Wings of Silver. Die Rache einer Frau ist schön und brutal - Camilla Läckberg - E-Book

Wings of Silver. Die Rache einer Frau ist schön und brutal E-Book

Camilla Läckberg

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Beschreibung

Die Rache ist nicht vorbei  Faye hat alles erreicht, was sie sich erträumt hat: Ihr verhasster Exmann Jack sitzt im Gefängnis und kann ihr nichts mehr anhaben. Mit ihrem Unternehmen Revenge ist sie sehr erfolgreich, und sie selbst hat sich ein neues Leben in Italien aufgebaut, fernab von ihrer Vergangenheit.  Doch plötzlich droht alles zusammenzubrechen: Ihrem Exmann ist die Flucht gelungen, und Faye weiß: Wenn er sie findet, ist nicht nur ihr Leben in Gefahr. Faye muss sich zur Wehr setzen. Mit der Hilfe ihrer engsten Vertrauten riskiert sie alles, um die zu beschützen, die sie liebt. Und dafür ist Faye bereit, jede Grenze zu überschreiten.

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Wings of Silver. Die Rache einer Frau ist schön und brutal

Die Autorin

CAMILLA LÄCKBERG, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka. Von ihrer mittlerweile zehnbändigen Fjällbacka-Krimireihe und ihrem Thriller »Golden Cage« wurden weltweit über 26 Millionen Exemplare verkauft, sie ist Schwedens erfolgreichste Autorin. Mit ihrem Unternehmen »Invest In Her« fördert sie Projekte junger Frauen. Camilla Läckberg lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Stockholm.

Das Buch

DIE RACHE IST NICHT VORBEIFaye hat alles erreicht, was sie sich erträumt hat: Ihr verhasster Ex-Mann Jack sitzt im Gefängnis und kann ihr nichts mehr anhaben. Mit ihrem Unternehmen »Revenge« ist sie sehr erfolgreich, und sie selbst hat sich ein neues Leben in Italien aufgebaut, fernab von ihrer Vergangenheit.Doch plötzlich droht alles zusammenzubrechen: Ihrem Ex-Mann ist die Flucht gelungen, und Faye weiß: Wenn er sie findet, ist nicht nur ihr Leben in Gefahr. Faye muss sich zur Wehr setzen. Mit der Hilfe ihrer engsten Vertrauten riskiert sie alles, um die zu beschützen, die sie liebt. Und dafür ist Faye bereit, jede Grenze zu überschreiten.

Camilla Läckberg

Wings of Silver. Die Rache einer Frau ist schön und brutal

Roman

Aus dem Schwedischen von Katrin Frey und Leena Flegler

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Die Originalausgabe erschien 2020unter dem Titel Vingar av silverbei Forum, Stockholm.

List ist ein Verlagder Ullstein Buchverlage GmbH© 2020 Camilla Läckberg© der deutschsprachigen Ausgabe2020 Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: zero-media.net, München nach einer Vorlage von Henrik WalseCovermotiv: © Erik UndéhnAutorinnenfoto: © Magnus RagnvidE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-8437-2299-5

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Danke

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Teil 1

Widmung

Für Karin

Teil 1

Zwei wegen Mordes verurteilten Gefängnisinsassen ist in den frühen Morgenstunden im Zuge eines Häftlingstransports die Flucht gelungen. Als das Wachpersonal an der E4 auf Höhe von Gränna an einem Rastplatz hielt, nutzten die Männer die Gelegenheit und flüchteten in den Wald.

Obwohl mehrere Einsatzteams der Polizei vor Ort sind, ist die Suche nach den beiden Flüchtigen bislang erfolglos verlaufen.

Die Sprecherin der Strafvollzugsbehörde Karin Malm geht nicht davon aus, dass die Männer eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen.

aus:Aftonbladet, 5. Juni

Faye schaltete die Nespresso-Maschine an. Während ihr Espresso durchlief, sah sie aus dem großen Küchenfenster. Wie jedes Mal schlug der Ausblick sie in den Bann.

Das Haus in Ravi war zu ihrem Paradies auf Erden geworden. Das Dorf an sich war mit gerade mal zweihundert festen Einwohnern nicht groß, und es dauerte etwa fünf Minuten, einmal um Ravi herumzulaufen – wenn man gemütlich ging. Aber am Dorfplatz gab es ein Restaurant, in dem die beste Pizza und Pasta serviert wurde, die sie je gegessen hatte. Und es war an jedem Abend voll besetzt. Manchmal verirrten sich Touristen hierher, besonders ab Ende Mai: ein paar begeisterte Franzosen auf Fahrrädern oder amerikanische Rentner, die ein Wohnmobil gemietet hatten und jetzt ihren Traum von einer Italienreise wahr machten, während ihre erwachsenen Kinder sich leicht verzweifelt fragten, wie die Eltern auf die Idee kommen konnten, ein eigenes Leben zu führen, statt die Enkelkinder babyzusitten.

Schwedische Touristen gab es nicht.

Seit Faye das Haus gekauft hatte, war sie keinem einzigen Schweden begegnet – und das war auch einer der entscheidenden Gründe gewesen, warum sie sich für dieses Dorf entschieden hatte. Man kannte sie in ganz Schweden. In Italien wollte – und musste – sie unerkannt bleiben.

Genau genommen lag ihr bildschönes altes Haus jenseits der Dorfgrenze. Bis dorthin war es ein zwanzigminütiger Spaziergang. Es stand auf einem Hügel, an dessen Hängen sich Wein bis hoch an die Mauern rankte. Faye liebte es, die Hügel hoch- und runterzuschlendern und im Dorf Brot, Käse und luftgetrockneten Prosciutto einkaufen zu gehen. Es war das pure Klischee italienischen Landlebens, und sie genoss es in vollen Zügen, genau wie ihre Mutter Ingrid sowie Kerstin und Julienne. In den zwei Jahren, seit Fayes Exmann Jack zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, waren die vier zu einem eingeschworenen kleinen Quartett geworden.

Kerstin und Ingrid wetteiferten darin, wer Julienne am meisten verwöhnte, und wenn Kerstin unterwegs war – wie es inzwischen immer häufiger der Fall war –, schickte Ingrid ihr täglich Bilder und die jüngsten Anekdoten von Julienne.

Der Espresso war fertig, und Faye ging mit der Tasse durchs Wohnzimmer zur Rückseite des Hauses, wo Platscher und fröhliches Kindergeschrei auf einen Pool schließen ließen, noch ehe man ihn vom Haus aus sah. Faye liebte dieses Wohnzimmer. Sie hatte sich Zeit gelassen, um das Haus einzurichten, doch die Geduld und die Hilfe eines der besten italienischen Inneneinrichter hatten sich ausgezahlt: Sie hatte genau bekommen, was sie sich vorgestellt hatte. Die massiven Steinwände des Hauses schirmten die Wärme ab, sodass es drinnen selbst während der heißesten Sommermonate angenehm kühl blieb. Die Kehrseite war, dass nicht allzu viel Licht hereinfiel. Das hatten sie durch große, helle Möbel und indirekte Beleuchtung wettgemacht. Zudem waren die großen Fenster zur Rückseite in Sachen Licht natürlich Gold wert. Faye war begeistert davon, wie das Wohnzimmer kaum merklich in die Terrasse überging.

