Wien im Mittelalter - Peter Csendes - E-Book

Wien im Mittelalter E-Book

Peter Csendes

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Beschreibung

Wie lebten die Menschen im mittelalterlichen Wien? Welche Lebensbedingungen herrschten dort vor? Wer versorgte die Stadt? Mit einem umfassenden Blick auf soziale, architektonische, kulturelle und politische Akteure und Begebenheiten setzt dieses Buch neue Maßstäbe in der Darstellung der Stadtgeschichte. Die Autoren, ausgewiesene Experten der Wiener Stadtgeschichte und Verfasser zahlreicher Publikationen über Wien, präsentieren hier ein auf dem letzten Stand der Forschung stehendes Werk zur mittelalterlichen Geschichte Wiens. Dafür bedienen sie sich eines innovativen, in dieser Form bislang nicht gebotenen Zugangs: Der Verbindung einer chronologischen Darstellung der Geschichte mit erläuternden Analysen zu thematischen Feldern der Wiener Stadtgeschichte. Der erste Teil des Buches umfasst eine Chronik, die, basierend auf Zeitzeugnissen aus urkundlichen und erzählenden Quellen, den Zeitraum vom 9. Jahrhundert bis zur ersten Wiener Türkenbelagerung 1529 umreißt. Der zweite Teil betrachtet acht Themenkomplexe des mittelalterlichen Wien und beleuchtet dabei unter anderem die Infrastruktur der Stadt, die Bewohnerinnen und Bewohner und deren Lebenswirklichkeit, das Stadtleben und das städtische Rechts- und Verwaltungswesen. Leserinnen und Leser erhalten so einen detaillierten und lebendigen Einblick in die mittelalterliche Geschichte Wiens.

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Seitenzahl: 991

Veröffentlichungsjahr: 2021

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PETER CSENDES FERDINAND OPLL

Wienim Mittelalter

Zeitzeugnisse und Analysen

Böhlau Verlag Wien Köln

Gedruckt mit Unterstützung der

Stadt Wien Kultur

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2021 Böhlau Verlag, Zeltgasse 1, A-1080 Wien, ein Imprint der Brill-Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Niklas (Niclaus) Meldemann (Verleger), Hans Sebald Beham (Holzschneider), Rundansicht der Stadt Wien zur Zeit der Ersten Türkenbelagerung 1529, 1530, Wien Museum Inv.-Nr. 48068, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/125187/)

Korrektorat: Philipp Rissel

Umschlaggestaltung: Michael Haderer, Wien

EPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

ISBN 978-3-205-21408-3

Inhalt

Vorwort

A. ZEITZEUGNISSE

Vom 9. Jahrhundert bis zum Jahr 1529

B. ANALYSEN

Grundlagen unseres Wissens

1. Schriftliche Überlieferungen

1.1. Pragmatische Schriftlichkeit: Urkunden, Amtsschriften, Verwaltungsschriftgut

1.2. Erzählende Quellen: Annalen, Chroniken, autobiografisches Material, Tagebücher

2. Bildliche Überlieferungen

2.1. Kartografische Zeugnisse: Der frühe Stadtplan

2.2. Stadtansichten und Veduten

Stadtraum

1. Städtisches Werden und städtischer Ausbau

2. Kirchliche Bauten als „Leitfossilien“

3. Profanes Bauen – Wohn- und Zweckbauten

4. Der vorstädtische Raum

5. Räumliche Kommunikation

6. Grenzen

Von Werkleuten, Schaffern und Schulmeistern

1. Die technische Infrastruktur der Stadt

1.1. Die Befestigungen

1.2. Straßen, Wege und Brücken

1.3. Wasserversorgung und Kanalisation

2. Soziale Infrastruktur

2.1. Gesundheit und Fürsorge

2.2. Bildung

Stadt und Stadtherr

„Alle die Rechte und die guten Gewohnheiten“

1. Die Stadtrechtsprivilegien

2. Rechtsgewohnheiten und Gesetzesmaßnahmen

2.1. Die rechtliche Entwicklung von Grundbesitz und Erbrecht

2.2. Die bürgerlichen Pflichten

3. Politische Gremien und Stadtverwaltung

3.1. Der Rat

3.2. Die Genannten

3.3. Die Gemein

3.4. Das Stadtsiegel

4. Die städtische Verwaltung

5. Die Gerichtsbarkeit

5.1. Das Stadtgericht

5.2. Privilegierte Gerichtsstände

5.3. Die Fehde

Wienerinnen und Wiener

1. Die Bürger

2. Die Bürgerinnen

3. Die anderen Wienerinnen und Wiener

3.1. Die höheren Stände

3.2. Die Angehörigen der Universität

3.3. Inwohner und Gäste

3.4. Die Juden

3.5. Die „wenig Ehrbaren“

4. Wienerisch

Stadtwirtschaft

1. Landwirtschaft

2. (Groß-)Handel

3. Handwerk, Dienstleistungen

Stadtleben

1. Leben mit und in der Zeit

2. Lebensraum

3. Lebensbedingungen

4. Festleben

Abkürzungen und Siglen

Bibliografie

Abbildungsverzeichnis

Namen- und Sachregister

Vorwort

Eine rund ein halbes Jahrhundert währende Beschäftigung mit der Geschichte Wiens, vorab der mittelalterlichen Epoche, aber auch eine durch Jahrzehnte bewährte Kooperation bildeten für das Autorenduo1 den Beweggrund und das Fundament, das vorliegende Buch zu verfassen. Es ist als glückhaft zu bezeichnen, dass sich darüber hinaus ein historisches Jubiläum der besonderen Art als begründeter Anlass hinzugesellte, nämlich die 800. Wiederkehr der Ausstellung des ersten überlieferten Stadtrechtsprivilegs für Wien am 12. Oktober 1221.

Gleichwohl fragt man sich: Warum Mittelalter, und was verbindet der heutige Mensch eigentlich mit dieser Epoche? Tatsächlich ist es angesichts des enorm angewachsenen Umfangs an Literatur über Wien bislang eher selten vorgekommen, dass sich ein Buch zur Geschichte Wiens ausschließlich mit dieser Zeit befasst hat. Es war 1975/76 die 41. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, die sich dezidiert dem Thema „Wien im Mittelalter“2 gewidmet hat und dieses zeitlich mit dem Jahr 1526 enden ließ.3 Dem gegenüber erscheint die Begrenzung des Wiener Mittelalters mit 1529, dem Jahr der Ersten osmanischen Belagerung, als markanter und im kulturellen Gedächtnis verankerter Einschnitt einsichtiger. An diese Begrenzung hält sich auch das vorliegende Buch, und daran hielten sich die beiden Autoren auch im ersten Band ihrer umfassenden Geschichte Wiens, die mit der Hilfe zahlreicher Kolleginnen und Kollegen zustande kam.4 Diese zeigt, dass die mittelalterliche Epoche in Überblickswerken zur Wiener Stadtgeschichte immer ihren selbstverständlichen Platz hatte. Sie vermittelt aber auch, dass „Wien im Mittelalter“ seit etwa den 1960er-Jahren stets ein Thema wissenschaftlichen wie breiteren Interesses gewesen ist, das in zahllosen Einzelbeiträgen und unter ebenso vielfältigen Zugangsweisen behandelt wurde.

Der moderne Mensch verbindet mit dem Mittelalter höchst unterschiedliche Vorstellungen, wobei Zuschreibungen wie etwa „finster“, „dunkel“,5 „gewaltbereit“, „brutal“, „schmutzig“, Hinweise auf „Hof- und Bürgerfeste“, auf „Gestank“ – wie es Goethe (Faust II) getan hat – und vieles andere mehr in den Vordergrund treten. Viele dieser Assoziationen sind ja auch gar nicht falsch. Gleichwohl sollte man differenziert an derartige Phänomene herangehen, ist doch etwa eine Zuschreibung wie „dunkel“ in der Realität der mittelalterlichen Lebenswelt sicherlich absolut zutreffend,6 sie ist es aber keineswegs, wenn man vom metaphorischen Begriff „dunkel“ im Sinne von wenig erforscht oder unbekannt ausgeht. Zahlreiche prominente Historiker7 haben sich bemüht, aufzuzeigen, in welcher Weise das Mittelalter bis in die Gegenwart seine Auswirkungen zeigt. Als Beispiel sei nur auf den Grundriss der Wiener Innenstadt hingewiesen. Zugleich hat sich in der jüngeren Vergangenheit über Burgenromantik hinaus eine regelrechte Faszination für die mittelalterliche Epoche entwickelt,8 eine Begeisterung, die freilich weit über wirklich wissenschaftliche Seriosität hinausreicht und sich einer Ebene annähert, die man als „Fantasy“ bezeichnet.

In Summe: Grund genug, dieser Periode der Wiener Stadtgeschichte ein eigenes Buch zu widmen, das freilich weniger die Erwartungen von „Fantasy“-Liebhabern bedienen will und kann, das vielmehr von zwei Fachleuten stammt, für die der wissenschaftlich-seriöse Zugang maßgeblich ist, die eine verlässliche, zugleich um Erklärungen bemühte Veröffentlichung vorlegen wollen. Dass es dabei nicht um die Wiederholung von bereits Vorliegendem gehen kann, somit nicht einer Vielzahl vorliegender Stadtgeschichten Wiens – einschließlich des eigenen 2001 erschienenen Mittelalter-Bandes einer dreibändigen Wiener Stadtgeschichte – bloß eine weitere hinzuzufügen, das einte die beiden Autoren von allem Anfang an. Beide waren ja jeder für sich und zugleich beide gemeinsam vielfach auf diesem Felde tätig gewesen. Es bot sich nunmehr die Gelegenheit, gemeinsam aus der Erfahrung eine neue Struktur, ein neues Konzept zu entwickeln, das aus der Verbindung einer chronologischen Darstellung, die ausschließlich auf Zeitzeugnissen basiert, mit erläuternden Analysen zu thematischen Feldern der mittelalterlichen Wiener Stadtgeschichte besteht. Die chronologische Darstellung sollte jedoch nicht – wie traditionell üblich – in Form einer Fließerzählung dargeboten werden, sondern eng dem folgen, was uns zeitgenössische Überlieferungen aus dem Mittelalter dokumentieren. Beiden Autoren ist es – sowohl aus ihrer Ausbildung an der Universität als auch ihren eigenen wissenschaftlichen Aktivitäten erwachsen – ein ganz besonderes Anliegen, an die Quellen selbst anzuknüpfen, die urkundlichen9 ebenso wie die erzählenden,10 und dies führte zum Entschluss, statt einer fortlaufenden Erzählung der historischen Entwicklung eine chronologische Abfolge von zeitgenössischen Überlieferungen zu bieten.

