Wilder Osten Joint Venture - Winfried Woite - E-Book

Wilder Osten Joint Venture E-Book

Winfried Woite

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Beschreibung

Eine unglaublich spannender Wirtschaftskrimi, und dennoch eine wahre Geschichte während deutsch-deutscher Umbruchszeiten. Ein Westberliner Kaufmann nutzt die Chance der Maueröffnung zur DDR und gründet ein Joint-Venture: Die Techniker und Kaufleute aus der DDR, der Unternehmer und das Marketing-know-how aus dem Westen. Ein internationales Geschäft erblüht - ein echter Aufschwung Ost! Doch bald wird das Unternehmen mit mafiösen Kreisen konfrontiert. Der Staat versucht, eine Schieflage in der Außenhandelsbilanz zu korrigieren. Unter dem Deckmantel "Transferrubel-Betrügereien" werden Geschäfts- und Privaträume durchsucht, Konten beschlagnahmt, Untersuchungshaft verhängt, mit verheerenden Folgen.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Danksagung

Allen Mitarbeitern der UNITEQ möchte ich hiermit danken. Es ist schön, auf eine solche Zeit mit solchen Freunden zurückblicken zu können.

Wir haben uns misstrauisch betrachtet, sind uns näher gekommen und haben in unserem Bereich etwas geschafft, was im Großen nicht gelang: die schnelle deutsch-deutsche Vereinigung.

Wir haben zusammen Höhenflüge und Abstürze erlebt und uns nicht unterkriegen lassen.

Für mich war es die interessanteste und aufregendste Zeit meines Lebens.

Bedanken möchte ich mich bei Herrn Michael Schumann, der dieses Buch in vortrefflicher Weise bearbeitet hat.

Winfried Woite

Inhalt

Novembernacht

Eine unerwartet einfache Idee

Ost-West-Kontakte

Kraftakt im Kombinat

Volkseigentum

Gesellschaft für Technische Qualitätsprodukte

“My ispolnjajem waschi schelanija!“ - Wir erfüllen Ihre Wünsche!

High Tech am südchinesischen Meer

Millionenregen

Die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte

Staatsanwalt und Mafia

Treffpunkt Wien

In der Schlinge

Unabhängige Justiz

Hoffnungsschimmer

Wertpapiere, geprüft von Schweizer Banken

Schlag aus dem Hinterhalt

Leningrad

Die Kaukasus-Expedition

Epilog

Nachspiel

Abkürzungsverzeichnis

Novembernacht

Den Schlüssel warf ich auf den Schreibtisch und den Mantel auf die Fußbank vor dem Sessel. Es war noch früh am Abend, gerade erst halb sieben. Doch ich war müde, als hätte ich vierzehn Stunden lang gearbeitet. Müde und vor allem lustlos, ohne dass ich dafür einen Grund erkennen konnte.

Ich ließ den Tag an mir vorüberziehen. Er war geruhsam und ereignislos verstrichen.

Ich ließ warmes Wasser in die Wanne laufen und konnte mir nicht mehr länger einreden, dass meine Müdigkeit die Folge einer verschleppten Erkältung war. Es hatte schließlich eine Zeit gegeben, in der ich mühelos zwölf oder vierzehn Stunden arbeiten konnte.

Und es hatte mir Spaß gemacht. Ich konnte kaum schlafen, vor all den Ideen, die mir durch den Kopf rauschten. Das Gebiet der Systemanalyse war für mich wie maßgeschneidert gewesen. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mein technisches und mein betriebswirtschaftliches Wissen optimal kombinieren. Ich schrieb Warenwirtschaftssysteme für Kaufhäuser, Verlage und Institute der TU. Unsere kleine Firma, die Unisoft, die Spezialistin für „universell einsetzbare Software“, war an der Modernisierung von Berliner Institutionen beteiligt gewesen, die noch heute als Wahrzeichen der Stadt gelten. Jetzt sah es allerdings aus, als würde ich nie mehr den Enthusiasmus zurückgewinnen, den ich nach der Gründung unserer Unisoft aufgebracht hatte.

Ich schlich durch die Wohnung und schaltete mich durch das Fernsehprogramm, bis ich einen Spielfilm erwischte. Eine Gemeinschaftsproduktion von ARD und ORF, wie sich aus den näselnden Stimmen schlussfolgern ließ. Anspruchslose Dialoge, abgesondert von den gleichen Gesichtern, die schon seit Jahrzehnten die Mattscheibe bevölkerten. Als nach fünf Minuten das Wort „Kommissar“ fiel, merkte ich, dass ich in einem „Tatort“ gelandet war. Ich schloss die Augen.

Auf dem Bildschirm redete der Kommissar inzwischen auf die Industriellen-Gattin ein, die endlich gestand, von den Machenschaften ihres Mannes gewusst zu haben. Und auch von dem Mord? Dem Kommissar war die Geduld gerissen. Er hatte keine Lust mehr, sich anlügen zu lassen! Die Frau starrte ihn entgeistert an, und über den Film geblendet, lief eine Nachrichtenzeile:

„DDR öffnet Grenze...Weitere Meldungen im Anschluss an diese Sendung...“

Meine Müdigkeit war weg. Ich schaltete auf andere Programme und sah den gleichen Ticker über den Bildschirm laufen. Hieß das etwa, dass wir bald ohne Visum 'rüber fahren durften? Nein, die DDR hatte wahrscheinlich ihr Reisegesetz verabschiedet. Seit drei Wochen wurde in der neuen Regierung unter Egon Krenz darüber diskutiert.

„Weitere Meldungen im Anschluss an diese Sendung.“ Solange wollte ich nicht warten. Ich schaltete um auf das Fernsehen der DDR. Das war in letzter Zeit ohnehin interessanter als die Westprogramme. Doch im ersten Programm der DDR lief ein Spielfilm, und der lief ohne Nachrichtenticker.

Das zweite brachte eine Unterhaltungssendung des Jugendprogramms 'elf 99'. Über eine Öffnung der Grenzen fiel in dieser Runde kein Wort. Nur um mich zu vergewissern, dass die Meldung ein Schnellschuss westlicher Korrespondenten war, schaltete ich um auf SFB.

Scheinwerfer beleuchteten das Gelände. Die Menschen, denen Mikrophone vor das Gesicht gehalten wurden, brachten keinen Satz hervor. Frauen brachen in Tränen aus und wandten sich von der Kamera ab. Männer schüttelten den Kopf: „...Ick gloobe es nich, ick kann's noch nicht...“ Im Hintergrund war die Mauer zu erkennen. Aus einem Tor über einer Brücke kam im Schritttempo ein Trabant nach dem anderen heraus, dazwischen Massen von Menschen zu Fuß, aneinander gequetscht und noch mitten auf der Brücke mit der Angst im Gesicht, dass im allerletzten Moment die Schranke wieder fallen würde - und einem Ausdruck der Fassungslosigkeit beim Erreichen von Westberliner Gebiet. Junge Leute rannten über eine Wiese, um die Mauer so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Der Reporter am Ü-Wagen setzte mehrmals zu dem Satz an: „Hier, am Übergang Invalidenstraße ... “ Die Übertragung wurde unterbrochen, eine Rückblende zeigte Politbüromitglied Schabowski, der gegen sieben Uhr abends eine Ankündigung verlas und eine unübersehbare Menschenmenge, die sich zwei Stunden später auf der anderen Seite der Mauer gebildet hatte. Darauf wurde wieder zur Lifeübertragung von der Invalidenbrücke geschaltet, der Reporter hielt gerade einer Frau, die in einer Gruppe auf ihn zu stolperte, das Mikrophon hin. „Wann hatten Sie persönlich erfahren, dass die Mauer... “ Die Frau unterbrach ihn, umfasste seine Hände, „einmal über den Ku' damm laufen, nur einmal, morgen wird die Mauer wieder zu sein ... “

Ich sprang auf, riss den Mantel vom Haken, schnappte den Autoschlüssel und schlug die Tür hinter mir zu. Auf der Straße war es ruhig wie jede Nacht in Charlottenburg. In der Ferne klappte eine Wagentür. Ich bog in den Ku' damm ein und fuhr auf die Gedächtniskirche zu. Der Verkehr war flüssig, nur in Richtung Breitscheidplatz etwas dichter als auf der Gegenfahrbahn.

Ich konnte es mir noch nicht vorstellen. Doch es hatte sich abgezeichnet. Es hatte in der Luft gelegen.

