Wild Roses & Fireflies - Anja Tatlisu - E-Book

Wild Roses & Fireflies E-Book

Anja Tatlisu

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Beschreibung

Emma und Channing – eine Freundschaft für immer – dachten sie zumindest, bis ihre Wege nach der Highschool auseinanderdriften. Während die 23-jährige ein eher beschauliches Leben in ihrer Heimatstadt führt, genießt er sein Singledasein in der Großstadt. Bis Emma nach einer Trennung plötzlich vor Channings Haustür steht. Fortan stellt sie das Singleleben des Boston-Firefighters gehörig auf den Kopf. Bald schon lässt sich das Knistern zwischen ihnen nicht länger ignorieren und so treffen sie eine heiße Friends-with-Benefits-Vereinbarung. Doch lässt sich das Feuer zwischen ihnen wirklich kontrollieren?

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch

Emma und Channing – eine Freundschaft für immer. Dachten sie zumindest, bis sich ihre Wege nach der Highschool trennten.

Als Emmas Kleinstadtleben fünf Jahre später in Scherben liegt, will sie endlich ihren Traum von einem eigenen Blumenladen verwirklichen und zieht kurzentschlossen bei Channing ein. Während sie jedoch Ordnung liebt, ist er das pure Chaos und so stellt sie das Singleleben des Boston Firefighters gehörig auf den Kopf. Bald schon lässt sich das Knistern zwischen ihnen nicht länger ignorieren. Sie treffen eine prickelnde Friends-with-Benefits-Vereinbarung mit klaren Regeln. Doch lässt sich das Feuer zwischen ihnen wirklich kontrollieren?

Anja Tatlisu

Wild Roses & Fireflies

 

 

 

Für Denise,

weil du mein bestes Mondmädchen bist

und Glühwürmchen magst

Playlist

Chasing Cars – Snow Patrol

Bleeding Love – Leona Lewis

Apologize – OneRepublic

Thank You, Next – Ariana Grande

Perfect – Ed Sheeran

Flowers – Miley Cyrus

Friends – Justin Bieber

Texas Hold ’Em – Beyoncé

Shape of You – Ed Sheeran

Whatta Man – Salt ’n’ Pepa feat. En Vogue

Shake It Off – Taylor Swift

Despacito – Luis Fonsi feat. Daddy Yankee

Austin – Dasha

It’s Not Over – Daughtry

A Drop in the Ocean – Ron Pope

All of Me – John Legend

Die With A Smile – Bruno Mars feat. Lady Gaga

Nobody (Make me feel) – Oskar med K feat. Khalid

Prolog

Emma

Die Musik war laut. Mitreißende Beats drangen aus den Boxen. Alle tanzten ausgelassen und tranken, was ihnen zwischen die Finger kam. Bloß Channing konnte ich bereits seit einer Weile nirgendwo entdecken. Auch wenn es mir schwerfiel, mich von Darrens Anblick zu lösen, verließ ich die alte Scheune, um nach meinem besten Freund zu suchen.

Eine milde Sommernachtsbrise wehte mir angenehm erfrischend entgegen, während ich den Hügel gegenüber der Morgan-Farm hinaufging. Dort vermutete ich Channing wegen des Wildrosenzweigs an der Außentür des Heuschobers. Und dort fand ich ihn auch. Tiefenentspannt lag er unter unserem Lieblingsbaum. Als er mich bemerkte, zog er einen In-Ear raus und schenkte mir ein Lächeln.

»Hier steckst du!« Neben Channing machte ich es mir auf der Wiese gemütlich und rückte so nah an ihn heran, dass sich unsere Schultern berührten.

»Was hörst du?«

»Was denkst du?«

»Chasing Cars in Dauerschleife?«

Channing nickte und stöpselte den rausgenommenen Kopfhörer in mein Ohr. Ich liebte unser Lied genauso sehr wie alles andere, das uns seit ewigen Zeiten verband.

Mein Blick schweifte durch die sternenklare Nacht und verlor sich im wolkenlosen Himmel. Die schmale Sichel des Neumonds verbarg ihr schwaches Leuchten hinter den Kronen der umliegenden Baumwipfel, die im sanften Wind tanzten. Dazwischen unzählige Glühwürmchen – traumhaft. So traumhaft, dass es fast unwirklich erschien. Nur die Musik aus der Scheune und das Lachen unserer Freunde stellten eine Verbindung zur Realität her.

»Das werde ich vermissen«, murmelte Channing.

Meine Fröhlichkeit verwehte mit seinen Worten, und mir wurde schwer ums Herz. In zwei Tagen würde sich alles verändern und nichts mehr so sein, wie es schon immer gewesen war. Bis auf Darren, Brian, Samantha, Georgia und mich hatten alle große Pläne geschmiedet, die sich weit außerhalb von Red Lodge abspielten, und ausgerechnet mein bester Freund zählte zu denjenigen, die es am weitesten fortzog.

»Ich auch«, gab ich leise zurück.

Channing nahm meine Hand. Unsere Finger verwoben sich miteinander. Ich schmiegte den Kopf an seine Schulter. Er roch so gut. Irgendwie grün. Nach holzigem Aftershave, Gras und Kräutern.

»Vor allem deine Anrufe morgens um sechs, wenn du nicht weißt, was du anziehen sollst oder mal wieder in einer Sinnkrise steckst, weil Darren dich in der Mensa ignoriert hat.«

»Dich aus dem Bett zu klingeln, funktioniert auch, wenn du in Boston bist.«

»Das würdest du echt fertigbringen, was?!«

»Du kennst mich.«

»Wenn nicht ich, wer dann?!« Er lachte. »In guten wie in schlechten Zeiten.«

Auf Anhieb schossen mir mindestens dreißig peinliche Momente in den Sinn, an die ich mich lieber nicht erinnern wollte, und ich war mir absolut sicher, dass Channing sie allesamt in chronologischer Reihenfolge wiedergeben konnte. »Gibt es überhaupt irgendetwas, das du nicht über mich weißt?«

»Unwahrscheinlich«, sagte er amüsiert.

Es wurde still zwischen uns. Das leise Rauschen der Bäume und das Zirpen der Zikaden übertönten alle anderen Geräusche. Ich bekam eine Gänsehaut.

