten, ohne irgendeine Hoffnung oder Erwartung, dass in der Zwischenzeit wirklich irgendwas passiert ist. Du willst nicht darüber nachdenken. Du hast auch keine Lust, das hier zu lesen, wenn es diese Art von Buch ist. Ist es nicht. Atme.

 

Als Kind hast du Bücher verschlungen, daran erinnerst du dich. Jetzt liest du sie widerwillig, weil es gesund ist, achtsam. Deine Aufmerksamkeitsspanne ist kurz, du empfindest es als Frechheit, wenn die Bücher, die du liest, darauf einzahlen. Kurze Bücher, kurze Sätze, einfache Antworten, schöne Cover. Du liest sie trotzdem. Und es gibt dir ein gutes Gefühl. Und du postest die schönen Cover, nachdem du zu viele Selfies gepostet hast.

 

Es lohnt sich trotzdem, die Sache mit dem Internet. Du bist so inspiriert wie nie. Du bist so gut gekleidet wie nie. Du bist so schön wie nie. Für jede Frage, die du ans Leben haben könntest, warten Zehntausende von fremden Menschen in deiner Hosentasche darauf, sie für dich zu beantworten. Das beruhigt dich. Es nimmt dir Arbeit ab. Statt dich fragen zu müssen, was du wirklich magst, ziehst du einen Durchschnitt aus allem, was du dazu jemals in deinem Handy gesehen hast, und speicherst das für dich als Charaktereigenschaft ab. Das klappt gut. Nur kurz zwischendurch sehnst du dich danach, wirklich spannend zu sein. Das Gute ist: die Konkurrenz ist nicht so groß. Wer ist heutzutage schon wirklich spannend? Und war früher überhaupt jemand spannender, als Menschen es heute sind?

 

Das Internet gehört Frauen. Zumindest der Teil, den du dir anschauen kannst. Das ist wie in den Neunzigern mit den Supermodels: Die Frauen sind über die Laufstege stolziert, und dann wurde darüber debattiert, ob sie zu viel Geld verdienen für das, was sie leisten. Die Multimilliarden-Konzerne dahinter gehörten Männern, genau wie heute.

Du liebst das Internet dafür: überall girls, überall gays. Überall Insider. Kleine Momente, die in der Sekunde, in der sie in deinem Handy passieren, so wichtig sind wie nichts anderes in deinem Leben und in dem Moment, in dem man sie irgendwo aufschreibt, bereits wieder völlig veraltet sind. Wenn du von ihnen im Nachhinein liest, fühlen sie sich an wie blasse Erinnerungen an etwas, von dem du heute nicht mehr erklären kannst, wieso sie kurz wichtig waren. Pedro Pascal wird bei Starbucks dabei erwischt, wie er einen sechsfachen Espresso bestellt. Ein Paar geht bei einem Coldplay-Konzert fremd. Taylor Swift ist verlobt.

All diese Dinge sind genauso wichtig für dich wie die echte Welt, natürlich könntest du erklären, wieso das bedeutend ist. Du hast nur keine Lust, es Menschen zu erklären, die es von sich aus nicht verstehen. So geht man als Frau durchs Internet. The girls who get it get it. The girls who don’t don’t.

 

Manchmal triffst du auf einer Party eine neue Person, von der du innerhalb weniger Momente bemerkst, dass sie sich im Internet dieselben Inhalte ansieht wie du. Einer von euch beiden bedient einen Insider-Witz, wiederholt ein Meme, zitiert eine Punchline, und der andere sieht dann wie elektrisiert auf, eure Blicke treffen sich, und ihr seid erleichtert. Ihr wisst, dass ihr für die nächsten Stunden eine Begleitung fürs Leben gefunden habt, ihr erwartet nicht, dass diese Person für euch morgen noch eine Rolle spielt. Das Gefühl, das in dir aufkommt, erinnert dich an Heimkommen, du möchtest dafür aber gerne kleinere Worte finden, weil es ja immerhin gerade nur darum geht, dass du jemanden getroffen hast, der dieselbe Timeline hat wie du. Seltsamerweise fühlen sich diese Momente trotzdem groß und bedeutend an, wie eine Art Beweis dafür, dass sich die vier bis neun Stunden, die du täglich im Internet verbringst, irgendwie lohnen. Plötzlich materialisiert sich vor dir ein anderer Mensch, der abends in einer anderen Wohnung sitzt und über dieselben Sachen lacht.

 

Manchmal, wenn du nicht schlafen kannst, denkst du darüber nach, wie viel Peinliches man im Internet über dich finden könnte. Du denkst nicht an die zehn Jahre alten Instagram-Posts, die du zwischendurch archivierst, weil sie aus dem Zeitgeist gefallen sind, so, wie es sich gehört. Du denkst an Webcam-Screenshots, von denen du nichts weißt. Heimlich gehackte Clouds. Nacktfotos. Bildschirmaufnahmen von Sprachnachrichten. Manchmal willst du einfach erpresst werden mit irgendwas, damit du es endlich hinter dir hast.

