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Jahrhundertelang wurden Wölfe zu Unrecht als Bestien verfolgt und fast ausgerottet. Umso absurder, dass sich so mancher Chef einen martialischen Alphawolf zum Vorbild nimmt, um damit sein autoritäres Gebaren zu rechtfertigen. Dabei stellen aktuelle Forschungsergebnisse diese alten Denkmuster auf den Kopf: Wölfe verfügen über ein hohes Maß an sozialer Intelligenz. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Tierparks zeigt die Autorin, wie man von der intelligenten Führungsstrategie der Wölfen lernen kann. Der Schlüssel für erfolgreiche "Rudel" heißt sowohl bei Menschen als auch bei Tieren: Vertrauen. Für den Leitwolf ist es schlicht eine Überlebensfrage, seiner Gruppe ein zuverlässiger Anführer zu sein und sie als gut funktionierendes Team zusammenzuhalten.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2011
Für Luna
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1. Auflage 2011
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Redaktion: Ulrike Kroneck, Melle-Buer Umschlagabbildung: iStockphoto.com Satz: HJR, Manfred Zech, Landsberg am Lech EPUB-Produktion: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN 978-3-86414-215-4
Einleitung: Vertrauen ist wichtiger als Rang – warum wir von Wölfen lernen können
1. Familienunternehmen Wolf
2. Gemeinsam sind wir stark – Arbeiten im Team
3. Auf die Leitwölfe ist Verlass – wie Wölfe führen
Von der Natur lernen, ja, das liegt im Trend. Das wollen wir. Es werden jedenfalls immer mehr, die das sagen. Wir wollen es wieder, nachdem wir oft genug und schmerzlich erleben mussten, dass wir mit unserem menschlichen Verstand den vermeintlich primitiven Tieren und Pflanzen keineswegs überlegen sind. Die Natur hat eine unglaublich beeindruckende Entwicklungs- und Erfolgsgeschichte aufzuweisen. Sie hat Katastrophen und Krisen standgehalten und für alle möglichen Probleme Lösungen gefunden. Sie ist schön, die Natur, sie ist gesund. Auch wenn sie manchmal im Kampf gegen uns Menschen zu verlieren scheint. Sie tut uns gut, sie ist gut.
Doch wie ernst ist es uns Menschen damit wirklich, und was bedeutet es, von der Natur zu lernen? Warum muss ich ein ganzes Buch darüber schreiben, und warum sollten Sie es lesen? Von Wölfen lernen – so etwas ist für manche Menschen ohnehin ungewöhnlich. Es ist schnell dahingesagt: »Ja, lernen wir doch mal von der Natur!« Viele Menschen nicken zustimmend, wenn dieser Satz fällt. Aber von der Natur zu lernen, das bedeutet mehr als nur zu mahnen, gesünder zu essen oder sich öfter mal eine Auszeit zu nehmen. Wenn wir als moderne Menschen von der Natur lernen wollen, dann müssen wir bereit sein, uns und unser Leben unter Umständen sehr weitgehend infrage zu stellen. Ein bisschen »öko« reicht nicht.
Also noch einmal: Was können wir moderne Menschen von der Natur lernen? Sehr ernsthaft gehen dieser Frage Philosophen und Psychologen nach, aber es beschäftigen sich auch Naturwissenschaftler damit, und – besonders spannend für dieses Buch – Wirtschaftswissenschaftler und Managementexperten. Es hat sich eine ganze Fachrichtung daraus entwickelt, und sie hat einen Namen: Die Rede ist von der Bionik.
Der Begriff »bionic« fiel erstmals 1960 in den USA. »Bionik« setzt sich aus »Biologie« und »Technik« zusammen. Kein Zufall, denn tatsächlich waren die Vorreiter der Bionik Naturwissenschaftler. Sie schauten sich Konstruktionen von der Natur ab. Allen voran die Flugtechniker, die die Vögel studierten, um zu lernen, wie das Fliegen funktioniert: wie Leonardo da Vinci, Otto Lilienthal, um nur zwei zu nennen. Es gab aber auch U-Boot-Bauer, die sich an Fischen orientierten, oder Erfinder wie den Schweizer George de Mestral, der sich von Pflanzen – den Kletten – zur Erfindung des Klettverschlusses inspirieren ließ. Bionik bedeutet, gezielt und systematisch in der Natur nach Strukturen zu suchen, mit denen sich technische Probleme lösen lassen. Ein bekannteres Beispiel gibt es in der Erforschung und Entwicklung von Oberflächenstrukturen. Vielleicht haben Sie schon davon gehört, welche hervorragenden Eigenschaften an der Haifischhaut entdeckt wurden. Ihre Oberfläche hat spezielle Rillen, die den Widerstand bei Bewegung extrem verringern. Diese Struktur wird seither für aerodynamische Zwecke imitiert – bei Flugzeugen beispielsweise oder bei den Schwimmanzügen der Spitzensportler.
