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Ein Herz, das gebrochen wird, verheilt nie ohne Narben. Doch was wäre das Leben ohne diesen Schmerz? Sinann MacAlister und ihre drei nervigen Brüder sind arrogant, starrsinnig und stur. Ihre dominanten Charaktereigenschaften jagen jeden in die Flucht. Viele glauben, sie seien verflucht, unfähig etwas anderes als Jähzorn zu empfinden ... doch die Menschen sehen nur das, was sie sehen wollen. Das Geheimnis liegt in ihren Herzen. In dem geschwisterlichen Band, das sie teilen. Niemand wird je verstehen können, welche Opfer gebracht werden und was es wahrhaftig heißt, ein MacAlister zu sein. Eine toxische Highland Story über eine Familie, die nicht nur die besten Kilts schneidert, sondern auch jedem Rache schwört, der es wagen sollten, einem von ihnen weh zu tun.
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Weil man diesen ganz besonderen Menschen nicht immer sofort spürt, sondern erst dann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Und dann vibed es...und es vibed richtig.
Für Hardy, weil DU etwas Wundervolles bist.
1. MacAlister
2. Dämonen der Vergangenheit
3. Zeitschleife
4. Drohungen
5. Arschloch
6. Erinnerungen
7. Gewissensbisse
8. Enthüllungen
9. Geteilter Schmerz
10. Familienbande
11. Befreiung
12. Toxisch
13. Seuchenlager
14. Fehler
15. Ein letztes Mal
16. Der Brief
17. Morgendliche Grausamkeit
18. Vergelung
19. Verdient
20. Wahrheit
Sechs Monate später
21. Inverness
22. Iain
23. Geheimes Verlangen
24. Wünsche und Monster
25. Der Zauber eines Augenblicks
26. Ein Penny für deine Gedanken
27. Tod
28. Besserwisserisches Arschloch
29. Zu spät
30. Viele Arschlöcher und ein Todesfall
31. Nachdenklichkeit
32. Einsam und doch nicht allein
33. Kostbare Zeitverschwendung
34. Unvorhersehbare Begegnung
35. Unvorhersehbare Begegnung 2.0
36. Scheißegal
37. Typisch untypisch
38. Ein albernes Spiel
39. Ablenkung vor dem Unausweichlichen
40. Keine Bitte
41. Er
42. Sie
43. Das Ende oder der Anfang
Tide Lines – Rivers In The Light
Calum MacFhail – Lost
Feat and Diesel – Loch Maree Islands
Dean Lewis – How do I Say Goodbye
Nathan Evans – Auld Lang Syne
The Lumineers – Scotland
Calum MacPhail – Oh My Darlin
Nathan Evans – Driving To Nowhere
Amy MacDonald – Caledonia
Nathan Evans – Wild Mountain Thyme
Michael Schulte – Falling Apart
Benson Boone – To Love Someone
Julia Michaels – Heaven
Shawn Mendes – It'll Be Okay
Kodaline – Brother
Coldplay – Yellow
Tom Odell – Another Love
Morgan Harper Jones – I Wanna Dance With Somebody
James Bay – Us
Sia – Eye Of The Needle
Gayle–ABCDEFU
The Kid Laroi, Maschine Gun Kelly – Fuck You, Goodbye
Nation Haven – Bad Things
Beflissen steckte Sinann die letzte Nadel in den Rocksaum und begutachtete ihre Arbeit. Die Brille rückte sie auf ihrer mit Sommersprossen durchzogenen Nase zurecht. Eine einzelne Strähne des lockigen braunrötlichen Haares, das alle in ihrer Familie besaßen, fiel ihr ins Gesicht und sie pustete es mit einem Atemzug weg.
»Komm in einer Stunde wieder und bring Geld mit. Deine letzte Rechnung ist noch offen«, sagte sie zu ihrer Nachbarin Roya, die sich aus dem mit Nadeln bespickten Kilted Skirt schälte.
Sinann nahm den Rock in den Clan Farben der Camerons entgegen, stand vom über 300 Jahre alten Holzboden auf und machte sich nicht mal die Mühe, die Stofffäden von ihrer Hose abzuklopfen. Sie drehte sich um und ging hinter den Tresen und merkte erst, dass Roya vor ihr stand, als sich ihr Schatten über ihre bereits nähenden Hände legte.
»Mein Vater sagte, er hätte das mit Culum bereits geregelt.«
»Zwei Hühner als Bezahlung?«, antwortete Sinann schnippisch, ohne aufzublicken.
»Zwei Hühner, die jeden Tag Eier legen«, versuchte Roya ihre Empörung Ausdruck zu verleihen, was ihr nicht gelang. Sinann bezweifelte, dass es jemanden überhaupt je gelingen würde, ihr und ihren Brüdern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn es um ihre Arbeit ging, geschweige denn in irgendeiner Weise von etwas umzustimmen, das sie sich in den Kopf gesetzt hatten.
»Zwei Hühner sind keine 300 Pfund, die diese Arbeit eigentlich wert ist! Verzeihung ... ich meinte natürlich 600, da du den letzten Rock mit zwei Hühnern bezahlt hast. Warum denken alle wir brauchen Hühner? Haben wir nicht schon genug Haustiere?« Sinann schüttelte den Kopf und schnaubte.
Royas Wangen färbten sich feuerrot und in einem anderen Leben hätte Sinann vielleicht ein Samenkorn mehr Mitleid mir ihrer Nachbarin gehabt. Doch sie war eine MacAlister. Mitleid war etwas, das nur innerhalb der Familie ein Thema war, und Roya Cameron gehörte ganz sicher nicht zu ihrer Familie.
»Unmenschlich!«, nuschelte Roya.
Sinann blickte von ihrer Arbeit auf, direkt in die braunen vor Schreck geweiteten Augen ihrer Nachbarin, die allem Anschein nach selbst nicht glauben konnte, was sie da gerade gesagt hatte. Schnell hielt Roya sich den Mund zu und stammelte eine Entschuldigung.
Sinann wollte ihr den Kilted Skirt ins Gesicht schlagen und sie zu den Feen in den Wald jagen. Es gab vieles, das die MacAlisters waren, arrogant, eigen, jähzornig, aber unmenschlich waren sie nicht und das wusste Roya nur allzu gut. Nicht viele würden es überhaupt in Betracht ziehen, eine 300 Pfund teure einzigartige Handarbeit mit zwei verdammten Hühner als Bezahlung zu akzeptieren. Schließlich waren 300 schottische Pfund 300 schottische Pfund und zwei Hühner nur zwei Hühner. Eier hin oder her. Das konnte man in keiner Weise vergleichen.
»Ich ...«, stotterte Roya und schloss dann den Mund, als Sinann genervt schnaubte und sich wieder auf die Arbeit konzentrierte. »Geht es hier immer noch um Sam? Sinann, das ist fast acht Jahre her! Wir waren noch Kinder!«
»Eine Stunde, Roya. Dann bin ich fertig. Jetzt geh!«
Roya atmete hörbar aus.
»Entschuldige bitte, dass ich mit 13 noch nicht wusste, dass ich auf Frauen stehe. Was ich eigentlich sagen will, lass dir Zeit mit dem Rock. Ich kann auch morgen vorbeikommen. Beltane ist ja auch erst nächste Woche. Ich will euch nicht noch mehr Umstände machen.«
»Roya!« Sinann legte ihre Arbeit ab, nahm die Brille von der Nase, legte sie auf den Tresen und rieb sich über den Nasenrücken, dann zupfte sie eine weitere Nadel aus dem Stoff und blickte mit einem genervten Augenaufschlag auf. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn sie könnte, würde sie jetzt eine Augenbraue hochziehen, doch leider ging dieses Talent nicht an sie über. »Wenn ich sage in einer Stunde, dann mein ich eine Stunde. Wenn du kein Geld hast, schick ich dir eine Rechnung. Ich weiß schließlich, wo du wohnst und diesmal keine Hühner. Egal, was Culum sagt. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit etwas Fleischlosem. Kohlköpfe. Bring mir Kohlköpfe oder ein Schafsfell, davon haben wir nur drei. Jetzt geh! Sonst ist die Stunde rum und ich hab noch nicht mal angefangen, deinen Rock fertig zu machen.« Sie wusste, dass ihre Stimme entnervt klang. Wusste, dass sie mit ihrer Ausdrucksweise schon viele verschreckt und sogar gekränkt hatte, doch gehörte ihre forsche Art zu ihr und ihrer Familie, wie das Einhorn auf dem Nationalwappen Schottlands.
Roya seufzte auf. Sie schaute Sinann mit diesem Blick an, den alle ihr und ihren Brüdern zuwarfen. Es machte keinen Sinn, sich mit der Familie MacAlister anzulegen, geschweige denn mit ihnen zu streiten. Sie waren allesamt starrsinnig und stur, hatten ein hitziges Gemüt und ein unbeschreiblich launisches Temperament. Sie waren sehr beflissen in ihrer Arbeit, gehörten zu den Besten in ihrem Handwerk, aber sie waren eigen. Nicht viele kamen mit ihnen aus. Es war nicht so, dass die Menschen sie mieden, das taten sie nicht, doch war es wahrhaftig nicht leicht, mit ihnen und ihren dominanten Charaktereigenschaften auszukommen.
