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Sloe, rose hips and more for your garden Wild fruits in the garden are very much “in” – they’re attractive, easy to maintain and useful for humans and animals alike. What are the right wild fruits for your garden? Sloe, sea buckthorn, juneberry, barbery or goji berries? In 40 plant profiles, you’ll find out everything you need to know about choosing ideal wild fruits for your garden. Regardless of whether you have an ornamental, natural or allotment garden, wild fruits are suitable for every setting. Meanwhile, there are also delicious recipes to discover with wild fruits, tips on maintenance and garden design. Why not enjoy their wild beauty and grow delicious, healthy fruits in your own garden!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2016
Ina Sperl
Wildobst
Schlehe, Hagebutte und Co. für meinen Garten
Cover
Titel
Was ist Wildobst?
Ungezähmtes für den Garten
Wildobst für den Naturgarten
Leben im Gehölz
Natur und Garten
Dynamisches Miteinander
Der Blick für das Ganze
Gefundens Fressen
Ein bisschen Wildnis darf sein
Eine wilde Hecke pflanzen
Die besten Wildobstgehölze für den Naturgarten
Wildobst für die Küche
Erfrischend anders
Raus aus der Komfortzone
Was wird wie verarbeitet
Wilde Rezepte
Gelee aus wilden Früchten
Das beste Wildobst für den Küchengarten
Wildobst für den Familiengarten
Laisser-faire im Garten
Die Natur entdecken
Vom Blumentopf bis zum Hausbaum
Achtung Verwechslungsgefahr!
Verschlungene Pfade im Labyrinth
Ein Labyrinth anlegen
Den Garten ins Haus holen
Spalier: gebändigte Wildheit
Wilde Fruchtzwerge und Geschmacksriesen
Wildes richtig pflegen
Pflanzen zur rechten Zeit
Der passende Boden
Gut vorbereitet
Richtig einpflanzen
Düngen und Mulchen
Gekonnt schneiden
Krankheiten und Schädlinge
Das wichtigste Werkzeug
Die 40 besten Wildobstarten
Naturgarten Küchengarten Familiengarten
Apfelbeere
Berberitze
Heckenkirsche
Brombeere
Cranberry
Dreiblättrige Orange
Gewöhnliche Eberesche
Erdbeere
Esskastanie
Feige
Felsenbirne
Filzkirsche
Goji-Beere
Haselnuss
Heidelbeere
Himbeere
Holunder
Johannisbeere
Kirschpflaume
Kornelkirsche
Gewöhnliche Mahonie
Maulbeere
Echte Mehlbeere
Mini-Kiwi
Mispel
Ölweide
Pawpaw
Preiselbeere
Sanddorn
Japanische Scheinquitte
Schlehdorn
Speierling
Traubenkirsche
Vogel-Kirsche
Walnuss
Japanische Weinbeere
Weinbergpfirsich
Weißdorn
Wildapfel
Wildrosen
Service
Blüh- und Erntekalender
Glossar
Bezugsquellen
Literatur
Dank
Impressum
Kleiner, herber, manchmal sogar richtig sauer oder mit einer bitteren Note. Und doch ein Aroma, das zu probieren lohnt. Wildobst ist nicht wie andere Früchte. Nicht wie die Äpfel aus dem Supermarkt, die Erdbeeren vom Straßenstand oder die Kirschen aus Nachbars Garten. Es ist ungezähmt. Nicht so lieblich, nicht so ergiebig. Manches wächst quasi in den Mund wie die Mini-Kiwi. Manches zergeht auf der Zunge, anderes wiederum will gebeten werden, damit es seinen vollen Geschmack entfaltet.
Wildäpfel nehmen den Sommer über Farbe an. Viele sind essbar. Wenn nicht geerntet wird, bleiben sie lange an den Zweigen hängen. Erst gegen Ende des Winters holen die Vögel die Früchte.
Hagebutten und Holunderbeeren, Mehlbeeren und Schlehen werden seit Jahrhunderten genutzt. Mispeln gehörten einst in jeden Garten, bis sie in Vergessenheit gerieten. Japanische Weinbeeren sind eher neu in unseren Breiten und kaum bekannt, ähnlich ist es mit den Ölweiden. Wildobst, um das es in diesem Buch geht, kann so vertraut sein wie die Brombeere, aber auch so unbekannt wie die Pawpaw. Das Spektrum ist breit, reicht vom Allerweltsgehölz bis zu aus unserer Sicht exotisch anmutenden Pflanzen. Sie alle sind interessant für den Garten – sei es, weil sie gut schmecken, einen ökologischen Nutzen haben oder besonders robust und pflegeleicht sind. Viele der Gehölze brauchen nur wenig Aufmerksamkeit, wenn sie sich einmal etabliert haben.