Der weiße Vorhang streichelte sie im Vorbeigehen, als sie über die Schwelle nach draußen trat. Sie nahm einen Schluck Espresso und ließ den Blick für einen Moment auf ihrer Tochter und ihrer Mutter ruhen, ohne dass die beiden es bemerkt hätten.

Julienne war so groß geworden, und ihr Haar war von der Sonne so ausgebleicht, dass es fast weiß aussah. Nahezu täglich entdeckte sie an sich neue Sommersprossen – und sie war wunderschön, gesund und glücklich. Alles, was Faye ihr je gewünscht hatte. Was ein Leben ohne Jack ihnen ermöglichte.

»Mama, Mama, guck mal, ich kann ohne Schwimmflügel schwimmen!«

Faye lächelte und blickte demonstrativ verblüfft drein, um ihrer Tochter zu signalisieren, wie beeindruckt sie war. Mit ein paar angestrengten Hundepaddelzügen schwamm Julienne bis ans tiefe Ende des Pools – und tatsächlich: Die Schwimmflügel mit den aufgedruckten Zeichentrick-Bärchen lagen am Beckenrand. Ingrid stand angespannt und jederzeit sprungbereit daneben und ließ ihr Enkelkind nicht aus den Augen.

»Nur die Ruhe, Mama, sie schafft das schon.«

Faye ging ein paar Schritte auf die Terrasse hinaus und nahm einen letzten Schluck Espresso. Sie ärgerte sich ein wenig, dass sie sich stattdessen keinen Cappuccino gemacht hatte.

»Sie besteht darauf, im Tiefen zu schwimmen«, erwiderte Fayes Mutter. Sie blickte leicht verzweifelt drein.

»Da kommt sie ganz nach ihrer Mutter.«

»Ich weiß, schönen Dank auch!«

Ingrid musste lachen, und wie so oft innerhalb der vergangenen zwei Jahre fiel Faye auf, wie schön ihre Mutter war. Trotz allem, was ihr das Leben beschert hatte.

Faye und Kerstin waren die Einzigen, die wussten, dass Ingrid und Julienne am Leben waren. Für den Rest der Welt galten die beiden als tot: Julienne von ihrem eigenen Vater ermordet – ein Verbrechen, für das Jack in Schweden eine lebenslange Haftstrafe verbüßte. Es hatte nicht mehr viel gefehlt, und er hätte Faye zugrunde gerichtet; aus Liebe zu ihm hätte sie sich um ein Haar vollkommen aufgegeben. Am Ende jedoch war er es gewesen, der den Kürzeren gezogen hatte.

Faye ging auf ihre Mutter zu und setzte sich neben sie in einen Korbsessel. Ingrid hatte Julienne immer noch fest im Visier. Sie war von Kopf bis Fuß angespannt.

»Musst du wirklich wieder weg?«, fragte sie, ohne ihre Enkeltochter aus den Augen zu lassen.

»Der US-Launch nähert sich mit großen Schritten, und die Neunotierungen wollen gut vorbereitet sein. Wenn der Rom-Deal erst in trockenen Tüchern ist, ist Revenge umso stärker aufgestellt. Giovanni, der Firmeneigner, will verkaufen, jetzt muss er nur noch einsehen, dass mein Angebot das beste ist, was er kriegen kann. Aber wie Männer so sind, überschätzt er seinen eigenen Wert kolossal.«

Beunruhigt sah ihre Mutter von Faye zu Julienne.

»Ich verstehe nicht, warum du immer noch so viel arbeiten musst. Du besitzt doch nur noch zehn Prozent an Revenge und müsstest nach all dem, was du für deine Anteile bekommen hast, keinen Finger mehr rühren.«

Faye zuckte mit den Schultern und stellte die leere Espressotasse auf den runden Rattan-Tisch.

»Klar, und einerseits würde ich nur zu gern bei euch bleiben. Andererseits kennst du mich doch – ich würde binnen einer Woche vor Langeweile eingehen. Und ganz abgesehen davon, wie viele Anteile an Revenge ich besitze – die Firma ist nun mal mein Baby. Und ich bin immer noch Vorstandsvorsitzende. Außerdem fühle ich mich für die Frauen verantwortlich, die auf mich gesetzt und Revenge-Aktien gekauft haben. Sie sind für mich ein Risiko eingegangen – und für das Unternehmen, und das will ich gern weiter steuern. Tatsächlich denke ich darüber nach, Anteile zurückzukaufen, sofern jemand verkaufsbereit wäre. So kämen sie sogar umso besser davon.«

Ingrid reckte den Kopf, als Julienne am Beckenrand kehrtmachte.

»Ja, ja, Schwesternschaft und so«, sagte sie. »Vielleicht hab ich einfach nur nicht dieselben Ansichten wie du, was Loyalität unter Frauen angeht.«

»Die Zeiten haben sich geändert, Mama. Frauen halten zusammen. Im Übrigen hat Julienne gegen meinen Kurztrip nach Rom nichts einzuwenden. Wir haben gestern darüber gesprochen.«

»Du weißt, dass ich finde, dass du eine tolle Frau bist? Du weißt, dass ich stolz auf dich bin?«

Faye griff nach Ingrids Hand.

»Ja, ich weiß, Mama. Kümmere du dich um die Kichermaus, und pass auf, dass sie nicht ertrinkt, und ich bin im Handumdrehen wieder da.«

Faye schlenderte hinüber zum Beckenrand, wo eine prustende Julienne mit jedem neuerlichen Schwimmzug Wasser schluckte.

»Tschüss, Schätzchen, ich muss jetzt los!«

»Tsch…«

Julienne hatte versucht, ihr während des Schwimmens zu winken, und wieder Wasser geschluckt. Aus dem Augenwinkel sah Faye, wie Ingrid sofort den Pool umrundete.

Im Wohnzimmer griff sie zu ihrem Rollkoffer, der bereits gepackt bereitstand. Der Wagen, der sie nach Rom fahren sollte, war mittlerweile auch vorgefahren. Sie hob den hübschen Louis-Vuitton-Koffer an, damit die Rollen nicht den blank polierten dunklen Holzboden zerkratzten, und hielt auf die Haustür zu. Als sie an Kerstins Arbeitszimmer vorbeikam, hatte Kerstin die Bildschirmlesebrille wie immer bis hinunter auf die Nasenspitze geschoben und starrte völlig versunken auf ihren Monitor.

»Klopf, klopf! Ich bin dann jetzt unterwegs.«

Kerstin blickte nicht einmal auf. Zwischen den Augenbrauen hatte sich eine tiefe Sorgenfalte gebildet.

»Alles in Ordnung?«

Faye betrat das Zimmer und stellte den Koffer ab.

»Ich weiß nicht …«, sagte Kerstin zögerlich, ohne sich zu Faye umzuwenden.

»Jetzt machst du mich aber nervös. Gibt’s ein Problem mit den Neuemissionen? Oder geht’s um die US-Expansion?«

Kerstin schüttelte den Kopf.