»Schon gut.« Roya zuckte die Schultern. »In einer Stunde also.« Sie verließ den Laden und Sinann blickte nicht einmal mehr von ihrer Arbeit auf.
Gedankenverloren summte sie eine schottische Melodie eines alten gälischen Liedes, welches ihre Mutter ihnen immer vorsang, obwohl sie und ihr Zwillingsbruder Sam noch sehr klein gewesen waren, gerade mal vier Jahre als ihre Mutter nach schwerer Erkrankung starb, war dieses Lied allgegenwärtig. Auch ihre zwei Jahre älteren Brüder Culum und Caiden, die auch Zwillinge waren (Die Familie MacAlister hatte ein unwahrscheinlich großes Zwillingsaufkommen in ihrem Stammbaum. Manche behaupteten, einer ihrer Vorfahren war einst von einer Fee verflucht worden, als er ihr in einem Schwung geistiger Umnachtung nicht die Ehre zuteilwerden ließ, die die stolzen Feen, von den Sterblichen erwarteten.), summten ständig dieses eine besondere Lied. Es war eine Melodie aus der Vergangenheit. Als ob ihre Mutter jetzt, 17 Jahre später, immer noch über sie wachte. Und als ihr Vater vor zwei Jahren ihrer Mutter in den Himmel folgte, war diese Melodie aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Sie diente als Ablenkung, als Knotenpunkt ihrer Entspannung und als Erinnerung an ihr Erbe. Denn Sinann und ihre drei Brüder waren MacAlisters. Sie gehörten einem sehr kleinen schottischen Clan an. Er hatte in der schottischen Clangeschichte nicht wirklich eine große Bedeutung. Sie hatten nicht mal in der Schlacht von Culloden gekämpft, was allein schon eine Beleidigung Schottlands war, und doch waren sie ein Teil der Geschichte ihres so sehr geliebten Landes. Denn die Geschichte der MacAlisters ließ sich auf mehrere Generationen zurückführen. Sie waren Schneider, sogenannte Kiltmaker, und das allesamt, seit vielen Generationen. Ihre Geschichte fing da an, als die Clangeschichte ihren Tiefpunkt hatte – im Jahr 1746. Die Jakobiten waren mit ihrem Aufstand, das Land Schottland von England zu befreien, gescheitert und Schottland hatte den Krieg mit England verloren. Die schottische Sprache Gälisch, die in ihrer Familie als Muttersprache gilt, und auch Kilts, Tartans und alles, was die Schotten an ihrer Tradition so sehr schätzten und liebten, einschließlich die für Sinann verhasste Dudelsackmusik, wurden verboten. Ihr UrUrUrGroßvater oder so ähnlich, Sean Culum MacAlister, hatte im Untergrund heimlich für die Schotten genäht. Über die Jahre hinweg wurde diese Berufung beibehalten und die Schneiderei, die direkt an ihr Anwesen grenzte, irgendwo im Nirgendwo der Isle of Skye wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Für Sinann und ihre unglaublich nervigen Brüder war schon früh klar gewesen, dass sie dieser Traditionen nicht entrinnen konnten. Es war ihr Leben. Sie waren damit aufgewachsen, eines schönen Tages dieses Erbe anzutreten. So wie es ihr Vater und sein Vater und dessen Vater all die vielen Jahre seit dem Jakobitenaufstand getan hatten.
Es war nicht immer ein Segen, in dieser Familie hineingeboren worden zu sein, das war es wahrhaftig nicht. Sinann konnte gar nicht zählen wie viele Streitereien sie und ihre Brüder schon mit ihrem Vater und auch als Geschwister untereinander deswegen hatten. Es war schwer, dieses Leben zu bestreiten. Freundschaften und Beziehungen fanden jäh ihr Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatten, und doch waren die MacAlisters sich immer einig, die Familie und ihre Traditionen würden immer an erster Stelle stehen, was es umso schwerer machte, ein normales Leben zu führen.
Das Quietschen der Tür holte Sinann, die über ihrer Näharbeit brütete, zurück in die Realität und sie blickte zur Tür, bereit Roya eine spitzzüngige Bemerkung an den Kopf zu werfen, sie erneut in ihrer Arbeit gestört zu haben. Doch in einem Drang geistiger Umnachtung konnte sie sich gerade rechtzeitig hinter den Tresen werfen, als nicht Roya eintrat, die sie wieder mit Hühnern bezahlen wollte, sondern die alte Miss Fraser sich statt ihrer rücklings durch die Eingangstür schob und dabei ihren Regenschirm zusammen spannte.
»Damnadh!«, schimpfte Sinann leise auf Gälisch hinter der Theke. Den Kilted Skirt, an dem sie gerade für Roya gearbeitet hatte, lag verknotet auf ihrem Schoß und sie pikste sich an einer Nadel. Ein Blutstropfen quillte heraus und Sinann steckte den Finger in den Mund.
»Hallo?«, zirpte die genervte Stimme von Miss Fraser durch den Laden.
Sinann biss sich auf die Lippe und versuchte, durch den Vorhang, der die Schneiderei vom Arbeitsraum trennte, zu flüchten. Doch der alte Holzfußboden gab einen gequälten Laut von sich und Sinann verfluchte in Gedanken dieses alte Haus.
»Warum ist nie jemand hier, wenn ich komme? Man würde doch denken, bei vier hier wohnenden erwachsenen Menschen wäre zumindest einer im Stande, eine Stammkundin persönlich zu begrüßen«, beklagte sich die alte Schachtel lautstark.
Sinann sollte es mittlerweile gewohnt sein, dass Miss Fraser unangekündigt in ihrer Schneiderei aufkreuzte und sich beklagte, doch jedes Mal aufs Neue überkam sie der Drang, die alte Schachtel mit ihrer Handtasche zu erwürgen.
Sie konnte sich sie bildhaft vorstellen. Wie sie mit hochgesteckten Haaren, die Hände in die Hüften gestemmt und die Lippen zu einem Schnabel verzogen mit dem linken Fuß scharrte und darauf wartete bedient zu werden, als hätten die MacAlisters nur auf sie gewartet, als hätten sie keine anderen Arbeiten zu erledigen. Als wäre Miss Fraser die einzige Kundin, für die sie schottische Trachten nähten.
Zwar war sie ein wöchentlicher Gast in ihrer Schneiderei und auch eine treue Kunden, denn seit Generationen ließ die Familie Fraser ihre Kilts nur bei ihnen schneidern, aber die alte Miss Fraser war eine gefühlt hundertjährige alte Schachtel, die ständig etwas zu nörgeln hatte. Ob es das schottische Wetter war, das sie seit gefühlten einhundert Jahren kannte, da sie in diesem verdammten Dorf geboren wurde, die Blumenkübel auf der Treppe vor der Schneiderei, die ihrer Meinung nach zu wild wuchsen und die in die Hände eines erfahrenen Gärtners gehörten, der zufällig ihr Schwager oder so war, oder die unmöglichen Manieren der MacAlisters an sich, die ihrer Ansicht nach der einzige Grund waren, warum die Geschwister noch nicht unter der Haube waren, was völlig absurd war. Schließlich waren sie und ihr Bruder Sam erst 21 und Culum und Caiden 23. Sie lebten im 21. Jahrhundert und nicht mehr im Mittelalter. Geschweige denn, dass niemand freiwillig in ihre Familie einheiraten würde, der noch völlig bei Trost war. Blut war dicker als Wasser und das hatten schon viele am eigenen Leib spüren müssen. Sie konnten nicht ändern, was oder wer sie waren.
Die MacAlisters waren vielleicht nicht für Freundschaft und langanhaltende Beziehungen gemacht, aber sie hatten sich und auch wenn sie sich ständig in den Haaren lagen, sich ständig nervten und anschrieen. Sie waren eine Familie und nichts in der Welt konnte sie dazu bewegen, das aufzugeben. Es gab keinen Platz für andere. Es gab nur sie. Man könnte es als einen Familienfluch bezeichnen, doch für Sinann war es das nicht. Ein Leben ohne ihre nervigen Brüder kam für sie nicht in Frage und sie wusste, dass es für ihre Brüder genauso war. So traurig es auch für andere klingen mag.
Natürlich hatte Miss Fraser, die gerade laut schnaubte und ihren Unmut über die Unhöflichkeit ihrer Familie herzog, auch an ihrer Familienbande etwas auszusetzen. Doch Sinann glaubte, dass sie insgemein einfach eifersüchtig auf das Band war, das sie und ihre Brüder teilten. Denn nicht umsonst hatten sich ihre eigenen Kinder zeitnah in alle Welt verstreut und kamen nur ein- bis zweimal im Jahr vorbei, um sie zu besuchen.