An der Ecke zur Uhlandstraße geriet der Verkehr ins Stocken. Aus Kneipen und Touristen-Restaurants waren Gäste ohne ihre Mäntel vor die Tür getreten, wo sie fröstelnd nach verschiedenen Seiten Ausschau hielten. Eine Parklücke war nirgendwo mehr zu entdecken. Ich fuhr meinen Wagen in das Parkhaus Meineckestraße. Als ich zurück zum Ku'damm kam, war der Menschenauflauf spürbar stärker geworden, aus verschiedenen Richtungen waren Autohupen zu hören, und die meisten Leute trieb es an die Kreuzung zur Joachimsthaler Straße.

Noch bevor ich das Kranzler-Eck erreicht hatte, brach von allen Seiten ein Hupkonzert los, Fußgänger rannten quer über die Kreuzung, Autofahrer ließen ihre Wagen mitten auf der Straße stehen und stürmten einem beigefarbenen Trabant entgegen. Die fünf Insassen wurden auf die Schultern gehoben, ihre Gesichter spiegelten das ungläubige Staunen wider, den Glückszustand, der noch nicht begriffen werden konnte. Ich versuchte mir vorzustellen, was sie jetzt sahen, auf der Joachimsthaler Straße/Ecke Tauentzien, wie sie es wahrnehmen würden und wusste, dass es ausgeschlossen war, mich in sie hineinzuversetzen. Autos mit dem „I“ im Nummernschild tauchten in größer werdenden Konvois auf; ein himmelfarbener Trabant, ein Wartburg, ein grauer Trabant, ein Trabant in Badezimmerfarben, die Fahrer, Beifahrer, Mitfahrer sprangen auf die Straße, rieben sich die Augen, ein erster Sektkorken knallte über den Platz. Die Gesichter der Männer waren ebenso von Tränen verschmiert wie die der Frauen. Kashmirmäntel rieben sich an Anoraks und Kunstlederjacken, Statussymbole verloren innerhalb von Minuten ihre Bedeutung. Plötzlich sah ich eine Limousine mit türkisfarbenem Metallic-Anstrich, die mit jedem Meter, den sie auf der Kreuzung vorwärtskam, doppelt so stark federte wie ein Citroen. Die Fenster an den Vordertüren waren halb herabgelassen. Ich beugte mich zum Fahrer: „Was ist denn das für ein Modell?“

„Ein Wolga, ob wir hier irgendwo noch einen Parkplatz finden?“

„Savignyplatz vielleicht.“

Beiden Männern war anzusehen, dass sie, so benommen sie auch sein mochten, ihr Selbstvertrauen nicht völlig in der Euphorie aufgehen lassen wollten. Sie wechselten einen Blick und der Beifahrer öffnete mir die Hintertür.

Mühsam dirigierte ich sie dem Savignyplatz entgegen. Seit vier Stunden, erzählten sie, seien sie unterwegs gewesen. Die Ankündigung von Schabowski hatten sie wörtlich genommen, wie zehntausende mit ihnen, die es nicht mehr interessierte, wie die sich ständig widersprechenden Erlasse einer desolaten Regierung zu verstehen seien. Nach 22 Uhr war der Checkpoint Charlie von den „Organen“ nicht mehr als Ausländerübergang aufrecht zu erhalten gewesen. Sie erzählten weiter, dass sie am nächsten Morgen um 7 Uhr auf ihren Arbeitsstellen erwartet würden, und auch die Absicht hätten, dort zu erscheinen. Ich fragte sie, ob sie sich von mir einladen ließen, gleich hier in der Nähe des Savignyplatzes. Ich dachte an eines der spanischen Restaurants in der Wielandstraße.

Sie zuckten mit den Achseln. “Geld hätten wir genug. Wir arbeiten ja ooch. Wenn Sie vielleicht... aber tauschen nützt Ihnen ja ooch nicht viel.“

Ich hatte den empfindlichsten Punkt der Verbrüderung getroffen.

„Na sicher nützt es mir was. Spätestens nächste Woche möchte ich auch mal wieder rüber fahren.“ Ich tauschte beiden 100 Mark im Verhältnis 1:1.

Bis drei Uhr morgens saßen wir bei gebackenen Sardinen, Polio und Vino rosado und tauschten, unter den ausgelassenen Darbietungen des hauseigenen Gitarerros, Informationen über unser Leben zu beiden Seiten der Mauer aus. Wenn die Ostberliner vielleicht erstaunt über mein Dasein als freier Unternehmer gewesen waren, so war ich noch mehr fasziniert von den Berichten des Abteilungsleiters im VEB Glühlampenwerk NARVA und des Dispatchers der Handelsorganisation, der die Belieferung der „gastronomischen Versorgungseinrichtungen“ eines ganzen Stadtbezirks zu koordinieren hatte. Bevor wir uns verabschiedeten, war es mir noch geglückt, die Rechnung unauffällig an der Theke zu begleichen.

Spät am nächsten Vormittag wurde ich beim Eintreffen in der Firma von Hildes - meiner Firmenmitinhaberin - verständnisvollem Lächeln empfangen. Sie war erst wenige Minuten vor mir gekommen, und für die nächsten Stunden rechneten wir nicht auf Verstärkung durch weitere Mitarbeiter. Voll von den Eindrücken der letzten Nacht gaben wir uns nicht mehr der Illusion einer kontinuierlichen Arbeit hin.

„Das ist das Ende der DDR“, sagte sie in trockenem Ton.

Die Radikalität dieser Behauptung verwirrte mich etwas. Mit der gestrigen Nacht hatte unzweifelhaft eine vierzigjährige Frostperiode ihr Ende gefunden. Fest stand auch, dass wir jetzt vor nicht absehbaren Veränderungen standen. Über das Ende eines faktisch bestehenden Staates zu spekulieren, schien mir jedoch zu gewagt.

Die folgenden Wochen ließen mit jedem Tag deutlicher das Ausmaß der Veränderungen erahnen, die noch bevorstehen würden.

Demonstrationen in der Tschechoslowakei und Bulgarien erzwangen die Auflösung von Systemen, die für die Ewigkeit errichtet schienen.

Der Bundeskanzler verkündete in Bonn ein Konföderationskonzept, das für einen Zeitraum von zehn Jahren angelegt sein sollte, und versprach drei Wochen später in Dresden den baldigen Vollzug der deutschen Einheit. Sein Gastgeber Modrow war neben ihm auf dem Podium zum Mantelhalter degradiert worden.

Unisoft wurde von den Ereignissen fast überhaupt nicht tangiert, sah man einmal davon ab, dass unsere Vertragspartner aus der Einzelhandelsbranche kaum noch ansprechbar waren. Freunde und Bekannte hatten ihre kurze Euphorie wieder abgeschüttelt und achteten darauf, dass ihr Leben in den gleichen Bahnen ablief wie bisher. Gelegentlich war ein Murren über die Ostler zu hören, die in den Supermärkten den ganzen Bestand an Schokoladen-Weihnachtsmännern weggekauft hatten.

Ende Dezember war das Brandenburger Tor offen, die Mark der DDR wurde von der Staatsbank 3:1 getauscht und noch nicht abgelaufene Mehrfachberechtigungsscheine konnten in den Müll geworfen werden. Westberliner Banken tauschten die Mark der DDR allerdings zum Kurs von 12:1 um.

Eine unerwartet einfache Idee

Am letzten Sonntag im Januar war ich mit Eva bei einem befreundeten Paar zum Mittagessen eingeladen.

„Entschuldige bitte, ich hatte dich noch gar nicht mit Felix aus dem Osten bekannt gemacht.“ Beiläufig erwähnte sie noch die Branche, in der ich tätig war. Das unbestimmte Lächeln meines Gegenübers wechselte plötzlich in einen Ausdruck interessierter Gespanntheit.

„Gibt es eigentlich drüben ein Studienfach“, fragte er mich, „das zum Schreiben von Software befähigt? Es interessiert mich schon deshalb, weil die Programmierer in unserem Betrieb sich ihre Kenntnisse fast ausschließlich selbst erarbeiten müssen.“

„So war es im Prinzip auch bei mir.“ Ich erzählte ihm, dass ich mein Studium der Elektrotechnik noch mit einem Studium der Betriebswirtschaft kombiniert hatte, ohne damals bereits zu ahnen, wie vorteilhaft das für das Gebiet der Systemanalyse sein würde.

„War es schwierig, nach dem Studium gleich eine Stelle zu finden?“ fragte Felix.

Ich versuchte zu erklären, dass es nicht vordringlich um das Finden einer Stelle ging, sondern um das Hineinwachsen in ein bestimmtes Gebiet. Damit waren wir dann auch schon beim Thema der Selbständigkeit; bei meiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer der ersten Firmen, die Apple-Computer verkaufte und meiner späteren Hinwendung zur Software, die ja von den Anwendern erst allmählich als der wichtigste Bestandteil eines EDV-Systems erkannt wurde.

