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Für den Maler Willi Gottschalk war die Kunst Schaffensprozess und Philosophie zugleich. Genesis, Schöpfung, Erschaffung - Panta rhei, alles fließt. Das war die Headline in seiner Arbeit. Wasser und Meer, das war für ihn die philosophische Abstraktion der ständigen Frage nach dem Woher und Wohin, dem Umgang mit der Schöpfung, dem Leben und dem Sterben. Die klassischen Seestücke der maritimen Malerei finden sich im Verlauf der Kunstgeschichte in allen Stilepochen wieder. Viele Werke folgen der romantisch verklärten Zeit der Großsegler oder dem Kapitänsbild, sprich auch dem Schiffsporträt. Seiner Meinung nach, kam dabei die Darstellung der Wellen und Wogen, des bewegten Meeres einfach oft zu kurz. "Doch meine Bilder sollen anders sein, sie sollen einen Dialog mit dem Betrachter eingehen.", so Willi Gottschalk. "Viele Maler haben irgendwann ihren Stil gefunden und blieben dabei. Bei mir wiederholt sich nicht ständig der Stil, sondern immer wieder ein Thema - das Meer. Ich kann zwischen allen Techniken hin und her springen, das Thema muss es zusammenhalten. Manche meinten früher, ich würde nach meinem Stil suchen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich suche ihn nicht. Ich lasse es mir bewusst offen, in welchem Stil ich welches Bild malen will. Ich kann den kompletten Fundus der Kunstgeschichte plündern und schauen, wer was wie gemacht hat und binde es in mein Thema ein." Auf den Punkt gebracht: Er wollte nicht um jeden Preis an der Technik wiedererkannt werden, da ihn das Festlegen auf eine Technik in jedem Fall ärmer machen würde. "Manchmal", so Willi Gottschalk oft, "will ein Bild einfach nur schön sein. Das ist legitim. Es muss nicht immer ein großer Gedankenapparat dahinterstehen." Er wollte immer eine Spur hinterlassen, wir als Autoren sind dieser Spur zeitnah gefolgt.
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Anstelle eines Vorwortes
Lübeck, Telegramm aus Dresden, Gründonnerstag 1989
Maritimes
Willi Gottschalk und das Meer
Jagd (Willi Gottschalk)
BAUM UND SCHATTEN ( Willi Gottschalk)
Bildidee 2009 (Willi Gottschalk)
Das ist keine Übung
Katalog
Es ist alles grau. Grau ist eine Mischung aus Schwarz und Weiß: Jeder soll entweder schwarze oder weiße Blumen züchten, sein Haus schwarz oder weiß streichen – aber das tat schon lange niemand mehr. Die Farben gerieten durcheinander, Modefarbe wurde Grau. Grün, Rot und Blau waren schon lange verpönt. Gelb durften nur die Sonne und der Mond sein, aber auch sie bekamen bald einen zeitgemäßen Grauschleier aus Wolken, Grau natürlich.
Wer „Grau“ am besten buchstabieren konnte, war der „Grauste“. Es waren überall die Grauen an der Macht, manchmal war es zum Grauen, denn es war das Grauen. Wer nicht Grau sein wollte, konnte immerhin zwischen Schwarz und Weiß wählen. Da man dem Schwarz alles Weiß entzogen hatte und dem Weiß alles Schwarz, um die Grauproduktion zu steigern, blieb etwas Durchsichtiges übrig, weder Schwarz noch Weiß, die neue Modefarbe „Farblos“, also grau ähnlich.
Darüber ging die Sonne auf und der Mond unter. Vögel kamen schon lange nicht mehr, sie hatten nicht genügend Grauwerte in ihrem Gefieder. Dafür gab es mehr Schimmelpilzkulturen, Graugänse und mausgraue Menschenfamilien, selbst Metallicfarben waren ausgegangen, so dass die Elstern es vorzogen, auszuwandern. Grau ist alle Theorie stand in grauen Buchstaben an gräulichen Wänden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie heute noch überall an der Macht.
„ KD (Kreisdirektion)Land, wer hat die Reise genehmigt?“….
„20. Mai 1988, durch den Leiter der DE (Dienststelle)wird einer Übersiedlung des Genannten zugestimmt. Oberst Riedel .*BstU000013_ZMA 075Abt. XX
Mit Maschine vermerkt: 34. Strauß-Liste; 4/88 Rühe-Liste; IGFM. (internat. Gesellschaft für Menschenrechte) Pos. 365 „
Eventuelle Ausreise des G. der G. bekannt gemacht Juni 1988.
Strauß verunglückte und starb, Honecker überwarf sich in dem Sommer mit dem Westen, weil er wohl nicht das bekam was ER wollte.
Das bedeutete ein Stopp für sämtliche Ausreiselisten. *Anmerkung der G. Der Sommer 88, das waren Ungarn und Tschechei, der Zug durch Dresden war die Spitze des Eisberges, der letztendlich ein Jahr später schmolz.
Niemand ist perfekt.
Wir scheitern oft im Alltag an den Formularausfüllern, Laubharkern, Schneefegern, Fingerzeigenden, Ängstlichen, Gewissenlosen...
