Willensfreiheit - Gilbert Kempff - E-Book

Willensfreiheit E-Book

Gilbert Kempff

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Beschreibung

Das Problem der Willensfreiheit ist nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der interessantesten Probleme der Philosophie. Von dieser Frage hängt unser Menschenbild ab, das heißt das Bild, das wir uns von uns selbst gemacht haben. Diese Abhandlung ist ein Versuch, dem Phänomen der Willensfreiheit von verschiedenen Seiten her auf die Spur zu kommen. Dabei wird sich herausstellen, dass schon die Logik der Willensfreiheit erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Die Psychoanalyse hat das Unbewusste ins Spiel gebracht und die Willensfreiheit vor die Frage gestellt, ob wir auch über Beweggründe verfügen können, von denen wir gar nichts wissen. Die Hirnforschung hat die noch unangenehmere Frage aufgeworfen, ob unsere geistigen Zustände nicht am Ende nur physiologische Zustände sind. Kann sich die Biologie unseres Gehirns über die Kausalität hinwegsetzen? Mit dem Strafrecht erhält das Problem schließlich auch eine gesellschaftspolitische Relevanz. Hier stellt sich eine Frage, die schon fast so alt ist wie das Strafgesetzbuch selbst: Ist die Willensfreiheit wirklich eine stabile Grundlage für ein rationales Strafrecht?

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2016

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GILBERT KEMPFF

WILLENSFREIHEIT

ODER DER ZOPF DES

© 2016 Gilbert Kempff

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback

978-3-7345-1953-6

ISBN Hardcover

978-3-7345-1954-3

ISBN e-Book

978-3-7345-1955-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Umschlagillustration von G. Doré

Das Herz hat seine Gründe, von denen der Verstand nichts weiß.

Pascal

Mit der Notwendigkeit sind die Götter immer im Bunde.

Montaigne

I am what I am.

Popeye

Inhalt

I.

Der Determinismus: eine weitere Kränkung?

II.

Was ist überhaupt eine freie Willensentscheidung?

Was ist Freiheit?

Was ist der Wille?

Was ist eine Entscheidung?

III.

Willensfreiheit und Reflexion

IV.

Willensfreiheit und Psychoanalyse

V.

Willensfreiheit und Hirnforschung

Freiheit und Millisekunden

Diktatur der Neuronen?

Hirnforschung und Psychoanalyse

VI.

Zwei Nebenkriegsschauplätze

Kompatibilität oder: Die determinierte Willensfreiheit

Quantenphysik oder: Die Abschaffung der Kausalität

VII.

Willensfreiheit und Strafrecht

Schuldstrafrecht

Der Pakt mit der Psychiatrie

Strafe oder Prävention?

Irrwege

Sündenböcke

VIII.

Einige Gründe, warum wir auf die Willensfreiheit nicht verzichten können

Ich-Gefühl

Omnipotenz

Eitelkeit

Schuld

Moral

IX.

Lob der Kausalität

Gratifikationen

Sündenregister

Anmerkungen

I.

Der Determinismus: eine weitere Kränkung?

Das Problem der Willensfreiheit ist nicht irgendein psychologisches oder philosophisches Problem unter anderen. Von dieser Frage hängt unser Menschenbild ab, das heißt das Bild, das wir uns von uns selbst gemacht haben. Hier lauert eine weitere Kränkung - die letzte, die uns nach all den anderen noch zugefügt werden kann. Zuerst hat uns Kopernikus aus dem Mittelpunkt des Weltalls vertrieben. Das war schon schlimm genug; schließlich war es unser angestammter Platz. Dann hat uns Darwin rigoros auf den Boden der Biologie gestellt und damit nicht nur unsere schöne Schöpfungsgeschichte zerstört, sondern uns auch noch diese unmögliche Verwandtschaft angehängt. Unsere Entwicklung zum höheren Affen verdanken wir nur einer Laune der Evolution. Zu guter Letzt hat uns Freud vorgeführt, dass sich unser Leben nicht nur in der Sphäre des Bewusstseins abspielt, sondern dass wir auch von Motiven gelenkt werden, von denen wir gar nichts wissen. Dass wir, mit seinen Worten, nicht einmal Herr im eigenen Hause sind. 1

Mit der Frage der Willensfreiheit wird entschieden, ob nicht am Ende sogar unser Wille den Gesetzen der Notwendigkeit gehorchen muss. Zappeln wir nur an den Fäden der Kausalität? Oder sind wir, als denkende Wesen, nicht wenigstens Herr über unseren eigenen Willen? Bestimmen wir nicht über uns selbst? Unser Bewusstsein sagt uns, dass wir diese Freiheit unbedingt haben. Aber wer sagt uns, dass uns unser Bewusstsein nicht nur eine Illusion vorspiegelt? Es wäre nicht das erste Mal.

