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Als ihr Freund kurz vor Weihnachten geschäftlich nach Athen fliegen muss, beschließt Jen, ihn dort zu überraschen. Bei ihrer Ankunft in der griechischen Hauptstadt muss sie allerdings feststellen, dass David sie belogen hat. Jen ist am Boden zerstört und würde am liebsten sofort nach London zurückkehren. Doch sie bekommt keinen Flug. Hilfe findet sie bei dem liebenswerten Astro, Mitarbeiter einer kleinen Bar. Mit ihm erkundet sie Athen, das zu dieser Jahreszeit einen ganz besonderen Zauber entfaltet: Die antike Stadt erstrahlt im Glanz der Lichter, Schnee bedeckt Straßen und Plätze, und es duftet nach herrlichem Mandelgebäck. Und dabei kommen Jen und Astro sich immer näher …
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2024
Als ihr Freund kurz vor Weihnachten geschäftlich nach Athen fliegen muss, beschließt Jen, ihn dort zu überraschen. Bei ihrer Ankunft in der griechischen Hauptstadt muss sie allerdings feststellen, dass David sie belogen hat. Jen ist am Boden zerstört und würde am liebsten sofort nach London zurückkehren. Doch sie bekommt keinen Flug. Hilfe findet sie bei dem liebenswerten Astro, Mitarbeiter einer kleinen Bar. Mit ihm erkundet sie Athen, das zu dieser Jahreszeit einen ganz besonderen Zauber entfaltet: Die antike Stadt erstrahlt im Glanz der Lichter, Schnee bedeckt Straßen und Plätze, und es duftet nach herrlichem Mandelgebäck. Und dabei kommen Jen und Astro sich immer näher …
Weitere Informationen zu Mandy Baggot sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.
Mandy Baggot
Roman
Aus dem Englischenvon Andrea Fischer
Die englische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »In the Greek Midwinter« bei Boldwood Books, London.
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Deutsche Erstveröffentlichung September 2024
Copyright © der Originalausgabe 2023 by Mandy Baggot
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2024
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotive: Ioannis Mantas/Alamy Stock Foto; FinePic®, München
Redaktion: Lisa Wolf
KS · Herstellung: ik
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-32235-9V001
www.goldmann-verlag.de
Für Springsteen, die beste Katze der Welt.
23. April 2003 – 30. Juni 2023.
Schlaf gut.
St. Agnes Church, Little Pickering, Wiltshire, Großbritannien
»Stoß das Schwert tief in ihn rein! Richtig, in den Bauch! So … reinstoßen und drehen! Nathaniel, denk dran, worüber wir gesprochen haben: Ich möchte sehen, wie sich die Wut in deinem Innern aufbaut, in deinen Augen blitzt und sich in deinem Schwert brutal entlädt! Du kämpfst hier gegen Herodes! Gegen den Tyrannen, der für ein Massaker an unschuldigen Kindern verantwortlich ist!«
Geoffrey, der von der Kirchenbank aus Anweisungen erteilt hatte, stieß einen markerschütternden Schrei aus, der von den Säulen zurückgeworfen wurde und durchs gesamte Kirchenschiff hallte, sodass Bonnie vor Schreck ihren angebissenen Mince Pie fallen ließ und er in Jens Schoß purzelte.
»Bonnie!«, rief Jen vorwurfsvoll, fegte die Krümel in ihre Hand und fragte sich, wohin damit.
»’tschuldigung«, sagte ihre beste Freundin. »Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass er herumschreit wie bei einem Boxkampf.«
Jen konzentrierte sich wieder auf das Bühnenstück, das ihnen auf dem roten Teppich vor dem kerzenbeleuchteten Altar präsentiert wurde. In der gewölbten Hand hielt sie die Krümel des Gebäcks, mit der anderen machte sie sich Notizen. Die fielen im Moment nicht gerade positiv aus. Hatte sie Geoffrey bei diesem Projekt zu sehr freie Hand gelassen?
Unter einem Crescendo von Becken, Celli und Klarinetten rollten jetzt jede Menge Puppenköpfe wie Fußbälle durch den Altarraum, dann gab es einen lauten Knall. Eine blutähnliche, leuchtend rote Flüssigkeit platzte aus Zylindern auf beiden Seiten der »Bühne« und ergoss sich über alles und jeden in der näheren Umgebung. Bonnie kreischte und ließ wieder den Mince Pie fallen. Jen sprang auf und stürzte aus der Bank. Notizen und Krümel waren vergessen.
»Geoffrey, die ganze Kirche ist voller Blut!«, rief sie. »In zwanzig Minuten hält der Vikar die Abendandacht!«
Geoffrey war so blass geworden, als bräuchte er dringend eine Blutspende. »Die … die sollten gar nicht losgehen … erst bei der eigentlichen Aufführung.«
Jen schätzte den Schaden ab: rote Lachen auf den alten Steinplatten. Die Gesichter von Geoffreys Schauspielern voller Spritzer, wie in einem Horrorfilm. Die mit Stechpalmen und Efeu geschmückten grauen Säulen erinnerten nun an einen Tatort. Insgesamt war die Inszenierung viel zu düster gewesen, selbst für die Weihnachtsfeier der Historischen Gesellschaft. Sie musste noch mal neu überdacht werden, außerdem musste die Kirche gereinigt werden, bevor die Gemeinde sich einfand.
»Das ist ein Zeichen«, flüsterte Bonnie, die neben Jen stehen blieb. »Dass Paris dich ruft und du fliegen musst.«
Jen seufzte. »Ich kann nicht mal zurück ins Büro und mir über dieses Stück Gedanken machen, weil ich mich erst um die Sauerei hier kümmern muss.«
»Denk an Paris!«, sagte Bonnie mit verträumter Stimme, wie in einer kitschigen Weihnachtswerbung. »Romantischer Nebel über der Seine. Eine zuckersüße, schwere chocolat chaud. Hinter dir der Eiffelturm und vor dir David auf den Knien mit einem Diamantring, von dem jede Disneyprinzessin träumt.«
Im Moment sah Jen weder die goldenen Lichter von Frankreichs berühmtester Sehenswürdigkeit noch einen Ring, der jeden Comic-Klunker in den Schatten stellte. Geoffreys purpurrote Brühe tropfte von Dingen, die vermutlich noch älter waren als Judi Dench, und so versuchte Jen verzweifelt, die Tatsache zu verdrängen, dass sie in wenigen Tagen nicht mehr in Little Pickering sein würde.
»Ich sehe es genau vor mir«, fuhr Bonnie fort, während die Zenturionen – oder was Geoffreys Schauspieler darstellen sollten – ihr Gesicht reinigten und die rote Flüssigkeit von den Fingern schüttelten. »Schokocroissants zum Frühstück, schokoladenbraune Pudel auf den Boulevards, ein beigebraunes Chanel-Täschchen als Weihnachtsgeschenk für deine beste Freundin …«
Die Minuten vergingen, und der Vikar war vor allem eins, nämlich pünktlich. Reglos wie eine marmorne Jesusstatue stand Geoffrey mit offenem Mund vor dem von ihm selbst geschaffenen Chaos. Jetzt gab es nur eine Option: mit gutem Beispiel vorangehen. Es war Zeit, dass die Inhaberin von Jeden Tag Weihnachten zeigte, welch kompetente und professionelle Managerin und Geschäftsführerin sie war.
Jen schlüpfte aus ihrem knallroten Mantel und schob die Ärmel ihres tannengrünen Pullis hoch.
»Im Moment«, sagte sie zu Bonnie und steuerte auf die Tür zur Sakristei zu, »würde ich mich nur über eins freuen, und zwar über einen Eimer.«
Jeden Tag Weihnachten, Little Pickering
»Willst du wirklich nichts davon?«
Bonnie saß in Jens Auto und stopfte sich einen Schokoladenmuffin von Greg’s in den Mund. Unter ihren Fingernägeln sammelten sich Krümel. Greg’s erinnerte vom Namen an die landesweite Bäckereikette Greggs, war aber das Einmannunternehmen von Bäcker Greg, und unter seiner Geschäftsadresse firmierten noch das Postamt von Little Pickering und die Abholstation von Amazon.
Jen betrachtete ihre eigenen Hände. Anders als Bonnie hatte sie rote Farbe unter den Fingernägeln, als hätte sie mit einem Bingostift gekämpft oder jemanden umgebracht. Sie wusste nicht, wie sie die Farbe loswerden sollte, dabei hatte sie noch einen Termin, bevor sie Feierabend machen konnte. Nicht dass sie jemals wirklich freihatte. Als Selbstständige konnte man es nicht oft »für den Tag gut sein« lassen. Insbesondere als Kleinstunternehmerin, die auf Folgeaufträge, einen guten Ruf und Empfehlungen angewiesen war. Jen hatte den Vikar davon überzeugt, dass sie eine Reinigungsfirma engagieren würde, falls die Altartücher beim Waschen nicht sauber würden oder hinterher wie das Turiner Grabtuch aussähen. Allerdings bezweifelte sie, dass sie die Kirche noch mal als Proberaum nutzen dürfte.
