Wie Walther sein h verlor - Kurt Schmitz - E-Book

Wie Walther sein h verlor E-Book

Kurt Schmitz

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Beschreibung

Walther Schneider ist mit seinem Leben zufrieden. Er hat alles strukturiert und organisiert und scheint alles im Griff zu haben. Doch eines Tages, nach einem Sturz, rät ihm sein Arzt zu einem Aufenthalt in einer Rehaklinik. Walther lässt sich überzeugen, obwohl er nur ungern sein gewohntes Umfeld verlässt. Das Zusammentreffen mit anderen Menschen ist eine Herausforderung für ihn, die ihn manchmal an den Rand der Verzweiflung bringt. Aber die Veränderungen in seinem Leben sind nicht mehr aufzuhalten und langsam findet er Gefallen daran ... Eine humorvoll und kurzweilig erzählte Geschichte.

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EPUB
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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die Geschichte

Wie Walther sein h verlor

Walther Schneider ist mit seinem Leben zufrieden. Er hat alles strukturiert und organisiert und scheint alles im Griff zu haben. Doch eines Tages, nach einem Sturz, rät ihm sein Arzt zu einem Aufenthalt in einer Rehaklinik. Walther lässt sich überzeugen, obwohl er nur ungern sein gewohntes Umfeld verlässt. Das Zusammentreffen mit anderen Menschen ist eine Herausforderung für ihn, die ihn manchmal an den Rand der Verzweiflung bringt. Aber die Veränderungen in seinem Leben sind nicht mehr aufzuhalten und langsam findet er Gefallen daran …

Seit vielen Jahren unterhält der Autor, Kurt Schmitz, Leserinnen und Leser aller Altersklassen mit Kurzgeschichten zur Weihnachtszeit.

Alltägliche Kurzgeschichten, die eine/einen durch das ganze Jahr begleiten können, erweiterten bereits kurze Zeit später sein Leseangebot.

Mehr Infos unter:

www.verschmitzte-weihnachten.de

Mit der Geschichte von Walther Schneider betritt der Autor nun ein neues Gebiet.

Wie Walther sein h verlor

Ich weiß gar nicht, an welchem Punkt ich mit dem Erzählen anfangen soll. Es ist so viel passiert in den letzten Wochen. Vieles, das ich selbst nicht für möglich gehalten hätte. Mein Leben hat sich verändert. Dabei war es für mich gut, so wie es war. Ich war unabhängig und hatte mein Leben meinen Bedürfnissen angepasst. Ich hatte alles im Griff und mir ging es gut - das dachte ich jedenfalls …

Aber gut, ich möchte mich erstmal vorstellen: Mein Name ist Walther Schneider. Walther mit th. Ich bin 53 Jahre alt, 179 cm groß, wiege 81 kg und bin seit fünf Jahren geschieden. Glücklich geschieden, wie man heute so schön sagt. Ich wohne seit 20 Jahren in einer gemütlichen 2-Zimmer-Wohnung gar nicht weit weg von meiner Arbeitsstelle. Die Wohnung habe ich bewusst so ausgesucht. Wer möchte schon jeden Tag mehr als eine halbe Stunde bis zu seinem Arbeitsplatz unterwegs sein? Für meine Ex-Frau war die Entfernung zu ihrer Arbeitsstelle auch akzeptabel. Sie brauchte zwischen Wohnung und Arbeit auch nur maximal 45 Minuten. Auch ein Supermarkt ist in meiner Nähe und sogar ein großer Park. Meine Wohnung ist praktisch eingerichtet und weil ich im ersten Stock wohne, kann ich dort sicher bis zu meinem letzten Atemzug wohnen bleiben. Und dieser Gedanke gefällt mir. Keine Wohnungssuche mehr, kein Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim. Das hoffe ich jedenfalls. Mein Plan ist: Ich bleibe, wo ich bin. Man wird mich eines Tages mit den Füßen nach vorne aus der Wohnung heraustragen müssen. Was für eine entspannte Vorstellung.

Aber noch ist es ja nicht soweit. Ich habe das Rentenalter noch nicht erreicht. Zurzeit stehe ich voll im Erwerbsleben als Angestellter in einem großen Unternehmen. Wenn das Geld reicht, möchte ich gern früher in Rente gehen. Darüber mache ich mir aber erst in ein paar Jahren Gedanken. Jedenfalls arbeite ich seit über 27 Jahren in einer Firma in der Kalkulation. Und genauso lange im gleichen Büro. Ich gehöre zum Urgestein in meiner Abteilung und liebe die Kalkulation. Nur mein Vorgesetzter ist schon länger in unserem Gebäude beschäftigt. Aber wenn er in Rente geht, überhole ich ihn locker mit meinen Dienstjahren.

Ich würde mich als sehr loyalen Menschen bezeichnen. Ich bin kein Partytyp, sondern eher ein ruhiger Mensch. Ich brauche sowieso keine Kontakte zu anderen Menschen. Ich liebe meine Unabhängigkeit. Trotzdem sind meine Umgangsformen einwandfrei. Ich werde sogar hin und wieder zu Geburtstagen von Kollegen eingeladen. Jedenfalls zu Kaffee und Kuchen, wenn jemand etwas im Büro ausgibt.