In jüngster Zeit haben auch Unternehmenslenker und Managementexperten die Bionik entdeckt, als einer der bekanntesten der Schweizer Unternehmensberater und Management-Lehrer Fredmund Malik. Diese neue Wissenschaft ist die Wirtschaftsbionik. Sie analysiert, was Manager und Unternehmen von der Natur, von Tieren und Pflanzen lernen können. Sie erforscht die genialen »Erfindungen« der Schöpfung und versucht, diese verblüffend kreative Ideenbörse für die Menschheit nutzbar zu machen«.[1]
Beispielsweise geht es um die Frage, wie Hunderte, Tausende Ameisen so perfekt organisiert zusammenarbeiten können, ohne dass jemand ihnen sagt, was sie zu tun haben. Ähnlich faszinierend ist die Schwarmintelligenz der Heringe oder der Ideenwettstreit bei den Honigbienen. Wie schaffen es die Tiere, sich so perfekt aufeinander abzustimmen, komplexe und treffsichere Entscheidungen ganz ohne Führung zu treffen? Dafür interessieren sich etwa Logistiker. So entwickelten die Distributionslogistiker der US-amerikanischen Liquid Gas Company ein System, mit dem sie jeweils die schnellsten Transportstrecken mit dem geringsten Energieverbrauch fanden. Vorbild war die gemeinsame Routenplanung der Ameisen, wenn sie Nahrung in den Bau bringen.[2] Der amerikanische Gashersteller American Air Liquide, der nach dem Vorbild der Ameisen die Überwachung seiner Anlagen optimiert hat, konnte Einsparungen im zweistelligen Millionenbereich vorweisen.[3]
Eine andere Erkenntnis aus der Erforschung der Schwarmintelligenz zog der US-Konzern W. L. Gore & Associates für seine Organisationsentwicklung: Von der Natur lernte man, dass die Steuerung komplexer Systeme nur funktioniert, solange eine bestimmte Zahl an Mitgliedern nicht überschritten ist. Daraus errechnete das Unternehmen, dass in keinem seiner Werke mehr als 200 Menschen arbeiten sollten.[4]
Der Reichtum der Natur an Vorbildern ist unerschöpflich. Marketingfachleute lassen sich vom Balztanz der Pfaue inspirieren, Kommunikationsexperten schauen, wie Hunde mit ihrer extrem guten Spürnase höchste Wahrnehmungsleistungen vollbringen. Elefantenkühe, die über Hunderte Kilometer Wasserstellen orten, inspirieren Wissensmanager, und vom Zusammenhalt bei den Zwergmungos können sich Arbeitsteams eine Menge abschauen.[5]
Es sind höchst unterschiedliche Erkenntnisse, die die Natur uns bietet. Sie hat eine große Vielfalt an Lösungen entwickelt. Deshalb wäre es auch falsch, nach der einen, der einzigen Lösung zu suchen, die auf alles passt. Die Natur bringt so viele verschiedene Systeme und Mechanismen hervor, weil es so viele verschiedene Herausforderungen gibt. Welche Antwort sie uns gibt, hängt deshalb davon ab, welche Frage wir ihr stellen. Für die Logistiker sind Ameisen interessant; Organisationsentwickler profitieren von der Beschäftigung mit Schwarmintelligenz; Hyänen und Löwen bieten Anregungen für Kommunikationsfachleute. Nicht nur für Organisationen, auch für Individuen hat die Natur Antworten. So haben in den vergangenen Jahren tiergestützte Coachings zugenommen. Zunächst wurde vor allem mit Pferden gearbeitet. Sie bieten den Klienten die Möglichkeit der Selbsterfahrung. Wer einmal mit Pferden kommuniziert hat, wird sich selbst im Anschluss daran in Kommunikation und Führung ganz neu erleben. Andere Coachings oder Workshops leben weniger vom direkten Kontakt mit dem Tier als von der Beobachtung. Im Gelsenkirchener Zoo beispielsweise lernen Manager aus der Beobachtung von Affen etwas über den Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen.[6]
Und was ist nun mit den Wölfen?
Ich schreibe dieses Buch über Wölfe, weil sie die vielleicht beste Antwort der Natur auf jene Fragen sind, die wir an das Thema Führung stellen.
Wir hatten die Wölfe fast vergessen, denn in unseren europäischen Lebensräumen waren sie jahrhundertelang so gut wie ausgerottet. Es ist auch heute noch nicht einfach, ihnen in freier Wildbahn zu begegnen. Erst nach und nach siedeln sie sich wieder in unseren Wäldern an. Nach wie vor muss man in die großen Nationalparks in Kanada oder in den USA fahren, um, mit ein bisschen Glück, wild lebende Wolfsrudel zu beobachten.
Auch für mich waren Wölfe die meiste Zeit meines Berufslebens als Coach und Beraterin kein Thema. Dabei habe ich eigentlich einen ganz persönlichen Bezug zu diesen Tieren. Ich verbrachte als Kind viel Zeit bei meiner Großmutter, die im Osten Polens in der Nähe der russischen Grenze aufgewachsen war. Und dort war es keine Seltenheit, wilden Wölfen zu begegnen. Ich weiß noch, wie fasziniert ich war, als sie mir davon erzählte, wie sie mit ihrem Vater und mit ihren Geschwistern nachts nach dem Holzsammeln in einem Pferdeschlitten durch den Wald nach Hause fuhr, und sie von einem Wolfsrudel verfolgt wurden. Die Wölfe hatten es auf die Pferde abgesehen. Normalerweise wagen sich Wölfe nicht in die Nähe von Menschen, doch durch den strengen Winter waren sie extrem hungrig und geschwächt und riskierten alles, um an die so lebenswichtige Nahrung zu kommen. Zudem geben in Geschirren laufende Pferde für Wölfe ein »krankes« Laufbild ab, sehen also nach leicht zu erjagender Beute aus. Mein Urgroßvater wusste sich zu wehren, er musste ja auch seine Kinder und die Pferde beschützen. So schlug er mit einer Reitpeitsche immer wieder nach den Wölfen, erwischte wohl auch einen, wie das Aufheulen zeigte … Die Begebenheit war natürlich furchterregend, aber meine Großmutter charakterisierte die Tiere auch als Gruppe mit festem Zusammenhalt, bereit, um ihr Leben zu kämpfen.
Bei mir hat das einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich habe Zeit meines Lebens viel Sympathie für Wölfe empfunden. Fast 15 Jahre lang war eine Alaskan-Malamute-Hündin meine ständige Begleiterin: eine Schlittenhundrasse, die sich aus halbwilden Wolfsabkömmlingen entwickelt hat und die sich in ihrem ursprünglichen Lebensraum Yukon/Alaska auch heute noch bisweilen mit Wölfen paart.
Dass meine Liebe zu diesen Tieren über ein privates Interesse hinausgehen könnte, dämmerte mir zum ersten Mal, als ich auf die Originalausgabe des Romans »Lang Tuteng« (»Wolfstotem«) stieß. Autor ist der chinesische Ex-Dissident und Wirtschaftsprofessor Jiang Rong. Sein autobiografischer Roman handelt von den nomadisierenden Viehzüchtern in der Inneren Mongolei, die sich, mit dem Wolf als Totemtier, gegen die Übermacht der Han-Chinesen und deren Zerstörung der Natur zur Wehr setzen. Er lernte Wölfe als klug, mutig und frei kennen, und er setzt ihre Lebensweise in Bezug zu unserer Zivilisation. Als ich sein Buch las, wurde mir klar: Wir können von Wölfen lernen. Und zwar sehr viel.
In der Art, wie Wölfe zusammenarbeiten, wenn sie eine Beute im Visier haben, der Art, wie sie im Rudel miteinander umgehen, wie sie miteinander kommunizieren, in ihrer Ausdauer und Geduld und in der Art, wie die Leitwölfe ihr Rudel führen: Darin liegen die Antworten, die wir Menschen so oft suchen, wenn wir über Teamarbeit und Führung nachdenken. Wölfe sind stark, zielorientiert und erfolgreich, aber – das werden Sie in diesem Buch erfahren – diese Tiere können auch sehr fürsorglich, verbindlich und selbstlos sein.
Ich habe mich in den vergangenen Jahren intensiv mit Wölfen beschäftigt, bin durch Europa gereist und habe die Tiere in vielen Wildparks beobachtet. Ich war natürlich in Deutschland, aber auch in Spanien, Frankreich, der Schweiz. In diesen Gehegen bemüht man sich sehr, den Wölfen einen möglichst natürlichen Lebensraum zu bieten. Die Tiere haben Auslauf, verschiedene Gelände, können sich verstecken und Höhlen nutzen. Es ist faszinierend, sie zu beobachten. Doch natürlich ist das nicht das Gleiche, wie Wölfe in freier Wildbahn zu erleben.