»Du musst Geoffrey überzeugen, dass er ein Krippenspiel aufführt, kein Massaker«, sagte Bonnie zwischen zwei Bissen.
»Ich organisiere jetzt seit vier Jahren die Aufführung dieser Truppe, und im ersten und dritten Jahr hatten wir jeweils eine Variante des Krippenspiels. Im ersten Jahr war es Die Hühner aus dem Morgenland und im dritten Mein Zwillingsbruder Jesus.«
»Jesses!«, rief Bonnie. »Oder besser nicht Jesses.«
»So hieß tatsächlich der andere Zwilling«, gab Jen zurück.
»Wieso habe ich das verpasst?« Bonnie leckte sich Schokolade von den Fingern.
»Ich glaube, da warst du gerade in deiner Salzkaramellphase«, sagte Jen. »So ähnlich wie jetzt deine Schokoladenphase.«
Bonnie hielt inne. »Ist das Food Shaming?«
»Nein«, entgegnete Jen. »Aber in der Kirche hast du ungefähr hundertmal ›Schokolade‹ gesagt, und wenn du dich derart in irgendwas hineinsteigerst, heißt das normalerweise, dass du ein Problem hast, also erzähl es mir am besten gleich, damit du dich nicht wieder mit Ferrero Rocher in einem von meinen Weihnachtszimmern einsperrst und den Botschafter sprechen willst.«
»Das war nur einmal!«, rief Bonnie, zerknüllte die Tüte von Greg’s und warf sie in den Fußraum.
Jen wartete, denn sie wusste, dass ihre Freundin bald einknicken würde. Bonnie schüttete ihr schon das Herz aus, seit die beiden sich vor fünf Jahren im Pflegeheim kennengelernt hatten. Bonnie hatte am Empfang gesessen, die Zeitschrift unter die Computertastatur geschoben und Jen gefragt, ob sie, Bonnie, eher ein viereckiges oder ein ovales Gesicht habe, und falls es viereckig sei, ob Jen dann vielleicht irgendwelche Schminktipps für sie hätte. Bei einem wässrigen Pflegeheimtee hatten sie Freundschaft geschlossen. Bonnie war einer der drei Menschen, denen Jen vertraute. Wobei, jetzt mit David waren es wohl vier.
Seufzend drückte Bonnie ihre Tasche an sich. »Okay … ja, da ist was.« Sie seufzte abermals. »Meine Schwester. Sie ist wieder bei meinen Eltern eingezogen.«
»O nein!«, stöhnte Jen.
Auch wenn sie wusste, dass Bonnie ihre Schwester lieb hatte, kannte sie die Konkurrenz zwischen den beiden nur zu gut. Andrea wohnte in London und war eine erfolgreiche Juristin. Sie war mal auf einer Party gewesen, die auch Motsi Mabuse, der Star der Tanzshow im Fernsehen, besucht hatte. Und Andrea hatte noch nie eine ganze Packung Oreos zum Frühstück verputzt.
»Ich wette, dass sie nur zurückgezogen ist, weil Mum gerade das Gästezimmer renoviert hat und Andrea so ein Fan von Ocker ist.«
»Das kann nicht der einzige Grund sein.« Jen wandte sich auf dem Fahrersitz ihrer Freundin zu.
»Na ja, es ging auch darum, dass sie sich von ›Jules‹ getrennt hätte, und dann ist sie in Tränen ausgebrochen. Aber sie war schon immer eine Drama Queen. Andrea kann wirklich auf Kommando heulen.«
Jen hatte Andrea nur einmal getroffen. Am zweiten Weihnachtstag hatte Bonnies Schwester mal zum Essen eingeladen – es gab einen dicken Truthahn, den Andrea von einem Mandanten geschenkt bekommen hatte –, und auch wenn es wahrscheinlich nicht bewusst geschehen war, hatte Andrea die ganze Zeit allen am Tisch versichert, wie viel besser London im Vergleich zu Little Pickering war.
»Ich weiß nicht mal, ob es Jules wirklich gibt. Vorher hat sie nie von einem oder einer Jules gesprochen, und plötzlich heult sie sich die Augen aus, als würde sie das Ende von Ist das Leben nicht schön? gucken.« Bonnie schüttelte sich. »Ich weiß nur, dass mich die Vorstellung mit Schrecken erfüllt, sie könnte nicht mehr ausziehen und jetzt für immer bei unseren Eltern wohnen. Das ist der Grund, warum ich ständig von Schokolade rede.« Bonnie hielt inne. »Kann ich nicht bei dir einziehen? Warum ist mir das noch nicht eingefallen? Deine Wohnung liegt ja viel näher zum Tierarzt. Da kann ich die Augen noch zehn Minuten länger zulassen, bevor ich zur Arbeit muss.«
Vor einem Jahr hatte Bonnie den Job am Empfang des Pflegeheims gegen den beim Tierarzt getauscht. Nach ihrer Aussage wurde da zwar mehr eingeschläfert, aber im Jahresvergleich gab es weniger Exkremente.
Jen spürte Panik in sich aufsteigen und zog sich in sich zurück, ihre bewährte Taktik zur Kontrolle ihrer Gefühle, die sie in all den Jahren perfektioniert hatte, als sie von einer Pflegestelle zur nächsten geschoben wurde. Lass dir nichts anmerken. Das wird nur gegen dich verwendet. Sicher vertraute sie Bonnie, doch es fiel ihr nicht immer leicht.
»Du willst nicht wirklich bei mir wohnen«, sagte Jen, so entspannt sie konnte.
»Ich will nicht mit meiner Schwester zusammenwohnen«, erwiderte Bonnie. Durch ihren Atem beschlugen die Autoscheiben so stark, dass der leuchtende Umriss der umgebauten Scheune, das Firmengebäude von Jeden Tag Weihnachten, verschwamm. »Du fliegst doch in zwei Tagen nach Frankreich. Wenn ich vorher einziehe, brauchst du deine Beleuchtung nicht an eine Zeitschaltuhr anzuschließen und Natalia nicht zu fragen, ob sie deine Blumen gießt.«
Denk nach, Jen, schnell!
Na klar: Natalia, ihre Assistentin. Noch ein Mensch, dem sie vertraute.
»Es sieht so aus, dass Natalia bei mir einzieht«, stieß Jen aus. »Morgen.«
Bonnie wollte etwas einwenden, und Jen spürte, dass sie schnell nachlegen musste.
»Mit ihren Brüdern.«
Bonnie war verwirrt. Kein Wunder, denn es ergab keinen Sinn. Jen redete weiter.
»Für die Flashmobs brauche ich so viele Elfen wie möglich. Natalias Brüder haben gerade nichts zu tun, und in Natalias Haus sind … Ratten.«
»Ratten?«
»Ja, auf dem Speicher«, sagte Jen. »Ekelhaft. Eine ganze Rattenfamilie, die alles kaputt frisst, sogar … die Balken.«
Bonnie saß stocksteif da, und Jen wusste, dass sie einen Schritt zu weit gegangen war. Sie hielt den Mund und wartete darauf, von Bonnie der Lüge überführt zu werden.
»Jen«, fing sie an. »Ich bin nicht blöd. Das weißt du doch, oder?«
Ja, das wusste Jen. Bonnie war so helle wie die Weihnachtsbeleuchtung in Little Pickering, und die strahlte sehr stark. Doch Jen durfte sich keine Schwäche erlauben. Sie zerbrach sich den Kopf, denn eigentlich konnte sie sich aus jeder Situation winden. Zum Beispiel aus einer Geschichte mit fiktiven Ratten auf dem Speicher eines kleinen Reihenhauses …
»Was ist los?«, fragte Bonnie. »Es klingt, als ob du nicht willst, dass ich bei dir einziehe.«
Jen konnte sich nicht überwinden, etwas zu erwidern. Sie stieg aus dem Auto in die abendliche Kälte, holte tief Luft und tröstete sich mit dem Anblick der strahlenden Lichterketten an der Dachtraufe der alten umgebauten Scheune, mit den großen Fichten am Eingang, die golden, silbern und grün leuchteten, mit dem Rentier vor dem Schlitten aus recyceltem Material …
»Jen«, sagte Bonnie, die ebenfalls ausgestiegen war und ihrer Freundin zur Scheune folgte. »Jetzt machst du mir Angst.«
»Alles gut«, versicherte Jen und zog ihre Schlüssel aus der Tasche, um einen dicken Messingschlüssel in das Schloss der schweren Holztür zu schieben. »Ich setze mal Wasser auf.«
***
»Wie lange schon?«, fragte Bonnie auf dem leuchtend roten Sofa in Jens Großraumbüro, die Hände um einen Becher mit heißer Schokolade geschlungen.