Dies hinderte die alte Schachtel natürlich nicht daran eine ihrer fürchterlichen Enkeltöchter, die das Pech hatte ihre Großmutter besuchen zu müssen, mit einem ihrer Brüder verkuppeln zu wollen, hauptsächlich mit ihrem Zweitältesten Bruder Caiden. Auch wenn Miss Fraser ständig über ihre Familie schimpfte, war sie, wenn Caiden in der Nähe war, ein Lämmchen. Es war verrückt, wie ihre Stimmung umschlug, wenn Caiden dazu verdonnert worden war, ihr die Aufwartung zu machen – was, wenn es nach Sinann ging, viel zu selten der Fall war. Sie war vernarrt in ihn, obwohl er der Schlimmste von ihnen allen war. Er war an Sturheit zwar kaum von ihnen allen zu übertreffen, doch die Charakterzüge, die sich die Geschwister allesamt teilten, waren bei Caiden noch etwas ausgeprägter. Und doch, aller Vernunft zum Trotz, wollte Miss Fraser ihn ständig mit einer ihrer fürchterlichen Verwandten verkuppeln. Obwohl Sinann sich nicht mal sicher war, ob Miss Fraser Caiden nicht vielleicht doch mit seinem Zwilling Culum verwechselte.
Vielleicht dachte die Alte auch einfach, ein hübsches Gesicht mehr machte keinen Unterschied. Denn ihre Brüder glichen sich bis aufs letzte Haar. Sie könnten als ein- und dieselbe Person durchgehen, wenn sie nicht eindeutig durch ihren Charakter zu unterscheiden gewesen wären. Viele glaubten sogar, einer von ihnen wäre ein Wechselbalg – was natürlich lächerlich war – doch dies war ein kleines Dorf, dies waren die Highlands, dies war Schottland, ihre Heimat, und die Mythen und Legenden waren legendär.
Zu oft erlaubten sich ihre Brüder einen Spaß und tauschten die Rollen, besonders in Schulzeiten war das der Fall, was zuhause häufig mit Schelte ihres Vaters geendet hatte.
Sinann konnte das Ganze gar nicht verstehen. Sie hätte Culum und Caiden mit verbundenen Augen unterscheiden können. Es war so einfach. Für Außenstehende mochten sie identisch aussehen, die minimalen Unterschiede kaum zu erkennen. Der eine Wirbel im Haar, der sich im Wind immer in die entgegengesetzte Richtung legte. Culum runzelte oft die Nase, während Caiden die Lippe verzog. Selbst ihre Stimmen hatten einen minimalen Unterschied. Sinann und Sam machten sich oftmals einen Spaß daraus, ihre älteren Brüder aufzuziehen, wenn sie mal wieder so taten, als wären sie der jeweils andere, um zum Beispiel die enorme Weiberschar der umliegenden Dörfer, oder die ein oder andere Touristin, die sich immer öfter hierher verirrten, zu bezirzen. Es war zum Totlachen. Leider hatten sie damit nur allzu oft Erfolg. Auch wenn die Liebeleien nur von kurzer Dauer waren.
Der Vorhang, durch den Sinann eigentlich vorgehabt hatte zu verschwinden, schwang auf und ihre Rettung vor der nervigen Miss Fraser krallte sich in der Bewegung erstarrend am Türrahmen fest, die Worte: »Sin, was ...?« noch auf den Lippen. Doch Sam brach mitten im Satz ab, denn es reichte ein Blick auf seine auf dem Boden kauernden Zwillingsschwester und ein weiterer zu der aufgebrachten mit dem Fuß scharrenden alten Miss Fraser und er verstand.
Sinann lachte leise und verschluckte sich fast dabei selber an ihrer Spucke. Ihr Bruder war zu ihrem Glück oder zu seinem Pech direkt der vollen Aufmerksamkeit der spitzzüngigen alten Schottin ausgeliefert. Sinann hatte keinerlei schlechtes Gewissen deswegen, obwohl sie wusste, dass Sam es ihr heimzahlen würde. Aber sie wusste auch, dass er sie jetzt nicht ihrem Schicksal überlassen würde, so tief sein stürmisches Temperament auch gerade brodelte. Sie biss sich auf die Lippen, versuchte nicht mal, sich das leise Lachen zu verkneifen. So viel Spaß wie gerade eben, hatte sie den ganzen Tag noch nicht gehabt.
»Na endlich!«, beschwerte sich die Alte und stampfte hörbar heran. Sinann konnte ihren ernsten Gesichtsausdruck förmlich vor sich sehen.
Sam spannte sich an, überlegte wohl, ob er einfach wieder zurück ins Atelier fliehen sollte oder sich einfach seinem Schicksal ergeben sollte. Schließlich entschied er sich für Letzteres.
»Miss Fraser. Wie schön sie wieder zu sehen«, säuselte ihr Bruder, als wäre Miss Fraser der Anblick, auf den er sich den ganzen lieben langen Tag gefreut hatte. Doch Sinann kannte ihren Bruder besser als jeder andere. Sie konnte alles in seinem Gesicht, in seiner Haltung ablesen. Er war alles andere als erfreut.
Er spannte seine Arme an und Sinann konnte die Sehnen an seinem Unterarm deutlich erkennen. Sie spürte seinen Herzschlag, als wäre es ihr eigener. Schließlich waren sie Zwillinge. Niemand, der kein Zwillingskind war, würde je diese Verbindung verstehen. Es war wie ein Zauber. Sie teilten sich eine Seele. Obwohl Sam Sinann oft als seinen persönlichen Fluch bezeichnete, dem er nicht entkommen konnte. Doch Sinann war sich sicher, dass es eher ihr Fluch war, mit drei älteren Brüder aufzuwachsen, die allesamt schrecklich waren.
»Mister MacAlister. Ist ihr Bruder Caiden nicht da? Ich dachte, ich hätte ihn vorhin gesehen.«
Sinann kicherte und hielt sich die Hand vor den Mund. Sam gab ihr einen leichten Tritt in die Seite. Oh, er war ganz und gar not amused.
»Er ist ausgeritten, Miss Fraser. Er wird nicht vor dem Abendessen zurück sein«, log ihr Bruder, ohne mit der Wimper zu zucken. Denn Miss Fraser konnte Caiden unmöglich gesehen haben, wohl eher hatte sie Culum gesehen, als dieser heute in aller früh die Pferde versorgt hatte, was eigentlich heute Caidens Aufgabe gewesen war. Doch Caiden schlief immer noch seinen Rausch der letzten Nacht aus, zum Wohle aller, da seine Launen nach einer durchzechten Nacht mit viel Alkohol nicht zu ertragen waren.
Tatsächlich war diese Nacht notwendig, für alle, denn Caiden hatte sich gestern (zur Erleichterung der ganzen Familie) von seiner kurzweiligen Bettgefährtin getrennt, die ihn überreden wollte, nach vierwöchiger Eskapade, endlich sein Elternhaus zu verlassen und mir ihr eine eigene Familie zu gründen, worauf Caiden gelacht hatte und sie zu den Feen gejagt hatte. Natürlich nicht, ohne sich noch eine fette Backpfeife von Stella einzufangen, die über die Maße beleidigt zu sein schien, hatte sie sich doch mehr erhofft, als irgendeiner in dieser Familie je bereit war zu geben.
Danach hatte er seinen Ärger über die dreiste Frauenwelt in schottischen Whisky ersäuft, nicht ohne den Rest seiner Familie mit einzubeziehen. Natürlich standen sie ihm bei, das taten sie immer. Auch wenn das bedeutete, dass sie alle am nächsten Tag einen übermächtigen Kater hatten, was nicht zur besten Stimmung heute geführt hatte, vor allem bei Sam. Ihr Zwilling brauchte gefühlte 20 Stunden Schlaf am Tag, um überhaupt als Mensch durchzugehen. Dass Caiden der einzige von ihnen war, der heute ausschlafen durfte, während die Restlichen von ihnen sich wieder ihren Lebensunterhalt verdienten und sich in die nie enden wollende Arbeit stürzten, war da absolut nicht förderlich für die mentale Stimmung ihres Zwillings. Dass er es überhaupt versuchte, ansatzweise freundliche Wörter über seine Lippen zu pressen, obwohl alles danach schrie, dass er die alte Schachtel mit nur einen Blick ins Jenseits befördern konnte, grenzte an ein Wunder.
»Wie schade. Und ist Culum zugegen?«
»Culum ist nicht zugegen!«, hörte Sinann ihren ältesten Bruder durch den Vorhang vor sich hin brabbeln. Was der alten Schachtel auch diesmal entging.
Culum hörte natürlich durch den dünnen Vorhang getrennt, im Atelier, jedes Wort mit und wagte sich zurecht nicht heraus. Vermutlich erging es ihm wie Sinann und er amüsierte sich prächtig, dass Sam endlich mal wieder dran war. Meistens zogen sie Lose, wenn sie wussten, dass Miss Fraser einen Termin vereinbart hatte, doch wenn Miss Fraser so wie heute unangekündigt auftauchte, war das für alle Beteiligten ein einziges verfluchtes Spiel und irgendwer zog dabei immer den Kürzeren, meistens sie selbst.
»Nein«, schnurrte Sam, doch seine Stimme wurde immer ungeduldiger.