»Weiß ich noch nicht …«

»Muss ich mir Sorgen machen?«

Kerstin antwortete nicht gleich.

»Nein … noch nicht.«

Draußen hupte der Wagen, und Kerstin nickte in Richtung Haustür.

»Fahr nur und schließ den Deal in Rom ab. Wir reden später.«

»Aber …«

»Das hier klärt sich bestimmt.«

Kerstin lächelte Faye beschwichtigend an, doch als Faye auf die dunkle Holztür zusteuerte, wurde sie das Gefühl nicht los, dass irgendetwas im Busch war, irgendwas Bedrohliches. Aber damit würde sie klarkommen. Musste sie schließlich. So war sie nun mal gestrickt.

Sie rutschte auf die Rückbank des Wagens, signalisierte dem Fahrer, dass er losfahren konnte, und entkorkte den Champagner-Piccolo, der schon auf sie gewartet hatte. Während der Wagen in Richtung Rom fuhr, nippte sie gedankenverloren an ihrem Glas.

Faye musterte ihr Gesicht im Fahrstuhlspiegel. Drei Männer in Businessanzügen warfen ihr anerkennende Blicke zu. Sie machte ihre Chanel-Handtasche auf, schürzte die Lippen und zog betont langsam mit dem Revenge-Lippenstift die Konturen nach. Sie strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr und drehte den Lippenstiftdeckel mit dem eingravierten R gerade wieder zu, als der Aufzug in der Lobby hielt. Die Männer wichen ein Stück zurück, um ihr den Vortritt zu lassen. Ihre Schritte hallten über den weißen Marmorboden, und als der Portier ihr die Glastür aufhielt, flatterte ihr rotes Kleid in der Abendluft auf.

»Taxi, Signora?«, fragte er.

Lächelnd schüttelte sie den Kopf und wandte sich, ohne auch nur im Geringsten langsamer zu werden, auf dem Bürgersteig nach rechts. Auf der Straße stand der Verkehr still. Fahrer hupten und beschimpften einander durch die heruntergelassenen Fenster.

Sie genoss das Gefühl, allein in einer Stadt unterwegs zu sein, in der sie nicht viele Leute kannte und daher auch niemand etwas von ihr wollte, in der sie von aller Verantwortung und aller Schuld frei war. Das Meeting mit Giovanni, dem Inhaber des kleinen familiengeführten Kosmetikunternehmens, das die Revenge-Produktpalette vervollständigen würde, war hervorragend verlaufen. Sobald es Giovanni gedämmert hatte, dass er sie weder mit Chefallüren noch mit männlichem Dominanzgehabe würde überzeugen können, auf seine Bedingungen einzugehen, hatte sich das Blatt zu ihren Gunsten gewendet.

Faye liebte derlei Spielchen während einer Verhandlung. Meistens waren ihre Gegenspieler Männer, und die machten gern mal den Fehler, Fayes Fähigkeiten zu unterschätzen – und zwar aus einem einzigen Grund: weil sie eine Frau war. Wenn sie sich dann zu guter Letzt geschlagen geben mussten, reagierten sie auf zweierlei Art. Entweder sie kochten vor Wut, und ihr Frauenhass hatte umso tiefere Wurzeln geschlagen, wenn sie den Verhandlungstisch verließen. Oder sie bewunderten Faye für ihre Autorität und ihr Know-how, entflammten regelrecht und baten sie am Ende des Treffens mit einer sichtbaren Beule in der Hose um ein gemeinsames Abendessen.

Als Faye in den lauen Abend hinausgetreten war, sirrte die Stadt um sie herum, und sie ahnte, dass sie darin all das finden würde, wonach sie sich sehnte. Ohne ein konkretes Ziel vor Augen spazierte sie drauflos. Es würde sich irgendeine Gelegenheit ergeben, wenn sie sich nur dem Puls der Stadt anpasste.

Schon bald wäre sie wieder genötigt, sich ihre Maske aufzusetzen und die Rolle zu spielen, in die sie in ihrem Heimatland geschlüpft war. Aber heute Abend konnte sie sein, wer sie wollte. Sie schlenderte weiter bis zu einem hübschen gepflasterten Platz, ließ sich immer tiefer durch das Labyrinth aus Gassen treiben.

Man muss sich selbst verlieren, um wieder zu sich selbst zu finden, dachte sie.

Ein Mann trat aus den Schatten und bot ihr im Flüsterton seine Waren an. Faye schüttelte bloß den Kopf. Eine große Tür, die im gelblichen Licht der Straßenlaternen badete, ging sachte auf, und zwei Personen – ein Mann und eine Frau, die davor gewartet hatten – schlüpften hinein.

Faye blieb stehen und sah sich um, ehe auch sie auf die Tür zuging. Eine unauffällige Klingel. Über ihr eine Überwachungskamera. Sie drückte auf den Klingelknopf, lauschte auf ein Surren, aber da war nichts. Nach einer Weile knackste das Schloss, und die Tür schwang auf. Dahinter eröffnete sich ihr ein großer Saal voller schöner Menschen. Gläser klirrten. Jenseits einer bodentiefen Fensterfront lag eine wunderschöne Terrasse.

Aus der Ferne sah die ausgeleuchtete Ruine des Kolosseums wie ein abgestürztes Raumschiff aus.

In einem großen, goldgerahmten Spiegel erhaschte sie einen Blick auf gut gekleidete, gesichtslose Schatten, die in ihrem Rücken zusammenstanden und plauderten. Die Frauen waren allesamt jung, bildhübsch, geschmackvoll geschminkt und trugen elegante kurze Kleider. Die Männer waren im Schnitt etwas älter, aber ebenfalls gut aussehend und strahlten die Ruhe und das Selbstvertrauen aus, die der Reichtum oftmals mit sich brachte. Italienische Gesprächsfetzen drangen an ihr Ohr. Gläser wurden befüllt, geleert und von Neuem befüllt.

Ein Stück weiter war ein Pärchen in einen Kuss versunken. Faye war fasziniert und konnte den Blick gar nicht von den beiden abwenden. Sie waren jung, vielleicht fünfundzwanzig. Er war hoch aufgeschossen und auf typisch italienische Art attraktiv – schicker Dreitagebart, markante Nase, das dunkle Haar zum Seitenscheitel gekämmt. Sie trug ein cremeweißes, sichtlich teures Kleid, das ihre Hüften umschmeichelte und die schmale Taille betonte. Das dunkelbraune Haar hatte sie sich lose hochgebunden.

Die zwei waren allem Anschein nach derart verliebt ineinander, dass sie die Hände nicht voneinander lassen konnten. Ein ums andere Mal strich er ihr mit seinen schlanken Fingern über die Innenseite ihrer gebräunten Schenkel. Faye musste lächeln. Als die Frau kurz zu ihr herübersah, hielt sie deren Blick und betrachtete das Pärchen in Ruhe weiter. Sie hob ihren Drink, einen Whiskey Sour, an die Lippen. Auch sie selbst war einmal verliebt gewesen, aber die Liebe hatte sie erstickt und zu einem Wesen ohne eigenen Willen gemacht, das in einem goldenen Käfig festgesessen hatte.

