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Der Deal war eine Nacht. Eine Nacht nur wir zwei. Nicht mehr.
Ein Auffahrunfall mit reichlich Blechschaden ist das Letzte, was Isabell so kurz vor Weihnachten braucht. Dass Alexander, der attraktive Unfallgegner, einen ungewöhnlichen Vorschlag zur Schadenregulierung hat, ist erst recht nicht hilfreich. Aber sein Angebot ist zu verlockend, als dass sie es ausschlagen könnte. Nach einer aufregenden Nacht trifft sie bei einem Vorstellungsgespräch erneut auf ihn und wird kurzerhand auch noch eingestellt. Das Gefühlschaos ist perfekt. Doch ist es wirklich eine gute Idee, sich in seinen Chef zu verlieben? Noch dazu, weil sie das Gefühl nicht loswird, dass er ihr etwas verheimlicht. Schließlich weiß sie, dass Lügen alles kaputtmachen. Kann eine zweite Chance das junge Glück kitten?
Winterherzklopfen ist der erste Band der Herzklopfen-Reihe. Die Geschichten sind alle unabhängig voneinander lesbar, jedoch durch wiederkehrende Charaktere miteinander verbunden.Es handelt sich um eine komplett überarbeitete Neuauflage des Romans „Love me crazy – Schöner Schein“, der erstmalig 2016 unter dem Pseudonym Kate Franklin erschien.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Über das Buch
Kapitel 1 – Isabell
Kapitel 2 – Alexander
Kapitel 3 – Alexander
Kapitel 4 – Isabell
Kapitel 5 – Isabell
Kapitel 6 – Isabell
Kapitel 7 – Isabell
Kapitel 8 – Isabell
Kapitel 9 – Isabell
Kapitel 10 – Alexander
Kapitel 11 – Alexander
Kapitel 12 – Isabell
Kapitel 13 – Alexander
Kapitel 14 – Isabell
Kapitel 15 - Alexander
Kapitel 16 – Isabell
Kapitel 17 – Alexander
Kapitel 18 – Isabell
Kapitel 19 – Isabell
Über die Autorin
Herzpost
Herzklopfen 2.0
Impressum
Katrin Franke
WINTERHERZKLOPFEN
Isabell & Alexander
Der Deal war eine Nacht. Eine Nacht nur wir zwei. Nicht mehr.
Ein Auffahrunfall mit reichlich Blechschaden ist das Letzte, was Isabell so kurz vor Weihnachten braucht. Dass Alexander, der attraktive Unfallgegner, einen ungewöhnlichen Vorschlag zur Schadenregulierung hat, ist erst recht nicht hilfreich. Aber sein Angebot ist zu verlockend, als dass sie es ausschlagen könnte. Nach einer aufregenden Nacht trifft sie bei einem Vorstellungsgespräch erneut auf ihn und wird kurzerhand auch noch eingestellt. Das Gefühlschaos ist perfekt. Doch ist es wirklich eine gute Idee, sich in seinen Chef zu verlieben? Noch dazu, weil sie das Gefühl nicht loswird, dass er ihr etwas verheimlicht. Schließlich weiß sie, dass Lügen alles kaputtmachen.
Kann eine zweite Chance das junge Glück kitten?
Winterherzklopfen ist der erste Band der Verliebte-Herzen-Reihe. Die Geschichten sind alle unabhängig voneinander lesbar, jedoch durch wiederkehrende Charaktere miteinander verbunden.
Es handelt sich um eine komplett überarbeitete Neuauflage des Romans „Love me crazy – Schöner Schein“, der erstmalig 2016 unter dem Pseudonym Kate Franklin erschien.
»O komm schon, Hugo!« Isabell schimpfte vor sich hin, weil der alte kobaltblaue Käfer, den sie von ihrer Oma geerbt hatte, nur gurgelnde Geräusche von sich gab, anstatt das gewohnte Brubbeln des Motors. Wenn Hugo jetzt kaputtgehen würde, käme das einem Super-GAU gleich. Ohne Job wäre es schwierig, die Kosten für die Reparatur aufzubringen. Daher flehte sie ihr Auto innerlich an, durchzuhalten. Auch ein erneuter Versuch besänftigte die alte Klapperkiste nicht. Vielleicht half ein frustrierter Schlag auf das Lenkrad? Tatsächlich sprang das uralte Auto daraufhin an. Widerwillig und zögernd und laut blubbernd – aber es sprang an. Sie presste dankend die Handflächen aneinander und verneigte sich vor dem Lenkrad. »Danke, altes Haus«, flüsterte sie, bevor sie einmal kräftig das Gaspedal durchtrat. Der alte Käfer heulte auf, als hätte er furchtbare Schmerzen. Auch Isabell verzog ihr Gesicht, als würde sie es genau fühlen. Dann setzte sie die Scheibenwischer in Gang, um die Schneeflocken von der Frontscheibe zu vertreiben.
Die Dunkelheit, obwohl es erst Spätnachmittag war, erschwerte die Sicht zusätzlich und die Straßen versanken immer mehr im Matsch. Bevor es richtig zu schneien begonnen hatte, hatte sie es gerade noch so geschafft, ihre Einkäufe durch die Menschenmassen im Shoppingcenter und anschließend über den Parkplatz zu manövrieren.