Selbstverständlich weiß ich, wann ich zu grüßen habe und dass man einer Frau seinen Platz anbietet, wenn alle Sitzplätze besetzt sind. Das Gleiche gilt natürlich auch für alte oder gebrechliche Menschen. Und dass man sich in einer Warteschlange hinten anstellt. Mein Haar ist noch ziemlich dicht, allerdings bin ich in den letzten Jahren komplett grau geworden. Anfangs habe ich mir die Haare noch dezent gefärbt, aber das wurde mir auf Dauer zu lästig und zu teuer. Als Mann darf man schließlich graue Haare haben. Das macht das starke Geschlecht im Alter attraktiver. Mein Bauch hält sich noch in Grenzen. Damit kann ich mich noch immer sehen lassen. Manchmal denke ich, Hedwig aus der Lohnbuchhaltung findet mich anziehend. Sie wird immer ganz rot, wenn wir uns zufällig auf der Treppe begegnen. Aber ich werde sie nicht ansprechen. Ich bin froh, keine privaten Verpflichtungen zu haben. Sowas strengt mich nur an. Ich komme sehr gut alleine zurecht.

Meine Kleidung ist eher, sagen wir mal, traditionell: Grauer Anzug, weißes Hemd und schwarze Schuhe sind mir am liebsten. Im Winter trage ich einen dunklen Wollmantel darüber, im Sommer manchmal eine leichte Jacke. Wenn es ganz heiß ist, lasse ich auch mal den obersten Knopf meines Hemdes offen. Da der Krawattenknoten darüber ist, sieht man das nicht. Ich würde mich selbst als eine gepflegte Erscheinung beschreiben. Kurz geschnittene Haare und die tägliche Rasur sowie jeden zweiten Tag eine Dusche gehören zu meinem Lebensstil genauso dazu wie der tägliche Wechsel des Hemdes, der Socken und der Unterwäsche.

Jedes Paar von meinen Schuhen habe ich doppelt. So kann ich am Abend nach dem Tragen einen Frischeduft in die Schuhe sprühen und die Schuhe mindestens 24 Stunden auslüften lassen. Das ist gut für das Schuhleder. Trotzdem kann ich aber, wenn ich Lust auf diesen Schuhtyp habe, quasi die gleichen Schuhe am nächsten Tag wieder tragen. Aber dann halt eben das zweite, gleich aussehende Paar. Ziemlich raffiniert von mir, finde ich. Ein gleichmäßiges Aussehen wirkt ja beruhigend auf einen selbst und sicher auch auf die Umwelt. Ich mache jedenfalls nur gute Erfahrungen damit. In meiner Gegenwart ist noch niemand in Hektik ausgebrochen.

Zu einem guten Lebenswandel gehört meines Erachtens nach auch die Ernährung. So koche ich dreimal die Woche möglichst frisch, wofür ich auch dreimal in der Woche einkaufen gehe. Frisches Gemüse und, aus Gründen der Bequemlichkeit, Nudeln oder Reis. Ich schäle nicht gerne Kartoffeln. Danach sind meine Hände immer so rau. Haushaltshandschuhe will ich zum Kartoffelschälen nicht tragen. Die Hände schwitzen dann so und weichen auf. Das finde ich widerlich. Die gepuderten Handschuhe finde ich unangenehm. Deswegen also Nudeln oder Reis. Dazu dann eine fertige Soße aus dem Kühlregal. Fleisch esse ich wenig. Und wenn, dann gibt es Putenbrust dazu. Die brate ich natürlich selbst. Morgens Müsli mit fettarmer Milch und am Mittag zwei Scheiben Vollkornbrot mit Käse. Zwischendurch esse ich Obst. Beim Alkohol bin ich sehr zurückhaltend. Ich trinke eher eine Tasse Kaffee, mal Tee oder meistens Mineralwasser. Im Winter trinke ich Orangensaft. Wegen der Vitamine. Aber während der Erkältungszeit im Winter ergänze ich den Saft noch mit Vitamin-Präparaten. Damit komme ich immer recht gut durch die nasskalte Winterzeit. Im Vergleich zu meinen Kollegen bin ich selten krank. Und wenn doch, gehe ich trotzdem ins Büro. Arbeiten hat noch niemanden umgebracht. Jedenfalls nicht, wenn man im Büro arbeitet.

Montagabends wasche ich meine Wäsche, samstags wische ich Staub und putze und dann staubsauge ich die Wohnung. Und zweimal im Jahr nehme ich meine Gardinen ab und wasche sie. Dadurch ist meine Wohnung immer in einem tadellosen Zustand. Na gut, ich könnte mal wieder renovieren. Aber das bringt sehr viel Unruhe in den Alltag. Das möchte ich mir ersparen. Nicht auszudenken, wenn ich meine Schränke ausräumen und zur Seite schieben müsste. So viel Aufwand. Oder Handwerker in die Wohnung lassen? Nein, das will ich nicht. Die Tapete ist zwar alt, aber noch gut. Ich finde sie sehr zeitlos und das orangefarbene Muster gefällt mir noch immer gut.

Haustiere habe ich keine, obwohl ich manchmal gern ein kleines Aquarium hätte. Aber die Fische müssen regelmäßig gefüttert und das Aquarium gesäubert werden. Das ist mir zu aufwändig. Da bleibe ich lieber ohne Haustiere.

Ich habe ja so auch genug Hobbys: Lesen, Fernsehen und meinen Garten. Das reicht. Andere Hobbys kann ich mir suchen, wenn ich Rentner bin. Trotz allem hat meine ausgeglichene Lebensweise aber eine Schattenseite, die mich belastet: Schon seit Jahren quälen mich immer wieder Rückenschmerzen. Vor allem das lange Sitzen im Büro macht mir mehr und mehr zu schaffen. Nicht, dass ich mich nicht bewegen würde. Wie meine Kollegen hole auch ich mir zwischendurch mal einen Kaffee in der Kantine, gehe aufs WC oder bringe persönlich Unterlagen in andere Büros in anderen Etagen. Und dann benutze ich immer die Treppe. Einen Aufzug gibt es sowieso nicht. Aber ich will natürlich nicht zu lange von meinem Arbeitsplatz weg sein, deswegen beeile ich mich immer. Es wäre mir unangenehm, wenn jemand denken würde, ich würde mich fürs Nichtstun bezahlen lassen. Das wäre meinem Arbeitgeber gegenüber nicht fair. Und fair und ehrlich sollte man immer sein. Das sind gute Tugenden, die mir von meinen Eltern mit auf den Lebensweg gegeben wurden.