Dresden, Sommer 1986
KD Land, wer hat die Reise genehmigt.?“
- Abt. XX zur Entscheidung
Rückantwort an IX, keine Angaben weiter gemacht ...
Ostern 1989 stand er nachts Karfreitag 2.46 Uhr auf dem Bahnhof in Hannover, mit seiner Hoffnung, einer alten Schreibmaschine, ein paar neuen Bildern und einer abgewetzten Lederjacke.
Wochen später am Hoek van Holland schrie er in den Wind: „ Früher stand ich am Rügener Kreidefelsen – hier war die Welt zu Ende. 1989 Europort Rotterdam – von hier geht es überall hin.“,
Und das haben wir dann auch getan.
Das eigentliche „Seestück“ entstand als Spezialgebiet der Landschaftsmalerei im 17.Jahrhundert, kommend aus den Niederlanden. Im Verlauf der Kunstgeschichte finden sich Seestücke in allen Stilepochen, als Allegorie, Bibelillustration, Schiffsbild, Schlachtengemälde, wie auch als Küstenlandschaft, Fischereibilder, Hafen- und Stadtansichten und Stimmungsbilder. Relativ spät dazu gekommen ist der Bereich des Segelsportes. Bilder von anderen Sportarten wie Surfen, Angeln u.a. sind seltener zu finden. Sehr breit ist der Bereich der Illustration und Dokumentation in der Geschichte der Forschungsreisen. Viele Bilder folgen der romantisch verklärten Zeit der Großsegler oder dem Kapitänsbild, dem Schiffsporträt. Die Geschichte der Marinemalerei dokumentiert in Besonderheit die Entwicklung des Schiffbaus und der Seekriegsflotten sowie den Kunstgeschmack der jeweiligen Zeit.
Unsere heute völlig veränderte Welt der Containerhäfen, Ölplattformen und Riesentanker, entbehrt des Attributes „beeindruckend schön“, wohl aber nicht der der Faszination dieses Themas. Unser Wetter spielt verrückt mit immer öfter auftretenden Katastrophen, wie Monsterwellen, Seebeben und Überschwemmungen. Hier entstehen gerade eigene „Sehstücke“. Alles verändert sich. Nur das Meer, das bleibt.
Zitat:
Mich wundert immer,
dass wir noch dieselben Gesichter haben
wie vor dreitausend Jahren,
obwohl soviel Hass und Leid
durch sie gezogen sind.
Günter Weisenborn
Versuch einer Beschreibung
Bewegt wie das Meer verlief bisher auch das Leben von Willi Gottschalk, dem in Bernburg Geborenen, der 1989 in den Westen nach Lübeck ging, wo seine Frau Susanne bereits seit 1986 auf ihn wartete. Nach Mecklenburg zurückgekehrt, lebte und arbeitete er seit 1998 in der Alten Schule in Dömitz- Heidhof.
„Der Kreis hat sich geschlossen. Bis zum Schluss hatte er gerungen und nun doch den Kampf gegen den tückischen Krebs verloren. Der bekannte Maler verstarb am 1. April 2009.“ , Zitat aus Schweriner Volkszeitung (SVZ) vom 4/5. April 2009
„Solange das Leben aufwärts laufe, seien wir mit dem Wohlstand beschäftigt. In der Abwärtsbewegung jedoch werde vielen bewusst, wie zerbrechlich und unsicher der Kreis des Lebens sei“, hatte uns (der SVZ) der 62igjährige noch im Februar 2009 anvertraut.“
Wasser war für ihn unendlich, denn in dieser Endlosigkeit liegt seiner Meinung nach die Faszination dieses Themas.
Wasser und Wellen im Auf und Ab der Meere, wie auch der Lebensbörse - für den Maler Willi Gottschalk war die Kunst Schaffensprozess und Philosophie gleich. Genesis , Schöpfung, Erschaffung – panta rhei „alles fließt“, ist im Fluss, eine immerwährende Veränderung, nichts bleibt so wie es war und die Gegenwart zerfließt zur Vergangenheit. Wasser und Meer, das ist die philosophische Abstraktion der ständigen Frage nach dem Woher und Wohin, dem Umgang mit der Schöpfung, dem Leben, wie dem Sterben. Das Bild war für ihn nur Oberfläche, über die Augen des Betrachters entwickelt es Leben und eine eigenständige Gedankenwelt.
„Ein Bild entsteht aus dem,was man weiß, aus dem was man empfindet, und aus dem , was man handwerklich daraus machen will.“, so Willi Gottschalk. „ Große Formate kann ich einfach nicht am Strand malen, dafür bin ich zu klein und zu leicht. Der Wind würde mich ja weg pusten. Meistens gehe ich am Strand spazieren und präge mir das Bild, das ich später malen will, ins Gedächtnis. Wenn das Bild dem entspricht, was ich im Kopf hatte, schließt sich der Kreis.“
Besonders gerne zog es ihn am Neujahrsmorgen an die Ostsee, brr. Es war immer, ja immer bitter kalt mit Schnee und Eis oder ohne, manchmal hatte er auch seine Staffelei dabei und ich den heißen Grog in der Thermoskanne. „So verrückt kann nur ein Künstler sein“, lauteten dann auch manchmal die Kommentare der vermummten Strandläufer, die meistens mit ihrem Hund an der frischen Luft waren.