Ringsherum strömten die Menschen noch immer Richtung Einkaufsmeile oder aber auf den Dresdner Striezelmarkt, dem das Wetter herzlich egal war. Ab Mitte November steppte hier der Bär und es gab Glühwein und die berühmt-berüchtigte Champignon-Knoblauchpfanne an jeder Ecke. Allein der Gedanke an dieses Essen sorgte für ein flaues Gefühl in ihrem Magen.
Es war kaum zu leugnen, aber die dunkle Jahreszeit gehörte nicht unbedingt zu Isabells Favoriten. Erst recht alle Wochen rund um das Weihnachtsfest waren nicht ihr Ding. Es war immer das Gleiche. Jedes Jahr um diese Zeit begannen die Menschen durchzudrehen, und das alles nur wegen Weihnachten. Auch wenn sie selbst zu denen gehörte, die in letzter Sekunde in die Geschäfte eilten, um noch ein paar Geschenke für die Liebsten zu ergattern. Nur gut, dass sie nicht viele davon brauchte. Also Geschenke. Sie war Single, und ihre Familie – na ja, das war ein anderes Thema, das sie tunlichst in der untersten ihrer Gedankenschubladen verstaute.
Das Verlassen des Parkplatzes gestaltete sich abenteuerlich, die Schlange bis zur Ausfahrt war lang und Isabell stieß genervt die Luft aus. Die Dresdner Innenstadt war ohnehin immer überfüllt, doch in der Vorweihnachtszeit sah man kaum noch den Straßenbelag, weil so viele Menschen unterwegs waren. Und alle waren so hektisch, mies oder auffällig gut gelaunt. Ein Extrem jagte das nächste.
Dennoch liebte sie ihre Heimatstadt sehr. Allein der Blick aus der Frontscheibe versöhnte sie etwas. Die Schneeflocken wirbelten im Licht der Straßenlaternen durcheinander und tauchten das Rathaus mit der goldenen Statue obendrauf in ein ganz besonderes Licht. Vielleicht gab es dieses Jahr endlich mal wieder weiße Weihnachten? Das wäre wenigstens ein Bonus, der ihre Stimmung etwas heben würde.
Trotzdem würde das ihre Einstellung nicht ändern. Sie blieb dabei – diese Zeit des Jahres mochte sie einfach nicht.
Einziger Lichtblick war die heutige Verabredung mit ihren Freundinnen, zu der sie viel zu spät kommen würde, wenn sie nicht endlich vorankam. Die Autos vor ihr bewegten sich nur im Schritttempo und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich auf die Hauptstraße abbiegen konnte.
Erst jetzt spürte sie die Erschöpfung. Der Shoppingtrip war alles andere als entspannt gewesen, nicht zuletzt, weil ihr Kontostand unter jeder Benutzung ihrer EC-Karte gejault hatte wie ein verletztes Tier. Gleich morgen würde sie wieder die Stellenanzeigen durchgehen. Es wäre doch gelacht, wenn sie in nächster Zeit nichts Neues finden würde. Vielleicht nicht mehr dieses Jahr, aber im neuen Jahr auf jeden Fall.
Auf den Straßen war die Lage nicht anders als auf dem Parkplatz eben. Wieder ging es nur schrittweise voran, dass man zu Fuß wahrscheinlich sogar schneller wäre. Die Ampel, vor der sie gerade an zweiter Position hinter einem schwarzen SUV stand, wollte einfach nicht auf Grün schalten. Fast hatte es den Eindruck, als würden sie und die lange Schlange, die sie im Rückspiegel erkennen konnte, auch morgen noch hier warten.
Beim Blick auf die Uhr verdrehte sie genervt die Augen. Ihr blieb noch eine Viertelstunde. Aber wenn es so zäh weiterging, würde sie es in dieser knappen Zeit niemals über die Elbe bis ins Kneipenviertel schaffen. »Mist«, grummelte sie und schaltete das Heizgebläse eine Stufe höher, weil ihr noch immer kalt war. Selbst im Inneren ihres Autos sah sie die kleinen Atemwölkchen, die sie ausstieß.
Immerhin waren die Geschenke, die sie eben erst für ihre Freundinnen gekauft hatte, bereits eingepackt. Ihr lag der Kampf mit Geschenkpapier und Schleifenband überhaupt nicht. Da passte es hervorragend, dass viele Geschäfte diesen Einpackservice inzwischen ohne Aufpreis anboten. Sie musste die Päckchen also nur noch da hinbringen, wo ihre Freundinnen sicher schon auf sie warteten.
Die Schneeflocken fielen jetzt immer dichter auf die Frontscheibe, wo sie sofort schmolzen und wie Regen hinunterliefen. Vielleicht hätte sie lieber die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen sollen, dann wäre sie vermutlich längst da. Jetzt mit dem Auto unterwegs zu sein, grenzte regelrecht an einen Selbstmordversuch.