Hin und wieder nutze ich die Mittagspause für einen Spaziergang. Zugegeben, dass ist sehr stark vom Wetter abhängig. Es darf nicht regnen oder zu windig sein. Ich will nicht durchnässt oder zerzaust wieder im Büro ankommen. Zu heiß darf es aber auch nicht sein. Wie sieht das denn aus, wenn man dunkle Flecken unter den Armen hat oder Schweißperlen auf der Stirn glänzen? Bei meinen Kollegen sehe ich das manchmal und ich versuche, sie mit einem dezenten Wink darauf hinzuweisen. Aber sie verstehen es meistens nicht, sondern schauen mich nur irritiert an und winken zurück. Dann sieht man die Schweißflecke erst recht. Wie peinlich. In so eine Situation möchte ich gar nicht erst kommen.

Übrigens gehe ich gerne arbeiten. Wenn ich morgens an meinen Arbeitsplatz komme, geht es mir gut. Ich freue mich über meinen Schreibtisch, den ich mir sinnvoll mit Arbeitsmaterial funktionell ausgestattet habe. Alles hat seinen Platz. Der Locher, der Hefter, die Stifte. Da sitzt jeder Handgriff. Und dass mein Schreibtisch direkt am Fenster steht, ist sehr schön, auch wenn mich das manchmal von der Arbeit ablenkt. Mein Fenster habe ich mit ein paar Grünpflanzen dekoriert. Das ist gut für die Raumluft und sieht schön aus. Aber wenn ich bemerke, dass ich zu lange auf die Pflanzen oder aus dem Fenster schaue, konzentriere ich mich schnell wieder auf meine Arbeit. Bin ja nicht zum Vergnügen im Büro. Überhaupt ist mein Büro sehr angenehm. Es ist ziemlich groß und meine zwei Kolleginnen und mein Kollege fallen kaum auf. Es ist ein ruhiges und entspanntes Arbeiten in dem großen Raum. Aber was soll in der Abteilung Kalkulation schon Großartiges passieren? Durch eine übersichtliche Arbeitsteilung mit meinen Kollegen ist die Arbeit gerecht verteilt und wir haben alle genug zu tun und sind zufrieden. Kalkulation ist etwas Wundervolles. Es gibt klare Aufgaben und Zahlen sind immer eindeutig. Mir liegt diese Sachbearbeitung. Das macht mir wirklich Spaß.

Fleiß, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind mein Lebensmotto! Wenn ich mich für 10:00 Uhr verabrede, dann bin ich um 10:00 Uhr da. Meistens früher. Da kann sich so manch einer eine Scheibe bei mir abschneiden.

Glücklicherweise bin ich trotz meiner Korrektheit ein toleranter Mensch, der auch mal fünf gerade sein lassen kann. Letzte Woche habe ich meine Kolleginnen Frau Schuster und Frau Voss auf dem Gang erwischt, als die beiden geschwatzt haben. Ich habe gleich gehört, dass es nichts Geschäftliches war, aber ich habe trotzdem freundlich gegrüßt und im Vorbeigehen gesagt, dass ich sie nicht verraten werde. Sie haben so getan als wüssten sie nicht, wovon ich spreche, aber das kann ich verstehen. Den beiden war es sicher sehr unangenehm, beim Plaudern erwischt worden zu sein. Mit einem charmanten Augenzwinkern habe ich die Situation gekonnt aufgelöst. Ein anderer hätte die beiden bestimmt beim Vorgesetzten angeschwärzt. Aber so bin ich nicht.

Ich arbeite viel und um den nötigen körperlichen Ausgleich zu haben und die Rückenschmerzen zu vermeiden, versuche ich, mich möglichst viel zu bewegen.

Also fahre ich Fahrrad. Zugegeben, leider nicht so oft. Das ist, wie Spazierengehen, halt sehr wetterabhängig. Ich fahre im Frühling und im Sommer. Na ja, eigentlich eher nur im Sommer. Und manchmal noch ein bisschen im Herbst. Aber der Gegenwind darf nicht zu stark sein. Vermutlich strengt mich das Fahrradfahren bei Gegenwind so an, weil ich ein altes Fahrrad habe. Nicht so ein modernes mit einem leichten Rahmen. Mein Fahrrad ist ein Hollandrad. Robust und leicht zu reparieren, falls mal etwas kaputtgehen sollte. Und günstig war es auch noch. Ich habe es mitten im Winter gekauft. Da sind Fahrräder günstiger. Der Transport nach Hause mit dem Bus war etwas mühsam und fast hätte ich das Fahrrad nicht mit in den Bus hineinnehmen dürfen. Nur meinem dauerhaften Bitten und der Tatsache, dass der Bus fast leer war, hatte ich es zu verdanken, dass ich das Fahrrad schließlich trocken nach Hause gebracht habe. Okay, viele Möglichkeiten, mich nicht mit dem Fahrrad mitzunehmen, hatte der Busfahrer nicht, da ich mich geweigert habe, das bereits in den Bus gehobene Vorderrad aus der Bustür zu nehmen. Hierdurch wurde die Lichtschranke blockiert und der Busfahrer konnte die Tür nicht schließen. Mein Fahrrad hat ein stattliches Eigengewicht, das musste der Busfahrer einfach verstehen. Wenn man damit fahren will, dauert es eine ganze Weile, bis man in Schwung gekommen ist. Man muss schon sehr viel Kraft aufwenden. Somit überlege ich mir dreimal, ob ich das Fahrrad überhaupt aus dem Keller nach oben schleppen soll, um damit zu fahren. Vielleicht hätte ich mir ein leichteres Rad kaufen sollen. Aber jetzt ist das Hollandrad nun mal da und zusätzliches Geld für ein zweites Rad will ich auf gar keinen Fall ausgeben.