Channing ließ meine Hand los, drehte sich auf die Seite und sah mich an. Seine himmelblauen Augen mit den prägnanten schwarzen Wimpern ruhten auf mir. Der Sommerwind wehte durch sein gewelltes Haar und zerzauste den dunkelbraunen Schopf noch mehr. Ich mochte es, wenn wir uns so nah kamen, sich unsere Lippen beim Sprechen beinahe berührten, und ich die leichten Bewegungen seiner Nasenspitze auf meiner spürte. In diesen intim-vertrauten Momenten schien das gesamte Universum nur noch aus unserem Lieblingsbaum, dem herrlichen Duft der Wildrosen, den unzähligen Glühwürmchen und uns beiden zu bestehen.

»Denkst du, wir bleiben trotz der weiten Entfernung Freunde?«, flüsterte ich bedrückt.

»Ich wüsste nichts, was das jemals ändern könnte.«

»Warum bleibst du nicht hier?«, murmelte ich.

»Warum kommst du nicht mit mir nach Boston?«

»Weil …«

»Schsch … Sag jetzt nichts, Emma Adeline Rose«, unterbrach er mich leise. »Lass uns einfach hier liegen bleiben und für diese eine Nacht die Welt um uns herum vergessen.«

Klassentreffen

Emma

Fünf Jahre später

Unschlüssig kletterte ich zwischen der Ansammlung von Edelkarossen aus meinem dreckverkrusteten Geländewagen und schaute mich um. Der Großteil meiner ehemaligen Mitschüler schien es auf den ersten Blick weit gebracht zu haben. Mercedes, BMW, Porsche – mittendrin ich, ungeschminkt, in Jeans, Bluse, Chucks, mit simplem Zopf und unlackierten Fingernägeln. Eine von Darrens preisgekrönten Kühen hatte sich entschlossen zu kalben und keine Rücksicht auf mein geplantes Beautyprogramm für diesen besonderen Abend genommen. Aber auch ohne den niedlichen Ranch-Zuwachs hätte ich nicht wesentlich anders ausgesehen. Schicke Kleidung und High Heels vertrugen sich nicht mit dem Landleben, praktisch musste es sein.

Meine Nervosität stieg. Wenn die Autos schon dermaßen auf Hochglanz poliert waren, wollte ich gar nicht erst wissen, wie sich die Besitzer der fahrbaren Untersätze aufgestylt hatten.

Ich atmete tief durch, drückte die Wagentür zu, schloss den alten Range Rover ab und steuerte den Bürgersteig an. Zwei Schritte bis zum Rinnstein. Ein Platschen. Und ich stand knöcheltief in einer Pfütze.

Oh nein! Nein! Nein! Nein!

Großartig! Die Dreckspritzer verteilten sich bis zum Knie hoch über meine Jeans. So konnte ich mich unter keinen Umständen bei den Reichen und Schönen blicken lassen.

Genervt von meiner eigenen Tollpatschigkeit ging ich zurück zum Wagen, öffnete den Kofferraum und durchwühlte das chaotische Innenleben. Drähte, Seile, Hufkratzer, Werkzeuge, Blumenerde, Handschuhe, Gummistiefel. Alles, nur kein Lappen.

Dann eben Taschentücher.

Der Kofferraumdeckel reagierte auf sanftes Herunterdrücken so gut wie gar nicht und knallte schließlich dermaßen laut ins Schloss, dass ich erschrocken zusammenzuckte, obwohl ich das Geräusch allzu gut kannte.

Ich brauche ein neues Auto. Unbedingt. Und am besten gleich ein komplett neues Leben …

Auf der Suche nach einem Päckchen Kleenex durchwühlte ich meine Tasche. Die Motorhaube des braunen Rovers wurde zur Ablagefläche der vielen nützlichen Dinge, die ich stets mit mir herumschleppte, aber im Grunde nie brauchte.

Ganz unten, verheddert in einem Riss des Innenfutters, fand ich endlich, wonach ich suchte. Ich holte zwei Tücher aus der Verpackung und rubbelte so lange an der Hose herum, bis sich die Flecken auf ein Minimum verflüchtigt hatten. Dafür befanden sich desaströs viele weiße Fusseln auf dem groben Stoff meiner Jeans, die sich hartnäckig daran festklammerten. Exakt in diesem Moment war der Punkt erreicht, an dem sich ein hysterischer Kreischanfall kaum noch unterdrücken ließ.

Eine Papiertüte zum Enthyperventilieren wäre jetzt genau das Richtige gewesen, doch die hatte ich genauso wenig dabei wie einen flusenfreien Lappen. Stattdessen vergrub ich mein Gesicht in den Händen, konzentrierte mich auf meine Atmung und trat gegen das Vorderrad des Rovers. Dem Reifen schadete der Tritt im Gegensatz zu meinem Fuß nicht.

Ganz ruhig, Emma …

So gut es ging, pflückte ich die weißen Fussel von meiner Hose, richtete mich auf und startete den nächsten Versuch, von meinem Wagen wegzukommen. Zu meiner eigenen Verwunderung gelang es mir ohne weitere unangenehme Zwischenfälle, den teuflischen Rinnstein zu überwinden und mich an das historische Backsteingebäude heranzupirschen.

Vom Bürgersteig aus schielte ich verstohlen durch eines der Fenster des Pollard Hotels.

5th Anniversary – Abschlussklasse stand in roten und weißen Lettern auf einem blauen Banner, welches quer über den Eingang des Saals gespannt worden war. Mehr konnte ich von meiner Position aus nicht sehen. Des besseren Einblicks wegen drückte ich mir die Nase an der Fensterscheibe platt und erschrak fürchterlich, als plötzlich jemand von innen laut gegen das Glas und somit praktisch gegen meine Stirn klopfte – Norma und Jean, die Beauty-Queens des Jahrgangs. Das schrille Gekicher der beiden konnte ich bis nach draußen hören, und das klitzekleine bisschen Vorfreude, das mich zu dieser Veranstaltung gelockt hatte, löste sich in nichts auf, während sie mich übertrieben grinsend und winkend durch die Scheibe anstarrten. Ich hatte sie damals gehasst und hasste sie immer noch.

Fahr wieder nach Hause, du willst da nicht rein …

Ich machte auf dem Absatz kehrt und humpelte mit meinem geprellten Zeh über den Bürgersteig zurück zum Wagen.