Miss Fraser atmete hörbar aus, was Sinann von ihrer Position aus hören konnte und sie verdrehte die Augen. Es war typisch für Miss Fraser, sie wollte immer erst Caiden, dann Culum, schließlich gab sie sich auch mit Sam zufrieden. Sinann war froh, dass sie selbst nicht zu ihrer bevorzugten Wahl stand, obwohl sie schon oft das Pech hatte, der alten Schachtel den Rock abzustecken, was wirklich immer für Unmut sorgte.
»Hmm. Sicher?« Miss Fraser räusperte sich.
»Würde ich Sie je anlügen?« Sam setzte eine unschuldige Miene auf und Sinann hielt sich weiterhin den Mund zu, um nicht laut loszuprusten. Sam stieß sie erneut mit den Fuß an und Sinann schlug ihn auf die Wade. Man musste es Sam wirklich hoch anrechnen, dass er keine Miene verzog, während er Miss Fraser unschuldig anlächelte, während sie beide sich kabbelten.
»Nein, das würden Sie doch nicht wagen oder? Schließlich ist die Familie Fraser einer ihrer treusten Kunden!«
»Aye. Wie wäre es, wenn ich meine Schwester dazu hole?«, säuselte Sam und Sinann boxte ihren Bruder deftig gegen das Bein, was ihm den Mund zu einem hinterhältigen Lächeln verziehen ließ, das der alten Fraser natürlich auch entging.
»Das wagst du nicht!«, hauchte Sinann, kaum mehr als ein Flüstern.
»Oh nein, nein, Samuel. Ihre Schwester hat bestimmt unheimlich viel zu tun, bei den ganzen Vorbereitungen für Beltane.«
Oh, oh. Großer Fehler.
Sinann kauerte in ihrer Ecke und wusste, dass es jetzt erst richtig interessant wurde. Sie pustete los und genau in diesem Moment hörte sie auch, wie Culum im Arbeitsraum laut loslachte.
»Ich heiße Sam! Auch nach 21 Jahren noch. Nicht Samuel, nicht Samy. Einfach nur Sam!«, fuhr ihr Bruder die Alte an.
»Sie müssen ja nicht gleich aus der Haut fahren!«, beschwerte sich Miss Fraser, doch Sinann entging nicht, wie ihre Stimme leicht bebte. Verständlich.
»Sie wollen nicht erleben, wie ich aus der Haut fahre«, knurrte Sam. Seine Geduld war kurz vorm Zerreißen, und Sinann war sich sicher, es würde nicht mehr lange dauern, bis Sam die Faust auf den Tresen schlug und die alte Frau freiwillig das Weite suchte.
Die MacAlister-Geschwister waren wahrlich nicht für ihre Geduld bekannt. Trotzdem kamen ihre Kunden wieder. Sinann wunderte sich schon längst nicht mehr darüber, obwohl sie sich manchmal fragte, warum überhaupt.
»Also was wollen Sie? Sie tauchen wie immer unangemeldet auf. Was ist es diesmal? Hmm?«, fragte Sam ungeduldig und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Dass ihre Familie immer so leicht reizbar ist. Kein Wunder, dass noch keiner von ihnen verheiratet ist. Sie sollten dringend Ihr Temperament zügeln, mein Junge.«
Sinann brauchte sich schon mal in Deckung, denn sie spürte Sams wilden aufgeregten Herzschlag und das bedeute meistens nichts Gutes.
»Ich bin auch kein Junge! Also was wollen Sie? Uns wieder an eine ihrer schrecklichen Verwandten verschachern? Das können Sie gleich vergessen!«
»Meine Enkelin ist wirklich reizend und ich ...«
»Niemand wird hier verheiratet!«
»Aber sie ist wirklich ...«
»Nein!«, polterte Sam und Sinann war wie immer unheimlich stolz darauf, in diese Familie hineingeboren zu sein.
Ein kurzes Schweigen legte sich über die Schneiderei. Bis Miss Fraser endlich ihre Sprache wiedergefunden hatte.
»Ich werde mir Ihre Unhöflichkeit nicht zu Herzen nehmen. Ich brauche einen neuen Rock für Beltane. Ich bin mir bewusst, dass ihre Zeit begrenzt und durchaus kostspielig ist, doch ...«
Sam unterbrach die alte Schachtel.
»Was stimmt nicht mit Ihrem Rock? Sie haben ihn erst letzten Monat abgeholt.« Seine Stimme überschlug sich, der Zorn der letzten Minuten hing immer noch spürbar in der Luft.
»Unglücklicherweise ist er beim Waschen eingegangen. Diesem neumodischen Waschmittel kann man nicht trauen. Nächste Mal bringe ich meine Kleidung wieder in die Reinigung. Zu Schade um das wertvolle Stück Stoff. Die Farben der Fraser sind nur allzu schicklich, finden sie nicht?«
»Ein Kilt gehört nicht in die Waschmaschine. Das müssten Sie doch wissen!«
»Vielleicht war ja der Stoff von minderer Qualität!«, echofierte sich die alte Schachtel.
»Minderer Qualität? Wollen Sie unsere Arbeit etwa beleidigen?« Sams Stimme bebte. Er schlug die Faust auf den Tresen, so wie Sinann es schon vorhergesehen hatte. Sie spürte die Vibration bis zu ihrem Versteck. Einzelne Papiere segelten auf ihren Schoß.
»Niemals Mister MacAlister. Das würde mir nicht einfallen.«
»Und doch haben Sie es gerade getan!«
»Mister MacAlister! Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor. Wenn ich doch kurz Ihren Bruder sprechen könnte!«
Auch wenn sie der Auseinandersetzung mit Sam und der alten Schachtel liebend gern noch etwas länger beigewohnt hätte, war es für Sinann eindeutig Zeit, die hitzige Diskussion auszublenden, und sich endlich an die Nähte von Royas Rock zumachen. Denn diese würde in 40 Minuten mit weiteren Hühnern oder sonst einer Gegenleistung vorbeikommen. Sinann hatte zwar flinke Hände, doch bereits wertvolle Zeit verloren. Als Sams Faust ein zweites Mal auf den Tresen schlug, kroch sie langsam, mit einen Schmunzeln im Gesicht durch den Vorhang ins Atelier, wo sie ihre Arbeit ohne Unterbrechung zu Ende bringen konnte.
Culum saß am Tisch, eine Nadel im Mund, vor ihm unzählige glitzernde Pailletten. Ihre Augen trafen sich und er hob eine Augenbraue. Sinann hasste es, dass ihre Brüder das konnten. Allesamt. Sie hatte den verzweifelten Versuch früh aufgegeben, dieses Gesichtstalent selbst zu erlernen. Sie war einfach anatomisch nicht dazu in der Lage.
Culum nahm die Nadel aus dem Mund und grinste.
»Unser kleiner Samuel scheint heute außerordentlich bester Laune zu sein«, lachte er leise und zwinkerte.
Die Tür zum angrenzenden Wohnzimmer ging auf und Caiden nur in Boxershort bekleidet betrat den Arbeitsraum. Er lehnte am Türrahmen, die Arme vor der nackten Brust verschränkt und gähnte. Seine rotbraunen Haare waren noch tropffeucht von der Dusche, die er sich – den Feen sei gedankt – gegönnt hatte.
»Guten Morgen Familie!«, wisperte er und gähnte erneut.
»Es ist Mittag!«, beschwerte sich Sinann. »Ist der Prinz endlich aus seinem Schönheitsschlaf erwacht?«, fragte sie.
»Warum kauerst du auf dem Boden? Gibt's da unten was Schönes?«, fragte er und blickte eine Augenbraue erhoben auf sie herab.
Sinann verdrehte die Augen, stand auf und warf ein Nadelkissen nach ihm. Caiden duckte sich gekonnt, wollte sicherlich eine wüste Bemerkung loswerden, doch Sam stürmte mit grimmigem Gesicht durch den Vorhang herein. Eine Ader an seinem Hals pochte.
»Sinann MacAlister!«, polterte er los. In seinem Gesicht stand immer noch der Zorn der Diskussion mit der alten Fraser.
Sinann blickte, die Unschuld selbst, zu ihrem Bruder auf. So, wie auch Culum und Caiden von hoher Statur waren, war es auch Sam. Seine grünen Augen zogen sich zusammen und Sinann zuckte die Schulter und grinste.
»Was ist? Du warst mal wieder dran, Samuel.« Sie betonte den Namen, den die alte Fraser ihrem Bruder ständig verpasste, extra überdeutlich und schenkte ihrem Zwilling ein liebreizendes Lächeln, bevor sie sich umdrehte und sich etwas näher zur Tür, die leider immer noch halb von Caiden versperrt wurde, schlich.
Caiden und auch Culum prusteten beide zeitgleich los.
»Samuel? Lass mich raten. Die alte Vogelscheuche war wieder da?«, bemerkte Caiden und fuhr sich durch die feuchten Haare, während Sinann sich an den Tisch in ihrem Rücken lehnte, auf dem eine alte Nähmaschine stand, die sie kaum benutzten.
Sam atmete hörbar aus. Er zeigte auf Caiden.