 

Und während du darauf wartest, erpresst zu werden, zoomst du in Selfies von Kylie Jenner rein, auf der Suche nach Poren und einem neuen Anlass, dich mit deinem eigenen Aussehen schlecht zu fühlen, um den Kauf eines Serums zu rechtfertigen. Du schaust dir Videos von Influencerinnen an, die du hasst, auch wenn du weißt, dass das nicht gut ist für dich. Du bist schwach, unzufrieden, leicht zu beeindrucken, und du findest das okay.

 

Das Internet ist natürlich auch der Horror. Die Dinge, die du dir gerne anschaust, nachkaufst, kopierst, sind doch alle hirnverbrannt. Frauen, die sich clean girlsnennen, weil sie die Ästhetik einer Multimillionärin kopieren. Die Frage, ob man boy pretty oder girl pretty ist. Die Behauptung, dass alles feministisch sei, was eine Frau machen möchte. Dass es deswegen kein Problem sein dürfte, wenn die Frauen, die ihr Leben als Hausfrau und Mutter im Internet darstellen, immer wieder darauf hinweisen, dass es in der Natur der Frau liegt, dem Ehemann abends das Essen zu kochen. Die Tatsache, dass du weißt, was ein morning shed und ein winter arc sind. Die Tatsache, dass alle immer schöner werden, im Internet und im echten Leben. Du siehst keinen Unterschied mehr zwischen den Gesichtern von Lindsay Lohan und Christina Aguilera, du könntest schwören, dass das mal zwei verschiedene Frauen waren. Die Gewissheit, dass wir den Bogen völlig überspannt haben, als Frauen. Im Internet. Dass es erholsam und tröstend sein kann, sich mit anderen Frauen ausnahmsweise einfach mal über Banalitäten wie den richtigen Lippenstift oder die perfekte Methode für Locken ohne Lockenstab zu unterhalten. Aber gleichzeitig eben auch zu ahnen, dass das alles zu viel geworden ist. Zu oberflächlich. Zu schön. Zu kapitalistisch. Alles soll Spaß machen, alles soll dabei aber auch tiefsinnig bleiben. Du willst das hirnlose Internet benutzen, aber eben anders als andere. Du zoomst in die Selfies und du vergleichst die Körper, du lässt im Hintergrund Serien laufen und starrst dein Handy an. Und dann kommt der Moment, an dem du doch kurz erschreckst vor dir selbst, panisch den Laptop zuklappst und es am nächsten Tag wieder ganz genauso machst.

WIESO muss ich das Cover eines Buches sofort posten, sobald ich es gekauft/gelesen habe?

SIND »Video-Essays« auf YouTube wirklich weniger Zeitverschwendung als Make-up-Tutorial, oder denkt man das nur, weil sie weniger Spaß machen?

HOFFE ich, dass meine Lieblingsinfluencerin im echten Leben besser oder schlechter aussieht als im Internet?

WAS sagt das über mich aus?

WER benutzt noch seinen Stanley-Cup?

WAS ist peinlicher: Selfies posten, wenn man sich besonders hot findet, oder Selfies posten, wenn man sich besonders hässlich findet?

HÄTTE ich mich ohne Social Media jemals für Teppichreinigung interessiert?

UND Sauerteig? SONNENschutz?

HÄTTE ich eine Skincare-Routine?

WAS in meinem Leben wäre mir wichtig genug, es wirklich nachzulesen, wenn es kein Internet gäbe?

WÜRDE ich wissen, dass meine Haut einen kühlen Unterton hat?

WÜRDE ich die Falten neben meinem Mund hassen, die alle Frauen in meiner Familie haben?

GÄB es das Wort neurodivergent?

WÄRE ich ohne das Internet dünner?

ODER dicker?

WÄRE ich überhaupt jemand?

ICH IM INTERNET

Bevor ich es ertragen habe, mich selbst anzusehen, habe ich mich im Internet zur Schau gestellt. Meine Teenagerzeit ist in sozialen Netzwerken passiert. Erst genauso privat wie bei allen anderen auch, und dann, langsam, aber sicher, hat sich eine Öffentlichkeit an mich rangeschlichen, deren Anwesenheit ich so lange ignoriert habe, wie es mir möglich war. Reichweite in sozialen Netzwerken öffnet einem die seltsamsten Türen in dieser Welt. Türen, von denen man manchmal nicht mal weiß, dass sie existieren, weil es die eigene Vorstellungskraft übersteigt, dass es den Raum, der sich dahinter verbirgt, wirklich gibt. Erst konnte ich mich nicht beschweren, dann wollte ich mich nicht beschweren. Dann habe ich mich beschwert.