»Emma?«

Die vertraute Stimme löste unbändige Freude und gleichermaßen eine Stinkwut in mir aus. Wie versteinert blieb ich stehen. Es gelang mir beim besten Willen nicht, mich umzudrehen. Ich hörte seine Schritte. Er kam geradewegs auf mich zu. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie er einen Bogen um mich machte. Und dann strahlten mich seine himmelblauen Augen auch schon an.

OMG.

Mir rutschte das Herz in die fusselige Jeans. Um es nicht zu verlieren, presste ich instinktiv die Knie zusammen und stand x-beinig vor meinem ehemals besten Freund auf dem Bürgersteig. Kurz darauf hob ich in dieser Position vom Boden ab und fand mich in zwei kräftigen Armen wieder, die mich innig an einen muskulösen Brustkorb drückten. Holziges Aftershave und Gras, auf gewisse Weise grün – ein Geruch, der mich bittersüß an längst vergangene Zeiten erinnerte. Wenigstens daran hatte Boston nichts verändert.

Er ist ein Mann geworden.

Ein.

Richtiger.

Mann.

»Channing?«, fragte ich entgeistert, als ob ich mir nicht sicher wäre, wer mich gerade an sich presste. Wobei ich mir eigentlich auch gar nicht sicher war. Also schon. Irgendwie. Aber er kam mir so anders vor. Breit. Hart. Kantig. Und definitiv richtig männlich. »Was machst du hier?«

Channing ließ mich runter, meine Knie schlackerten.

»Dasselbe wie du?«, antwortete er irritiert.

Er hatte mich im Stich gelassen, nicht auf meine Anrufe und Nachrichten reagiert, war einfach aus meinem Leben verschwunden, jahrelang unerreichbar für mich gewesen, und jetzt stand er plötzlich vor mir. Fünf Jahre waren seit der Nacht auf der Lichtung vergangen, und er tat so, als hätten wir uns vergangene Woche erst auf einen Kaffee getroffen.

»Kann ich mir nicht vorstellen«, brummte ich. »Aber hey, war nett, dich zu treffen. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben, Channing Morgan.«

Mechanisch entfernte ich mich von ihm und schloss den Range Rover auf. Prompt verweigerte die störrische Tür mal wieder ihren Dienst, bevor ich schließlich leise fluchend auf den Fahrersitz klettern konnte. Starten war das Einzige, was dem Geländewagen noch auf Anhieb gelang. Mit dem Aufheulen des Motors ging das Radio an, und ich stellte fassungslos fest, welche Ironie das Leben zuweilen an den Tag legte. Chasing Cars – unser Lieblingslied – dröhnte scheppernd aus den kaputten Membranen der Boxen.

Das ist echt ein Witz.Ein ganz, ganz mieser Witz.

Schnaubend knallte ich den Rückwärtsgang rein, gab Gas und preschte aus der Parklücke. Ein lang gezogenes Hupen, eine scharfe Bremsung, die den Motor abwürgte, und ein Herzschlag, der mir bis in die Stirn hämmerte, folgten.

Was für ein beschissener Abend.

Channing stand im Lichtkegel der Scheinwerfer. Er schien genauso entsetzt zu sein wie ich, kam dann jedoch schnellen Schrittes auf den Rover zu.

Mit ernster Miene riss er die Wagentür auf. »Bist du okay?«

Ich nickte bloß. Meine Hände umklammerten das Lenkrad wie Schraubstöcke.

»Verdammt, Emma! Du hast mir einen Scheißschrecken eingejagt. Ich dachte, nach all den Jahren hättest du dir den Kamikaze-Fahrstil endlich abgewöhnt.«

»Anscheinend nicht«, murmelte ich.

»Rutsch rüber!«

Meine Hände wollten das Lenkrad nicht loslassen. »Ich kann nicht …«

Channing löste behutsam meine Finger vom Steuer und deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf den Beifahrersitz.

Schlotternd vor Adrenalin krabbelte ich auf die andere Seite und verfing mich prompt mit einem Schnürsenkel in der Schaltung.

Der Geist der Vergangenheit befreite mich lachend von meiner Fußfessel und setzte sich neben mich. Chasing Cars dröhnte immer noch aus den Schrottboxen der Seitenverkleidung.

»Du hörst unser Lied, hm?« Zu allem Überfluss schmunzelte er.

»Das ist nicht komisch.«

»Aber lustig.«

»Auch nicht.«

»Witzig?«

»Nein.«

»Ach, komm schon, Emma Adeline Rose. Lach wenigstens ein einziges Mal für mich.«

Wie in Zeitlupe schüttelte ich den Kopf.

Channings Mundwinkel zuckten amüsiert, und das kleine Grübchen an seinem unrasierten Kinn verflüchtigte sich.

Den entwaffnenden Charme hatte er nicht verloren, und obwohl ich es nicht wollte, musste ich grinsen, bemühte mich jedoch weiter angestrengt, sauer auf ihn zu sein.

»Daran müssen wir bis morgen unbedingt noch arbeiten«, erklärte er mit einer Selbstverständlichkeit, die mich mundtot machte. »Sind das eigentlich deine Sachen da auf dem Boden?«, fragte er unvermittelt.

O nein!

Der Inhalt meiner Tasche, den ich nach dem Pfützenunfall wegen meiner Kleenex-Suche achtlos auf der Motorhaube verteilt hatte, lag verstreut zwischen Bürgersteig und Range Rover.

»Ja«, gab ich zerknirscht zu, öffnete die Beifahrertür und kletterte aus dem Wagen, um das Zeug aufzusammeln.

Ich hasse solche Tage … und ich hasse es, dass er es mir so schwer macht, ihn weiter zu hassen …

Channing stieg ebenfalls aus und half mir – keine gute Idee, wie sich beim Aufstehen herausstellte. Wir stießen mit den Köpfen zusammen, rieben uns synchron die Stirn und lachten über unsere blöden Gesichter. Auch daran hatte Boston nichts verändert.

»Du hast immer noch einen gewaltigen Dickschädel«, stellte er fest.

»Sagt der Richtige.« Ich warf ihm einen mörderischen Blick zu.

Er grinste noch breiter und ging kopfschüttelnd zu meinem Wagen.

Ehe ich mich’s versah, musste ich auf den Bordstein zurückweichen, und der Rover stand wieder in der Parklücke.

Channing stieg aus, schloss ab und stopfte Sekunden später die Schlüssel in meine Tasche. »Sollen wir zusammen reingehen? Wie in den guten alten Zeiten?«, fragte er.