Doch was genau ist Wildobst? Strenggenommen handelt es sich um Pflanzen, die sich ohne menschliches Zutun entwickelt haben: Sämlinge von wilden Äpfeln zum Beispiel. Reine Wildformen sind mitunter jedoch nicht mehr eindeutig zu identifizieren, denn oft kreuzen sich auch Kultursorten in die Pflanzen ein. Auslesen sind oft weniger bitter oder sauer, ergiebiger oder einfacher zu ernten. Der Begriff Wildobst umfasst daher sowohl reine Wildformen als auch Sorten, die züchterisch wenig bearbeitet sind.
Bei einigen der Pflanzen ist es einfach. Von der Vogel-Kirsche oder der Japanischen Weinbeere gibt es keine Sorten. Von anderen sind Hobbygärtnern bisher vor allem die Zierformen bekannt, bei Mehlbeeren und Traubenkirschen zum Beispiel. Doch auch von ihnen gibt es Sorten, die den Ziergehölzen in nichts nachstehen, aber den Vorteil haben, essbar zu sein. Bei anderen Gehölzen wurden Sorten ausgelesen, die den Wildcharakter noch weitgehend unverfälscht in sich tragen, doch größere Früchte haben – Kornelkirschen etwa. Andere Sorten schmecken im Gegensatz zu ihren kleinen wilden Verwandten wirklich gut, wie es bei der Kamtschatka-Heckenkirsche der Fall ist. Sie dürfen in diesem Buch ebenso auftauchen wie Mispelsorten, die seit Jahrhunderten ausgelesen wurden, wie alte Sorten von Wald-Erdbeeren oder Johannisbeeren. Denn verwertbarer Ertrag ist auch bei Wildobst wünschenswert, selbst wenn die Ernte getrost den Tieren überlassen werden kann − falls die Muße fehlt oder der Urlaub in der Zeit liegt, wenn die Früchte reif werden.
In diesem Buch werden Pflanzen vorgestellt, die bei uns gut gedeihen können und sich verwerten lassen. Die meisten fruchten problemlos, bei manchen braucht es Fingerspitzengefühl und Geduld. Viele von ihnen stammen aus außereuropäischen Regionen – sie fühlen sich auch hier wohl, so lange ihnen Klima und Boden behagen. Manche sollten gut im Auge behalten werden, denn sie können sich verbreiten und das ökologische Gleichgewicht gefährden. Einige wie die Kartoffel-Rose tun das seit langem und werden inzwischen als invasive Art bekämpft. Doch die meisten aller Neophyten, also der Pflanzen, die erst nach der Entdeckung Amerikas 1492 in unsere Breiten kamen, sind harmlos. Nur etwa jede zehnte Art gilt als problematisch.
Es gibt so viele interessante Pflanzen, nur so wenige passen in ein Buch. Dieses erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, doch lassen Sie sich anregen! Die Früchte sind den drei Kapitelschwerpunkten Natur, Küche und Familie zugeordnet, was aber kein Ausschlusskriterium sein soll. Die Mispel passt auch in den Familiengarten, die Mahonie in den Naturgarten und die Wildrose in den Küchengarten. Welchen Garten Sie auch haben mögen – wagen Sie sich an das Ungezähmte, es lohnt sich!
Wenn die Rose verblüht ist, bleiben die Hagebutten. Sie sind nicht nur dekorativ, sondern bieten auch Vögeln und Nagetieren Nahrung. Hagebutten lassen sich auch zu Marmelade verarbeiten.
Hummeln finden ersten Nektar in den Blüten von Scheinquitten und Kirschpflaumen. Amseln, Rotkehlchen und Singdrosseln lieben Ebereschen, Apfelbeeren und Berberitzen. Hänflinge und Grasmücken nisten gerne in Hecken − je mehr Dornen, desto sicherer der Nistplatz. Wer Wildobst pflanzt, schafft Nischen im Garten, die in der Umwelt immer seltener werden. Das kommt den Tieren zugute, aber auch den Gärtnern, die sich ein Stückchen Natur ans Haus holen.
Genug Früchte für Tiere und Menschen: In einer Wildobsthecke darf alles durcheinanderwachsen − je dichter, desto besser für die Vögel. Geschnitten wird so eine Hecke nicht, sie entfaltet sich zu allen Seiten.
