Winterwünsche - Kerstin Hohlfeld - E-Book
Beschreibung

Ein internationaler Modewettbewerb. Begeistert reicht Schneiderin Rosa Entwürfe für eine märchenhafte Kollektion ein. Das Warten auf die Entscheidung ist quälend, aber nicht langweilig: Rosa darf für eine 80-jährige Adlige ein Hochzeitskleid schneidern. Ihre »beste Feindin« Marlene will plötzlich ihre Freundin sein und ihre verheiratete Freundin Vicki schwärmt für einen Musiker. Ziemlich viele Herausforderungen für die gutherzige Rosa. Für wen oder was lohnt es sich, ihr Herzblut hinzugeben?

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Seitenzahl:339

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Kerstin Hohlfeld

Winterwünsche

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart unter Verwendung eines Fotos von:© iStockphoto.com / Aleksandar Nakic

ISBN 978-3-8392-4222-3

Für Nina, Janis und Mia

1. Kapitel

Unverhofft kommt oft

»Vicki!«

»Vicki?«

Ich stehe dick in Daunenjacke, Mütze, Schal und Skihandschuhe eingepackt in der Tür unserer Wohnung und warte auf meine Freundin.

In ein paar Tagen werden Vicki und Daniel, ihr Mann, nach Florida fliegen. Wir wollen zusammen Badesachen für sie einkaufen. Ich kriege einen Hitzschlag, wenn sie nicht gleich kommt.

Seit meine Freundin schwanger ist, geht bei ihr alles ein bisschen langsamer. Das kann ich gut verstehen, denn ihr ist laufend übel. Ihr Kreislauf fährt Achterbahn, und anstatt zuzunehmen, hat sie drei Kilo an Gewicht verloren. Ich verwöhne sie so gut ich kann, koche ihre Lieblingsgerichte, auch wenn die gelegentlich etwas ausgefallen sind. Spaghetti mit Zimt und Zucker? Na ja, Geschmackssache.

Vicki und Daniel erhoffen sich von ihrer kleinen Flucht in die Sonne, dass es Vicki endlich besser geht.

Die beiden sind zu beneiden, denn Berlin erscheint mir im Moment wie die kälteste, dunkelste und matschigste Stadt der Welt. Gelegentlich segeln Schneeflöckchen vom Himmel. Das sieht schön aus. Aber nur so lange, bis eine Kolonne von Räumfahrzeugen und Streumaschinen zur Bekämpfung der weißen Pracht anrückt. Dann verwandelt sich alles in unansehnlichen grauschwarzen Matsch, der den Straßenverkehr weder angenehmer noch sicherer macht, die Stadt dafür jedoch tausendmal hässlicher aussehen lässt.

Ich hätte ebenfalls Lust auf ein paar Sonnenstrahlen in Miami Beach, aber das ist nicht drin.

Ich habe drei Monate in meiner Schneiderwerkstatt gefehlt und auch wenn Margret, meine Meisterin, es nicht zugeben würde, weiß ich, dass einiges an Arbeit liegen­geblieben ist. Die Kundinnen, für die ich in der Vergangenheit schicke Abendkleider geschneidert habe, reagierten nicht immer wohlwollend, wenn sie erfuhren, dass ich am Musicaltheater Kostüme entwarf, statt brav im Wedding an meiner Nähmaschine zu sitzen und auf einen Auftrag von ihnen zu warten.

Nun, das Intermezzo am Theater ist Geschichte. Ein neues Jahr hat begonnen und alles wird gut. Klar habe ich Vorsätze. Der wichtigste ist: Ich, Rosa Redlich, richte in diesem Jahr überhaupt kein Chaos an!

Zu diesem Zweck werde ich weder Glückskekse essen noch alte Tagebücher lesen. Ich werde jeden Tag brav in meine Werkstatt fahren und nähen, und ich werde meinem Schatz Basti die allerbeste, liebste und treueste Freundin sein, die man sich vorstellen kann.

Warum ich das so betone?

Na ja, ich habe in den letzten Monaten einiges gemacht, auf das ich nicht gerade stolz bin. Nicht nur, aber auch. Und damit muss jetzt Schluss sein.

»Vicki, wo bleibst du denn bloß?«, rufe ich ungeduldig.

Sie reagiert nicht. Unter meiner Wollmütze fange ich ziemlich zu schwitzen an. Meine liebe Freundin sollte längst angezogen sein und endlich aus ihrem Zimmer kommen.

Ich höre nichts, nicht das kleinste Geräusch, und fange langsam an, mir Sorgen zu machen. Also ziehe ich meine Schuhe wieder aus und klopfe an Vickis Tür. Stille. Ich drücke die Klinke herunter und spähe in den, mit Himmelbett und schnörkeligem altem Kleiderschrank, liebevoll eingerichteten Raum. Keine Vicki.

In der Küche ist sie auch nicht. Letztlich poche ich an die Badezimmertür.

»Herein«, antwortet ein schwaches Stimmchen.

Vicki sitzt in Hemd und Höschen auf dem Fußboden und stützt den Kopf in die Hände. Ich komme mir in meiner Winterkluft wie ein dickes Michelin-Männchen vor.

»Wollten wir nicht einkaufen gehen?«, frage ich. Als sie den Kopf hebt, sehe ich eine dicke Beule auf ihrer Stirn. Und überhaupt … wie sie mich anguckt.

»Vicki, was ist los mit dir?«

»Keine Ahnung«, antwortet sie und verzieht schmerzlich das Gesicht. »Ich wollte mich anziehen und dann ist mir schlecht geworden und plötzlich lag ich auf dem Boden.«

»Du bist umgekippt?«, rufe ich und erschrecke fürchterlich. »Das wird immer schlimmer mit deinen Schwangerschaftsbeschwerden!«

»Scheint so.«

Ich helfe ihr auf. Vicki setzt sich auf den Klodeckel und tastet vorsichtig ihre Stirn ab.

»Das ist echt nicht normal«, sagt sie und spricht damit aus, was ich gerade gedacht habe. Meine Freundin ist im vierten Monat schwanger und wenn man den einschlägigen Ratgebern Glauben schenken soll, befindet sie sich gerade in der Phase, in der die überwiegende Mehrheit der Frauen die Schwangerschaft in vollen Zügen genießt – sich rundender Bauch, volle Brüste, pralle rosige Haut und glänzendes Haar inklusive.

Einen schönen Busen und wallendes rotbraunes Haar hat Vicki sowieso, aber ihre Haut ist seit Wochen erschreckend blass und unter ihren Augen liegen schwarze Schatten. Fast alles, was sie isst, erbricht sie kurz darauf. Und auch wenn ihr Bauch sich leicht rundet, der Rest des Körpers ist entsetzlich mager.