»Falls du im Laufe der Jahre schwer von Begriff geworden sein solltest: Ich gehe nirgendwo rein, sondern fahre nach Hause«, antwortete ich schnippisch, straffte meine Schultern und wollte gerade abdampfen, als er mich am Ellbogen zurückhielt.

»Du bist sauer auf mich, das ist dein gutes Recht, aber lass dir deswegen nicht den Abend verderben.«

Er sah mich so unschuldig an, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam und einknickte. »Es liegt nicht allein an dir«, murmelte ich zerknirscht. »Eigentlich wollte ich gar nicht zu dem Treffen kommen.«

Channing wirkte sichtlich überrascht. »Muss ich das verstehen?«

Eine Antwort darauf blieb ich ihm schuldig. Ich verstand es ja selbst kaum. »Warum hast du den weiten Weg überhaupt auf dich genommen?«, fragte ich stattdessen.

»Wegen Samantha, Georgia, Brian, Darren und …«, er stockte kurz, »deinetwegen.«

»Dann hättest du dir die Reise sparen können. Samantha ist unterwegs zu einem Rodeo, Georgia bekommt in den nächsten Tagen ihr drittes Kind, Darren ist vorm Fernseher eingeschlafen, und Brian steht so unter dem Pantoffel, dass er sich kaum raustraut, weil Laurel ihm jedes Mal eine andere Affäre andichtet, wenn er das Haus verlässt.«

Channing lachte. »Laurel Singer?«

Ich nickte.

Sein Lachen nahm zu. »Die beiden haben sich gehasst.«

»Wenn du mich fragst, tun sie das immer noch.«

»Haben sie auch Kinder?«, hakte er nach.

»O ja …«, erwiderte ich, »und jedes Jahr kommt ein weiteres dazu. Zumindest in einem Punkt scheinen sie sich zu verstehen.«

Channing schüttelte den Kopf und rieb sich über die Nasenwurzel.

Ich konnte immer noch nicht fassen, dass er nach all den Jahren vor mir stand, und je länger ich mich mit ihm unterhielt, desto schmerzhafter wurde mir bewusst, wie sehr mir seine Freundschaft fehlte. Wie sehr er mir fehlte. »Geh lieber rein, sonst verpasst du noch die Party des Jahres. Das wäre unverzeihlich. Außerdem habe ich vorhin durchs Fenster Jean gesehen. Auf die warst du doch damals besonders scharf.«

»Meine Hormone waren auf ihre Kurven scharf«, korrigierte er mich mit einem unterdrückten Schmunzeln.

»Macht das einen Unterschied?«

»Ich denke schon«, gab er amüsiert zurück. »Willst du wirklich gehen, Emma? Lass uns doch wenigstens irgendwo was trinken.«

Ich zuckte gleichmütig mit den Schultern, obwohl mir eigentlich klar war, dass ich mir weder das oberflächliche Wiedersehensgeplänkel meiner ehemaligen Mitschüler noch einen schnarchenden Darren vor dem Fernseher antun wollte. Wäre in diesem Moment ein geheimnisvoller Unbekannter vorbeigekommen und hätte mich gefragt, ob ich mit ihm ein neues Leben beginnen würde, hätte ich sofort zugestimmt und alles hinter mir gelassen. Ob charmanter Märchenprinz, knallharter Son of Anarchy, rebellischer Drachenreiter in schwarzem Flugleder oder unsterblicher Vampir – alles wäre besser gewesen als fortwährend monotone Tage und Nächte. Ein ganz normaler Typ, der mich – Emma – liebte, hätte mir auch schon gereicht, aber die Auswahl an vernünftigen Männern meines Alters in der Region war eher dürftig.

Seufzend schaute ich mich um. Weit und breit war nichts Außergewöhnliches zu sehen. Kein wunderschöner Prinz auf seinem Pferd, kein tätowierter Bad Boy auf einer schweren Maschine, kein schwarz gekleideter Drachenreiter hinter mächtigen Schwingen. Nicht mal ein Glitzervampir im Volvo tauchte auf, um mich aus der Eintönigkeit zu retten. Nur Channing Morgan stand vor mir. Seine bloße Präsenz erinnerte mich daran, dass ich wahrscheinlich vor fünf Jahren die falsche Wahl getroffen hatte und besser mit ihm nach Boston gegangen wäre.

Frustriert stieß ich die aufgestaute Atemluft aus und verlagerte meinen Fokus auf den sichtlich amüsierten Mann vor mir. »Okay, gut«, stimmte ich zu. »Auf einen Drink.«

Damals wie heute …

Emma

Der SnowCreek Saloon war wie jedes Wochenende um diese Uhrzeit gut besucht. Auf einer Bühne oberhalb der Bar spielte eine Liveband. Rancher, Rocker, Hausfrauen, Business Ladys, Studenten und Touristen reihten sich die Theke entlang, plauderten, tranken und tanzten zu der rockigen Countrymusik. Trotz des Andrangs blieb der Barkeeper die Ruhe selbst, behielt die Übersicht, und niemand saß lange auf dem Trockenen.

»Wild Turkey?«, fragte Channing.

Den hatten wir früher oft heimlich in der alten Scheune auf der Farm seiner Eltern getrunken.

Einer geht, danach fährst du nach Hause …

Ich nickte.

Er bestellte zwei Turkeys, gab mir einen und stieß mit seinem Glas gegen meines. »Cheers!«, prostete er mir zu.

»Cheers«, erwiderte ich leise und trank einen kleinen Schluck. Der Geschmack war himmlisch, sobald das leichte Brennen am Anfang nachließ. Karamell und Vanille. Es fehlte bloß noch der Geruch von Heu, und ich hätte mich fast wieder wie ein Teenager gefühlt. Unbefangen. Leicht. Frei. Voller romantischer Träume und großer Ziele.

Channing stellte sein Glas ab. Er lehnte sich an die Theke und musterte mich eingehend. »Du hast dich kaum verändert.«

»Soll das jetzt ein Kompliment sein?«

»Ja, eigentlich schon.« Er schmunzelte. »Und du kannst immer noch nicht besonders gut damit umgehen.«

Ich lächelte steif.