A. Schopenhauer hat das Problem folgendermaßen beschrieben: „Die Frage ist wirklich eine höchst bedenkliche. Sie greift mit forscher Hand in das allerinnerste Wesen des Menschen: sie will wissen, ob auch er wie alles übrige in der Welt ein durch seine Beschaffenheit selbst ein für allemal entschiedenes Wesen sei, welches wie jedes andere in der Natur seine bestimmten, beharrlichen Eigenschaften habe, aus denen seine Reaktionen auf entstehenden äußern Anlass notwendig hervorgehn, oder ob er allein eine Ausnahme von der ganzen Natur mache.“ 2

Und so ist es. Die Willensfreiheit beruht auf der Voraussetzung, dass das Gesetz der Kausalität in unserem Kopf außer Kraft getreten ist. Im Geltungsbereich der Kausalität gibt es keine Freiheit. In den folgenden Kapiteln soll der Versuch gemacht werden, diesem interessanten Phänomen von verschiedenen Seiten her ein wenig auf die Spur zu kommen.

Zu allererst muss natürlich gefragt werden, ob eine Freiheit des Willens überhaupt mit der Logik, mit den Denkgesetzen zu vereinbaren ist. Hier sind gewisse Zweifel am Platz - vor allem, wenn man der Frage nachgeht, wovon denn der Wille eigentlich frei sein soll? Der Begriff der Freiheit erhält ja erst dann einen Sinn, wenn gefragt wird: frei wovon?

Die Psychoanalyse gibt uns ein anderes Rätsel auf. Wie kann die Willensfreiheit mit der Tatsache vereinbart werden, dass wir unsere wahren Beweggründe oft selbst nicht kennen? Kann man über Motive verfügen, von denen man gar nichts weiß?

Neuerdings ist die Hirnforschung auf den Plan getreten und hat die Biologie des Gehirns gegen die Willensfreiheit in Stellung gebracht. Sie hat die besonders unangenehme Frage aufgeworfen, ob unsere geistigen Prozesse nicht am Ende nur physiologische Prozesse sind, die der Kausalität ebenso unterliegen wie alles andere auch?

Die Willensfreiheit ist aber nicht nur ein akademisches Problem. Sie hat auch einen wichtigen gesellschaftlichen Bezug. Das Strafrecht beruht auf dem Begriff der Schuld, und Schuld setzt Entscheidungsfreiheit voraus. Die Verantwortlichkeit folgt aus der Freiheit. Gesetzt den Fall, die Willensfreiheit wäre nur eine Illusion: was wird dann aus dem Strafrecht? Müssen wir jetzt Unschuldige bestrafen? Oder ist nicht auch ein Strafrecht denkbar, das ohne Schuld und Sühne auskommt?

II.

Was ist überhaupt eine freie Willensentscheidung?

Die Schwierigkeiten mit der Willensfreiheit beginnen bereits bei der Definition. Irgendwie entzieht sie sich einer Beschreibung, sie ist nicht so recht zu fassen. Wie frei hat man sich den freien Willen vorzustellen? Kann er alles wollen? Oder ist er durch irgendetwas begrenzt? Zum Beispiel durch die individuellen Gegebenheiten des Charakters, des Temperaments, der Intelligenz usw.? Und ist der Wille durch irgendetwas begrenzt: in welchem Sinne kann er dann noch als frei bezeichnet werden? Sind wir nur frei innerhalb unserer jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen? Aber wo verlaufen diese Grenzen? Wie weit folgen wir nur den unabänderlichen Gesetzen unserer Natur, und wann haben wir selbst auch noch ein Wort mitzureden? Es ist nicht ganz leicht, sich von der Willensfreiheit einen Begriff zu machen.