»Während du deinen Rausch ausgeschlafen hast, und Cul«, er führte seinen Zeigefinger in Culums Richtung, »einer seiner beschissenen, glitzernden Pailletten genäht hat, bin ich der alten Hexe in die Arme gelaufen, während unsere Schwester hier« Sam nickte in Sinanns Richtung, als sie sich gerade heimlich davon stehlen wollte, »nichts Besseres zu tun hat, als sich auf dem Fußboden zu verstecken!«
Sinann schnaubte.
»Du hättest das Gleiche getan. Jeder von euch!«
»Wollte sie mich wieder verkuppeln?«, fragte Caiden und zog eine Augenbraue hoch, als er Sinann bemerkte, wie sie an ihm vorbei in den Wohnbereich flüchten wollte, und stellte sich demonstrativ noch etwas breiter in den Durchgang. Sie seufzte und verdrehte die Augen, wenigstens konnte sie das, wenn sie schon nicht im Stande war, eine Augenbraue zu heben.
»Oh du wirst entzückt sein, wenn sie dir ihre Enkelin an Beltane vorstellt. Sie ist ja so ein entzückendes Ding und ihre Hüften erst. Gebärfähiges Becken und so.« Sam rollte die Augen, verschränkte die Arme vor der Brust. Culum lachte. Sinann versuchte, sich an ihrem Bruder vorbeizudrängeln, doch Caiden hielt sie auf.
»Willst du irgendwohin?«
»Nur weg von euch Idioten. Ich hab im Gegensatz zu euch noch Arbeit zu erledigen.«
»Ich arbeite auch!«, beschwerte sich Culum.
»Deine Scheiß-Pailletten zählen nicht. Wer will schon einen paillettenbesetzten Kilted Skirt? Das ist ja krank!«, wetterte Sinann und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ihr Blick glitt zum Vorhang der Schneiderei. Auch wenn Caiden den Weg ins Wohnzimmer blockierte, gab es immer noch diesen anderen Ausgang. Doch Sam bemerkte ihren Blick und diesmal erschien ein listiges Grinsen auf seinem gerade noch vor Zorn sprühenden Gesicht.
Sinann stöhnte auf und gab es auf. Sie drehte sich gerade rechtzeitig um, als Culum mit den Schultern zuckte und mit der Dose glitzernder Pailletten klimperte, die noch vernäht werden mussten.
»Solange die 3500 Pfund in unsere Tasche fließen, ist mir das relativ egal.«
»3500?«, fragten Sinann, Sam und Caiden wie aus einem Munde, was schon fast gruselig war.
Culum zuckte erneut die Schultern.
»Höchste MacAlister Qualität!«
Sam schnaubte. »Sag das mal der Fraser. Sie hat tatsächlich ihren letzten Rock in die verdammte Waschmaschine gehauen. Natürlich ist es unsere Schuld.«
»Natürlich«, wiederholte Caiden und gähnte.
Ein kleines wohltuendes Schweigen hing in der Luft, doch natürlich war es nur von kurzer Dauer, das kannte Sinann schon. Ihre Familie war nicht zum Schweigen bestimmt. Schon gar nicht heute, da alle bis auf Caiden unausgeschlafen waren.
»Ich glaube, unsere Schwester braucht eine Abreibung!«, durchbrach Sam die kurze schweigsame Pause und alle drei grünen Augenpaare waren plötzlich auf sie gerichtet.
»Untersteht euch!«
Sie blickte ihre Brüder nacheinander an und schätzte ihre Chancen auf null, schnell das weiter suchen zu können. Sie biss sich auf die Lippen und fluchte.
»Ihr seid Teufel! Allesamt.« Und schon stürmte Sinann los, überrumpelte Caiden, dessen Reflexe den Feen sei Dank wegen der durchzechten Nacht noch nicht vollständig zurückgekehrt waren, und stürmte ins Wohnzimmer und durch die Küche in den Garten. Ihre Brüder waren ihr dicht auf den Versen und das Lachen der MacAlister Geschwister halte über das Feld nieder.
Auch wenn Sinann es niemals öffentlich zugeben würde, sie liebte diese Neckereien. Sie liebte ihre Brüder. Sie liebte sie über alles. Auch wenn das hieß, wieder in der mit eiskaltem Wasser gefüllten Pferdetränke zu landen.
Der Tag von Beltane war schneller gekommen als gedacht und Sinann hatte schon lange keine Blasen mehr an den Händen vom vielen Nähen gehabt. Sie konnte heute keine Nadel mehr sehen. Nicht nur, dass sie und ihre Brüder seit einer verdammten Woche Kilt über Kilt für die verfluchte Nachbarschaft nähten oder ausbesserten, sondern sie hatten sich auch abgewechselt, die einhunderttausend beschissenen Glitzerpailletten an Roses MacDonalds Hochtzeitstartan zu nähen. Sinann hatte genug von Pailletten jeglicher Art und würde ihrem Bruder das nächste Mal eine deftige Schelte verpassen, falls er es je wieder in Betracht zog, solch einen Auftrag anzunehmen. Scheiß auf die 3500 Pfund. Scheiß darauf, dass diese Tracht eine ausgezeichnete höchst zufriedenstellende Arbeit war, doch Sinann mochte verdammt sein, wenn sie je wieder eine einzelne verdammte Paillette zu Gesicht bekam. Noch dazu kam, dass alle tiefste schlechte Laune hatten, weil ihnen nicht nur Schlaf fehlte, sondern auch ständig die Tür zur Schneiderei auf und zu ging, weil irgendein verfluchter Nachbar noch eine extra Ausbesserung für den heutigen Tag brauchte. Sinann betete zu den Feen, dass die Tür zur Schneiderei jetzt endlich geschlossen blieb und es jetzt endlich vorbei mit anstrengenden Personen war und sie sich etwas entspannen konnten, bevor die Familie sich selbst fertig machte, um zum Hexenfeuer ins Dorf runterzugehen, wo sie es hoffentlich mehr als nur eine Stunde aushielten, bevor sie den Rückweg erklommen. Ihr Anwesen lag nämlich am höchsten Punkt des Dorfes und man überlegte es sich zweimal, ob es sich lohnte hinunterzugehen, da der spätere Aufstieg einem an den Rand einer Atemnot brachte, insbesondere wenn Whisky im Spiel war. Viel Whisky.
Sie lungerten alle immer noch in der Schneiderei herum, was nicht an der reinen Freude ihrer nie enden wollenden Arbeit lag, vielmehr war es der Faulheit geschuldet, weil sie allesamt zu müde waren, sich ins Wohnzimmer zu begeben.
Sam saß auf dem alten schäbigen Sessel, der schon seit gefühlten 200 Jahren an demselben Platz in der Schneiderei stand und auf dem schon der Duke of Edinburgh gesessen hatte – so behauptete jedenfalls einst ihr Großvater – und spielte mit dem Handy, während Sinann am Türrahmen zum Atelier lehnte und an ihrem Kaffee nippte. Culum nutzte die gerade herrschende Ruhe und lag auf dem genauso alten schäbigen Sofa, den Arm über die Augen gelegt und tat so, als ob er schliefe, während Caiden auf dem Tresen saß, den Laptop auf dem Schoss, und so tat, als ob er irgendetwas auf ihrer Website aktualisierte. Doch in Wahrheit und das wusste Sinann nur allzugut, stalkte er irgendwelche Weiber, die die Anziehung verspürt hatten, eins seiner Bilder auf Instagram zu liken. Leider, und auch das wusste Sinann nur allzu gut, waren ihre verdammten Brüder das Traumbild der Frauenwelt und das Schlimmste daran war, sie wussten ganz genau, dass sie heiß waren, was Sinann mehr als einmal zum Würgen gebracht hatte.
Die kurzzeitig herrschende Ruhe wurde urplötzlich durch das schrille Klingeln der Ladentür gestört, die sich mit einem ungeölten quietschenden Geräusch aufschwang. Culum fiel vor Schreck fast vom Sofa und Sam ließ sein Handy fallen, als Mister MacRae mit einem schuldbelasteten Blick auf dem Gesicht eintrat.
»Gavyn!«, begrüßte Sam als Erster unseren Besucher, wischte sich die feuchtnasse Hand an seiner Hose ab und gab dem alten Mann die Hand.
Gavyn MacRae war der Einzige ihrer verfluchten Nachbarn, den die MacAlister Geschwister immer mit Wohlwollen begrüßten. Er war der älteste Freund ihres verstorbenen Vaters und einer der wenigen Menschen, dem die Geschwister überhaupt sowas wie Respekt zeigten. Er war ein wirklicher Herzensmensch. Das allein von jemanden zu behaupten, war schon wirklich eine Seltenheit in ihrer Familie.
»Es tut mir leid, dass ich euch störe Jungs und ...« Er blickte zu Sinann rüber, die dem alten Mann ein sanftes Lächeln schenkte. »Und Sinann, meine Liebe.« Mr. MacRae knetete seinen Kilt in der Hand, als wäre es ihm wirklich unangenehm, sie gestört zu haben. Doch selbst Caiden sprang vom Tresen, stellte den Laptop ab und begrüßte den Besucher mit einem Nicken. »Mir ist gerade ein fürchterliches Missgeschick passiert. Da war doch ein verdammter Nagel im Weg, als ich mich für das heutige Fest umziehen wollte, und hat mir doch glatt den Kilt aufgeschlitzt. Könnte sich einer von euch einem alten Mann erbarmen?« Gavyn lächelte schüchtern, wohl wissend, dass die Geschwister absolut unausstehlich werden konnten.