Wer viel über Wölfe lernen will, muss sich unbedingt mit den Studien und Büchern der Wolfsforscher beschäftigen, die sich zu ihnen auf den Weg gemacht haben. Deshalb habe ich auch sehr viel über Wölfe gelesen. Die aktuellen Forschungen basieren vor allem auf Beobachtungen, die in Kanada und den USA gemacht wurden. Besonders hervorheben möchte ich den deutschen Forscher Günther Bloch, dessen Bücher nicht nur den aktuellen Stand der Erkenntnisse wiedergeben, sondern auch mit vielen Vorurteilen gegenüber den Wölfen aufräumen. Immer wieder hat Bloch in seinen langen Aufenthalten in Kanada Beobachtungen festgehalten, die nicht in das herkömmliche Bild vom »grausamen« Wolf passen wollen. Sein Blick auf die Tiere ist immer so unvoreingenommen wie irgend möglich, seine Eindrücke sind so authentisch wie sonst kaum irgendwo zu finden. Blochs Schriften gehören deshalb zu den wesentlichen Grundlagen dieses Buches, dessen Urfassung er gelesen und durch viele wertvolle Kommentare, Anregungen und Tipps bereichert hat. Erst kürzlich hat er seine Beobachtungen aus 20 Jahren Feldforschung in Kanada in einem neuen Buch zusammengefasst: »Auge in Auge mit dem Wolf«. Es ist eine reichhaltige und wertvolle Wissensquelle für jeden, der sich mit Wölfen beschäftigen möchte.
Aus meinen eigenen Beobachtungen und der Lektüre der Wolfsforschungen habe ich viele Erkenntnisse und Antworten auf Fragen gefunden, die ich jahrelang in Beratungen, in Führungskräfte-Coachings oder Team-Workshops gestellt bekam oder selbst aufgeworfen habe. Weshalb sind Führungskräfte manchmal unglaubwürdig? Was steckt hinter Mobbing? Wie schweißt man ein Team zusammen? Zu solchen Fragen kann man viel lesen und viel hören, und natürlich ist auch mir früher schon selbst einiges dazu eingefallen, bevor ich mich mit Wölfen beschäftigt habe. Was also ist so besonders wertvoll an den Erkenntnissen, die sich aus der Beschäftigung mit den Wölfen ergeben? Was gewinnen wir daraus, das wir andernorts nicht finden könnten?
Wenn ich meine Coaching-Klienten mit Wölfen konfrontiere, wenn ich in Teamberatungen mit Wolfsanalogien arbeite oder eine Gruppe mit in einen Wildpark nehme, um die Tiere dort vor Ort zu erleben, dann bestätigen mir die Reaktionen, was ich auch selbst erlebt habe: Wenn wir Wölfe erleben, besinnen wir uns auf das Wesentliche. Die Beschäftigung mit ihnen hilft, Phrasen zu entlarven und Wahrheiten zu entdecken. Dass beispielsweise Führung am besten funktioniert, wenn zwischen der Führungskraft und den Mitarbeitern Vertrauen herrscht, würde sicher niemand ernsthaft bestreiten. Aber wem ist schon wirklich klar, was das ganz konkret heißt? Die ganze Dimension solcher Sätze erschließt sich jedoch, wenn man erfährt, wie Wölfe aufeinander hören, wie sie sich füreinander einsetzen. Wie Leitwölfe mit kleinsten Gesten ein Rudelmitglied dirigieren oder wie geduldig sie den Übermut der Jungtiere ertragen. Wölfe haben keinen großen Überbau aus Führungstheorien und Teamgesetzen. Sie tun, was nötig ist. Und sie tun genau das Richtige.
Wir besinnen uns auf die Ursprünge, wenn wir uns mit Wölfen beschäftigen. Wir erkennen, was wichtig ist und lernen wieder, es von den unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Außerdem habe ich bei den Wölfen etwas entdeckt, was eigentlich zutiefst menschlich ist und was ich nicht in der Natur gesucht hätte: die Bedeutung von Werten. In der Natur regieren ja eigentlich Instinkt und Funktionalität. Und ob Tiere Werte haben, ist umstritten. Vielleicht ist das doch eher eine menschliche Interpretation ihres Verhaltens. Ich überlasse es den Experten, diese Frage zu diskutieren. Worauf es mir ankommt ist, dass die Wölfe uns vor Augen führen, wie wichtig Werte für die Zusammenarbeit in unseren Unternehmen, in unserer Arbeitswelt sind. Welch große Bedeutung Werte wie Vertrauen, Integrität, Fairness, Zusammenhalt und persönliche Beziehungen haben, ist mir erst klar geworden, als ich beobachtet habe, wie Wölfe miteinander umgehen.
Ein ganzes Buch über Wölfe: Das liegt auch daran, dass Wölfe einfach schön sind. Wie sie sich bewegen, ihr glänzendes Fell, ihre wunderbaren Augen, aber auch ihre Erfolge und ihre Tragödien – man kann sich nicht satt sehen an diesen Tieren und kaum genug über sie lesen. Erkenntnis ist keine reine Kopfsache. Sie ereilt uns auch über den Bauch und das Herz. Wir können das Verhalten von Wölfen analysieren und kognitive Erkenntnisse daraus ziehen, doch es wäre Verschwendung, sich darauf zu beschränken. Vieles von dem, was Wölfe uns lehren, können wir nur aufnehmen, wenn wir die Gefühle zulassen, die sie in uns auslösen. Wenn wir uns inspirieren lassen.
»Wie liebevoll diese Leitwölfin sich um den verletzten Wolf kümmert«, sagte einmal ein Klient von mir, mit dem ich über Fürsorglichkeit und Verbindlichkeit im Team arbeitete. Er hatte Tränen in den Augen: »Jetzt wird mir erst richtig klar, was in unserem Arbeitsverhältnis fehlt.«
Am dunklen Waldrand taucht ein Rudel Wölfe auf. Eine Meute grauer, raubeiniger Gesellen. Nach und nach betreten sie die kleine Lichtung, scharen sich furchtsam um ihren Anführer, den Alpha-Wolf. Ein mächtiges Tier. Mit ihm ist nicht zu spaßen. Seine Bisse sind tödlich. Wer aus der Reihe tanzt, hat verloren. Mit harter Hand herrscht er über sein Rudel. Aufmucken duldet er nicht. Mitleid kennt er nicht. Gleichgültig schaut er zu, wenn das Rudel den Omega-Wolf schindet, den schwächsten und letzten in der streng hierarchischen Rangordnung, verdammt zu einem elenden Dasein als Sündenbock und Blitzableiter …
Liebe Leserin und lieber Leser: Kommen Ihnen diese Szenen bekannt vor? Es wäre kein Wunder. Hundertfach, tausendfach sind Wölfe so beschrieben worden. Als harte, erbarmungslose Wesen, einsam und gefühlskalt, deren Zusammenleben auf einer streng hierarchischen Ordnung basiert, Regeln gehorchend, die unserem traditionellen männlichen Rollenverständnis folgen. Da ist bedingungslose Unterordnung gefordert. Klar, dass auch der Alpha-Wolf ein Rüde ist. Klar, dass nur die besten und härtesten überleben. Im Wolfsrudel zählen Leistung, Kraft, Härte, heißt es.