Channing lachte. »Mach dich mal locker. Wo ist nur deine Leichtigkeit geblieben?«

»Irgendwo zwischen Kühen, Pferden und einem schnarchenden Dauerverlobten mit Bierfahne.«

Mein Jugendfreund schaute mich überrascht an. »Kenne ich ihn?«

»Hm.«

»Wer ist es?«

»Darren.«

»Darren Quarterback Superstar? Mein Leben ist vorbei, weil er mir keine Beachtung schenkt? Der Darren?«

Wäre der Wild Turkey nicht so lecker gewesen, hätte ich den Drink liebend gerne langsam über seinen Kopf gekippt. Ganz langsam. Zum Genießen. »Ja«, brummte ich. »Man sollte eben vorsichtig mit seinen Wünschen sein. Sie könnten in Erfüllung gehen.«

Auf Channings Stirn bildeten sich drei kleine Falten. »Das klingt verbittert und passt überhaupt nicht zu dir.«

Ich war froh, dass die Musik in diesem Moment nicht leiser, sondern lauter wurde, denn sonst hätte es ein ziemlich peinlicher Moment werden können. »Du weißt gar nichts über mich!«, sagte ich erzürnt. »Auch wenn ich mich äußerlich vielleicht kaum verändert habe, gibt es die Emma von damals nicht mehr. Ich lebe seit Jahren mit einem Mann zusammen, der mich die meiste Zeit des Tages wie Luft behandelt, vierzehn Stunden am Tag auf den Feldern oder in den Ställen arbeitet und jeden verdammten Abend mit einer Dose Bier vor dem Fernseher einschläft, während ich zusätzlich zur Arbeit auf der Farm auch noch seine Haushälterin spiele.«

Channing blieb ganz ruhig, trank seinen Whiskey aus und bestellte gleich einen neuen. »Nimmst du auch noch einen?«, fragte er.

»Nein, ich muss ja irgendwie nach Hause kommen.«

Er leerte den zweiten Wild Turkey in einem Zug.

»Niemand zwingt dich, so zu leben«, erklärte er tonlos, stellte sein Glas zurück und legte den Arm um meine Schultern. Mit sanfter Gewalt schleifte er mich zwischen die tanzende Horde.

»Hast du mir überhaupt richtig zugehört?«, fragte ich überrumpelt und versuchte, mich aus seiner kumpelhaften Umarmung zu befreien.

»Ja, dein Leben ist beschissen«, sagte er trocken. »Aber nicht in dieser Nacht.« Channings Arm rutschte zwei Etagen tiefer zu meiner Taille. Auf der anderen Seite schoben sich seine Finger zwischen meine, bevor er mich an sich zog und im Country-Freestyle-Squaredance mit mir durch die Menge hopste. Dass ich mich dagegen sträubte, interessierte ihn nicht im Geringsten. Wie eine starre Puppe hielt er mich im Arm und zwang mir seine Bewegungen auf. Meine Gegenwehr kam erst zum Erliegen, als er den Zopf in meinem Nacken löste, mein langes, ohnehin schon störrisch gewelltes blondes Haar noch mehr verwuschelte und im Vorbeitanzen einen verstaubten Stetson von einem Haken nahm, den er mir auf den Kopf setzte.

Ich musste lachen. Gleichzeitig wollte ich ihn wegschubsen, weil ich mich so lebendig wie lange nicht mehr fühlte. Die alte Emma kroch aus den Untiefen ihres verbitterten Ichs hervor und knockte ihre frustrierte Version aus.

»Geht doch!«, stellte er vergnügt fest.

Alles Negative verflüchtigte sich. Die Tanzfläche gehörte mir, und mit jedem weiteren Drink, jeder Drehung, jedem Schwung, jedem Schritt kam ich mehr aus mir heraus und mischte mich schließlich sogar unter die Line Dance-Gruppe, die wir zuvor gecrasht hatten.

Channing war ab diesem Punkt raus. Sichtlich vergnügt lehnte er an der Theke und beobachtete mich von dort aus. Auch ich hatte die männliche Mutation des Jungen, mit dem ich aufgewachsen war, stets im Blick. Es fühlte sich seltsam an. In seinen himmelblauen Augen lag etwas Fremdes, dennoch verströmten sie diese verwirrend vertraute Wärme, die mich fast mein ganzes Leben lang begleitet hatte. Tief im Innern war Channing immer noch Channing. Und Emma immer noch Emma. Ich hatte es bloß vergessen.

***

Nachts um drei fuhr Channing mich mit meinem Wagen nach Hause. Die Füße auf dem Armaturenbrett überkreuzt, saß ich singend und kichernd neben ihm auf dem Beifahrersitz. Im Gegensatz zu mir hatte er nur zwei Wild Turkeys im Blut, von denen, so viele Stunden später, fast nichts mehr übrig sein konnte. Nach meinem sechsten Glas hatte ich aufgehört zu zählen und jeglichen Ballast im Snow Creek Saloon zurückgelassen. Schweben war kein Ausdruck für meinen körperlichen Zustand, und mein Verstand irrte sowieso in fremden Sphären umher.

Als wir uns nach einer Weile Darrens Ranch näherten, verflüchtigte sich meine Euphorie. Die Vorstellung, beim Betreten des Hauses lautes Schnarchen zu vernehmen und einen ungewaschenen Mann mit Bierfahne und Arbeitsklamotten auf der Couch vorzufinden, schnürte mir die Kehle zu.

»Ich will noch nicht nach Hause«, murmelte ich betreten.

»Sicher?«, hakte Channing nach.

»Ganz sicher …«

Abrupt bremste er ab. In drei schnellen Zügen wendete er den Range Rover und fuhr in die entgegengesetzte Richtung.

»Wo willst du hin?«, fragte ich überrascht.

»Wohin wohl?« Er lächelte.

»Zur alten Scheune?«

Channing nickte und bog an der nächsten Kreuzung rechts ab.

Die Farm seiner Familie lag in vollkommener Dunkelheit. Auch im Inneren des Wohnhauses brannte nicht das kleinste Lämpchen. Um niemanden zu wecken, schaltete er den Motor vorzeitig aus und ließ den Wagen in der langen Auffahrt ausrollen, bis er zum Stehen kam.

»Eine verbotene Nacht im Heuhaufen.« Er zwinkerte mir verschwörerisch zu. »Wie in alten Zeiten.«

»Das wird meinen guten Ruf ruinieren«, wandte ich ein.

»Und endlich wieder Abwechslung in dein Leben bringen«, ergänzte er.