Faye schob den Gedanken beiseite, als die junge Frau auf sie zukam.

»Mein Verlobter und ich haben uns gefragt, ob Sie nicht mit uns anstoßen wollen«, sagte sie auf Englisch.

»Sie sehen mir nicht so aus, als wollten Sie Gesellschaft«, entgegnete Faye amüsiert.

»Ihre Gesellschaft schon. Sie sehen atemberaubend aus.«

Sie hieß Francesca, war in Porto Alegre an der brasilianischen Atlantikküste zur Welt gekommen, arbeitete als Model und malte. Er hieß Matteo, stammte aus einer Gastronomie- und Hoteldynastie, und auch er malte, allerdings nicht so gut wie Francesca, wie er mit einem scheuen Lächeln erklärte. Sie waren gesellig, höflich und brachten Faye zum Lachen, und ihre Lebensfreude und Sorglosigkeit waren ansteckend. Faye ließ sich davon mitreißen und erlaubte sich zwei weitere Drinks. Sie war geblendet von der Schönheit, Jugend und Verliebtheit der beiden, ganz ohne neidisch zu sein. Ein Mann fehlte ihr nicht. Sie wollte ihr eigenes Leben leben, ohne auf irgendwen Rücksicht zu nehmen. Trotzdem war sie verzückt, die beiden zusammen zu sehen.

Nach einer Stunde entschuldigte sich Matteo und verschwand in Richtung der Toiletten.

»Wir gehen gleich«, sagte Francesca.

»Ich auch. Ich muss morgen zurück nach Hause.«

»Willst du nicht mit zu uns kommen und den Abend noch ein bisschen fortsetzen?«

Ohne Francesca aus dem Blick zu lassen, dachte Faye kurz über das Angebot nach. Den fehlenden Schlaf würde sie während der Heimreise nachholen können. Sie wollte nicht, dass der Abend schon vorbei wäre, noch nicht jetzt. Sie wollte mehr von den beiden sehen.

Das Taxi hielt vor einem hohen Palazzo, Matteo bezahlte, und sie stiegen aus. Ein uniformierter Concierge ließ sie ein. Die Wohnung lag im obersten Stockwerk, und durch die großen Panoramafenster und vom Balkon blickte man auf einen schönen Park. An den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Fotografien. Als Faye sie genauer in Augenschein nahm, dämmerte ihr, dass die meisten von Francesca waren. Ein Lautsprecher erwachte zum Leben – irgendein italienischer Popsong. Hinter ihr mischte Matteo an einem Servierwagen Getränke, während Francesca eine Anekdote zum Besten gab, bei der Faye so laut lachen musste wie schon lange nicht mehr.

Faye setzte sich neben Francesca auf das riesige cremeweiße Sofa. Matteo mischte die Drinks und hockte sich anschließend auf Fayes freie Seite. Sie fühlte sich angenehm betrunken. Das leise Verkehrsrauschen von der Straße hatte eine beruhigende Wirkung, gleichzeitig verspürte sie eine angespannte Vorfreude und Erregung.

Nach einiger Zeit stellte Francesca ihren Drink auf den Couchtisch, lehnte sich vor, schob mit zarten Fingern den dünnen Träger von Fayes rotem Kleid von der Schulter und küsste deren Schlüsselbein. Faye wurde von warmen Wellen überrollt. Dann drehte Matteo sich zu ihr um, seine Lippen näherten sich, doch im letzten Moment beugte er sich hinab an ihren Hals, streifte ihn und knabberte an ihrem Nacken, bevor auch er sie küsste. Francescas Hand wanderte behutsam über Fayes Schenkel nach oben, zog sich im letzten Augenblick zurück und tauchte aufreizend an ihrem Rücken wieder auf. Sie fühlte sich wie in einem Traum.

Erst zogen die beiden Faye, dann sich selbst aus.

»Ich will euch sehen«, flüsterte Faye. »Zusammen.«

Vor ihrem inneren Auge tauchte Jacks Gesicht auf, und sie musste an all die Momente denken, in denen er vorgeschlagen hatte, eine weitere Frau zu sich einzuladen. Damals hatte Faye sich geweigert, nicht weil sie die Vorstellung nicht verlockend gefunden hätte, sondern weil immer klar gewesen war, dass sie es nur seinetwegen getan hätte. Bei Francesca und Matteo schien das anders zu sein. Faye war für sie beide da. Nicht weil sie voneinander gelangweilt waren, sondern weil ihre Liebe und gegenseitige Anziehungskraft so stark war, dass sie schon über die Ufer trat und noch für eine weitere Person reichte. Und auch sie selbst genoss diese Konstellation in vollen Zügen.

Faye stöhnte, als Matteo sie nach vorn in Francescas Richtung drückte und von hinten in sie eindrang. Sie blickte in die geweiteten Augen der Brasilianerin, während deren Verlobter wiederholt in sie hineinstieß. Francesca hatte die Lippen halb geöffnet, ihr Blick war konzentriert und intensiv.

»Ich mag es zuzusehen, wie du sie vögelst, Liebling«, flüsterte sie Matteo zu.

Faye selbst war für die beiden bloß Mittel zum Zweck, um ihre Intimität noch zu verstärken. Und gleichzeitig war sie mittendrin.

Als Faye sich dem Höhepunkt näherte, zog Matteo sich von ihr zurück, und kurz lagen sie alle drei nackt und verschwitzt ineinander verschlungen auf dem breiten Sofa. Faye hatte noch nie etwas Intimeres erlebt, als Teil der Vergnügungen zweier so attraktiver, ineinander verliebter Menschen zu sein. Sie bebte am ganzen Leib, als Francesca sich ihr näherte. Ohne einander aus den Augen zu lassen, ließen sie sich auf alle viere an der Sofakante nieder, drückten den Rücken durch und ließen sich abwechselnd von ihm nehmen – erst war Francesca an der Reihe, dann Faye. Und irgendwann war sie so weit. Sie schrie laut auf, und auch Matteo konnte kaum mehr an sich halten. Er keuchte bereits schwer.

»In ihr«, stieß Francesca hervor.

Faye spürte noch, wie er umso härter wurde und dann explodierte.

Anschließend zogen sie eng umschlungen in das große Bett im benachbarten Schlafzimmer um. Keuchend ließen sie eine Zigarette herumgehen. Faye stellte den Wecker ihres Handys, damit sie rechtzeitig wach würde, und versuchte zu schlafen. Eine halbe Stunde später war sie immer noch wach. Vorsichtig befreite sie sich aus den Laken und stand auf, ohne die beiden anderen zu wecken. Sie rührten sich nur leicht, schlangen die Arme umeinander und schmiegten sich an der warmen Stelle im Bett, wo Faye gelegen hatte, eng aneinander.

Nackt goss sie sich ein Glas Champagner aus einer offenen Flasche ein und trat mitsamt Glas und Flasche hinaus auf den Balkon. Die Stadt war voller Lichter und Geräusche. Sie ließ sich auf einem Liegestuhl nieder und legte die Füße aufs Balkongeländer. Eine warme Sommerbrise strich über ihren nackten Leib, kribbelte und kitzelte sie. Doch was der perfekte Augenblick hätte sein können, wurde empfindlich gestört, als sie sich wieder an Kerstins Gesichtsausdruck vor dem Bildschirm im Arbeitszimmer erinnerte, kurz bevor Faye abgereist war. Es gab nicht allzu viel, was Kerstin aus der Ruhe bringen konnte. Sie war der Fels in der Brandung, neben dem andere Felsen zu Schotter zermalmt wurden. Irgendwas hatte da nicht gestimmt.