Doch dann, endlich. Das Rot der im Wind schwankenden Ampel verwandelte sich in ein Gelb und wurde schließlich zum Grün. Den Blick starr auf die Lichtsignalanlage gerichtet, trat Isabell aufs Gaspedal. Hugo stotterte für einen Moment, setzte sich dann aber mit einem Satz nach vorn in Bewegung und kam … schnell wieder zum Stillstand. Ein dumpfer Knall riss Isabell aus ihren Gedanken, während der Ruck nach vorn sie fest in den Gurt zerrte, sodass ihr für einen Moment die Luft wegblieb.
Himmel! Was war das denn jetzt gewesen?
Ihr Herz raste. Obwohl sie gerade noch gefröstelt hatte, traten nun Schweißperlen auf ihre Stirn. Verdammt. Sie suchte den Fehler und fand ihn recht schnell. Als sie nach vorn sah, war da immer noch das schwarze Ungetüm von Auto, das sich trotz der grünen Ampel, die grüner kaum werden konnte, nicht einen Zentimeter von der Stelle bewegt hatte. Geistesgegenwärtig schaltete sie die Warnblinkanlage an, woraufhin im Hintergrund ein Hup-Konzert begann. Als ob sie hier mit Absicht stehen geblieben wäre. Kopfschüttelnd stieß sie die Luft aus.
Gerade eben hatte sie also einen Auffahrunfall verursacht.
Eine leichte Welle der Übelkeit überkam Isabell und sorgte dafür, dass ihr ganz mulmig wurde. Das fehlte gerade noch. Vor ihrem geistigen Auge sah sie bereits den unerschwinglichen Rechnungsbetrag, den die Reparaturwerkstatt von ihr verlangen würde. Unweigerlich stiegen ihr Tränen in die Augen und mit ihrer Hand vorm Mund unterdrückte sie einen derben Fluch.
So ein Mist!
Warum zur Hölle war der Typ vor ihr denn nicht losgefahren? War der farbenblind? Stattdessen hatte er es vorgezogen, hier vor Anker zu gehen, und Isabell parkte derweil in seinem Kofferraum.
Die Übelkeit wurde schlimmer, als der Saldo ihres letzten Kontoauszugs in ihren Gedanken aufblitzte. Desaströs. Es war einfach desaströs. Auch wenn sie nicht am Hungertuch nagte, so ganz ohne Job würde es demnächst ziemlich knapp werden. Es war jetzt vier Monate her, dass sie die Rechtsanwaltskanzlei, in der sie bis dahin angestellt war, verlassen hatte. Wehmütig dachte sie daran zurück, wie gern sie dort gearbeitet hatte. Doch wie zwei andere Kollegen war auch sie den Sparmaßnahmen ihres Chefs zum Opfer gefallen. Seitdem lebte sie von den Reserven, die sie angespart hatte. Aber die würden nicht ewig reichen. Nicht zuletzt der heutige Shoppingrausch hatte dafür gesorgt, dass ihr Kontostand drastisch gesunken war. Er brauchte dringend eine Reanimation in Form eines neuen und vor allem regelmäßigen Geldeingangs. Doch das war schwerer, als sie sich das vorgestellt hatte. Denn gute Jobs lagen leider nicht auf der Straße.
Und jetzt kam das hier noch dazu. Isabells Auto war älter als die Steinzeit – gefühlt zumindest. Nicht nur einmal hatte der gute Mann beim TÜV, der sie inzwischen schon bestens kannte, ein Auge zugedrückt und den Wagen durchgewunken. Dass er jetzt halb auseinanderfiel, und davon ging sie nach dem Aufprall aus, konnte sie sich einfach nicht leisten. Zudem hing sie an dem Wagen, als wäre er ein vollwertiges Familienmitglied.
Fast schon panisch zuckte sie zusammen, als ein unerwartetes Klopfen an der Fensterscheibe sie aus ihren Gedanken holte. Ihr Kopf ruckte zur Seite und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie nach draußen … direkt in ein Männergesicht, das in der Dunkelheit ziemlich Furcht einflößend wirkte. Instinktiv wich sie so weit zurück, wie es ihre Sitzposition zuließ, und verharrte für einen Augenblick, während ihr Puls im Hals hämmerte.
Der Typ schien ebenso wenig begeistert über die Vorkommnisse zu sein wie sie selbst. Er hatte die Augenbrauen so dicht zusammengezogen, dass sich eine Falte dazwischen bildete, die ihn gruselig wirken ließ. Zwar war der Rest seines Gesichtsausdrucks nicht direkt unfreundlich – immerhin zupfte ein schiefes Lächeln an seinen Mundwinkeln, dennoch war er Isabell nicht geheuer. Es war zu dunkel, um ihn in allen Einzelheiten zu erkennen. Dennoch heftete sich ihr Blick wie von selbst auf die Schneeflocken, die sich in seinem dunklen Haar, den Augenbrauen und seinen Wimpern verfingen. Dieser Kontrast fesselte sofort ihre Aufmerksamkeit, was natürlich völlig unpassend war.