»Dieses Kind macht mich fertig«, sagt Vicki leise. Eine glückliche Frau im zweiten Schwangerschaftsdrittel sieht anders aus.

»Soll ich dich ins Bett bringen und dir etwas zu essen machen?«, frage ich.

Sie schüttelt den Kopf. »Ich ziehe mich jetzt an und wir gehen einkaufen.«

»Aber …«

»Nichts aber«, sagt Vicki und steht schwankend auf. Ich gehe hinter ihr in Hab-Acht-Stellung, mache mich darauf gefasst, dass sie gleich umkippt. »Ich will die nächsten Monate nicht im Bett verbringen. Die Vorstellung ist gruselig.«

Sie klingt viel beherzter als sie dreinschaut.

Ich frage mich, wie ihr wohl der lange Flug bekommen wird, die Zeit- und Temperaturumstellung. Hoffentlich wird die Reise kein Albtraum.

Während Vicki sich die Zähne putzt, bleibe ich zur Sicherheit neben ihr stehen und überlege, wie ich meine Freundin unterstützen kann. »Hast du deine Ärztin gefragt, ob sie Rat weiß?«

»Tauschend Mal«, nuschelt Vicki durch den Zahnpastaschaum.

»Und?«

»Viel machen kann man da nicht«, antwortet Vicki, nachdem sie sich den Mund ausgespült hat. »Morgens langsam aufstehen, erst einmal einen Tee trinken, leichte, gesunde Speisen essen … bla, bla. Mache ich alles. Nützt nur nichts.«

Sie klingt ganz schön frustriert. Kein Wunder!

Bisher hatte sie es nicht gerade leicht mit ihrer Schwangerschaft: Zuerst war sich Vicki sicher, dass Daniel das Baby gar nicht wollen würde. Die beiden hatten eigentlich beschlossen, keine Kinder in die Welt zu setzen. Als Vicki dann doch schwanger wurde, behielt sie die Neuigkeit lange für sich, fast zu lange, denn Daniel war verständlicherweise ziemlich sauer, als er erfuhr, dass seine Frau ihm drei Monate lang nichts davon erzählt hatte.

Nun, da sie sich endlich auf ihren Nachwuchs freuen, muss Vicki so sehr leiden. Eigentlich müsste sie ihr nächstes Buch fertigstellen und nach dem kurzen Floridaurlaub sollen die Bauarbeiten an Vickis altem Landgut beginnen. Hauptsächlich wird Daniel, der Architekt ist und sich mit dem Wiederaufbau von Vickis Erbteil einen Lebenstraum erfüllt, die Aufsicht übernehmen. Aber Vicki ist nicht die Frau, die zu Hause sitzt und anderen beim Arbeiten zuschaut. Ganz sicher wird sie dabei sein wollen, wenn das halb zerfallene Haus zu alter Pracht erblüht.

Ich habe keine Ahnung, wie Vicki das schaffen soll, wenn sie sich nicht langsam besser fühlt.

Sie kämmt sich die Haare und verzieht das Gesicht, als sie mit der Bürste die dicke Beule berührt. Ich schäle mich aus meinen warmen Sachen.

»Wir bleiben zu Hause«, bestimme ich. »Ich koche uns Tee und wenn du dich nachher besser fühlst, können wir immer noch einkaufen gehen.«

»Bist du nicht sauer?«, fragt Vicki. »Du hattest doch Lust auf den Stadtbummel.«

»Ist in Ordnung. Mir ist lieber, du ruhst dich aus, als dass ich dich unterwegs aus einem dieser grässlichen Schneematschhaufen auflesen muss.«

»Weißt du was? Ich habe totale Panik vor der Florida-Reise«, gibt Vicki zu. »Einerseits hasse ich es, den ganzen Tag im Bett zu liegen, andererseits ist das der Platz, an dem ich mich im Moment am wohlsten fühle. Ich komme ja nicht mal heil bis ins Bad.«

Während sie sich unter ihre Decke kuschelt, grübeln wir, was zu tun ist.

»Könnt ihr nicht umbuchen und einfach später fahren, wenn es dir besser geht?«, frage ich.

»Dann ist Dani mit unserem Haus beschäftigt und hat keine Zeit mehr«, sagt Vicki. »Außerdem liebt er Florida und freut sich total.« Plötzlich setzt sie sich auf und strahlt mich an. »Was meinst du, kann Basti nicht für mich mitfahren?«

»Basti? Wie … wie kommst du auf Basti?«

»Na, er hat uns doch neulich erzählt, dass er zwei Wochen Urlaub hat.«

»Na ja …«, druckse ich herum. »Hat er zumindest eingereicht.«

Mein Freund ist HNO-Arzt und wird an 365 Tagen im Jahr beinahe rund um die Uhr im Krankenhaus gebraucht. Er könnte eigentlich auf seiner Station wohnen. Es ist schon mehrmals vorgekommen, dass er geplante freie Tage abblasen und stattdessen arbeiten musste.

Das ist die eine Seite. Aber wenn ich ehrlich bin, gibt es einen anderen und viel stärkeren Grund für meine Vorbehalte. Es wäre mir nämlich lieber, wenn er in seinem Urlaub mit mir verreisen würde. Dann hätten wir Gelegenheit, uns nach unserer großen Krise ungestört wieder ein wenig näherzukommen.

Obwohl ich Basti die Reise von Herzen gönne, bin ich der Meinung, Daniel sollte sich lieber einen anderen Begleiter suchen.

Vicki schaut mich erwartungsvoll an. Etwas halbherzig stimme ich schließlich ihrer Idee zu. Wahrscheinlich kann Basti sowieso nicht mitfliegen. Wer soll sich in dieser Zeit um seine Tochter Julia kümmern?

»Juli kann bei uns wohnen«, schlägt Vicki vor, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Wir machen eine Mädels-WG auf und die beiden Jungs erleben Outdoor­abenteuer in den Everglades.«

Ich bin hin- und hergerissen zwischen Vickis allzu verständlichen Bedürfnissen und meinen eigenen. Aber ich will weder kleinkariert wirken noch Daniel den Urlaub vermiesen, deshalb sage ich ihr nicht, was ich wirklich darüber denke, sondern hoffe, dass sich Dinge von selbst klären.

»Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?«

»Sicher bin ich nicht«, antwortet meine Freundin. »Wir fragen die beiden einfach und wenn sie nicht wollen, müssen wir die Reise wohl absagen. Ich kann im Moment nicht fahren, Rosa. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir das.«

»Du hast recht, Vicki!«

Ich denke und hoffe, dass Daniel ohne sie sowieso nicht fliegen wird.