Nachdenklich nippte Faye an ihrem Champagner, während sich in ihrem Kopf die Gedanken überschlugen. Mit einem so großen Unternehmen wie Revenge konnte so vieles schiefgehen – besonders angesichts ihrer größeren Bestrebungen. Es ging um jede Menge Geld, um riesige Investitionen, um kapitale Gewinne, aber auch um enorme Risiken. Nichts von alledem war ihnen sicher, nichts war in Stein gemeißelt. Das wusste Faye nur zu gut.

Sie drehte sich um, betrachtete das schöne Paar, das dort in seinem Bett lag. Bei dem Anblick musste sie lächeln. Sie wollte nicht länger an Kerstins besorgtes Gesicht denken müssen, sie wollte nicht an all das denken, was als Nächstes käme. Sie wollte etwas anderes.

»Mama!«

Julienne stürmte auf Faye zu und fiel ihr pudelnass um den Hals.

»Nicht auf dem Steinboden rennen!«, rief Ingrid von den Korbsesseln herüber.

»Jetzt bist du nass geworden, Mama«, stellte Julienne bekümmert fest, als sie sich von Faye losmachte und den feuchten Fleck auf deren Bluse entdeckte.

»Macht doch nichts, Liebling. Das trocknet wieder. Aber warst du eigentlich auch mal raus aus dem Pool, seit ich gefahren bin?«

»Nee.« Julienne kicherte. »Ich hab auch im Pool geschlafen und im Pool gegessen.«

»Schau einer an. Da dachte ich, ich hätte ein kleines Mädchen – und jetzt stellt sich heraus, dass sie in Wahrheit eine Nixe ist!«

»Ja! Wie Arielle, die Meerjungfrau!«

»Genau, wie Arielle, die Meerjungfrau.«

Faye strich ihrer Tochter über das tropfnasse Haar, das bereits leicht grünlich schimmerte.

»Ich geh erst mal hoch und packe aus, bin gleich wieder da«, rief sie Ingrid zu, die bloß nickte und sich wieder ihrem Buch zuwandte. Anscheinend hatte sie in der Zwischenzeit Vertrauen in Juliennes Schwimmkünste gefasst.

Faye ging die Treppe hoch ins Obergeschoss und trug den Koffer in ihr Schlafzimmer. Eilig streifte sie die nasse Bluse und ihre restliche Reisegarderobe ab und schlüpfte in leichte Baumwoll-Homewear. Den Rollkoffer stellte sie einfach in ihren begehbaren Kleiderschrank. Paola, ihr Mädchen für alles, würde ihn später für sie auspacken.

Das Bett sah so einladend aus, dass Faye sich für einen Moment auf die Tagesdecke legte, die Hände hinter dem Kopf verschränkte und sich einen Augenblick Entspannung gönnte. Bei der Erinnerung an die vergangene Nacht in Rom lächelte sie in sich hinein. Dann gähnte sie, spürte, wie müde sie war – sie hatte in der Nacht kein Auge zugemacht und nur während der Heimreise geschlafen. Doch hier und jetzt durfte sie nicht riskieren, erneut einzuschlafen. Sie hatte sich über die Jahre antrainiert, einige wenige Minuten lang komplett abzuschalten, um dann mit erneuerter Energie wieder aufzustehen. Der Trick war, dass man dem Impuls nicht nachgab, die Augen zu schließen. Also sah sie sich um, ließ den Blick über einzelne Details und durchs gesamte Zimmer schweifen.

Das Schlafzimmer war ihre Oase. Auch hier herrschten helle Farbtöne vor – strahlendes Weiß mischte sich mit sanftem Blau. Grazile, elegante Möbel. Nichts, was Schwere transportierte. Kein riesiger massiver Schreibtisch, wie sie ihn Jack einst geschenkt hatte, nur weil das Möbelstück früher mal im Besitz von Ingmar Bergman gewesen war. Jack hatte solche Sachen geliebt. Große Gesten. Statussymbole. Eine kleine Hausbesichtigung mit Gästen machen und quasi im Vorbeigehen erwähnen, dass dieser Schreibtisch dort, an dem sie gerade vorbeigekommen seien, früher dem weltberühmten Regisseur gehört habe.

Zufrieden betrachtete Faye ihren eigenen schönen weißen Schreibtisch. Der hatte nie einem machtbesessenen, selbstgerechten Kerl gehört, der die Frauen in seinem Leben hintergangen und ausgenutzt hatte. Dieser Schreibtisch hatte immer nur ihr gehört. Er trug keine Altlasten mit sich herum. Genau wie Faye selbst. Sie hatte sich von ihrer eigenen Vergangenheit losgelöst. Sich selbst neu erfunden.

Sie setzte sich auf und schwang die Beine über die Bettkante. Erneut verspürte sie Unruhe angesichts dessen, was Kerstin gesagt hatte. Sie würde es nicht länger aufschieben können. Kerstins Arbeitszimmer war verwaist gewesen, als sie daran vorbeigekommen war, also war Kerstin in ihrem Zimmer. Sie machte nachmittags gerne ein Nickerchen, und Faye musste sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass ihre Freundin kein Teenager mehr war, sondern schon über siebzig. Allein bei der Vorstellung, dass Kerstin nicht für immer an ihrer Seite sein würde, schnürte sich ihr die Kehle zu. Dass sie bereits Chris verloren hatte, hatte ihr deutlich vor Augen geführt, dass sie nichts und niemanden für selbstverständlich erachten durfte. Dabei hatte der Tod ohnehin schon viel zu lange eine große Rolle in ihrem Leben gespielt.

Sie klopfte an Kerstins Zimmertür.

»Bist du wach?«

»Ja.«

Als Faye die Tür aufschob, setzte Kerstin sich auf und streckte sich nach ihrer Brille auf dem Nachttisch aus. Ihr Blick war leicht glasig.

»Hast du gut geschlafen?«

»Ich hab nicht geschlafen.« Sie stand auf und strich sich die Hose glatt. »Ich hab bloß ein bisschen die Augen ausgeruht.«

Faye rümpfte leicht die Nase angesichts der starken Düfte, die durch Kerstins großes Schlafzimmer wehten. Sie hatte auf einem Flug Bengt kennengelernt, der in der schwedischen Botschaft in Mumbai arbeitete, und danach zusehends mehr Zeit in Indien verbracht. Dort engagierte sie sich in einem Kinderheim und war ein ums andere Mal mit riesigen Mengen Hilfsgütern für die Kinder hingereist. Leider hatte sie auf dem Rückweg immerzu riesige Mengen indischer Einrichtungsgegenstände mit heimgebracht. Hier und da versuchte sie, ein kleines Kissen mit Goldbordüre oder ein Plaid unten aufs Sofa zu schmuggeln, doch Paola hatte die strenge Order, derlei Dinge umgehend in »Ms Karin’s room« zurückzubringen. Sie hatten es bald aufgegeben, der hitzköpfigen Italienerin beizubringen, »Kerstin« zu sagen, und mit dem leichter auszusprechenden »Karin« einen Kompromiss geschlossen.