Noch immer spürte Isabell die Übelkeit, die bitter in ihrer Speiseröhre aufstieß. Auch ihr Puls hatte es schwer, sich zu beruhigen. Sie war mehr adrenalingeflutet als gedacht und dazu dezent geschockt darüber, dass sie ihre unfallfreie Zeit seit der Fahrschule eben jäh beendet hatte. Wham! schmetterte ihr die letzten Takte von Last Christmas aus den alten Lautsprechern entgegen, während sie vorsichtig das Fenster herunterkurbelte.
»Ist Ihnen etwas passiert? Geht es Ihnen gut?« Der Mann, der neben ihrem Auto stand, hatte eine tiefe Stimme und klang besorgt, was in Anbetracht der Ereignisse der pure Hohn war. Schließlich war sie in seinen Wagen gedonnert und nicht umgekehrt.
Isabell nickte benommen. »Ja, alles bestens. Und bei Ihnen?«, brachte sie gerade so heraus und hatte Mühe, sich von seinem Blick zu lösen. Verlegen rieb sie ihre Hände aneinander. »Ich … ähm … Es tut mir leid«, begann sie erneut und räusperte sich laut. »Also, das mit Ihrem Wagen.« Mit einer Geste zeigte sie auf sein Ungetüm. »Sorry, dass ich ihn demoliert habe. Aber die Ampel war grün und ich dachte … Na ja, normalerweise fährt man da ja los.«
»So schlimm wird es schon nicht sein.« Er winkte sorglos ab. Hatte er den Aufprall überhaupt mitbekommen? So, wie es gerumst hatte, musste es schlimmer sein, als er das nun darstellte. »Ich war in Gedanken und habe total gepennt, sorry.«
Ha, wusste ich es doch, dachte Isabell.
Zur Entschuldigung legte er seinen Kopf leicht schräg und schmunzelte lässig. Gott, was für ein begnadetes Lächeln, das Isabells Wangen heiß werden ließ. »Schauen wir uns den Schaden am besten mal an.«
Sie richtete ihren in Unordnung geratenen Schal und wollte gerade aussteigen, als sich die Autotür wie von Zauberhand öffnete. Ein Gentleman war er also auch noch. Erst nachdem sie ihre Füße auf die Straße gesetzt hatte, nahm sie die Blechlawine wahr, die sich inzwischen laut hupend einen Weg um die beiden Autos herum bahnte. Mit wenigen Schritten stand sie zwischen ihrem Wagen und dem SUV und konnte einen direkten Blick auf das Desaster werfen.
»Dem Koloss hier ist nichts weiter passiert, halb so schlimm«, sagte der Fremde und klopfte dabei auf die Heckleuchten seines Autos, an dem so gut wie nichts zu sehen war. Für seinen Geländewagen war der Aufprall einer Art Mückenstich gleichgekommen. Für Isabells alten Hugo hingegen ging es eher in Richtung Gehirnerschütterung. Die Stoßstange war in Mitleidenschaft gezogen worden und das Nummernschild baumelte schief herunter.
»So ein Mist«, murmelte sie in ihren Schal. Sie würde eine Weile sparen müssen, bis sie eine Reparatur finanzieren könnte.
»Ihr Wagen hat deutlich mehr abbekommen«, sagte der Fremde, während er ihr Auto in Augenschein nahm, und klang dabei sehr mitleidig.
Erst jetzt fiel Isabell auf, wie samtig seine Stimme war. Ähnlich wärmend wie ein Tee vorm Kamin, wenn es draußen kräftig schneite, vermittelte sie ihr ein wohliges Gefühl. Trotzdem – oder gerade deswegen – breitete sich eine Gänsehaut über ihrem ganzen Körper aus und sie war sich nicht ganz sicher, ob diese von der Kälte oder nicht vielleicht doch vom angenehmen Tonfall des Fremden herrührte. Allein damit schaffte er es in Sekundenschnelle, sie kopfüber in ein Wechselbad der Gefühle zu stürzen. Isabell war hin- und hergerissen, ob sie entsetzt oder entzückt sein sollte, dass dieser Unfall passiert war.
»Das sehe ich auch«, antwortete sie schnippisch und hatte Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten, während sie vor ihrem Auto in die Knie ging, um das Nummernschild irgendwie gerade zu rücken und notdürftig zu befestigen.
»Beruhigen Sie sich. Hauptsache, Ihnen ist nichts passiert.« Lächelnd hockte sich der Typ neben sie.
Aus dem Augenwinkel sah Isabell, wie er ihr auf die Finger schaute, während sie krampfhaft versuchte, das Kennzeichen in die Halterung zu fädeln. Er machte sie nervös, sodass es immer wieder herausrutschte.
»Lassen Sie mich mal versuchen.« Behutsam nahm er ihre Hand von der Stoßstange und fand blitzschnell eine Lösung, um das Schild zu befestigen. »Es wird nicht ewig halten, aber bis nach Hause oder zur nächsten Werkstatt werden Sie es so schaffen.«
Seine Hilfsbereitschaft, gepaart mit seiner eindringlichen Musterung, ging ihr direkt unter die Haut. Sie war wirklich schon zu lange Single, als dass diese Situation sie hätte kaltlassen können. Im nächsten Moment spürte sie seine Hand auf ihrem Unterarm, und obwohl sie einen dicken Wintermantel trug, durchflutete sie eine solche Hitze, dass sie glaubte, der Schnee um sie herum müsste augenblicklich schmelzen.