 

Das, was Frausein heute bedeutet, ist untrennbar mit Konsum verbunden. Konsum von Produkten, von Optimierung, von Popkultur. Ich bin eine Frau, die diese Produkte konsumiert. Und ich bin eines der Produkte, das konsumiert wird. Ich vergesse abwechselnd immer eines von beiden, ich schaffe es nicht, beides gleichzeitig zu sein. Manchmal poste ich etwas, weil ich eine einzige Person in meinem Leben daran erinnern möchte, dass ich existiere, und bin später überrascht, dass Hunderttausende fremde Menschen sich das angeschaut haben. Manchmal poste ich ein Selfie, damit mehr fremde Menschen mein Profil anklicken, weil ich am kommenden Tag etwas zu verkaufen habe, eine Podcast-Folge, ein neues Buch, vielleicht hat mich eine Marke bezahlt, etwas von ihnen in die Kamera zu halten. Und dann sitze ich später am Abend mit meinen besten Freunden in einer Bar und merke, dass ich für sie gerade diese Person bin, die das gemacht hat, was wir normalerweise nur machen, wenn wir Liebeskummer haben: ein hottes Selfie von sich posten.

 

Wenn mich fremde Frauen auf der Straße ansprechen, weil sie mich aus dem Internet kennen, will ich sofort mit ihnen befreundet sein. Das sind echte Menschen, denke ich dann, die mich seit Jahren kennen, obwohl ich sie noch nie gesehen habe und wahrscheinlich auch nie wieder sehen werde. Sie werden erfahren, wenn ich mich verlobe und wie ich die nächste Platte von Lorde finde. Sie werden mich nie aus den Augen verlieren, wenn sie das nicht möchten. Und ich erfahre meistens nicht einmal ihren Vornamen.

Einmal sprach mich eine junge Frau auf der Straße an, sie trug die gleiche Kette wie ich zu der Zeit. Ich fand das einen irren Zufall und erzählte ihr, dass wir seelenverwandt oder so was sein müssten. Sie schaute mich etwas irritiert an und sagte mir schließlich, dass sie mir die Kette natürlich nachgekauft habe. Ach so, klar.

 

Ich selbst hatte die Kette damals auch einer Influencerin nachgekauft, auch wenn ich mich nicht einmal daran erinnere, wer es war. Ich weiß, dass ich ein Foto oder Video dieser Frau auf Instagram gesehen haben werde und für einen kurzen Moment neidisch auf diese Frau gewesen sein muss, wegen ihrer reinen Haut oder ihrem glänzenden Haar, vielleicht auch wegen ihres Selbstbewusstseins oder ihrer Karriere. Und dann werde ich die Kette gekauft haben in der Hoffnung, dass mich das dem gerade entstandenen Wunsch, diese Frau zu sein, ein bisschen näher bringt. Ich war damals eine echte Frau, eine, die anderen Frauen Ketten nachkauft, weil sie glaubt, damit ein besserer oder schönerer oder interessanterer Mensch zu werden. Dann habe ich die Kette im Internet gezeigt und wurde in diesem Moment von der echten Frau wieder selbst zum Produkt.

 

Ich treffe oft Leute, die darüber sprechen wollen, dass sie all das nicht mehr mitmachen wollen, meist machen sie eine wegwerfende Handbewegung in Richtung ihres Handys, das mit dem Display nach oben auf dem Tisch vor ihnen liegt, und wenn sie das sagen, erwarten sie in der Regel, dass ich etwas zu Shitstorms sage oder Mutmaßungen darüber anstelle, was Beauty-Filter mit der Psyche von jungen Frauen anstellen. Meist sage ich nichts, weil es meine Vorstellungskraft übersteigt, all das nicht mehr mitzumachen. Wo würde ich andere Frauen kennenlernen? Wo würde ich erfahren, was junge Mädchen in den Staaten dieses Jahr zu ihrem Prom tragen? Wie sollte ich mich anderen Frauen nahe fühlen, wenn ich nicht erfahre, welche Hautcreme Kendall Jenner benutzt? Es ist albern, es ist ein Spiel, und gleichzeitig ist es viel mehr als das. In die Produkte, die wir konsumieren, ist leider so etwas wie ein Lebensgefühl gewickelt, und auf all das zu verzichten, würde sich größer anfühlen als der Verzicht auf einen Thermo-Trinkbecher oder eine Hyperfixierung auf den neuen Song von Sabrina Carpenter. Es würde sich anfühlen wie der Verzicht auf Gemeinsamkeit und Gleichzeitigkeit mit anderen Frauen. Ich will darauf nicht verzichten. Ich will da sein, wo die Frauen sind. Zur Not zwischendurch als Produkt.