Die Hecke am Feldrand ist im Juli voller Leben: Vögel stibitzen Beeren, Insekten umschwirren die Wilden Möhren, die am Saum blühen. Heuschrecken springen auf. Im sicheren Bau unter der Erde leben Mäuse und andere Nager, denn hier gibt es Futter genug. Der große Schlehdorn hat bereits Früchte angesetzt, noch sind sie grünlich, tragen erst einen Hauch von Blau. Auch die Früchte des Weißdorns verfärben sich erst in ein paar Wochen. Doch an den langen Ranken der Brombeeren, die sich durch dieses Stückchen Wildnis ziehen, sitzen bereits erste reife Früchte. An einem Baum hängen kleine Äpfel, und auch eine Birne hat sich angesiedelt, vielleicht sogar ohne menschliches Zutun.
Solche Wildobsthecken sind nicht mehr allzu häufig zu finden. Hier wächst alles neben- und durcheinander, die Pflanzen suchen sich ihren Platz. Für Tiere sind sie Zufluchtsort, Lebensraum und Futterstelle. Die Hecke sieht „natürlich“ aus, obwohl sie sich mitten in einer Kulturlandschaft bestellter Felder befindet. Sie grenzt die Äcker voneinander ab, bricht den Wind. Sie nimmt Raum ein und kann mehrere Meter breit sein. Vor allem Gehölze wie der Schleh- und der Weißdorn werden groß. In einen Reihenhausgarten lässt sich so eine Hecke nicht pferchen. Glücklicherweise gibt es für solche Grundstücke andere Lösungen. Wildobstgehölze können auch als Einzelsträucher oder als Spalier, manche sogar im Topf in den Garten geholt werden.
Manchmal möchte die Sehnsucht nach der Natur durch eine etwas wildere Anmutung befriedigt werden. Manchmal soll auch das Wohlergehen der Tiere im Mittelpunkt stehen. Vögel brauchen nicht nur Futter, sondern auch einen Platz zum Nisten. Kleine Säugetiere wie die Haselmaus bauen sich gerne ihren Kobel in Büschen in der Nähe von Futterpflanzen wie der Haselnuss. Und Insekten finden Nektar in den Blüten.
Vom ökologischen Gedanken einmal abgesehen, bietet Wildobst auch einen ästhetischen Genuss. Die zarten Blüten der Felsenbirne, das leuchtende Rot oder Lachsrosa der Scheinquitten, die weißen Wolken der Wildäpfel im Mai sind Fixpunkte im Frühjahr. Im Herbst entsteht ein ganz anderes Bild: Die Beeren leuchten zwischen dem gelb werdenden Laub und sind eine natürliche Dekoration, ehe sie von den Tieren – oder den Menschen – verzehrt werden.
GÄRTNERWISSEN
Eine Hecke, viele Zwecke
Hecken dienten einst zur Abgrenzung von Feldern: Schon im Mittelalter boten sie dem Acker Schutz, lieferten aber auch Brennholz. Eine klassische Hecke besteht aus der Kernzone mit Bäumen wie Ahorn, einer Mantelzone mit Sträuchern wie Weißdorn oder Hunds-Rosen und einem mit Gras und Kräutern bewachsenen Saum. Wird eine solche Hecke nicht gepflegt, geht ihre Struktur verloren. Die Bäume wachsen heran und nehmen den anderen Pflanzen das Licht. Dass es heute auf landwirtschaftlichen Flächen nur noch wenig Hecken gibt, ist unter anderem der Flurbereinigung in den 1960er- und 1970er-Jahren geschuldet.
Die Blüte im Frühjahr verwandelt die Gehölze in duftende weiße Wolken. Darin finden Insekten Nektar. Für Menschen ist es ein ästhetischer Genuss, der leider meist allzu schnell vorbei ist.
Insektenhotels sind meist flugs bezogen. Durch menschlichen Einfluss haben sich die Lebensbedingungen der Tiere stark verändert. Da kommt jede Hilfe gelegen − ob im großen oder im kleinen Garten oder sogar auf dem Balkon.