Statt Fahrrad zu fahren, entscheide ich mich manchmal dafür, spazieren zu gehen. Dann gehe ich in den Park. Aber der ist sehr groß. Da muss ich mich schon fit fühlen, bevor ich losgehe.

Nun gut, zurück zu meinen Rückenschmerzen. Obwohl ich also etwas für mein körperliches Wohlbefinden tue, habe ich häufig Rückenschmerzen.

Ich war deswegen beim Arzt. Nach einem intensiven Gespräch mit ihm riet er mir zu mehr Bewegung. Ich sei schließlich erst 53 Jahre alt. Da wäre noch einiges drin. „Noch mehr Sport?“, platzte ich heraus. „Ja, noch mehr Sport“, war seine Antwort. „Und vor allem: Richtigen Sport. Schließlich sitzen Sie den ganzen Tag und ein bisschen Bewegung reicht bei Weitem nicht aus.“

Zuerst wollte ich gegen die Aussage protestieren, aber der Blick von meinem Arzt drückte eindeutig aus, dass er keinen Widerspruch dulden würde.

Dennoch fühlte ich mich gedemütigt über seine Einschätzung. Aber ich bin ein vernünftiger Mensch: Ich gehe in mich und denke über Kritik nach. Sinnvolle Ratschläge beherzige ich gerne, wenn sie sich umsetzen lassen. Ich versprach dem Arzt, darüber nachzudenken, wie ich mich mehr bewegen könne.

Als ich das Sprechzimmer verließ, sah ich im Augenwinkel noch, wie mein Arzt, Herr Moltke, den Kopf schüttelte.

„Der hat gut reden“, dachte ich mir und regte mich innerlich noch auf. „Er sitzt da und ich soll mich mehr bewegen. Wie soll das gehen? Die Zeit muss ich erstmal erübrigen können. Schließlich bin ich in Vollzeit berufstätig. Und meinen Haushalt muss ich auch führen. Einkaufen gehen, Waschen, Putzen. All das kostet viel Zeit. Und außerdem kostet Sport Geld. Viel Geld.“ Den Beitrag für einen Verein oder ein Fitnessstudio wollte ich auf keinen Fall ausgeben!

Mein Blutdruck stieg an. Das spürte ich genau. „Tief durchatmen“, sagte ich mir. „Tief durchatmen. Das ist kein Grund, sich jetzt aufzuregen. Sonst bekomme ich nachher noch einen Herzinfarkt und damit ist niemandem geholfen.“ Langsam beruhigte ich mich wieder und versuchte, mich mit der Aussage von Herrn Moltke anzufreunden.

„Mehr Sport“, hörte ich ihn eine ganze Weile in meinem Kopf herumspuken und atmete tief ein. „Okay“, sagte ich mir schließlich, „also noch mehr bewegen.“ Als ich eine Zeit lang nachgedacht hatte, spürte ich Trotz in mir aufkommen. „Dem zeige ich es“, sagte ich mir und gleichzeitig spürte ich, dass mein Kampfgeist geweckt war!

Noch am gleichen Abend zog ich meine Sportschuhe an. „Joggen! Joggen ist die Lösung. Das kostet nichts und ich kann es spontan und überall machen.“ Das war genau das Richtige für mich. Und vor allem ungefährlich. Schließlich wollte ich mich nicht verletzen, Sport hat ja so seine Tücken.

Mit den Sportschuhen sah ich schon mal richtig gut aus. Ich habe sie erst ein paar Monate und sie sehen aus wie neu. Eigentlich sind sie ja noch neu, da ich sie bisher noch nicht angezogen habe. Außer im Geschäft bei der Anprobe. Ich hatte sie gekauft, da ich vor einiger Zeit bereits mal daran gedacht hatte, mit dem Joggen zu beginnen. Na ja, und weil sie günstig waren. Es war schließlich das letzte Paar eines Auslaufmodells. Aber bisher hatte sich die Gelegenheit zum Joggen nicht ergeben und meine Befürchtungen, etwas falsch zu machen, waren sehr groß. „Wie hieß doch dieser Spruch? Sport ist …, ach egal.“ Das spielte jetzt keine Rolle mehr.

Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, die Sportschuhe ihrem Zweck zuzuführen. Sie sollten mich tragen! Kilometer für Kilometer. Über Wiesen, durch Wälder und über Pfade. Durch Wind und Wetter. Ich war ganz euphorisch und schaute aus dem Fenster. Es sah ein bisschen bewölkt aus, aber bis es anfangen würde zu regnen, war ich wieder zurück. Ich war fest entschlossen, meine Motivation zu nutzen und sofort umzusetzen.