Felix' Lächeln hatte sich nach innen gekehrt.

„Ich habe mir jetzt die Preise in den Läden bei euch angesehen.

6.000 Mark für einen Mikrocomputer. Robotron verlangt für einen Rechner von annähernder Leistung 60.000 Mark. Diese Geräte haben dann aber auch die Größe eines Waschtischs. Wenn die Währung der DDR eines Tages konvertierbar werden sollte, ist es aus mit Robotron. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Lieferzeiten der Westfirmen etwas kürzer sind als bei uns.“

„Bei Großaufträgen hatten wir manchmal schon bis zu drei Wochen Lieferzeit.“

„Wie lange, sagten Sie gerade?“

„Robotron hat eine Lieferzeit von zwei Jahren.“

„Und andere Firmen?“

“Gibt es nicht. Robotron hat das EDV-Monopol für die gesamte DDR.“

„Womit sie anscheinend überfordert sind.“

„Natürlich. Aber vor der Wende war das nicht weiter tragisch. Jetzt allerdings, wo es sich abzeichnet, dass die DDR bald den RGW verlassen wird, wird es prekär, verstehen Sie? Marktwirtschaft soll eingeführt und die DDR-Produktion dem Weltmarkt angepasst werden. Ich frage mich, wie eine moderne Wirtschafts-Organisation ohne angemessenes EDV-System funktionieren soll.“ Felix räusperte sich. „Ich erkläre Ihnen auch gern, wieso mich diese Sache im Moment beschäftigt. Ich arbeite in der Grundmittelabteilung des EAB ... “

„Des? ... “

„VEB Elektroanlagenbau Berlin. Eines der größten Kombinate der DDR. Wir haben eine Belegschaft von 56.000 Leuten. Davon 16.000 bei uns auf der Rhinstraße, in Marzahn. Unser Exportvolumen allein in die SU umfasste mehr als zwei Milliarden Mark pro Jahr. Ob für Kraftwerke, Handelsschiffe, Bergbau, Schulen oder Hotels, die elektrotechnische Ausrüstung kommt von EAB ...“

„Ich muss Sie nochmal kurz unterbrechen. Grundmittelabteilung? ... “

„Na ... Beschaffung. Und dort sitzen wir jetzt auf einem Etat von 60 Millionen für den Kauf neuer Computer. Bestellen wir nun bei Robotron? Oder warten wir ab, wie es sich mit der Währung entwickelt? Mit dem Risiko, dass uns vielleicht irgendwann der Etat entzogen wird.“

Jetzt hatte ich es begriffen: Felix war im Einkauf tätig. „Stehen Ihrem Betrieb denn keine Devisen zur Verfügung?“

“Dem Betrieb? So einfach ist das nicht. Aber die Frage stellt sich gar nicht, da wir die Computer ja in der DDR bestellen können.“

„In einem Jahr habt Ihr die D-Mark!“ Mit dieser Bemerkung löste Eva bei den Gästen eine leichte Irritation aus.

„Was wollt ihr?“, fragte sie daraufhin, „eine halbsozialistische DDR mit einem Häppchen Marktwirtschaft und einer von Bonn gestützten Ost-Währung? Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Die D-Mark schon in einem Jahr? Wie soll unsere Wirtschaft das verkraften?“

Rund um den Tisch wurde jetzt über die angekündigten Wahlen im März und über die Frage, ob die DDR ökonomisch überleben könne, diskutiert.

Joint-Venture. Dieses Wort fiel mehrmals. Die Regierung hatte kurz zuvor eine Verordnung erlassen, die die Gründung dieser Unternehmensform gestattete. Verstanden wurde darunter ein gemeinsames Vorhaben zwischen rechtlich und wirtschaftlich voneinander unabhängigen Unternehmen, bei dem die Partner die Führungsverantwortung und das finanzielle Risiko gemeinsam tragen. Auswirkungen auf die DDR-Wirtschaft versprach man sich davon jedoch nicht, da die Gewerbefreiheit noch nicht eingeführt war. „Wie denn auch“, klagten jetzt die Ostberliner Gäste, „wenn täglich Minister ausgewechselt und Kompetenzen immer unklarer werden.“

„Glauben Sie nicht, dass auch bald die Gewerbefreiheit eingeführt wird?“, fragte ich Felix, „gerade die Modrow-Regierung müsste doch an neuen Impulsen für die Wirtschaft interessiert sein.“

„Wahrscheinlich. Aber diese Joint-Venture-Verordnung hat noch einen anderen Haken. Einen, der die Investoren nicht gerade anlockt. Die Gründung soll nämlich nach DDR-Recht vollzogen werden.“

„Aber die Rechtsform hängt doch vom Firmensitz ab.“

„Der soll natürlich auch in der DDR sein.“

„Verstehe ... “ Mir war plötzlich eine Idee gekommen, eine so überraschend einfache Idee, dass ich sie im ersten Moment selbst kaum ernst nehmen konnte. Während das Gespräch am Tisch weiterverlief, gewann diese Idee an Konturen, und wie um mich selbst zu zügeln, stellte ich eine Frage, von deren negativer Antwort ich überzeugt war:

„Gibt es eigentlich schon ein Gesetz, nach dem Westbürger in der DDR ein Konto mit Ostmark eröffnen können?“

Felix schaute mich erstaunt an. „Das gibt es schon seit Ewigkeiten.

Sie hätten schon vor Jahren zur Staatsbank gehen und ein Konto mit 20 Pfennig Restumtausch-Geld eröffnen können. Darauf gab es sogar Zinsen.“

„Was hältst du davon, Computer in die DDR zu verkaufen“, fragte ich Hilde am nächsten Montag in der Firma. Ich erzählte ihr von dem Problem, das Felix und seine Kollegen in der

„Beschaffungsabteilung“ bedrückte. Sie schien mich aber nicht gleich zu verstehen.

„Wir sind eine Software-Firma ...“

„... und können genauso gut als Handelsunternehmen tätig werden.

Wir kaufen die Computer bei westlichen Lieferanten und verkaufen sie an den EAB.“

„Der uns dann die Computer in D-Mark zahlen würde, oder wie stellst du dir das vor?“

„Wieso in D-Mark? Wir multiplizieren den Einkaufspreis mit dem bei den Banken üblichen Umtauschkurs 1:10 ...“, ich rechnete kurz nach, „dann wären wir allerdings schon bei den Preisen von Robotron. Wir würden keinen Gewinn machen, aber auch keinen Verlust.“

„Und was hätten wir davon?“

„Kurzfristig? Einen nicht hoch genug einzuschätzenden Vorsprung an Kontakten, an Verbindungen. Den gewinnen wir jetzt nur durch eine Vorleistung. Wir erfüllen sozusagen erstmal einen Wunsch.

Denn was immer wir auch liefern werden, wir liefern es sofort, und es wird von besserer Qualität als von Robotron sein. Langfristig gesehen, haben wir ein Bein in einem Markt, der völlig neu im Entstehen ist. Lohnt sich das etwa nicht?“

Hilde hielt die Arme verschränkt und kommentierte jeden Satz von mir mit amüsiertem Blick. Dann wandte sie sich plötzlich ab. „Das ist mir zu unkonkret.“

Ich bemühte mich um einen sachlichen, beinah desinteressierten Tonfall. „Wir liefern dem EAB die Hardware, soweit es für uns finanziell vertretbar ist, und entwickeln ihnen anschließend die für sie passende Software.“

„Und das Geld willst du dann im Koffer zurücktransportieren, um es hier umzutauschen.“

„Nein! Wir legen drüben ein Konto an. Keine der zur Wahl angetretenen Parteien kann es sich leisten, die Währungsfrage auf die lange Bank zu schieben. Im Übrigen glaubt kein Mensch mehr an einen Wahlsieg der SED-Nachfolgerin. Du wirst sehen, noch in diesem Jahr wird sich unsere Investitionsbereitschaft auszahlen.“

„Na gut. Wenn du so davon überzeugt bist. Zu allererst müssten wir ausrechnen, was Unisoft für den Einkauf der Ware vorstrecken könnte.“

Gleich nach diesem Gespräch vereinbarte ich einen Termin mit meinem Sachbearbeiter bei der Bank, Herrn Haertel. Erkundigen wollte ich mich vor allem, wie hoch zur Zeit meine private Kreditwürdigkeit eingeschätzt wurde. Es schien mir nicht unwichtig zu wissen, bis zu welcher Grenze ich in der Lage wäre, eventuelle Belastungen von Unisoft abzufedern.