Gewöhnlich wird die Willensfreiheit als Wahlfreiheit aufgefasst. Stehen wir vor mehreren Handlungsmöglichkeiten, können wir frei zwischen ihnen wählen. Wir können uns sowohl für das eine entscheiden, als auch für etwas anderes - ganz wie wir wollen. Das heißt aber nur: wir können das eine tun - wenn wir es wollen. Wir können auch etwas ganz anderes tun - wenn wir es wollen. Kurzum: wir können das tun, was wir wollen. Aber das versteht sich von selbst. Die Freiheit des Willens ist damit nicht erklärt, hier fangen die Fragen erst an. Wie kommt eine Willensentscheidung überhaupt zustande? Und wie kommt die Freiheit in den Willen hinein? Und vor allem: von was für einer Art Freiheit ist hier die Rede?

Wie also soll man sich eine freie Willensentscheidung vorstellen? Vielleicht kommt man der Sache etwas näher, wenn man die Frage in ihre Bestandteile zerlegt und sich zuerst einmal über die Begriffe verständigt. Was ist Freiheit? Was ist der Wille? Und was ist eine Entscheidung? Davon handeln die folgenden Abschnitte.

Was ist Freiheit?

Freiheit ist wohl das am meisten malträtierte Wort der Weltgeschichte (allenfalls die Gerechtigkeit kann es in dieser Hinsicht noch mit ihr aufnehmen). Wie viele Ideologen und Demagogen haben nicht schon die Freiheit auf ihre Fahnen geschrieben und mit Pathos aufgeladen! Wie viele Freiheitsverheißungen haben am Ende nur in neue Unfreiheit geführt! Es scheint, als läge in der Freiheit die größte Sehnsucht der Menschen. Wenn man sich die Geschichte der Menschheit näher ansieht, wird diese Sehnsucht begreiflich. Aber je größer eine Sehnsucht, desto leichter lässt sie sich in die Irre führen.

Sogar der Marxismus, der in einer üblen Diktatur des Sekretariats versandet ist, hatte einst das „Reich der Freiheit“ versprochen. Es ist eine besondere Ironie der Geschichte, dass sogar vom „Absterben des Staates“ die Rede gewesen ist. Dahinter steckte die merkwürdige Vorstellung, dass mit der Abschaffung der Eigentumsverhältnisse auch die Herrschaftsverhältnisse abgeschafft sein würden. Aber die Herrschaftsverhältnisse haben uns etwas gehustet. Sie haben sofort ein neues Machtinstrument gefunden: den Parteiapparat. Die Geschichte ist nicht nur eine Geschichte von Klassenkämpfen, wie uns der Marxismus weismachen wollte, sondern eine Geschichte von Machtkämpfen. Die Macht hat viele Gesichter.

Es versteht sich, dass auch der Kapitalismus für sich in Anspruch nimmt, auf der Freiheitsidee zu fußen - und zwar nicht nur auf der Freiheit des Marktes und der Kapitalverwertung, sondern auch auf der Freiheit des Individuums. Aus der Freiheit bezieht der Kapitalismus geradezu seine moralische Legitimation. Die konsequenteste Variante des Kapitalismus, der sogenannte Neo-Liberalismus, führt die Freiheit sogar schon im Firmenschild. Unvergessen ist auch ein Wahlslogan aus den 1970er Jahren: „Freiheit statt Sozialismus!“ Was für eine Freiheit ist hier gemeint? Um wessen Freiheit handelt es sich? Am Ende ist es, nach einem schönen Wort von R. Garaudy, nur die Freiheit eines freien Fuchses in einem freien Hühnerstall.

Kurz gesagt: mit der Freiheit lässt sich alles machen. Je größer ein Wort ist, desto mehr passt hinein. Und je mehr man hineinstopft, desto leerer wird es. Ein Paradox.