Eigentlich war sie nicht auf den Mund gefallen. War im Normalfall nie um eine Antwort verlegen. Doch jetzt fehlten ihr die Worte, um etwas Schlaues zu sagen.
Erneut fing sie seinen Blick auf, der auf mysteriöse Weise den Weg in ihr Innerstes fand. In seinen kristallblauen Augen spiegelten sich kleine Schneeflocken. Es fiel ihr schwer, sich aus seinem Bann zu lösen. In der Magengegend wurde es ihr erneut ganz schwummrig.
So plötzlich, wie seine Hand auf ihrem Arm gelegen hatte, war sie auch wieder verschwunden. Es wurde kühl an der Stelle, ganz so, als fehlte etwas. In der Hoffnung, das prickelnde Gefühl erneut heraufbeschwören zu können, rieb sie über ihren Unterarm.
Der Fremde stand auf und wurde förmlich. Sie tauschten Versicherungsdaten aus, und damit war es das dann wohl.
Da begegnete Isabell einmal im Leben einem Bild von einem Mann. Dass er genauso schnell wieder aus ihrem Leben verschwinden würde, wie er hineingeplatzt war, war doch echt ein Jammer. Aber Typen wie er waren niemals Single. Vermutlich hatte er Familie und keinerlei Interesse an … woran auch immer. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass er Single war, gehörte er mit Sicherheit zu jener Sorte, die nichts anbrennen ließ.
Einen tiefen Atemzug später löste sie sich aus der Schockstarre und schlang die Arme um ihren Oberkörper, darauf wartend, dass noch etwas passieren würde. Schließlich war es ihr erster Unfall überhaupt gewesen und sie hatte keine Ahnung, wie so etwas ablief.
»Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?«, fragte ihr attraktives Gegenüber höflich und Isabell glaubte, so etwas wie Erwartung in seiner Stimme zu erkennen.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Das ist nett von Ihnen, aber mein Auto fährt sicher noch. Außerdem bin ich verabredet.«
Sein Lächeln wich einem leicht enttäuschten Gesichtsausdruck. Hatte er wirklich gedacht, sie würde jetzt mit ihm etwas trinken oder so? Schnell wandte er sich von ihr ab und ging zu seinem Wagen.
»Dann auf Wiedersehen und alles Gute«, rief er ihr noch über die Schulter zu, bevor er in sein Auto stieg und mit grollendem Motorgeräusch davonbrauste. Der Verkehr um sie herum hatte sich inzwischen wieder beruhigt. Auch wenn es nicht mehr als ein paar Minuten gewesen waren, die sie hier gestanden hatten, war es ihr wie Stunden vorgekommen.
Völlig paralysiert stieg auch Isabell in ihren Wagen. Bitte lass mich nicht im Stich, dachte sie und seufzte erleichtert, als Hugo – im Gegensatz zu vorhin – gleich beim ersten Versuch ansprang.
Langsam setzte sie sich in Bewegung und ihre Gedanken glitten zu diesem Mann, der sie mit seinen leuchtend blauen Augen in seinen Bann gezogen hatte und den sie vermutlich nie wiedersehen würde.
Irgendwie schaffte es Isabell, sich und ihr angeschlagenes Vehikel zum Maggys zu bringen, einer angesagten Szene-Bar in der Neustadt. Mit Mühe und Not ergatterte sie einen Parkplatz in einer der Seitenstraßen und legte den Rest des Weges zu Fuß zurück. Bepackt mit den Geschenken betrat sie die übervolle und stickige Bar.
Isabell musste gar nicht erst suchen, sie entdeckte eine ihrer besten Freundinnen in der hintersten Ecke. Sie war aufgesprungen und wedelte wie verrückt mit den Armen, während sie ihr etwas zurief, das im Stimmengewirr und der Musik unterging. Als ob sie bei dieser ohrenbetäubenden Lautstärke schon am Eingang etwas verstehen würde.
»Mensch, Isa. Da bist du ja endlich«, meinte Mia und fiel ihr direkt um den Hals, als sie sich endlich zu der Sitzgruppe vorgearbeitet hatte. Der Tisch war bereits gut mit leeren Gläsern bestückt, die erste Runde Cocktails hatte sie demnach leider verpasst. Es mangelte jedoch nicht an Nachschub, der in Form von Prosecco den Weg in die Kehlen fand.
»Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Bist du unterwegs festgefroren, oder so?« Auch Fanny war neugierig und lachte über ihren eigenen Scherz, der Isabell ein müdes Lächeln abrang. So waren sie, ihre Mädels. Chaotisch, laut und liebenswert. Immer um ihr Wohl besorgt und stets für sie da.