Wohl bei den meisten von uns entstehen diese Assoziationen, wenn wir an Wölfe denken. Schließlich sieht so in etwa das landläufige Bild von einem Wolfsrudel aus. Vom Märchen über den Roman bis hin zu etlichen, vor allem populärwissenschaftlichen Abhandlungen über Wölfe: Immer wieder wird das Bild von der strengen Hierarchie mit dem Alpha-Wolf als Anführer, von erbarmungsloser Härte und Grausamkeit beschworen. Rotkäppchen, der Wolf und die sieben Geißlein, Peter und der Wolf, die »Bestie von Gevaudan«, Hermann Hesses Steppenwolf, der Esel und der Wolf bei Ephraim Lessing, die Gruselgeschichten vom Werwolf: Immer ist der Wolf der Feind, stark und gefährlich, und oftmals auch hinterlistig und gemein. Er ist der Prototyp für Leistung ohne Rücksichtnahme. Dieses Bild hat es bis in die höchsten Gefilde der Philosophie geschafft. »Lupus est homo homini« – »Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen«, so schrieb in der Antike schon der römische Komödiendichter Titus Maccius Plautus. In der modernen politischen Philosophie griff der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes dieses Zitat auf und manifestierte damit des Wolfs grausames Gesicht. Als der Mensch, so Hobbes, noch in einem ursprünglichen Naturzustand lebte, also bevor sich die Gesellschaften entwickelten, da habe er gelebt wie ein Wolf: egoistisch, argwöhnisch und verhaftet im Kampf aller gegen alle. So begründete Hobbes die Notwendigkeit eines Staates, der mächtig genug ist, die Rohheit des Menschen zu zügeln. Der Vergleich mit dem Wolf veranschaulichte die Rohheit dieses Naturzustandes und zementierte zugleich die jahrtausendealte Vorstellung, die wir vom Wolf haben: stark und ungeheuer leistungsfähig, aber einsam, grausam und kalt.
Dieses Bild hat jedoch einen entscheidenden Schönheitsfehler: Es hat mit der Realität von Wölfen nichts zu tun. Jedenfalls nicht mit denen, die in Freiheit leben.
Um Wölfen heutzutage in freier Wildbahn begegnen zu können, muss man in der Regel sehr weite Wege in Kauf nehmen, denn Wölfe finden in der heutigen Welt kaum noch Lebensräume. In Mitteleuropa und auch in Teilen Amerikas waren sie bis vor Kurzem fast vollständig ausgerottet. Wölfe gehören laut dem Washingtoner Artenschutzabkommen zu den gefährdeten Tierarten. Trotzdem werden sie in vielen Ländern getötet, von Wilderern, oder weil sie Haus- und Herdentiere angreifen. Frei lebende Wölfe findet man (wieder) in Europa (wo sie in unwegsamen Bergregionen wie den Karpaten oder Pyrenäen überlebt haben), in Asien, von Sibirien bis in den Iran. Auch nach Deutschland sind Wölfe inzwischen zurückgekehrt. Und es gibt sie in Nordamerika: In den Nationalparks Kanadas und der USA finden Wölfe geschützte Lebensräume. Hier hat man sie im Zuge des Artenschutzes zuerst wieder angesiedelt. In diesen Parks werden sie nicht gejagt, nur der Verkehr auf Straße und Schiene bedroht ihr Leben. Kanada und die USA gehören deshalb zu den bevorzugten Orten der Wolfsforscher, die die Tiere frei lebend beobachten. Die Zahl solcher Studien ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Zu den wichtigsten gehören die Forschungen des bekannten deutschen Wolfsforschers Günther Bloch.
Was Bloch und andere Forscher beobachten, zeigt: Das Rudelleben freier Wölfe unterscheidet sich erheblich von dem ihrer gefangenen Kollegen. Etwa darin, dass freie Wölfe konstruktiv miteinander umgehen. Gefangene Wölfe, die man in Wildparks oder Zoos beobachten kann, zeigen dagegen eher die Verhaltensweisen, die dem Klischee vom »bösen« Wolf nahekommen: bisweilen hässliche Auseinandersetzungen, Aggression, Rangkämpfe und strikte Hierarchie. Es deutet jedoch vieles darauf hin, dass diese Verhaltensweisen der Gefangenschaft geschuldet sind. Frei lebende Wölfe haben mit diesen Klischees nichts zu tun.
Diese Unterschiede zwischen freien und gefangenen Wölfen sind wichtig und interessant für unser Thema Führung und Team. Von den in Gefangenschaft lebenden Wölfen können wir einiges lernen, wenn wir wahrnehmen, dass ihre Verhaltensweisen unter den Zwängen der Gefangenschaft entstehen. Und wenn wir sie als Spiegelbild betrachten. Tatsächlich sind gefangene Wölfe bisweilen ein hundertprozentiges Spiegelbild der Zustände in so manchem unserer menschlichen Teams. Die frei lebenden Wölfe sind es jedoch, auf die wir uns beziehen, wenn wir »Vorbilder« für Führung und Teams suchen.
Wie leben sie also, die freien Wölfe?
Wolfsleben in Freiheit
Wölfe leben in Rudeln.