»Nicht lange.«
»Seit Tagen? Wochen?«
Jen schüttelte den Kopf.
»Dann sag bitte, erst seit ein paar Stunden!«
»Nein, seit … September«, gestand Jen und trank einen Schluck von ihrem Kaffee mit Haselnusssirup. Innerlich wand sie sich. Bonnie war sicher verletzt, weil Jen die Situation vor ihrer Freundin geheim gehalten hatte, aber wenn man sein Leben lang Persönliches für sich behielt, um sich zu schützen, war es nicht leicht, diese Gewohnheit abzulegen.
»Nur damit ich das richtig verstehe«, begann Bonnie und fischte einen kleinen Marshmallow aus ihrem Becher, um ihn zwischen Daumen und Zeigefinger zu zerdrücken. »Du bist im September aus deiner Wohnung ausgezogen und wohnst seitdem hier im Büro, ohne mir etwas zu sagen.«
Jen trank noch einen Schluck. »Ich habe es niemandem erzählt.«
Ob es das besser machte …
»Jen!«
Offensichtlich nicht. Jen hielt lieber den Mund.
»Weiß David es?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe doch gesagt, ich habe es niemandem erzählt.« Auch Bonnie hätte es eigentlich nie erfahren dürfen. »Denn ich hoffe mal, dass sich die Lage nach Weihnachten ändert.«
Hoffnung.
Man durfte die Hoffnung nicht aufgeben, was blieb ihr sonst? So schlimm war es auch gar nicht. Klar, Jen hatte ihre Kosten senken und aus der Wohnung ausziehen müssen, aber sie besaß eine Firma, und die hatte vier Ausstellungsräume mit jeder Menge Platz in Schränken für Jens Klamotten und jetzt auch für eine Schlafcouch, die sie hinter Lamettagirlanden und einem Vorhang aus Zuckerstangen verstecken konnte. Milo, der Inhaber des Fitnessstudios unter ihr, hatte keine Fragen gestellt, als Jen ihm erzählte, ihre Dusche zu Hause sei kaputt, ob sie wohl seine Waschräume benutzen dürfe. Sie hatte alles, was sie brauchte: Licht, Wärme, ihr Lieblingskissen, ihr Stofftier Tapferteddy, eine schicke Kaffeemaschine, die auch heiße Schokolade machte, und fließendes Wasser, das sie mit Kampfsportbegeisterten teilte. Es könnte deutlich schlimmer sein.
»Hat die Firma wirklich Probleme?« Bonnies braune Augen musterten Jen eingehend.
Sie schüttelte den Kopf. »Ist nur eine Durststrecke, mehr nicht. Du weißt doch, der Sommer ist immer schwierig, wenn man sich auf Weihnachten spezialisiert hat.«
Das war Jen von Anfang an klar gewesen, als sie die Firma gegründet hatte. Aber sie wusste auch, dass man, wenn man ein Unternehmen führte, Leidenschaft brauchte, und ihr Herz brannte nun mal für den Dezember. Sicher, sie konnte sich breiter aufstellen, musste es wohl auch tun, wenn nicht langsam Schwung in die Sache kam, aber sie war überzeugt, dass sie nur härter arbeiten musste, dass sie die Leute überzeugen musste, ohne eine von Jeden Tag Weihnachten organisierte Feier sei das Leben wertlos. Trotzdem würde Jen in wenigen Tagen ihre Firma und alle Veranstaltungen in die fähigen Hände von Natalia legen, um mit ihrem Freund David nach Frankreich zu fliegen.
»Das hättest du mir erzählen sollen, Jen«, sagte Bonnie vorwurfsvoll. »Wieso sagst du nichts, bevor du zum Schlafen in den Schrank kletterst?«
»Es ist kein Schrank«, gab Jen zurück.
»Du hättest bei mir einziehen können.«
»Zu Andrea.«
»Sieh’s doch mal so: Wenn du rechtzeitig Bescheid gesagt hättest, wäre kein Platz mehr für Andrea gewesen!«
Jen schüttelte den Kopf. »Ich fliege doch nach Paris, schon vergessen?«
»Aber du klingst nicht so aufgeregt, wie ich gedacht habe.«
»Tja, ich habe nun mal eine Menge um die Ohren. Dies ist der umsatzstärkste Monat im Jahr, es ist also nicht gerade der ideale Zeitpunkt zum Verreisen.«
Deswegen hatte sie David auch vorgeschlagen, erst nach dem Jahreswechsel wegzufahren, aber seiner Meinung nach gehörte ein Urlaub ebenso zur Adventszeit wie der Film Buddy – Der Weihnachtself.
»Hey: Paris!«, erinnerte Bonnie sie. »Vor einem Café auf dem Bürgersteig sitzen. Der Arc de Triomphe. Die Schokolade … oh, ’tschuldigung.«
»Ich weiß«, sagte Jen, denn auf einmal war ihr klar, dass es viele Menschen gab, die ihren Weihnachtsbraten gegen so eine Gelegenheit tauschen würden.
»Und: David! Der schöne, intelligente, lustige David. Der einzige Mensch, wegen dem du je sentimental geworden bist.«
Sentimental? Jen war sich nicht mal sicher, ob sie das Gefühl erkannte, wenn sie mit dem Kopf drauf stoßen würde.
»Jen, dir ist doch klar, dass er dir in Paris einen Heiratsantrag macht, oder?« Bonnie stellte ihre heiße Schokolade auf den mit silbernen Tannenzapfen dekorierten Sofatisch.
»Was?« Jens Herz zog sich zusammen, unangenehmer als in der Kirche, nachdem Geoffreys Kunstblut den Darsteller des Herodes in rote Farbe getaucht hatte.
»Ihr seid jetzt seit über sechs Monaten zusammen. Weihnachten naht. Ihr seid in Paris. Ich sage dir, er wird dich bitten, ihn zu heiraten.«
Jen wurde übel. Der Kaffee wollte ihr wieder hochkommen. Sie schluckte und versuchte, die Fassung zu bewahren.
»So lange läuft das doch noch gar nicht, oder?«
War das alles, was ihr dazu einfiel? Die Dauer ihrer Beziehung zu David infrage zu stellen beziehungsweise Bonnie nach dem genauen Zeitraum zu fragen?
»Ihr seid seit Juni zusammen. Seit dem Wochenende, als meine Mutter Geburtstag hatte.«
Jen runzelte die Stirn. Wirklich schon so lange? Sie konnte sich nur noch erinnern, dass sie im Juni einen Stand auf der Gewerbeschau von Little Pickering gehabt hatte, um ihre Firma vorzustellen, und dass das Pflegeheim angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass Kathleen gefallen war …
Kathleen – noch eine vertrauenswürdige Freundin.
»Jen, glaub mir, wenn du aus Paris zurückkommst, hast du einen dicken, fetten Klunker am Finger.«
Jen wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie nickte nur schwach. Dass jemand sie um ihre Hand bitten würde … dass David sie heiraten wollte … Für immer mit ihr zusammenbleiben … eine Familie gründen …
»Jen.« Bonnie sah sie mit großen Augen an. »Wenn David dich fragt, dann sagst du doch Ja, oder?«
»Hm, eigentlich haben wir noch nie über irgendwas in der Hinsicht gesprochen.«
»Über so was redet man auch nicht vor dem Antrag. Dann wäre es ja keine Überraschung mehr, oder?«
Doch wenn bereits so was wie ein Heiratsantrag im Raum stand, hätte man dem Mann, mit dem man offenbar schon seit einem halben Jahr zusammen war, dann nicht erzählen müssen, dass man in den Lapplandraum von Jeden Tag Weihnachten gezogen war und die Nasszelle mit Möchtegern-Gewichthebern teilte?
In dem Moment erwachte Jens Handy auf dem Couchtisch zwischen den beiden zum Leben. Ein immer lauter werdendes »Santa Baby« erfüllte den Raum, ein Name erschien im Display: David.
»Ooh!«, rief Bonnie. »Jetzt geht’s los! Er hat bestimmt noch ein französisches Winterpicknick für dich organisiert, bevor ihr abdüst.«
Jen meldete sich.
Sie hörte ein tosendes Geräusch – Wind oder vielleicht Verkehr.
»Jen … kannst du mich verstehen?« Es war David, doch seine Stimme klang gedämpft und sehr weit weg.