»Vermisst du Bengt?«

Kerstin schnaubte und schlüpfte in die Pantoffeln, die ordentlich vor der Bettkante standen.

»In meinem Alter vermisst man einander nicht mehr. Das ist irgendwie … anders, wenn man erst alt wird.«

»So ein Blödsinn«, sagte Faye mit einem Lächeln. »Paola hat mir erzählt, ›Ms Karin has much nicer underwear now‹.«

»Faye!«

Kerstin lief bis zum Hals rot an, und Faye konnte dem Impuls nicht widerstehen. Sie musste Kerstin in den Arm nehmen.

»Ich freue mich so für dich, Kerstin! Allerdings hoffe ich auch, dass er dich nicht Vollzeit in Beschlag nimmt. Wir brauchen dich nämlich auch!«

»Keine Bange, es dauert bloß ein Weilchen, und ich bin ihn wieder leid.«

Kerstins Lächeln reichte nicht bis zu den Augen.

»Komm, wir gehen ins Büro, ich muss dir was zeigen.«

Schweigend gingen sie die Treppe hinunter. Faye spürte, wie sie sich mit jedem Schritt mutloser fühlte. Irgendwas war da doch faul. Irgendwas war da so richtig faul.

Kerstin setzte sich an ihren Schreibtisch und schaltete den Computer ein, der sofort losbrummte. Faye hockte sich in einen der großen Chippendale-Sessel gegenüber. Obwohl auch in Kerstins Arbeitszimmer Sari-Verbot herrschte, hatte Faye es für Kerstin halbwegs nach deren Geschmack eingerichtet. Neben ihrer neu entflammten Liebe für alles Indische hatte Kerstin eine weitere große Leidenschaft im Leben: Winston Churchill. Entsprechend hatte Faye dafür gesorgt, dass ihr Arbeitszimmer im klassisch englischen Stil eingerichtet worden war, allerdings mit einem modernen Dreh. Die Pièce de Résistance war ein riesiges gerahmtes Foto von Winston Churchill an der Wand über dem Schreibtisch.

Kerstin drehte den Monitor herum, und Faye beugte sich vor und versuchte, den flimmernden Ziffern einen Sinn zu entnehmen. Sie war in der Numerologie der Geschäftswelt durchaus bewandert, aber Kerstin hatte sich als die wahre Expertin erwiesen. In ihrem Rücken starrte Winston auf die beiden Frauen hinab. Faye riss sich zusammen, um sich nicht nach dem Foto umzusehen. Was sie jetzt gar nicht brauchte, war der abschätzige Blick eines Mannes.

»Ich hab unsere Revenge-Aktien gerade ein bisschen genauer im Blick, weil du derzeit so viel mit der US-Einführung und der Neunotierung um die Ohren hast. Bevor du nach Rom gefahren bist, haben zwei Aktieneignerinnen verkauft – und seither noch drei weitere.«

»An ein und denselben Käufer?«

Kerstin schüttelte den Kopf.

»Nein, aber irgendwie hab ich trotzdem das Gefühl, als liefe das nach einem Schema ab.«

»Versucht da etwa gerade jemand, Revenge zu übernehmen?«

»Kann sein.« Kerstin spähte über den Rand ihrer Bildschirmlesebrille. »Kann sein, dass uns genau das bevorsteht.«

Faye lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Sie war von Kopf bis Fuß angespannt, und Adrenalin pumpte durch ihre Adern. Es war immer noch zu früh für Spekulationen. Was sie jetzt brauchten, waren harte Fakten.

»Und wer verkauft?«

»Ich hab die Namen ausgedruckt.«

Kerstin schob Faye einen Papierbogen hin. Sie kannte sie einfach zu gut. Heikle Entwicklungen im Unternehmen wollte Faye schwarz auf weiß und nicht bloß auf einem Bildschirm vor sich sehen. Da musste der Wald eben auf andere Weise entschädigt werden.

»Ich begreife es nicht … dass sie verkaufen …«

»Wir haben jetzt keine Zeit mehr für Sentimentalitäten. Zuallererst müssen wir die Lage einschätzen, und du musst dich mit den Daten vertraut machen, während ich weiter recherchiere. Ärgern können wir uns später, aber eben noch nicht gleich. Wir können es uns jetzt nicht leisten, unsere Energie damit zu vergeuden.«

Faye nickte bedächtig. Ihr war klar, dass Kerstin recht hatte. Trotzdem fiel es ihr schwer, nicht sofort darüber zu grübeln, welche der Frauen, auf die sie sich doch verlassen hatte, jetzt ihre Anteile verscherbelten. Hinter ihrem Rücken.

»Ich will, dass wir das alles zusammen durchgehen. Posten für Posten.«

Kerstin nickte.

»Dann mal los.«

Sie sahen einander in die Augen, dann wandte Faye sich der Liste zu. Sie hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Und das setzte ihr mehr zu als alles andere.

Im Haus war es still. Alle hatten sich schlafen gelegt. Alle außer Faye. Sie brütete über der Namensliste, ging sie ein ums andere Mal durch. Versuchte, ihre Gedanken zu sortieren.

Die Ziffern flirrten vor ihren Augen. Sie war müde und resigniert – und Letzteres war ein Gefühl, das sie seit Längerem nicht mehr verspürt hatte, nicht mehr seit Jack. Und sie hasste dieses Gefühl. Prompt beschlichen sie verbotene Gedanken: Was, wenn es zu spät wäre? Was, wenn Revenge nicht mehr zu retten wäre? Was, wenn sie in den vergangenen zwei Jahren die Deckung so weit fallen gelassen hatte, dass der Feind sich unbemerkt hatte anpirschen können? Das würde sie sich nie verzeihen. Schwäche war etwas, was sie hinter sich gelassen hatte, bei Jack. Er war Auslöser und Grund für ihre Schwäche gewesen, und dieses Joch durfte er jetzt genauso tragen wie seine schlecht sitzende Gefängniskluft.

Faye schob die Liste von sich weg. Dass auf diese Weise an ihr Verrat geübt wurde, plagte sie zutiefst. All die Namen auf der Liste, all diejenigen, die ihre Anteile verkauft hatten, waren ihr persönlich bekannt. Sie sah die Gesichter an sich vorbeiziehen, Frauen, denen sie die Grundsätze hinter Revenge persönlich nahegebracht hatte. Frauen, die sie überzeugt hatte und die bereit gewesen waren, auf Revenge und auf Faye zu setzen. Warum hatte keine von ihnen auch nur ein Wort gesagt? Hatte das ganze Gerede von Schwesternschaft gar keine Bedeutung gehabt? Außer für sie selbst?