Culum klopfte sich den Staub vom Shirt.
»Ein Nagel, was?«, brummte er fragend. »Zeig mal her.«
»Nur wenn es keine Umstände macht.«
Culum winkte ab, nahm den Kilt entgegen und untersuchte ihn.
»Gib mir fünf Minuten, dann sollte er wie neu sein.« Er ließ sich erneut aufs Sofa sinken und hatte bereits Nadel und Faden herbeigezaubert. Konzentriert runzelte er die Nase.
»Danke. Was würde ich nur ohne eure flinken Finger machen.«
Caiden schnaubte.
»Sag das mal der alten Fraser. Sie war heute schon zum zweiten Mal unangemeldet da. Wenn ich noch einmal höre, wie elegant ihre Enkeltochter sich doch bewegt, möchte ich kotzen«, beschwerte er sich lautstark. »Das sind alles alte hängebusige Greisinnen. Nicht mal im Traum würde ich die anfassen. Nicht mal für eine Nacht.«
Gavyn MacRae lachte.
»Sie wollte früher auch euren Vater und seinen Bruder immer verkuppeln. Sie glaubt, in die Familie MacAlister einzuheiraten, wäre das Beste, was ihr passieren könnte, auch wenn sie, glaube ich, nicht wirklich weiß, worauf sie sich da einlassen würde.« Er lächelte sanft und blickte über seine Brille. »Ihr seid nicht gerade bekannt dafür, freundlich und zuvorkommend zu sein. Alles Eigenschaften, auf die die Familie Fraser von Zeit an Wert gelegt hat.«
»Freundlich und zuvorkommend? Tzz. Die Alte ist selbst das wandelnde Böse«, beteiligte sich Sam an der Diskussion und schnipste Caiden einen Gummi gegen den Arm. Einfach weil er Lust darauf hatte. Caiden ließ es sich nicht gefallen und nahm Sam in den Schwitzkasten und sie rangelten sich, stießen gegen den Tresen und Sinann verdrehte die Augen. Gavyn lachte und schüttelte den Kopf über ihre kindischen Brüder.
»Euer Vater würde euch eine Nacht im Stall schlafen lassen, um euch zur Vernunft zu bringen. Was, wie ich euch kenne, keine Strafe wäre.« Wieder lächelte er, doch diesmal beäugte er die Geschwister mit einem kurzzeitig wehmütigen Blick.
Er und ihr Vater waren beste Freunde, was allein schon eine Seltenheit war. Freundschaften waren etwas, dass die MacAlisters praktisch nicht hatten. Es gab nur einen einzigen Menschen, der dem Begriff Freund überhaupt gerecht wurde, und das war ein alter Schulfreund ihrer Brüder. Doch der war irgendwo in Inverness und spielte Abend für Abend in einem schäbigen Pub seinen Dudelsack. Sinann hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesehen.
»Willst du einen Tee?«, fragte Sinann ihren Nachbarn, dessen stahlblaue Augen auf ihr lagen, als machte er sich über etwas Gedanken. Sinann merkte es in seinem Blick, spürte die kleine Unsicherheit, als er sie verstohlen musterte.
»Nein, nein, mein Kind. Nur keine Umstände.« Er winkte ab und Sinann nahm einen weiteren Schluck aus ihrer Tasse.
Gavyn MacRae war ein sanftmütiger Mensch und sie und ihre Brüder besuchen ihn regelmäßig in seinem Pub im unteren Dorf. Er lag direkt unterhalb des Hügels, auf dem sie wohnten, und bildete somit den Mittelpunkt ihres kleinen Örtchens, das nicht mal 200 Seelen beherbergte, und der Festplatz befand sich direkt vor dem urigen alten Laden. Er bewohnte die Wohnung über dem Pub, wie auch schon sein Vater vor ihm. So schloss sich der Kreis. Denn irgendwie hatte jeder hier in diesem Dorf sein eigenes Erbe, aus welchen er nicht entkommen konnte.
Ein paar Minuten später war Culum fertig und zog die letzte Nadel aus dem Kilt, just in dem Moment, als Gavyns Telefon klingelte.
»Oh, entschuldigt«, sagte er, wurde leicht rot um die Wangen und nahm den Anruf entgegen. »Mein Sohn, wie schön. Was? Wirklich?«
Sinanns Hände schwitzten, sie warf Gavyn einen entschuldigten Blick zu und zog sich zurück. Trat durch den Vorhang ins Atelier und ging dann durch die Schiebetür ins Wohnzimmer des Anwesens, bis sie in die Küche trat und sich an der Kochinsel abstützte. Sie schloss für einen Moment die Augen. Doch die Ruhe wurde schnell durchbrochen, als die aufgeregten Stimmen ihrer Brüder kurze Zeit später durchs Haus polterten. Genervt rollte sie mit den Augen, griff nach der Kanne mit Kaffee und schenkte sich nach. Dann drehte sie sich zu ihren Brüdern um, die sich allesamt mit verschränkten Armen vor ihr aufgebaut hatten und eine Mauer aus Testosteron bildeten. Sinann versuchte sich daran, eine Augenbraue zu heben, doch scheiterte wie so oft. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Kochinsel und nahm einen Schluck Kaffee.
Caiden brach natürlich als Erster die Stille.
»Weißt du noch, wie man zuschlägt?«, polterte er.
»Fragst du mich das, weil du denkst, ich hätte es die letzten 50-mal vergessen?«, antworte Sinann. Sie konnte nicht mehr zählen, wie oft sie dieses Gespräch schon geführt hatten. Sie fragte sich, was es diesmal war, das sie aufbrachte. Fragte sich, was ihre Laune so schnell von täglicher Mürrischkeit in Zorn verwandelte, was unzweifelhaft gerade der Fall war. In diesem Zustand waren ihre Brüder allesamt eins: Absolut unerträglich! Sie rollte genervt mit den Augen. Doch ein kleines Schmunzeln konnte sie dennoch nicht verstecken, denn ihre Brüder machten sich mal wieder absolut zum Gespött in ganz Schottland.
»Die Fäuste zusammendrücken, die Daumen einziehen, sonst brichst du dir die Finger und glaub mir, das ist schmerzlich. Außerdem kannst du dann nicht mehr nähen und alle Arbeit würde an uns hängenbleiben.«
Sam zeigte es vor und Sinann schnaubte über die Dreistigkeit ihres Zwillings. Schließlich war er es, der sich schon zweimal den Arm und einmal den Daumen gebrochen hatte, geschweige denn Caiden der nicht nur einmal eine eingegipste Hand sein Eigen nennen konnte.
Sie amüsierte sich prächtig über die drei Trottel, die leider das gleiche Blut teilten wie sie selbst. Wie sie da standen, sich gegenseitig imaginäre Schläge verpassten und Sinann einen Vortrag über die richtige Bein- und Armstellung vorzeigten. Als ob sie das nicht schon längst wüsste. War ja schließlich nicht das erste Mal.
»Doch bevor du überhaupt zuschlägst, solltest du ihm zwischen die Beine treten, das bringt jedes männliche Wesen zu Fall«, schlussfolgerte Caiden.
Sinann sagte nichts, blickte ihre dümmlichen Brüder einen nach dem anderen an und fragte sich aufs Neue, warum sie mit ihnen verwandt war. Sie biss sich auf die Lippen, sonst würde sie sofort loslachen.
»Hast du verstanden?« Sam wurde ernst. Caiden verzog die Lippe und Culum kräuselte die Nase.
»Warum lachst du?«, fragte Culum, als Sinann es nicht mehr aushalten konnte und losprustete. »Hast du verstanden, was wir dir sagen wollen?«
»Aye. Genau wie die 50 Mal vorher, an denen ihr dieses Theater aufgeführt habt. Ich frage mich nur, warum jetzt schon wieder? Soll ich jemanden für euch verprügeln? Soll ich Miss Frasers Enkeltochter mit meiner Schlagfertigkeit vertreiben? Was ist es diesmal? Und bitte spannt mich nicht länger auf die Folter. Ich muss mich noch umziehen, bevor wir den Abstieg ins Dorf wagen.«
»Du gehst heute ganz sicher nicht zum Fest!«, knurrte Sam.
»Bitte?«, fragte sie und blickte ihren Bruder ungläubig an.
»Du hast deinen Bruder schon verstanden!«, meinte Caiden.
Sinann runzelte die Stirn und merkte wie ihr Puls raste. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Brüder so unglaublich bescheuert waren und sie vor was auch immer für unsichtbare Gefahren schützen wollten. Wenn es wieder darauf hinauslief, sie im Haus einzusperren – konnten sie das mal ganz schnell vergessen. Sie war schließlich keine 10 mehr, noch dazu hatten diese Idioten, ihr nicht nur einmal gezeigt, wie man ein Schloss knackte. Besonders ein Schloss in diesem Haus. Also selbst schuld.