Diese Vorgangsweise besitzt nicht nur den Vorteil einer ebenso direkten wie hohen Anbindung an die Originalaussagen von Quellen, sie unterstreicht die ungeheure Vielfalt an erhaltenen Berichten aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit und bezieht die Lesenden damit in einer Unmittelbarkeit in die vielzitierte „Welt des Mittelalters“ mit ein, wie sie sonst kaum zu erreichen ist. Die zeitlichen Eckpunkte orientieren sich zum einen an vor allem archäologischen Befunden ab dem Übergang von der Antike zum Frühmittelalter sowie der im 9. Jahrhundert einsetzenden Überlieferung mit Bezug auf das mittelalterliche Wien, zum anderen an dem für die Stadt traditionell als Endpunkt dieser Zeitspanne geltenden Jahr 1529 mit der Ersten osmanischen Belagerung. Das Dargebotene baut auf einer detaillierten Prüfung des vorliegenden Quellenmaterials auf. Inhaltlich stellt selbstverständlich der Bezug auf Wien die Leitlinie dar. Dabei steht in räumlicher Hinsicht die ummauerte (Innen-)Stadt im Zentrum, während das umliegende Territorium der Vorstädte, des Um- und Hinterlandes zwar mitberücksichtigt ist, aber keinesfalls in ebenso intensiver Weise behandelt werden kann. Verweise innerhalb der chronologisch dargebotenen Quellen erfolgen mit dem Zeichen „→“, und dieses findet auch Verwendung für Querverweise aus dem zweiten Teil des Buches, der Analysen und Erläuterungen vorbehalten ist.

Die Sammlung zeitgenössischer „Nachrichten“ bliebe freilich ohne jegliche Erklärungen ein Torso, wenngleich sie Verweise auf weiterführende Literatur beinhaltet. Erst mit dem zweiten Teil des vorliegenden Buchs werden aus acht unterschiedlichen thematischen Annäherungsweisen Erläuterungen geboten, ohne die das Quellenmaterial trotz aller Buntheit und Reichhaltigkeit „dürr“, vielleicht sogar (zu) wenig verständlich in der Aussage bliebe. In gewisser Weise wird dabei dem Vorbild bzw. der Herangehensweise gefolgt, wie sie für das Unternehmen der „Städtebücher“11 gewählt worden ist und sich bei dem derzeit maßgeblichen Überblickswerk zur deutschen Stadtgeschichte im Mittelalter12 bestens bewährt hat. Zuletzt folgt auch der „Companion to Medieval Vienna“13 einem durchaus vergleichbaren Schema.

Diese Erläuterungen bzw. Analysen sind im vorliegenden Buch den folgenden Themenbereichen gewidmet: den Grundlagen unseres Wissens, dem Stadtraum, der Infrastruktur des mittelalterlichen Wiens, der Beziehung von Stadt und Stadtherr, dem Bereich von Recht und Verwaltung, den Bewohnerinnen und Bewohnern in ihrer Lebenswirklichkeit, schließlich der Stadtwirtschaft und dem Stadtleben. Die Zugangsweisen sind somit im Wesentlichen an einer Darlegung der Überlieferungen, räumlichen und infrastrukturellen Fragen, den rechtlich-politischen Verhältnissen, den Menschen und den wirtschaftlichen Gegebenheiten gewidmet, wobei letztlich alles im Versuch mündet, die Darlegungen in dem Abschnitt zum Stadtleben unter Einbeziehung der maßgeblichen Rahmenbedingungen wie zugleich kultureller Phänomene ausklingen zu lassen. Dieser doppelten Durchdringung der Geschichte Wiens im Mittelalter entspricht nicht zum Wenigsten der gewählte Buchtitel „Wien im Mittelalter: Zeitzeugnisse und Analysen“.

Die vorherrschende Verwendung des generischen Maskulinums im Text ist weitgehend der Tatsache geschuldet, dass insbesondere die Rechtstexte dem mittelalterlichen Verständnis entsprechend an Männer gerichtet sind und Formulierungen wie Bürger*innen einfach falsch wären. Wo Männer und Frauen betroffen sind, wird das auch zum Ausdruck gebracht.

Bei der Besorgung von Vorlagen für die im Buch enthaltenen Abbildungen haben die folgenden Damen und Herren wertvolle Unterstützung und Hilfe geleistet: P. Johannes Paul Chavanne OCist (Zisterzienserabtei Heiligenkreuz), Annemarie Fenzl (Kardinal-König-Archiv), Reinhard H. Gruber (Archiv der Domkirche St. Stephan), Gregor Gatscher-Riedl (Marktgemeinde Perchtoldsdorf) und Johanna Kößler (Diözesanarchiv Wien).

Die Autoren, die sich bemühten, auch bei sperrigen Themen die gute Lesbarkeit im Auge zu behalten, ziehen in diesem Buch die Summe aus ihren wissenschaftlichen Forschungen und Erfahrungen zur Wiener Geschichte, und es ist zu hoffen, dass Leserinnen und Leser das Angebot mit Interesse annehmen.

Wiener Neudorf – Perchtoldsdorf Peter Csendes – Ferdinand Opll

Anmerkungen

1Exemplarisch angeführt seien zum einen CSENDES 1981, Ders. (Hg.) 1986, DERS. – Opll (Hg.) 1999, DERS. – OPLL (Hg.) 2001−2006; zum anderen OPLL 1982, DERS. 1995a, DERS. 1998 und DERS. 1999b.

2Wien im Mittelalter 1975.

3Auch das WGW unter „Mittelalter“ nennt die Periode von ca. 500−1526.

4CSENDES – OPLL (Hg.) 2001.

5Wien im Mittelalter 1975, 12−14: „Die dunklen Jahrhunderte.“; anders gewichtet bei OPLL 1981a. Vgl. auch KÖLZER 2010.

6Siehe dazu OPLL 1998, Register s.v. „Beleuchtung“.

7FUHRMANN 1996, GROEBNER 2008, GOETZ (Hg.) 2000.

8So steht am Beginn der vom Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz betreuten Website: http://www.faszination-mittelalter.info/startseite.html(Zugriff: 20.9.2020) der bezeichnende Satz: „Keine Frage, das Mittelalter ist ‚In‘.“

9Zur Bedeutung urkundlicher Überlieferungen zuletzt die höchst anregenden und grundlegenden Beiträge in: STIELDORF (Hg.) 2019.

10Zu dieser Zugangsweise vgl. bereits OPLL 1995a.

11Für Wien siehe CSENDES – OPLL (Hg.) 1999.

12ISENMANN 2012.

13ZAPKE – GRUBER (Hg.) 2021.

A. ZEITZEUGNISSE

Vom 9. Jahrhundert bis zum Jahr 1529

Zeitzeugnisse aus urkundlichen und erzählenden Quellen

Vom frühen 9. Jahrhundert bis zum Ende des 11. Jahrhunderts

Zwischen 800 und 1100 sind die ältesten schriftlichen Nennungen von Wien, nur drei, allerdings bereits mit dem neuen, von der Bezeichnung des Wienflusses abgeleiteten Namen Uuenia überliefert. Dabei handelt es sich durchwegs um Nennungen, die im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Ungarn stehen. Bei der ältesten (881) ist von einem Kampf bei Uuenia die Rede, und es lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob damit der Fluss oder die Siedlung genannt ist, wenngleich mehr für Letzteres spricht. Die Ungarn als bis um 1000 heidnisches Volk bleiben auch weiterhin eine Bedrohung für Wien, und im 10. Jahrhundert könnte es tatsächlich zu einer weiteren Siedlungsunterbrechung gekommen sein. 1030 gelingt es den Magyaren, Wien (vorübergehend) einzunehmen. 1043 hält der salische Kaiser Heinrich III. hier einen Hoftag, was doch darauf hindeutet, dass am Ort – zumindest bescheidene – Voraussetzungen für eine derartige Versammlung gegeben sind. Erneut geht es um eine Heerfahrt gegen die Ungarn, die im Anschluss an den Hoftag angetreten wird. So viel steht fest – historisch gesichertes Wissen ist aus bloß drei Zeugnissen im Lauf von 300 Jahren kaum abzuleiten.

Während Nennungen von Wien selbst rar bleiben, sieht dies mit Ortsnamen im Umland, dem Bereich des heutigen Stadtgebiets mit seinen 23 Gemeindebezirken, deutlich besser aus. Unmittelbar nach der Jahrtausendwende setzen Erwähnungen von Orten und Bächen dieses Raumes ein. Sie sind Zeugnis für die ab der Christianisierung Ungarns vom Grundsatz her mögliche Kolonisierung des Gebietes entlang der Donau. Beteiligt sind bairische wie fränkische Initiativgruppen, wobei an der obersten Spitze die schon seit 976 über die neue Markgrafschaft gebietenden Babenberger stehen. 996 erfährt man, dass dieses Gebiet im Volksmund Ostarrîchi (Ostland > Österreich) genannt wird. Von Wien und dem Wiener Raum ist zunächst keine Rede. Das ändert sich bald nach der Jahrtausendwende, wofür Nennungen des Liesingbachs (1002), von Otcinesseue (Jedlesee, Wien 21; 1014), Godtinesfeld (Unter-St. Veit, Wien 13; 1014/15) oder Simanningen (Simmering, Wien 11; 1028) Zeugnis ablegen. Keinesfalls darf man solche Nennungen als „Gründungs“daten betrachten, im Einzelfall ist es kaum möglich zu sagen, wie lange die betreffende Siedlung vor dieser Erstnennung schon bestanden hat.

Wesentliche Erkenntnisse zu diesen quellenarmen Epochen sind vor allem der Archäologie zu verdanken. Insbesondere die mittelalterliche Stadtarchäologie gewinnt nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung, um seit den 1990er-Jahren einen ungeheuren Aufschwung zu erleben.

LOHRMANN − OPLL 1981, 29−34; OPLL 1995a, 17; OPLL 1979; OPLL 2006; zum römischen Munizipium RAFETSEDER 2019; zur Archäologie vgl. zuletzt die Beiträge in: FELGENHAUER-SCHMIEDT (Hg.) 2019, und dazu die Rezension von OPLL 2020e, sowie im Kapitel „Stadtraum“, S. 230.