Falsch gedacht. Daniel schluckt ganz schön, als Vicki ihm sagt, dass sie sich die Reise im Moment nicht zutraut. Doch nachdem er die Neuigkeit verdaut hat, sind er und Basti sich überraschend schnell einig.

Wir sitzen alle zusammen am Tisch und essen zu Abend.

»Ich darf bei euch wohnen!«, ruft Juli glücklich. »Da spielen wir den ganzen Tag Verkleiden, ja, Rosa?«

»Ich muss ein paar Stunden arbeiten und du in die Schule«, sage ich lachend. »Aber dann … den Rest des Tages machen wir alles im Prinzessinnenkleid.«

»Auch einkaufen?«

»Klar!«

Bastis Tochter klatscht vor Freude in die Hände. Mein Freund mustert mich lächelnd.

Seit vier Wochen sind wir wieder zusammen und ich bin froh, dass seine Tochter bei ihm wohnt, solange ihre Mutter zu Forschungszwecken in Kalifornien ist. Denn Juli macht es mir leicht, erneut in die Familie Andrees aufgenommen zu werden. Sie ist wunderbar unkompliziert, als hätte es keine Trennung gegeben.

Allerdings hat Juli nicht viel davon mitbekommen, dass ich Basti verlassen und einige Wochen bei Leo, meinem Musical-Regisseur, gewohnt habe.

In manchen Momenten frage ich mich fassungslos, wie das passieren konnte, denn ich weiß, dass ich im Grunde meines Herzens immer Basti geliebt habe, selbst während ich in Leos Armen lag.

Eine Zeit lang war ich jedoch unsicher, ob er mich lieben würde. Ich bin über Geheimnisse in seinem Leben gestolpert, die mein Vertrauen in ihn ziemlich erschüttert haben. Warum hat er mir monatelang nicht gesagt, dass er eine Tochter hat? Ich hatte das Gefühl, ihm nicht wichtig zu sein. Und in diesem Moment tauchte Leo auf. Der weltgewandte, attraktive Traummann, der so heftig um mich warb, dass ich mich wie auf Wolke sieben fühlte … und nicht widerstehen konnte. Ich weiß, dass Basti in dieser Zeit sehr gelitten hat, und konnte kaum glauben, dass er bereit war, es noch einmal mit mir zu versuchen.

Zurückhaltend ist er immer noch. Gelegentlich habe ich das Gefühl, er beobachtet mich und versucht, in meinen Augen zu lesen, ob ich es ehrlich meine.

Da kann er sich sicher sein! Erst nachdem ich unsere Beziehung aufs Spiel gesetzt habe, weiß ich, wie sehr ich ihn liebe.

Nun fliegt er also mit Daniel nach Florida. Und ich muss auf eine andere Gelegenheit für ungestörte Zweisamkeit warten. Ich habe ziemliche Angst, dass sein Vertrauen zu mir nicht zurückkommt.

»Schade, dass ihr heute nicht bleiben könnt«, sage ich, als Basti und Julia eine Stunde später aufbrechen.

»Morgen bringe ich euch Juli gegen Abend. Bist du sicher, dass sie dir nicht zu viel wird?«

Ich schüttele den Kopf. »Natürlich nicht. Mach dir bitte keine Sorgen«, beteuere ich. »Ich kümmere mich gut um sie.«

»Juli ist völlig vernarrt in dich.«

Und er? Er etwa nicht? »Mach dir ein paar schöne Tage, ja?«

Ich bin ein Held! Wie ich locker rüberbringe, was ich gar nicht fühle. Am liebsten würde ich mich an ihm festkrallen und ihn bitten, bei mir zu bleiben und mir zu versichern, dass alles gut ist zwischen uns. Aber das geht nicht. Er bestimmt das Tempo. Und da ich ihm beweisen will, dass es mir ernst ist, halte ich durch.

Basti lächelt und umarmt mich, bevor er und seine Tochter einen ›Wer als Erster unten ist‹-Wettlauf starten. Seufzend schließe ich die Tür hinter ihnen.

*

»Also, das Kleid will ich haben«, sagt Juli, die mit Vicki in deren großem Bett sitzt und meine neusten Modezeichnungen anschaut. »Und das auch!«

Es sieht gemütlich aus, wie die beiden inmitten meiner Skizzenhefte hocken und blättern.

Ich komme gerade von der Arbeit. Auf dem Weg habe ich Kartoffeln, Sahne und Käse gekauft, um einen leckeren Auflauf zu zaubern. Vicki hat Juli von der Schule abgeholt und mit ihr zusammen die Hausaufgaben gemacht.

Daniel und Basti sind seit drei Tagen in Florida. Einmal am Tag hören wir über Skype voneinander, wobei hauptsächlich Juli mit Basti redet. Das ›Bildtelefonieren‹ fasziniert sie. Ich würde ihn ebenfalls gern sprechen, aber erstens vermisst Juli ihren Papa und sehnt die Telefonate mit ihm herbei (ich kann sie also schlecht vom Computer wegschubsen) und zweitens kann ich das, was ich ihm sagen will, sowieso nicht besprechen, wenn Juli neben mir steht.

»Wollen wir zusammen kochen?«, frage ich die Kleine. »Es gibt Kartoffelauflauf.«

»Erst noch die Bilder fertig gucken«, bittet Juli. »Die sind sooo toll.«

»Da hat sie recht«, bestätigt Vicki. »Deine Klamotten sehen einfach fantastisch aus. Du musst bald ein Modeatelier aufmachen. Wenn deine Schwiegermutter als Werbeträgerin mitspielt, spricht es sich schnell rum und du wirst dich kaum retten können vor lauter Aufträgen.«

Ich habe wahnsinniges Glück, dass Bastis Mutter eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen ist. Wenn sie ein Kleid von mir bei einer Premiere trägt, steht das am nächsten Morgen in der Zeitung. Unterdessen habe ich etliche Kundinnen, die sich Kleider von mir nähen lassen. Nach meinem Ausflug in die Kostümschneiderei sind es noch mehr geworden, denn das Musical ›Transyl­vania love dreams‹, für das ich die Kostüme entworfen habe, kennt fast jeder in Berlin. Einen guten Ruf habe ich, aber eine eigene Schneiderei … da traue ich mich bisher nicht heran.

Manche Dinge brauchen Zeit. Es bringt nichts, wenn man sie erzwingen will.

