Winterblüte - Corina Bomann - E-Book
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Beschreibung

Ein Winterbuch zum Träumen Das elegante Ostseebad Heiligendamm um 1900. Wenige Wochen vor Weihnachten wird eine junge Schiffbrüchige an den Strand gespült. Ihren Namen und ihre Herkunft hat sie vergessen, nur an die Bedeutung des Barbarazweigs erinnert sie sich. Sie stellt einen Zweig in die Vase und hofft auf die Rückkehr ihrer Erinnerungen. Wenn die Knospen an Heiligabend blühen, wird ihr Wunsch in Erfüllung gehen. Auch ihre neu gewonnene Freundin Johanna, die von ihren Eltern zu einer raschen Heirat gedrängt wird, setzt auf die alte Tradition des Barbarazweigs. Doch sie ahnt, der Brauch allein wird ihr nicht helfen.

Im Kurort Ostseebad Heiligendamm bereitet sich die Hotelierfamilie Baabe im Jahr 1902 auf den großen Winterball vor. Feierlich soll die Verlobung von Tochter Johanna bekannt gegeben werden, doch die wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich ihre große Liebe heiraten zu dürfen. Leider ist der junge Mann in den Augen ihrer Eltern keine gute Partie. Da wird eine junge Frau am Strand angespült, die einzige Überlebende eines Schiffsunglücks. Sie kann sich nicht an ihren Namen oder ihre Herkunft erinnern, verzweifelt hält sie einen kleinen Zweig umklammert, der sich in ihrem Kleid verfangen hat. Im Hotel findet sie eine neue Heimat und in Johanna eine Freundin. Die Namenlose weiht Johanna in die Adventstradition des Barbarazweigs ein: Die beiden Frauen stellen am 4. Dezember frisch geschnittene Obstzweige in eine Vase, jede mit der für sie dringendsten Frage – der knospende Zweig wird ihnen die Zukunft weisen. Beide hoffen auf Blüten zum Weihnachtsfest.

Der neue große Roman von Corina Bomann

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Das Buch

Im Kurort Ostseebad Heiligendamm bereitet sich die Hotelierfamilie Baabe im Jahr 1900 auf den großen Winterball vor. Feierlich soll die Verlobung von Tochter Johanna bekannt gegeben werden, doch die wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich ihre große Liebe heiraten zu dürfen. Leider ist der junge Mann in den Augen ihrer Eltern keine gute Partie. Da wird eine junge Frau am Strand angespült, die einzige Überlebende eines Schiffsunglücks. Sie kann sich nicht an ihren Namen oder ihre Herkunft erinnern, verzweifelt hält sie einen kleinen Zweig umklammert, der sich in ihrem Kleid verfangen hat. Im Hotel findet sie eine neue Heimat und in Johanna eine Freundin. Die Namenlose weiht Johanna in die Adventstradition des Barbarazweigs ein: Die beiden Frauen stellen am 4. Dezember frisch geschnittene Obstzweige in eine Vase, jede mit der für sie dringendsten Frage – der knospende Zweig wird ihnen die Zukunft weisen. Beide hoffen auf Blüten zum Weihnachtsfest.

Die Autorin

Corina Bomann ist in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und lebt mittlerweile in Berlin. Sie hat bereits erfolgreich Jugendbücher und historische Romane geschrieben, bevor ihr mit Die Schmetterlingsinsel der absolute Durchbruch gelang. Seither gehört sie zur ersten Garde der deutschen Unterhaltungsschriftstellerinnen.www.corina-bomann-online.de

Corina Bomann

Winterblüte

Roman

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1. Teil – Das Mädchen

1. Kapitel

Donnerstag, 4. Dezember 1902

Grau und dicht hing der Nebel über dem Meer. Die weißen Schleier verschluckten die prachtvolle Seebrücke fast vollständig. Die Badekarren ruhten nun in ihren Schuppen. Übrig blieb ein verwaister Strand, gesäumt von Muschelschalen und Seetang.

Auf der Promenade vor den Gästehäusern ließen sich bestenfalls ein paar Dienstboten blicken, die irgendetwas zu erledigen hatten. Geduckt und in dunkle Mäntel gehüllt, huschten sie vorbei, ohne einen Blick auf das Meer zu werfen, denn der Seewind war rau und das Rauschen der Wellen klang um diese Jahreszeit bedrohlich.

Johanna seufzte schwer. Der triste Anblick legte sich ihr aufs Gemüt. Wo war nur der Sommer hin? Die Zeit, in der das Meer blau war und die Promenade nur so vor Sommerfrischlern wimmelte. Die Zeit, in der elegante Damen in weißen Kleidern und mit Sonnenschirmen neben ihren Kavalieren spazierten, Kinder auf der Promenade herumtollten und Limonadenverkäufer ihre bunten Wagen zwischen den Flaneuren hindurchschoben.

Sie dachte an den Sommer zurück. Damals war ihr Herz noch leicht gewesen. Sicher, das Thema Heirat war von ihren Eltern schon angesprochen worden, aber sie hatte sich nichts dabei gedacht. Als es noch warm war, hatte sie sich ablenken können.

Im Winter kam sie kaum aus dem Haus. Und wenn, begleitete ihre Mutter sie. Geheime Treffen mit ihrem Liebsten waren ausgeschlossen. Und zu allem Überfluss nahte das Weihnachtsfest.