Die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts

Wien ist bis 1150 weiterhin nur in wenigen Überlieferungen fassbar, während Nennungen von Orten im heutigen Wiener Stadtgebiet – nicht anders als im 11. Jahrhundert – markanter hervortreten. Geschuldet ist dies nicht zuletzt der umfassenden Überlieferung urkundlicher Schenkungen an das Augustinerchorherrenstift Klosterneuburg. Neben Erwähnungen von Orten im Nordwesten der heutigen Stadt Wien (Wien 18 und 19: Pötzleinsdorf, Döbling, Sievering, Grinzing, Nussdorf), somit nahe dem Standort des Stiftes, begegnen unter Markgraf Leopold III. auch solche im Wiental (Wien 14: Penzing) und im Süden (Wien 23: Erlaa, Atzgersdorf, Inzersdorf). Noch vor Leopolds Tod am 15. November 1136 hören wir dann erstmals auch von Personen, die sich als „von Wien“ bezeichnen. Trotz der weiterhin spärlichen historischen Zeugnisse lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Grundlagen für die eigentliche Stadtentwicklung gelegt werden. Die über die Markgrafschaft Österreich herrschenden Babenberger nehmen Wien verstärkt in ihre Verfügung, fördern die Gründung einer neuen Pfarre und bringen mit der Erwerbung des sich südlich und wohl auch westlich des bisherigen Siedlungsraums im Römerlager erstreckenden Terrains auch außerhalb desselben ein Hoffnungsgebiet für weiteren Ausbau an sich.

1137

In dem nach seinem Ausstellungsort benannten „Mauterner Tauschvertrag“ (Abb. 1) wird ein Tausch von Gütern und Rechten des Markgrafen mit dem Passauer Diözesanbischof Reginmar verbrieft. Dieser kann damit die Grundlage für die Errichtung einer dem zentralen Titelheiligen seines Bistums, dem hl. Stephan, geweihten Pfarrkirche legen.

Der Babenberger überträgt dem Bischof im Gegenzug die bisherige Pfarrkirche St. Peter. Im Austausch erhält der Markgraf neben Weingartenbesitz am Eichkogel bei Mödling die Hälfte des bei der befestigten Siedlung (civitas) Wien gelegenen Ausstattungsguts der Kirche, ausgenommen die Hofstätten, wo Ställe errichtet sind (1, Stock-im-Eisen-Platz). Er stimmt zu, dass St. Peter und die übrigen in deren Sprengel gelegenen Bethäuser, wohl St. Ruprecht und Maria am Gestade, künftig der Zuständigkeit des Wiener Pfarrers (von St. Stephan) unterstehen.

Abb. 1: Der sogenannte „Mauterner Tauschvertrag“ zwischen Markgraf Leopold IV. und Bischof Reginmar von Passau, 1137. – München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Hochstift Passau Urkunden 39. © Bayerisches Hauptstaatsarchiv.

1146

Der bayerische Herzog Heinrich Jasomirgott zieht sich nach einer Niederlage gegen ein ungarisches Heer nach Wien zurück.

1147

Um Ende Mai/Anfang Juni zieht das unter Führung König Konrads III., Halbbruders der Babenberger, stehende Kreuzheer (2. Kreuzzug) über die Donauroute nach Osten. Bischof Reginbert von Passau, einer der Teilnehmer des Zuges, kommt nach Wien, wo er die Stephanskirche unter Pfarrer Eberger weiht.

CSENDES (Hg.) 1986, 24 Nr. 1; LOHRMANN − OPLL 1981, 34−49; OPLL 1995a, 18; OPLL 2019b.

Die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts

1155

Heinrich Jasomirgott gründet nach dem Vorbild der Regensburger Niederlassung der Schottenmönche ein ebensolches Kloster in Wien. Um dieselbe Zeit – er ist zunächst noch Herzog von Bayern – lässt er außerhalb des alten Römerlagers unweit seiner Klostergründung eine Herzogspfalz erbauen, die dem dortigen Platz „Am Hof“ den Namen gibt.

1165

Im Juli kommt Kaiser Friedrich I. Barbarossa für beinahe zwei Wochen nach Wien, wo sein Onkel, Herzog Heinrich Jasomirgott, dem vom Herrscher im Kirchenstreit unterstützten (Gegen-)Papst Paschal III. Gehorsam schwört.

1166

In einer in Hartberg ausgestellten Urkunde der steirischen Markgräfin Kunigunde vom 17. September werden mehrere Wiener als Zeugen erwähnt. – Dies dürfte wohl auf frühe Handelsbeziehungen über den Wechsel in die Steiermark, vielleicht sogar darüber hinaus nach dem Süden (?) deuten.

Abb. 2: Porträt Heinrichs II. Jasomirgott, des ersten Herzogs von Österreich aus babenbergischem Haus. Glasfenster im Brunnenhaus des Kreuzgangs in Heiligenkreuz. – Foto: Ferdinand Opll (8.1.2021).

1170

Ein nicht näher bekannter Geistlicher namens Rupert stiehlt ein in Wien gefundenes wertvolles Reliquienkreuz, wird ergriffen und nach richterlichem Urteil gehängt. – Wiewohl man nicht mehr über Hintergründe dieses Geschehens erfährt, ist es jedenfalls interessant, dass es offenkundig ein geregeltes Gerichtsverfahren gibt.

1172

Herzog Heinrich der Löwe von Bayern und Sachsen wird auf seiner Pilgerreise ins Heilige Land im Februar von seinem Stiefvater Heinrich Jasomirgott (Abb. 2) in Klosterneuburg feierlich empfangen und im März in dessen Hauptstadt (civitas metropolitana) Wien geleitet. Dort kauft der Welfe Schiffe und Lebensmittel und bricht zur Weiterfahrt auf.

1189

Kaiser Friedrich I. Barbarossa nimmt auf seinem Kreuzzug ins Heilige Land im Mai Aufenthalt in Wien, wo er gemeinsam mit dem Kreuzheer von Herzog Leopold V. bestens aufgenommen und versorgt wird. Missstände unter den Kreuzfahrern – die Rede ist von unsittlichem Lebenswandel und von Diebstählen – werden hier mit dem Ausschluss von 500 Teilnehmern am Unternehmen geahndet. – Die Stadt ist damit erneut Stationsort auf einem Kreuzzug (→ 1147).

1192

Herzog Leopold V. stellt den Regensburger Kaufleuten am 8. Juli in Wien ein Privileg aus, wonach im Fall von Streitigkeiten das Schiedsgericht ausschließlich von ehrenwerten Männern, die man hospites, id est wirte nennt, Wienern oder Regensburgern, Rechtskraft besitzt und dem Richter in Wien für eine Wagenladung mit Tuchen eine Abgabe zu entrichten ist. Als Handelswaren werden neben Tuchen Gold, Wachs, Gewand, Kupfer, Zinn und Erz für Glocken, sogenannte „Glockenspeise“, genannt, und unter den Kaufleuten werden eigens Russlandfahrer (Ruzarii) erwähnt. Beischlaf nach Einwilligung ist straffrei, öffentliche Prostituierte können gegen zu geringen Lohn oder Vergewaltigung keine Klage erheben.

Im Dezember wird König Richard Löwenherz von England, mit dem sich Herzog Leopold V. auf dem Kreuzzug im Heiligen Land überworfen hat, in Erdberg bei Wien (heute: Wien 3) erkannt und gefangen gesetzt. Zu Ostern des Folgejahres übergibt der Babenberger den Gefangenen an Kaiser Heinrich VI.

1194

Im Februar wird Richard Löwenherz nach Bezahlung des geforderten Lösegeldes von Kaiser Heinrich VI. freigelassen. Mit seinem Anteil am Lösegeld lässt Herzog Leopold V. mehrere Städte seines Herrschaftsgebietes, darunter Wien, mit Stadtmauern befestigen. Vielleicht stehen auch die Anfänge der Münzprägung in Wien (Wiener Pfennig) damit in Verbindung, wofür jedenfalls spricht, dass von Leopold V. ein erstes Privileg für die Wiener Münzer, genannt „Hausgenossen“, stammt.

1196–1198

Der Minnesänger Walther von der Vogelweide verlässt den Wiener Herzogshof, weil sein Gönner, Herzog Friedrich I., im Heiligen Land weilt. Er wird erst unter Herzog Leopold VI. ab etwa 1200 wieder an den wonnigen (wünneclîchen) Wiener Hof zurückkehren.

CSENDES (Hg.) 1986, 25 Nr. 2; LOHRMANN − OPLL 1981, 49−79; OPLL 1995a, 18−22.

1200

Ab diesem Jahr werden Wiener als Handelstreibende in Venedig genannt, womit nun verstärkt auch die Südroute im Wiener Handel hervortritt.

Am Pfingstsonntag (28. Mai) wird Herzog Leopold VI. in Anwesenheit höchster Reichsfürsten, darunter der Erzbischöfe von Mainz und Salzburg, zum Ritter geschlagen.

1203

Zu Weihnachten heiratet Herzog Leopold VI., der zuvor von den Bürgern ehrenvoll und unter Überreichung wertvoller Geschenke in der Stadt empfangen worden ist, Theodora, die Enkelin Kaiser Alexios’ III. von Byzanz. Unter den Gästen ist auch Bischof Wolfger von Passau, in dessen überlieferten Reiserechnungen die ausgezeichneten Einkaufsmöglichkeiten in Wien gerühmt werden. – Zu den byzantinischen Gemahlinnen der Babenberger vgl. zuletzt RHOBY 2018.

1204

Bischof Wolfger von Passau löst am 30. März die vom Wiener Kämmerer Gottfried in seinem Hof am Kienmarkt (heute: Wien 1, Judengasse 10−12) gegründete Dreifaltigkeitskapelle aus der Zuständigkeit des Wiener Pfarrers, der mit der Übergabe von zuvor jüdischen Besitzungen neben der Judenschule (Synagoge) entschädigt wird. – Jüdische Präsenz ist hier – nach bereits älteren Nachweisen – ebenso früh zu fassen wie die Existenz der das ganze Mittelalter hindurch so charakteristischen Hauskapellen in Wiener Bürgerhäusern (→ 1211).

1207−1208

In diesen Jahren bemüht sich Herzog Leopold VI. bei Papst Innocenz III., in Wien, das er als eine der ausgezeichnetsten Städte im deutschen Reichsgebiet nach Köln bezeichnet, einen Bischofssitz zu errichten, wobei als Standort an das Schottenkloster gedacht ist.

1208

Am 31. Oktober teilt Papst Innocenz III. dem Gerhard von Wien mit, dass er seiner Bitte entspreche und das von ihm mit Zustimmung Herzog Leopolds VI. gegründete Heiliggeistspital in der Vorstadt von Wien dem Heiliggeistspital in Sassia in Rom unterstellt hat. – Ab dem frühen 13. Jahrhundert tritt verstärkt auch das außerhalb der damals entstehenden Stadtmauern gelegene Gebiet als Standort von neuen Gründungen wie von bürgerlichen Besitzungen (→ 1211) hervor.