Jen stand auf und ging zum Fenster. »Nur ganz schwach, es ist wirklich laut bei dir.«
»Jen, ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll, aber … wir können am Freitag nicht nach Paris fliegen. Es gibt einen beruflichen Notfall, und ich bin der Einzige, der sich mit dem Thema auskennt. Glaub mir, ich habe wirklich versucht, jemanden aus der Zentrale zu organisieren, der mich vertritt, aber da geht gar nichts.«
»Oh«, sagte Jen. Enttäuschung machte sich in ihr breit. »Können wir den Flug nicht verschieben? Und fliegen, wenn du das Problem gelöst hast?«
Oder vielleicht im Januar …
Bonnie artikulierte lautlos ein entsetztes »WAS?«. Vielleicht hätte Jen auch einen bitter enttäuschten Gesichtsausdruck aufsetzen sollen.
»Der Notfall ist nicht in England«, sagte David. »Ich bin gerade am Flughafen in Bristol. Ich muss nach Griechenland.«
»Nach Griechenland«, wiederholte Jen.
Bonnie machte Gesten mit ihren Armen, die Jen nicht deuten konnte.
»Ja, genau«, sagte David. »Nach Athen. Nicht gerade Paris, was?«
Jen hatte keine Ahnung, was Athen im Vergleich zu Paris war, weil sie England bisher nie verlassen hatte. Alles, was sie sich wünschte, war ein Ort, an dem sie sich wohlfühlte, der ihre Heimat war. Sie wollte etwas sagen, doch David kam ihr zuvor.
»Wir haben da unten wirklich ein großes Problem – ich schätze, ich bin bis zum Ende der Weihnachtsferien damit beschäftigt. Das ist großer Mist, ich weiß. Tut mir wirklich leid, Jen. Wenn ich irgendwas ändern könnte …«
Bonnie schüttelte den Kopf, halb sauer, halb frustriert. Jen wusste nicht, wie sie reagieren sollte beziehungsweise was die angemessene Antwort für jemanden war, der einem vermeintlich einen Heiratsantrag hatte machen wollen und den man nun die ganze Weihnachtszeit über nicht einmal zu Gesicht bekommen würde. Sie spürte fast so etwas wie Erleichterung, dass sie sich nun voll aufs Geschäft konzentrieren konnte, doch natürlich hatte sie sich auch darauf gefreut, mal eine andere Stadt zu sehen, sich treiben zu lassen …
»Hör zu, ich muss jetzt auflegen«, sagte David. »Um Viertel vor muss ich zum Gate. Ich schreib dir, ja?«
»Warte, David, ich meine, lass mich mal kurz …«
»Bis dann, ja? Tschüs!«
Das Freizeichen tönte laut und deutlich.
Pflegeheim Little Pickering
»Das riecht wie Scheiße!«
»Kathleen, Sie sollen nicht so reden.«
»Ich habe gesagt, das riecht wie Scheiße. Anders kann man es wohl kaum ausdrücken, das ist nun mal eine Tatsache«, giftete die alte Dame.
Jen stand in der Tür zum Aufenthaltsraum und musste ungewollt darüber grinsen, wie Kathleen Ockenden empört mit einer Gabel vor einer Pflegekraft herumfuchtelte. Die Luft im Pflegeheim war das genaue Gegenteil vom kühlen Wetter draußen, die Heizkörper erwärmten die Räume auf karibische Temperaturen, sodass Jen ihren roten Mantel aufknöpfte. Dann betrat sie den Raum, ging vorbei am künstlichen Weihnachtsbaum, der in Gold, Rot und einem unglücklichen Gelb geschmückt war, und gesellte sich zu der Frau, die mehr als jede andere eine Mutter für sie gewesen war.
»Sie haben Besuch, Kathleen«, sagte die Pflegerin. »Vielleicht kann Jen Sie ja überzeugen, den Truthahnauflauf zu essen.«
»Eher fress ich einen Besen! Ja, den bekäme ich besser runter als diesen Mist hier!«
Jen lächelte die Pflegerin an, dann ließ sie sich auf den frei gewordenen Stuhl sinken. Sie hob Kathleens Teller an und schnupperte daran.
»Riecht wie Scheiße, oder?« Kathleen holte ein Taschentuch aus dem Ärmel ihrer rot-weiß gepunkteten Strickjacke und putzte sich die Nase.
»Eher wie irgendwas vom Truthahn«, sagte Jen und stellte den Teller ab.
»Truthahnscheiße«, entgegnete Kathleen und lachte sich kaputt. Ihre hellblauen Augen funkelten.
»Du bist auf Krawall gebürstet, wie immer«, sagte Jen mit erhobener Augenbraue. Dann wurde sie freundlich. »Super.«
Kathleen schüttelte den Kopf, dass ihre weißen Locken hüpften. »Man muss die Leute auf Trab halten, Jen, vergiss das nicht!«
Jen nickte. Die Leute auf Trab zu halten, war nur einer der Grundsätze, die sie von Kathleen und ihrem verstorbenen Mann Gerald mitbekommen hatte, seit die drei sich im nahe gelegenen Salisbury kennengelernt hatten. Kathleen und Gerald führten damals ein Geschäft mit Partyzubehör auf der Hauptstraße, und von dem Moment an, als die dreizehnjährige Jen die Schaufensterdekoration für Weihnachten gesehen hatte – glitzernde Rentiere, ein altmodischer Weihnachtsmann in einem silbergesäumten Mantel, der in einem Schaukelstuhl saß, daneben ein Lebkuchenmann mit echtem Zuckerguss –, war etwas in ihr zum Leben erwacht. Sie hatte augenblicklich den Laden betreten und den Duft von Kiefern und Tannen, Pfefferminz und Karamell eingeatmet, ihre Finger waren über die Lichterspiralen und verpackten Weihnachtskostüme geglitten – Engelflügel und Heiligenscheine, der Grinch, die Elfen des Weihnachtsmanns. Am liebsten wäre Jen gar nicht mehr gegangen, sondern tief in die helle, strahlende Pracht eingetaucht und dort geblieben, so unheimlich glücklich machte es sie. Stattdessen hatte Gerald sie mit einem Besen hinausgejagt, überzeugt, sie sei eine von drei Missetäterinnen, die am Tag zuvor die Heiligen Drei Könige und das Jesuskind gestohlen hatten. Doch selbst die Borsten von Geralds Besen hatten Jen nicht abschrecken können. In Salisbury gab es zwar auch eine Kathedrale und wunderbare Cafés, doch für sie war das Geschäft mit Partyzubehör die wahre Attraktion. Es war ein heller, hoffnungsvoller Lichtstreifen am Horizont eines Lebens, das bisher vor allem trist und grau gewesen war. Wann immer sich Jen die Möglichkeit bot, ging sie zum Laden. Bald wurden ihre Besuche regelmäßiger – sie kam immer zur selben Uhrzeit und blieb länger und länger –, bis Kathleen begann, ihr etwas zu essen und zu trinken anzubieten. Das ist von unserem Abendessen übrig geblieben. Und Jen schlug sich den Bauch voll. Jen, könntest du mir mal die bunten Girlanden holen, ich muss das Rathaus dekorieren.
Als Gerald vor gut fünf Jahren gestorben war, verkümmerte Kathleen. Innerhalb von sechs Monaten wurden die alltäglichen Aufgaben, die sie vorher mit Elan erledigt hatte, eine große Last, bis sie die Treppen in die Wohnung über Partyfieber nicht mehr bewältigen konnte und der Sozialdienst auftauchte – zu Kathleens großer Empörung musste irgendjemand sie verpfiffen haben. Jen hatte angeboten zu helfen und einzuziehen oder den Laden weiterzuführen, doch Kathleen lehnte alle Vorschläge ab. Sie war lediglich damit einverstanden, dass Jen so viel wie möglich vom Warenbestand mitnahm, bevor die Inhaber der Ladenkette alles abholten. Es war ein trauriger Tag, als die bunte Schaufensterdekoration entfernt, schwarze Jalousien vor die Fenster gehängt wurden und Partyfieber für immer die Pforten schloss, aber gleichzeitig war es der Beginn von Jens Firma Jeden Tag Weihnachten, und sie war fest entschlossen, erfolgreich zu sein, ebenso für sich wie für Kathleen. Jen hatte das Gefühl, es hielt Kathleen auf den Beinen, dass ein kleiner Teil von Partyfieber in ihrer Firma weiterlebte.
»Bist du hier, um mir noch mal unter die Nase zu reiben, dass du nach Paris fliegst?« Kathleen stieß mit ihrem krummen Finger gegen ihr Wasserglas, als wollte sie die Flüssigkeit in Sherry verwandeln.