Eigentlich hätte sie der Gedanke an die festlich geschmückte Tanne und den Duft von Lebkuchen fröhlich stimmen sollen. Als Kind hatte sie die Tage zwischen den Jahren geliebt und war in den Wochen zuvor furchtbar aufgeregt gewesen. Aber zum diesjährigen Weihnachtsfest erwarteten ihre Eltern eine Entscheidung von ihr, und die würde ihr gesamtes Leben verändern.

Sehnsüchtig blickte Johanna zu den Möwen, die sich über der Strandpromenade vom Wind tragen ließen. Ihr könnt fliegen, wohin ihr wollt, dachte sie und wünschte sich, auch Flügel zu besitzen, mit denen sie den Zwängen entfliehen konnte.

»Johanna?« Eine Frauenstimme vertrieb ihre Gedanken. Johanna hatte nicht mitbekommen, dass sich hinter ihr die Tür geöffnet hatte.

Im Türrahmen stand ihre Mutter.

In ihrem cremefarbenen Nachmittagskleid und mit den hochgesteckten rotblonden Haaren war Augusta Baabe trotz ihrer fünfzig Jahre immer noch eine Schönheit. In Augenblicken wie diesen wurde Johanna klar, warum sich ihr Vater Hals über Kopf in ihre Mutter verliebt hatte.

»Ist alles in Ordnung mit dir, mein Kind?«, fragte Augusta, als sie Johannas düstere Miene bemerkte.

»Natürlich, Mama.«

Sie konnte nicht behaupten, dass es ihr blendend ging, doch ihre Mutter durfte den Grund für ihre Traurigkeit nicht erfahren.

»Warum kommst du nicht ein wenig nach unten?«, schlug Augusta vor. »Emma hat Kuchen gebacken. Ich bin gerade dabei, Pläne für das Weihnachtsfest zu machen. Vielleicht können wir ja auch mal über das sprechen, was wir uns fürs neue Jahr vornehmen wollen.«

Auf einmal bereute es Johanna, ihrer Mutter gesagt zu haben, dass alles in Ordnung sei. Vorgeschützter Kopfschmerz hätte sie vor einer Stunde in Mutters Salon bewahren können. Was ihr dort blühte, wusste sie. Ihre Mutter würde ihr endlos in den Ohren liegen, mit Fragen zu den Heiratskandidaten und dazu, wie die Hochzeitsfeier aussehen sollte.

Doch sie hatte keine andere Wahl.

Unten im Foyer trat gerade Johannas Bruder durch die Tür. Christian war mit dem Vater nach Doberan geritten, um mit einem Geschäftsfreund Bilanz über das vergangene Jahr zu ziehen. Den ganzen Vormittag hatten sie dort verbracht, und wie es aussah, war es ein erfolgreiches Treffen gewesen.

Johanna beneidete ihren Bruder, denn er konnte gehen, wohin er wollte. Bei ihm war von Heirat überhaupt noch keine Rede, dabei war er schon fünfundzwanzig. Alles, was ihre Eltern von ihm wollten, war, dass er irgendwann einmal ihr Gästehaus führte. Und wahrscheinlich durfte er das Mädchen heiraten, das er liebte.

»Was für ein furchtbares Wetter!«, sagte Christian, während er sich aus seinem braunen Mantel schälte, dessen Saum mit Schmutzspritzern übersät war. Seine Reitstiefel sahen nicht viel besser aus. »Der Nebel ist so dicht, dass man fast meint, man würde Wasser einatmen.«

Tropfen perlten aus seinem Haar. Seine Augen waren von der kalten Luft etwas gerötet, ebenso wie seine Wangen. Dennoch war er mit seinen blonden Locken und den strahlend blauen Augen eine attraktive Erscheinung. Kein Mädchen aus Heiligendamm oder Bad Doberan würde ihn verschmähen.

Christians Lächeln verging, als er die missmutige Miene seiner Schwester erblickte. »Was ist los mit dir, Johanna? Irgendwas nicht in Ordnung? Hat dir ein Verehrer abgesagt?«

Johanna zuckte zusammen. Ohne es zu ahnen, hatte Christian beinahe ins Schwarze getroffen. Briefe von ihren Verehrern hatte sie bekommen – aber es war keiner von Peter dabei gewesen. Ob ihre Mutter ihn abgefangen hatte? Er schrieb ihr zwar immer unter einem Frauennamen – doch was, wenn Augusta diesen Trick durchschaut hatte?

»Hör auf zu spotten«, gab ihre Mutter zurück, bevor Johanna etwas darauf erwidern konnte. »Für dich wäre es ebenfalls an der Zeit, dir eine passende Braut zu suchen.«

Christian lachte auf. »Ach, Mutter, ich bin noch viel zu jung fürs Heiraten!«

»Du bist vier Jahre älter als deine Schwester!«, entgegnete Augusta. »Dein Vater war in dem Alter schon verlobt. Es würde dir gut zu Gesicht stehen, wenn du eine Braut wählen würdest.«

»Mama!«, protestierte er. »Ich fühle mich noch nicht bereit dazu. Bei Johanna ist das anders, sie ist ein Mädchen, und wie alle Mädchen träumt sie nur davon, dass der Prinz auf einem weißen Pferd vorbeireitet.« Er grinste seine Schwester an und erntete einen finsteren Blick.

Du hast gut reden, dachte sie. Immerhin bis du der Ältere und der Stammhalter. Mir bleibt nur das Kinderkriegen. Nicht, dass sie das nicht wollte, doch mit dem richtigen Mann und keinem, den ihre Eltern ihr aussuchten.

