Wildwest-Roman – Unsterbliche Helden 93 - Rex Hayes - E-Book

Wildwest-Roman – Unsterbliche Helden 93 E-Book

Rex Hayes

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Beschreibung

Bill Alamo, der Texas-Ranger, kommt nach Canyon City, weil er einen Auftrag erfolgreich abgeschlossen hat und nun nach Hause zurückkehren will. Doch dann laufen ihm drei üble Verbrecher über den Weg. Ein Mord ist es schließlich, der Bill zwingt, zu bleiben. Und damit beginnt wohl eines der schlimmsten Kapitel in seinem Leben. Er muss nicht nur gegen raffinierte Kriminelle kämpfen, sondern auch gegen eine ganze Stadt voller Feiglinge. Und als er glaubt, endlich am Ziel zu sein, stellt sich heraus, dass dieser Fall erst richtig angefangen hat ...

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Gauner-Trio

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Gauner-Trio

Von Rex Hayes

»Canyon City«, sagt der Mann am Feuer und stößt einen Zweig in die Glut, sodass eine rote Funkengarbe emporwirbelt. »Sie werden die Stadt morgen erreichen, Mister Alamo. Sie brauchen nur dem alten Wüstenweg zu folgen, den wir vorhin passiert haben.«

Dann zieht er den Zweig heraus und setzt seine Pfeife damit in Brand.

Ich nicke.

»Machen Sie sich keine Sorgen, dass Sie sich verirren könnten. Von Canyon City aus haben Sie Anschluss an eine Poststraße, die nach Tubac und von da weiter nach El Paso führt. Sie werden bald wieder zu Hause sein, Mister Alamo.«

»Und Sie, Colonel?«

   

Ich lehne mich im Sattel zurück und beobachte den großen, grauhaarigen Mann an meiner Seite.

Um uns ist das große Schweigen der Gila Desert, der großen Arizona-Wüste. Das Campfeuer brennt ein kleines, rotes Loch in die Finsternis. Auf den Dünenkämmen läuft der Sand, von dem ewig streichenden Wind in Bewegung gehalten. Unsere Pferde stehen reglos mit gefesselten Vorderbeinen. In der Ferne heulen ein paar Coyoten. Die glatte Fläche des Wasserloches funkelt matt im kalten Licht der Sterne.

»Und Sie, Colonel?«, wiederhole ich.

Colonel Irving Campbell, Kommandeur der neugegründeten Landreitertruppe von Arizona, lächelt schwach.

»Ich werde morgen früh umkehren und zu meinen Leuten zurückreiten.«

Er dreht den Kopf etwas zu mir her. Seine klugen, grauen Augen glänzen unter der Krempe seines großen Hutes.

»Es war mir eine Ehre, Sie noch ein Stück auf den Weg zu bringen. Die Gila ist gefährlich für den, der sie nicht kennt. Und ich konnte es nicht riskieren, einen Mann, der uns so tatkräftig beim Aufbau unserer Polizeireitertruppe geholfen hat, nun so einfach loszuschicken.«

Ich winke ab. »Aber Sir, ich habe nicht mehr als meine Pflicht getan. Als der Hilferuf Ihres Gouverneurs aus Prescott beim Grenzbataillon der Texas-Ranger einging, wurde ich von Captain Jim McNelty dazu bestimmt, Ihnen bei der Aufstellung der Landreiterorganisation zur Hand zu gehen. Das ist alles.«

Campbell nickt schwach, ein dünnes Lächeln spielt um seine schmalen Lippen.

»Ja, natürlich. Trotzdem bin ich froh, dass man gerade Sie zu uns geschickt hat. Wie Sie uns geholfen haben, die Schmugglerbande in Fort Yuma auszuheben, das war geradezu eine Meisterleistung.«

Er seufzt plötzlich. »Die Regierung des Arizona-Territoriums in Prescott ist sehr daran interessiert, dass Arizona endlich als selbstständiger Staat in die Union aufgenommen wird. Bevor es aber so weit ist, müssen wir erst beweisen, dass wir würdig sind, ein vollwertiges Mitglied der Vereinigten Staaten zu werden.«

»Und sind Sie das etwa nicht?«

Der Colonel seufzt wieder. Ein Schatten huscht über sein Gesicht.