»Nein«, sagte Jen. »Ich bin hier, weil ich dich immer besuche.« Sie seufzte. »Und Paris ist … abgesagt.«
»Abgesagt«, wiederholte Kathleen, als spreche sie von ranzigem Käse.
Jen nickte. »David muss arbeiten.«
»Aber er hat die Reise doch gebucht! Was ist passiert? Hat er vergessen, seinen Urlaub einzureichen?«
Jen berichtete Kathleen von dem Notfall in Davids Firma und seinem Flug nach Griechenland.
»Klingt nach einer Ausrede«, sagte Kathleen rundheraus und verschränkte die Arme vor der Brust. »Klingt, als ob er dich hinters Licht führt.«
Das war immer schon ein Lieblingsspruch von Kathleen gewesen, zusammen mit »Servaz muss vorüber sein, willst du vor Nachtfrost sicher sein.« Jen wusste bis heute nicht, was das bedeutete. Sollte sie Kathleen erzählen, dass Bonnie sogar von einem Heiratsantrag gesprochen hatte? Sie wollte etwas erwidern, da fuhr Kathleen schon fort.
»Gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.«
»Ihn fragen, ob er mich hinters Licht führt?«, schlug Jen mit angedeutetem Lächeln vor.
»Sag ihm, dass du ihn begleitest!« Kathleen zeigte mit dem Finger auf Jen. »Oder, besser noch: überrasch ihn! Tauch unangekündigt in Griechenland auf!«
Sofort schüttelte Jen den Kopf. Sie hasste Überraschungen. Sicher, bei ihrer Arbeit spielten sie eine große Rolle – bei Geburtstagsfeiern, Jahrestagen und auf jeden Fall bei Heiratsanträgen –, aber das war in Ordnung, weil es Überraschungen für andere Menschen waren. Unerwartetes hatte in Jens Leben selten etwas Gutes bedeutet. Überraschung – du kommst in eine neue Pflegefamilie! Überraschung – alle haben deinen Geburtstag vergessen! Überraschung – weil du das Bibelzitat nicht mehr weißt, bekommst du kein Abendessen …
»Das ist nichts für mich«, erwiderte Jen. »Außerdem muss David sich um ein Problem in seiner Firma kümmern, das ist nicht dasselbe, als wären wir in Paris, wo er … keine technischen Sachen … reparieren muss.«
»Um was geht es denn?«, fragte Kathleen mit erhobener Augenbraue, den Kopf argwöhnisch zur Seite gelegt. »Was genau ist passiert, das nur König David reparieren kann?«
Jen versuchte, sich an das Telefongespräch zu erinnern. Was war noch mal das Problem, von dem er erzählt hatte?
»Also, das hat er nicht richtig erklärt, weil ich eh nicht viel davon verstehe«, gab sie zurück.
»Was macht er denn da?«
»Irgendwas Wichtiges mit Computerservern.«
»Ah«, sagte Kathleen und griff zu der Gabel mit dem aufgespießten Truthahnstück. »Computer. Die Geräte, die uns die Welt ins Haus bringen, damit wir nicht persönlich hinmüssen. Und er muss nach Griechenland.« Sie lachte schallend.
Jen hatte das Gefühl, Kathleen halte sie für dumm oder glaube, dass man ihr irgendwie blauen Dunst vormachte – noch so eine Redewendung von ihr. Stimmte das? Warum hatte David keine bessere Erklärung gehabt? Er hatte Jen keine Zeit zum Nachfragen gelassen, und bis jetzt hatte sie auch keine Nachricht von ihm bekommen. Allerdings wusste Jen, dass Kathleen David eh nicht besonders gern mochte. Er war der einzige Freund, den sie ihrer Ziehmutter je vorgestellt hatte, und anschließend hatte Kathleen gesagt, er sei »sehr charmant, sehr, sehr charmant«. Dreimal sehr bedeutete das komplette Gegenteil.
»Ich verrat dir was«, raunte Kathleen und fuchtelte mit der Gabel herum. »Ich esse was von diesem Truthahnpopo, wenn du mir versprichst, Davids Problem auf den Grund zu gehen.« Sie überlegte. »Zumindest dem Computerproblem.«
Jen wollte wieder den Kopf schütteln, dann dachte sie nach. Sie wusste, dass Kathleen später Tuc-Kekse futtern würde, aber Jen war lieber, wenn sie etwas Richtiges aß. Das war wichtiger als ein kaputter Server, oder um was auch immer es ging.
»Halte die Leute auf Trab, Jen«, erinnerte Kathleen sie. »Wie gesagt.«
»Iss du deinen Truthahn«, forderte Jen. »Ich rufe David an und erkundige mich, was genau los ist.«
»Gut«, sagte Kathleen und steckte die Gabel in den Mund. Sofort verzog sie das Gesicht, als hätte sie das Furchtbarste auf der Zunge, das man sich vorstellen konnte.
»Und, willst du wissen, was heute in der Kirche passiert ist?«
»Wurde Edna Warren von einem Blitz getroffen, als sie ›Mitten im kalten Winter‹ sang?«
»Ob du’s glaubst oder nicht, aber es war viel spektakulärer.«
Greg’s, Little Pickering
»Elf Nummer drei war der beste«, sagte Bonnie und biss genussvoll in ein Schokoladenbrötchen, das vor Ahornsirup nur so triefte.
Jen, Natalia und Bonnie hatten den Vormittag über Bewerbungsgespräche mit potenziellen Weihnachtselfen geführt. Jen verfügte zwar ganzjährig über ein verlässliches Ensemble von Elfen, Rentierdarstellern und Weihnachtsmännern, dazu über Geoffreys Schauspieltruppe, und für besondere Wünsche holte sie sich zeitweise zusätzliche Aushilfen. Doch in diesem Dezember gab es nicht nur mehr Veranstaltungen, sondern größere Veranstaltungen, und das bedeutete mehr Personal, in diesem Fall Saisonkräfte.
»Elf Nummer drei hatte Gesicht wie Wladimir Putin. Kein Mensch will sehen Wladimir Putin zu Brandypudding«, warf Natalia ein, ohne vom iPad auf ihrem Schoß hochzusehen.
Bonnie schnappte nach Luft, als wäre sie gerade Zeugin einer Entdeckung geworden, die die Welt für immer verändern würde. »O Gott, Natalia! Du hast recht. Ich wusste, dass er mich an jemanden erinnert.«
»Dieser Mann kann nur spielen Bösewicht. Herodes. Grinch. Scrooge.«
Jen nippte an ihrem Getränk, einem Karamell-Latte ohne Karamell und Latte … Letztlich ein schwarzer Kaffee, der in ihrer Einbildung besser schmeckte, weil der Verzicht auf diese Luxuszutaten ihr Firmenkonto schonte. Der einzige Grund, warum sie die Besprechung bei Greg’s und nicht im Büro abhielten, bestand darin, dass sie noch keine Zeit gehabt hatte, ihre Schlafcouch zurückzubauen. Außerdem fand Jen es gut, wenn potenzielle Mitarbeiter ein wenig in der Öffentlichkeit schauspielern mussten. Wenn es ihnen nicht gelang, vor Natalia, ihr und heute auch Bonnie einen Elf zu geben, während Greg und die Mitglieder des Strickclubs von Little Pickering immer wieder zu ihnen hinübersahen, dann waren sie auch nicht bereit, vor Kunden aufzutreten.
»Ich stimme Natalia bei Elf Nummer drei zu«, sagte Jen.
»Gesicht von Baby. Augen von Teufel«, schloss Natalia.
Neben dem Nicht-Karamell-Latte und einem Teller mit einer Schoko-Kokos-Tasche, die Bonnie bestellt hatte, vibrierte Jens Handy, und eine Textnachricht erschien im Display.
»Das ist David.« Bonnie beugte sich schneller vor als Jen.
»Danke, Bonnie«, sagte Jen und wischte nach oben.
»Hat er repariert Ding, das war kaputt?«, fragte Natalia. »Ist er geflogen von Griechenland nach Paris für Treffen dort?«
Sowohl Jens beste Freundin als auch ihre äußerst tüchtige Assistentin wirkten unglaublich engagiert, was die Nachricht anging. Jen nahm ihr Handy an sich, schaute aber nicht drauf. Nachdem sie am Vorabend Nussknacker und silberne Schwäne zur Seite geräumt hatte, um ihr Bett aufzubauen, hatte sie David versucht anzurufen, doch er war nicht drangegangen. Nach fünf Versuchen hatte sie ihm auf die Mailbox gesprochen. Dies war sicherlich die Antwort darauf.
»Warum machst du nicht auf Nachricht?«, fragte Natalia.