Herzog Leopold VI. unterstellt seine in Wien angesiedelten Bürger, Flandrenser genannt, unter das Marktrecht in Stadt und Land, ordnet sie der Gerichtsbarkeit des Münzkämmerers unter und stellt sie den anderen Bürgern gleich. Er befreit sie von der Gerichtsbarkeit seines Stadtrichters und macht für die Ausübung ihres Gewerbes, bei dem der überregionale Handel im Vordergrund steht und das sie in einer Kaufleutegemeinschaft ausüben, die Aufnahme in ihr Konsortium mit allen damit verbundenen Pflichten verpflichtend. – Die aus Flandern stammenden Mitglieder von Kaufleutegemeinschaften, die über weite Teile Europas Handelsgeschäfte ausüben, werden durch den Fürsten nicht zuletzt wegen ihrer umfassenden Fähigkeiten und weitgespannten Handelsnetzwerke nachhaltig gefördert. Wien wird damit gegenüber → 1192 nun auch direkt in diese integriert.

1211

Am 16. Dezember beurkundet Bischof Manegold von Passau im Haus Dietrichs des Reichen die Errichtung der von diesem in Zeismannsbrunn erbauten Ulrichskapelle (heute Wien 7, St. Ulrich) und löst sie aus der Zuständigkeit des Wiener Pfarrers, der mit der Übergabe von Verkaufstischen am Hohen Markt und zwei Höfen im Viertel Alser Straße (in der Vorstadt) entschädigt wird.

1217

Am 13. Mai bestätigt Herzog Leopold VI. in einer in der Peterskirche ausgestellten Urkunde eine Güterschenkung an die Wiener Johanniter (heute: 1, Kärntner Straße 35), womit erstmals einer der für das hohe Mittelalter so charakteristischen, im Zusammenhang mit den Kreuzzügen entstandenen Ritterorden in Wien nachweisbar ist. – Der Babenberger selbst beteiligt sich mehrfach an militärischen Unternehmungen gegen Muslime, darunter schon 1212 gegen die Mauren, als er als Teilnehmer am Zug gegen die Albigenser in Südfrankreich zur entscheidenden Schlacht bei Las Navas de Tolosa allerdings zu spät kommt, und dann ab dem Sommer 1217 am sogenannten „Kreuzzug von Damiette“, der ihn zunächst ins Heilige Land führt und dann ein Jahr später an der Eroberung der ägyptischen Hafenstadt Damiette beteiligt sieht, von wo er 1219 wieder in die Heimat zurückkehrt.

1221

Um diese Zeit dokumentieren Bestimmungen über die Burg- und die Wagenmaut das zum wesentlichen Teil in der Hand auswärtiger Kaufleute gelegene, umfassende Handelsgeschehen in Wien, das die Stadt insbesondere auf dem Wasserweg (Donau) in ein Wirtschaftsnetz einbindet, das von Aachen, Maastricht, Ypern, Huy, Tournai, Löwen und Metz im Westen bis nach Ungarn im Osten, über Landverbindungen von Böhmen im Norden bis nach Venedig und in die Mark Krain im Süden reicht.

Am 18. Oktober verleiht Herzog Leopold VI. den Bürgern von Wien das älteste erhaltene Stadtrecht mit folgenden Bestimmungen: Ein Bürger mit entsprechendem Besitz innerhalb von Stadtmauer und -graben muss sich nicht mit einem Bürgen verantworten, falls er jemanden tötet. Plädiert ein Beschuldigter bei Tötung auf Notwehr, so muss er das mit glühendem Eisen, im Fall von Verwundung mit 20 ehrbaren Männern, den vom Stadtrichter nominierten „Genannten“, beweisen. Für Verwundungen werden Geldstrafen festgesetzt; falls das Geld nicht aufgebracht werden kann, gilt der Grundsatz „Auge um Auge, Hand um Hand“ usw. Vergehen gegen unehrliche Leute, wie Lotter, sind straffrei. Die Aufnahme von Geächteten in Bürgerhäusern ist mit 10 Pfund Strafe belegt. Das Tragen gefährlicher Waffen ist bei Strafe verboten, vor allem, wenn diese heimlich getragen werden. Weder Fremde noch Bürger dürfen die Stadt mit gespanntem Bogen betreten. Notzucht oder Gewalt gegen Frauen, bezeugt von zwei glaubwürdigen Männern, kann nur mit dem glühenden Eisen (Gottesurteil) zurückgewiesen werden, andernfalls gilt die Todesstrafe; gegenüber Prostituierten gilt dies nicht. Ehebruch mit der Frau eines anderen ist nicht vom weltlichen Gericht, sondern vom Pfarrer zu ahnden. Beschimpfungen als „Hurensohn“ werden je nach Rang des Beschimpften bestraft. Wer von sieben glaubwürdigen Männern eines falschen Zeugnisses überführt wird, dem ist die Zunge abzuschneiden, oder er bezahlt 10 Pfund Strafe. Gegen Meineide falscher Zeugen wird ein Gremium von 100 Männern in der Stadt bestellt, deren Namen auf einem eigenen Blatt vermerkt und stets bei diesem Privileg verwahrt werden sollen. Größere Transaktionen sind vor zweien oder dreien dieser Männer durchzuführen. Witwen dürfen die Erbgüter ihrer Söhne keinem anderen Mann, den sie später heiraten, zuwenden. Witwen, Töchter oder Enkelinnen von Bürgern sollen nur Bürger heiraten, aber keinen Ritter. Geregelt wird auch die Erbmöglichkeit im Fall des Vorliegens oder des Fehlens eines Testaments bzw. bei in Wien verstorbenen Auswärtigen. Kein Bürger aus Schwaben, Regensburg oder Passau darf mit seinen Waren Ungarn betreten bei Strafe von 2 Mark Goldes; kein fremder Kaufmann darf länger als zwei Monate in Wien bleiben, und seine Waren darf er nur einem Bürger, keinem Fremden verkaufen (= das Niederlags- oder Stapelrecht). Gold und Silber hier zu kaufen ist verboten, hat er solches, darf er es nur an die herzogliche Kammer verkaufen. Bricht im Haus eines Bürgers ein Feuer aus, das über dem Dach zu sehen ist, muss er dem Stadtrichter ein Pfund Strafe zahlen; brennt sein Haus aber ab, so genüge der entstandene Schaden. Über den Markt und die Angelegenheiten, die zum Ansehen und Nutzen der Stadt zählen, soll ein Gremium von 24 Bürgern – sie werden später Räte genannt – befinden, die häufig zusammentreten sollen und gegen deren Entscheidungen der Stadtrichter nicht vorgehen darf. – Mehrfach begegnet hier noch das für das ältere Rechts- und Verfassungsleben charakteristische Gottesurteil (glühendes Eisen). In der Datierung dieser Herzogsurkunde wird darauf hingewiesen, dass damals die muslimische Stadt Damiette in Ägypten, die von einem Kreuzheer erobert und durch mehr als zwei Jahre beherrscht worden ist, nach Belagerung auf einer dort gelegenen Insel und infolge eines Nilhochwassers wieder den Muslimen übergeben werden muss, ein Ereignis, das damit auch in Kreisen der einflussreicheren Wiener Bürger bekannt ist (→1217).

1222

Im Sommer wird in der babenbergischen Pfalz Am Hof die Hochzeit der ältesten Tochter Herzog Leopolds VI., Agnes, mit Herzog Albrecht von Sachsen gefeiert. – Die nach jüngsten Forschungen bereits in babenbergischer Epoche entstandene Burg, der Kern der heutigen Hofburg, stand damals offenbar noch nicht zur Verfügung.

Bischof Gebhard von Passau tritt zur Tilgung von Schulden seine Rechte am Wiener Pfarrhof an Herzog Leopold VI. ab. In der darüber am 6. Juli ausgestellten Urkunde wird die Niederlassung des Deutschen Ordens in Wien, nach den Johannitern (→ 1217) des zweiten bedeutenden Ritterordens dieser Zeit, erstmals genannt.

1224−1226

Herzog Leopold VI. beruft Vertreter der damals eine neue Form von Religiosität begründenden Bettelorden nach Wien, wo mit Unterstützung Wiener Bürger, insbesondere der Familie Schüttwürfel, an der südlichen Stadtmauer zuerst das Minoritenkloster entsteht. Dem zweiten Bettelorden, den Dominikanern, stellt der Herzog um 1225/26 an der nordöstlichen Stadtmauer ein Grundstück für ein Kloster zur Verfügung.

1228−1230

Papst Gregor IX. stellt dem von Herzog Leopold VI. östlich vor der Stadt auf der Landstraße gegründete Zisterzienserinnenkloster St. Maria bei St. Niklas am 12. Oktober eine Urkunde aus. – Nach Spitälern (→ 1208) und Hauskapellen (→ 1211) treffen wir ab nun verstärkt auch auf Klostergründungen in den Vorstädten Wiens, so etwa zwei Jahre später westlich vor der Stadt das Ordenshaus St. Maria Magdalena, das zunächst von Magdalenerinnen geführt worden sein dürfte, die sich der Bekehrung „sündiger Frauen“ widmen, 1234 aber dann als Zisterzienserinnenkloster und ab 1238 als Augustinerinnenstift fungiert.

1231

Spätestens in diesem Jahr stellen die Wiener Bürger erstmals eine mit dem ältesten überlieferten Stadtsiegel versehene Urkunde aus, worin dem Kloster Heiligenkreuz erlaubt wird, 72 Fuhren Wein frei nach Wien einzuführen und dort zu verkaufen. – Weinbau, -einfuhr und -ausschank werden das ganze Mittelalter hindurch von Stadt und Bürgern strengstens gegen fremde Eingriffe geschützt und Auswärtigen nur in Ausnahmefällen erlaubt.

1232

Nach Mariä Lichtmess (2. Februar) wird Herzog Friedrich II. (Abb. 3) in der Vorhalle des Schottenklosters in Gegenwart Bischof Gebhards von Passau mit dem Ritterschwert umgürtet und lässt an diesem Tag 200 Rittern das Schwert verleihen.

Wichard von Zöbing, dessen Frau Tuta kurz zuvor dem Wiener Nonnenkloster St. Maria Magdalena Güter verkauft hat, wird an unbekanntem Tag vor dem 3. März zu nächtlicher Stunde in Wien von einem Mitglied der Familie der Waisen ermordet. – Es handelt sich hier um den ältesten für Wien bezeugten Mordfall, über dessen Hintergründe freilich nichts bekannt ist.