»Arizona ist ein schönes Land, aber es hat sich zu viel Gesindel hier festge‍setzt. Wir sind sozusagen Amerikas ›letzte Grenze‹. Viele Interessen stoßen sich in unserem Raum – die der Viehzüchter, Schafhirten und der Miner. In unseren Bergen werden Edelerze ge‍funden, das Geld liegt praktisch auf der Straße. Und, wie überall, hat es die schlechten Elemente angezogen: De‍sperados, Banditen, Kartenhaie, Glücksritter, Halsabschneider und leichte Mädchen. Sie alle wollen hier das letzte, große Geschäft ihres Lebens machen. Junge Leute kommen mit großen Illusionen zu uns und finden hier Unmoral, Glücksspiel und zum Schluss eine Kugel in den Rücken. Kein Wunder, dass wir in den anderen Staaten der Union einen schlechten Ruf bekommen haben.«

»Es wird sich ändern, Colonel«, sage ich, »wenn Ihre Landreiter die ersten Erfolge aufzuweisen haben. Ich denke, wir schlafen jetzt besser. Es steht uns morgen noch ein anstrengender Ritt bevor.«

Am nächsten Morgen trennen wir uns. Colonel Campbell kehrt zu seinem Kommando zurück, während ich dem alten Gila-Weg nach Osten folge.

Ich bin ziemlich erschöpft, als ich Cartoon City am späten Nachmittag zum ersten Mal sehe. Eine Woche Wüstenmarsch hinterlässt deutliche Spuren. Meine Kleider riechen nach Schweiß. Ich bin schmutzig und abgerissen, und selbst Shadow ist dürr geworden.

Von einem Hügelkamm aus beobachte ich die kleine Stadt, ein armseliges, weltvergessenes Wüstennest. Es liegt am Ende einer Schlucht, die von einem Fluss gekreuzt wird. Dahinter steigen rote Hügel und wilde Felsengruppen über eine flache Hochebene zu den zerfurchten Graten der Blackhawk Mountains an. Ein staubiger Fahrweg führt in die Berge hinauf, und in weiter Ferne kann ich die Baracken einer Kupfermine erkennen und die gelbschwarze Rauchsäule, die über der Erzschmelze steht. Weiter in Richtung Norden werden die Hügel grüner, und weidende Rinder lassen den Staub auffliegen, während sie getrieben werden. In der Front des Gebirges steht die Kerbe eines Passes schmal und scharf vor dem bleifarbenen Horizont, über dem eine glühende Sonne hängt.

Meine Lippen schmerzen unter der Staubschicht, als ich sie verziehe.

»He, Alter«, sage ich zu Shadow, ihm den struppig gewordenen Hals tätschelnd, »man wird uns da unten nicht gerade mit Freudenschüssen empfangen. Man wird uns eher für verdammte Satteltramps halten.«

Shadow schnaubt und drängt gegen die Zügel. Er hat das Flusswasser gerochen und will hinunter. Ich gebe nach und lenke ihn auf der Wagenpiste weiter, der ich seit einer Woche gefolgt bin. Wir erreichen die Furt. Der Fluss sieht mager aus und ist in der Hitze mächtig zusammengeschrumpft. Shadow macht den Hals lang, weicht aber sofort zurück. Jetzt nehme ich auch den scharfen Alkaligeruch wahr, der von dem trüben Wasser aufsteigt.

»Das ist nichts für dich, alter Junge«, sage ich zu dem Hengst. »Lass uns sehen, ob wir in diesem Nest nicht besseres Wasser finden.«

Shadow setzt vorsichtig Huf vor Huf, und so durchschreiten wir den Fluss und gelangen auf das andere Ufer. Canyon City liegt jetzt ganz nahe vor uns. Das erbarmungslos helle Sonnenlicht enthüllt den ganzen Schmutz an den ehemals weißen Adobewänden und die Risse in den geborstenen Bretterhütten. Von den falschen Fassaden der Saloons ist die Farbe abgeblättert, und die breite Straße, die die Häuser trennt, ist ein einziges Meer aus rotem Staub.