Wenn du jetzt mit ihm gehst und von irgendjemandem gesehen wirst, bist du ab morgen das Klatschthema Nummer eins …

»Wir schlafen aber nicht nebeneinander.«

»Natürlich nicht«, schmunzelte er. »Wobei es nicht das erste Mal wäre.«

Damit brachte er mich in Verlegenheit. Es war eine Sache, neben einem Jungen im Schober auf piksendem Stroh zu übernachten, eine ganz andere jedoch, sich mit dessen männlichem Upgrade ein kuscheliges Heubett zu teilen. Da konnte man nur auf unkeusche Gedanken kommen. »Wir waren noch halbe Kinder, als …«

»Keine Panik«, unterbrach er mich, »es besteht nicht das geringste körperliche Interesse.«

Seine Aussage war eindeutig, was mich eigentlich hätte beruhigen sollen, doch da war noch etwas anderes, das mich mehr wurmte als erleichterte. »Du findest mich also unattraktiv.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

Mit gemischten Gefühlen kletterte ich vom Beifahrersitz und folgte ihm die hügelige Wiese hinab zum Schuppen, in dem wir fast die Hälfte unserer Kindheit und Jugend verbracht hatten.

Channing schob den Riegel des großen Scheunentors beiseite. Es knarzte so laut, dass wir uns leise kichernd mit eingezogenen Köpfen nach allen Seiten umsahen, als würden wir etwas Verbotenes tun.

»Niemand da, die Luft ist rein«, flüsterte er mir verschwörerisch zu.

»Wie sollte denn auch jemand da sein?«, gluckste ich. »Das Tor war von außen verriegelt.«

»Genau deswegen. Es hätte ja sein können, dass sich in der Scheune ein grausames Familiengeheimnis verbirgt.«

Ich musste lachen. »Du bist blöd.«

»Ich dachte schon, du hättest es vergessen.«

»Was?«

»Dass ich blöd bin.«

Neuerliches Kichern.

Die alte Scheune nach so langer Zeit wieder zu betreten, fühlte sich seltsam aufregend an. Im Inneren war es stockdunkel und roch nach längst vergangenen Zeiten.

Ich nahm einen tiefen Atemzug, und ein prickelndes Glücksgefühl durchströmte mich. Bis ich über eine Unebenheit stolperte und ins Straucheln geriet. Ich taumelte zurück und versuchte, irgendetwas zu erwischen, woran ich mich festhalten konnte. Doch mein Griff ging ins Leere. Rücklings fiel ich zu Boden und spürte einen stechenden Schmerz an der rechten Pobacke. Es schepperte gewaltig und viel zu laut für die nächtliche Stille um uns herum. Dann setzte der Dominoeffekt in Form von noch lauterem metallischem Scheppern ein.

O nein …

Ein schallendes Lachen hallte durch den uralten Holzbau und überlagerte den ohrenbetäubenden Klang der umfallenden Gerätschaften. Mir war zwar nicht nach Lachen zumute, weil es sich anfühlte, als würden sämtliche Kleinwerkzeuge in meinem Hintern feststecken, aber es ließ sich nicht verhindern. Gleichzeitig bemühte ich mich, aufzustehen und mit idiotischen »Schschs« zu retten, was nicht mehr zu retten war. Prompt fing der farmeigene Hund an zu bellen und übertönte ein unangenehmes Reißen. Kaltes Metall schabte brennend an meiner nackten Haut entlang.

Autsch!

Mein ehemals bester Freund erlitt einen heftigen Lachanfall, während ich an seinem Körper hochkrabbelte und das Bellen immer näher kam.

»Das ist … nicht lustig«, keuchte ich angestrengt in Höhe von Channings Bauchnabel. »Da steckt was in meinem Hintern.«

Als ich endlich wieder auf den Beinen stand, schlang ich Halt suchend meine Arme um seinen Hals und klammerte mich an ihn.

»Wo?«, fragte er besorgt. Das Vibrieren seines Brustkorbs verriet allerdings, dass er immer noch mit den Nachwehen der Situationskomik zu kämpfen hatte. »Hier?«

Ich spürte seinen kräftigen Griff an meiner linken Pobacke.

»Falsche Seite.«

Channings Hand wanderte nach rechts. Ich konnte kaum noch atmen, so eng presste er mich an sich. Seine Finger verschwanden in einem Riss, der vor dem Sturz noch nicht da gewesen war, und ich fühlte, wie er behutsam über einen höllisch schmerzenden Striemen strich.

»Scheint alles okay zu sein«, sagte er leise, »fühlt sich gut an. Da steckt nichts fest. Ist nur ein Kratzer.«

Das Scheunentor öffnete sich, und wir standen im gleißenden Lichtkegel einer taghellen Taschenlampe. Ich senkte den Kopf und die Augenlider, um nicht noch mehr geblendet zu werden. Das knurrende Bellen des hellen Labradors verstummte und wurde zu einem freudigen Fiepen, während er schwanzwedelnd an uns hochsprang.

»Hey, Ben.« Channing ließ mich los. Er tätschelte den Kopf des Rüden, bevor er sich den beiden Männern zuwandte, die uns mit Licht und Schrotflinte im Visier hatten. »Grandpa. Dad. Alles gut. Tut mir leid, wir wollten euch nicht wecken.«

»Hat super funktioniert«, stellte Channings Vater tonlos fest.

»Treibt es nicht zu wild und lasst die Scheune stehen«, brummte Old Morgan. Er pfiff den Hund zurück und senkte die Schrotflinte.

Ehe wir in irgendeiner Form angemessen auf die beiden Farmer reagieren konnten, standen wir wieder allein im Dunkeln.

»Gott, war das peinlich«, murmelte ich zerknirscht.

»Mir nicht.«

»Du bist ja auch morgen wieder weg.«

Channing erwiderte nichts darauf, stattdessen entfernte er sich von mir. Aus Angst, einen weiteren Freiflug in der Dunkelheit hinzulegen, blieb ich wie angewurzelt stehen.

Den Geräuschen nach zu urteilen, schien er irgendetwas zu suchen.

»Wohin gehst du?«, flüsterte ich panisch. »Lass mich ja nicht allein hier drin, das verringert nämlich meine Chancen, lebend aus dieser Scheune rauszukommen, enorm.«

»Vertrau mir einfach«, rief er halblaut aus der Ecke, die ich zuvor verwüstet hatte.