Man kann einer Apfelblüte nicht befehlen, eine reife Frucht zu sein. Irgendwann wird sie es, und zwar von allein. Na gut, es gibt Blüten, die fallen vom Zweig und verwelken. Auch das gehört zum Leben. Zweifel und enttäuschte Hoffnungen. Nicht jeder Wunsch, der in uns erblüht, kann Wirklichkeit werden.

Ich seufze leise. Im Moment habe ich wohl die Schwermut für mich gepachtet. Das liegt daran, dass ich die unsichere Situation mit Basti nur schwer verkrafte.

Ich lasse Vicki und Juli im Bett hocken und gehe in die Küche, um die Kartoffeln zu schälen. Danach schneide ich sie in Scheiben und schichte sie in eine Auflaufform. Auf der Fensterbank steht ein Töpfchen mit Thymian. Ich zupfe vorsichtig ein paar Blätter ab und hacke sie zusammen mit einer Knoblauchzehe klein.

Während ich koche, stelle ich mir vor, dass Basti mich beobachtet. Ich weiß, das ist albern. Trotzdem finde ich die Vorstellung schön, dass er sieht, wie ich für seine Tochter Essen mache. Wie wir zusammen spielen und lachen und wie ich ihr ein Prinzessinnenkleid für den Schulfasching anmesse. Wir haben viel Spaß zusammen. Ich wünschte, er würde sehen, dass ich toll, liebevoll und überhaupt … einfach die beste Frau für ihn bin.

»Meinst du, es wird mit Basti und mir wieder wie früher?«, frage ich Vicki, als wir später die Küche aufräumen. Juli liegt in meinem Bett und schläft bereits. Ich muss mit meiner besten Freundin über meine Ängste reden, sonst wälze ich mich die halbe Nacht schlaflos hin und her.

»Ist es das nicht?«

Ich schüttele den Kopf. »Es ist … es ist eher wie bei Brüderchen und Schwesterchen«, gebe ich schließlich zu. »Wir … wir schlafen nicht miteinander. Und nicht nur das. Das könnte ich sogar verstehen, irgendwie. Er ist insgesamt unglaublich zurückhaltend, beinahe abwartend.«

Vicki schaut nachdenklich drein. »Aber er hat dir seine Tochter anvertraut.«

»Er hat sie uns anvertraut. Vielleicht sogar viel eher dir. Schließlich bist du eine Mutter.«

»Na ja, noch nicht ganz«, sagt Vicki lachend.

»Meinst du, Basti ist zurückhaltend, um mich zappeln und ein wenig leiden zu lassen?«

»Nein«, sagt Vicki energisch und winkt ab. »Er spielt keine Spielchen, um dich weichzuklopfen. Das passt nicht zu ihm. Ich habe gedacht, es wäre längst alles wie früher zwischen euch. Anscheinend braucht er noch Zeit, um die ganze Sache zu verarbeiten.«

»Ich kann warten«, beteuere ich. »Aber was ist, wenn er mich nicht mehr will? Wenn er merkt, dass ich ihn zu sehr verletzt habe und dass er mich doch nicht zurückhaben will?« Meine Gedanken drehen sich unentwegt im Kreis.

»Ich bin sicher, das wird wieder. Die Unsicherheit musst du jetzt wohl erst mal aushalten«, sagt Vicki freundlich, aber schonungslos. »Der Mann hat ziemlich gelitten deinetwegen.«

Vielleicht ist Bastis Liebe zu mir ebenfalls wie eine Apfelblüte und braucht Zeit. Ich muss sie hegen und pflegen, vor Sturm und Hagel beschützen … und abwarten.

Puh! Geduldig sein gehört nicht zu meinen Tugenden. Jetzt muss ich es lernen, ob es mir gefällt oder nicht. Wahrscheinlich ist es sogar gerecht, dass ich eine Weile zappeln muss. Aber ich werde durchhalten, denn Sebastian Andrees ist meine große Liebe. Daran zweifle ich keinen Augenblick.

*

Déjà-vu.

Am nächsten Nachmittag, als ich von der Arbeit nach Hause komme, sitzen Vicki und Juli zusammen auf dem Bett und schauen sich Modebilder an. Heute allerdings nicht meine, sondern die in den Frauenmagazinen, die ich gestern aus dem Supermarkt mitgebracht habe.

Zudem haben sie sich in Schale geworfen. Vicki trägt Abendgarderobe – ein schulterfreies knallrotes Seidenkleid mit schmal geschnittenem Oberteil und weitem Rock. Sie sieht zauberhaft aus und ihre Wangen sind zum ersten Mal seit Wochen nicht schrecklich blass. Voller Freude erzählt sie mir, dass sie die Spatzenportion Auflauf von gestern Abend nicht ausgespuckt hat. Vielleicht geht es langsam bergauf mit ihr.

Juli hat ihr Einschulungskleid angezogen, das einem Kimono nachempfunden ist und dessen strahlendes Königsblau ihre Augen zum Leuchten bringt. »Rosa, jetzt wirst du berühmt«, ruft die Kleine aufgeregt, als sie mich sieht.

»Was ist passiert?«, frage ich lachend. »Habt ihr ein Kleid von mir in der Vogue gesichtet?«

»Noch nicht«, meint Vicki geheimnisvoll, während Juli aus Vickis Bett hüpft, in meine schwarzen Lackpumps schlüpft und mir damit entgegen schlurft, eine dicke Zeitschrift unter dem Arm.

»Guck mal«, ruft sie aufgeregt. »Da ist ein Wettbewerb für dich drin.«

»Mmh?«

»Seite 25«, ergänzt Vicki. »Das ist genau der richtige Zeitpunkt für dich. Da kommt erst gar keine Langeweile beim Reparieren von Reißverschlüssen auf.«

Schnell schlage ich die angegebene Seite auf und überfliege sie. Mein Herz pocht laut, als ich lese, was die beiden da herausgesucht haben.

Ein Modewettbewerb! Und was für einer!

Die ›Estelle‹, ein internationales Mode- und Lifestyle-Blatt, schreibt einen Wettbewerb für junge Modemacher aus. Bewerbungen sind ab sofort möglich. In einem Monat ist Einsendeschluss. Bis dahin sollen die Entwürfe für eine eigene Kollektion unter einem frei wählbaren Motto eingereicht werden. Unter allen Einsendungen sucht eine internationale Fachjury die 20 besten Teilnehmer aus, die ihre Kollektion in Berlin einem großen Publikum präsentieren dürfen.

Fantastisch! Ich sehe sofort zahlreiche Models vor mir. In zauberhaften Rosa-Redlich-Kleidern!

»Du freust dich«, sagt Juli und fasst nach meiner Hand. »Stimmt’s?«

»Was?« Ich schrecke aus meinen blühenden Fantasien auf und klappe rasch die Zeitschrift zu.