»Mann, lasst sie doch erst mal ankommen«, schaltete sich Jette ein und verschaffte Isabell damit einen Moment, in dem sie ihre Jacke und ihre Tasche ablegen konnte. Grinsend hielt Jette ihr derweil ein Glas Prosecco vor die Nase. Sie war die Pragmatischste in der Runde und Isabell liebte Jette genau dafür, dass sie immer einen kühlen Kopf behielt. »Trink und dann erzähl uns, wer oder was dich aufgehalten hat.« Zwinkernd hob sie ihr Glas und alle taten es ihr gleich.
Isabell leerte ihres in einem Zug und spürte die Wärme, die sie sofort durchflutete und dazu beitrug, dass sie sich entspannte. Während Jette nachschenkte, kramte sie die kleinen Geschenke hervor, die sie für ihre Freundinnen besorgt hatte.
»Tada«, tönte sie fröhlich und nickte den Mädels zu. »Na los, packt schon aus.«
»Ha, ha, netter Versuch. Glaub ja nicht, dass wir vergessen, dass du uns noch eine Antwort schuldest«, erwiderte Jette mit einem Augenzwinkern, während Isabell nur mit den Schultern zuckte.
»So viel dazu, dass wir uns nichts schenken. Bin ich wieder die Einzige, die sich daran hält?«, murmelte Mia verdrossen.
»Ich habe auch nichts für euch.« Fanny tätschelte liebevoll ihre Schulter.
»Ist doch nur eine Kleinigkeit«, rechtfertigte sich Isabell. Es stimmte, dass sie sich nichts kauften, denn früher war es immer in ein Hin- und Hergeschenke ausgeartet, das nicht mehr feierlich gewesen war. Irgendwann hatten sie beschlossen, lediglich auf ihre Freundschaft anzustoßen und das mit den Präsenten dem Weihnachtsmann zu überlassen. Aber Isabell hatte einfach nicht an den kleinen Dingern vorbeigehen können.
»Ein Weihnachtsbaum in der Dose?«, gackerte Jette belustigt, die als Erste die Verpackung geöffnet hatte.
»Na, das wird aber knapp für die Bäumchen, vielleicht gibt es einen Turbo-Wachstums-Dünger dazu?«, fiel nun auch Mia ins Lachen ein.
»Ach, ich lege die Kugeln einfach daneben.« Während Fanny schon Dekorationspläne schmiedete, griff Isabell nach ihrem Glas und hob es in die Luft.
»Auf uns. Frohe Weihnachten«, sagte sie, und ein Gefühl von tiefer Zuneigung für die drei Frauen, die um sie herumsaßen, ergriff sie.
»Auf uns.« Die Gläser stießen aneinander, während die Worte ihre Münder verließen.
»So, genug mit der Gefühlsduselei. Isa, jetzt erzähl endlich, warum du zu spät gekommen bist. Hat dich der Weihnachtsmann aufgehalten?« Fannys schelmischer Blick sprach Bände.
In einer Kurzversion berichtete Isabell, was passiert war. Zwischen all den Kommentaren der Mädels verschwieg sie jedoch, wie sehr diese Begegnung in ihr nachhallte und dass sie diese kristallblauen Augen wohl nie vergessen würde.
»Idiot«, sagte Fanny augenrollend. »Warum fährt der einfach davon? Du bist die heißeste Partie, die er hätte kriegen können.« Tröstend legte sie ihren Arm um Isabells Schulter und drückte ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange.
»Ja, genau«, prustete diese vor Lachen. »Lasst gut sein, ihr Süßen. Er hatte mir ja angeboten, mich mitzunehmen, aber das habe ich abgelehnt.« Erneut setzte sie das Glas mit der Prickelbrause an ihre Lippen.
»Selbst schuld. Vielleicht hättest du den Schaden direkt bei ihm abarbeiten können?« Das Abarbeiten setzte Mia in imaginäre Gänsefüßchen und ihr breites Grinsen ließ Isabell wissen, was sie damit meinte.
Kopfschüttelnd winkte sie ab und war dankbar, dass Jette das Thema wechselte.
Schnell war klar, dass sie das Auto hier stehen lassen und mit der Straßenbahn nach Hause fahren würde, da sie Unmengen von Prosecco mit ihren Freundinnen trank, die immer wieder Ausschau nach potenziellen Liebhabern hielten. Doch für keine von ihnen war einer dabei, der ihren optischen Ansprüchen auch nur ansatzweise hätte gerecht werden können. Mit keine von ihnen waren eigentlich nur Fanny und Isabell selbst gemeint. Mia und Jette waren glücklich vergeben und sehr verliebt in ihre Männer, die daheim brav auf sie warteten, während sie hier einen draufmachten. Fanny und Isabell hingegen waren auf der ewigen Suche nach ihrem Glück. Ob man das ausgerechnet in einer überfüllten Bar fand, war allerdings fraglich.
Die vier Frauen waren das, was schon zu Schulzeiten als das Sex-and-the-City-Gespann bezeichnet worden war, auch wenn man keinerlei optische Vergleiche ziehen konnte. Vier Mädels, die unterschiedlicher nicht hätten sein können und doch eine Einheit bildeten. Die gemeinsam durch dick und dünn gingen und füreinander da waren. Isabell war froh wie nie zuvor, sie zu haben.