»Mache ich schon«, sagte Jen. »Gleich.«
»Jetzt? Oder in neue Jahr?«, hakte Natalia nach.
»Oh, da kommt noch eine«, verkündete Bonnie.
Sie hatte Sirup am Kinn und konnte offenbar immer noch das Display sehen, obwohl Jen es mehr oder weniger abschirmte. Wieso machte sie sich überhaupt die Mühe?
»Ein Foto! Aus Griechenland!«, erklärte Bonnie so laut, dass die Mitglieder des Strickclubs fast ein paar Maschen verloren hätten.
»Ist Bild von innen in Großrechner? Wo er ist am Arbeiten?«, wollte Natalia wissen.
Nein, es zeigte keine Kabel und Platinen, sondern Ruinen, die berühmten, deren Name Jen so schnell nicht einfallen wollte. Alte Steinsäulen vor einem unnatürlich blauen Himmel. Sie las die Nachricht unter dem Foto.
Gerade Mittagessen bei diesem Ausblick. Ohne dich nur halb so schön.
Während Jen Davids Worte auf sich wirken ließ, stand Bonnie auf und stellte sich hinter sie.
»Gerade Mittagessen bei diesem Ausblick. Ohne dich nur halb so schön«, las Bonnie laut vor.
Es folgte ein kollektives »Ooo« von den Strickerinnen und Greg, der die Ellenbogen auf den Tresen gestützt hatte, als hätte er keine Muffins zu backen, sondern müsste stattdessen das Geschehen im Auge behalten.
»Habe ich doch gesagt!«, rief Bonnie. »Du fehlst ihm! Er wollte dir auf dieser Reise einen Antrag machen.«
»Er wollte dir geben Ring?«, fragte Natalia und hielt das iPad fest, das ihr vom Schoß zu rutschen drohte.
Jen schüttelte den Kopf. »Nein. Ich meine … das ist Bonnies Theorie.«
»Du musst nach Griechenland!«, rief Bonnie aus vollem Hals. »Dann passiert es eben nicht in Paris, sondern in Athen. Wenn David Zeit hat, Fotos von der Gegend zu machen, dann hat er auch Zeit, vor dir auf der Dachterrasse eines Restaurants auf die Knie zu gehen. Und Paris, also bitte, da machen es ja alle. Aber nicht in Athen!«
»Ich hatte Antrag vor britischer Botschaft«, informierte Natalia die beiden.
Jen konnte nichts denken und fühlen, außer die Aufmerksamkeit aller um sich herum. Kathleen hatte ihr geraten, »die Leute auf Trab zu halten« und »nach Griechenland zu fliegen«, gleichzeitig wusste Jen, dass ihre alte Freundin David eh nicht traute. Ob Jen aktiv werden sollte? England verlassen, wie geplant? Oder wäre es klüger, hierzubleiben und die Kontrolle über das Geschäft zu behalten?
»Das nehme ich zurück«, sagte Bonnie. »Nicht du musst nach Griechenland. Wir müssen nach Griechenland! Ist doch logisch! Du kannst mit David losziehen und einen auf Liebespaar machen, wenn er gerade mal nicht heldenhaft Laptops wiederbelebt, oder was auch immer er da tut. Und während er arbeiten muss, gucken wir uns gemeinsam Athen an und wie man dort Weihnachten feiert. Außerdem bekomme ich so eine kleine Auszeit von Andrea!«
»In Griechenland gibt gutes Essen«, bemerkte Natalia. »Besser als Schnecken in Frankreich.«
»Ich hatte mal einen griechischen Freund«, sinnierte eine der Strickclubteilnehmerinnen. »Er war sehr einfallsreich.«
Jen kam es plötzlich so vor, als wäre es bei Greg’s so heiß wie in einem Haus am Äquator. Sie ging zur Tür und stellte sich nach draußen in den Nieselregen von Little Pickering. Sie lehnte den Kopf gegen die Scheibe mit der Weihnachtsdekoration, die sie jedes Jahr zusammen mit Greg aufbaute: die Miniversion des Foodtrucks, den Greg für entsprechende Veranstaltungen flottmachte, dazu Engel, die silberne Tabletts mit kleinen Küchlein und Wurstbrötchen in den Händen hielten.
Jen schloss die Augen und holte tief Luft. Natalia war eine hervorragende Assistentin, sie hatte die gesamte Arbeit um die Tour nach Paris herum organisiert.
Dann also nicht Paris. David würde vielleicht den Großteil der Zeit arbeiten müssen. Doch wie das heutige Foto zeigte, könnten sie auch gemeinsame Momente genießen. Momente in Griechenland. Vielleicht war jetzt wirklich Spontaneität gefragt. Wenn sie es drauf ankommen ließ, könnte sie vielleicht alle Zweifel vergessen, die sie an ihrer Beziehung hatte …
Jen nahm den Kopf von der Scheibe und starrte auf eine weihnachtlich gekleidete Maus in einem Tutu.
Hab keine Angst, Fehler zu machen! Denn Fehler und Erfolg bedeuten letztlich dasselbe: Dass du genug Mut hattest, es zu versuchen. Dieser Spruch stand auf einem Bild im Büro ihrer ersten Sozialarbeiterin. Als das Amt irgendwann einen neuen Platz für Jen suchte, hatte sie stundenlang draufgeschaut. Jen fühlte sich nicht immer mutig, aber sie hatte es auf jeden Fall immer versucht. Sie wischte über die Scheibe. Ihr Entschluss stand fest.
Internationaler Flughafen Athen, Eleftherios Venizelos, Griechenland
»Guck dir mal die Dekoration hier an! Jen, echt, du könntest quasi auf dem Flughafen eine Weihnachtsfeier veranstalten. Deutlich besser als die lahmen gestapelten Geschenke und die paar Lichterketten in Luton.« Seufzend zeigte Bonnie an die Decke. »Hier hängen Sterne, goldene Monde, und alles funkelt …«
Während sie sich darüber ausließ, wie festlich der Flughafen geschmückt war, versuchte Jen, die Stimme ihrer Freundin auszublenden und ihre Gedanken zur Ruhe zu bringen. Sie war in Griechenland. In Athen. Sie hatte zugelassen, dass Bonnie die Flüge hierher plus ein Zimmer in einem Hotel namens Plaka buchte – und zahlte. Abgesehen von der Gründung einer Weihnachtsfirma war das sicherlich das Verrückteste, was Jen je getan hatte. Vor zwei Tagen hatte sie noch Bewerbungsgespräche für Elfen geführt, jetzt stand sie in einem fremden Land und hielt ihren extra für die Parisreise erworbenen blauen britischen Pass fest in der Hand. Sie holte tief Luft und schaute auf die Glasschiebetüren vor sich, die sich für ankommende und abfliegende Passagiere öffneten und schlossen. Das Zentrum von Athen mit ihrem Hotel war nur eine Metro- oder Taxifahrt entfernt. Vermutlich wohnte dort auch irgendwo David, da er ein Foto von den Ruinen geschickt hatte, das, wie Jen jetzt wusste, den Parthenon oben auf der Akropolis zeigte. Unter Bonnies und Natalias Blicken und mit deren Hilfe hatte sie auf Davids Foto und die Nachricht geantwortet.
Wäre gern bei dir!
Warum man über vier Wörter so lange nachdenken musste, verstand Jen nicht genau, aber am Ende hatte sie die Nachricht so gesendet, während Natalia und Bonnie noch darüber diskutierten, welche Emojis sie dranhängen sollte.
Drei Stunden später hatte Jen eine Antwort.
Ja, wäre schön x
Für Bonnie war das der Startschuss gewesen, der Moment, in dem sie zu einer Frau mit einer Mission wurde. Flüge mit Wizz Air wurden gebucht, das Hotel wurde ausgesucht, und irgendwie hatte Bonnie mithilfe ihrer einzigartigen Überredungskünste die Pensionärin Susan, deren Nachfolge Bonnie beim Tierarzt angetreten hatte, davon überzeugt, noch mal für zwei Wochen zurückzukommen. Natalia hatte sich bereit erklärt, im Geschäft die Stellung zu halten, das Rentier bei den Hörnern zu packen und den Laden durch den Dezember zu lotsen. Jen wusste, dass es ihrer Mitarbeiterin in den Fingern juckte, die russischen Puppen auf Jens Schreibtisch zu »köpfen«, das Geschenk eines zufriedenen Kunden.
Plötzlich klammerte sich Bonnie an ihren Arm. »Alles in Ordnung? Du hast deine Meinung doch nicht geändert, oder?«
Jen war sich nicht sicher, ob sie überhaupt eine gehabt hatte. Als sie ihr Handy aus der Seitentasche ihres Trolleys fischte, überlegte sie, warum ihr Handy sich noch in kein Netzwerk eingewählt hatte.