Das Label „Naturgarten“ ist schnell zur Hand, wenn insektenfreundliche Stauden in die Beete gepflanzt oder Igelhäuser aufgestellt werden. Doch birgt der Begriff nicht einen Widerspruch in sich? Kein Garten, wie er auch gestaltet sein mag, ist natürlich: Immer waren Menschen am Werk. Das Gärtnern ist eine kulturelle Handlung, genau wie Teekochen oder Lesen. Vorausgesetzt, es gibt sie überhaupt, die Trennung von Natur und Kultur − diese so fest in unserem Denken verankerten Kategorien. Natur gilt als das Unberührte, von Menschenhand möglichst nicht Beeinflusste. Dafür soll der Begriff auch in diesem Buch stehen. Doch ist es ein eigenartiger Gedanke, sich als Mensch außerhalb des Gesamtgeschehens zu stellen. Immerhin sind wir mittendrin als treibende Kraft. Natur ist ein Konzept, das der Abgrenzung von menschlichem Verhalten dient. Doch ist es im 21. Jahrhundert eine Illusion, eine solch unberührte Natur noch finden zu können – zumindest in Europa, wenn nicht weltweit. Längst wirkt sich menschliches Handeln auch dort aus, wo nicht konkret eingegriffen wird. Pflanzen breiten sich entlang der Autobahnen aus, ihre Samen werden vom Fahrtwind erfasst und in Regionen transportiert, in denen sie vorher nicht wuchsen. Vieles, was längst als heimisch angesehen wird, wurde einmal bewusst angesiedelt. Die Kartoffel-Rose etwa, die heute stellenweise bekämpft wird, weil sie heimische Arten verdrängt, aber auch der Schmetterlingsflieder oder der Bocksdorn, die so ausbreitungsfreudig sind, dass sie als potenziell invasiv gelten.
Die Sehnsucht nach einer möglichst unberührten Natur ist heute groß. Einst war der Garten − dem wilden Land in harter Arbeit abgetrotzt − eine Errungenschaft. Hier sollte alles nach der Vorstellung des Menschen wachsen, durch Mauern oder Zäune vor Tieren aus der Umgebung geschützt. Renaissance und Barock brachten großartige, kunstvoll gestaltete Gärten hervor, abgelöst von den natürlich aussehenden, doch nicht weniger minutiös geplanten Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts. Am Haus wurden Blumen und Gehölze kunstvoll zusammengestellt, Formschnitt und Teppichbeete gehörten lange zum Bild. Doch schon im 19. Jahrhundert gab es andere Ideen und den Wunsch, die Beete natürlicher zu halten: Der Ire William Robinson entwickelte seine Vorstellung eines wilden Gartens in der viktorianischen Zeit, in der Exotisches en vogue war. Er bevorzugte einheimische Stauden, die den Beeten ein anderes Gesicht geben sollten und sie pflegeleichter machten. Ähnlich dachte Garteninspektor Willy Lange, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland tätig war. Die Natur, die umgebende Landschaft, diente ihm als Vorbild für den Garten. Auch er rückte einheimische Gewächse in den Blick. Dass dieser scheinbar harmlose Ansatz auch eine politische Dimension hat, zeigt sich daran, dass Lange diese Ideen mit nationalsozialistischem Gedankengut mischte. Auch heute noch gibt es unglücklicherweise zuweilen Berührungspunkte von Naturgartenidealismus und brauner Ideologie, wenn es darum geht, dem Heimischen den Vorzug zu geben. Die jüngere Wissenschaft der Lebensbereiche der Pflanzen, erforscht von Richard Hansen, ist dagegen generell offen − bei aller Wachsamkeit potenziell invasiven Pflanzen gegenüber: Das Fremde ist willkommen, wenn es hier ähnliche Bedingungen vorfindet wie in seiner Heimat.
Mitten in der Natur sein: Der Garten darf heute gerne möglichst wild aussehen. Bei guter Planung kann ein ökologisches Gleichgewicht entstehen, sodass weniger Pflege nötig ist und mehr Zeit zum Ausruhen bleibt.
Die Naturbewegung im Hausgarten hat Wurzeln, die bis ins frühe 20. Jahrhundert reichen, erlebte aber einen Aufschwung in den 1980er-Jahren. Vereine gründeten sich, die möglichst artenreiche, langlebige Gärten erschaffen wollten, in denen ein ökologisches Gleichgewicht herrscht. Gärtner stehen in der Verantwortung, zur Artenvielfalt beizutragen und möglichst viel „Natur“ zu erhalten. Die Ökologie spielt eine immer wichtigere Rolle im Garten, seit sich die Lebensbereiche der Tiere verändern. Hecken in der Landschaft oder Brachen, sprich, Räume, in denen ungestörtes Leben möglich ist, werden seltener. Daher kommt die gegenwärtige Mode eines natürlich aussehenden Gartens auch den Tieren entgegen. Gärten mit Gräsern und Wildstauden, die Insekten anziehen, sind seit einigen Jahren im Trend. Mag hier auch die Ästhetik im Vordergrund stehen – das Ökologische wird immer öfter mitgedacht. Gerne wird gepflanzt, was Bienen nützt. Und das bezieht sich nicht nur auf Wildstauden und doldige Kräuter, sondern auch zunehmend auf Gehölze, die mit ihren Früchten einen naturnahen Charakter haben.