Bei einem in Freiheit lebenden Wolfsrudel handelt es sich für gewöhnlich um eine mehr oder weniger große Familie. Die (Wolfs-)Wissenschaftler sprechen denn auch inzwischen fast durchgängig von Wolfsfamilie statt Rudel.[7] Und genauso wie eine Menschenfamilie besteht auch eine Wolfsfamilie aus Vater und Mutter sowie älteren und jüngeren Geschwisterkindern der letzten ein bis drei Jahre. Jedes Rudel entwickelt seine ganz eigene Familienkultur. Manchmal besteht ein Rudel aus zwei oder drei solcher Familien. Meist handelt es sich dabei um irgendwie verwandte Tiere. Es kommt aber auch vor, dass sich gänzlich fremde Rudel zusammenschließen. Wolfsforscher Bloch berichtet beispielsweise aus Kanada von der Vereinigung eines Rudels, den »Castles« und den »Sprays« zum neuen Einheitsverband der »Bows«.[8] Solche Zusammenschlüsse können sich interessanterweise ohne jegliche aggressive Revierauseinandersetzung oder Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Wölfen vollziehen. Das konterkariert die herrschende Meinung, dass Wolfsrudel ihr Revier um jeden Preis gegen jeden Eindringling verteidigen. Zwar gibt es auch sogenannte Wolfskriege, in denen die Rudel ihre Reviere verteidigen. Sie kämpfen dann mit äußerster Härte gegeneinander, und manch ein Wolf verliert sein Leben in diesen Auseinandersetzungen. Doch so hart die Kämpfe auch sind, sie kommen selten vor.
Auch dass in manchen Großfamilien mehrere Mütter ihre Welpen gemeinsam aufziehen, widerspricht der vorherrschenden Meinung. Solche Großfamilien gibt es zum Beispiel im US-Nationalpark Yellowstone, dem ältesten Nationalpark der Welt und einem der größten in den USA.[9] Bisweilen leben auch Verwandte mit im Rudel, wie Onkel und Tante. Oder es wird ein nicht verwandter Wolf von einem Rudel adoptiert.[10] Etwa, weil die Stelle des Leitwolfes vakant ist oder weil sich ein fremder Wolf in eine Tochter des Rudels verliebt hat[11] oder weil schlichtweg Verstärkung gebraucht wird.
Und manchmal besteht ein Rudel auch lediglich aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kindern, ganz so wie eine menschliche Kleinfamilie.
Wie groß ein Wolfsrudel ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wesentlich sind die Sterblichkeit der Welpen[12]und vor allem die Zahl und Größe der Beutetiere, die im Revier vorhanden sind. Je größer die Beutetiere sind, desto größer ist oftmals auch das Rudel. Wollen Wölfe die großen und kräftigen Bisons jagen, so gehen sie ein erhebliches Verletzungsrisiko ein. Dafür braucht es in der Regel mehr Jäger, nämlich zehn bis 14 Wölfe.[13]Hirsche dagegen können schon von durchschnittlich drei Wölfen getötet werden. Zwar gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Erfahrene Wölfe werden mitunter im Alleingang mit Hirschen fertig. Selbst ein Bison wurde 2007 im McKenzie-Gebiet durch ein erfahrenes Wolfspaar erfolgreich gejagt, berichtet Bloch.[14]Doch im Allgemeinen wächst das Rudel mit der Größe seiner Beute. So sind in Gebieten mit Elchen oder Bisons die Rudel oftmals bis zu 20 Mitglieder oder mehr stark. Die Wolfsforscherin Elli Radinger, die seit 30 Jahren Wölfe in Yellowstone beobachtet, wie in ihrem BuchDie Wölfe von Yellowstonezu lesen ist, verfolgte mehrere Groß-Rudel: Die »Druids« hatten 37 Mitglieder, das »Nez-Perce«-Rudel hatte rund 20 Mitglieder und das »Delta«-Rudel zählte 16 Tiere.[15]Bei kleineren Beutetieren umfasst ein Rudel meist weniger Mitglieder. Manche Wölfe, beispielsweise die zierlichen Wölfe auf der Arabischen Halbinsel, jagen sogar allein, weil die hauptsächlich aus Kleinsäugern wie Mäusen bestehende Beute nur für einen Wolf reicht. Es ist wie im menschlichen Arbeitsleben: Um umfangreiche und komplexe Aufgaben angehen und erfolgreich bewältigen zu können, braucht ein Wolfsteam in der Regel mehr Mitglieder. Dafür bietet eine »gute Auftragslage« mit großen und/oder vielen Beutetieren dann auch ausreichend Nahrung für die zahlreicheren Mitglieder. Ein nordamerikanisches oder eurasisches Wolfsrudel besteht im Durchschnitt aus sechs bis neun Wölfen.
Jedes Rudel beansprucht ein eigenes Revier. Das ist sein Zuhause. Mit Duftmarken auf markanten Objekten wie Baumstümpfen, Büschen oder Felsen stecken die Wölfe ihr Territorium ab. Sie signalisieren damit: Hier leben wir, hier gibt es gewisse Grenzen. Die jeweiligen Reviere sind jedoch keine fest umrissenen, unveränderlichen Gebiete, die das Rudel nun ein für allemal gegen Eindringlinge sichert. Es gibt zwar bestimmte Grenzmarkierungen, aber weder scharfe Grenzen noch scharfe Markierungen. Umstritten ist, ob diese Duftmarkierungen tatsächlich die Grenzen des Wolfsterritoriums abstecken, um andere Wölfe vor einer Grenzübertretung zu warnen. Der Wolfsforscher Ronald D. Lawrence, der mehr als 40 Jahre lang Wölfe in freier Wildbahn und in Gefangenschaft studiert hat, betrachtet Duftmarken eher als nicht-aggressive Kontaktaufnahme zwischen Nachbarn, als Gruß und Signal. Solche »Duftmarken« gibt es ja auch zwischen menschlichen Arbeitsteams, beispielsweise Teamregeln oder ein bevorzugter Tisch in der Kantine. Sie müssen nicht unbedingt abschrecken, sondern können ebenso gut Gruß, Signal oder Alleinstellungsmerkmal sein.
Die Größe eines Wolfsreviers ist sehr unterschiedlich, sie hängt davon ab, in welcher Landschaft die Wölfe leben und wie viele Beutetiere sie finden. So sind in Kanada in den weniger gebirgigen Gebieten mit vielen Beutetieren die Wolfsreviere meist kleiner als in den unwirtlichen Gebirgsregionen. Auch sind die Sommerreviere für gewöhnlich kleiner als die Winterreviere. Große Reviere gibt es vor allem in der weitläufigen Tundra, hier kommt es vor, dass sich die Wölfe bis zu 35 Kilometer von ihrem Bau entfernen.
Das sind die wichtigsten Rahmenbedingungen, unter denen freie Wolfsrudel leben. Lassen Sie uns nun schauen, wie sich ihr Zusammenleben gestaltet.