Ich will gerade wieder die Zügel aufnehmen, als ich die Schüsse höre, die am anderen Ende der Stadt fallen.

Schüsse, die über die eingesunkenen Dächer von Canyon City rollen und als hallende Echos aus den Sanddünen der Gila kommen, die hinter mir liegt.

Ich richte mich in den Bügeln auf, und meine Hände fallen auf die braunen, abgewetzten Walnusskolben meiner Colts.

Wenn es hier Schwierigkeiten gibt, dann will ich meinen Anteil daran haben.

Revolverschüsse!

Sie bellen laut und heftig, und etwas an ihrer Art erinnert mich an die Gewohnheit unserer Texas-Cowboys, auch bei jeder Gelegenheit herumzuschießen.

Ich grinse und sage zu Shadow: »Also doch Freudenschüsse. Erinnerst du dich, was ich dir vorhin gesagt habe?«

Ich habe noch nicht ausgesprochen, als ich einen Reiter am Ende der Straße auftauchen sehe. Er peitscht sein Pferd in wahnsinnigem Galopp vorwärts. Er liegt lang auf dem Pferdehals, und seine großen Sporen bearbeiten das Tier mit voller Kraft. Im nächsten Augenblick jagt er an mir vorbei. Ich sehe ein verstörtes Gesicht ohne Hut. Augen, in denen die Angst flackert. Der Mann hetzt seinen Gaul an mir vorüber, galoppiert durch die Furt, sodass das Wasser hoch aufspritzt, und verschwindet in der Wüste. Ich mache mir so meine eigenen Gedanken, während ich die Staubwolke beobachte, die kleiner und schließlich von dem trockenen Wind aufgesogen wird.

Ein Mann auf der Flucht.

Ich brauche nicht lange nach der Ursache zu suchen. Drei Männer zu Fuß tauchen am Ende der Straße auf. Sie schwingen rauchende Revolver in ihren Händen, und ich kann ihren grölenden Gesang hören.

»Wir hängen Sheriff Miller an den höchsten Apfelbaum ...«

Ich beobachte die drei, die in einem Saloon verschwinden, vor dem drei magere, wild aussehende Pferde in der Sonne dösen.

»Was hat das zu bedeuten?«, frage ich einen Oldtimer, der im Schatten einer Ramada hockt und mürrisch seinen Schaukelstuhl bewegt.

Die kleinen Augen des alten Mannes richten sich mit einem abweisenden Interesse auf mich.

»Sie haben Sheriff Miller zum Teufel gejagt – diese Höllenhunde!«, knurrt er.

»Wer hat das getan?«

Der Alte spuckt einen Strahl braunen Tabaksaftes genau vor Shadows Hufe.

»Na, die drei, die da eben in Harveys Saloon verschwunden sind: Dob Tobin, Steve McCay und Ed Reeves. Haben Sie das Schießen nicht gehört?«

Ich nicke. »Natürlich. Und das lasst ihr euch gefallen?«

Die Augen des Oldtimers nehmen einen sinnenden Ausdruck an.

»Wer sind Sie eigentlich, Mister?«

Ich sehe ihn an. »Ein Mann, der viel reitet, der viel unterwegs ist.«

»Nun, dann haben Sie es auch gelernt, sich nur um Ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern und keine dummen Fragen zu stellen. Halten Sie sich daran, oder man wird Sie rasch sterben lassen. Mit Ihren Stiefeln an den Füßen, schätze ich.«

Er setzt seinen Schaukelstuhl wieder in Bewegung, damit andeutend, dass er das Gespräch nicht fortzusetzen wünscht.

Ich zucke mit den Schultern und nehme Shadows Zügel auf. Der Schwarze hebt die Hufe aus dem Staub und setzt sich wieder in Bewegung.