Noch vor dem Eingang zur Bank bremste ich meine Schritte und blieb überrascht vor der Währungstabelle im Schaufenster stehen.

Der Kurs der DDR-Mark war auf 8:1 gestiegen. Vor Neugier gespannt, nahm ich Herrn Haertel gegenüber Platz. „Die Ost-Mark scheint sich wieder zu erholen.“

„Ist doch kein Wunder“, Herr Haertel legte sich einen wissenden Ausdruck zu, „jetzt, wo es klar ist, dass die CDU die Volkskammer-Wahlen gewinnt.“

„Sie scheinen ja hervorragend informiert zu sein.“

„Unsere Kunden von drüben sind zumindest davon überzeugt. Sie heben jetzt nicht mehr ihre Guthaben ab, um sie hier zum Kurs von 12:1 zu verschleudern. Nein, nein, die nehmen zum Teil schon beträchtliche Kredite auf. Die Geschäftsleitung hat übrigens entschieden, Ostwährung nur noch in geringem Umfang zu tauschen.“

„Hier in der Zweigstelle?“

„Nein, nein, das kommt aus Frankfurt.“ So ungebrochen von der eigenen Wichtigkeit überzeugt, hatte ich Herrn Haertel noch nie erlebt. Wollte er vielleicht seinen Kunden gegenüber den Anschein erwecken, dass er gerade von einer Präsidiumssitzung der Bundesbank zurückgekehrt sei? Doch abgesehen davon hatte ich den Eindruck, dass es nicht verkehrt sein könne, hier noch etwas nachzubohren.

„Die Banken sind also gar nicht an einem so rasanten Fall der DDR-Mark interessiert...“

Herr Haertel schüttelte den Kopf. „Niemand, der verantwortlich denkt, kann daran interessiert sein. Wir wollen schließlich nicht, dass dort überhaupt keine Kaufkraft mehr vorhanden ist. Wenn es dann soweit ist.“

Diesen Satz ließ ich mir im Stillen auf der Zunge zergehen. Das war wirklich schön gesagt. Die Bürgerbewegung, die sich um der DDR willen mit der Stasi geschlagen hatte, konnte einem schon leid tun.

Aber diesen Aspekt wollte ich jetzt nicht mit Herrn Haertel erörtern.

„Dann wäre also“, fragte ich ihn, „der von der Staatsbank festgelegte Kurs von 3:1 doch nicht so abwegig?“

„Ach, ich bitte Sie! Der ist doch völlig unrealistisch! Das hieße ja, dass die Mark der DDR dem Wert des Franc entspräche.“

„Aber wie findet man denn nun einen fairen Kurs heraus? Ich habe nämlich einen Bekannten im Osten, der sich selbständig machen möchte. Wir sind übereingekommen, dass ich ihn mit Bürotechnik unterstütze. Ich kann ihm die Ausrüstung nicht schenken, aber übervorteilen möchte ich ihn auch nicht.“

Herr Haertel lehnte sich zurück. „Wenn Sie ihm 6:1 berechnen, ist er gut bedient.“

Auf dem Rückweg zur Firma hatte ich noch einen Umweg an anderen Banken vorbei gemacht und fand Herrn Haertels Einschätzung mehr oder weniger bestätigt. Der Kurs lag zwischen 9:1 und 7:1. An einem Schalter hatte ich auf meine Frage, ob ich 20.000 Mark der DDR tauschen könne, eine abschlägige Antwort erhalten. Die Angestellte hatte mich dabei mit dem gleichen Blick bedacht, den ich kürzlich einem fliegenden Geldwechsler am Bahnhof Zoo zugeworfen hatte.

Nun saß ich über die Unterlagen von Unisoft gebeugt und grübelte über einem Problem, das geklärt werden musste, bevor ich dem EAB überhaupt ein Angebot machen konnte: 60 Millionen Mark der DDR standen dem Kombinat für den Kauf von Hardware zur Verfügung. Bei einem Kurs von 6:1 würde Unisoft für 10 Millionen D-Mark Ware verkaufen können. Für 10 Millionen D-Mark, die auf ungewisse Zeit vorgelegt werden müssten. Da niemand erraten konnte, wann eine Währungsregelung getroffen werden würde, für welchen Zeitraum Unisoft also diese Mittel vorstrecken müsste, ließ sich auch nicht die Höhe des Risikos berechnen, das unsere Firma eingehen würde. So ging es natürlich nicht!

Ich versuchte, meinen Plan noch einmal in aller Nüchternheit zu überdenken.

Für den EAB dürfte es schon von Vorteil sein, wenn er nur für einen Teil seines Ankaufsetats westliche Bürotechnik bekäme. Bei dem angenommenen Kurs würden wir in kleinerem Umfang weit preiswerter liefern als Robotron und könnten obendrein noch eine handelsübliche Gewinnspanne festlegen. Als rechtliche Absicherung käme jedoch nur ein Joint-Venture mit dem EAB in Frage. Eine andere Möglichkeit konnte ich mir auch nach intensivstem Nachdenken nicht vorstellen.

Ich musste mir nur noch einmal ernsthaft überlegen, wieso mir so viel an dieser Idee lag. War es wirklich der Reiz einer neuen Situation?

Ja, das war es. Den Umbruch der östlichen Welt konnte ich nicht mit einem Achselzucken übergehen. Er fand schließlich vor meiner Haustür statt. Marktwirtschaft wurde über Nacht eingeführt. Das hatte es noch nie gegeben. Welches Debakel das mit sich bringen konnte, sah man bereits am Beispiel von Ungarn. Die einzigen Branchen, die dort zu florieren schienen, waren die Porno-Märkte und der Gebrauchtwagenhandel. Auf Dauer kein allzu festes Fundament für eine Volkswirtschaft!

Westliches Marketing. Ich verfügte über die Kenntnisse, die nur drei Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt dringend benötigt wurden. Und ich konnte ein Geschäft zum beiderseitigen Vorteil anbieten. Das war immer noch die solideste Basis für „Entwicklungshilfe“. Es war schließlich bekannt, welchen Unmut es erzeugt, wenn Geben und Nehmen keine ausgeglichene Bilanz aufweisen. Warum sollte ich also nicht bei diesem EAB anfragen, ob Interesse am Kauf von Computern bestünde?

Wahrscheinlich, so stellte ich mir plötzlich vor, saßen sie genau in diesem Augenblick dort in der Direktionsetage beisammen und tüftelten an einem künftigen Marketing-Konzept. Wahrscheinlich nahmen an der Runde auch schon westliche Experten teil, mit Joint-Venture-Verträgen in den Aktenköfferchen.

Die Idee, ein Großkombinat der DDR mit Computern auszurüsten, erschien mir plötzlich sehr naiv.

Sollte ich meine Aktivitäten nicht eher in breitere Bereiche streuen? Als Hard- und Software-Service, für kleine und neugegründete Betriebe. Vier, fünf Computer und dazu ein Konzept für ein modernes Warenwirtschaftssystem. Halt! Es gab ja noch keine Gewerbefreiheit. Doch irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten würde sie eingeführt werden. Bis zu diesem Zeitpunkt würde ich ja schon Vorbereitungen für den Aufbau eines kleinen Vertriebsnetzes treffen können. Und für diesen Vertrieb lag es doch nahe, DDR-Bürger auszubilden!

Ost-West-Kontakte

„Können Sie mir sagen, welche Zeitung am meisten gelesen wird?“

Die Rentnerin, die in den Kiosk auf der U-Bahn-Station Friedrichstraße eingepfercht war, warf mir einen erschöpften Blick zu. „Welche Zeitung wollen Sie denn?“

„Die, die am meisten gelesen wird.“

Mit einer verständnislosen Geste wies sie gegen die Leiste, an der die Tageszeitungen angeklammert waren. Ich trat zurück, um zu sehen, was die anderen Kunden kauften. Nach fünf Minuten gab ich es auf. Niemand war gekommen, eine Zeitung zu kaufen.

Am Kiosk vor dem Haupteingang des Bahnhofs war schon regerer Betrieb. Erstaunt beobachtete ich, wie mehr als die Hälfte der Käufer nach dem „Neuen Deutschland“ verlangten. Ich sah keinen Grund mehr, mich anders zu entscheiden.