Wenn Wölfe so hart und erbarmungslos wären, wie man ihnen seit Jahrtausenden nachsagt, könnten sich Begebenheiten, die von Fürsorge und Mitgefühl zeugen, nicht ereignen – Begebenheiten, über die von Wolfsbeobachtern immer wieder berichtet wird. Eine davon ist die Geschichte der Leitwölfin Delinda, die der Wolfsforscher Bloch in Kanada beobachtet hat:
Im kanadischen Bowtal hatte sich Delinda, eine rabenschwarze Wölfin, mit dem Wolfsrüden Nanuk zusammengetan. Gemeinsam setzten die beiden vier Welpen in die Welt. Das Bowtal liegt im Banff Nationalpark in den kanadischen Rocky Mountains. Es ist für Wölfe ein guter und eigentlich sicherer Lebensraum, doch stellen die Highways, die durch den Park führen, eine große Gefahr für die Tiere dar. Delinda traf das Schicksal hart: Zuerst wurde eine ihrer Töchter überfahren. Wenige Monate später wurde eine andere Tochter auf der Autostraße angefahren und schwer verletzt. Delinda hätte nun, den üblicherweise den Wölfen zugeschriebenen Eigenschaften folgend, das Prinzip »survival of the fittest« anwenden und die verletzte, »nutzlose« Tochter zurück und sterben lassen müssen. Schließlich galt es doch, sich selbst und die gesunden Kinder durchzubringen und nicht die wertvolle Energie auf ein »nutzloses« Familienmitglied zu verschwenden. Doch Delinda folgte dem egoistischen Prinzip nicht, sondern sie blieb bei der kranken Tochter, schlief bei ihr, nahm regelmäßig Körperkontakt zu ihr auf. Und sie schaffte Nahrung heran. Über die beträchtliche Strecke von neun Kilometer, beobachtete Bloch, trug Delinda einen Rehkopf zu ihrer Tochter. Solchen Versorgungsaufwand betrieb sie mehrmals, jeweils im Abstand einiger Tage.[16]
Bloch und seine Forscherkollegen bewerten Delindas Verhalten als »moralanalog«. »Hilfestellung leisten ist zweifelsohne eine repräsentative Wolfseigenschaft«, ergänzt er.[17] Wölfe verhalten sich fürsorglich und hilfsbereit. Die Tiere kennen und leben diese Eigenschaften. Es gibt eine Vielzahl von Beobachtungen verschiedener Wolfsforscher, die belegen, dass das Beispiel von Delindas Fürsorge bei Weitem nicht das einzige seiner Art ist.
So berichtet die Wolfsforscherin Elli Radinger über wölfische Fürsorge:
Im Yellowstone-Park beobachtet sie einen jungen Wolfsrüden des »Crystal-Creek«-Rudels. Er hat sein Rudel verlassen, taucht aber regelmäßig bei der Wolfsmutter Natasha auf, die ihren Gefährten durch Wilderer verloren hat und nun ihre Jungen allein aufzieht. Der junge Rüde übernimmt die Rolle eines Ersatz-Vaters für die Welpen. Er toleriert die fremden Welpen nicht nur, er versorgt sie auch über Wochen mit Nahrung. Er und Natasha gründeten dann das neue »Rose-Creek«-Rudel.[18]
Auch Günther Bloch hat neben Delinda weitere Wölfe beobachtet, die sich um schwächere oder geschwächte Tiere kümmern:
Da sind Mutter Aster, Vater Storm und Schwester Nisha aus dem Bowtal-Rudel. Ihr Sohn und Bruder Yukon wird von einem Kleinlastwagen am Highway angefahren und schwer verletzt. Mühsam schleppt er sich in ein Gebüsch, Mutter Aster bleibt in seiner Nähe. Vater Storm und Schwester Nisha versorgen ihn und Aster komplette zwei Monate unermüdlich mit Nahrung, bis er vollends gesund ist. Vor allem Storm ist an manchen Tagen und Nächten weit über 100 Kilometer unterwegs, um genügend Nahrung zu beschaffen. Zum Trinken schleppt sich der schwer verletzte Yukon mühsam zum Fluss, kann sich kaum auf den Beinen halten. Zwei Monate weicht Aster nicht von seiner Seite. Liebevoll leckt sie ihrem Sohn über das Gesicht und spendet ihm voller Mitgefühl Trost.[19]
»Wölfe sind in der Lage, tief verwurzelten Gefühlen zu folgen«, schreibt das Ehepaar Bloch.[20]
Da ist, aus dem gleichen Rudel, die trächtige Leitwölfin Hope (Nachfolgerin der verstorbenen Aster). Auf der Autobahn wird sie angefahren und verletzt. Sechs Wochen lang wird sie von ihrem Gefährten Storm, von Yukon und Nisha versorgt, bis sie wieder genesen und in der Lage ist, sich um eine Höhle für ihre künftigen Welpen zu kümmern.[21]
Da ist die Wölfin Diane, die das Rudel wechselte, aber auf einem Streifzug durch das Gebiet ihres ehemaligen Rudels die alte Höhle besucht. Vier alleingelassene Welpen findet sie darin. Die Mutter der Jungtiere ist auf dem Highway zu Tode gekommen. Die Welpen sind erst vier Wochen alt und vollkommen hilflos. Diane nimmt sich der Waisen an und zieht sie wie ihre eigenen Kinder groß.[22]
All diese Beispiele zeigen: Ein frei lebendes Wolfsrudel ist nicht nur wie eine menschliche Familie, sondern es geht dort auch zu wie in einer (guten) Menschenfamilie. Bei den Wölfen existiert ein starker sozialer Zusammenhalt. Das Klima ist von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Die Mitglieder der Wolfsfamilie stehen vorbehaltlos füreinander ein, sie helfen und unterstützen sich, auch und gerade in Krisensituationen. Sei es, dass ein Tier geschwächt ist, sei es, dass es in Not ist und Hilfe braucht, beispielsweise, wenn es von einem größeren Tier wie einem Grizzly angegriffen wird. Die Wölfe sind miteinander tief verbunden. Sie zeigen intensive Anteilnahme, sie spenden Trost und geben Wärme, wenn ein Mitglied krank oder verletzt ist. All das geschieht völlig freiwillig, ohne Zwang. Der Impuls zur Sorge um den anderen kommt offensichtlich aus einem tiefen Wissen darum, zusammenzugehören, sich aufeinander verlassen, einander vertrauen zu können.
Zusammenhalt und Vertrauen sind die dominierenden »Werte« in einer Wolfsfamilie. »Vertrauen ist bei Weitem wichtiger als Rang«, schreibt Günther Bloch.[23] Große Bedeutung haben auch Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft, Fürsorge, Loyalität, Fairness, gegenseitige Achtung und Respekt. Das sind die Bausteine, aus denen das Vertrauen erwächst. Auch bei uns Menschen, namentlich in Familienunternehmen, werden solche Werte groß geschrieben. Diese Werte oder »repräsentative Wolfseigenschaften«, wie Bloch sie nennt,[24] werden im täglichen Miteinander von den Wölfen aktiv gelebt, sie sind das Schmier- und Bindemittel einer jeden Wolfsfamilie. Sie sichern ihr Überleben und schaffen Vertrauen.