Weiter oben verbreitert sich die Straße zu einer eiförmigen Plaza. Hier befindet sich der Mittelpunkt von Canyon City: der Brunnen. Ein Windmotor, ein hohes, spindelbeiniges Balkengerüst, auf dem sich ein Rad dreht, das durch einen Ausleger immer gegen den Wind gehalten wird, pumpt klares Wasser aus der Tiefe der Erde in eine gemauerte Zisterne.

Shadow schnaubt und drängt heftig gegen die Zügel, als er das Wasser wittert.

Ich sitze ab, lockere den Sattelgurt und werfe den Eimer an der Haspel in den Schacht. Dann winde ich ihn wieder hoch und kippe den Inhalt in den Trog.

Shadow säuft vorsichtig und langsam.

Ich drehe mich um und sehe den Saloon jenseits der Plaza.

Die Farben auf seiner Frontseite sind ausgebleicht und abgeblättert. Ein Schild schaukelt an einem rostigen Draht in dem trockenen Wind, der von der Gila herüberkommt.

Auf Letzterem steht: Harvey's Horseshoe Saloon. Der beste Whisky, das ehrlichste Spiel westlich des Mississippis!

Ich grinse, während ich mich wieder an Shadow wende.

»Toller Laden, dieser Hufeisen-Saloon. Was meinst du, mein Alter?«

Shadow schnauft und stupst mich mit der Nase an. Ich soll ihm wohl noch einen Eimer Wasser hochhieven. Durch das Knarren der Haspel hindurch höre ich noch ein anderes Geräusch: das Quietschen einer schlecht geölten Tür.

Dann sagt eine Stimme, kalt und schnarrend: »Ein Fremder ist in unserer Stadt. Leute, was haben wir eigentlich für einen Tag?«

»Einen ganz gewöhnlichen Werktag«, antwortet eine zweite Stimme. »Ich möchte wissen, welcher Wind den hierher geweht hat, Dob.«

Einen Augenblick lang herrscht Stille.

Dann fällt eine dritte Stimme ein: »Was hat er hier herumzuschnüffeln? Wetten, dass ich ihm seine Absätze von den Stiefeln schießen kann, Steve?«

»Das schaffst du nie!«, sagt die zweite Stimme lachend.

»Wetten, dass ich es schaffe ...«, bellt die dritte wieder.

Nun vernehme ich ein Geräusch, das ich nur zu gut kenne: Das Schleifen von Stahl, der aus dem Leder gezogen wird.

Ich drehe mich langsam. Mein Inneres wird kalt und leer.

Unter dem Vordach des Horseshoe Saloons stehen drei Männer. Die gleichen, die vorhin mit ihren Schießeisen herumballerten.

Zwei von ihnen sind ziemlich groß, hager und zäh aussehend. Ehemalige Cowboys, die brotlos geworden sind, als die großen Viehtrecks zu Ende waren und sie auf die schiefe Bahn gerieten. Der Rinderweg hat sie aus der Bahn geworfen und für jede andere Arbeit unbrauchbar gemacht. Die Sonne dieses Landes hat ihre Gesichter gebräunt, und ihre Augen blicken kühl und wachsam unter den Krempen ihrer verschwitzten Hüte.

Der dritte ist anders: klein, vertrocknet, mit einem gelbhäutigen, zerknitterten Gesicht. Seine Kleidung ist nicht die eines Raureiters, sondern zeigt eine schäbige Eleganz. Er trägt einen runden, steifen Hut, die Augen sind schwarz und stechend unter buschigen Brauen. Dieser Bursche sieht genauso angriffslustig aus wie eine Klapperschlange, der man aus Versehen auf den Schwanz getreten ist.

Er ist es auch, der ein Schießeisen in der Hand hält, Kaliber .41. Die Mündung ist auf mich gerichtet.

»Du schaffst es nicht, Eddie!«, sagt der eine wieder lachend.

Der .41er kracht plötzlich und speit Rauch und eine rote Flammenzunge aus. Eine Kugel schlägt knapp einen Zentimeter vor meiner Stiefelspitze in den Staub und spritzt mir Dreck ins Gesicht.