Abb. 3: Porträt Herzog Friedrichs II. des Streitbaren. Glasfenster im Brunnenhaus des Kreuzgangs in Heiligenkreuz. – Foto: Ferdinand Opll (8.1.2021).

1236

Bei einer Tanzveranstaltung in Wien, zu der alle Bürger mit ihren Ehefrauen befohlen werden, stellt Herzog Friedrich II. einer Frau nach, was die Wiener derart erzürnt, dass sie ihn ultimativ zum Verlassen der Stadt auffordern. Im Land entsteht eine Verschwörung gegen den Babenberger, der sich zudem mit dem Kaiser überwirft. Wien und andere Städte bis auf Wiener Neustadt wenden sich gegen ihn.

1237

Vom 24. Jänner bis um Ostern (19. April) hält sich Kaiser Friedrich II., den die Wiener Bürger und einige Ministerialen hierher eingeladen haben, in Wien auf und unterstellt Österreich seiner Herrschaft. Ein Zeitgenosse vermerkt kritisch, dass der Herrscher und sein hochrangiges Gefolge es sich hier gut gehen lassen, aber nichts wirklich Nützliches tun.

Im Februar lässt Kaiser Friedrich II. seinen achtjährigen Sohn Konrad (später: König Konrad IV.) durch die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Salzburg, die Bischöfe von Bamberg, Freising, Passau und Regensburg, König Wenzel von Böhmen, die Herzöge Otto von Bayern und Bernhard von Kärnten sowie den Landgrafen von Thüringen in Wien zum König wählen.

Im April stellt der Kaiser Wien, das er in den Rang einer kaiserlichen Stadt erhebt, ein Privileg aus, in dem folgende Bestimmungen enthalten sind: die Bestellung des Richters durch den Herrscher, falls erforderlich mit Rat der Bürger; die Freiheit von Reichssteuern über das hinaus, was die Bürger freiwillig geben; die auf einen Tag beschränkte Heerfahrtpflicht; das Verbot, Juden zu öffentlichen Ämtern zuzulassen; die Gültigkeit des Stadtrechts für Zivil- und Kriminalklagen gegen Bürger mit Ausnahme von Verbrechen gegen den Kaiser; die Möglichkeit, sich einer Forderung zum Duell mit sieben Zeugen zu entziehen; das Recht des vom Herrscher bestellten Schulmeisters, mit Rat der weisesten Bürger weitere Lehrkräfte einzusetzen; die persönliche Freiheit für alle, die über Jahr und Tag unangefochten in der Stadt leben; zuletzt der Anspruch auf die gerettete Habe im Fall von Schiffbruch.

Abb. 4: Judenkopf (mit dem für Juden charakteristischen spitzen Judenhut) am Riesentor des Stephansdoms (links vom Bogenfeld). – Foto: Roman Szczepaniak. © Annemarie Fenzl.

Im Herbst entsendet Kaiser Friedrich II. Graf Eberhard von Eberstein mit 200 Rittern zum Schutz der Stadt Wien. Dieser kann zwar einen Waffengang mit Truppen des Babenbergers bei Tulln für sich entscheiden, es gelingt ihm aber wegen des herrschenden Misstrauens in den österreichischen Ländern nicht, eine feste Position aufzubauen.

1238

Kaiser Friedrich II. nimmt im August bei der Belagerung von Brescia die Wiener Juden (Abb. 4) in seinen Schutz und bestätigt ihnen ihre Rechte, darunter die Freiheit von Einquartierungen, das Verbot von Zwangstaufen, die Gültigkeit des jeweils eigenen Rechts bei gegenseitigen Anschuldigungen zwischen Juden und Christen, die Zuständigkeit ihres eigenen Vorstehers für Streitigkeiten in ihrer Gemeinde sowie die Erlaubnis zum Verkauf von Wein, Salben und Gegengiften an Christen.

1239

Mit Unterstützung bayerischer Truppen belagert Herzog Friedrich II. vom Sommer bis kurz vor Weihnachten die Stadt Wien und kann sie durch Abschneiden von jeglicher Versorgung mit Lebensmitteln – die Preise steigen ungeheuer – in die Knie zwingen. Die Wiener öffnen dem Herzog schließlich die Tore der Stadt und unterwerfen sich, wobei sie zwölf junge Bürger (als Geiseln) an den herzoglichen Hof übergeben. Zu Weihnachten urkundet der Babenberger erstmals wieder in Wien.

1241

In einem Schreiben an König Konrad IV. berichtet Herzog Friedrich II. am 13. Juni aus Wien von dem verheerenden Einfall der Tataren in Ungarn und Böhmen. Papst Gregor IX. trägt dem Dominikanerprior von Wien auf, das Kreuz gegen diese Feinde zu predigen.

1244

Herzog Friedrich II. erteilt den Bürgern von Wien am 1. Juli auf der Burg Starhemberg ein Stadtrecht, das weitgehend die Bestimmungen der Urkunde Herzog Leopolds VI. (→ 1221) wiederholt. Neu hinzugefügt wird das Verbot, ungarischen Wein in den städtischen Burgfried einzuführen und hier zu verkaufen, und alle einheimischen und auswärtigen Kaufleute mit ihren Waren in seinem Herrschaftsgebiet werden in den besonderen Schutz des Herzogs aufgenommen.

1245

Im März trägt Papst Innocenz IV. den Äbten von Heiligenkreuz, Zwettl und Rein auf, Untersuchungen über den Plan Herzog Friedrichs II. zur Errichtung eines Landesbistums durchzuführen, wobei die Gebeine des hl. Koloman an den Ort in Wien übertragen werden sollen, wo der Bischofssitz entstehen soll.

Herzog Friedrich II. empfängt in Wien von Bischof Heinrich von Bamberg in kaiserlichem Auftrag und zum Zeichen der bevorstehenden Königserhebung einen königlichen Ring.

1246

Nach dem Tod Herzog Friedrichs II. am 15. Juni in der Schlacht an der Leitha gegen die Ungarn entsendet Kaiser Friedrich II. Graf Otto von Eberstein als Reichsverweser nach Österreich. Dieser nimmt in Wien Aufenthalt. Der Babenberger wird im Stift Heiligenkreuz begraben. In der Stadt versuchen Margarete, die Schwester des verstorbenen Babenbergers, und Gertrud, die Nichte desselben, vergeblich, Herrschaft auszuüben.

1200−1246: CSENDES (Hg.) 1986, 28−49 Nrr. 3−8; LOHRMANN − OPLL 1981, 80−165; OPLL 1995a, 22−30; BRUGGER – WIEDL 2005, Nrr. 3−27 (Belege zu österreichischen und Wiener Juden); zu den Anfängen der Wiener (Hof-)Burg vgl. SCHWARZ (Hg.) 2015.

1247

Kaiser Friedrich II. bestätigt der Stadt Wien im April sein früheres Privileg (→ 1237), versucht damit, die Stadt in der schwierigen Zeit nach dem Tod des Herzogs (→ 1246) an das Reich zu binden.

1249−1250

Von Ende August 1249 an bis zu seinem Ableben am 4. Oktober 1250 regiert Markgraf Hermann von Baden, der im Jahr zuvor die Babenbergerin Gertrud geheiratet hat, als Herzog von Österreich über Wien und die anderen Städte. In Wien wird er anfangs vor allem vom hiesigen Pfarrer Magister Leopold unterstützt.

Der päpstliche Legat Propst Konrad von St. Guido in Speyer teilt den Rittern und Bürgern von Wien am 19. April 1250 aus Wiener Neustadt mit, dass er verboten habe, dass Geistliche mehrere Kirchen und Kinder von Geistlichen Pfründen besitzen dürfen, was sich insbesondere gegen Magister Leopold, den früheren Pfarrer von Wien, richtet, der auch die Kirche in Stadlau an sich gebracht hat und trotz des Makels außerehelicher Geburt ohne Dispens sein Amt ausgeübt hat. Leopold wird daher als Pfarrer abgesetzt, was endgültig erst 1252/53 (→ 1267) umgesetzt wird.

1247−1250: CSENDES (Hg.) 1986, 57 Nr. 9; LECHNER 1976, 303; OPLL 1995a, 31; QU I/1, Nrr. 2 und 200.

1251

Nachdem sich das Land König Wenzel von Böhmen unterworfen hat, kommt dessen Sohn Ottokar, Markgraf von Mähren, mit Zustimmung des Adels und der Wiener Bürger am 21. November nach Wien und übernimmt die Herrschaft in Österreich und Steiermark.

1252

Im Juni zieht König Béla IV. von Ungarn mit einem großen Heer vor die Stadt Wien, um Österreich zu unterwerfen. Er schlägt sein Lager bei Stadlau auf und setzt dann über die Donau nach Erdberg, verwüstet das städtische Umland, zieht aber schließlich wieder ab.

1253

Auf Befehl Herzog Ottokars (von Österreich) werden die Wiener Bürger Konrad Kamber und der Kriegler, Exponenten von seiner Herrschaft kritisch gegenübergestellten Kreisen, enthauptet. Dieses Schicksal erleiden in den Folgejahren auch manche seiner adeligen Gegenspieler.

1257

Eine Urkunde vom 16. April über die Erwerbung eines Hauses in der Kärntner Straße vom Bürgerspital bezeugt erstmals die Existenz dieser karitativen Einrichtung, die außerhalb des Kärntner Tores (Bereich Wien 1, neben dem Künstlerhaus) liegt. Sie verdankt ihre Entstehung der Initiative der Familie des Wiener Ritterbürgers Otto vom Hohen Markt, erhält das ganze Mittelalter hindurch reiche Stiftungen vor allem von Wiener Bürgern und dient als Versorgungshaus für Bedürftige, aber erst im Lauf der Zeit auch als Krankenhaus.

1258

Am frühen Abend des 7. August bricht in Wien ein Feuer aus und erfasst einen Großteil der Stadt. Zerstört werden die Stephanskirche mit ihren Glocken, die Häuser der Ritterorden, das Kloster St. Jakob auf der Hülben und das der Dominikaner. Selbst auf dem Hohen Markt wird ein beim Rechnen sitzender Kaufmann vom Feuer so überrascht, dass er sich nur durch einen Sprung aus dem Fenster retten kann und sein Gut und Geld den Flammen überlassen muss.

1260

In Wien und Österreich treten Geißler auf, religiöser Fanatismus greift um sich.

Am 5. Juli verlangt Papst Alexander IV. aus Anagni die Bestrafung eines Dominikaners, der in Wien in einer Predigt die Heiligkeit der hl. Klara leugnet, was wohl ein Hinweis auf Spannungen mit den Minoriten ist.