Selbstverständlich kommt, wie auch bei uns Menschen, die Fürsorge eines Wolfs in erster Linie seiner eigenen Familie und seinen engsten Familienangehörigen zugute. Aber sie beschränkt sich nicht darauf. Es scheint den Wölfen vielmehr ein tief verwurzeltes Bedürfnis zu sein, Fürsorglichkeit, Mitgefühl und Verantwortung auch anderen bedürftigen Mitgeschöpfen zu zeigen wie das Beispiel der Wölfin Diane zeigt und der von Elli Radinger beschriebene Wolfsrüde, der den Ersatzvater spielt.
Wie viel der soziale Zusammenhalt für die Wölfe bedeutet, ist auch äußerlich sichtbar, und zwar in den vielfältigen, freundlich gestimmten Kontaktaufnahmen der Rudelmitglieder untereinander. Der Grundtenor des Zusammenlebens in einer Wolfsfamilie ist geprägt von »Kooperation, Gemeinschaftssinn und der Fähigkeit und Bereitschaft zu vielen freundlichen Ritualhandlungen« schreibt Bloch.[25]Tatsächlich fällt selbst ungeübten Beobachtern beim Betrachten eines Wolfsrudels als Erstes ihr friedlicher Umgang miteinander auf – ganz besonders natürlich bei den Wölfen in freier Wildbahn, etwa in den großen Nationalparks Kanadas. Aber auch hierzulande, in den Wolfsgehegen der Wildparks legen Wölfe meistens ein ausgesprochen harmonisches Verhalten an den Tag.
Wölfe lieben und suchen beständig die Nähe zueinander. Sie zeigen eine starke Zuneigung füreinander, die sie durch den Austausch von vielfältigen Zärtlichkeiten demonstrieren: Sie stupsen einander mit der Nase oder Pfote an, stecken ihre Nase in das Fell des anderen, liegen dicht aneinandergekuschelt, gehen gemeinsam umher, fordern sich gegenseitig zum Spielen heraus. Ganz offensichtlich genießen sie das gemeinschaftliche Zusammensein sehr. »Die Harmonie ist deutlich sichtbar«, beschrieb Elli Radinger treffend ihre Beobachtungen bei den »Druids«, einem Rudel aus 18 Wölfen im Yellowstonepark.[26]
Der Wolf ist ein ausgesprochen soziales Tier. Kaum ein anderes Säugetier hat ein so ausgeprägtes Sozialverhalten und eine so hohe Sozialkompetenz wie der Wolf. Nach Meinung von Lawrence übertreffen die Wölfe darin sogar noch die Primaten, die uns Menschen physiologisch am nächsten stehen.[27]In einem Wolfsrudel entstehen feste soziale und emotionale Bindungen. Ihre Teamfähigkeit, ihre Fähigkeit und Bereitschaft, zum Nutzen aller zu kooperieren, gilt als eine der markantesten Eigenschaften von Wölfen überhaupt.
Lernen von den Wölfen hat TraditionDer Wolfsforscher Ronald D. Lawrence hält es für möglich, dass wir Menschen das Leben in sozialen Einheiten erst von den Wölfen gelernt haben. Anhaltspunkte für diese kühne These liefern ihm Erkenntnisse der Anthropologie. Er geht davon aus, dass sich vor drei Millionen Jahren die ersten Hominiden (Australopithecus afarensis) an die Fersen der Wolfs- oder Hunderudel hefteten, wenn diese jagten. Die Hominiden konnten damals wahrscheinlich noch nicht selber jagen, jedenfalls keine größeren Beutetiere. Sie folgten den Wolfsrudeln, um die Reste zu verzehren, die die Wölfe von ihrer Beute übrig ließen. Um sofort zur Stelle zu sein, wenn die Wölfe ihre Mahlzeit beendet hatten, blieben die Hominiden in engem Kontakt. So konnten sie auch gut beobachten, wie das Zusammenleben der Rudel funktionierte. Lawrence folgert daraus, dass die Hominiden sich von den Wölfen abschauten, wie man im sozialen Verband effizient und gut organisiert zusammenlebt.[28] Noch heute finden sich Kulturen, die betonen, dass sie von den Wölfen nicht nur die Kunst des Jagens erlernt haben, sondern ebenso viel über das Zusammenleben in großen Familienverbänden und über die Bedeutung sozialer Strukturen. Dazu gehört beispielsweise der in Nordamerika ansässige Indianerstamm der Schoschonen.[29]Wie früher die Hominiden folgen auch sie heute noch oftmals den Spuren der Wölfe, die mithilfe ihres ausgeprägten Geruchssinns Großwild wie Elche oder Bisons lange vor den Menschen aufgespürt hatten. Als Dank für ihre Helfer lassen die Indianer ein Stück Fleisch der getöteten Beute für die Wölfe zurück. Auch die Nomaden in der Inneren Mongolei betrachten Wölfe nicht als Feinde, sondern als Lehrer der Menschen. Seit jeher bewundern die Mongolen den Mut, die Klugheit und den Freiheitsdrang ihrer Schutzgeister. Eindrucksvoll beschrieben ist das in dem jetzt auf Deutsch erschienenen Bestseller des chinesischen Dissidenten und inzwischen emeritierten Professors für Wirtschaftspolitik an der Pekinger Hochschule, Jiang Rong, Zorn der Wölfe (im Original: Wolfstotem). In Managementkreisen, in Politik und Gesellschaft, selbst beim Militär stieß das Buch übrigens auf große Resonanz. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegelschrieb: »Manche Unternehmer verschrieben ihren Angestellten sogar die Lektüre: Sie sollten wölfische Tugenden lernen.«[30]
In einer Familie sind die Rollen klar verteilt: Das Elternpaar nimmt in der sozialen Rangordnung des Familienverbandes die höchste Stellung ein. Das ist auch bei den Wölfen so. Ein Wolfspaar schließt sich zusammen, bekommt Junge, wird Eltern und begründet so das Rudel. Die Eltern führen das Rudel. Ihnen folgen andere erwachsene Wölfe sowie die jeweils letztgeborenen Jungen. Als Familienoberhäupter sind die Elternwölfe naturgemäß gegenüber ihren Nachkommen dominant, schreibt das Ehepaar Bloch.[31] Doch was heißt das: dominant?
Die Dominanz beziehungsweise die soziale Rangordnung in einem freien Wolfsrudel hat nichts mit jener sogenannten Hackordnung gemeinsam, die auf Zwang und Unterwerfung beruht. Wölfe in Freiheit bauen ihre Ordnung im Rudel vielmehr auf Alter und Erfahrung auf. Es ist nur folgerichtig, dass dann die Eltern an der Spitze stehen. Und logisch, dass diese Ordnung eine natürlich gewachsene ist: Die Eltern begründen das Rudel, indem sie Nachwuchs in die Welt setzen und es langsam wachsen lassen. Der Wolfsforscher David Mech prägte für die Ordnung im Wolfsrudel 1999 den Begriff des Eltern-Nachwuchs-Dominanzsystems.[32] Dieses fußt auf eindeutigen Regeln, schafft Klarheit und wirkt stabilisierend. Die Ordnung und die Führungsrolle der Eltern werden von keinem Rudelmitglied ernsthaft infrage gestellt.