Gleich neben dem Kiosk blätterte ich die Zeitung durch, um zu sehen, ob meine Wahl richtig gewesen war. Tatsächlich. Eine ganze Seite war mit Anzeigen gefüllt, darunter auch von Firmen aus dem Westen. Ein angetrunkener Witzbold torkelte auf mich zu und fauchte mir etwas von „roten Socken“ ins Ohr. Ich faltete mein ND zusammen und fuhr zurück zu Unisoft. Nach zweistündigem Versuch hatte ich dann endlich die Anzeigenabteilung des 'Neuen Deutschland' am Apparat. Während ich noch diktierte, „Westberliner Firma sucht Kooperationspartner...“, wurde ich schon mit leicht verunsichertem Tonfall unterbrochen: „Anzeigen können nur von Bürgern der DDR aufgegeben werden.“

„Ach so? In Ihrer heutigen Ausgabe sehe ich beispielsweise die Anzeige einer Firma aus Konstanz.“

„Das ist möglich, ja. Haben Sie Freunde oder Bekannte in der DDR?

Ein Bürger der DDR kann unter Vorlage seines Personalausweises jederzeit eine Anzeige aufgeben.“

„Auch wenn es klar wäre, dass er im Auftrag handeln würde?“

Nach einem Augenblick des Schweigens erhielt ich zur Antwort:

„Unter Vorlage des Personalausweises können Bürger der DDR...“ Ich hatte begriffen. Jetzt gab es schon zwei Gründe, die Verbindung zu Felix aufzunehmen. Ungeachtet meiner 'Hard- und Software-Services'-Planung wollte ich dem EAB auf jeden Fall mein Angebot unterbreiten.

Von Joachim erfuhr ich noch in der gleichen Stunde, dass Felix kein eigenes Telefon habe, und dass ein Versuch, ihn im Kombinat zu erreichen, absolut sinnlos sei. Der EAB habe anscheinend nur Außenanschlüsse ins Gebiet der DDR. „Du kannst dich ja“, so wurde ich getröstet, „dem Treffen zwischen Felix und mir in der kommenden Woche anschließen. Und gewöhn' dich daran, dass du dich bei Kontakten in die DDR, egal von welcher Art sie sind, mit Geduld wappnen musst. Hast du schon einen Plan, wie du Kontakte zu den anderen Ost-Firmen aufnehmen könntest?“

„Mailing, würde ich sagen. Die Methode, die seit mehr als fünfzig Jahren üblich ist.“

„Und die Adressen? Erzähl jetzt nichts von einem Branchenbuch. Es soll zwar eins geben, aber ich habe noch niemanden getroffen, der eins hat. Über die Postämter kann man jedenfalls keins beziehen.“ Das war in der Tat eine wenig beflügelnde Aussicht. Ich hatte jedoch nicht die Absicht, vor solchen kleinen Widrigkeiten zu kapitulieren.

Dafür fühlte ich mich schon viel zu stark mit meiner neuentstandenen Idee verbunden.

Die Parterre-Wohnung in der Schönhauser Allee, die ein Bekannter von Felix zum Möbelgeschäft umrüsten wollte, schien für das Projekt durchaus geeignet zu sein. Die Fensterfront ließe sich nach Joachims Einschätzung erweitern, und die eine Stützwand, die nicht herausgerissen werden könne, würde den künftigen Raum nur zur Hälfte teilen. Die Ortsbesichtigung war damit abgeschlossen.

Jetzt endlich hatte ich die Gelegenheit, Felix meine Vorstellungen zu erläutern. Sie stießen nicht nur schlechthin auf Erstaunen; sie schienen beinah Fassungslosigkeit hervorzurufen.

„Finden Sie es so unrealistisch?“, fragte ich ihn. „Gibt es da vielleicht Probleme, von denen ich nichts wissen konnte? Ich dachte nur, dass Ihre Abteilung die Idee aus ihrer Sicht prüfen könnte, und wenn sich daraus ein Vorteil für Sie ergäbe, dann wüsste ich nicht, warum es nicht probiert werden sollte.“

Felix schüttelte den Kopf. „So ein Geschäft liegt erstmal außerhalb unserer Vorstellungskraft. Ich fürchte, dass es an so simplen Hindernissen wie Zöllen und Importgenehmigungen scheitern wird.

Obwohl Ihnen zur Zeit niemand sagen könnte, was davon noch gültig ist.“

„Hier auf der Schönhauser scheint das auch niemanden mehr zu interessieren.“

An der gegenüberliegenden Straßenseite parkte ein VW-Bus mit Westberliner Kennzeichen. Die Ladetür war weit geöffnet. Zwei junge Männer mit Baseballmützen verkauften Kassetten westlicher Herkunft. Ich schlenderte zusammen mit Felix hinüber und fand meine Annahme bestätigt. Die Käufer zahlten in Mark der DDR.

„Eine Importgenehmigung haben die sich selbst erteilt!“ Felix schob die Hände in die Taschen und nickte stumm.

„Warum“, fuhr ich fort, „sollte das gleiche nicht auch auf einer ernsthaften Basis möglich sein?“

„Es wird schwierig werden, beim EAB jemanden zu finden, der dafür die Verantwortung übernehmen würde. Früher lag das in der Zuständigkeit von Brahm, dem Kombinatsleiter. Der sitzt jetzt in seinem Büro und wartet auf seine Entlassung. Alter Bonze, politisch belastet. Das übliche. Es scheint nur niemanden mehr zu geben, der ihn entlassen könnte. Kann uns aber egal sein, ich werde Ihren Vorschlag auf jeden Fall der Abteilung unterbreiten. Und Ihre Anzeige gebe ich morgen im ND auf.“

„Habt Ihr noch Lust auf'n Bier?“, fragte Joachim.

„Hier, irgendwo auf der Schönhauser?“

Wir hatten. Nach wenigen Schritten wies Felix auf einen Imbissstand unter den Hochbahngleisen. „Den gab es schon vor dem Bau der Mauer. Ist bekannt für die leckersten Bockwürste von Berlin.“

Joachim reihte sich mit Felix in die Schlange am Wurststand ein. Ich selbst hatte im Moment keinen Appetit auf einen dieser urwüchsigen, currybestrichenen Schwengel, die die Vorübereilenden in den Fäusten hielten. Meine Neugier trieb mich stattdessen zu einem der Schreibwarengeschäfte, von denen es allein in der Schönhauser Allee mehr als zehn zu geben schien.

Ich war fasziniert. Schreibmäppchen mit Kroko-Mustern, Briefbeschwerer mit Büffelköpfen, verstellbare Halterungen für Bleistiftstummel und Anspitzer in Form einer Erdkugel waren zwischen Spielkarten, Stammbuchbildchen und 20cm hohen Fernsehtürmen drapiert. Sollte es zu einer Währungsunion kommen, hätten Läden dieser Art gegen die Kaufhäuser kaum noch eine Chance. Und darüber war ich überhaupt nicht glücklich. Gab es denn zum Untergang dieser Geschäfte überhaupt keine Alternative mehr?

Zumindest würden sie sich nicht mehr die gewohnte Platzverschwendung leisten können. Eine breite, über Eck verlaufende Wandfront war ungenutzt, wie schon von außen durch die Scheibe zu erkennen war.

Ich betrat den Laden und beugte mich über den Vitrinen-Tresen.

Füllhalter mit goldenen Federn reihten sich über gewellte Samtbezüge. Die Preise schienen dem Taschengeld von Schülern angepasst zu sein. Ich wartete, bis die anderen Kunden den Laden verlassen hatten, dann stellte ich mich kurz vor, zeigte der Verkäuferin meine Unisoft-Visitenkarte und fragte sie, was sie davon hielte, wenn ich ihr ein Kopiergerät in die freie Ecke stellen würde.

„Die Einnahmen könnten wir uns teilen, die Wartung übernehme ich und Gebühren für die Aufstellung oder ähnliches brauchen Sie nicht zu zahlen.“

„Hm ... ich weiß nich'. Müsst' ich fragen ... “

„Ihren Chef, oder Chefin?“

Sie dachte nach und schüttelte den Kopf.

„Ist denn jemand da, mit dem ich sprechen könnte?“

„Weiß ich jetzt nich'.“

Ich bot ihr an, meine Adresse dazulassen, doch mit diesem Vorschlag schien ich einen heftigen Schreck in ihr ausgelöst zu haben.

„Ich kann auch selbst nochmal vorbei kommen, wenn Ihnen das lieber ist. Wann, denken Sie, wüssten Sie denn ungefähr Bescheid, ob ein Interesse besteht?“

„Weiß nich', vor Sommer, glaub ich nich'. Müsst' ich fragen.“

Jetzt hatten wir Ende Februar. Ich entschuldigte mich für die Störung und verließ den Laden. Felix und Joachim erwarteten mich vor der Tür. Wir brauchten nicht lange zu suchen, um eine Kneipe zu finden, die uns zusagte.