1251−1260: OPLL 1995a, 31−35; QU I/1, Nr. 722 (zu 1255); QU II/6, Nr. 1 (zu 1257), zum Bürgerspital vgl. POHL-RESL 1996, und PICHLKASTNER 2020; JOHANEK 1978/79, 321 (zu 1258); MOM Minoritenkonvent, Nr. 21 (zu 1260).

1261

Nikolaus, Kaplan König Ottokars von Böhmen, bekennt am 29. November vor Magister Gerhard, Pfarrer von St. Stephan, und anderen Klerikern, im Auftrag Abt Philipps vom Schottenkloster eine Neuausfertigung der Urkunde über die Gründung des Schottenklosters durch Herzog Heinrich II. von Österreich hergestellt zu haben, weil das auf Burg Starhemberg verwahrte Original in Verlust geraten ist. Da diese Neuausfertigung, die vom Abt in einer Versammlung des österreichischen Adels vorgelegt worden ist, mit einem ihm unbekannten Siegel versehen ist, sieht er sich veranlasst, dies vor Zeugen zu bekennen. Magister Gerhard möge allerdings von diesem Bekenntnis keinen Gebrauch machen, um den Ruf der Abtei nicht zu schädigen. – Hier spiegeln sich die Spannungen zwischen St. Stephan und den Schotten wegen Ausübung der Pfarrrechte (→ 1263, 1265), die erst zu Ende der 1260er-Jahre mit einem Kompromiss beigelegt werden. Die gefälschte Urkunde (LOHRMANN−OPLL 1981, Nr. 120) nennt auch die Kirche St. Johann an der Siechenals, sodass mit deren Existenz um die Mitte des 13. Jhs., d. h. zum Zeitpunkt der Anfertigung der Fälschung, wohl zu rechnen ist. Unklar bleibt, ob auch das dortige Siechenhaus schon um diese Zeit bestand.

QU I/1, Nr. 4, zur Johanneskirche an der Siechenals sowie zu dem ab 1298 nachweisbaren Siechenhaus an dieser Stelle vgl. WERFRING 1999, 80−85, der allerdings ohne Nennung von Quellen eine Erstnennung der Kirche bereits zu 1179, des Siechenhauses zu 1261 angibt, dieses freilich ebenso auf 1179 zurückführen möchte.

1262

Am 21. oder 28. April wütet in Wien erneut (→ 1258) ein verheerender Stadtbrand, der kaum ein Zehntel des Stadtgebietes verschont. St. Stephan, die Minoritenkirche und Maria am Gestade werden zerstört, rings um das Schottenkloster, das verschont bleibt, geht vieleszugrunde.

OPLL 1995a, 35f.

1263

Am 25. April entscheidet Bischof Otto von Passau als zuständiger Diözesanbischof den Streit zwischen dem Abt des Wiener Schottenklosters und dem Pfarrer von Wien, Magister Gerhard, über die Pfarrrechte in der Stadt. Er spricht den Schotten den Besitz der Kirchen von Maria am Gestade, St. Peter, St. Rupert und St. Pankraz zu, doch müssen sie sich im Kloster, in den genannten Kirchen sowie im ganzen Umfang der Wiener Pfarre aller gottesdienstlichen Handlungen zugunsten der Mutterkirche St. Stephan enthalten, ausgenommen das Begräbnis der eigenen Konventualen, der Mitglieder der landesfürstlichen Familie, der Pilger und Fremden. Zugestanden wird ihnen ferner die Wasserweihe und die Taufe von ein oder zwei Kindern in der Vigil von Ostern und Pfingsten.

Abb. 5: Grabstein des Wiener Bürgers Otto am Hohen Markt im Kreuzgang des Klosters Heiligenkreuz. – Foto: Ferdinand Opll (8.1.2021).

QU I/1, Nr. 6.

1264

Otto vom Hohen Markt, mehrfach als Wiener Stadtrichter tätig und Gründer des Bürgerspitals, stiftet am 19. Oktober, zu seinem, seiner Vorfahren und seiner Kinder Seelenheil im Kloster Heiligenkreuz, wo er begraben werden möchte, einen liturgisch zu begehenden Jahrtag. Dieser soll zu seinen Lebzeiten am Tag des hl. Koloman (13. Oktober), nach seinem Ableben an seinem Todestag begangen werden. – Der Stellenwert der Kolomansverehrung ist bereits in spätbabenbergischer Zeit (→ 1245) zu fassen, der Heilige blieb bis weit ins 17. Jahrhundert hinein österreichischer Landespatron, wurde dann von dem → 1485 heiliggesprochenen Babenbergermarkgrafen Leopold III. abgelöst. – Der Grabstein des wahrscheinlich am 5. März 1273 verstorbenen Mannes befindet sich im Kreuzgang von Heiligenkreuz (Abb. 5).

QU I/1, Nr. 595 (zum 19.10.), zur Koloman-Verehrung vgl. NIEDERKORN-BRUCK 1992, und DIES. (Hg.) 2014.

1265

Geistliche Richter fällen einen Schiedsspruch zwischen dem Schottenkloster und dem dreimal vor Gericht geladenen Pfarrer Gerhard von Wien in Sachen der Pfarrrechte der Schotten, die jedenfalls für ihr Kloster und ihre Kapellen, nämlich Maria am Gestade, St. Peter, St. Ruprecht und St. Pankraz in Wien sowie St. Koloman in Laab im Walde gelten.

QU I/1, Nr. 247.

1266

Magister Gerhard von Siebenbürgen, päpstlicher Kaplan, Chorherr von Passau und Pfarrer der Wiener Stephanskirche und von Gars, erteilt dem von ihm schon vor mehreren Jahren gegründeten Siechenhaus am Klagbaum (etwa 4, Wiedner Hauptstraße/Klagbaumgasse), das der von Gesunden abgesonderten Unterbringung von Aussätzigen außerhalb der Stadt dient und eine Kapelle St. Hiob hat, folgende Ordnung: Aufgenommen werden ausschließlich sieche Frauen, keine gesunden, aber auch keine siechen Männer, das Haus ist mit einem gesunden Meister, einer gesunden Meisterin sowie gesundem Hauspersonal auszustatten, Gesunde und Kranke sind getrennt voneinander unterzubringen und die Siechen von außen zu versorgen. Der Meister muss keusch und rein sein, die Meisterin hat ein bescheidenes Gewand mit rotem Kreuz in rotem Ring zu tragen, und dieses Zeichen hat auch auf dem Mantel, den die Siechen tragen, angebracht zu sein; beide sind für die sorgsame Pflege der Siechen verantwortlich und dürfen über gespendete Almosen nicht eigenmächtig verfügen. Das Haus soll einen Priester für den Gottesdienst und als Oberaufsicht einen Vogt und einen Ammann haben, die Rechnungskontrolle liegt beim Vogt. Mobile Güter oder Erbschaften und Ersparnisse siecher Insassinnen dürfen dem Haus nicht entfremdet werden. Das Haus dürfen die Siechen nur mit Erlaubnis der Meisterschaft verlassen. Elenden Siechen wird ausschließlich ein Nachttrunk und ein Essen, aber nicht mehr gegeben. Die Insassinnen haben an allen Gottesdiensten und den kanonischen Stundengebeten der Geistlichen teilzunehmen. Darüber hinaus müssen sie für Magister Gerhard, den Stifter, alle Fürsten und Fürstinnen des Landes, den Bischof von Passau, die Gefährten des Wiener Pfarrers, alle Bürgerinnen und Bürger Wiens und die Wohltäter des Siechenhauses beten. Gegenüber der Meisterschaft und den Pflegern haben sie strikten Gehorsam zu wahren, bei Nichtbefolgung soll man sie zwei oder drei Stunden lang zu einer Besserung zu bewegen versuchen, falls sie widerspenstig bleiben, werden sie des Hauses verwiesen. Von äußeren Geschäften, vor allem dem Handel mit Wein und Brot, haben sie sich fernzuhalten, und die Hinterlassenschaft der Meisterschaft und der siechen Frauen bleibt beim Haus.

Die Wiener Bürger unter Führung des Ritters Otto vom Hohen Markt und des Stadtrichters Otto Haimo zerstören die Niederlassung der Augustinereremiten vor dem Werdertor.

OPLL 1999b, 17f.; PERGER – BRAUNEIS 1977, 264f. und 89.

1267

Der päpstliche Legat Kardinalpresbyter Guido von S. Lorenzo in Lucina hält in Wien vom 10.−12. Mai eine Synode für die Kirchenprovinz Salzburg ab. Daran nehmen der Patriarch von Aquileia und der Erzbischof von Salzburg, die Bischöfe von Prag, Olmütz, Breslau, Passau, Freising, Regensburg, Brixen, Trient und Lavant teil, was zeigt, dass es weniger um eine Synode, sondern vielmehr um eine Konferenz der Prälaten der gesamten ottokarischen Einflusssphäre geht. Guido, der hier auch die in Vergessenheit geratenen Judengesetze erneuert, verabschiedet Statuten, in denen Probleme des Klerikerlebens ebenso wie die Beziehungen zwischen Kirche und Laienwelt, insbesondere die Verbreitung und Vermittlung der Grundsätze des kanonischen Rechts im Zentrum stehen.

Am 18. Juli beurkunden der Wiener Dominikanerprior Leopold, Leo, Guardian der Wiener Minoriten, und Stadtrichter Otto Haimo einen Gütertausch zwischen Magister Gerhard, Pfarrer von Wien, und dem Kommendator des hiesigen Deutschordenshauses Ortolf. Dies versetzt Gerhard in die Lage, auf eigene Kosten in seinem eigenen Haus in der „Weihburg“ (etwa 1, Himmelpfortgasse/Rauhensteingasse) das schon zuvor bestandene Nonnenkloster St. Agnes zur Himmelpforte (wieder) zu gründen. Mit Erlaubnis Bischof Peters von Passau, der sowohl das Himmelpfortkloster als auch das Leprosenhaus zum Klagbaum weiht, haben die Klosterfrauen gelobt, dass sie beständig eingeschlossen leben und die Regel des hl. Augustinus befolgen werden.

Mitten in der Nacht und dann nochmals beim ersten Hahnenschrei wird am 29. Oktober in Wien ein Erdbeben verspürt.