Dominanzstreitigkeiten, Rangkämpfe mit anderen Wölfen kommen denn auch nur selten vor. Wenn überhaupt, ereignen sie sich eher in großen Rudeln, die aufgrund ihrer Mitgliederzahl zwangsläufig viele Wölfe mittleren Rangs haben. David Mech, der 13 Sommer lang auf Ellesmere Islands in Kanada Wolfsrudel beobachtet hat, sah während seiner gesamten Beobachtungszeit keine Rangkämpfe. Wölfe in der freien Wildbahn können sich starre Dominanzhierarchie, ständige Rangeleien, »Pochen auf Pöstchen« oder Streitereien um Nebensächlichkeiten auch einfach nicht leisten. Durch solche Kämpfe würden nur wertvolle Energien verloren gehen, die die Tiere viel dringender für ihre Überlebenssicherung benötigen. Zudem gefährdet sinnloses Konkurrenzgehabe das Zusammengehörigkeitsgefühl im Rudel, das Gefühl, sich vorbehaltlos aufeinander verlassen zu können, das Vertrauen zueinander. Das alles ist jedoch sehr wichtig, um in der Wildnis zu überleben.
Die Rudelmitglieder bestätigen sich ihre soziale Ordnung gegenseitig mittels bestimmter Dominanzregeln. Das sind beispielsweise unterwürfige Gesten oder Körperhaltungen. So nähert sich ein Jungwolf einem älteren Wolf meist mit eingeknickten Beinen und leicht eingeklemmtem Schwanz. Man könnte diese Gesten als Ausdruck von Angst oder Streitigkeiten interpretieren, doch das wäre falsch: Vielmehr bekundet der Jungwolf dem älteren seinen Respekt und Anerkennung seiner Dominanz. Man könnte die Dominanzregeln mit unserer Etikette vergleichen: Sie dienen dazu, sich über die Ordnung in der Gruppe zu verständigen und sie zu bestätigen. Welpen etwa lernen über sogenannte Abbruchsignale schon frühzeitig ihre Grenzen kennen und wie sie sich in der Rudelgemeinschaft zu benehmen haben.
Regeln und Verantwortung: die Mischung macht’s
Vater Nanuk reißt der Geduldsfaden. Schon seit einiger Zeit toben die sechs Welpen abwechselnd auf ihm oder Mutter April herum. Sie üben Beuteschütteln – im Fell der Eltern. Jetzt beißt ihm auch noch ein besonders kesser Welpe ins Ohr. Nanuk hebt die Lefzen an, greift über den Fang des Kleinen und drückt ihn auf den Boden. Auch Mutter April wird es zu bunt. Mit dem Schnauzengriff signalisiert sie einer ihrer Töchter, dass es ihr nun reicht. Allerdings ist April sanfter als der Vater, sie nimmt den Kopf ihrer Tochter zärtlich ins Maul, ohne Zähne-Zeigen.[33]
Unmissverständlich machen die Elternwölfe Nanuk und April ihren Kindern klar, welche Verhaltensweisen gegen die Regeln verstoßen und nicht toleriert werden. Solche Eingriffe sind gemeint, wenn von Abbruchsignalen die Rede ist. Sie kommunizieren die Botschaft: Halt, stopp, hier ist Schluss, hör auf. Die Abbruchsignale zeigen den Welpen ihre Grenzen. Diese Grenzen kennenzulernen, ist die Grundlektion für die Welpen. Darauf aufbauend werden dann im sozialen Spiel die Rituale eingeübt, die für das Zusammenleben im Rudel wichtig sind. Und zwar so lange, bis der gesamte Lernstoff sitzt.
Die Welpen verhalten sich gegenüber den Eltern wie auch gegenüber den älteren Geschwistern meistens ohne großes Murren respektvoll. Selbstverständlich kommen aufmüpfige Sprösslinge bei Wölfen ebenso vor wie bei uns Menschen. Und genauso wird dann mit ihnen umgegangen: mit passenden erzieherischen Maßnahmen, mit Verhaltenskorrekturen. Bei den Wölfen ist es ganz ähnlich wie bei uns Menschen: Je älter die Nachkommen werden, desto mehr protestieren sie in bestimmten Situationen und desto selbstständiger verhalten sie sich, peu à peu – bis sie irgendwann das Rudel beziehungweise das Haus verlassen. Oder es verlassen müssen, wenn sie gar zu sehr ihren eigenen Kopf durchsetzen wollen.
Das passiert Hope, einer äußerlich unscheinbaren jungen Wölfin, klassisch-grau, zierlich. Doch sie hat sehr viel Temperament. Vor allem die jüngeren Wölfe haben einiges bei ihr auszustehen. Ihre Mutter Kashtin, die resolute Leitwölfin der Fairholmes, macht schließlich kurzen Prozess und wirft Hope aus dem Rudel hinaus.[34] Eine harte Maßnahme, doch eigentlich tut die Leitwölfin der Tochter einen Gefallen, denn so wird Hope gezwungen, sich ein eigenes Rudel zu suchen – und dafür ist die Zeit wirklich reif.
Die Elterntiere bei den Wölfen sind keine autoritären Eltern, die von ihren Kindern sklavische Unterordnung und Gehorsam um jeden Preis verlangen. Ganz im Gegenteil. Bei den freien Wölfen geht es bemerkenswert kooperativ, demokratisch und konsensorientiert zu.[35] Die Elterntiere bestimmen und leiten größtenteils die Aktivitäten der Gruppe. Die Basis dafür ist ihre elterliche Autorität. Diese wiederum fußt auf der Erfahrung und dem Wissen darum, was richtig und sinnvoll ist. Das ist tatsächlich nichts, was man infrage stellen kann. Und es ist auch nichts, was sich mittels Hackordnungskämpfen erobern ließe. Deshalb verschwenden die Wolfseltern keine Zeit darauf, ihre Führungsrolle durch sinnentleerte Rituale ständig zu demonstrieren. Es reicht, wenn sie Regeln vermitteln und durchsetzen. Ansonsten sorgen sie dafür, dass die jungen Wölfe in ihre Rollen hineinwachsen, denn es ist wichtig, dass die Jungtiere selbstständig werden. Schließlich ist jedes Rudel eine hochentwickelte Organisationsform.