Nachdem ich die Sportschuhe wieder ausgezogen und meinen Trainingsanzug übergezogen hatte, normalerweise trage ich diesen nur zum Fernsehgucken, zog ich die Sportschuhe wieder an, schnürte sie fest zu und betrachtete mich wohlwollend im Spiegel. Perfekt! Mein kleiner Wohlstandsbauch wurde durch mein sportliches Outfit überdeckt. Ich zweifelte kurz: „Ob der knallrote Trainingsanzug wohl zu sehr auffällt? Nein“, entschied ich, „die Farbe ist zeitlos.“ Zufrieden holte ich tief Luft, zog den Bauch ein und öffnete meine Wohnungstür im ersten Stock. Dann stieg ich die Treppen hinunter zur Haustür, nahm die letzten zwei Stufen auf einmal und zog an der Haustür, die ich mit Schwung öffnete. Autsch - mein Rücken. „Habe ich mir etwa etwas ausgerenkt, als ich die Tür so schwungvoll geöffnet habe?“, schoss es mir durch den Kopf. Ich fühlte in meinen Körper hinein. Das hatte ich mal in dem Buch „Du und dein Körper“ gelesen, das ich mir mal gekauft habe. Nein, es schien alles in Ordnung zu sein. „Ignorieren, einfach ignorieren“, sagte ich mir und machte einen Schritt nach vorne. Und da stand ich nun. Voller Tatendrang. Mitten auf dem Gehweg. Ich schaute nach rechts und schaute nach links. Sehr ausgiebig und etwas länger, da ich mich nicht so richtig entscheiden konnte, loszulaufen. Ich wollte zur Sicherheit lieber doch nochmal intensiv in meinen Körper hineinhören, ob alles in Ordnung ist. Dann machte ein Fußgänger, den ich schon von Weitem hatte kommen sehen, einen Bogen um mich herum. „Affe! Steht mitten im Weg!“, hörte ich ihn sagen, als er fast schon außer Hörweite war. Ich schüttelte den Kopf und ließ mich nicht beirren. Stattdessen konzentrierte ich mich wieder auf meinen Rücken: Er schien in Ordnung zu sein. Erneut schaute ich nach rechts und nach links und traf eine Entscheidung. „Okay. Auf zum Park!“ Und dann lief ich los. Schritt für Schritt bewegte ich mich in Richtung Sportlichkeit! Was für ein Gefühl! Ich fühlte mich jung, dynamisch, frei und leicht. Soeben hatte mein neues Leben begonnen!

Ich kam gut voran und mit meinem lockeren Laufschritt kam ich sehr gut klar. Schon nach kurzer Zeit hatte ich den Park erreicht. Hier gab es viele Wege und ich entschied spontan, statt des Joggingpfades den Spazierweg einzuschlagen. Der war nicht ganz so lang. Schließlich wollte ich es ja am ersten Tag meines Trainings nicht gleich übertreiben.

Als ich schon eine Weile unterwegs war, spürte ich Schmerzen in meinem Rücken. Vielleicht gab er mir nur zu verstehen, dass ihm mein Laufstil nicht gefiel. Vielleicht lag es aber auch am falschen Atemrhythmus - immerhin bekam ich kaum noch Luft. Oder ob mein Seitenstechen mir auf den Rücken schlug? Schwer zu sagen, ich war gerade zu sehr mit meinem linken großen Zeh beschäftigt, der auch angefangen hatte zu schmerzen. Ob die Sportschuhe zu klein waren? Ich musste gleich morgen zurück zum Sportgeschäft und die Sportschuhe umtauschen. „Aber wann habe ich die Schuhe gekauft und wo habe ich den Bon?“ In Gedanken durchstöberte ich bereits meine Schubladen im Schreibtisch. Aber mit Sicherheit hatte ich den Bon ordentlich abgeheftet. Meine geschiedene Frau hätte gelacht, aber jetzt hätte ich ihr beweisen können, dass es sinnvoll ist, Einkaufsbelege grundsätzlich abzuheften. Vielleicht nicht alle, so wie sie behauptete, aber man weiß ja nie. Auch Konservendosen könnten schlecht werden. Und was dann?

Tief in meinen Gedanken und Schmerzen versunken, übersah ich einen Stein, den jemand mitten auf den Weg gelegt haben musste. Der gehörte eigentlich nicht hierher. Damit hatte ich nicht gerechnet. Der Stein war nicht sehr groß, aber groß genug, so dass ich ihn nicht verfehlen konnte. Ich trat seitlich auf ihn rauf und dann zog der Schmerz in mich hinein: Erst in den Fuß, dann in die Wade und über den Oberschenkel hinauf bis in den Rücken. Ich schrie laut auf, verlor das Gleichgewicht und fiel wie ein nasser Sack auf den Boden!

Ganz benommen konnte ich mich kaum noch bewegen. „Ich wusste es“, schoss es mir gleich durch den Kopf: Sport ist Mord! Jetzt war mir der Spruch wieder komplett eingefallen. Den gibt es schließlich nicht umsonst. Ich hätte es wissen müssen. Das musste ich meinem Arzt unbedingt sagen. Da lag ich also nun auf dem Spazierweg und schaute mich verzweifelt um. Doch niemand war zu sehen. Aber mir war klar: Irgendwie musste ich wieder auf die Beine kommen, nach Hause … oder am besten zu meinem Arzt. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht hoch. Mein Rücken schmerzte zu sehr und ich war nicht in der Lage, aufzustehen. Egal wie ich mich drehte und wendete, es ging einfach nicht. Schnaufend blieb ich auf dem Weg sitzen. Ich spürte, wie mein Herz zu rasen begann. „Okay, ganz ruhig“, dachte ich mir. „Ich brauche einen Plan B. Hilfe holen! Mein Handy!“ Ich kramte in den Taschen meiner Trainingshose. „Mein Handy, wo habe ich mein Handy?“ Ich kramte noch einmal meine Taschen durch. Diesmal hektischer. Doch dann fiel es mir ein. Das Handy lag zu Hause auf der Kommode. Ordentlich in der Handyschale. Ich nehme mein Handy selten mit, wenn ich unterwegs bin. Ich habe Angst davor, es zu verlieren oder es könnte nass werden, wenn es regnet. Ist alles schon vorgekommen. Nicht bei mir, aber ich habe davon gehört. Und wenn es dann kaputt oder weg ist, nutzt es ja niemanden mehr etwas. Aber irgendwie ärgerte ich mich über mich selbst. Vielleicht hätte ich es heute mal mitnehmen sollen. In Gedanken hörte ich meine geschiedene Frau schon wieder wettern: „Ich habe dir immer gesagt, du sollst das Handy mitnehmen. Wenn mal etwas passiert …“

Vielleicht hätte sie ja dieses eine Mal recht gehabt. Auch ein blindes Huhn findet schließlich mal ein Korn.