 

Jeden schlimmen Gedanken, den man über mich denken kann, habe ich schon über mich im Internet gelesen. Bei jedem Selbstzweifel, den ich habe, muss ich mich nicht fragen, ob jemand im Internet genau das schon für alle lesbar aufgeschrieben hat. Ich muss mich lediglich fragen, wo ich es finden könnte. Und wieso ich es suchen wollen würde. Der Ort, an dem ich nach Nudelrezepten suche und Urlaubsfotos meiner Freunde anschaue, ist auch der Ort, an dem ich über mich lese, was ich für ein furchtbarer Mensch bin. Ich lese nicht besonders viel davon. Und ich glaube, es schreiben nicht außergewöhnlich viele Menschen schlimme Sachen über mich ins Internet. Gemessen daran, wie Menschen sind. Gemessen daran, wie das Internet ist. Gemessen daran, wie ich bin.

 

Die Meinung der anderen ist in sozialen Netzwerken omnipräsent und dabei völlig egal geworden. Leute können ganze Karrieren daraus machen, nicht gemocht zu werden. Ein Klick ist ein Klick. Es ist egal, wie viele Leute deinen Beitrag ironisch an ihre Freunde weiterleiten, für alle außer dich. Paradoxerweise hilft mir ein Kommentar unter einem meiner Instagram-Fotos, in dem sich jemand darüber beschwert, dass ich völlig überschätzt werde, dabei, meine Miete zu bezahlen. Direkt oder indirekt. Es gibt unendlich viele Meinungen von unendlich vielen Menschen zu wiederum unendlich vielen anderen Menschen, ein sich ewig befruchtendes und dabei völlig überflüssiges System. Und zu jedem Zeitpunkt muss man darauf gefasst sein, sie lesen zu müssen. Der einzige Weg, Kritik im Internet zu sich zu ignorieren, ist, sich selbst nicht wichtig zu nehmen. Und selbst wenn man nicht gemeint ist mit dem Hass, den man im Internet jeden Tag liest, erweitert sich automatisch der eigene Horizont dazu, wofür Menschen grundsätzlich so gehasst werden können. Was den Menschen im Internet so auffällt. Worüber die Menschen sich offenbar ärgern. Die schönsten Frauen der Welt finden unter ihren Videos Kommentare von Leuten, die sich offen darüber ärgern, dass sie nicht ansatzweise so schön sind, wie alle offenbar denken. Es gibt Leute im Internet, die finden, Beyoncé kann nicht so gut singen, wie alle immer tun. Margot Robbie sei keine gute Schauspielerin und dazu noch eher hässlich. Kendall Jenner war laut dem Internet plötzlich zu dick für den Laufsteg. Serena Williams nicht so gut im Tennis, wie immer alle sagen. Man liest das und weiß auf eine Art, dass das Quatsch ist. Wütender Hass, wahrscheinlich von Männern, die verzweifelt die Anonymität des Internets brauchen, um das zu schreiben, was sie selbst nicht glauben. Sie wollen Aufmerksamkeit. Hör nicht auf die. Und trotzdem bleibt manchmal so ein Restzweifel, der Drang, die eigene Realität abzugleichen mit dem, was andere Verrückte ins Internet schreiben. Haben die recht oder ich? Und natürlich der Gedanke, den man vermeiden möchte, der sich aber dennoch manchmal ins eigene Hirn schleicht: Wenn diese Frauen gehasst werden, angeblich zu dick sind, zu hässlich, zu untalentiert: Was bin dann ich?

WE ARE SO BACK

An einem vermeintlich egalen Morgen im Jahr 2024 nahm ich nach dem Aufwachen mein Handy in die Hand und bereute es wie jeden Tag. In mir existierte schon immer eine Fantasieversion von mir selbst, eine dieser Frauen zu sein, die vergisst, auf ihr Handy zu schauen. Es ist dieselbe Version, die vergisst, zu Mittag zu essen, und die nicht schon fünf Tage vor einer Zugreise auswendig weiß, von welchem Gleis sie abfahren wird. Ich bin diese Frau nicht. Ich liege im Bett und will sofort auf jede Nachricht, die mir geschrieben worden sein könnte, antworten. Danach möchte ich fremde Menschen im Internet, die mich ablenken. Besonders deprimierend ist es, wenn TikTok beim ersten Öffnen noch das Video zeigt, das man sich am Vorabend als letztes angeschaut hat, wie ein digitaler Walk of Shame zur eigenen immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne. An diesem Morgen war der Bildschirm kurz schwarz, als ich die App öffnete, die Timeline stotterte, ich bilde mir ein, dass sie das nur tut, wenn über Nacht besonders viel im Internet passiert