»Du hast gestrahlt«, sagt Vicki lachend und an Juli gewandt. »Wetten, sie weiß schon, was sie alles entwerfen wird?«

»Lauter Prinzessinnenkleider«, vermutet Juli.

Ich schüttele den Kopf. »Das ist ein paar Nummern zu groß für mich, Leute«, wiegele ich entschlossen ab. »So wie meine Schuhe für dich, Juli. Wer hat dir eigentlich erlaubt, sie aus meinem Schrank zu holen?«

»Lenk nicht ab«, antwortet Juli blitzgescheit.

Vicki lacht laut. »Zu groß für dich? Wie kommst du darauf, Rosa?«, fragt sie und tippt sich an die Stirn. »Du schreckst doch sonst vor keiner Wahnsinnstat zurück.«

Ich weiß, was sie meint, aber hier täuscht sie sich. Ein internationaler Modewettbewerb, bei dem top ausgebildete Designer aus ganz Europa gegeneinander antreten, ist mehr, viel mehr, als ich mir zutraue. Da hilft mir mein Wahnsinn nicht!

»Ich muss kochen«, sage ich und lege die ›Estelle‹ auf Vickis Bett.

»Heute kochen wir!«, beschließt Vicki. »Du setzt dich hin und denkst nach, und zwar so lange, bis dir kein Argument mehr einfällt, was dich von dem Wettbewerb abhält.«

»Wenn du das Essen machst, wird dir doch gleich wieder schlecht«, sage ich zu Vicki, die sich in ihrer ganzen Größe vor mir aufgebaut hat und mich streng anguckt.

»Juli, merkst du was? Sie lenkt schon wieder ab«, kommentiert meine Freundin und Bastis Tochter nickt ernsthaft dazu.

»Wenn Vicki spucken muss, koche ich«, sagt die Kleine und stemmt energisch die Hände in die Hüften. »Ich kann Ravioli und Fischstäbchen und Wackelpudding.«

Na ja. Das ist, wenn man so will, ein richtiges Drei-Gänge-Menü.

Ich zucke die Schultern.

»Meinetwegen«, gebe ich nach. »Ich überlege es mir, aber …«

»Nix aber!«

Ich nehme die ›Estelle‹ mit in mein Zimmer, lese den Artikel erneut durch, lege mich auf mein Bett und fange an zu träumen. Es fällt mir nicht schwer, mir eine Kollektion auszudenken. Fast automatisch entstehen Kleider vor meinem geistigen Auge. Mode ist meine Leidenschaft. Stoffe, Schnitte, Garne … alles ist sofort da.

Sei nicht verrückt, Rosa Redlich! Du bist eine stinknormale Schneiderin. Hast nie eine Modeschule von innen gesehen.

Vicki und Juli stellen sich das leicht vor. Mal eben an einem Wettbewerb teilnehmen und gewinnen. Als ob das so einfach wäre. Wer hat die Kostüme für ›Transylvania love dreams‹ entworfen?, widerspricht meine innere Stimme mir selbst. Ja, klar, das war ich, und deshalb ist es genauso gut denkbar, an einem Wettbewerb teilzunehmen. Im Grunde genommen kann mir nichts passieren. Außer dass ich nicht gewinne. Selbst wenn die Jury sich über meine Entwürfe kaputtlacht … das kriege ich überhaupt nicht mit. Irgendwann kommt eine freundliche »Tut uns leid … konnten wir uns leider nicht für Sie entscheiden«-Absage und fertig. Ich habe jede Menge solcher Briefe bekommen, als ich mich nach der Lehre um eine Arbeitsstelle beworben habe. Na und?

Als Juli und Vicki mich zum Essen rufen, verspreche ich den beiden, dass ich mir Gedanken über eine Kollektion machen werde. »Aber nur, wenn ihr mir versprecht, in den nächsten Tagen nicht mehr zu kochen.«

Vicki und Juli haben die Tiefkühltruhe und Vorratsschränke um sämtliche Fertigprodukte erleichtert. Es gibt Buchstabensuppe aus der Tüte, Salamipizza und zum Nachtisch drei Becher Schokopudding mit Sahne. Drei Gänge à la Stickstoff und Geschmacksverstärker.

Juli leckt sich über die Lippen und langt begeistert zu. Ich frage mich, ob sie wohl den Gemüsestrudel essen wird, den ich für morgen geplant habe.

Um bei Basti zu punkten, habe ich mir extra ein Kinderkochbuch angeschafft – mit lauter gesunden Sachen –, um die ich als Kind garantiert einen Riesenbogen gemacht hätte. Egal! Im Moment will ich eben alles, was Juli betrifft, 120-prozentig erledigen.

Wenn Basti zurück ist, werde ich ihn fragen, was er von dem Wettbewerb hält.

*

Endlich ist es so weit!

Julia, Vicki und ich holen die beiden Männer vom Flughafen ab. Um das Wiedersehen gebührend zu würdigen, fahren wir vom Flughafen aus alle zusammen ins ›Schraders‹, unser Stammlokal im Wedding, das direkt gegenüber von meiner Schneiderwerkstatt liegt und feiern bis in die Nacht hinein.

Bastis Eltern schauen ebenfalls vorbei, trinken ein Glas mit uns und nehmen spät am Abend ihr müdes Enkelkind für zwei Tage mit zu sich. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als wir Stunden später ebenfalls aufbrechen. Würde Basti nun allein zu sich oder vielleicht mit zu mir fahren?

Er ruft ein Taxi, verabschiedet sich lang und breit von Vicki und Daniel. Endlich steht er vor mir.

»Ich … ähm … ich geh dann mal, ja?«, druckse ich herum. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen – denn Basti ist fast 30 Zentimeter größer als ich –, um ihn auf die Wange zu küssen, wie wir das in den letzten Wochen getan haben. Wie gute Freunde. Da legt er seine Arme um mich und hält mich fest.

»Das mit Juli hast du großartig gemacht«, sagt er und sieht mich liebevoll an. »Sie ist total glücklich, wenn sie bei dir sein darf.«

»Ich hab sie wahnsinnig lieb«, antworte ich und schmelze unter Bastis Blick dahin. »… und dich auch.«

»Ich habe dich im Urlaub vermisst. Es hätte Spaß gemacht, mit dir in Florida zu sein.«

Der Taxifahrer, der seit einiger Zeit neben uns wartet, trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad.

»Ich habe dich auch vermisst«, sage ich. »Du fehlst mir immer, jeden Tag. Ich kann dir gar nicht sagen, wie … wie oft ich das alles bereut habe.«

»Willst du mit zu mir kommen?«, fragt Basti schließlich und hält mir die Tür des Taxis auf.