Es war nicht neu, dass Isabell zur Weihnachtszeit nachdenklich wurde, schließlich ging es ihr seit drei Jahren so. Sie stöhnte innerlich. Immer dann hasste sie ihr Singledasein. In den anderen elf Monaten machte es ihr nichts aus, allein zu sein. Wobei sie nie wirklich allein war, nur eben ab und zu einsam. Ihr Alltag war auch ohne Job ziemlich routiniert geworden – morgens stand sie auf, machte Yoga. Dann frühstückte sie und sah die Stellenanzeigen durch, schrieb Bewerbungen und recherchierte. Sie erledigte alles im Haushalt und am Nachmittag machte sie oft einen Spaziergang oder traf sich mit ihren Freundinnen. Doch manchmal sehnte sie sich nach jemandem, der diese Routine gehörig auf den Kopf stellen würde.
Und gerade jetzt, so kurz vor den Feiertagen, fand sie es mehr als blöd, dass zu Hause niemand auf sie wartete. Alle um sie herum tauchten in diese weihnachtliche Zuckerwattewelt ein. Pärchen waren noch netter zueinander, hatten vermutlich sogar mehr Sex als sonst. Geschenkwünsche wurden ausgetauscht, Heimlichkeiten kichernd verborgen. Wohnungen und Häuser dekoriert, Plätzchen gebacken … Ja, wenn Isabell richtig darüber nachdachte, hatte sie es satt, diese Zeit ohne Partner zu verbringen.
Seufzend holte sie tief Luft. Nein, heute würde sie sich davon garantiert nicht die Laune verderben lassen. Es machte ihr doch eigentlich gar nichts aus, für sich zu sein. Schließlich war sie so niemandem Rechenschaft schuldig, konnte tun und lassen, was immer sie wollte. Und jetzt wollte sie ausgelassen feiern. Manchmal musste man das Leben eben nehmen, wie es kam. Vielleicht musste man es sich hier und da auch ein bisschen schönreden. Oder schöntrinken.
Eine leicht bekleidete Bedienung servierte der kichernden Damenrunde passenderweise eine neue Flasche Prosecco, woraufhin sich die Mädels fragende Blicke zuwarfen.
»Sorry, wir haben nichts bestellt«, sagte Isabell erstaunt. Das Zeug war sündhaft teuer, und auch wenn die Kosten für die Getränke untereinander aufgeteilt wurden, noch eine Flasche würde ihr Budget gewaltig sprengen.
»Das ist richtig. Aber der Herr da drüben an der Bar bestand darauf, dass ich euch noch eine Runde bringe«, flötete die Dame, deren Brüste fast aus ihrem Top purzelten, mit einem kessen Augenzwinkern.
Isabells Blick folgte dem Finger der Kellnerin, der in Richtung Tresen zeigte, und augenblicklich rutschte ihr Herz ein paar Etagen tiefer. Sie schluckte schwer, während sich ihr Blick an die leuchtend blauen Augen heftete, denen sie vorhin an der Ampel verfallen war.
Das durfte doch nicht wahr sein.
Hitze stieg in ihre Wangen. Erneut schluckte sie und spürte, wie ihre Kehle staubtrocken wurde.
Der Kerl an der Bar fixierte sie mit seinem Blick, während ihr das Schicksal lachend auf die Schulter klopfte und ›Schau mal, wer da ist‹ flüsterte.
Was für ein Abend!
Eigentlich hatte Alexander nur mit seinem Mandanten auf den erfolgreichen Abschluss seines Falles anstoßen wollen. Etwas, das er nur in Ausnahmefällen tat. Doch dann hatte Herr Bergmann auf dem Weg hierher erst abgesagt und noch während Alexander überlegt hatte, den Feierabenddrink allein zu genießen, war ihm jemand ins Auto geknallt.
Der Blick in den Rückspiegel hatte ihm eine junge Frau offenbart, die anscheinend etwas neben der Spur stand und sichtlich frustriert war, weil ihr alter Käfer ganz schön was abbekommen hatte. Beim Anblick ihrer alten Rostlaube hatte er sich ein Grinsen verkneifen müssen, aber sie schien sehr an dem Auto zu hängen, was ihn wiederum beeindruckte. Überhaupt hatte diese Frau reichlich Eindruck bei ihm hinterlassen. Wie sie da mit ihm zwischen den Autos gestanden hatte – ein wenig überfordert und ratlos, aber so bildschön, dass es ihm für einen Moment die Sprache verschlagen hatte. Allerdings hatte sie sein Mitfahrangebot, ohne zu überlegen, ausgeschlagen. Selbst schuld, sie hatte keine Ahnung, was ihr entging.
Da sein Wagen weniger Schaden davongetragen hatte als ihrer, war er kurzerhand Richtung Bar gefahren und froh darüber, einen Parkplatz ganz in der Nähe zu finden.
Als er das Maggys betrat, schlug ihm die heiße Luft schon im Eingangsbereich entgegen. Man hätte sie schneiden können, so dick war sie. Aber was hatte er erwartet? Es war Freitagabend, da brodelte die Neustadt wie gewohnt und es war überall viel los. Nun war er einmal hier und würde wenigstens einen Drink genießen.