Es zippte. Die kleine Flamme eines Feuerzeugs zeigte sich im Dunkeln, leckte am Docht einer Öllampe und entzündete sie. Angenehm warmes Licht breitete sich um Channing herum aus, und ich konnte erkennen, dass sich der von mir befürchtete Totalschaden in Grenzen hielt. Mit wenigen Handgriffen hob Channing die umgekippten Werkzeuge vom Boden auf. Unterdessen verrenkte ich mich, so gut es ging, um meine Kehrseite genauer unter die Lupe zu nehmen.

Oh …

Mein halber Po lächelte mir mit blutroter Schramme frech aus der komplett abgerissenen Gesäßtasche entgegen.

Großartig! Läuft bei dir, Emma …

»Reitest du noch jeden Tag?«, fragte Channing mit einem interessierten Blick auf meinen Hintern.

»Ja?«

»Sieht man.«

»War das jetzt nett gemeint?«

»Such dir was aus«, schmunzelte er. »Schaffst du es ohne Schädel-Hirn-Trauma auf den Dachboden rauf?«, fragte er als Nächstes.

»Da bin ich mir heute nicht so sicher.«

Mit einem beherzten Aufseufzen ging ich auf die vertraute Holzleiter zu. Früher war es mir mit Leichtigkeit gelungen, das alte Ding hinaufzuklettern. In letzter Zeit lief jedoch alles schief. Was ich auch anpackte, es endete entweder schmerzhaft, extrem dreckig oder in einer unübersehbaren Spur der Verwüstung.

Ich umklammerte das knarzende Holz und kletterte vorsichtig eine Stufe nach der anderen hoch. Der Duft von frischem Heu nahm zu.

»Nette Aussicht«, ertönte es hinter mir, ehe ich eine warme Hand auf meiner nackten Haut spürte. Die kaputte Jeans hatte ich völlig vergessen.

»Was machst du da?«

»Ich stütze dich.«

Ach? Wirklich?

»Und das geht nur auf der Seite, wo mein halber Po raushängt?«

»Nein, aber wer weiß, wann sich jemals wieder eine solche Gelegenheit bietet?!«

What?

»Trägst du keinen Slip?«

Wenn ich oben bin, bring ich dich um, Channing Morgan!

»Doch?«

»Muss aber ein verdammt winziger sein.«

»Macht es dir eigentlich Spaß, mich in Verlegenheit zu bringen?«, fragte ich gereizt.

»Ja.«

Auf allen vieren krabbelte ich kopfschüttelnd über die Kante des Heubodens – wohl wissend, dass sich mein Po in voller Größe vor dem Gesicht meines ehemals besten Freundes offenbarte, was absolut kein schönes Gefühl war – und machte es mir in einem bauschigen Heuhaufen bequem.

Channing erklomm deutlich geschmeidiger, mit dem Hauch eines dreckigen Grinsens im Gesicht, die letzte Hürde und stellte die von Flugrost überzogene Laterne auf ein paar alten Holzkisten ab. Konzentriert wühlte er sich durch den Heuberg daneben und legte eine Truhe frei, die alte Erinnerungen weckte. Er öffnete sie und warf mir eine derart eingestaubte Decke zu, dass sich meine Lunge mit einem heftigen Hustenanfall lautstark gegen die Schmutzpartikel zur Wehr setzte.

»Acha … acha …«

»Von wegen, das Landleben härtet ab.« Channing lachte.

»Wir sind … acha … im Gegensatz zu euch Stadtmenschen … acha … acha … einfach saubere Luft gewöhnt.«

»Höre ich da unterschwellig ein wenig Feindseligkeit heraus, Emma Adeline Rose?«

Ja, im Moment hege ich sogar den unterschwelligen Wunsch, dich zu erwürgen …

Mit meinen Blicken durchlöcherte ich seinen Rücken, wurde jedoch von seinem durchtrainierten Jeanshintern dermaßen abgelenkt, dass ich darüber vergaß, ihn weiter blöd zu finden. Interessiert neigte ich den Kopf zur Seite und verinnerlichte genüsslich das Muskelspiel.

Im selben Moment drehte Channing sich um, und ich zuckte ertappt zusammen.

»Alles gut?«

»Hmmm …«

»Checkst du mich gerade ab?«

»Nein?«

Er beäugte mich skeptisch, seine Stirn legte sich in Falten, und seine rechte Braue schob sich minimal nach oben.

»Sah aber so aus.«

»Pfff … das wünschst du dir.«

Ein heiseres Lachen hallte durch die Scheune.

Ich tat beschäftigt und breitete die staubige Decke auf dem Heuhügel hinter mir aus. Innerlich musste ich kichern – was für eine bescheuerte Situation –, aber sein Jeanshintern war den peinlichen Moment wert gewesen. Wenn Darren sich bückte, quoll weißes Fleisch mit einer haarigen Ritze aus einer verdreckten Arbeitshose hervor – absolut kein Vergleich zu dem Bostoner Arsch, den ich gerade fast uneingeschränkt hatte bewundern dürfen.

Channing plumpste auf die Decke, ehe ich sie vollkommen ausgebreitet hatte.

»Weckt das noch mehr alte Erinnerungen?«, fragte er mit wippenden Augenbrauen und einem schelmischen Blick auf eine verstaubte Flasche Wild Turkey, eine seit mindestens vier Jahren abgelaufene Kekspackung und meinen verschollenen MP3-Player, den ich eine gefühlte Ewigkeit vergeblich gesucht hatte.

»Da steckt das Ding!«

»Wusstest du das nicht mehr?«

»Nein. Wann waren wir überhaupt das letzte Mal hier oben?«

»Vor ziemlich genau fünf Jahren.«

»Stimmt, jetzt, wo du es sagst. Vorglühen für die Abschlussfeier.«

Channing nickte.

»Meinst du, den kann man noch trinken?«, fragte ich kritisch, während er die Flasche aufdrehte.

»Viel interessanter ist eigentlich die Frage, ob man die Kekse noch essen kann«, schmunzelte er, ehe er den Wild Turkey an den Mund setzte.

Während er todesmutig den Bourbon testete, versuchte ich unter größter Anstrengung, von einem der Cookies abzubeißen. Vergeblich. »Keine Chance«, stöhnte ich kichernd.

»Dafür ist der Whiskey aber noch ganz gut.«

»Immerhin.«

»Willst du auch?«

Er streckte mir die Flasche entgegen. Ich nahm sie, trank einen Schluck und spuckte das Zeug im hohen Bogen wieder aus.