Wer den Garten im Herbst nicht zu sehr aufräumt, überlässt den Tieren Nahrung in Form von Kernen und Samenkörnchen. Kleine Lebewesen finden in Laub und Stängeln einen geeigneten Ort zum Überwintern.
Hier stehen die trockenen Köpfchen der Sonnenhüte im Beet, dort liegt ein Haufen toten Holzes. Im Naturgarten herrscht eine andere Ästhetik als im typischen Vorgarten. Für manche ist sie gewöhnungsbedürftig, manche atmen auf, dass eine andere Ordnung als im Haus gelten darf. Denn der Garten gehört nicht den Menschen allein. Pflanzen und Tiere machen ihn aus, und sie haben eigene Bedürfnisse.
Ein Naturgarten ist dynamisch. Wer naturnah gärtnert, greift lenkend ein, kontrolliert jedoch nicht so stark wie im konventionellen Garten. Veränderungen sind erlaubt. Pflanzen dürfen sich aussäen, womöglich durch Ausläufer selbst verbreiten, so lange sie anderen damit nicht zu sehr in die Quere kommen. Brennnesseln oder Giersch, die sonst so ungeliebt sind, werden Ecken überlassen, wo sie niemanden stören. Immerhin sind Brennnesselblätter Nahrung für die Raupen des Tagpfauenauges, und die Dolden des Giersch werden von Schwebfliegen besucht.
Gegärtnert wird mit der Natur, nicht gegen sie: Die Pflanzen werden dem Standort entsprechend ausgewählt und in gute, passende Nachbarschaft zueinander gesetzt. Meist wird der Schwerpunkt bei der Anlage des Naturgartens auf Stauden gelegt. Mit ihnen lassen sich Beete gestalten, viele von ihnen locken Insekten an. Doch Gehölze haben genauso viel zu bieten − und sie sind nachhaltig, da meist sehr langlebig. Weißdorn, Wildapfel, Hunds-Rose: Sie sind nicht nur ökologisch wertvoll, sondern passen zur Ästhetik. Meist sind sie wenig anspruchsvoll, was ihren Standort betrifft, doch haben auch sie Vorlieben. Die Ölweide kommt zum Beispiel gut mit Trockenheit zurecht, während die Filzkirsche feuchteren Boden mag. Der Weinbergpfirsich braucht ein warmes Klima, die Heckenkirsche ist sehr frosthart. Mispeln gedeihen auf kalkhaltigem Boden, auf dem sich Blaubeeren schwer tun: Sie brauchen saure Erde. Ziel ist es, möglichst wenig offenen Boden zu haben, damit die Erde nicht auslaugt. Mulch hält die Feuchtigkeit und Kräuter wie Ehrenpreis oder Vogelmiere lassen sich gut tolerieren.
Kompost spielt eine zentrale Rolle im Naturgarten. Er entsteht aus den Materialien, die in den Beeten anfallen, sei es Grünschnitt, Laub oder ausgezupftes Unkraut. Die darin enthaltenen Stoffe werden der Erde zurückgegeben. Kompost trägt zur Bodenverbesserung bei, oft reicht er auch als Dünger aus. Torfhaltige Erde wird nicht verwendet. Auch Chemie bleibt außen vor, denn wenn der Garten artenreich ist, kann ein Gefüge entstehen, in dem sie überflüssig ist. Mineralischer Dünger und Pflanzenschutzmittel sind tabu, werden aber auch meist nicht gebraucht, da sich vieles von selbst regelt, wenn eine große Vielfalt gegeben ist. Tauchen Blattläuse auf, lassen Marienkäfer und Florfliegenlarven, die sich von ihnen ernähren, meist nicht allzu lange auf sich warten. Igel vertilgen viele Schnecken. Daher sollte der Garten mit Laub- und Totholzhaufen möglichst igelfreundlich gestaltet werden. Wo viele Vögel und Laufkäfer sind, werden Raupen dezimiert. Gute Mittel zur Stärkung gibt der Garten selbst her. Eine Brühe aus Ackerschachtelhalm hilft gegen Läuse, aber auch gegen Pilzerkrankungen oder Mehltau. Jauche aus Brennnesseln enthält viel Stickstoff, nährt und stärkt Obstgehölze.