Sie rieb sich die vor Müdigkeit brennenden Lider und fluchte in sich hinein, als ihr getrocknete Mascara ins Auge geriet. Sie blinzelte ein paarmal hektisch und ging dann ins Bad, um sich abzuschminken. Sie war zu erschöpft, um heute Abend noch etwas zustande zu bringen, das Abenteuer des Vortags forderte inzwischen seinen Tribut, und sie musste sich eingestehen, dass sie niemandem von Nutzen wäre, weder sich selbst noch Revenge, wenn sie nicht bald eine Nacht durchschlafen würde.

Faye hatte gerade die Bettdecke zurückgeschlagen, um zwischen die Laken zu krabbeln, als sie noch mal innehielt. Sie sah zur Tür, verspürte die Sehnsucht am ganzen Leib. Auf leisen Sohlen tapste sie raus auf den Flur. Juliennes Zimmertür war bloß angelehnt, sie mochte es nicht, bei geschlossener Tür zu schlafen. Vorsichtig schob Faye die Tür auf und schlich hinein. Ein kleines Nachtlicht in Form eines Kaninchens verbreitete gedimmtes Licht – gerade genug, um sämtliche Gespenster zu vertreiben. Die Kleine lag auf der Seite, hatte Faye den Rücken zugewandt. Ihr langes blondes Haar war übers Kissen ausgebreitet. Ganz vorsichtig und langsam ging Faye neben ihr in die Hocke. Dann schob sie Juliennes Haar zur Seite und legte sich neben sie. Julienne wimmerte leise im Schlaf, rührte sich leicht, schlief aber weiter, selbst als Faye den Arm um sie legte. Millimeter für Millimeter schmiegte sie sich enger an Julienne heran, bis sie die Nase in deren nach Lavendel und Chlor duftendes Haar geschoben hatte.

Faye schloss die Augen. Spürte, wie die Anspannung nachließ und die Müdigkeit überhandnahm. Wie sie dort mit ihrer Tochter im Arm im Bett lag, war ihr mit einem Mal klar, dass sie alles tun musste, um Revenge zu retten. Und zwar nicht um ihrer selbst willen. Sondern für Julienne.

Fjällbacka – damals

Auch wenn ich erst zwölf war, fühlte es sich an, als wüsste ich über alles im Leben schon Bescheid. Ein Leben in Fjällbacka war vorhersagbar. Zehn Monate Stille, gefolgt von zwei Sommermonaten, in denen Chaos herrschte. Jeder kannte jeden, sogar im Sommer kamen Jahr für Jahr die immer selben Touristen. Und auch zu Hause veränderte sich nichts. Es war das reinste Hamsterrad: weiter, weiter, weiter, ohne je auch nur ein Stück voranzukommen. Ohne dass je etwas anders geworden wäre.

Insofern wusste ich bereits, als wir uns an den Esstisch setzten, dass es wieder einer jener Abende werden würde. Schon als ich aus der Schule gekommen war, hatte ich riechen können, dass Papa getrunken hatte.

Ich hasste und liebte unser Haus. Es war Mamas Elternhaus. Sie hatte es von meinen Großeltern geerbt, und was immer ich an diesem Haus liebte, hatte ausschließlich mit ihr zu tun. Sie hatte ihr Bestes gegeben. Das Haus war gemütlich und wohnlich und sah rundum nach einem freundlichen, glücklichen Zuhause aus: der zerkratzte Holztisch, an dem schon Oma und Opa gesessen hatten. Die weißen Leinengardinen, die Mama selbst genäht hatte. Sie konnte richtig gut nähen. Der gerahmte, in Kreuzstich gestickte Wandteppich, den Oma von ihrer Mutter zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Das dicke Tau anstelle eines Handlaufs über der ausgetretenen, schiefen Treppe, auf der mehrere Generationen ihre Spuren hinterlassen hatten. Die kleinen Zimmerchen mit den weißen Sprossenfenstern. All das liebte ich.

Was ich hasste, waren die Spuren, die Papa hinterließ. Die Kerben seines Messers in der Küchenbank. Die Schrammen in der hölzernen Küchentür, auf die Papa im Suff während eines Wutanfalls mit den Stiefeln losgegangen war. Die Gardinenstange, die leicht schief hing, seit Papa mal die Gardine runtergerissen hatte, um sie Mama um den Hals zu schlingen, bis Sebastian irgendwann den Mut aufgebracht und ihn von Mama weggezogen hatte.

Den offenen Kamin im Wohnzimmer wiederum liebte ich. Allerdings waren die Bilder darüber der reinste Hohn. Die Familienfotos, die Mama dort hingehängt hatte, diese Illusion eines Lebens, das nicht existierte. Lächelbilder von ihr und Papa, von mir und meinem großen Bruder Sebastian. Ich hätte sie am liebsten runtergerissen, gleichzeitig wollte ich Mama nicht traurig machen. Sie hielt immerhin nur um unseretwillen an der Illusion fest. Einmal hatte sie dort ein Bild ihres Bruders hingestellt, doch als Papa das Foto von Onkel Egil entdeckt hatte, war er komplett ausgerastet. Während Mama im Krankenhaus lag, sorgte Papa dafür, dass das Foto verschwand.

Wie jedes Mal, wenn ich nur darauf wartete, dass gleich alles in die Luft fliegen würde, bekam ich Bauchschmerzen.

Seit ich von der Schule heimgekommen war, hatte Papa Stunde um Stunde in seinem durchgesessenen Sessel vor dem Fernseher verbracht, der nicht mal eingeschaltet war, während der Pegel in seiner Flasche zusehends sank. Mama wusste ebenfalls Bescheid, das konnte ich ihr an den nervösen, fahrigen Bewegungen ansehen. Sie bereitete extrasorgfältig ein Abendbrot aus mehreren von Papas Leibspeisen zu: dicke Schweinespeckstreifen mit braunen Bohnen, Röstzwiebeln und Kartoffeln. Apfelkuchen mit Schlagsahne.

Keiner von uns anderen mochte Speck mit braunen Bohnen, aber wir wussten natürlich, dass wir es trotzdem alle essen würden. Genau wie wir wussten, dass ohnehin nichts mehr würde helfen können. Die kritische Marke war bereits überschritten – wie bei einer Wippe, die den Scheitelpunkt erreicht hatte, ab dem es nur noch abwärts gehen konnte.

Niemand sagte etwas. Wir deckten schweigend den Tisch – mit dem guten Geschirr und Servietten, die ich zu Schmetterlingen faltete. Papa scherte sich nicht um derlei Dinge, aber wir wollten Mama nicht die Hoffnung nehmen, dass es vielleicht doch helfen könnte. Dass er sehen könnte, wie viel Mühe wir uns gegeben hatten, wie gut Mama gekocht hatte. Dass sich angesichts ihrer Fürsorge vielleicht ja doch etwas in ihm rühren und er es bleiben lassen würde. Einfach bleiben lassen. Damit die Wippe zurück in die Ursprungsposition kippte. Aber es gab nichts in ihm, was sich rührte, was sich berühren ließ. Da drin war es leer. Verödet.

»Gösta, Essen ist fertig!«

Mamas Stimme zitterte leicht, auch wenn sie versuchte, beschwingt zu klingen. Zaudernd strich sie sich übers Haar. Sie hatte sich fein gemacht. Das Haar hochgesteckt, eine Bluse und eine schicke Hose angezogen.