„Gibt es eigentlich“, fragte ich Felix nach dem zweiten Bier, „unter DDR-Bürgern so etwas wie eine Abneigung gegen den Abschluss von Geschäften? Vielleicht als Folge der sozialistischen Erziehung?“

„Wie kommen Sie denn darauf? Man war immer gezwungen, die Augen offen zu halten. Die Leute hatten ja gewöhnlich ihre Kunststoff-Beutel bei sich, und wenn man irgendwo eine Schlange sah, reihte man sich ein. Egal, was es gab, man konnte alles gebrauchen, meistens zum Tauschen. Und Handwerker ließen sich für Reparaturaufträge außerhalb der Warteliste in der Regel nur in D-Mark bezahlen.“

Ich nahm einen tiefen Schluck und versuchte, mich mit dem rätselhaften Verhalten der Verkäuferin abzufinden.

Vier Tage später erhielt ich den ungeduldig erwarteten Rückruf von Felix. „Wir müssen es als Wunder betrachten, dass es mir gelungen ist, zu Ihnen durchzukommen. Was Ihre Anzeige betrifft, so hat das ND mich an die Annahme für Auslandsanzeigen verwiesen, die sie selbst aufsuchen müssten. Die Gebühr ist in Devisen zu entrichten.“

„Dabei kann ich gleich noch 100 D-Mark für die Beschaffung eines Branchenbuches aussetzen. Glauben Sie, ob die so etwas drucken?“

„Branchenbuch? Moment mal! So ein Ding habe ich letzte Woche bei uns in der Abteilung gefunden habe. Auf einem Regal, unter einer dicken Staubschicht. Es scheint hier niemand zu benötigen.

Die Adressen, die wir brauchen, haben wir ja auch in der Kartei. Ja

... Ihr Vorschlag für den Computer-Verkauf stieß, um es kurz zu sagen, auf großes Interesse, die Abteilungsleiter wollten sich aber nicht festlegen. Im Grunde können sie's auch gar nicht. Gestern waren Leute von Siemens im Werk, die kündigten an, dass die den EAB übernehmen werden. Die seien, so heißt es aber, nur am Werks-Gelände und an den ungelernten Band-Arbeitern interessiert.

Alle qualifizierten Kräfte sollen entlassen werden ...“

„Wie bitte? Das halte ich für ausgeschlossen!“

„Ich kann nur wiedergeben, was man uns erzählt hat, ich saß ja nicht mit am Tisch. Ich weiß sowieso nicht mehr, was ich alles glauben soll. Zwei Tage vorher waren Vertreter von Bosch hier gewesen, die angeblich das gleiche zu verstehen gegeben hätten. Aber davon abgesehen, wollen einige Programmierer aus der Produktionsabteilung mit Ingenieuren aus der Planungs- und der Entwicklungsabteilung einen Besuch von Ihnen vorbereiten. Wahrscheinlich brauchen wir dafür gar keine Genehmigung mehr.“

Ich konnte mich bei Felix vorerst nur bedanken, indem ich ihn in das exklusive mexikanische Restaurant einlud, das ich eine Woche zuvor entdeckt hatte.

Die beiden jungen Herren, die mir in meinem Unisoft-Büro gegenüber saßen, hatte ich unter 42 Bewerbern ausgewählt.

Meine Anzeige war auf eine wirklich bemerkenswerte Resonanz gestoßen. Die eigenwilligste Zuschrift stammte von einem Azubi aus Cottbus, der mir seinen Ausbildungsbetrieb zum Kauf anbot. Kaum weniger erstaunt war ich über den Brief eines „Transportarbeiters“, der mich unter Hinweis auf seine „Verfolgung unter dem SED-Regime“ um die Finanzierung eines Autosalons bat, und über die vertraulichen Angebote des „Managers“ einer Dresdner Heavy-Metal-Band, der seine „marktwirtschaftlichen Erfahrungen im grenzüberschreitenden Verkehr mit der CSSR“ hervorhob. Sie, und noch mancher andere hatten offensichtlich das Wort „Hardware“ missverstanden.

Die von mir Eingeladenen, Herr Ahrens und Herr Leonhardt, waren fast die einzigen gewesen, die über eine gewisse Vorstellung von selbständiger Vertriebstätigkeit verfügten. Man hätte sie für Zwillinge halten können, die beiden Endzwanziger aus Köpenick mit ihren Schnurrbärten, Föhnwellen und bunten Lederkrawatten, die in der DDR offenbar als Zeichen einer marktwirtschaftlichen Orientierung galten. Gemeinsam hatten sie eine elektrotechnische Ausbildung abgeschlossen und arbeiteten seitdem im Kabelwerk Oberspree. Sie betonten, dass ihr Interesse schon seit langem der Computertechnik gelte und sie sich bereits von ihrem Begrüßungsgeld im November '89 einführende Literatur beschafft hätten. Ich verstand diese Anspielung. Natürlich würde ich sie mit dem notwendigen Informationsmaterial versorgen, so, wie es auch selbstverständlich wäre, dass ich mich an den kommenden Wochenenden ganz ihrer Verkaufs- und Produktschulung widmen würde. In ihren Pupillen flackerte eine kurze Irritation auf, doch ihre Minen blieben kontrolliert. Ich fand, dass ich es mit ihnen versuchen sollte.

Im Sessel bei mir zu Hause sitzend, stellte ich, mit dem Ostberliner Branchenbuch auf den Knien, eine Liste der Betriebe zusammen, denen ich ein Angebot unterbreiten wollte. Bei Interesse würden wir dann nach Einführung der Gewerbefreiheit einen Vertrag unterzeichnen, und ich wäre ihr erster westlicher Partner auf dem freien Markt.

Dabei wurde ich aber das Gefühl nicht los, dass ich drauf und dran war, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen. Die Eröffnung der diesjährigen CeBIT in Hannover war für die übernächste Woche vorgesehen, und nur dort würde ich den notwendigen überblick über Preise, Neuheiten und Liefermodalitäten gewinnen. Anderseits würde ich jedoch ohne genauere Vorstellungen über den Bedarf und vor allem über die im Osten gewünschten Programme nach der Messe nur einen allgemeinen Lieferkatalog aufstellen können. Wie immer ich es auch drehte und wendete, es ließ sich keine logische Vorgehensweise entwickeln.

Wenn ich doch vorher wenigstens noch ein einziges Gespräch mit einem potentiellen Kunden führen könnte! Ich entschloss mich, gleich am nächsten Morgen eine weitere Annonce im 'Neuen Deutschland' aufzugeben: „Westberliner Firma offeriert Hard- und Software-Service. Telefon, etc.“ Zusätzlich zum vorgesehenen Mailing hätte ich damit dann wirkliche alle Möglichkeiten der Kontaktaufnahme ausgeschöpft.

Mitten ins Nachdenken platzte das Telefonklingeln. Es war Felix. „Montag zehn Uhr am Haupteingang vom EAB. Ich hole Sie ab. Die Wache weiß Bescheid.“

Es war ein riesiges Gelände. Zwischen Flachbauten, Baracken, Lagerflächen und Gleisanlagen standen Montagehallen und mehrstöckige Fabrik- und Verwaltungsgebäude. Die ältesten, noch in rotem Backstein, waren um die Jahrhundertwende erbaut worden, die jüngsten in der universal-sozialistischen Plattenbauweise. In eines dieser Gebäude wurde ich von Felix geführt. Neugierige Blicke trafen mich von allen Seiten, während er gutgelaunt seinen Kollegen zunickte. In der dritten Etage strebte er auf eine Tür zu, hinter der ich einen Büroraum mit drei oder vier Anwesenden vermutete.

Wir betraten einen Saal. Ungefähr 30 Leute, die um einen Tisch versammelt waren, erhoben sich. Jeder einzelne begrüßte mich mit Handschlag. Der Tisch war mit Kaffeegeschirr gedeckt. Auf fünf Tellern türmten sich Berge von Kuchen und Gebäck. Einen solchen Empfang hatte ich bis zum letzten Augenblick nicht erwartet. Bei Produktvorführungen in westlichen Firmen konnte man von Glück sprechen, wenn ein kompetenter Ansprechpartner sich zehn Minuten Zeit nahm. Und hier war ein ganzes Komitee versammelt.