»Zieh dich um und komm danach in den Salon«, befahl Augusta ihrem Sohn. »Und sag deinem Vater Bescheid, dass er sich auch blicken lassen soll. Jetzt, wo wir keine Gäste haben, kann er sich zwischendurch mal eine Ruhepause genehmigen.«

»Ja, Mutter«, entgegnete Christian und zwinkerte Johanna erneut zu. Diese hatte Lust, ihm irgendwas hinterherzurufen, aber angesichts ihrer Mutter hielt sie sich zurück.

Der Salon lag im westlichen Flügel des Hauses, der von den Gästezimmern durch einen Flur abgetrennt war. Hier empfingen ihre Mutter und manchmal auch ihr Vater Freunde, Bekannte und Geschäftspartner. Hohe Sprossenfenster ließen viel Licht in den Raum, der, wie es gerade Mode war, mit exotischen Pflanzen vollgestellt war. Die Sitzgruppe, bestehend aus zwei breiten Sofas und einem Sessel, war mit rotem Samtstoff bezogen. Auf dem Tischchen in der Mitte, dessen Platte von drei Elefanten getragen wurde, stand ein Teeservice aus weißem Porzellan mit Goldrand. Emma, die Köchin, hatte einen Kuchen gebacken, dessen himmlischer Duft sich mit dem rauchigen Geruch des Kamins mischte. Der Salon war mit wohliger Wärme erfüllt.

»Nun, mein Kind«, hob Augusta an, als sie die Salontür passiert hatten und auf der Sitzgruppe Platz nahmen. »Das Weihnachtsfest naht. Was hältst du davon, wenn wir an dem Tag deinen Auserwählten einladen?«

Johannas Magen krampfte sich zusammen. Genau diese Frage hatte sie befürchtet.

»Ich … ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre«, stammelte sie.

»Warum denn nicht?«, fragte Augusta.

»Nun ja, er wird sicher selbst Verpflichtungen in der Familie haben. Außerdem habe ich von keinem von ihnen einen offiziellen Antrag erhalten.«

»Das ist nur eine Frage der Zeit.«

»Aber ich weiß nicht, für welchen ich mich entscheiden soll!« Am liebsten für gar keinen, aber das konnte sie ihrer Mutter nicht sagen, ohne ein Donnerwetter zu riskieren.

»Die beiden machen dir immerhin seit drei Monaten den Hof«, sagte Augusta, während sie ihnen Tee einschenkte. »Wie lange willst du sie denn noch warten lassen?«

»Ich … ich weiß es nicht«, entgegnete Johanna. »Diese Entscheidung muss gründlich überlegt sein.« Sie dachte an den Briefstapel, den sie in ihrer Kommode versteckte – unter den Briefen der anderen Verehrer. Peter hatte darüber gescherzt, doch auch er hielt es für besser, vorsichtig zu sein.

Ihre Mutter zog ihre perfekt geformten Augenbrauen hoch. »Da stimme ich dir zu. Dennoch, du solltest dir nicht mehr viel Zeit lassen, sonst verlieren sie noch das Interesse.«

Darauf hoffte Johanna seit Wochen vergebens.

Im nächsten Moment stürmte ihr Vater in den Salon und brachte ihre Mutter davon ab, weiter nachzubohren. In seiner Hand hielt er einen Brief, der mit einem altmodisch anmutenden Siegel versehen war. »Ihr werdet es nicht glauben, was soeben bei uns eingetroffen ist!«

Ludwig Baabe war nicht besonders groß, doch er wirkte ziemlich kräftig. Sein dunkelblondes Haar war von zahlreichen silbrigen Fäden durchzogen und seine hellen Augen ähnelten Christians.

Augusta warf einen missmutigen Blick auf die Reitstiefel ihres Mannes, die den bunten Perserteppich verschmutzten.

Doch bevor sie ihn dafür rügen konnte, rief er aus: »Der Großherzog hat sich in Heiligendamm angekündigt! Und wir sind eingeladen, am herzoglichen Weihnachtsball in der Burg teilzunehmen! Ist das nicht wunderbar?«

Johanna wäre beinahe die Teetasse aus der Hand gefallen. Der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz wollte Heiligendamm besuchen? Zu jeder anderen Zeit wäre das für sie ein Grund zum Jubeln gewesen. Doch jetzt vergällte ihr die Auswahl eines Bräutigams sogar das.

»Wirklich?«, fragte Augusta verwirrt, erhob sich und ging ihrem Mann entgegen. »Der Herzog hat uns eingeladen?«

»Großherzog«, korrigierte Ludwig Baabe seine Frau und reichte ihr den Brief. Mit leuchtenden Augen und einem breiten Lächeln auf seinem Gesicht beobachtete er, wie Augusta das Schreiben überflog.

Johanna meinte zu erraten, welche Gedanken ihr in diesem Augenblick durch den Sinn gingen.

»Das ist ja wunderbar!«, tönte Augusta, nachdem sie den Brief mehrfach gelesen hatte. »Eine große Ehre! Wie kommen wir nur dazu? Immerhin haben wir nur eine kleine, bescheidene Pension!«

Wie immer untertrieb Augusta. Bescheiden war das Gästehaus Baabe keineswegs. Der dreistöckige Bau wirkte von Weitem wie ein kleines Schloss mit seinen hohen Fenstern, dem Stuckzierrat an den Wänden und dem Innenhof, der Stellplätze für mehrere Kutschen bot.