Vicki, die mit Daniel neben uns steht, grinst und zwinkert mir unauffällig zu.

Ich strahle wie ein Kind vorm Weihnachtsbaum. Nach langer Zeit werden Basti und ich wieder eine Nacht lang zusammen sein. Wie habe ich das vermisst!

Auf einmal bin ich mir fast sicher, dass wir es geschafft haben. Endlich steht nichts und niemand mehr zwischen uns.

*

»Wenn du nicht mit dem Juryvorsitzenden durchbrennst, solltest du den Wettbewerb unbedingt mitmachen.«

Ich weiß, dass Bastis Bemerkung scherzhaft gemeint war. Dennoch erinnert sie mich daran, dass zwischen uns scheinbar nicht alles so gut läuft, wie ich es gern glauben würde.

»Tut mir leid«, sagt er, als er mein langes Gesicht sieht. »Das war eine ziemlich blöde Bemerkung.«

»Nein, mir tut es leid«, antworte ich. »Der Wettbewerb ist mir gar nicht wichtig.« Ich will nur eins, nämlich dass mein Freund mir wieder vertraut.

Wenn das bedeutet, dass ich dafür den Wettbewerb sausen lassen muss, dann tue ich das.

Basti schlingt seine Arme um mich und zieht mich an sich.

»Was willst du mir denn beweisen, wenn du so eine einmalige Gelegenheit verschenkst?«, fragt er nun.

»Beweisen?«

»Mmh …«

»Dass du das Wichtigste für mich bist.«

»Das glaube ich dir«, sagt er lächelnd. »Und es ergibt keinen Sinn, für mich auf etwas zu verzichten, was ein Teil von dir ist. Es wäre ein Riesenfehler, und das weißt du genauso gut wie ich.«

Es stimmt, was Basti sagt. Seit ich von dem Wettbewerb in der ›Estelle‹ weiß, tanzen die Kleider dafür vor meinen Augen. Ob ich gewinne oder nicht – ich möchte gern mein Glück versuchen.

»Danke«, sage ich und küsse ihn selig. »Wahrscheinlich kriegt Margret eine Krise, wenn sie davon hört.«

»Glaube ich nicht«, antwortet Basti.

Ich muss zugeben, er hat schon wieder recht. Margret hat meine Pläne, von einer frisch ausgebildeten Damenmaßschneiderin zur Modemacherin zu werden, von Anfang an unterstützt. Sie wird mir auch dieses Mal den Rücken stärken. In meinem Bauch breitet sich ein warmes Gefühl aus. Ich habe meinen Freund zurück, und ich bin umgeben von Menschen, die mich mögen und unterstützen.

Alles wird gut. Ich fühle es ganz genau.

*

»Hallo, Rosa«, grüßt meine Meisterin. Sie deckt gerade den kleinen Tisch am Fenster für unser Frühstück, das wir uns jeden Morgen gönnen, bevor wir die Werkstatt öffnen und richtig loslegen.

»Vier Teller?«, frage ich und stelle den frisch gebrühten Kaffee aus dem ›Schraders‹ vorsichtig ab. »Kriegen wir Besuch?«

»Kommt deine gute Freundin«, antwortet meine polnische Kollegin Jola, die sich eben umgezogen hat, und zwinkert mir zu.

»Schon wieder?«

Marlene, mit der ich am Musicaltheater zusammengearbeitet habe, lässt sich in letzter Zeit ziemlich oft hier blicken. Zu oft für meinen Geschmack.

Sie hat mir meine Zeit am Theater ziemlich schwer gemacht, war neidisch, intrigant und zickig. Ich hatte keine Ahnung, was sie für ein Problem mit mir hatte. Erst während der Premierenfeier erfuhr ich, warum sie mich nicht leiden konnte: Leo – ihre große, unerfüllte Liebe – war mit mir zusammen. Was verständlicherweise keine leichte Situation war.

Seit ich nicht mehr als Kostümschneiderin arbeite und Leo aus meinem Leben verschwunden ist, kommen wir besser miteinander aus. Auf ihre permanente Anwesenheit in Margrets Werkstatt kann ich dennoch verzichten.

»Warum kommt sie eigentlich laufend her?«, frage ich ein wenig genervt. »Sie müsste doch tagsüber am Theater sein.«

Margret zuckt die Schultern.

»Darüber habe ich mich ebenfalls gewundert«, gibt sie zurück. »Vielleicht hat sie nicht mehr so viel zu tun, seit die Vorstellungen laufen.«

Das mag sein, aber so oft wie sie bei uns herumsitzt, dürfte sie eigentlich gar nichts mehr zu tun haben.

Jemand klopft an die Tür. Margret öffnet und Marlene, ein schlanker, langbeiniger Männertraum mit brünetter Wallemähne, stürmt in unsere gemütliche Werkstatt. Vor der Schaufensterscheibe stehen zwei Kerle und starren sie hemmungslos an.

Solche krassen Reaktionen, wie Marlene sie bei der Männerwelt hervorruft, habe ich selten gesehen.

Sie gibt Margret und Jola ein Küsschen auf die Wange. Für mich hat sie immerhin eine angedeutete Umarmung übrig.

»Nichts zu tun im Theater?«, frage ich ein wenig spitz.

»Ich soll dich von Tina grüßen«, antwortet Marlene und ignoriert meine Bemerkung.

Tina ist meine ehemalige Kollegin aus der Kostümabteilung, mit der ich mich bestens verstanden habe. Zum Glück! Sonst hätte ich dort vor lauter Ärger keine einzige Naht zustande bekommen, geschweige denn die Kostüme für die Hauptdarsteller entwerfen können.

»Der Kaffee wird kalt«, ruft Margret und bittet uns an den Tisch. Sie schiebt einen Becher zu unserem Besuch hinüber. Die beiden lächeln sich herzlich an.

Ich kann es kaum glauben, dass Marlene sich gegenüber meiner Meisterin wie ein normaler Mensch benimmt. Mehr noch: Bei ihr ist sie lieb wie ein schnurrendes Kätzchen.

Eine gemeinsame Vergangenheit verbindet die beiden, und das mag der Grund dafür sein. Marlene kommt aus sehr schwierigen Familienverhältnissen und hat als Kind Zuflucht in der Werkstatt meiner Meisterin gesucht, wenn bei ihr zu Hause Stress war. Schade, dass Margrets freundliches Wesen nicht auf ihr Ziehkind abgefärbt hat.