Immerhin war ich gründlich vorbereitet und überzeugt, die Erwartungen dieser großen Runde wahrscheinlich noch zu übertreffen. Tagelang hatte ich mir Gedanken über eventuell geeignete Programme gemacht, über Standard-Software, die möglichst vielseitig einsetzbar sein sollte. Auf einem Toshiba-Laptop führte ich jetzt Programme für Tabellenkalkulation mit Datenbankfunktion vor, für Textverarbeitung mit Einbindung von Grafiken, für Planungen und Kostenanalysen, aber auch Versionen für den technisch-wissenschaftlichen Bereich und natürlich Tools für Datensicherung, Textsuche und Kompatibilität. Man umringte mich, beugte sich zum Bildschirm und hörte mir geduldig zu, so dass ich glaubte, ein erhebliches Interesse geweckt zu haben. Sekretärinnen brachten frischen Kaffee, und es wurde eine zweite Kuchenpause gemacht.

Ein jüngerer Herr, der mir während der Begrüßung als Cheftechniker Dr. Braun vorgestellt worden war, bedankte sich „im Namen aller“ für die Vorführung. Dann richtete er seinen Blick auf eine der Zimmerlinden, die auf den Fensterbänken standen. „Die Programme sind unsere Programmierer ja gewohnt, selbst zu schreiben.“ Einige der Anwesenden nickten bestätigend. „Was uns fehlt, sind die Computer.“

„Das ist mir schon bewusst“, sagte ich. „Ziel meiner Vorführung ist letztlich, herauszufinden, welche Art von Hardware für Sie am geeignetsten wäre.“

„Wieviel Computer könnten Sie denn ungefähr liefern?“

Ich holte tief Luft, dann erzählte ich von der IBM-Welt, vom Apple-Konzept, vom Microsoft-Imperium, von der fortschreitenden Spezialisierung der Japaner und leitete dann über zu den professionellen Anwendern, die sich für ein Software-System entscheiden und daraufhin ihren Gerätepark anlegen.

„Es muss nicht unbedingt das Teuerste sein“, wurde mir erwidert.

Allmählich begriff ich, worin das Missverständnis lag. Robotron war der einzige Hersteller in der DDR, und dessen Systeme waren natürlich untereinander kompatibel. Die mitgelieferte Software konnte anscheinend nach Belieben verändert werden. Know-How-Schutz war gewiss nicht die Sorge von Robotron, hatten sie doch einen Teil ihres Wissens selbst durch Technologie-Spionage erlangt.

Ganz gewiss hatten die am Tisch versammelten Techniker und Ingenieure ihrerseits begriffen, wovon ich sprach, aber das wahre Ausmaß der Spezifikation konnte überhaupt nicht nachvollzogen werden.

Die Armbanduhr der Sekretärin, die mir Kaffee einschenkte, zeigte, dass der Nachmittag schon angebrochen war.

„Könnten Sie denn Epson-Computer liefern?“, wurde ich gefragt.

„Sicher. Ich kann prinzipiell alles liefern, was auf dem Markt ist. Wie kommen Sie auf Epson?“

„Robotron hatte manchmal Drucker von Epson weiterverkauft, wenn sie selbst in Lieferschwierigkeiten waren. Gute Qualität. Ein spürbarer Unterschied zu dem, was man kannte.“

„Es ist durchaus möglich, gute Qualität für einen günstigen Preis zu bekommen. Ich werde mich auf der CeBIT nach einem Hersteller umschauen, der diese Kriterien mit ebenso optimalen Lieferbedingungen vereinbaren kann. Wer wäre denn von Seiten des EAB für einen Vertragsabschluss zuständig?“

Am Tisch entstand ein Raunen, das in offene Diskussion überging.

Gemeinsam stimmte man schließlich überein, dass zuerst die Abteilungsleiter gefragt werden müssten. Diese müssten sich an die drei Chefs der Entwicklungs-, der Planungs- und der kaufmännischen Abteilung wenden. Darin, so wurde mir erklärt, bestünde das eigentliche Problem, denn diese befänden sich in erbitterter Konkurrenz. Die Entscheidung des einen versuche der jeweils andere zu blockieren. Sollten diese schwierig zu handhabenden Herren sich einigen, brauche man nur noch die Zustimmung des Produktionsdirektors einzuholen.

Ich bemühte mich um ein verständnisvolles Lächeln und erläuterte nochmals das Finanzierungsmodell, um den Entscheidungsprozess innerhalb der Hierarchie nicht noch durch Rückfragen zu erschweren. Noch bevor ich damit zum Ende gekommen war, wurde die Tür aufgerissen und zwei uniformierte Herren im Rentenalter stürmten über die Schwelle. Mit einem Stimmvolumen, dass ich von ihnen nicht erwartet hätte, brüllten sie in den Raum: „Feierabend, die Herren!“

Die acht Frauen am Tisch sprangen ebenso folgsam von ihren Plätzen auf wie die Männer. Mit wenigen Griffen packten alle ihre Unterlagen zusammen.

„Die Wache“, wurde mir zugeflüstert. „Täglich, Punkt fünf!“ Einer der Wächter bewegte sich, provoziert vielleicht durch mein zögerliches Tempo, auf meinen Platz zu.

„Auch der Arbeiter will seinen Feierabend haben!“

„Ich wäre der letzte, der das nicht versteht“, murmelte ich.

Damit hatte ich ihn aber bestimmt nicht zum Freund gewonnen. Auf der Treppe versuchte ich, Felix unauffällig zuzuzwinkern, wurde aber von einigen Programmierern, die mich umringten, daran gehindert.

„Entschuldigen Sie, wenn ich etwas unverblümt auf Sie zutrete, aber haben Sie vielleicht einen Job für mich?“ Seine Kollegen warteten genauso gespannt wie er auf die Antwort.

„Unsere Firma hatte mitunter Aufträge an Programmierer erteilt, auf freier Basis. Sie haben doch hier eine feste Stelle.“

„Ha! Wie lange noch!“ - „Und zu welchem Gehalt!“

Ich zog meine Visitenkarte hervor und schrieb noch die Privatnummer dazu.

„Jobs habe ich leider nicht zu vergeben. Aber Sie können sich mit allen Fragen, denen Sie sich jetzt ausgesetzt fühlen, an mich wenden. Wenn Sie möchten, könnten wir gleich zusammen essen gehen. Vielleicht kann ich Ihnen schon den einen oder anderen Tipp geben.“

Endlich gelang es mir noch, Felix beiseite zu ziehen. „Dieser Produktionsdirektor. Kann man den nicht direkt ansprechen?“

Auf Felix' Stirn bildete sich eine tiefe Falte. Als ich mich noch einmal nach ihm umdrehte, war an der schärfer werdenden Furche zu erkennen, wie lebhaft es in ihm arbeitete.

Worüber genau ich eigentlich lächeln musste, als ich mich am zweiten Tag meines Besuchs der Hannover-Messe wieder dem Stand von Hyundai näherte, hätte ich kaum präzis erklären können, wenn ich danach gefragt worden wäre. War es die unglaubliche Flexibilität der ostasiatischen Konzerne, die auf dem bestem Wege waren, unsere heimischen Industrieriesen wie Dampf-Loks im Museum für Verkehr und Technik stehen zu lassen?

An diesem Stand von Hyundai hatte ich mich am Vortag nur flüchtig aufgehalten. Das gleichmäßige Summen auf dem Messegelände, hervorgerufen durch tausende von Unterhaltungen, Erkundungen und Informationsgesprächen in den verschiedenen Hallen, hatte mir am gestrigen Eröffnungstag schon bald recht unangenehme Kopfschmerzen bereitet. Nach sechs Besuchen bei Vertretern wusste ich, dass meine Aufnahmefähigkeit erschöpft war. Auf welch zielstrebige Weise der Auto-Konzern und weltgrößte Hersteller von Handelsschiffen sich auf dem deutschen Computermarkt etablierte, hatte ich allerdings noch mitbekommen.

Nun ließ ich mir von einem Vertreter des koreanischen Newcomers den „Hyundai Super 286 E“ vorführen.

„Für den Einkaufspreis berechnen Sie nur... 5095 Mark, da habe ich Sie jetzt nicht falsch verstanden?“

Der Vertreter lächelte zuvorkommend. „Nein.“

„Der Preis bezieht sich auf das handelsübliche Paket, Zentraleinheit, Monitor, Tastatur... und System-Software?“

„Ja.“

„Aber ohne Drucker.“

„Ja. Ohne Drucker.“

„Wie hoch ist die Mindeststückzahl, die bestellt werden muss?“

„50 Stück.“

„50, nun gut... Wie lange würde denn die Lieferzeit nach Westberlin betragen?“

„Einen Tag.“

„Wie bitte?“

„Unser Headquarter in Bremen verfügt über ein zollfreies Lager, das ständig aufgefüllt wird. Sie bestellen und bekommen die Ware am nächsten Tag.“

Zuzüglich drei weiterer Stündchen nach Ostberlin. Das würde bei einigen Abteilungsleitern in DDR-Betrieben den Herzinfarkt auslösen! Ich ließ mir sämtliche Unterlagen, einschließlich der Zoll- und Bestellformulare von der Hyundai-Vertretung geben. Dann machte ich mich auf zum Stand von Epson.