Ihre Brüder sahen sich an. Tauschten zornige Blicke und kommunizierten stumm. Sam holte tief Luft, während Sinann noch einen Schluck Kaffee zu sich nahm.
»Er wird heute da sein«, knurrte Sam.
»Und wer ist dieser mysteriöse Er? Mein zukünftiger Ehemann, den ihr, bevor wir uns überhaupt kennen lernen, bereits auf der Abschussliste stehen habt? Oder ein potenzieller heißer Flirt aus der Umgebung? Ist ja nicht so, dass sich viele Typen hierher verirren.«
Culum trat einen Schritt auf sie zu. »Das ist nicht lustig, Sinann!«
Sie schnaubte. »Doch das ist es!«
»Drystan wird heute nicht die Gelegenheit bekommen, dir das Herz zu brechen. Dafür werden wir sorgen!«, entgegnete Culum.
Damit hatte sie nicht gerechnet und sie verlor für einen winzigen Augenblick die Besinnung, krallte sich mit einer Hand an der Kochinsel fest, während sie krampfhaft versuchte, das Zittern ihrer Hand zu verbergen, was ihr nicht gelang. Als sie ihre Kaffeetasse abstellte, schwappte sie über.
»Drystan?«, flüsterte sie. Es war nur ein Laut, kaum ein Geflüster und doch ein Wort, das ihr den Boden unter den Füßen nahm. Die Belustigung über das sonderbare Verhalten ihrer Brüder war wie weggefegt, stattdessen legte sich eine Schwere über ihr ganzes Sein. Jetzt war ihr klar, was dieser merkwürdige Blick von Gavyn vorhin in der Schneiderei bedeutet hatte und auch das dreierlei testosterongesteuerte Aufplustern ihrer Brüder machte einen Sinn.
»Er besucht seinen Vater«, schnaubte Caiden. »Nach zwei verdammten Jahren kommt der verlorene Sohn plötzlich zurück? Für was? Beltane mit seinem Vater zu feiern?« Er schüttelte den Kopf, knackte mit dem Nacken und ballte die Hände zu Fäusten. Dann zeigte er auf Sinann. »Er hat dir das verfluchte Herz gebrochen und ich warte schon seit sehr langer Zeit darauf, ihm eine Abreibung zu verpassen. Ich hoffe, er hat eine Jacke dabei, denn er wird definitiv länger liegen!«
Drystan Hände verkrampften sich um das Lenkrad, als er die letzten Meter über das raue Kopfsteinpflaster fuhr. Je näher er seinem ehemaligen Zuhause kam, desto mehr Übelkeit sammelte sich in seinem Bauch. Seine Fingerknöchel waren schon ganz weiß, weil er sie die ganze lange Fahrt immer wieder verkrampft hatte. Er gab zu, es war ein nicht durchdachter Impuls gewesen, sich ins Auto zu setzten und sechs Stunden durch die Wildnis Schottlands zu fahren, um nach zwei langen Jahren endlich mal wieder seinen Vater einen Besuch abzustatten. Was nicht an seinem Vater an sich lag, sondern einfach der Tatsache geschuldet war, dass er nicht bereit war, diesem Ort, an dem so viele Erinnerungen auf ihn warteten, eine Gegenwart zu geben. Zu viele Unklarheiten hatte er hier zurück gelassen, so viel Schmerz. Er wollte nicht an diese Zeit des Aufbruchs zurückdenken, hatte sich geschworen, darüber hinwegzukommen. Doch hatten sein Zorn und seine Wut auf sein Leben in Edinburgh die Oberhand gewonnen und er brauchte eine kurzweilige Fluchtmöglichkeit.
Als er das Dorfschild erreichte, beschleunigte sich sein Puls. Sein Herz raste und er fuhr sich mit einer Hand durch die braunen Haare. Er stoppte den Wagen, gönnte sich eine kurze Atempause, versuchte, den schrillen Puls und die nie endenwollenden Gedanken zu beruhigen. Sein Handy klingelte und er ignorierte es, wie schon die Male zuvor. Einen Atemzug später drückte er das Gaspedal und überquerte die Dorfgrenze.
In diesem Dorf hatte sich die letzten zwei Jahre nichts verändert. Die Straße war immer noch eine Katastrophe, dieselben Nachbarn, dieselben Bäume, derselbe morsche Weidenzaun der Camerons, der vermutlich immer noch dieselben Hühner beherbergte. Die MacGreggors saßen noch immer auf der alten Bank vor ihrem Haus und spielten Karten, als hätten sie sich die letzten zwei Jahre nicht vom Fleck bewegt.
Drystan schüttelte den Kopf und drückte auf die Bremse, als die Schafsherde der Familie Murray die Straße kreuzte. Er trommelte auf dem Lenkrad herum, hatte völlig verdrängt, wie sich das Landleben anfühlte. Mister Murray nickte ihm zu, als dieser hinter seiner Herde die Straße überquerte. Drystan schaute dem alten Herrn nach. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er und sein Sohn im Loch Aale geangelt hatten.
Als er seine Fahrt fortsetzte und über die kleine Steinbrücke fuhr, unter der der Sruth, ein kleiner Bach, der vom Loch durch das Dorf führte, leise dahinplätscherte, fiel sein Blick unweigerlich auf die weitläufige Weide oben auf dem Hügel. Mehrere Pferde grasten dort und der alte Schuppen, der als Stall diente, hatte immer noch leichte Schräglage. Das Anwesen, das sich ganz am Ende der Weide und dem Schuppen abzeichnete, strahlte immer noch seinen mittelalterlichen Charme aus. Lediglich die Ginsterbüsche und die Distelsträucher, die überall dort oben wuchsen, schienen sich in den letzten Jahren verändert zu haben.
Der alte Pub kam in Sicht, als er um die enge Kurve bog. Hier tummelten sich bereits einzelne Menschen, brachten Bänke und Tische zum Festplatz und er grüßte jeden von ihnen, als er vorsichtig an ihnen vorbeifuhr. Natürlich spürte er die Blicke der Nachbarn, ihn würde es nicht wundern, wenn nicht schon das ganze Dorf bereits, als er das Schild passiert hatte, über seine Rückkehr Bescheid gewusst hatten. Dies war ein kleines Dorf. Der Buschfunk funktionierte außerordentlich gut.
Drystan seufzte, lenkte den Wagen durch das geöffnete Gartentor neben dem Pub und stellte den Motor aus. Er atmete tief durch, seine Hände zitterten leicht, als er sie ans Lenkrad legte. Sein Telefon klingelte erneut. Er nahm das Telefon vom Beifahrersitz, seine Augen zogen sich zusammen und er drückte den Anruf weg. Langsam öffnete er die Tür und stieg aus, steckte sein Handy in die Hosentasche.
»Pa?«, rief er, ging zur Hintertür und klopfte, bevor er eintrat. Natürlich war die Tür nicht verschlossen, die Menschen hier hatten einfach viel zu viel Vertrauen zueinander.
»Pa?« Drystan runzelte die Stirn. »Wo bist du, alter Mann?« Doch wieder bekam er keine Antwort. Er griff zu seinem Handy und wählte die Nummer seines Vaters. Dieser ging beim dritten Mal ran. Seine wohlklingende Stimme brachte Drystan zum Lächeln.
»Mein Sohn, wie schön.«
»Pa, ich bin schon da«, antwortete Drystan und lehnte sich an die steinerne Wand im Flur. Die Kühle des Hauses umfing ihn und für einen Moment fühlte er sich wie früher, als er noch ein Kind war, das gerade von seiner Mutter verlassen wurde und die starken Arme seines Vaters spürte, der ihn in eine »Alles wird gut«-Umarmung zog.
»Was? Wirklich?«
»Der Verkehr war gut. Die Haustür war schon wieder nicht abgeschlossen, Pa. Das ist gefährlich.« Drystan stieß sich von der Wand ab, mit dem Handy am Ohr ging er wieder hinaus. Die Tür fiel mit einem Quietschen zurück ins Schloss.
»Wer soll mich hier schon ausrauben, mein Sohn?«
Drystan verdrehte die Augen und schnaubte leise auf.
»Wo bist du? Soll ich dich irgendwo abholen?«
»Nein, nein. Ich bin gleich da. Mein Kilt ist mir gerissen und ich hab einen kurzen Abstecher auf den Hügel gemacht.« Drystan Herz schlug schneller. Er hörte im Hintergrund jemanden fluchen. Etwas ging zu Boden und es schepperte durch den Hörer. Drystan verzog den Mund.
»Was bekommt ihr, Jungs?«, fragte sein Vater.
Drystan hörte nur ein Brummen und konnte sich die MacAlister Brüder deutlich vorstellen, was kein Segen für ihn war. Vermutlich waren sie gerade ganz und gar zornig und schmiedeten einen Plan, Drystans Ableben wie ein Unfall aussehen zu lassen.
»Ihr habt was gut bei mir«, sagte sein Vater und Drystan hörte, wie eine Türglocke läutete. Erleichternd atmete er auf.
»Soll ich dir entgegengehen?«, fragte er und hörte, wie sein Vater bereits auf schnellen Füßen den Berg herunterging. Seine Atmung ging stoßweise.