Inmitten der stickigen Atmosphäre suchte er einen freien Hocker an der Bar. Es schien aussichtslos angesichts der vielen Leute, sodass er sich vorerst mit einem Stehplatz inmitten der Menschenmengen am Tresen begnügen musste.
Der Lärm, der aus den Boxen direkt neben ihm dröhnte, machte es quasi unmöglich, auch nur ein Wort des Barkeepers zu verstehen. Also zeigte Alexander auf die Getränkekarte und bestellte sich einen Whisky. Single Malt. Mit Eis, verstand sich. Gleich darauf jonglierte der Barkeeper mit Eiswürfeln und der Whiskyflasche, sodass Alexander nur wenige Sekunden nach seiner Bestellung das Kristallglas in der Hand hielt. Dank der Eiswürfel fühlte sich das Glas in seiner Hand kühl an und war im Gegensatz zur Raumtemperatur ein willkommener Kontrast.
Mit dem Rücken zum Tresen stehend ließ Alexander seinen Blick über die Menge schweifen, als er plötzlich an einer blonden Lockenmähne hängen blieb. Seitlich der Bar, in einer Nische, saßen ein paar junge Frauen, die sich anscheinend königlich amüsierten. In deren Mitte befand sich ausgerechnet die Frau, die ihm vorhin an der Ampel in den Kofferraum gedonnert war.
Offenbar hatte sie einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen, dass er sie direkt wiedererkannte. Er schmunzelte, als er an die zurückliegende Begegnung mit ihr dachte. Wenn das mal nicht ein Wink des Schicksals war, dass sie sich hier wiedertrafen. Nur allzu gern hätte er sie vorhin schon eingeladen. Auch wenn er nicht wusste, was es war – aber sie hatte etwas an sich, was er zu gern kennenlernen würde.
Obwohl er ihr Lachen nicht hören konnte, sah er es, und die Art, wie sie dabei ihr Haar über die Schultern warf, verschlug ihm für einen Moment den Atem. Sie war schön und hatte aus noch unbekannten Gründen eine unbeschreibliche Wirkung auf ihn. Dass sie vorhin verwirrt gewesen war und neben sich gestanden hatte, hatte der Anziehungskraft keinerlei Abbruch getan. Dabei war er sich sicher, dass sie sich dieser Tatsache nicht bewusst war. Zwar schien sie selbstbewusst zu sein, doch hatte sie vorhin wie ein scheues Reh gewirkt. Eine Mischung, die es wert war, tiefer ergründet zu werden.
Er griff nach dem Kärtchen, das sich noch in seiner Hosentasche befand und auf das sie vorhin zitternd und mehr als krakelig ihren Namen und die Daten ihrer Kfz-Versicherung geschrieben hatte.
Sein Herz raste. Sie hier zu sehen, war Alexanders persönlicher Sechser im Lotto.
Erneut winkte er den Barkeeper zu sich, um ihn damit zu beauftragen, den Damen eine Flasche Prosecco auf seine Kosten zu bringen. Nur wenige Momente später sah er, wie eine Kellnerin den alkoholischen Nachschub an den Tisch brachte, und war auf die Reaktionen gespannt.
Von seiner Position an der Bar aus beobachtete er das Szenario genau. Die Reaktion der blonden Schönheit würde ihm so nicht durch die Lappen gehen. Er hoffte einfach darauf, dass sich ihre Blicke kreuzen würden.
Es dauerte nur einen Augenblick, bis sie sich umdrehte und ihr Blick wie erwartet – oder erhofft – an seinem hängen blieb und Bände sprach. Sie runzelte die Stirn und sah ihn fragend an, bevor ihr anfängliches Erstaunen in Entsetzen umzuschlagen schien. Sie war deutlich weniger darüber erfreut, ihn hier zu sehen.
Dennoch prostete Alexander ihr zu. Und nach einem kurzen Zögern erwiderte sie diese Geste nun doch mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen.
Na bitte, dachte er und hob sein Glas erneut in ihre Richtung.
Abrupt drehte sie sich wieder um und strich sich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr. Immer wieder schaute sie verstohlen in seine Richtung. Sie beobachtete ihn, was Alexander überaus amüsant fand. Er konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen und fixierte sie mit seinem Blick.
Ohne arrogant sein zu wollen, war er sich seiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst. Von seinem Vater hatte er die kristallblauen Augen geerbt, mit denen er, neben seinem unvergleichbaren Charme, bei den Damen bisher immer hatte punkten können.
Früher hatte er das sogar gezielt eingesetzt, um Mädchen abzuschleppen, und war damit überaus erfolgreich gewesen. Inzwischen war er jedoch erwachsen geworden und konnte auch anderweitig überzeugen. Was allerdings heute mit ihm los war, wusste er selbst nicht genau. Seit er vorhin dieser Frau begegnet war, schien er nicht mehr Herr seiner Gedanken zu sein. Ständig stellte er sich vor, wie es wäre, von ihren Lippen zu kosten. Wie sie wohl schmecken oder sich anfühlen würden?