In einer Urkunde vom 25. November für seine beiden geistlichen Stiftungen, das Spital St. Hiob für die Kranken und das Nonnenkloster zur Himmelpforte, gibt Magister Gerhard, Archidiakon von Wieselburg in der Diözese Raab, Chorherr von Passau, Pfarrer von Wien und päpstlicher Kaplan, Einblick in sein Leben: Er berichtet, dass er vor den Tataren (→ 1241) aus Ungarn nach Österreich geflohen ist, wo er in die geistlichen Dienste des Bischofs von Passau, die weltlichen der hiesigen Herzöge eingetreten ist. Gegen seinen Vorgänger als Wiener Pfarrer, Magister Leopold, der wegen Häresie abgesetzt worden ist (→ 1250), hat er 15 Jahre lang an der Kurie gestritten. Mit dem Wiener Schottenkloster hat er wegen der Pfarrrechte heftige Auseinandersetzungen gehabt (→ 1261, 1263 und 1265) und insgesamt mehr als 2000 Mark Silber dabei aufgewendet. Sein den Nonnen zur Verfügung gestelltes Haus in der Weihburg hat er durch Kauf erworben und sich von den Herzögen Friedrich II. und Hermann urkundlich bestätigen lassen und sodann gemeinsam mit einem weiteren von ihm erworbenen Haus – dieses hat er zunächst dem Bürgerspital schenken wollen, was die Bürger aber abgelehnt haben – der schon zuvor existierenden Gemeinschaft von Nonnen (Himmelpfortkloster) übergeben. Jetzt verpflichtet sich Gerhard, in allen ihm anvertrauten Kirchen, in St. Stephan und St. Michael in der Stadt, in Schwechat, (Ober-)Laa, Döbling, Vösendorf, Lanzendorf und Simmering sowie in der von ihm auf eigene Kosten errichteten Kapelle in Penzing, die es den Gläubigen ermöglicht, in einem nahe gelegenen Gotteshaus Messe zu feiern, weiters bei den Himmelpförtnerinnen, im Bürgerspital, aber auch in weiter entfernten Gotteshäusern, darunter in Gars und Eggenburg, an Sonntagen die Dreifaltigkeitsmesse und an den Wochentagen gleichfalls je eine Messe begehen zu lassen. Sein Nonnenkloster soll maximal 25 geistliche Frauen in Abgeschiedenheit beherbergen und es erhält Geld, Güter, geistliche Gewänder und liturgische Handschriften. Derartige Zuwendungen gehen auch an die Aussätzigen (leprosi) zu St. Hiob, denen auch von den Bäckern, die am Stephansfriedhof Brot und Torten verkaufen wollen, wobei ihnen verboten ist, dort dem Würfelspiel zu frönen, Abgaben zu entrichten sind. Dotierung erfährt des Weiteren der mehrfach durch Brände (→ 1258 und 1262) verwüstete Pfarrhof sowie die von ihm dort neu errichtete Kapelle. Erkrankt jemand von seinen Pfarrkindern inner- oder außerhalb der Stadtmauern am Aussatz, so hat er Anspruch auf Aufnahme ins Siechenhaus, wobei Infizierte dort nach Möglichkeit abgesondert werden. Erkrankten Auswärtigen wird dagegen aus Gottesliebe bloß drei Tage Pflege gewährt, und sie müssen dann weiterziehen. Der von den Himmelpförtnerinnen für die Abnahme der Beichte und zur Feier des Gottesdienstes gewählte Kaplan soll auch die Messen in den Kapellen St. Niklas (auf der Landstraße) und St. Lazarus (später: St. Marx) zelebrieren. – Dieses herausragende Dokument bietet detaillierten Einblick in Leben und Wirken eines der bedeutendsten Inhaber der Wiener Pfarre im Mittelalter, auf den vor allem die Stiftung der Wiener Siechenhäuser, vielleicht auch der erst 1298 nachweisbaren dritten derartigen Einrichtung zu St. Johannes an der Siechenals (Bereich Wien 9, Arne-Carlsson-Park), zurückgeht.

JOHANEK 1978/79, 312−340, und BRUGGER – WIEDL 2005, Nr. 45 (10.−12.5.); QU I/1, Nr. 7 (25.4.); QU I/3, Nr. 2805, PERGER – BRAUNEIS 1977, 189, und SCHEDL 2009, 190f. Nrr. 1−2 (18.7.); OPLL 1995a, 38 (29.10.); MB 1831, 468−480 Nr. 92 und PERGER – BRAUNEIS 1977, 189 (25.11.); zu St. Marx vgl. PERGER – Brauneis 1977, 261.

1270

Der nach dem Tod seines Vaters Béla IV. am 3. Mai auf den ungarischen Thron folgende König Stephan bricht das von seinem Vater mit König Ottokar II. von Böhmen geschlossene Abkommen. Ungarische Truppen verwüsten das Gebiet zwischen Wien und Wiener Neustadt. Dabei wird auch das Zisterzienserinnenkloster St. Niklas vor dem Stubentor bei Wien in Mitleidenschaft gezogen, und die Nonnen müssen teils in der Stadt, teils in Dörfern und Burgen der Umgebung Zuflucht suchen.

Etwa aus dieser Zeit ist das anonyme Schwanklied „Der Wiener Meerfahrt“ überliefert, in dem ein Trinkgelage Wiener Bürger im Zentrum steht. Bei diesem werden Pläne über eine Fahrt ins Heilige Land nach Akkon gesponnen, und aufgrund der geografischen Angaben ist ein geografisch weit gespannter Horizont zu erkennen. Enthalten ist auch ein Lob auf Wien, das als besonders wonniger und angenehmer Lebensort geschildert wird, wo man einfach ein Pferd erwerben kann, Musik und Gesang das Herz erfreuen, man sich aber vor Diebstählen beim Aufsuchen von Badstuben hüten soll. Gelage finden hier gerne im Freien, in einer Laube statt, die Speisen und der Wein gelten als besonders wohlschmeckend und luxuriös, wenn sie entsprechend gewürzt sind, und dabei kommen Safran und Wurzeln für das Essen, Muskat, Ingwer, Galgant (gleichfalls ein Ingwergewächs) und Rosinen zur Aufbesserung des Tranks zum Einsatz.

OPLL 1995a, 38−41; OPLL 1994, 42f. Nr. 23; zu den hier früh fassbaren Wiener Badstuben vgl. zuletzt Hötzel 2016, 79−106, insbesondere 92f. (Übersichtsplan).

1272

Der wegen des Überfalls der Ungarn (→ 1270) aus seinem Haus vor dem Stubentor geflohene Konvent des Zisterzienserinnenklosters St. Niklas bezieht am 5. November ein von dem Wiener Bürger Paltram vor dem Freithof zur Verfügung gestelltes Haus in der Singerstraße. In der Folge wird dort mit Unterstützung Paltrams und seines Neffen Paltram Vatzo eine Klosterkirche errichtet.

OPLL 1995a, 41f.; PERGER – BRAUNEIS 1977, 183.

1273/1274

Stadtrichter Gozzo und die gesamte Wiener Bürgergemeinde entscheiden einen Streit zwischen den Meistern des Heiliggeistspitals und des Bürgerspitals, wonach die vom Bürgerspital errichtete Mühle, durch die Wege beschädigt werden und die Mühle des Heiliggeistspitals beeinträchtigt wird, abzubrechen ist. Von dieser Mühle muss jedoch Wasser zur Reinigung der Aborte des Bürgerspitals weitergeleitet werden.

QU II/6, Nr. 6; die als Spitalsmühle bezeichnete Mühle des Bürgerspitals kam erst 1398 in dessen Besitz, vgl. PICHLKASTNER 2020, 240f.

1275

Im Auftrag König Rudolfs von Habsburg sucht Burggraf Heinrich von Nürnberg König Ottokar II. in Wien auf, kann jedoch die Forderung nach Rückstellung der zu Unrecht in Händen des Přemysliden befindlichen Reichsländer Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain, Böhmen und Mähren nicht durchsetzen. Der Böhmenkönig lässt sich angesichts des Anwachsens einer König Rudolf zuneigenden Opposition von Wien und anderen Städten Geiseln aus den Reihen der angeseheneren Bürger stellen und beginnt in Wien mit der Anlage starker Befestigungen beim Widmer- und beim Bibertor. – Der Bericht über die von Ottokar vorgenommenen Baumaßnahmen bezieht sich – entgegen lange vorherrschender Meinung – nicht auf die Errichtung, sondern den Ausbau der schon seit spätbabenbergischer Zeit existierenden Burg (Hofburg) beim Widmertor.

OPLL 1995a, 42f.; zur Wiener Burg jetzt SCHWARZ (Hg.) 2015.

1276

In den ersten Monaten des Jahres suchen Vertreter der Ritter und Bürger Wiens König Ottokar II. zur Besprechung der politischen Lage in Prag auf. Dort gelingt es Paltram vor dem Freithof, der dieser Delegation angehört, von dem unweit der Prager Burg gelegenen Prämonstratenserstift Strahov mit dem Schädel der hl. Deliciana aus dem Schatz der dort verwahrten Überreste der 11.000 Jungfrauen eine wertvolle Reliquie für seine Stiftung St. Niklas in der Singerstraße zu erwerben. Die Reliquie wird auf der Heimreise zuerst in der Kirche St. Maria Magdalena vor dem Schottentor aufbewahrt und in der Folge in einer feierlichen Prozession in das Zisterzienserinnenkloster St. Niklas überführt.

Dreimal im Abstand weniger Wochen wird Wien von schweren Stadtbränden heimgesucht. Am Samstag vor Palmsonntag (28. März) wird die Singerstraße durch einen von einem dortigen Haus ausgehenden Brand verwüstet. In der zweiten Woche nach Ostern, am 16. April, bricht in einem Haus auf dem Kienmarkt ein Feuer aus, und die Hälfte des Hohen Marktes, der Kienmarkt und der Salzgries werden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Vierzehn Tage darauf (30. April) geht ein dritter Brand von einer Fleischerei vor dem Schottentor aus, wird durch den Wind in die Stadt hineingetragen und entwickelt sich zu einem regelrechten Flächenbrand. Schweren Schaden nehmen die Stadtmauer mit allen Stadttoren bis auf das Widmer- und das Kärntner Tor, die Klöster der Schotten und der Minoriten, die Pfarrkirchen St. Stephan und St. Michael sowie die Peterskirche und an die 150 Häuser um den Neuen Markt. Dächer und Hausmauern stürzen durch die enorme Hitze ein, und man spricht vom schwersten Brandunglück, das Wien bis dahin heimgesucht hat. König Ottokar II. gewährt angesichts der dramatischen Vorfälle für fünf Jahre Steuer- und Mautfreiheit, gründet einen vier Wochen währenden Jahrmarkt und löst alle Einungen der Handwerker bis auf das Konsortium der sogenannten „Münzer“, genannt „Hausgenossen“, auf, um so größere Handelsfreiheit und wirtschaftliche Erholung zu ermöglichen. – Diese Nachricht über eine der zahlreichen schweren Brandkatastrophen, die Wien im Mittelalter heimgesucht haben, enthält auch den ersten Beleg für St. Michael als Pfarrkirche.