Es war eines der wenigen Häuser, die sich nicht im Besitz des Ritters von Kahlden befanden, und das zweitgrößte Haus nach dem Kurhaus. Außerdem war es wie alle Gebäude der »Perlenkette« – so nannte man landläufig die Aufreihung der Gästehäuser an der Strandpromenade – sehr beliebt wegen des direkten Seeblicks. Kaufleute fanden sich hier ebenso ein wie Anwälte, Fabrikbesitzer und Mitglieder von Adelshäusern. Sogar einige Schriftsteller hatten hier schon logiert.

»Offenbar hat unser Haus seine Durchlaucht bei sei nem letzten Besuch hier beeindruckt.« Ludwig zog vielsagend die Augenbrauen hoch, was nur bedeuten konnte, dass obendrein noch jemand ein gutes Wort für sie eingelegt hatte.

Johanna kannte das Gefüge der Familien des Seebades nur zu gut. Die Geschichte Heiligendamms hatte sie praktisch mit der Muttermilch eingesogen.

Der Urgroßvater des amtierenden Großherzogs, Friedrich Franz I., hatte im Jahr 1793 den Grundstein zum ersten Gästehaus gelegt und das Seebad selbst eingeweiht. In den darauffolgenden Jahren waren zahlreiche weitere Gästehäuser erbaut worden, es folgten einige Wohnhäuser, Läden und Wirtshäuser. »Die weiße Stadt am Meer« nannte man den Ort.

Angesehene Familien wie die von Witzlebens besaßen hier nicht nur Anteile an den Gästehäusern, sondern auch private Villen, deren Grund ihnen die von Kahldens verpachtet hatten – und hatten direkte Kontakte zum mecklenburgischen Herrscherhaus. Sicher hatten sie bei der Einladung zum Weihnachtsball ein gutes Wort für die Baabes eingelegt.

»Und weißt du, was das Schönste ist, meine Liebe?«, fragte Ludwig bedeutungsvoll.

Augustas Augen weiteten sich. »Erzähle es mir bitte!«

»Wir werden einige der hochwohlgeborenen Gäste in unserem Haus beherbergen! Ist das nicht wunderbar? Ein so gutes Geschäft haben wir im Winter noch nie gemacht!«

Augusta jubelte auf und fiel ihrem Mann um den Hals. Vergessen war der Schmutz an seinen Stiefeln, mit denen er den Teppich ruinierte.

Ludwig wurde rot bis über beide Ohren – wenn eines ihrer Kinder dabei war, pflegten sie normalerweise keine Zärtlichkeiten auszutauschen. Das schien im nächsten Augenblick auch Augusta wieder einzufallen, denn sie ließ von ihm ab.

»Das ist wirklich wunderbar«, entgegnete sie und strich sich ihr Kleid glatt. »Und zudem eine gute Gelegenheit, etwas Wichtiges bekanntzugeben.«

»Etwas Wichtiges?« Ludwig schüttelte unverständig den Kopf.

»Die Verlobung unserer Tochter!«, erinnerte ihn Augusta.

»Ach, hat sie sich endlich entschieden?«

Er blickte zu Johanna, die dasaß, als wäre sie zu einer Eissäule erstarrt. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals, und innerlich verfluchte sie ihr Schicksal. Es war offenbar nicht genug, dass ihre Mutter sie wieder mit Fragen und Vorschlägen traktiert hatte. Jetzt kam auch noch diese unselige Einladung!

»Nein, bisher nicht, Papa«, entgegnete sie gequält.

»Meinst du, dass du bis dahin eine Wahl getroffen hast?«, fragte er weiter. »Das wäre doch eine wunderbare Gelegenheit! Das ganze Seebad würde uns darum beneiden.«

Natürlich war ein Weihnachtsball eine wunderbare Gelegenheit. Wahrscheinlich sahen ihre Eltern den Großherzog schon vor sich, wie er das zukünftige Brautpaar beglückwünschte.

Doch Johanna wäre jetzt am liebsten in Tränen ausgebrochen.

»Ich hoffe es«, entgegnete sie und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

»Dann soll es so sein! Ich bin sicher, dass dies der Höhepunkt des Abends wird!«

»Das wird es bestimmt«, pflichtete Augusta ihm bei und deutete auf die Stiefel ihres Mannes. »Warum ziehst du nicht deine Stiefel aus und gesellst dich zu uns?«

»Wie du wünschst, meine Liebe! Nach dem Ritt bin ich regelrecht durchgefroren. Wahrscheinlich gibt es in den nächsten Tagen Schnee!«

»Und bring unseren Sohn mit«, rief Augusta ihm hinterher. »Er wollte sich im Salon blicken lassen, aber anscheinend hat er es wieder vergessen.«

Ludwig lachte auf und verschwand.

2. Kapitel

Am Abend zog ein Sturm über Heiligendamm herauf und brachte das Meer in Aufruhr. Das Tosen der Wellen hinderte Johanna am Einschlafen. Ohnehin waren ihre Nerven wegen der Einladung des Herzogs bis aufs äußerste gespannt.

Was sollte sie nur tun? Wie konnte sie dem entgehen, sich für einen Mann entscheiden zu müssen, den sie gar nicht wollte?

Mit weit aufgerissenen Augen lauschte sie dem Unwetter. Irgendwo musste ein Fensterladen lose sein, denn etwas klapperte im Rhythmus zu den Windstößen.