Eilig setzten wir uns auf unsere Plätze, und Mama tat Papa extraviel Speck auf, weil sie wusste, dass er das so haben wollte. Genau im richtigen Verhältnis zu den Bohnen, Kartoffeln und gerösteten Zwiebeln. Papa starrte auf seinen Teller hinab. Lange. Viel zu lange. Uns dreien war klar, was das bedeutete. Mir, Mama, Sebastian.

Wir saßen wie erstarrt da, wie erstarrt in einem Gefängnis, in dem Sebastian und ich lebten, seit wir zur Welt gekommen waren. Mama erst, seit sie Papa kennengelernt hatte. Wir saßen wie erstarrt da, während Papa auf seinen Teller hinabstarrte. Dann griff er sich langsam, wie in Zeitlupe, eine Faustvoll Essen. Speck, braune Bohnen, Zwiebeln und Kartoffeln. In seine riesige Faust passte von allem etwas. Mit der freien Hand griff er Mama ins Haar, in die Hochsteckfrisur, mit der sie sich solche Mühe gegeben hatte. Dann drückte er ihr das Essen ins Gesicht. Zerrieb es langsam und gründlich auf ihrem Gesicht.

Mama wehrte sich nicht. Sie wusste, ihre einzige Chance bestand darin, nichts zu tun. Trotzdem war Sebastian und mir klar, dass das heute Abend auch nichts mehr nützen würde. Sein Blick war zu kalt. Die Flasche zu leer. Der Griff in ihre Hochsteckfrisur zu eisern. Wir trauten uns nicht hinzusehen. Oder einander anzusehen.

Langsam stemmte Papa sich hoch. Riss Mama vom Stuhl. Ich sah noch die Reste von Speck und braunen Bohnen in ihrem Gesicht. Aus dem Ofen stieg der Duft von Zucker und Zimt vom Apfelkuchen empor, den Papa so gerne mochte. Ich ging im Kopf die Möglichkeiten durch: Was würde Papa als Nächstes tun? Sämtliche Körperteile, auf die er es abgesehen haben könnte. Vielleicht würde er es wieder mit ein und derselben Stelle wie so oft versuchen. Die Arme hatte er ihr schon fünfmal gebrochen. Die Beine zweimal. Die Rippen bei drei unterschiedlichen Gelegenheiten. Die Nase einmal.

Papa war an dem Abend anscheinend in Experimentierlaune. Mit der ganzen Kraft seines muskulösen Armes donnerte er Mamas verschmiertes Gesicht auf die Tischplatte. Die Zähne landeten an der Tischkante. Wir hörten, wie sie zerbrachen. Fast wäre mir ein Zahnsplitter ins Auge geflogen, meine Wimpern fingen ihn ab, und er landete auf meinem Teller. Mitten in den braunen Bohnen.

Sebastian zuckte heftig zusammen, blickte aber immer noch nicht auf.

»Esst!«, zischte Papa.

Wir aßen. Mit der Gabel schob ich Mamas Zahnsplitter beiseite.

»Kaffee?«

»Nein danke. Aber gerne noch ein Glas Sekt und ein Glas Rotwein.«

»Ich würde einen Kaffee nehmen.«

Kerstin nahm den Pappbecher mit Kaffee von der Flugbegleiterin entgegen, die daraufhin kehrtmachte, um Fayes Bestellung zu bringen.

»Wer, glaubst du, könnte dahinterstecken?«, fragte Faye niedergeschlagen.

»Keine Ahnung. Aber es ist sinnlos, darüber zu spekulieren, solange wir nicht mehr wissen.«

»Ich verstehe nicht, wie ich so naiv sein konnte. Ich hab nie auch nur einen Gedanken darauf verschwendet, dass die anderen Anteilseignerinnen verkaufen könnten, ohne erst mit mir zu sprechen.«

Kerstin zog die Augenbrauen hoch.

»Ich habe dich gewarnt: Es war ein Risiko, so viele Anteile am Unternehmen abzustoßen.«

»Ja, ich weiß«, sagte Faye frustriert und versicherte sich, dass die Flugbegleiterin nicht ausgerechnet jetzt mit ihrer Bestellung zurückkam. »Trotzdem hat es sich damals wie die beste Lösung angefühlt – bei allem, was mit Jack und Julienne passiert war, mit dem Prozess, mit den Medien … und nachdem Chris gestorben war. Ich hab Kapital entnommen und geglaubt, dass ich als Vorstandsvorsitzende weiter die Kontrolle hätte.«

»Wenn’s um Geschäftliches geht, ist man mit Glauben schlecht bedient«, sagte Kerstin.

»Ich weiß, das gefällt dir, dieses ›Hab ich’s nicht gesagt?‹, aber kannst du mal eine Pause machen? Jetzt reden wir über was anderes. Wenn ich im Flieger sitze und ohnehin nichts tun oder bis zu den Besprechungen morgen nichts weiter herausfinden kann, stresst mich das nur. Außerdem hab ich schon das komplette Wochenende darüber gegrübelt.«

Die Flugbegleiterin brachte einen Piccolo und ein Rotweinfläschchen. Faye tauschte sie gegen die zwei leeren Fläschchen vor ihr auf dem Klapptisch ein. Den Piccolo machte sie gleich auf. Den Rotwein aus der Kühlung klemmte sie sich erst einmal zwischen die Oberschenkel, um ihn aufzuwärmen.

»Vergiss nicht zu trinken«, sagte Kerstin trocken und nippte an ihrem Kaffee, während Faye den Schampus in sich hineinkippte.

»Wie gesagt, die Besprechungen sind erst morgen. Insofern kann ich meine Sorgen heute guten Gewissens in Alkohol ertränken. Und bist es nicht eigentlich du, die mehr trinken sollte? Und die Flugangst hatte?«

»Danke für die Erinnerung. Ich hatte es gerade geschafft, nicht mehr daran zu denken. Aber nein, wenn ich sterbe, dann sterbe ich nüchtern.«

»Klingt total unvernünftig. Und unnötig. Wenn ich schon sterbe, dann will ich sturzbetrunken sterben. Gerne auch mit diesem Piloten dort zwischen den Beinen …«

Faye zog vielsagend eine Augenbraue in die Höhe und nickte in Richtung des Piloten, der soeben das Cockpit verlassen hatte, um mit einer Flugbegleiterin ein paar Worte zu wechseln. Er war gute dreißig, dunkelhaarig, hatte ein charmantes Lächeln und einen Hintern, der auf viele Stunden im Fitnessstudio schließen ließ.

»Weißt du, ich glaube ja, es ist besser, wenn der Pilot sich aufs Steuern dieses Flugzeugs konzentriert und nicht irgendwelchen Eroberungen auf dem Flugzeugklo nachgeht.«

Kerstin blickte nervös drein, und Faye musste lachen.

»Beruhige dich, Kerstin. Genau deshalb hat Gott den Autopiloten erfunden.«

»Damit der Pilot Fluggäste vögeln kann? Das bezweifle ich.«

Faye leerte ihr Sektglas, schraubte das Rotweinfläschchen auf und kippte den Wein ins selbe Glas.

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