Kaum haben wir das Frühstück beendet und die Tür der Werkstatt aufgeschlossen, geben sich gleich mehrere Kundinnen ein Stelldichein. Während Margret die Aufträge entgegennimmt, setzt sich Marlene wie selbstverständlich an die Maschine neben mir und repariert das Futter eines alten Mantels.

»Der riecht nach Mottenkugeln«, sagt sie. »Das erinnert mich an meine Oma. Die hatte einen großen, schweren Garderobenschrank. Der roch genauso. Manche Düfte machen glücklich. Kennst du das?«

»Mmh, ja …« Ich muss an Basti denken und wie gut er riecht.

»Meine Oma war herrlich. Sie hatte eine Wohnung in Wilmersdorf. Sechs Zimmer. Da lebte sie ganz alleine drin. Am Wochenende durfte ich sie immer besuchen und dann hat sie Kuchen im KaDeWe gekauft. Ich saß in ihrem Sessel zwischen all ihren herrlichen alten Sachen und war glücklich.«

Der Mottenkugelwirkstoff musste irgendeinen Pfropfen in Marlenes Sprachzentrum gelockert haben. So viel hat sie noch nie mit mir geredet, seit ich sie kenne.

»Klingt nett …«

»Sie war toll. Leider ist sie plötzlich gestorben.«

»Wie alt warst du da?«

»Sieben … Es war … Danach war alles anders.« Sie wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. »Niemals wieder hat mich jemand so bedingungslos geliebt wie sie.«

Sie schweigt, arbeitet konzentriert weiter und hängt anschließend den sorgfältig reparierten Mantel auf einen Bügel.

»Niemals! Verstehst du?«, sagt sie unvermittelt. Ihre Stimme klingt brüchig. »Liebe … Liebe ist für mich anscheinend nicht vorgesehen.«

»Willst du … willst du mir alles erzählen?«, frage ich zögerlich.

Hektisch springt sie auf und holt sich ein Taschentuch aus dem Bad. Marlene tut mir leid.

»Das willst du alles gar nicht wissen«, antwortet sie, nachdem sie sich gefasst hat. »Ich wette, du warst ein properes Provinzmädchen mit kariertem Rüschenkleid und Schleifchen in den geflochtenen Zöpfen.«

Den soeben errungenen Sympathiepunkt hat sie sofort wieder verspielt. »Genau«, antworte ich. »Ich bin den ganzen Tag mit einer gebratenen Hühnerkeule im Mund herumgelaufen und hatte überhaupt keine Sorgen.«

»Entschuldige«, sagt Marlene. »Das war nicht so gemeint.«

Ihre Sprunghaftigkeit nervt mich. Jetzt hoffe ich, dass sie endlich von hier verschwindet und uns ein paar Tage nicht mehr behelligt. Ich krame meinen iPod aus meiner Tasche und stöpsele mich weg. Kann Marlene ihre alten Geschichten sonst wem erzählen.

Die Mittagspause verbringen wir zusammen im ›Schraders‹. Marlene hat mir nicht den Gefallen getan, zu verduften, sondern tatsächlich den ganzen Vormittag mit uns gearbeitet. Nun lässt sie es sich nicht nehmen, uns beim Mittagessen Gesellschaft zu leisten. Ich löffle gerade eine köstliche Möhren-Ingwer-Suppe, als Jens, einer der beiden Wirte, zu uns an den Tisch kommt.

Er setzt sich zu mir und grinst mich fröhlich von der Seite an. »Na, Rosa, mal wieder Lust auf eine Modenschau?«

»Klar«, sage ich lachend. »Das war herrlich, weißt du noch?«

Letzten Sommer habe ich den Platz vorm ›Schraders‹ in einen Laufsteg verwandelt. Es war ein wunderbarer Abend, den ich nicht so schnell vergessen werde.

»Aber meinst du jetzt? Mitten im Winter?«, frage ich skeptisch. Das ›Schraders‹ ist groß, aber ein Laufsteg passt trotzdem nicht rein.

Jens lacht. »Dieses Mal habe ich nicht an uns gedacht, auch wenn es schade ist. Guck hier, das ist doch was für dich.« Er hält mir die ›Estelle‹ vor die Nase.

»Davon habe ich schon gehört.« Ich spreche leise, flüstere fast, damit die anderen drei nicht mitkriegen, worum es geht. Aber Marlene hat längst die Ohren gespitzt.

»Was tuschelt ihr zwei?«, fragt sie. Wahrscheinlich hält sie es nicht aus, dass Jens mit mir redet und nicht mit ihr.

»Nichts«, sage ich, schüttele leicht den Kopf und schneide nervös eine Grimasse, doch Jens kapiert den Hinweis nicht.

»Ich will Rosa überreden, bei einem Modewettbewerb mitzumachen«, verkündet er fröhlich. Er blättert das Magazin auf und zeigt allen den entsprechenden Artikel.

Margret, Jola und Marlene stecken die Köpfe zusammen und lesen. Ein großes »Oh« und »Ah« folgt.

»Das ist was für euch beide! Nicht wahr, Rosa? Marlene?«, sagt Margret.

Hilfe! Genau das hatte ich befürchtet! Ich krümme mich innerlich. Wenn ich auf etwas verzichten kann, dann ist es eine erneute Konkurrenzgeschichte mit meiner Exkollegin. Wenn wir beide etwas zum Wettbewerb einreichen, wird sie garantiert wieder ihre Krallen ausfahren und mich malträtieren, wo sie kann. Ich halte das nicht noch einmal aus, denn eigentlich bin ich eine harmoniesüchtige Person, die friedlich vor sich hin nähen will und sonst nichts.

Genau deshalb habe ich direkt nach der Premiere das Musicaltheater verlassen. Die Luft dort – voll von Neid, Druck und Konkurrenz – ist nichts für mich.

»Lasst mal«, winke ich ab, als ich mitkriege, dass mich alle vier anstarren und auf eine Antwort warten. »Ich hatte nicht vor, da mitzumischen.«

»Marlene?«

»Ich bin dabei!«, antwortet sie selbstbewusst, ohne zu zögern. Die schönen Kleider, die ich die ganze Zeit vor meinem inneren Auge gesehen habe, zerplatzen. Peng! »Und ich fänd es schön, Rosa, wenn du auch dabei wärst.«

Wie bitte? Überrumpelt starre ich sie an. Was ist denn mit meiner besten Feindin los? Schon vorhin in der Werkstatt war sie so … so normal zu mir. Und jetzt?

Sie lächelt scheinbar aufrichtig und freundlich. Womöglich wird sie mich gleich fragen, ob wir zusammen eine Kollektion einsenden.