Aber es nutzte ja alles nichts. Ich saß noch immer auf dem Boden. „Der Schmerz, wo ist der Schmerz? Bin ich vielleicht gelähmt?“ Vorsichtig drehte ich wieder meinen Oberkörper und bewegte vorsichtig meine Beine. Nein, ich konnte alles spüren und bewegen. Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu entspannen. Bis plötzlich wieder ein stechender Schmerz in mein Bein schoss - und dann in den Rücken. „Ich lebe!“, sagte mir mein Verstand, aber er sagte mir auch ganz deutlich, dass irgendetwas nicht stimmte.

Ich stöhnte. Wie sollte ich jetzt hier wegkommen?

Verzweifelt schaute ich mich um und atmete erleichtert auf. Da, am Horizont … In der Ferne sah ich eine Mutter mit einem Kinderwagen auf mich zukommen. Ein Kind auf einem Skateboard begleitete sie. „Was für ein Glück“, dachte ich, „die kommt ja wie gerufen.“

Aber als die Frau näherkam und ich sie erkennen konnte, verflog meine Erleichterung: Ich stellte fest, dass es meine Nachbarin war. „Ausgerechnet die!“, schoss es mir durch den Kopf.

Eigentlich kannte ich sie ja nur vom Sehen. Na ja, und von den Streitereien im Treppenhaus. Sie wohnt schließlich über mir. Mit zwei kleinen Kindern. Das kann sich keiner vorstellen, welchen Lärm diese beiden Kinder machen. Das eine jedenfalls, das schon laufen kann, aber das kleinere auch, es schreit immer wieder und das kann ich in meiner Wohnung deutlich hören, wenn ich den Fernseher leise stelle. Jedenfalls machen die Kinder auch Lärm, wenn sie auf dem Spielplatz hinter dem Haus toben. Da macht es auch nichts aus, dass nur meine Küche und mein Badezimmer in Richtung Spielplatz liegen. Schließlich benutze ich diese beiden Räume. Und der Kinderwagen unter der Treppe stört auch. Würde ich dort mal etwas abstellen wollen, wäre gar kein Platz mehr. Das ist nicht korrekt, schließlich gehört der Platz unter der Treppe der Allgemeinheit. Ich könnte ihn nicht benutzen, wenn ich wollte und das könnte ja sehr kurzfristig mal notwendig sein.

Meine geschiedene Frau hat immer gesagt, wir sollten froh sein, dass die Kinder in der Wohnung so artig sind und ich solle mich entspannen. Und der Spielplatz hinter dem Haus sei schließlich zum Spielen da. Aber dem konnte ich nicht zustimmen. Hier ging es ja ums Prinzip. Wer heute auf dem Spielplatz krakeelt, wird morgen in der Wohnung randalieren und liegt übermorgen dem Staat auf der Tasche. Da bin ich mir ganz sicher.

Wenn meine Frau nicht so rechthaberisch gewesen wäre, wären wir bestimmt noch ein glückliches Paar.

Ich konzentrierte mich wieder auf meine Nachbarin und dachte nach. „Sollte ich sie um Hilfe bitten?“ Mich schauderte. „Nein, das kam gar nicht in Frage. Niemals!“

So entspannt wie möglich blieb ich auf dem Spazierweg liegen und tat so, als wenn alles in Ordnung wäre. Ich versuchte, mich etwas zu bewegen, so dass es hoffentlich so aussah, als würde ich Gymnastik machen.

Dann erreichte mich das ältere Kind auf seinem Skateboard. Zuerst befürchtete ich, es würde einfach über mich drüberfahren, da es keine Anstalten machte, seine Geschwindigkeit zu drosseln. In voller Fahrt bremste es erst kurz vor mir ab. Eine Fontäne von Schmutz und kleinen Steinchen hagelte auf mich nieder. Das Kind sprang von seinem Skateboard runter und starrte mich von oben bis unten fragend an. „Wir sind hier nicht im Zoo!“, blaffte ich das Kind an. „Mach, dass du wegkommst!“

„Mama, hier liegt der Blödmann aus dem ersten Stock“, hörte ich das Kind seiner Mutter zurufen. Selbst aus der Ferne konnte ich sehen, dass die Mutter im Gesicht rot anlief. „Ich liege hier nicht, ich mache Gymnastik“, sagte ich zu dem Kind.

Vielleicht etwas zu laut und zu aggressiv, das Kind lief jedenfalls schreiend zu seiner Mutter zurück.

Meine Nachbarin kam näher. „Herr Schneider, was machen Sie hier?“ Es klang spöttisch und das Schlimmste an dieser Situation war, ich konnte mich ihr nicht entziehen. „Gehen Sie einfach weiter!“, sagte ich zu meiner Nachbarin und versuchte, mich von ihr wegzudrehen. Da fuhr es mir wieder in den Rücken und ich schrie laut auf. Das Baby im Kinderwagen erschreckte sich und schrie auch laut auf. „Was hat der Blödmann?“, wollte das ältere Kind wissen, das sich jetzt in Anwesenheit seiner Mutter wohl wieder stärker fühlte.