»Denn ich liebe die griechische Weihnachtsstimmung!«, fuhr Bonnie fort. »Diese Musik! Und die geschmückten Bäume! Dabei haben wir den Flughafen noch gar nicht verlassen. Ich habe das Gefühl, dass Athen London in den Schatten stellen wird.«
Bonnie war aufgeregt. In einem Ausmaß, wie man es eigentlich von Jen erwartet hätte. Aber für sie war es nicht normal, spontan in einen Flieger zu steigen – überhaupt in einen Flieger zu steigen. Jen war zufrieden, wenn sie inmitten von weihnachtlichem Lichterglanz arbeitete, wie sie es in Little Pickering konnte, denn dort fühlte sie sich sicher. Hier zu sein, war ein Schritt ins Unbekannte.
»Taxi oder Metro?«, fragte Bonnie. Ein Taxi klang teurer, Jen musste aufs Geld achten. Auch wenn Kathleen gestern bei ihrem Besuch noch in ihre Handtasche gegriffen und ein Bündel Scheine hervorgeholt hatte, das sie Jen zum Abschied in die Hand drückte. Sie war fest entschlossen, es Kathleen zurückzuzahlen.
»Okay, ich entscheide«, sagte Bonnie und zog Jen zu den Glastüren. »Taxi. Ich zahle.«
»Bonnie, du kannst nicht alles bezahlen. Du hast schon die Flüge gebucht. Ich weiß, dass du Greg Geld dafür gegeben hast, dass er uns zum Flughafen fährt, und …«
»Und du hast keine Ahnung, wie dankbar ich bin, eine Woche nicht mit meiner Schwester unter einem Dach leben zu müssen.« Sie drückte Jens Arm. »Kannst du dir echt nicht vorstellen, oder? Komm, mach einfach mit! Außerdem ist mit Davids Kreditkarte, sobald wir ihn gefunden haben, bestimmt ein griechisches Abendessen drin.«
Jen kam nicht mehr dazu, darauf zu antworten, denn schon waren sie draußen, über ihnen ein strahlend blauer Winterhimmel und um sie herum ziemlich warmer Wind.
Bar Páme, Plaka, Athen
»Einmal Mezze spezial und dazu dolmades, einmal Gruß aus der Küche.«
Astro Salvas lächelte die drei Gäste an, dann stellte er zwei große Platten mit Essen auf den Tisch. Wie üblich erklang beim Servieren der Vorspeise aus Fleischbällchen, Würstchen, Hühnchen- und Schwein-Souflakis, knusprigen, mit Sesam besetzten Schafskäsepäckchen, Pitabrot und selbst gemachten Pommes ein anerkennendes Raunen. Kaum hatte Astro sich vom Tisch abgewandt, um zur Theke zurückzugehen, verschwand sein Lächeln. Sein Onkel Philippos, der Besitzer der Bar, stand auf einer Trittleiter und wickelte Lamettagirlanden um die traditionelle Steineinfassung der Zapfanlage. Die Bar mit ihren Steinwänden und den in die Mauern geschlagenen Löchern zur Lagerung von Flaschen glich eher einer Höhle als einem Café und war damit ebenso gemütlich wie hip. Dazu passte keine kitschige Weihnachtsdeko.
»Was machst du da?«, fuhr Astro seinen Onkel an.
»Bevor du irgendwas sagst«, begann Philippos. »Ich …«
»Ich habe schon was gesagt«, unterbrach Astro ihn. »Ich habe dich gefragt, was du da machst.«
»Weißt du nicht, wie die anderen Bars und Restaurants aussehen? Die sind schon seit Mitte November weihnachtlich geschmückt.« Philippos stand noch immer auf der Leiter. Zwei der Sprossen waren so krumm, dass sie jeden Moment brechen konnten. Philippos hielt das Ende einer Girlande in der Hand, das andere wand sich über den Boden wie ein hässlicher glitzernder Wurm.
»Ich versuche, nicht hinzusehen«, erwiderte Astro. »Was glaubst du, warum ich von Mitte November bis weit ins neue Jahr immer mit Kapuze herumlaufe?«
Philippos ließ die Girlande fallen. »Astro, es ist jetzt siebzehn Jahre her.« Er seufzte. »Aber ich weiß, dass die Zeit nichts ändert. Mir ist auch klar, dass diese Jahreszeit nicht so rentabel ist wie der Sommer, aber Griechenland möchte nun mal ganzjähriges Reiseziel sein. Sie werben mit dem griechischen Winter, und es kommen immer mehr Touristen.« Er überlegte, befeuchtete seine Lippen. »Ich denke nur, dass Eleni … also deine Mutter, sie hätte nicht gewollt, dass wir uns diese Gelegenheit entgehen lassen. In der Zeit, die sie mit uns hatte, nahm sie alles mit, was sie kriegen konnte, oder?«
Astro war erstarrt, kaum dass Philippos »siebzehn Jahre« gesagt hatte. Es könnten hundert Jahre vergehen, es würde nichts ändern. Seine Mutter war am ersten Weihnachtstag gestorben, als er gerade mal sieben Jahre alt gewesen war. Am Tag zuvor hatte sie ihm noch eine Geschichte über den heiligen Vassilios vorgelesen, ihm einen Gutenachtkuss gegeben und die Bettdecke um ihn herum festgesteckt, um ihn anschließend am Hals zu kitzeln, wie sie es immer tat, dann war sie zur Arbeit gegangen und hatte ihren Sohn mit dem Babysitter zurückgelassen. Er hatte seine Mama nicht mehr lebendig wiedergesehen. Ein Aneurysma, hatten sie gesagt, von dem sie nichts gewusst hatte. Astro mit seinen sieben Jahren hatte nicht verstanden, wovon die Leute redeten, später hatte er es nachgelesen.
Oft fragte Astro sich, ob seine Mutter etwas von dieser Gefahr geahnt oder zumindest gespürt hatte, dass etwas nicht stimmte, aber den Arztbesuch vor sich hergeschoben hatte. Wahrscheinlicher war allerdings, dass sie bei ihrem Job als Kellnerin keine Zeit dafür gefunden hatte. In den Erinnerungen, die er an seine Mutter hatte, jonglierte sie immer mit hundert Dingen gleichzeitig: die Arbeit, sein Schulbesuch, improvisierte Wochenendausflüge, noch mehr Arbeit. Als Philippos an jenem Weihnachtsmorgen mit roten Augen zu ihnen gekommen war, kleine Schneeflocken in seinem damals noch dunklen Bart, hatte Astro gewusst, dass sich sein Leben ändern würde. Es war, als sei ihm plötzlich klar geworden, dass das, was er erlebt hatte, eine zu kurze Vorbereitung auf das war, was noch kommen sollte …
»Nein.«
Das Wort kam etwas zu laut heraus; es ließ Wut und Verzweiflung erahnen. Doch Astro nahm es nicht zurück. Mit seinen grünen Augen fixierte er seinen Onkel, um seinen Standpunkt ganz deutlich zu machen, damit er diese widerwärtige goldene Rauschgoldschlange in jene Kiste zurückpackte, aus der er sie geholt hatte.
»Astro …«
Er änderte seine Strategie, versuchte, seine Gefühle zu verdrängen, die wie Spinnen über ihn hinwegkrochen. »Die Bar Páme setzt sich das ganze Jahr über von den anderen ab. Warum soll sie jetzt unbedingt so wie alle anderen sein?« Astro zwang sich zu lächeln. »Was ist mit unserer Einzigartigkeit? Unsere Bar ist doch etwas Besonderes.«
Philippos’ Gesichtsausdruck nach zu urteilen, funktionierte auch diese Strategie nicht. Mehr fiel Astro nicht ein.
Im Radio lief ein Lied mit klingelnden Glocken. Astro biss die Zähne aufeinander.
»Meine Bar«, setzte Philippos an und stellte einen Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter, »braucht jeden Cent, den ich einnehmen kann … Sonst muss ich Marjorie noch vor Ende des Jahres kündigen.«
»Was?«
»Hier geht’s um Zahlen, Astro. Und so leid es mir tut, aber wenn ich diesen Laden nicht zu einer Wintergrotte umbaue, die den heiligen Vassilios mit Stolz erfüllt hätte, dann ziehen die Touristen, die weihnachtliche Stimmung suchen, einfach weiter.«
Als Philippos auf die nächste Sprosse stieg, brach sie durch. Rücklings schlug er auf den Boden. Die goldene Lamettagirlande riss ab und landete auf Philippos’ Gesicht.
»Alles in Ordnung?« Astro hielt ihm die Hand hin.