»Ich bin zwar alt, aber diesen Hügel bezwing ich schon noch. Geht ja immer abwärts.« Er lachte. »Bis gleich mein Sohn.« Und damit legte sein Vater auf.
Drystan ging zum Kofferraum und holte seine Tasche heraus, stellte sie auf den Boden.
»Drystan?«, hörte er seinen Namen und drehte sich um. Am Zaun stand Roya Cameron. Ein Huhn im Arm, das wild versuchte zu entfliehen. Sie drückte es an ihre Brust und hauchte einen Kuss auf dessen gefiederten Kopf. Sie winkte ihm zu. »Du bist wieder da?«
»Ich bin nicht wieder da!«, antwortete er. Er konnte den Blick nicht von dem sich windenden Huhn wenden.
Roya lächelte. »Dein Vater wird sich freuen, dich zu sehen. Letzte Woche ist er gestürzt, weißt du. Hat sich ein paar Prellungen zugezogen. Aber er wollte nicht zum Arzt.«
Sein Vater war gestürzt? Warum wusste er davon nichts? Drystan runzelte die Stirn und wandte seinen Kopf die Straße hoch. Von weiten sah er seinen Vater auf schnellen Schritten zu ihm eilen, in der Hand einen zusammengefalteten Kilt in den Farben der MacRaes und Drystan musste trotz der Neuigkeit, dass sein Vater noch vor ein paar Tagen gestürzt war und ihm nichts gesagt hatte, lächeln, als er ihn sah.
»Ich muss wieder los. War schön, dich zu sehen, Drystan.« Drystan nickte ohne den Blick von seinen sich freuenden Vater zu wenden.
Sein Herz klopfte und er ging ihm entgegen.
In seine Heimat zurückzukommen, einem traditionellen keltischen Fest beizuwohnen und seit zwei Jahren endlich wieder seinen Kilt anzulegen, bereitete ihm ein kleines Gefühl von Freude im Herzen. Er konnte endlich wieder Gälisch sprechen, ohne ins Englische zu wechseln, weil er von keinem seiner Studienfreunde verstanden wurde. Drystan atmete tief durch, spürte die typische Dorfluft in seine Lunge strömen und als sein Vater vor ihm stand, umarmte er ihn liebevoll und zum ersten Mal, seit er die Dorfstraße passiert hatte, fühlte er sich angekommen, als wäre alle Last für einen kurzen Augenblick verschwunden.
»Ach mein Sohn. Wie schön es ist, dich zu sehen. Es ist viel zu lange her. Viel zu lange.«
»Es tut mir leid, Pa.«
»Aye, das sollte es auch. Lass dich ansehen. Du trägst jetzt einen Bart? Willst dich wohl deinem alten Herrn angleichen, was?« Sein Vater wuschelte ihm durch die Haare, als wäre er nicht 22, sondern noch immer der achtjährige Junge, dessen Mutter ihn zurückgelassen hatte.
Drystan betrachtete seinen Vater, musterte ihn von oben bis unten.
»Warum hast du mich nicht gesagt, dass du gestürzt bist? Geht es dir gut?«
Sein Vater winkte ab.
»Kaum fünf Minuten in der Heimat und schon ist dieses Missgeschick zu dir durchgedrungen.« Er schüttelte den Kopf. »Mir gehts gut. Nur ein paar blaue Flecke. Ein altes Dorfkind hält so was aus.« Ein zweites Mal zog er Drystan in die Arme, bis dieser ihm auf die Schulter klopfte.
»Es ist schön, dich zu sehen. Komm. Lass uns einen Tee trinken, bevor das Fest beginnt.«
»Vielleicht brauch ich auch was Stärkeres, Pa«, gab Drystan zu.
»Aye.« Sein Vater nickte wissentlich. Und als Drystans Handy erneut in seiner Tasche vibrierte, beließ er es wie die vielen Male zuvor dabei.
Drystan saß an der Bar, die er mit seinem Vater auf dem Festplatz aufgebaut hatte, und gönnte sich sein zweites Pint an diesem Tag. Die vier großen Feuer, die den alten keltischen Sonnengöttern huldigen, eine ausreichende Ernte bescheren und die Geister der Vergangenheit vertreiben sollten, brannten bereits, obwohl es immer noch hell hier draußen war. Drystan musste sich erst wieder daran gewöhnen, dass es zu dieser Jahreszeit in ihrem beschaulichen Landstrich erst viel später dunkel wurde und die Dämmerung sich schon mal über mehrere Stunden hinziehen konnte. Ein Dudelsackspieler marschierte im Highlander Style über den Festplatz und die Menschen waren freudig und vor allem laut. Man konnte ein klassisches Dorffest einfach mit nichts anderen vergleichen und Drystan musste unwillkürlich lächeln, als sein Vater plötzlich anfing, laut Caledonia mit den Nachbarn zu grölen. Hin und wieder warfen ihm diese Nachbarn auch selbst einen irritierten Blick entgegen und er konnte nicht mehr zählen, wie viele Fragen er über seinen Verbleib in den letzten zwei Jahren, bereits beantworten musste.
Drystan strich sich über seinen Kilt, berührte die Clannadel der MacRaes. Er konnte sich noch ganz genau daran erinnern, wann er diesen Kilt das letzte Mal getragen hatte. Zu einer Beerdigung. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Drystan war erstaunt, als er den Kilt vor einer Stunde aus seinem Schrank befreit hatte und angelegt hatte, dass er trotz seinem morgendlichen Lauftraining und der dadurch resultierenden Veränderung seines Körpers, immer noch passte. Die vertrauten Gefühle, die er verspürt hatte, als er seine Tracht angelegt, den Sgian dubh, den er aus der Schublade geholt und in seine Strümpfe gesteckt hatte, genau wie den Sporran, den er um seine Hüften gelegt hatte, waren unbeschreiblich. Dennoch verspürte er einen Stich im Herzen als er über den derben Stoff strich. Auch wenn Drystan versucht hatte so viel wie möglich aus seiner Vergangenheit zu verdrängen, hatte er ganz sicher nicht vergessen, wer diesen Kilt für ihn genäht hatte. Er verbot sich einen Gedanken daran, denn er wusste aus Erfahrung, dass es seine eh schon angespannte Stimmung nicht verbessern würde. Also trank er noch einen Schluck Bier und spülte die aufkommende Verärgerung herunter.
Sein Vater hantierte hinter der Bar und schenkte Bier und Whisky aus. Drystan hatte schon mehrmals seine Hilfe angeboten, doch sein Vater lehnte ein ums andere Mal ab und so wie Drystan das sah, hatte sein Vater wohl alles unter Kontrolle.
»Amüsier dich, mein Sohn. Wann warst du zuletzt auf einem Fest wie diesem? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in der Stadt je gelernt haben, wie man richtige Feste feiert.«
»Ich amüsiere mich prächtig.« Drystan verzog die Lippen zu einem gekünstelten Lächeln, doch gab es dann auf. Was brachte es denn? Gar nichts. Er wusste, schon seit er hier angekommen war, was ihm bevorstand. Er kannte diese eine besondere Familie einfach zu gut.
Sein Vater verzog den Mund und eher er ein weiteres Wort sagen konnte, vibrierte Drystans Handy, das er auf die Bar gelegt hatte. Er ignorierte es, blickte nicht mal drauf.
»Willst du nicht mal rangehen, Junge?«, fragte sein Vater und schaute ihn ernst an.
»Ist nicht wichtig«, antwortete er, hob das Pint an den Mund und leerte es.
»Scheint wichtig zu sein, wenn du es, seit du hier angekommen bist, immerzu ignorierst. Willst du mich nicht erzählen, was los ist?«
»Nein, will ich nicht!«, sagte er schroff und blickte in die blauen Augen seines Vaters, die ihm traurig begegneten. Verdammt, er hasste es, ihn so zu sehen. Und er hasste es noch mehr, dass er an diesem Blick schuld war. Was war er nur für ein bescheuerter Sohn? Drystan wollte gerade eine Entschuldigung murmeln, als sein Vater sich auch schon wieder wegdrehte, um ein Bier zu zapfen.
Drystan rieb sich den Nacken, schloss für einen Moment die Augen, als er sie wieder öffnete, stand ein volles Pint vor seinem Platz. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sein Vater ihm ein neues hingestellt hatte, so sehr war er in Gedanken versunken gewesen.
Ein Schatten legte sich plötzlich über ihn und er hob den Kopf. Er hatte seit zwei Jahren auf diesen Moment gewartet.
»Was verdammt hast du hier zu suchen, Arschgeige?«
Drystan hob die Augenbraue, drehte sich mit gelassener Arroganz auf seinem Stuhl in Richtung des schroffen Gesprochenen und schnaubte.
»Hallo, Drystan. Schön dich zu sehen. Was verschlägt dich in die Heimat? Wie gehts dir? Sollte so nicht eine vernünftige Unterhaltung beginnen? Oder hast du deine Manieren schon wieder beim Reiten verloren, Caiden?« Drystan hob sein Bier und trank einen Schluck, ohne Caiden