„Ich heiße Schneider!“, protestierte ich, wobei mir wieder ein Stich durch den Rücken zog. „Und jetzt verschwindet! Es kommt sicher bald jemand vorbei, der mir helfen kann.“

„Hier kommt keiner mehr vorbei“, sagte meine Nachbarin, als sie sich umgeschaut hatte. „Da werden sie lange warten müssen!“ In meinen Ohren klang es gemein und ich fühlte mich ihr ausgeliefert. „Natürlich, der nächste Spaziergänger wird mir schon helfen“, sagte ich so überzeugend wie möglich. „Das glaube ich kaum“, meinte meine Nachbarin, „es wird bald dunkel und die Jogger nutzen dann nur den beleuchteten Sportpfad. Da werden Sie wohl die Nacht hier verbringen müssen.“

Mir wurde ganz übel. Vielleicht hatte sie ja recht.

Ich dachte kurz nach. „Na gut“, sagte ich. „Sie können mir helfen.“ Warum sie jetzt die Augen verdrehte, konnte ich nicht verstehen. Schließlich wollte ich sie nur bitten, jemanden anzurufen, der mir helfen könne. Vielleicht würde die Feuerwehr mich aus meiner misslichen Lage befreien und mich nach Hause bringen. „Können Sie bitte die Feuerwehr rufen?“, fragte ich sie. „Ich habe kein Handy“, sagte meine Nachbarin, „das kann ich mir nicht leisten.“ „Das hatte ich ganz vergessen“, ging mir ein Gedanke durch den Kopf. Ihr Mann war ja abgehauen. Sie war alleinerziehend mit zwei Kindern. Als Alleinerziehende war das Geld sicher öfter mal knapp. „Sie muss sicher sehr sparsam sein“, dachte ich mir, während ich sie so betrachtete. „Na ja, kein Wunder, dass sie die Bälger alleine großziehen muss“, überlegte ich. Meine Nachbarin war ja immer so rechthaberisch. Hat sie sich sicher von meiner Ex-Frau abgeguckt. Die beiden waren sich immer einig.

Während das ältere Kind hinterhältig versuchte, eine Schnecke zu überreden, auf mich heraufzuklettern, meinte meine Nachbarin nur, dass Starrsinn hier ja wohl gar nichts nützen würde. Schließlich könne sie mich ja nicht einfach so hier liegen lassen. Ich gab schlussendlich nach. Schließlich hatte es zwischenzeitlich angefangen, leicht zu regnen. Außerdem musste ich zur Toilette. Ich trinke Tee, viel Tee, grünen Tee. In der richtigen Temperatur aufgebrüht, stärkt er Geist und Seele und hält fit. Zugegeben, momentan fühlte ich mich nicht gerade im Gleichgewicht. Vielleicht hatte ich den Tee heute zu lange ziehen lassen. Aber ich gab meiner Nachbarin recht und bat sie mehr oder weniger höflich, mich nach Hause zu tragen. Sie lachte auf. „Ich kann Sie nicht tragen. Sie sind mir viel zu schwer“, sagte sie. Ich starrte auf den Kinderwagen. „Dann setze ich mich eben in den Kinderwagen“, gab ich zur Antwort.

Das ältere Kind, irgendwann sollte ich mir den Namen mal merken, schaute nur erstaunt und meinte, ich wäre wirklich nicht ganz dicht. „Lass ihn liegen“, sagte es zu seiner Mutter und zog an ihrer Hand, um von mir wegzukommen. „Was?“, schrie ich vor Entsetzen auf und durch die ruckartige Bewegung schoss es mir wieder in den Rücken.

„Jetzt tun Sie schon was“, raunzte ich meine Nachbarin an. „Ich bin schon ganz nass.“

„Mama, können wir jetzt endlich gehen?“, fragte das ältere Kind genervt. „Ich will unbedingt den Zeichentrickfilm sehen. Du hast gesagt, ich darf!“ Der Tonfall des Kindes klang jetzt nörgelig.

„Das ist ja typisch“, schaltete ich mich ein. „Kinder sollten nicht so viel Fernsehen gucken. Da verdummt man nur und …“

„Lassen Sie das mal meine Sorge sein“, blaffte mich meine Nachbarin an und ich schwieg. Ich fühlte mich mehr und mehr unwohl und mir wurde klar, dass ich mich zusammenreißen musste. Auf dem nassen Boden hockend hatte ich bereits das Gefühl, in die Hose gemacht zu haben. Langsam wurde mir kalt.

Meine Nachbarin schaute sich um und dachte kurz nach. „Ich glaube, ich weiß, wie wir Sie nach Hause bekommen. Leon, wir brauchen dein Skateboard! Da setzen Sie sich drauf und Ihre Beine legen Sie unten im Kinderwagen in den Korb. Ich schiebe Sie dann nach Hause. Los Leon, hilf mir!“

Leon wollte protestieren, aber seine Mutter schaute ihn nur mahnend an. Noch bevor ich begriff, was eigentlich vor sich ging, war meine Nachbarin dabei, mir das Skateboard unter den Hintern zu schieben. Leon zog widerwillig von oben an mir. Um nicht zu schwer zu sein, versuchte ich, mich mit den Händen abzustützen, um meinen Körper anzuheben. Es schmerzte sehr, aber ich biss die Zähne zusammen. In was für eine peinliche Situation war ich da geraten? Ich musste mich bei meiner Krankenkasse unbedingt über meinen Arzt beschweren. Mein Verstand sagte mir, dass er an meiner Misere Schuld hatte.