Eigentlich hatte sie gehofft, dass der Schlaf ihr ein wenig Vergessen bringen würde. Doch nun stürzten die Gedanken auf sie ein. Allen voran die Gesichter ihrer beiden Verehrer.

Albert Vormstein war der Sohn des Verwalters vom Haus Anker. Seine Familie war nicht unbedingt bessergestellt als ihre eigene, doch sein Vater hatte zahlreiche Kontakte zu angesehenen Familien, und man munkelte sogar, dass er das Haus Anker dem Herrn von Kahlden, der das Seebad von der herzoglichen Familie erworben hatte, abkaufen wollte. Mit einem der schönsten Gästehäuser der »Perlenkette« würde sein Einfluss und auch sein Gewinn weiter wachsen.

Der blonde Albert selbst erschien Johanna ein wenig langweilig. Vielleicht hatte er einen ausgeprägten Geschäftssinn, allerdings war er so schüchtern, dass er es nicht mal gewagt hatte, sie allein anzusprechen. Stets kam er mit seiner Mutter oder seinem Vater zu Besuch, sagte kaum etwas und schaute sie auch nur selten an.

Johanna war sicher, dass nicht er wünschte, sie zu heiraten, sondern seine Mutter, die in ihr eine gute Partie sah.

Berthold von Kahlden, ein Neffe des Mannes, dem Heiligendamm praktisch gehörte, war ihr allerdings nicht viel lieber, obwohl er das genaue Gegenteil von Albert war – eitel und selbstverliebt, glaubte er, dass sich die Welt nur um ihn drehte. Johanna war sicher, dass er ihr lediglich wegen des Gästehauses den Hof machte, denn sein Onkel hatte sich vergeblich um dieses Grundstück bemüht.

Mit keinem von ihnen konnte sie glücklich sein. Sie wollte nur Peter. Den Verfemten. Wenn ihre Eltern es erfuhren, würde es ein Donnerwetter geben.

Angst überkam sie – und nicht nur vor dem Tosen des Sturms. Um sich ein wenig abzulenken, setzte sie sich auf, entzündete die Öllampe auf ihrem Nachttisch und zog die Briefe hervor, die sie von ihrer wahren Liebe erhalten hatte.

Sie waren unter dem Namen Norma von Bredow an sie geschickt worden. Der Tarnname war nötig, denn wenn ihre Mutter die wahre Identität ihres Liebsten erfuhr, würde die Hölle los sein. »Norma« war für ihre Mutter eine Brieffreundin aus Schwerin. Johanna war nicht sicher gewesen, ob Augusta die Post durchsehen würde, besonders dann, wenn es sich um einen neuen Namen handelte. Aber ihr Plan funktionierte. Ihre Mutter las die Briefe nicht.

So genossen sie für ein paar Monate den Briefwechsel und sahen sich heimlich, wann immer es möglich war, an der Stelle, an der sie sich kennengelernt hatten. Das kleine Waldstück jenseits der Burg war ungefährlich, weil hier kaum jemand entlangkam. Peter brachte ihr stets eine Blüte oder ein kleines Sträußchen mit. Treffpunkte im Ort waren gefährlich, aber draußen im Wald war niemand, der sie beobachten konnte. Ihr gesamter Körper kribbelte, wenn sie zu einem Stelldichein ging, vor Aufregung, vor Erwartung, und dann, wenn sie ihn endlich sah, klopfte ihr Herz und ihre Lippen sehnten sich fast schon schmerzlich nach seinen Küssen.

Die Erinnerung daran brachte Johanna zum Lächeln. Liebevoll strich sie über die Umschläge, die vom vielen Lesen schon ganz abgegriffen waren. Doch dann wurde ihr Herz schwer.

Die Briefe in den Händen zu halten, verstärkte ihre Unruhe noch. Ihr letzter Brief an Peter war unbeantwortet geblieben. Da er gerade dabei war, sich in Schwerin die Anwaltskanzlei aufzubauen, von der er immer geträumt hatte, hatte er vermutlich wenig freie Zeit. Der Druck, der auf ihm lastete, war enorm, denn er war der jüngste Sohn seiner Familie und es lag an seinen beiden älteren Brüdern, das Geschäft weiterzuführen. Er dagegen musste sich auf anderem Gebiet erst einmal beweisen. Genau das gefiel Johanna. Eigentlich war er eine gute Partie, und wäre nicht sein Nachname, würde ihre Mutter sicher entzückt sein. Aber so …

Als sie das Brennen in ihrer Brust nicht mehr aushielt, verstaute Johanna die Briefe wieder in ihrer Schublade, legte sich ihr dickes Wolltuch über die Schultern und schlich aus dem Zimmer. Es gab in diesem Haus nur einen einzigen Menschen, der sie verstand und zu dem sie ehrlich sein konnte.

Auf Zehenspitzen ging sie zur Zimmertür ihres Bruders.

Johanna klopfte, zunächst leise, dann etwas lauter.

»Christian?«, fragte sie, worauf ein Rumpeln ertönte.

»Christian, kann ich reinkommen?«, fragte sie noch etwas lauter. Wenig später wurde die Tür geöffnet. Ihr Bruder sah sie aus kleinen Augen an.