»Gott, ist das eklig!«

»Da sagst du was.« Er grinste.

»Und dann lässt du mich das trinken?«

»Hätte ja sein können, dass er dir schmeckt.«

Ich schubste ihn. Amüsiert fiel er auf die Decke.

Ganz selbstverständlich breitete Channing den Arm aus, bevor er mir mit einem eindeutigen Seitenblick zu verstehen gab, mich zu ihm zu legen. »Komm schon, Em, ich habe früher nicht gebissen und werde es auch jetzt nicht tun.«

Eigentlich wollte ich nicht, aber uneigentlich irgendwie schon. Es war verwirrend, dass wir nach all den Jahren immer noch wie ein altes, eingespieltes Ehepaar agierten. Auch daran hatte Boston nichts verändert.

Theatralisch seufzend legte ich mich neben ihn und kuschelte mich in seinen Arm, der bei Weitem nicht mehr so weich wie vor fünf Jahren war. Es brauchte eine Weile, bis es richtig bequem wurde, wobei ich jede noch so winzige Regung von ihm deutlich spüren konnte.

»Ob die Musik wenigstens noch nach unserem Geschmack ist?«

Channing hielt mir einen der beiden In-Ears hin, den anderen steckte er sich selbst ins Ohr, dann drückte er auf Play. Die letzten Töne von Chasing Cars …

»Was, denkst du, kommt danach?«

Er lachte.

»Das ist leicht: Bleeding Love,Apologize, Perfect und dann wieder Chasing Cars.«

»Wie? Mehr nicht?«

»Leider nein. Ich habe mir monatelang gewünscht, es käme mal was Neues dazu oder das Ding würde kaputtgehen.«

Wir kicherten zeitgleich los.

»Du hast es manchmal ganz schön schwer mit mir gehabt.«

»Manchmal?«

Ich knuffte ihn in die Seite. »War es so schlimm für dich?«

»Nein.« Er drückte mir einen dicken Kuss auf den Kopf. »Ich will nicht einen Tag davon missen.«

»Dann ist ja gut. Ich nämlich auch nicht«, gab ich leise zu, verschwieg aber, wie sehr er mir wirklich in all den Jahren gefehlt hatte. Für den Augenblick reichte es mir, neben Channing zu liegen. Dass er in ein paar Stunden schon wieder weg sein würde, daran wollte ich nicht denken. Noch nicht. Und vor allem nicht jetzt.

»Eigentlich müsstest du doch glücklich sein, Em. Es ist alles so gekommen, wie du es dir gewünscht hast. Du bist mit Darren zusammen, lebst auf einer Farm, umgeben von Tieren, und den Traum vom eigenen Rosenladen hast du dir bestimmt auch erfüllt.«

Ich schluckte. Er hatte ja keine Ahnung. Meine rosaroten Zukunftspläne waren jeden Tag ein bisschen mehr zum Albtraum geworden. »Vermutlich war ich eher in den umjubelten Quarterback als in Darren selbst verliebt, und … seit er nicht mehr spielt, hat er sich verändert. Er arbeitet, isst, trinkt Bier und schläft vor dem Fernseher ein. 365 Tage im Jahr.« Die aufkommende Frustration ließ mich einen Moment lang verstummen. Jetzt, nachdem ich es ausgesprochen hatte, wurde mir mein trostloses Leben noch bewusster. »Vor drei Jahren hat er mich gefragt, ob ich ihn heirate, und dabei ist es geblieben. Seitdem sind wir irgendwie verlobt. Es gab weder einen Kniefall noch einen Ring oder sonst was. Ich weiß nur, dass er es damals wollte. Wie es jetzt aussieht, kann ich dir nicht sagen. Die Macht der Gewohnheit hält uns wohl zusammen. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir einander nicht mehr guttun, uns gegenseitig blockieren, auch wenn wir nach außen hin wahrscheinlich für alle anderen funktionieren.«

Ich rückte ein wenig näher an ihn und spielte mit dem Ärmel seines Shirts.

»Das tut mir leid für dich«, sagte Channing leise. »Was ist mit dem Rosenladen?«

Ungewollt stahl sich ein tiefer Seufzer aus meinem Mund. »In meiner Fantasie existiert er …«

»Und in der Wirklichkeit?«

»Habe ich einen kleinen Rosengarten mit einer Bank, auf der ich manchmal sitze und lese.«

»Immerhin.«

Channing zwirbelte eine meiner langen Haarsträhnen zwischen den Fingern, so, wie er es früher immer getan hatte.

Auch daran hatte Boston nichts verändert.

»Ja«, hauchte ich mit schwacher Stimme. »Besser als gar nichts …« Einige Tränen schlichen sich aus meinen Augen. Ich wischte sie mit dem Handrücken weg und zwang dezent räuspernd den dicken Kloß in meinem Hals herunter. »Genug von mir. Was ist mit dir? Lass mich raten. Du bist ein gefeierter Architekt, der sich vor Angeboten kaum retten kann, permanent von schönen Frauen umgeben ist und ein atemberaubendes Loft mitten im Herzen von Boston besitzt.«

»Knapp daneben.« Er lachte, sein Brustkorb vibrierte. »Trotz meines abgeschlossenen Studiums arbeite ich nicht als Architekt.«

»Nicht?«

»Nein.« Er schmunzelte. »Ich bin Firefighter, habe Schichtdienst und werde relativ schlecht bezahlt. Das atemberaubende Loft würde mir zwar gefallen, aber ich wohne in einem bescheidenen Apartment gegenüber vom Public Garden.«

»Oh …« Das überraschte mich. »Wie ist es denn dazu gekommen?«

»Während des Studiums habe ich mir die Architektur einiger Fire Departments angesehen, Gespräche mit Feuerwehrmännern geführt, und … dann kam eins zum andern.«

»Bist … du denn trotzdem glücklich?«

»Ja, absolut. Ich liebe mein Leben.«

»Und?«, druckste ich umständlich herum, »gibt es so was wie … eine … Mrs. Morgan?«

»Nein, nur lockere Geschichten. Der zukünftigen Mrs. Morgan bin ich bisher noch nicht begegnet.«

»Gut! Ähm … nein eigentlich nicht. A…also irgendwie doch ziemlich gut, weil du nichts überstürzt und dir Zeit lässt.«

Channing lachte abermals. »Schon klar, Emma.«