Das hatte seinen guten Grund. Auf meine neue Anzeige im ND hatten sich in dieser kurzen Zeit tatsächlich noch fünf Ostberliner Firmen gemeldet, mit zweien hatte ich vor meiner Abreise noch einen Termin vereinbaren können. Die Vorführungen waren nach ähnlichem Schema wie beim EAB, wenn auch in kürzerer Zeit abgelaufen. Meinen Laptop hatte ich samt meiner Programm-Disketten nach zehn Minuten wieder wegpacken können.

„Rechentechnik“ war gefragt, und mehrmals war der Name Epson gefallen.

Am Stand der alteingeführten Firma stieß ich fast mit Herrn Baumann von der Generalvertretung in Düsseldorf zusammen. Wir kannten uns bereits von früheren Geschäftsverbindungen. Daher erstaunte mich ein wenig seine reservierte Reaktion, als er meine neuen Pläne vernahm.

„Ist das Ihnen nicht zu unsicher? Sie wissen doch gar nicht, wann sich Ihre Einnahmen in D-Mark verwandeln werden.“

„Dieses Jahr noch, und wenn nicht, dann im nächsten.“

„Na ja ... Aber ohne Importlizenz werden Sie niemanden beliefern können.“

„Sie hatten doch auch schon in die DDR geliefert...“

„Ja, aber nicht ohne Lizenz.“

„Dann dürfte die Beschaffung heute kaum schwieriger sein, als zu Ihrer Zeit.“

„Seitens der DDR, vielleicht... Denken Sie an die Cocom-Liste. Das Verbot von Hochtechnologie-Transfer in den Osten.“

Mein abrupter Heiterkeits-Ausbruch musste als unbeherrscht empfunden werden, aber mit einem solchen Einwand hatte ich einfach nicht mehr gerechnet. „Ich muss gestehen, dass ich nicht glaube, dass die Veränderungen im Osten ein besonders raffinierter Trick der Russen sind, um den Westen einzuschläfern.“

„Nein ... sicher nicht.“

„Und“, fuhr ich fort, „wenn die Liste nach der Wirtschaftsunion nicht aufgehoben sein sollte, weil auch die Amis mit einer Bürokratie gesegnet sind, heißt das, dass kein Nato-Staat mehr Technologie in das Nato-Land Deutschland liefern darf?“

„Sicher nicht...“

In diesem Moment merkte ich endlich, dass Herr Baumann diese Bedenken nur gebrauchte, um etwas anderes unausgesprochen zu lassen. Ich schaute ihn erstaunt an, und gleich darauf freundlich, dann bittend, fast flehend, und schließlich gab ich mir den Ausdruck eines unbekümmerten Idealisten, der einfach nicht verstehen konnte, warum er mit den Menschen in der DDR keinen Handel treiben sollte. Herr Baumann ließ sich erweichen.

„Wissen Sie denn“, fragte er mich, immer noch leicht zögernd, „ob die DDR-Wirtschaft überhaupt noch eigenmächtig handeln kann?“

„Eigenmächtig? Ein souveräner Staat, weitgehend anerkannt, de facto auch von der Bundesrepublik?“

Plötzlich schoss mir das Wort „Siemens“ durch den Kopf.

Vorabsprachen, Aufteilungen, Abstecken von Claims. Sollte das vielleicht gemeint sein? Und der Kanzler? Rief mir täglich vom Bildschirm aus entgegen: Hilf! Hilf drüben! Investiere, baue auf, teile dein Gut, teile dein Wissen. Ich fand, dass ich mich an Gesetze zu halten hatte und nicht an Gerüchte.

„Unisoft würden Sie doch beliefern?“ Herr Baumann warf mir einen Blick zu, den ich überhaupt nicht mehr zu deuten wusste.

„Ja. Unisoft, natürlich.“

Und von Unisoft würde die Ware direkt in die DDR geliefert werden. über das Joint-Venture, das ich mit den beiden jungen Männern gründen würde. Nach der Einführung der Gewerbefreiheit... Sollten wir nicht, überlegte ich während der Rückfahrt nach Berlin, das Joint-Venture bereits jetzt gründen? Vielleicht würde der EAB dann seine Drucker und Computer schon bei uns bestellen können? Wenn die leitenden Kader des Kombinats an einer Bestellung interessiert wären, wüssten sie sicher eine Antwort auf diese Frage. Bis dahin würde ich mich mal wieder in Geduld üben müssen.

Gleich im Anschluss an meine Rückkehr konnte ich am Bildschirm den Ausgang der Volkskammerwahlen verfolgen. Das Ergebnis entsprach exakt den Voraussagen der letzten beiden Wochen.

Dieser Sieg der CDU ließ eine baldige Wirtschafts- und Währungsunion erwarten, und das sollte mir nur recht sein. Für Kooperationen, wie sie mir vorschwebten, konnte es kaum eine bessere Weichenstellung geben. Zum dritten Mal schon trat Graf Lambsdorff, frohgemut auf seinen Stock gestützt, vor die Kamera und erklärte: „Wenn ich ein junger Mann wäre, würde ich jetzt in den Osten Deutschlands gehen, um mir eine Existenz aufzubauen.“ - Und wenn der Graf schon dazu aufrief, würden die kommenden Jahre wohl sicher nicht im Zeichen juristischer Kleingeisterei stehen.

Ein vorbestrafter Politiker? Das schien jetzt nicht mehr allzu schwer zu wiegen. - War das der Grund für meine leichte Skepsis? Für ein Unbehagen, das ich mir nicht erklären konnte? Ich war Zeuge einer ausgelassenen Feier, übertragen aus der CDU-Zentrale im Palast der Republik. Die Party-Gäste sprühten geradezu vor Optimismus.

Viele unter ihnen ähnelten meinen beiden jungen Leuten, wie ich sie im Stillen nannte, und ich rechnete jeden Moment damit, sie unter den Anwesenden an einer Sekt-Theke zu entdecken. Vom Erscheinungsbild her etwas hausbackener als unsere Yuppies, erschienen die jungen Unions-Anhänger an diesem Abend doch kaum weniger unternehmungslustig. Und daran, fand ich, gab es absolut nichts auszusetzen.

Kraftakt im Kombinat

Der Anruf kam am Donnerstag nach der Volkskammerwahl, nachmittags um 15 Uhr.

„Mein Name ist Leicht. Ich leite den VEB Elektroanlagenbau als Produktionsdirektor. Auf meinem Tisch liegt ein Angebot.

Westcomputer für Ostgeld. Ist das noch aktuell?“

„Aktueller geht es nicht. Ich liefere Ihnen Hyundai innerhalb eines Tages und Epson innerhalb von drei Tagen.“

„Sie wissen, wie man richtig verkauft, nicht wahr? Können Sie das auch meinen Leuten beibringen?“

Ich schluckte. „Wenn Sie möchten ... Ich denke schon, dass ich...“

„Genau das möchte ich. Ich erwarte Sie morgen um 10 Uhr in meinem Büro.“

Mit meiner Schlagfertigkeit war es vorbei. So einen Ton hätte ich von einem Texaner erwartet. Aber bitte! Das Lieferprogramm lag perfekt ausgearbeitet in der Schublade, und wenn dieser Herr Leicht tatsächlich so forsch war, wie er sich am Telefon gab, würde er morgen seine Unterschrift unter einen Vorvertrag setzen. Die Einführung der Gewerbefreiheit war ja nun offiziell angekündigt worden. Am Tage des Inkrafttretens würde er die Computer in seinem EAB in Empfang nehmen können. Für weitere Kooperationsmodelle würde ich selbstverständlich aufgeschlossen bleiben.

Die Sache begann, Gestalt anzunehmen. Mit sechs weiteren Firmen in der DDR hatten sich Kontakte ergeben, darunter einem „VEB Berlin Chemie“. Was genau man sich darunter vorzustellen hatte, würde ich bei einem für die kommende Woche vereinbartem Besuch erfahren.

Doch im Augenblick musste ich mich erstmal wieder meinen beiden jungen Leuten widmen, die gerade an der Tür von Unisoft klingelten.