»Was gibt es denn?« Verschlafen rieb er sich übers Gesicht. »Fürchtest du dich vor dem Sturm?« Seine Stimme klang vorwurfsvoll. »Du bist doch kein Kind mehr!«

Das wusste Johanna selbst. Dennoch fragte sie: »Kann ich eine Weile bei dir bleiben? In meinem Zimmer ist es viel lauter als bei dir.«

»Das ist doch Unsinn«, entgegnete Christian und gähnte herzhaft. »Auf meiner Seite ist es genauso laut.«

»Das stimmt nicht«, widersprach Johanna. »Dein Zimmer ist der Seeseite abgewandt. Bei mir tost es wie während der Großen Flut.«

Die Flut, die den sagenumwobenen »Heiligen Damm« aufgeschüttet hatte, kannten sie nur aus Geschichten, aber jeder hier verglich hin und wieder ein Unwetter damit.

»In Ordnung, dann komm rein.« Seufzend öffnete Christian die Tür. Er ahnte, dass seine Schwester nicht nur wegen des Sturmes bei ihm auftauchte.

»Was hast du denn auf dem Herzen?« Christian ließ sich auf dem Stuhl nieder, über dem unordentlich seine Kleider hingen. Johanna setzte sich auf die Bettkante. Die Erinnerung, wie sie als Kind manchmal ins Bett ihres Bruders gekrabbelt war, weil es dort so schön warm war, ließ ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht huschen. Doch sofort waren die Gedanken an ihre Verehrer wieder da.

Johanna seufzte tief. »Das weiß du doch. Die Sache mit der Heirat.«

Christian nickte.

»Es ist nicht so, dass ich keine Lust habe.« Wie ein kleines Mädchen zupfte Johanna an ihrem Nachthemd. »Es ist nur so … von den Männern, die unsere Eltern für mich wollen, will ich keinen.«

»Sondern?«

Johanna wurde rot. Nur wenn sie ganz allein war, gestattete sie sich Gedanken an Peter Vandenboom, aus Angst, dass ihr jemand ihre Gefühle ansehen würde.

Zu gern hätte er ihr ganz offiziell den Hof gemacht – doch da gab es ein entscheidendes Hindernis: Ihre Familien waren seit Jahrzehnten verfeindet.

»Na? Willst du mir nicht erzählen, in wen du dich verliebt hast?«, hakte Christian nach.

Johanna schüttelte den Kopf. »Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Du würdest dich bestimmt verplappern.«

»Na hör mal, du hast ja eine Meinung von deinem Bruder!« Christian verzog das Gesicht.

»Es geht nicht, es wäre zu … gefährlich«, entgegnete Johanna stockend. »Und bis zum Weihnachtsball sind es nur noch drei Wochen. Sie wollen dort meine Verlobung bekanntgeben!«

Christian griff nach ihrer Hand. Seine Schwester zitterte wie Espenlaub.

»Reg dich nicht auf, davon bekommst du nur Runzeln.«

Johanna wollte die Hand wegziehen, doch er hielt sie fest.

»Hör mal«, sagte er beschwichtigend und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich will dich zu nichts zwingen. Sag es mir meinetwegen dann, wenn ihr kurz davor seid, vor den Traualtar zu treten.«

»Das wird nie passieren.« Johanna kamen die Tränen. »Sie werden es nicht erlauben.«

»Warum nicht? Ist es vielleicht irgendein Dienstbote? Oder ein Knecht?« Christian wusste selbst zu gut, dass die Liebe manchmal vor dem Stand nicht Halt machte.

Johanna schüttelte den Kopf. »Nein, das ist er nicht. Er ist nicht arm, falls du das denkst. Aber ich bin sicher, dass er unseren Eltern nicht passen wird.«

»Und wenn ich ein gutes Wort für euch einlege?«, schlug Christian vor. »Möglicherweise lässt sich wenigstens Vater erweichen.«

Johanna wischte sich die Tränen von den Wangen. »Nein, das wird er nicht, ich weiß es. Und Mutter … die sähe es nur zu gern, wenn ein Adelstitel an meinem Namen hinge! Ich frage mich, warum ich überhaupt schon heiraten soll!«

Christian presste die Lippen zusammen. »Sie wollen nur, dass du sicher bist. Dass du jemanden hast, der auf dich achtgibt.«

»Auf mich braucht keiner achtzugeben!«, entgegnete Johanna trotzig, dann lehnte sie sich gegen ihn. »Du hast es gut. Du kannst gehen, wohin du willst. Und du wirst heiraten können, wen du willst.«

»Wahrscheinlich wird Mutter es sich nicht nehmen lassen, mich beim Weihnachtsball mit geeigneten Kandidatinnen bekannt zu machen. Du kennst sie ja. Es gibt dort sicher ein paar hochwohlgeborene Fräulein, die keine Lust haben, den Nonnenschleier zu nehmen.«

Johanna prustete los. Leichter war ihr jedoch nicht zumute.

»Macht es dir etwas aus, wenn ich hierbleibe?«, fragte sie. »Ich … ich möchte nicht allein schlafen, da denke ich nur wieder darüber nach, was alles kommen wird, und dann ärgere ich mich, dass ich nichts daran ändern kann.«

»Nein, kein Problem, schlaf ruhig hier, ich nehme den Sessel«, sagte Christian und ließ sich darin nieder. »Gute Nacht, Schwesterherz.«

»Gute Nacht«, entgegnete Johanna und kuschelte sich unter die Decke.

3. Kapitel

Freitag, 5. Dezember 1902

Die frische Morgenluft roch nach Algen und Fisch, als Christian auf seinem Apfelschimmel Bruno die Promenade entlangritt und schließlich auf den Strandzugang abbog.