GÄRTNERWISSEN
Für starke Pflanzen: Brühe und Jauche
Eine Brühe zieht nur kurz und stärkt, eine Jauche enthält mehr Nährstoffe und düngt. Brühe wird verdünnt angewendet, meist im Verhältnis von 1:5 oder 1:10. Es eignen sich zum Beispiel Ackerschachtelhalm, Rainfarn oder Schafgarbe als Stärkungsmittel, Beinwell und Brennnessel als Dünger oder zur Stärkung.
So wird’s gemacht: 1 kg grob zerkleinerte Pflanzen in einem Eimer mit 10 l Wasser ansetzen. Mindestens einen Tag ziehen lassen. Für eine Brühe dann im großen Topf − oder portionsweise − eine halbe Stunde lang kochen, danach abseihen. Die abgekühlte Flüssigkeit in saubere Flaschen füllen. Für eine Jauche die Pflanzen etwa zwei Wochen lang an einem sonnigen Ort im Wasser lassen. Sie vergären, was unangenehm riechen kann. Das ist beim Aufstellen des Gefäßes zu beachten! Jeden Tag muss umgerührt werden. Die Brühe ist fertig, wenn keine Bläschen mehr aufsteigen. Brühe wird verdünnt gegossen oder zur Stärkung gesprüht, Jauche unverdünnt angewendet.
Für Vögel sind Beeren eine wichtige Nahrungsquelle. Ganz nebenbei sorgen sie auch für die Verbreitung der Gehölze, indem sie den Samen wieder ausscheiden.
Im naturnahen Garten ist der gesamte Kreislauf im Blick, nicht nur das Wohlergehen der Pflanzen in einem Beet, ob Gemüse oder Rosen. Wer die Insekten schützt, lockt dadurch auch die Vögel an. Daher bleiben zum Beispiel im Herbst auch die trockenen Samenstände an Stauden stehen – sie dienen vielen Kleinstlebewesen im Winter als Schutz.
Insekten sind Tausende von Jahren bestens ohne die Unterstützung von Menschen zurechtgekommen. Durch menschlichen Einfluss haben sich allerdings ihre Lebensbedingungen verändert. Heute fliegt im Vergleich zu den 1990er-Jahren nur noch ein Bruchteil der Menge an Bienen, Fliegen und Käfern durch die Lüfte: Der NABU in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel beklagt, dass in den vergangenen 20 Jahren die Biomasse aller fliegenden Insekten um bis zu 80 Prozent zurückgegangen ist. Auch das Bienensterben, das in verschiedenen Ländern beobachtet wird, gibt Anlass zur Besorgnis. Umso wichtiger ist es, Pflanzen in den Garten zu setzen, mit denen Insekten mehr anfangen können als zum Beispiel mit Kirschlorbeer oder dicht gefüllten Zierkirschblüten. Holunder, Vogel-Kirsche oder Weißdorn sind eine gute Wahl, wenn es um Insektennährgehölze geht. Ihre Früchte bieten Tieren im Herbst Nahrung. Mag jeder einzelne Garten noch so klein sein − die Masse aller Privatgärten zusammengenommen ist beträchtlich und jeder hilft ein bisschen.
Wenn genügend Platz für eine größere Auswahl vorhanden ist, können die Pflanzen so zusammengestellt werden, dass eine möglichst lange Blüh- und Fruchtperiode entsteht: Kirschpflaumen und Scheinquitten gehören zu den ersten, die im Jahr blühen. In ihren Blüten finden Bienen und Hummeln Nahrung. Die Blaue Heckenkirsche bringt ab Ende Mai die ersten Früchte, gefolgt von der Felsenbirne. Apfelbeeren werden von den Vögeln im August vertilgt, Hagebutten und Wildäpfel bleiben bis zum Winterende hängen.
Im Mai steht der Weißdorn in voller Blüte. Bienen und Hummeln mögen den Nektar, aber auch Schmetterlinge. Den Sommer über entwickeln sich die kleinen apfelähnlichen Früchte. Blüten wie Früchte eignen sich für Tees.
Das gefundene Fressen: Viele Vögel ernähren sich von Früchten. Weißdorn, Traubenkirsche, Felsenbirne und Holunder sind beliebt. Im Winter sind es die Schlehen, die noch an den Zweigen hängen.