Will man der Freiheit des Willens auf die Spur kommen, ist eine etwas nüchternere Betrachtungsweise am Platz. Freiheit ist, logisch gesprochen, kein positiver, sondern nur ein negativer Begriff. Er hat selbst keinen Inhalt, keine Substanz. Freiheit kann nur durch die Abwesenheit von etwas bestimmt werden, nämlich durch die Abwesenheit von Freiheitsbeschränkungen. Freiheit ist die Abwesenheit von Unfreiheit. Der Satz: „ich bin frei“ ist für sich allein genommen vollkommen sinnlos (außer vielleicht bei einem gerade entlaufenen Strafgefangenen). Das Wort „frei“ erhält erst dann einen Sinn, wenn gefragt wird: frei wovon? Freiheit ist immer die Freiheit von etwas, es liegt in der Logik des Begriffs. Diese Logik folgt den realen Gegebenheiten. Die Freiheit selbst ist nur eine Abstraktion - konkret und greifbar sind allein die Hindernisse, die sich der Freiheit entgegenstellen.

Wir sind (wenn wir Glück haben) sorgenfrei, beschwerdefrei, schuldenfrei. Wir sind frei von Verpflichtungen, Beschränkungen und Behinderungen jeder Art. Freie Völker sind frei von Unterdrückung - sei es durch fremde Mächte, sei es durch selbstgemachte Diktatoren. Unsere bürgerlichen Freiheiten sind nichts anderes als Freiheit von Willkür und Machtmissbrauch - und die haben wir uns, wie Gott weiß, erst einmal mühsam genug erkämpfen müssen. Meinungsfreiheit heißt: niemand hindert mich daran, meine Meinung jederzeit offen zu äußern; Versammlungsfreiheit: niemand hindert mich daran, mich mit anderen zu versammeln, um gemeinsame Interessen öffentlich zu vertreten; Vereinigungsfreiheit: niemand hindert mich daran, mich mit anderen in Verbänden, Parteien, Gewerkschaften usw. zusammenzuschließen, um gemeinsame Interessen womöglich sogar durchzusetzen.

Die Freiheit definiert unser Verhältnis zur Außenwelt. Freiheit ist immer Handlungsfreiheit und bedeutet: ich kann tun, was ich will. Wir sind frei in dem Maße, in dem sich unser Wille ungehindert Geltung verschaffen kann. Wir sind unfrei in dem Maße, in dem unser Wille auf Zwänge stößt, denen er nicht gewachsen ist. Freiheit setzt einen bestimmten Willen immer schon voraus.

Dieser Freiheitsbegriff kann folglich nicht auf den Willen selbst übertragen werden, er verliert dort seinen Sinn. Wovon sollte der Wille selbst frei sein? Wer könnte ihn daran hindern, etwas zu wollen? Was für eine Freiheit soll das sein?

Machen wir die Probe aufs Exempel. Überträgt man die Handlungsfreiheit (ich kann tun, was ich will) auf den Willen, dann kommt als Willensfreiheit heraus: ich kann wollen, was ich will. Das ist eine einigermaßen schwindelerregende Vorstellung. Kann es sich der Wille selbst aussuchen, was er wollen will? Wie weit reicht jetzt seine Freiheit? Kann er alles wollen? Der Wille wäre dann frei von sich selbst.

Gedankliche Verrenkungen dieser Art führen zu nichts. Der Wille ist, was er ist, er hat keinen doppelten Boden. Wir können etwas wollen, aber wir können nicht etwas wollen wollen - schon die Sprache sträubt sich bei dem Gedanken. Und die Sprache hat recht: es ist nur eine Tautologie.

Hier liegt der erste innere Widerspruch der Willensfreiheit. Freiheit kann nur als Handlungsfreiheit gedacht werden. Bezieht man die Freiheit auf den Willen, kann man sich darunter nichts mehr vorstellen. Die Willensfreiheit ist, mit Voltaire zu reden, eine vollkommen sinnlose Wortverbindung. 3

A. Schopenhauer hat den Tatbestand folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Mit der Willensfreiheit ist „der Begriff der Freiheit, den man bis dahin nur in Bezug auf das Können gedacht hatte, in Beziehung auf das Wollen gesetzt worden und das Problem entstanden, ob denn das Wollen selbst frei wäre. Aber diese Verbindung mit dem Wollen einzugehn zeigt bei näherer Betrachtung der Begriff der Freiheit sich unfähig. Denn nach diesem bedeutet ‚frei‘: dem eigenen Willen gemäß