Ich schüttele verwirrt den Kopf. Meine Entscheidung steht fest. Wenn Marlene mitmacht, werde ich nicht an dem Modewettbewerb teilnehmen und basta!

2. Kapitel

Überraschung auf vier Pfoten

In Gedanken versunken schließe ich die Tür zu unserer Wohnung auf. Ein wenig müde bin ich, nachdem ich acht Stunden an meiner Nähmaschine verbracht habe.

»Hi, Vicki«, rufe ich. »Bist du da? Ich habe dir Pflaumenmus mitgebracht!« Gebutterte Hefeklöße mit Pflaumenmus und Schlagsahne sind Vickis neuste Kreation im Kochbuch der absonderlichen Schwangerschaftsgerichte. Seit sie nicht mehr so viel brechen muss, entwickelt sie eine Vorliebe für Monsterkalorienbomben.

»Grrrrrr …«

Da knurrt was. Ich höre es deutlich. »Vicki?«

Irgendetwas saust aus der Küche auf mich zu – und das ist nicht meine Freundin, es sei denn, sie hat sich einen Pelzmantel gekauft und ist neuerdings auf vier Beinen unterwegs. Mit einem großen Satz rette ich mich zurück ins Treppenhaus und knalle die Tür hinter mir zu. Himmeldonnerwetter. Was war denn das?

Habe ich aus Versehen die falsche Tür aufgeschlossen? Unlogisch. Außerdem stehen auf dem Klingelschild unsere Namen: Victoria Graf, Victoria von Liesen und Rosa Redlich. Es ist eindeutig unsere Wohnung, auch wenn die Anzahl der Namen täuscht. Die beiden Victorias sind ein und dieselbe Person: Von Liesen ist Vickis Mädchenname, den sie für ihre Romane nutzt.

Mit klopfendem Herzen stehe ich vor meiner eigenen Wohnungstür und traue mich nicht hinein. Irgendetwas ist da drin, was mich nicht leiden kann.

»Grrrrr …«, brummelt es erneut und durch das schwere Holz der Tür höre ich Kratzgeräusche.

Dann Vickis Stimme. »Bonzo, bist du still …!«

Die Tür öffnet sich einen Spalt breit und meine Freundin späht ins Treppenhaus. »Ich wusste doch, dass ich etwas gehört habe«, sagt sie stirnrunzelnd. »Warum kommst du nicht rein?«

»Da ist etwas drin, was Bonzo heißt.«

Sie lacht. »Ich würde euch gern miteinander bekannt machen. Bonzo sitz! Sei brav. Das ist nur Tante Rosa.«

Tante Rosa? Das klingt schwer nach Familienzuwachs. Mir schwant Übles. Warum öffnet Vicki die Tür nicht richtig? Vorsichtig stecke ich den Kopf durch den Türspalt und luge um die Ecke.

»Grrrrrr …« Ein riesiger zotteliger Hund schaut mich aus braunen Kulleraugen an. Er sieht bildhübsch aus, kann mich aber offensichtlich nicht leiden. Sonst wäre er bestimmt nicht knurrend und mit 50 Kilometer je Stunde auf mich zugeschossen gekommen.

»Warum hast du plötzlich einen Hund?«

»Na ja …«, druckst Vicki herum. »Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Das ist eigentlich gar nicht mein Hund.«

»Ach, du hast ihn dir ausgeborgt?« Ich bin sehr erleichtert.

»Nee, das nun auch wieder nicht …«

»Vicki? Wem gehört dieser Hund?«

»Jetzt … Ich meine … Seit heute gehört er mir … Also genauer gesagt: uns. Dir und mir sozusagen.«

»Du willst mich veräppeln, oder?« Ich verstehe kein einziges Wort von Vickis Gestotter.

»Will ich nicht«, verteidigt sie sich energisch. »Du bringst mich völlig durcheinander mit deiner Fragerei da draußen im Hausflur. Kannst du nicht einfach in unsere Wohnung kommen? Ich mache dir einen schönen Kaffee und erzähl dir alles.«

»Und Bonzo?«, frage ich und lasse das Riesentier nicht aus den Augen.

»Der hat mehr Angst vor dir als du vor ihm.«

»Hat er dir das gesagt?«

»Du kommst jetzt rein, Rosa!« Vicki greift nach meiner Hand, zerrt mich mit einem Ruck in die Wohnung und schließt die Tür.

»Grrrrrr …«

»Lass ihn an deiner Hand schnuppern!«, fordert sie mich auf.

»Und wenn er sie abbeißt?«

»Rooooosa …«

»Sorry, Vicki, aber ein knurrendes Tier von dieser Größe jagt mir Angst ein.« Bestimmt hat meine Freundin nie ›Der Hund von Baskerville‹ gesehen und ist deshalb so cool.

»Sitz!«, hauche ich atemlos und bleibe mit dem Rücken zur Tür stehen. Er gehorcht – ich bin fassungslos.

Eigentlich mag ich Hunde. Lila und ich hatten früher einen kleinen Dackel, der Benny hieß und immer zum Spielen aufgelegt war. Gebissen hat er uns nie.

»Hi, Bonzo«, sage ich leise, hocke mich vor ihn hin und lasse ihn zögerlich meine Hand beschnuppern. Wider Erwarten knurrt er nicht, sondern stößt mit seinem Kopf leicht an meine Finger. »Vicki, jetzt erzähl mir endlich, warum wir plötzlich auf den Hund gekommen sind.«

»Dani hat ihn mitgebracht …«

»Der hat Ideen!«

»Nicht direkt. Jemand anders hatte die Idee. Bonzo war in Kletzin am Eingang unseres Hauses angebunden.«

»Wie bitte?« Mir bleibt fast das Herz stehen. »Bei minus 5 Grad?«

Vicki nickt ernst. »Stell dir vor, Dani wäre gestern Abend nicht rausgefahren …«

»Kein Wunder, dass er knurrt«, sage ich betroffen. »Wer weiß, was er erlebt hat. Armer Bonzo!« Das Zottelmonster tut mir plötzlich leid. Meine Finger fahren durch sein weiches langes Fell.

Irgendein Blödmann hat ihn an Vickis Schlösschen ausgesetzt. Er wollte also, dass sie ihn findet, kombiniere ich. Doch das Gemäuer ist eine Ruine und im knackig kalten Winter ruhen die Bauarbeiten. Im näheren Umkreis stehen keine Häuser, sodass der Hund, selbst wenn er laut gebellt hätte, von niemandem gehört worden wäre. Hielt der Besitzer es also für eine im wahrsten Sinne des Wortes todsichere Methode, um ihn loszuwerden?