Je dichter eine Blüte, desto schwieriger ist es für Insekten, hineinzugelangen. So attraktiv gefüllte Rosen oder Storchschnäbel sein mögen: Bienen und Hummeln gehen bei diesem Vergnügen meist leer aus. Auch viele der weitverbreiteten Gartengehölze wie Rhododendron und Forsythien haben den Insekten wenig bis nichts zu bieten. Die Tiere finden keinen Nektar oder können die Blüten nicht bestäuben, und so gibt es auch keine Früchte. Aus ökologischer Sicht ist das ein Verlust, denn an dieser Stelle hätte eine Pflanze wachsen können, die mehr Nutzen bringt − ohne weniger schön zu sein.
Bienen und Hummeln, aber auch Fliegen und Käfer profitieren von der Blüte der Wildobstgehölze. Brombeeren und Wildrosen, aber auch Schleh- und Weißdorn haben viel Nektar. Kleine Säugetiere fressen junge Triebe, Knospen, Blätter und manchmal Wurzeln der Gehölze, aber auch die Früchte. Haselmaus und Siebenschläfer lieben zum Beispiel Kornelkirschen, bei Steinmardern stehen Hagebutten auf dem Speiseplan.
Für viele Vögel gehören die Früchte zu den wichtigsten Nahrungsmitteln: Brombeere und Felsenbirne, Holunder, Kornelkirsche, Traubenkirsche und Weißdorn sind die beliebtesten. Vor allem Amsel, Blaumeise, Elster, Fitis, Grasmücke, Grauschnäpper, Kleiber, Kernbeißer, Nachtigall, Rotkehlchen, Singdrossel und Zilpzalp ernähren sich von Beeren. Star, Drossel, Grünfink oder der Zeisig mögen auch gerne Hagebutten.
Wildobstgehölze sind aber nicht nur für die Nahrung, sondern auch als Lebensraum interessant. Strauchbrüter nisten sich gerne in Hecken ein, viele bevorzugen unterschiedliche Reviere. Während Hänflinge, Neuntöter und Buchfinken am liebsten weit oben nisten, fühlt sich die Heckenbraunelle meist auf 1 m Höhe wohl. Rotkehlchen und Zaunkönig, Grasmücke und Zilpzalp bleiben lieber in Nähe des Bodens und bauen ihr Nest tief im Inneren der Gehölze. Dorniges wie Schlehdorn bietet besonderen Schutz.
Der Siebenschläfer ernährt sich von Früchten: Ebereschen, aber auch Kornelkirschen holt er sich gerne. Wer solche Gehölze in den Garten integriert, wertet ihn ökologisch auf.
GÄRTNERWISSEN
In dieser Hecke piept´s!
Eine Vogelschutzhecke wird möglichst dicht gepflanzt, damit ein Dickicht entsteht, in dem die Tiere Lebensraum finden. Sie sollte mindestens 2, besser sogar 3 m Tiefe haben. Sie braucht Platz und lässt sich nur bei großen Grundstücken anpflanzen. Struktur geben groß werdende Gehölze wie Ebereschen oder Traubenkirschen, dazu werden Holunder, Weißdorn, Haselsträucher und Kornelkirschen gesetzt. Auch Wildrosen passen dazu. In solchen Gehölzen finden Vögel gute Lebensbedingungen. Dornen sind von Vorteil, um vor Angreifern zu schützen. Im Laub gibt es Nahrung in Form von Würmern und Kerbtieren. Die Gehölze werden eng gepflanzt und nicht geschnitten. Sollen die Früchte auch verwertet werden, wird die Hecke etwas luftiger gesetzt und eventuell ausgelichtet, damit man besser ernten kann.
Im Mai hängt die Berberitze voller Früchte, die allmählich Farbe annehmen. Der Strauch wird sehr groß und bildet schnell Dickichte. Aber am Spalier lässt er sich im Zaum halten und passt dann auch in den kleineren Garten.
Wildobst ist eine gute Wahl, wenn es darum geht, den Garten ökologisch aufzuwerten. Viele der üblichen Gehölze wie Buchsbaum und Thuja sehen zwar vielleicht nett aus, doch haben Tiere weniger Nutzen von ihnen. Außerdem verändern die laubabwerfenden Sträucher und Bäume das Gartenbild, im Gegensatz zu den Immergrünen, die weitgehend gleich bleiben. An Apfelbeeren oder Felsenbirnen lassen sich die Jahreszeiten ablesen: Sie blühen im Frühjahr, sie bekommen Früchte und darüber hinaus noch eine bunte Herbstfärbung, ehe sie dann ihr Laub verlieren. Im nächsten Frühling beginnt der Zyklus von neuem.