Der nächtliche Sturm hatte das Wasser weit über den Strand getragen und mit ihm lange Stränge von Seetang und Muschelschalen. Der Himmel hing bleiern über dem Meer, doch der Blick war frei. Sogar noch in der Ferne konnte er die Gischthauben sehen, die die Wellen krönten.

Möwen kreisten in Scharen über dem Wasser. Ihre Rufe konkurrierten mit dem Rauschen der Wellen.

Als er den Ort hinter sich gelassen hatte, stockte er plötzlich und brachte sein Pferd zum Stehen.

Auf den ersten Blick schien es ein Stück Segeltuch zu sein, das angeschwemmt worden war.

»Heja!«, trieb er sein Pferd zu der Stelle. Dann sah er, dass es sich um einen Menschen handelte. Die Person trug ein langes Hemd, und um einen Fuß war etwas gewickelt, das wie Segeltuch aussah. Er sprang aus dem Sattel, Muschelschalen knackten unter seinen Füßen.

Als er sie vorsichtig herumdrehte, blickte er in das Gesicht einer jungen Frau, die vielleicht achtzehn oder neunzehn war. Ihr langes schwarzes Haar war vom Wasser an den Sand geklebt worden, einige Algen hatten sich darin verfangen.

»Um Gottes willen!«, platzte es aus ihm heraus, als er sie vorsichtig anhob. Ihre Haut war kreidebleich, und die Lippen hatten einen bläulichen Ton. Salz und Sand waren an ihrer Wange und ihrer Stirn angetrocknet. Im ersten Moment glaubte Christian, sie sei tot.

Er schüttelte sie leicht. »Können Sie mich hören?«

Sie regte sich nicht. Christian legte sie seitlich auf den Boden, so, dass das Wasser, das sie geschluckt haben musste, aus ihr herauslaufen konnte. Vorsichtig massierte er ihren Rücken.

Da sie auch daraufhin nicht hustete oder sonst irgendwie versuchte, das Wasser wieder loszuwerden, drehte er sie herum. Christian wusste, dass es sich nicht schickte, dennoch legte er seinen Kopf auf ihre Brust und lauschte nach dem Herzschlag. Zunächst hörte er nur das Rauschen der Wellen, doch dann, ganz schwach, vernahm er ein Pochen.

Sie lebte!

Christian befreite sie aus dem Segeltuch und strich über ihr Gesicht, doch sie rührte sich nicht. Hilfesuchend blickte er sich um, doch es befand sich keine Menschenseele in der Nähe.

Da bemerkte er einen Zweig in ihrer Hand. Im ersten Moment glaubte er, dass er sich an ihr verfangen hatte. Doch dann erkannte er, dass sie die Hand fest um den Zweig geklammert hielt, so fest, dass er sich nicht daraus lösen ließ. Was hatte das zu bedeuten? War es ein Zufall? Das Stück Segeltuch deutete vielleicht auf ein Schiffsunglück hin. Möglicherweise hatte der tobende Sturm auch ein paar Zweige vom Festland ins Meer befördert, und sie hatte einen davon unbewusst gegriffen …

Christian ließ den Zweig sein und wickelte sie in seinen Mantel. Die eisige Seeluft zerrte sofort an seinem Hemd und drang bis auf seine Haut durch, doch das ignorierte er. Er trug das Mädchen zu dem Pferd, und wenig später ritt er mit ihm los.

Am Gästehaus kam ihm Friedrich, der Laufbursche, entgegen. »Herr Baabe, was ist passiert?«

»Schnell, sagen Sie meinen Eltern Bescheid, dass ich eine Schiffbrüchige gefunden habe!«

Während Friedrich losrannte, ritt Christian durch das Seitentor auf den Innenhof, brachte dort das Pferd zum Stehen und stieg ab. Vorsichtig hob er die junge Frau auf seine Arme und trug sie kurzerhand in eines der Gästezimmer. Wie nahezu alle Gästezimmer der Baabes hatte auch dieses einen Blumennamen: Veilchengrund.

Kühle Luft schlug ihm entgegen, als er sie aufs Bett legte. Feuer, dachte Christian. Ich sollte erst einmal Feuer machen.

»Christian?«, hallte Augustas Stimme durch den Gang, begleitet vom hastigen Klappern ihrer Absätze.

»Wir sind hier, Mutter!«

»Ach du meine Güte!« Augusta schnappte nach Luft, als sie das Mädchen in dem Bett liegen sah. Seine Hautfarbe unterschied sich kaum von den weißen Laken. Sein dunkles Haar breitete sich wie ein wirres Fischernetz über dem Kissen aus. Schmutzschlieren und Wasserflecken hatten sich auf den frischen Bezügen gebildet. Noch immer klammerte sich seine Hand um den kleinen Zweig.

»Wir brauchen warmes Wasser!«, erklärte Christian. »Und schick bitte Friedrich zu Dr. Winter, er muss so schnell wie möglich vorbeikommen!«

»Wer ist das?«, fragte Augusta.

»Ich habe sie am Strand gefunden, sie ist beinahe erfroren. Ich werde Feuer machen.«

Christian stapelte Holz im Kamin auf und riss dann ein Zündholz an. Schwefelgeruch verbreitete sich im Raum.