Brummend hievte sich Philippos hoch und schob sich die Girlande aus dem Bart.
»Der Weihnachtsschmuck wird aufgehängt, Astro. Entweder heute oder morgen. Und ab Ende der Woche läuft bei uns Weihnachtsmusik, wir nehmen Servietten mit Stechpalmenblättern, und außerdem setzen wir melomakarona auf die Speisekarte.«
Astro biss sich auf die Lippe. Etwas Weihnachtlicheres als dieses Gebäck gab es nicht. Es waren Plätzchen aus Honig, Zimt, Nelken und Muskatnuss. Im Jahr, als seine Mutter starb, hatten sie gemeinsam Cupcakes mit diesen Gewürzen gemacht, und Astro hatte so viel Sirup in die Haare bekommen, dass seine Mutter ihm Ecken aus dem Pony schneiden musste. Jetzt würde er die Plätzchen den Gästen servieren. Bei dem Gedanken hätte er sich am liebsten übergeben. Mit dem Fuß trat er auf die Lamettagirlande. Zum Teufel mit dieser Jahreszeit!
Hotel Plaka, Plaka, Athen
Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel durch ziemlich dichten Verkehr hatte ungefähr eine Dreiviertelstunde gedauert, und Jen hatte gespürt, wie ihre Schultern immer entspannter wurden, während das Taxi an funkelnder Weihnachtsbeleuchtung vorbeifuhr. Obwohl es in Athen im Vergleich zu England ziemlich warm war, hatte die Stadt sich für die Wintersaison herausgeputzt. Das fing bei den hohen geschmückten Tannen in den Ecken der weitläufigen marmornen Plätze an und reichte bis zu den großen, fast bühnenbildreifen Sternen über den Fahrbahnen unterhalb der Ruinen, von denen David ein Foto geschickt hatte: der Parthenon. Er strahlte hoch über der Stadt vor dem klaren, dunkler werdenden Himmel.
Von der Dachterrasse des Hotels aus, wo Jen und Bonnie saßen, eine Karaffe Rotwein zwischen ihnen, fühlte es sich irgendwie an, als seien sie Teil einer antiken Zivilisation. Und in der Nacht würde Jen neben Bonnie und den zahllosen Schokoriegeln, die sie im Koffer mitgeschleppt hatte, endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen.
Oder würde sie in ein anderes Hotel ziehen und mit David in einem anderen Bett liegen? Jens Blick wanderte zu ihrem Handy, das neben dem wirklich leckeren vollmundigen Rotwein lag.
»Immer noch nichts?«, fragte Bonnie.
»Nein«, erwiderte Jen und legte die Hände um ihr Weinglas. Sie seufzte, spürte wieder die Verspannung in ihrer Nackenmuskulatur. Dann sprach sie aus, was ihr durch den Kopf ging: »Ist ein bisschen komisch, oder?«
»Nun ja, er hat gesagt, er müsste die ganze Zeit arbeiten.«
»Okay. Aber zwischendurch muss man auch mal zur Toilette, oder? Und warst du schon mal auf dem Klo, ohne aufs Handy zu gucken, bevor du weiterarbeitest?«
»Ehrlich gesagt«, entgegnete Bonnie, und ihre Finger tasteten sich zu dem Bombay-Knabbermix vor, der ihnen mit ihren Getränken serviert worden war, »gucke ich sogar aufs Handy, wenn ich die wöchentlichen Diabeteswerte von Mrs. Curtis’ Jack Russell nachschlage.«
»Warum reagiert David dann nicht auf meine Anrufe und Nachrichten?«, fragte Jen ebenso sehr das Universum wie Bonnie oder die griechischen Götter, die zum Greifen nah schienen.
»Vergiss nicht, dass David gar nicht weiß, dass du hier bist.« Bonnie trank einen Schluck Wein, als würde sie sich regelmäßig auf griechischen Dachterrassen herumtreiben. »Er glaubt, du würdest wieder mal einen Heiratsantrag zu den Feiertagen oder die Markteinführung eines Cranberry-Produkts planen. In England.«
Verspürte Jen dieses Gefühl von Dringlichkeit, weil sie hier war und nicht zu Hause? Weil sie aus einer Laune heraus gehandelt hatte und noch nicht wusste, wie David reagieren würde? Oder hatte sie doch Angst, dass hinter seinen verspäteten Reaktionen viel mehr steckte als die Arbeit? Es hatte Zeiten gegeben, da hatte sie über ein ganzes Wochenende nichts von ihm gehört, doch irgendwann hatte David sich immer mit einer einleuchtenden Erklärung gemeldet. Aus irgendeinem Grund hatte Jen jetzt eine seltsame Vorahnung …
»Tja, wie lange gebe ich ihm Zeit? Ich meine, was ist, wenn er heute Abend überhaupt nicht mehr antwortet? Oder morgen früh? Ich weiß ja nicht, in welchem Hotel er wohnt und wo seine Firma sitzt …«
Bonnie griff zu ihrem Handy, das an einem langen Band vor ihrem Bauch hing. »Aber du weißt doch, für welche Firma er arbeitet, oder? Die könnten wir einfach raussuchen und die Adresse nachsehen.«
Jen schüttelte den Kopf. »O Gott, als wären wir total die Stalker.«
»Sag mir, wie die Firma heißt! Wir müssen da ja nicht noch heute Abend anrufen oder da auftauchen oder so. Nur auf die sehr geringe, quasi nicht existente Wahrscheinlichkeit hin, dass er bis morgen früh nicht reagiert, haben wir etwas, wo wir ansetzen können.«
So klang es, wenn Bonnie äußerst vernünftig war. Das fiel ihr nicht immer leicht. Jen trank einen Schluck Wein, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und genoss die Wärme. Es war herrlich, dass sie nicht ihren für minus dreißig Grad geeigneten Mantel über einem langärmeligen Oberteil tragen musste.
»Die Firma heißt Tex Spex.«
»Buchstabier mal«, forderte Bonnie sie auf.
Selbst nach mehreren Minuten hatte Bonnie nichts gefunden. Ein gewisses Unbehagen machte sich in Jen breit.
Sie stellte ihr Weinglas auf den Tisch und beugte sich vor. »Kannst du die Firma nicht finden? Hast du sie auch richtig geschrieben?«
»Ja, ja. Wahrscheinlich spinnt Safari nur rum. Alles nur Werbung und Anzeigen, die man nicht braucht.«
Jen hörte die Panik in ihrer Stimme. Ihre Finger tasteten nicht nach den Nüssen, sondern nach ihrem eigenen Handy, dessen Display jedoch weiterhin schwarz wie die Nacht war.
»Okay, denken wir mal logisch«, sagte Bonnie.
»Was? Du denkst nie logisch. Du bist die Frau, die immer noch glaubt, dass Cillian Murphy eines Tages bei Greg’s hereinspaziert und ein Toastie bestellt.«
»Möglich wäre es!«
Jen begann, selbst nach Tex Spex zu suchen. Da: Die Website des Technologieunternehmens war in gedämpften Grau- und Rottönen gehalten. Sie sah ein bisschen aus, als hätte sie der Terminator entworfen.
Unsere Niederlassungen. Jen ging die alphabetische Länderliste durch. Belgien. Deutschland. Frankreich. Großbritannien.Spanien. Wo war Griechenland?
Auf ihrem Bildungsweg mochte sie so manche Schule nur flüchtig besucht haben, aber sie wusste, dass Griechenland direkt vor Großbritannien kommen musste. Und selbst wenn der oder die Verantwortliche für die Website das Alphabet nicht im Schlaf beherrschte, müsste das Land irgendwo auftauchen. Tat es aber nicht. Nirgends. Trotz der warmen Luft wurde Jen eiskalt. Sie erschauderte.
»Du hast keine Niederlassung in Athen gefunden«, stellte sie fest. Ihre Stimme klang wie die des Navigationssystems, das emotionslos die Richtung ansagte.
»Nein«, antwortete Bonnie. »Aber du weißt ja, dass Websites manchmal nicht aktuell sind, die Niederlassung kann ja ganz neu sein. Vielleicht hat Tex Spex eine Firma übernommen, die vorher anders hieß, wodurch das große Problem, das David jetzt reparieren muss, überhaupt erst entstanden ist, und …«
Jen fragte sich, wie lange Bonnie noch weiterreden wollte. Sie stand auf und ging an den Rand der Dachterrasse.
Dort stützte sie sich aufs Geländer und ließ den Blick über die Stadt schweifen, während ihr Gehirn versuchte, die Leerstellen zu füllen. Das Haus gegenüber war fast komplett zugewachsen, auf der gefliesten Nachbarterrasse standen Bistrotische und -stühle.