Der Garten muss nicht groß sein, um Wildobst integrieren zu können. Wenn kein Platz für eine Hecke oder einen Baum ist, lassen sich kleine Gehölzgruppen oder Solitärsträucher pflanzen − und manches passt sogar in einen Balkonkübel. Bei der Auswahl immer auf die Größe und Umfang sowie den Verbreitungsdrang der Pflanzen achten: Schlehen und Sanddorn wollen sich Raum erobern, Apfelbeeren bescheiden sich mit etwa 1 m2. Sträucher sind eher schnell in den Garten geholt. Die Entscheidung, einen Baum zu pflanzen, ist eine ganz andere und will gut abgewogen sein. Hier blickt man in die ferne Zukunft. Bis ein Bäumchen herangewachsen ist, vergehen Jahrzehnte, selbst bis zur ersten Ernte kann es mitunter viele Jahre dauern. Diese zeitliche Dimension macht den Baum besonders. Er lebt voraussichtlich länger als derjenige, der ihn gepflanzt hat. Wie wird der Garten dann aussehen, wie die Häuser? Wer wird ernten?
Einige Wildobstpflanzen kommen auch im Topf zurecht, brauchen allerdings viel Platz für die Wurzeln. Damit ein Wildapfel gedeihen kann, sind mindestens 50 l Erde nötig – und ein sehr großer Pflanzkübel. In Gefäßen mit rund 40 l wachsen Berberitze, Felsenbirne und Filzkirsche auch auf dem Balkon. Mit etwas weniger, einem 30-l-Topf, kommen Japanische Weinbeeren, Him- oder Johannisbeeren aus. Bei wenig Platz eignen sich Heidelbeeren oder Wald-Erdbeeren. Alle Pflanzen im Topf sind stark auf menschliche Hilfe angewiesen. Sie brauchen stets genügend Wasser, zunächst aber einmal gute Erde – torffreie am besten. Ideal ist zum Beispiel Dachsubstrat, das für die intensive Begrünung von Dächern, etwa mit Stauden und Gehölzen, entwickelt wurde. Es hält sowohl Wasser als auch Nährstoffe gut. Pflanzen in Töpfen sollten jedes Frühjahr gedüngt werden: Pro Liter Erde etwa 5−10 g organischen Dünger zugeben.
Selbst wenn kein Platz für eine ausladende Vogelschutzhecke ist: Wildobst lässt sich auch in einen kleinen Garten integrieren. Viele Gehölze haben Insekten, Vögeln und Menschen etwas zu bieten – und sehen bei der Blüte im Frühjahr, mit dem Fruchtbehang im Sommer und vielleicht mit einer Herbstfärbung auch noch schön aus. Dazu gehören zum Beispiel die Felsenbirne oder auch die Apfelbeere. Die Apfelbeere lässt sich etwas kleiner halten als die Felsenbirne, sie wird 2−3 m hoch, während die Felsenbirne je nach Sorte auch um das 3-fache in die Höhe wachsen kann. An beiden naschen gerne Vögel – die Tiere kommen den Menschen meist zuvor.
Wildäpfel und Berberitzen passen ebenfalls in den nicht allzu großen Garten. Die zierlichen Wildapfelbäume sind nicht nur im Frühjahr zur Blütezeit eine Zierde, sondern auch später im Herbst, wenn sich die Zweige unter der Last der gelben und roten Äpfelchen biegen. Meist werden die Äpfel von Vögeln verschmäht, bis diese nichts anderes mehr im Garten finden. Berberitzen sind dornig und können schnell ein Dickicht bilden, was nistenden Vögeln Schutz bietet. Im Garten muss es allerdings im Auge behalten werden, wenn noch anderes dort wachsen soll. Ähnlich ist es bei Wildrosen: Besonders wehrhaft ist die Zaun-Rose (Rosa rubiginosa), besonders robust die Kartoffel-Rose (Rosa rugosa), dekorativ die Hunds-Rose (Rosa canina). Sie eignen sich für Wildrosenhecken, die auch einen Schnitt vertragen. Alle bekommen Hagebutten, die im Herbst Nahrung für Vögel und kleine Säugetiere bieten.
Wildäpfel, zum Beispiel die Sorte ‘Hopa’ mit ihren roten Früchten, gedeihen auch im Pflanzkübel auf der Terrasse oder dem Balkon. Der Topf sollte allerdings großzügig bemessen sein und mindestens 50 l Erde fassen.