»Sie sieht mehr tot als lebendig aus.«

Augusta streckte die Hand nach ihr aus, zog sie aber gleich wieder zurück. Christian bemerkte, dass sie zitterte. Ein beinahe schon ängstlicher Ausdruck trat in ihre Augen. Dann schien sie zu erstarren.

»Mutter!«, rief Christian, worauf Augusta wieder zu sich kam.

»In Ordnung, ich kümmere mich um sie. Geh du los und sag Friedrich Bescheid.«

Christian nickte, und nachdem er noch einen Blick auf das Mädchen geworfen hatte, verließ er das Zimmer.

~

Der Anblick der jungen Frau ließ in Augusta etwas zusammenkrampfen. Eine Erinnerung kehrte zu ihr zurück, die sie die ganzen Jahre über verdrängt hatte.

Sie wird uns Unglück bringen, wisperte eine Stimme in ihrem Verstand. Dann wurde das Gesicht des Mädchens auf dem Bett von einem anderen Gesicht überlagert. Auch diese Frau war sehr jung und schön gewesen, auch diese Frau hatte vollkommen hilflos gewirkt. Das Haus, das damals Augustas Zuhause gewesen war, hatte sie aufgenommen. Und als Dank hatte sie die Hölle über ihre Familie gebracht.

War es ihr Schicksal, das alles noch einmal zu erleben? Jetzt, wo alles so wunderbar lief?

Augusta kämpfte noch eine Weile mit ihrem Unbehagen, dann läutete sie nach Elsa.

Wenig später erschien sie mit Martha, einem weiteren Dienstmädchen. Die Wangen der beiden waren vor Aufregung gerötet. Offenbar hatte Friedrich alle schon von dem Ereignis in Kenntnis gesetzt.

»Elsa, ziehen Sie ihr das Nachthemd aus«, wies Augusta sie an. »Und Martha, holen Sie frische Wäsche …«

Augusta ließ sich auf einen Stuhl am Fenster nieder. Sie fühlte sich schwach. Doch bevor sie wieder in ihre Erinnerung versinken konnte, erschien Martha mit dem Nachthemd.

»Ist das in Ordnung? Ich habe es von dem Weißzeug für die Gäste genommen.«

»Ja, das ist in Ordnung«, entgegnete Augusta abwesend.

Als sich die Mädchen daranmachten, die Fremde umzuziehen, schreckte Martha plötzlich zurück. »Frau Baabe, ich weiß nicht … sie ist so kalt, lebt sie wirklich noch?«

»Mein Sohn hätte sie nicht hergebracht, wenn das nicht der Fall wäre«, entgegnete Augusta. »Der Arzt wird sicher gleich hier sein, dann wissen wir mehr.«

Zögerlich fuhren die Dienstmädchen fort.

Augusta blickte aus dem Fenster.

So schnell kann sich das Blatt also wenden, schlich es durch ihren Verstand. An einem Tag erhielt man eine Einladung des Herzogs, am anderen tauchte eine Fremde auf, die vielleicht eine Gefahr war.

»Was soll ich mit dem Zweig machen?«, riss Elsa sie aus ihren Gedanken.

»Welcher Zweig?«

»Der hier!« Der Zweig war kaum länger als ein Unterarm. Von welchem Baum er stammte, war nicht genau zu erkennen.

»Wirf ihn weg«, wies sie das Dienstmädchen an.

»Nein!«, rief Christian, der wieder an der Tür aufgetaucht war. »Bitte, lass ihr den Zweig. Sie hat ihn so festgehalten, wer weiß, ob er für sie noch wichtig ist.«

Augusta sah ihren Sohn verständnislos an. »Was suchst du hier? Es schickt sich nicht, durch die Tür zu spähen!«

Christian wurde rot. »Ich bin nur gerade vorbeigekommen und habe euch davon reden hören.«

»Aber das ist doch nur ein Zweig!«, gab Augusta zurück. »Wahrscheinlich ist er in ihren Kleidern hängengeblieben.«

»Sie hatte die Hand fest darum geschlossen. Möglicherweise hat sie diesen Zweig aus einem bestimmten Grund mitgenommen. Bitte lass ihn da, bis sie wieder zu sich gekommen ist.«

Augusta schüttelte verwundert den Kopf, dann sagte sie: »In Ordnung, Elsa, stellen Sie den Zweig in einen Krug. Wie steht es mit Dr. Winter?«

»Friedrich ist zurück, er sagt, der Arzt ist auf dem Weg.«

Christian blickte besorgt auf das Mädchen. Noch immer war es so bleich wie ein Geist, doch das schmutzige Nachthemd war einem sauberen gewichen. Elsa und Martha rafften das verdreckte Bettzeug zusammen und trugen es an ihm vorbei nach draußen.

»In Ordnung, ich werde so lange hier warten«, antwortete Augusta. Als sich ihr Sohn nicht zurückzog, hob sie fragend die Augenbrauen. »Ja?«

»Ist sie wach geworden?«

»Nein«, antwortete Augusta. »Wir sollten abwarten, was Dr. Winter sagt.«

Christian nickte und verließ den Raum.

4. Kapitel

Johanna schreckte aus dem Schlaf. Ihr wurde klar, dass sie die Nacht in Christians Zimmer verbracht hatte. Er selbst war bereits fort. Warum hatte er sie nicht geweckt? Und wie spät war es?

Sie schlug die Bettdecke zur Seite und ging zum Fenster. Dort sah sie, wie Kurarzt Dr. Winter mit seiner Arzttasche die Promenade entlanggeeilt kam.

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