Am 18. Oktober, dem Sonntag nach dem Kolomansfest (13. Oktober), beginnt ein Reichsheer unter Führung König Rudolfs von Habsburg mit der Einkreisung Wiens. Das Lager wird zunächst bei Gänserndorf bezogen, und in der Folge geht man gegen die von den Bürgern, darunter insbesondere Paltram vor dem Freithof und der Stadtschreiber Konrad, hartnäckig verteidigte Stadt vor. Viele Obst- und Weingärten von Wiener Bürgern werden niedergebrannt, das Zisterzienserkloster St. Niklas vor dem Stubentor wird zerstört. Im Belagerungsheer werden Schmählieder über die Wiener gesungen, die die Schlüssel ihrer Stadt den Slawen ausgehändigt hätten (Winna tui Sclavis est muri tradita clavis). In Wien ist es vor allem das einfache, weniger bemittelte Volk, die Quellen sprechen vom „Pöbel“, das auf Kapitulation drängt. Am 21. November wird im Heerlager zunächst durch Schiedsrichter ein Frieden geschlossen, wobei Ottokar nur seine angestammten Länder behält und am 26. November damit im Wald bei Klosterneuburg belehnt wird. Der Böhmenkönig entlässt die ihm von den Ministerialen des Landes und den Bürgern von Städten gestellten Geiseln, das Gebiet nördlich der Donau bleibt ihm überlassen. Spätestens am Andreastag (30. November) öffnet Wien nach endgültiger Unterwerfung dem Habsburger seine Tore.

König Rudolf verkündet am 3. Dezember in Wien nach dem Rat der Fürsten, des Adels und der Ministerialen einen Landfrieden für Österreich, die Steiermark, Kärnten, Krain und die Windische Mark, der bis zum 6. Jänner 1277 zu beschwören ist und bis zum Weihnachtsfest 1281 gilt. – In der Folge nimmt der Habsburger bis zum Ende des folgenden Jahres einen langen Aufenthalt in Wien, den er nur im November 1277 durch einen Zug nach Hainburg und Wiener Neustadt kurzzeitig unterbricht.

OPLL 1995a, 43−45; PERGER – BRAUNEIS 1977, 76 (Pfarre St. Michael); REDLICH (Hg.) 1898, Nrr. 610*b−632 (ab 18.10.); JOHANEK 1977/78, 321 (zu den Schmähliedern).

1277

König Rudolf sitzt am 18. Jänner im Wiener Minoritenkloster einem geistlichen Gericht über die Frage vor, ob Erzbischöfe oder Bischöfe ohne Befragen ihres Domkapitels eine Belehnung vornehmen dürfen.

Am 16. Juli verleiht König Rudolf der Genossenschaft der Wiener Münzer, genannt Hausgenossen, auf deren Bitten nach dem Beispiel der Herzöge Leopold VI. und Friedrich II. Rechte und Freiheiten.

REDLICH (Hg.) 1898, Nrr. 670 und 821.

1278

Zwischen Frühjahr und Anfang Juni fällt der Wiener Bürger Paltram vor dem Freithof (→ 1276) gemeinsam mit anderen, darunter dem österreichischen Marschall Heinrich von Kuenring, von König Rudolf ab und bezieht (erneut) Position aufseiten König Ottokars. Der Habsburger verurteilt diese Gegner in der Folge wegen Majestätsverbrechens und beruft von Wien aus, wo er gemeinsam mit seiner Frau (Gertrud-)Anna und seinen Kindern weilt, die Reichsfürsten zu seiner Unterstützung herbei. Zu Pfingsten (5. Juni) bricht der Krieg mit Ottokar erneut aus.

Am Johannesfest (24. Juni) bestätigt und erweitert König Rudolf im Anschluss an bereits ein Jahr zuvor geführte Verhandlungen und vorgenommene Beurkundungen den Wiener Bürgern ihre Rechte und Freiheiten, wobei überwiegend das Privileg Herzog Friedrichs II. (→1244) als Vorlage dient. Es ergehen zwei Herrscherurkunden (Rudolfinum I und II), die beide als bürgerliche Funktionäre in Rechtsfragen wie bei politischen Entscheidungen nicht nur „Genannte“ (→ 1221), sondern erstmals auch dezidiert Räte (consules) erwähnen. Die zweite Urkunde enthält einen eigenen Passus über die Verurteilung des Paltram vor dem Freithof und seiner Söhne Paltram, Petrus, Pilgrim, Heinrich, Eberhard und Hänslein sowie Markwards, des Bruders des älteren Paltram, als Majestätsverbrecher und die Konfiskation all ihrer Besitzungen. Untersagt wird, die Verurteilten wieder in Wien aufzunehmen, andernfalls die Stadt alle vom Reich erhaltenen Privilegien verlieren würde. Neu tritt in der zweiten Urkunde noch die Verleihung zweier Jahrmärkte für Wien hinzu, von denen einer im Sommer zwei Wochen ab Jakobi (25. Juli) und einer im Winter sieben Tage vor und nach Mariä Reinigung (2. Februar) stattfinden soll.

Nach der Sammlung des von König Rudolf aufgebotenen Reichsheeres in Wien, das insbesondere durch den Zuzug ungarischer Truppen entscheidend an Schlagkraft gewinnt – Wiener Bürger nehmen teil, ohne dass sich der Habsburger der Treue der ganzen Stadt wirklich sicher ist –, bricht man am 23. August zum Kampf gegen Ottokar auf das Marchfeld auf. Drei Tage später, am 26. August, wird ein vollkommener Sieg über den Böhmenkönig errungen, der auf dem Schlachtfeld bei Dürnkrut und Jedenspeigen den Tod findet. In der Folge kehrt der Habsburger im Triumph nach Wien zurück, wohin er viele der gefangenen Adeligen bringen lässt, die hier inhaftiert werden. Etliche von ihnen werden hingerichtet. Der Leichnam des Böhmenkönigs wird über Marchegg auf einem Karren nach Wien gebracht und zunächst im Schottenkloster aufgebahrt. Am Tag darauf bringt man ihn am frühen Morgen, begleitet vom gesamten Klerus in völliger Schweigsamkeit und unter Verbot jeglicher Gesänge oder des Läutens von Glocken zu den Minoriten, wo man ihn zunächst mit bloßem Gesicht öffentlich zur Schau stellt. Nach Entfernung der Eingeweide, Einbalsamierung und Bergung in purpurnen Tüchern, die Königin (Gertrud-)Anna bereitstellt, wird er unbeerdigt in den Kapitelsaal des Klosters gebracht, wo er 30 Wochen lang bleibt, ehe er auf Bitten seiner Witwe Königin Kunigunde nach Znaim gebracht wird. Die Beisetzung im Prager Veitsdom veranlasst dann erst sein Sohn König Wenzel im Jahr 1297.

Nach einem erfolgreichen Zug König Rudolfs nach Böhmen, auf dem im November in Iglau mit der Ehevereinbarung zwischen Wenzel von Böhmen mit Rudolfs Tochter Guta sowie zwischen Rudolfs gleichnamigem Sohn Rudolf II. mit Ottokars II. Tochter Agnes Grundlagen für eine gedeihliche Weiterentwicklung gelegt worden sind, wird dem Habsburger bei seiner triumphalen Rückkehr nach Wien im Dezember ein festlicher Empfang bereitet. Welt- und Ordensgeistliche ziehen ihm mit Kreuzen, Fahnen und unter Mitführung von Reliquien entgegen und heißen ihn unter Absingen geistlicher Lieder willkommen. Die Glocken ertönen in der Stadt, und der König begeht das Hochamt gemeinsam mit seiner Gemahlin (Gertrud-)Anna und seinen Kindern in der Stephanskirche. – Rudolf bleibt in der Folge – mit einigen wenigen Unterbrechungen – etwa drei Jahre lang in Wien. Unter den herausragenden bürgerlichen Persönlichkeiten der Folgejahre begegnen Angehörige der seit Langem führenden Wiener Familien, wobei das Amt des Stadtrichters von Personen ausgeübt wird, die schon unter Ottokar II. in dieser Funktion tätig gewesen sind.

OPLL 1995a, 46−49; REDLICH (Hg.) 1898, Nrr. 969*a−*1033*a (ab 5.6.); CSENDES (Hg.) 1986, 64 Nr. 11 und 74 Nr. 12 (24.6.).

1279

Am 14. Februar nimmt König Rudolf erstmals in castro Wiennensi, in der Wiener Burg, Aufenthalt.

König Ladislaus von Ungarn bestätigt am 20. Juli auf Bitten des Wiener und österreichischen Hansgrafen (rector mercatorum) als für Handelsgeschäfte zuständigen Amtsträgers die schon von seinen Vorfahren gewährten, von den deutschen Kaufleuten in Ungarn einzuhebenden Abgaben.

REDLICH (Hg.) 1898, Nr. *1064 (14.2.); CSENDES (Hg.) 1986, 64 Nr. 11 und 74 Nr. 12 (24.6.); QU II/2, Nr. 14 (20.7.).

1280

Aus dieser Zeit haben sich zwei Beschreibungen Wiens erhalten: Die eine betont die schöne Lage am lieblichen Donaustrom, die gesunde Luft, die dichte Bevölkerung mit schönen Frauen und das fruchtbare Umland reich an Wein und Wald. Die andere erinnert an die Ursprünge als römische Festung, wobei die Beseitigung von deren Mauern erst die Grundlage für die Verlegung des Sitzes der Fürsten hierher geboten hat, setzt Wien mit anderen Städten in Deutschland, Frankreich und Italien gleich, hebt gleichfalls die Lagegunst an der Donau, die an den Berghängen gelegenen ertragreichen Weingärten mit ihrem dem Falerner gleichkommenden Produkt, das Jagdgebiet im Westen und das Ackerland im Osten und Süden hervor und rühmt Wiens Lage als Pforte nach Italien und Frankreich. Das sichert den Vorteil, auch Waren aus weitab gelegenen Gebieten hierher bringen zu können.

Am 22. August stimmt Herzog Albrecht II. von Sachsen auf Bitten König Rudolfs, seines Schwiegervaters, dessen Absicht zu, künftig seine Söhne Albrecht und Rudolf II. mit dem österreichischen Länderkomplex, Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain und der Windischen Mark, zu belehnen.

OPLL 1995a, 49−51; MOM HHStA (22.8., dort irrig zu 1282).

1281