Es ist einer jener blutigen Späße, die sich diese revolverschwingenden Desperados immer wieder mit harmlosen Fremden erlauben. Schließlich können sie ja nicht ahnen, dass ich nicht ganz so harmlos bin, wie ich aussehe.

»Habe ich nicht gesagt, dass du es nicht schaffst?«, fragt der Große spöttisch.

»Verdammt, halt deinen Mund, Dob!«, heult der Schütze, der kein anderer als Ed Reeves sein kann. »Es kam nur, weil er sich umgedreht hat. Dafür werde ich ihn jetzt tanzen lassen.«

Ich fasse die drei scharf ins Auge. Der erste Sprecher muss Dob Tobin sein. Der Kleine ist Ed Reeves. Der Dritte, der sich bisher zurückgehalten hat, ist demnach Steve McCay. Ein hübsches Kleeblatt, kann man schon sagen.

»Sieh nur, was er für Augen macht!«, spottet Tobin. »Ich wette, er frisst dich roh, wenn du nicht gleich dein Schießeisen einsteckst.«

»Ich lass ihn tanzen!«, ruft Reeves. »Er soll uns einen Ragtime hinlegen. Jungs, verlasst euch drauf!«

Wieder geht sein Revolver los, und die Kugel trifft um ein Haar meine Stiefelspitze. Unwillkürlich zuckt mein Fuß zurück. Augenblicklich feuert Reeves wieder, und diesmal hat er auf meinen anderen Fuß gezielt.

»Tanzen sollst du! Los, zeig uns, was du kannst!«

Ich stehe steif, während meine Stirn sich mit Schweiß bedeckt. Verrückte Revolverhelden wie diese drei sind mir nicht ganz unbekannt. Ein Menschenleben bedeutet ihnen wenig genug. Reeves hat sein Schießeisen schon in der Hand. Wenn ich nur nach dem meinen schiele, wird er mich ohne Wimpernzucken niederschießen. Und natürlich habe ich keine Lust, in dieser Stadt das Zeitliche zu segnen.

Reeves schießt zum vierten Mal. Diesmal muss seine Hand gezittert haben. Die Kugel geht höher und schlitzt mein Hosenbein auf. Mir wird übel, als ich daran denke, was passiert wäre, wenn sie mein Bein getroffen hätte. Der Knochen kaputt – das hätte ein paar Wochen Bettruhe gekostet. Wenn es in diesem armseligen Nest überhaupt einen Arzt gibt, der sich auf Knochenschüsse versteht.

»Ed, du bringst ihn nicht dazu, sich zu bewegen«, wirft der finstere McCay ein. »Er steht wie eine Salzfigur. Harter Mann, was? Wetten, dass du ihn nicht in Bewegung bringst ...«

»Ich bring' ihn um!«, zischt Reeves, jetzt in höchster Wut. »Ich bring' ihn um! Ich tu's!«

Sein Revolver wandert höher, richtet sich auf meinen Bauch. Ich fühle den Schweiß, der mir vom Kopf rinnt und in meinen Augen zu brennen beginnt.

Jetzt gibt's nur noch eins: Ich muss alles auf eine Karte setzen. Ich muss ihm den Schneid abkaufen, bevor er seinen Revolver aufbellen lässt.

Ich setze mich in Bewegung, und es kostet mich Kraft, das zu tun. Aber ich bringe es fertig. Ich gehe durch den roten Staub, genau auf Reeves zu und marschiere der Revolvermündung entgegen, die auf meinen Magen gerichtet ist. Meine Augen lassen das Gesicht des kleinen Gauners nicht mehr los. In seinen Pupillen werde ich erkennen können, wenn er feuern will. Vielleicht kann ich es verhindern. Möglicherweise habe ich noch eine Chance.

Reeves zögert plötzlich. Ich sehe es, und die Kälte auf meinem Rücken lässt nach. Ich marschiere weiter, Schritt für Schritt, aber noch nie ist mir ein Weg so lang geworden wie diese kurze Entfernung vom Brunnen in Canyon City bis zur Tür von Harveys Horseshoe Saloon.