Als ich schlussendlich auf dem Skateboard saß und Leon mir angewidert auf Befehl seiner Mutter eine Hand reichte, damit ich das Gleichgewicht halten konnte, zog sie den Kinderwagen vor uns und ich schob meine Beine mit Ihrer Hilfe unter großen Anstrengungen und Gestöhne unten in den Korb.

Ob ich vom Regen oder vom Schweiß so triefte, weiß ich nicht mehr. Aber so zusammengedrängt machten wir uns nun über den Pfad entlang auf den Nachhauseweg. Den Kinderwagen, an dem ich mich mit beiden Händen festhielt, hatte ich vor meinem Gesicht, und meine Nachbarin tippelte in kleinen Schritten hinter meinem Rücken her und schob uns langsam und vorsichtig den Pfad entlang. Ihre Jacke streifte immer wieder meinen Kopf, was mich sehr nervös machte. Aber in dem Moment, als ich mich bei ihr darüber beschweren wollte, stieß sie gerade schwer atmend Luft aus. Mir wurde klar, dass ihre Aufgabe, mich mitsamt dem Kinderwagen zu schieben, auch nicht gerade eine schöne Beschäftigung war. Also versuchte ich, mich lieber zurückzuhalten. Aber das war gar nicht so leicht. Jeder Stein und jede noch so kleine Erhebung auf dem Weg ließen mich vor Schmerz aufschreien. „Stellen Sie sich nicht so an“, sagte meine Nachbarin zu mir, als ich wieder aufschrie. „Hier ist gar nichts, hier ist der Pfad ganz flach und asphaltiert. Sie sollte man wirklich nur in einem Aquarium halten, damit nichts an Sie rankommt.“ Ich schnaufte. Hätte ich laufen können, wäre ich aufgesprungen und hätte ihr meine Meinung gesagt. Aber ich durfte es mir mit ihr nicht verscherzen. Ich war auf sie angewiesen. Leider. Etwas Schlimmeres hätte mir gar nicht passieren können.

So zogen wir also wie eine skurrile Minikarawane langsam durch den Park vorwärts. Inständig hoffte ich, dass wir niemandem begegnen würden, der mich kannte. So nah, wie ich mich bereits dem Erdboden befand, würde ich aus Scham mit Sicherheit sofort komplett darin verschwinden.

„Da vorne ist ein Hundehaufen“, sagte ich. „Den habe ich beim Loslaufen gesehen“, klärte ich sie auf. „Nicht, dass Sie da durchfahren.“ „Den habe ich auch gesehen“, sagte meine Nachbarin. „Eine Sauerei ist das!“ Ich nickte zustimmend. Diese Einstellung machte sie mir etwas sympathischer. Trotzdem hielt ich zur Sicherheit Ausschau nach dem Hundehaufen. Schließlich befand ich mich fast auf Augenhöhe mit ihm … Nicht auszudenken, wenn etwas von dem Hundehaufen nach oben spritzen würde, wenn wir versehentlich doch darüber fahren würden. In meiner Situation wäre ein Ausweichen unmöglich.

Aber bald hatten wir es geschafft. Als ich unser Wohnhaus sah, atmete ich tief durch. „Endlich!“, sagte ich erleichtert und lächelte meine Nachbarin an. “Endlich haben wir es geschafft!“ Ich freute mich, aber meine Nachbarin schaute mich nur mit großen Augen an. Sie war schweißüberströmt. „Ja! Gleich haben wir es geschafft“, sagte sie und pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Irgendwie klang ihre Stimme sehr ironisch.

Dann erreichten wir die Haustür und kurzentschlossen klingelte meine Nachbarin andere Mitbewohner aus ihren Wohnungen. Sie erklärte durch die Gegensprechanlage jedem kurz die Situation und nachdem einige Nachbarn nach unten gekommen waren, trug man mich gemeinsam hoch in den ersten Stock. Auf dem Flur trafen wir noch weitere Nachbarn, die wie Schaulustige gafften. Manche kicherten. „Wir sind gleich da!“, sagte ich zu meinen Trägern und lächelte sie motivierend an. „Durchhalten!“, spornte ich sie an. Aber mich überkam trotzdem die Angst, dass sie mich lieber fallen lassen würden. Zum Glück taten sie das aber nicht. Und trotzdem wurde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass sie mir nur widerwillig halfen. Dabei war ich immer nett und freundlich, hatte für jeden ein nettes Wort übrig, wenn ich durch das Treppenhaus ging und die Hausordnung hatte ich auch immer exakt eingehalten. Aber ich finde es durchaus auch legitim und notwendig, andere Bewohner hin und wieder, auch vorsorglich, auf die Einhaltung unserer Hausordnung hinzuweisen. Schließlich wollen wir uns ja alle in unserem Haus wohl fühlen.

Plötzlich griff Frau Meier von nebenan nach meiner Trainingshose. Ich schrie auf. „Was soll das?“ Sie schaute mich an. „Machen Sie sich mal keine Hoffnung, Herr Schneider, ich suche nur Ihren Wohnungsschlüssel.“ Sie grinste. „Sie haben doch wohl nicht im Ernst geglaubt …“ „Nein, nein!“, gab ich schnell zur Antwort. Frau Meier lachte laut auf und schüttelte dann den Kopf. „So ein …“, begann sie einen Satz und Leon, das Kind meiner Nachbarin von oben, ergänzte nur: „Blödmann.“ „Kein Respekt, dieses Kind“, dachte ich. Aber was sollte ich tun? Ich war machtlos und der Willkür meiner Nachbarschaft ausgeliefert.

Frau Meier öffnete meine Wohnungstür und Herr Kowalski und Herr Meier trugen mich durch die Diele in mein Wohnzimmer. „Nicht auf die Couch“,