An die Fahrbahn schließt sich ein hoher hölzerner Gehsteig an. Ich betrete ihn. Jetzt trennt mich noch eine Stufe von den drei Schießeisen-Brüdern. Noch eine einzige Stufe. Auch sie nehme ich, dabei nur Reeves, diesen kleinen, hasserfüllten Revolverschwinger fest im Auge behaltend.

Reeves flucht, als ich nur noch zwei Schritte von ihm entfernt bin, und lässt seinen Revolver sinken.

Ich gehe genau auf ihn zu.

Blässe zieht über sein mageres Rattengesicht.

Eine Sekunde lang stehen wir beinahe Brust an Brust. Dann atmet er hörbar und weicht zur Seite.

Ich schreite so nahe an ihm vorbei, dass sich unsere Schultern berühren. Kurz darauf stoße ich die Klapptür auf. Das Halbdunkel ist wohltuend kühl und angenehm. Ich entspanne mich, als ich die Tür hinter mir zufallen höre.

»Einen Whisky – vom Besten, den Sie haben«, sage ich zu dem Keeper, der mir hinter seiner Theke entgegenstarrt. Meine Kehle ist so rau, als ob ich ein Reibeisen verschluckt hätte.

Der Mann bedient mich, seine Hände zittern, während er ein Glas füllt. Er muss alles durch das staubige Fenster beobachtet haben.

»Mister, Sie verschwinden besser aus Canyon City, ehe es zu spät ist!«, raunt er mir zu, sich weit über die Nickelplatte beugend.

Ich drehe das Glas zwischen meinen Fingern. Draußen herrscht noch immer Stille. Aber nicht mehr lange. Dob Tobins heisere Stimme bellt: »Zum Henker, Eddie, du hast gekniffen – du hast vor diesem Kerl gekniffen!«

Wieder Stille. Dann Reeves: »Halt den Mund, Dob! Er hat mich übertölpelt! Aber wir werden das ändern! Kommt!«

Ich stelle das Glas ab und lege beide Hände flach auf den Schanktisch.

Ich will nicht schießen. Nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Denn hier bin ich kein Texas-Ranger, der das Gesetz vertritt, sondern nur der Privatmann Bill Alamo. Und der muss ohne Schießeisen auskommen und darf nur in letzter Notwehr zur Waffe greifen.

Wieder höre ich die Tür klappen. Ich höre die Schritte von drei Männern, die auseinandertreten und mich in die Zange nehmen. Und dann schnarrt die Stimme von Ed Reeves: »Wer sind Sie, Fremder? Drehen Sie sich um!«

Ich wende mich langsam.

Reeves hat seinen Colt eingesteckt. Das beruhigt mich etwas. Er scheint der blutdürstigste dieser drei Kerle zu sein. Er ist zwar der kleinste und körperlich schwächste von ihnen, aber man kann in diesem Land körperliche Schwäche mit einem gut geölten Schießeisen ausgleichen.

Der Revolver ist genau das Mittel, das Menschen seiner Art brauchen, das ihnen hilft, ihre Komplexe zu überwinden und sich selbst stark und den Großen überlegen zu fühlen.

Ed Reeves ist der typische Vertreter einer Gattung Mensch, die man hier an der Grenze sehr oft antrifft: wild, bösartig, ständig auf Streit und Zank aus. »Revolververrückt«, wie man das bei uns nennt. Ein Verrückter, der ständig mit der Hand am Revolver durchs Leben geht.

Steve McCay nickt kurz. Er hat rotes Haar und einen rostfarbenen Schnauzbart, der seine Oberlippe verdeckt.

»Was habe ich euch gesagt? Nichts weiter als ein verdammter Satteltramp.«

Die schwarzen Augen von Reeves sind auf mich gerichtet.

»Fremder, hatten Sie einen besonderen Grund, nach Canyon City zu kommen?«

Ich hebe die Schultern. »Keinen besonderen. Ich bin auf dem Heimweg nach Texas. Das ist alles.«