Winterzauber in den Alpen - Mandy Baggot - E-Book

Winterzauber in den Alpen E-Book

Mandy Baggot

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Beschreibung

Der neue Winter-Bestseller zum Einkuscheln und Verlieben!

Die Reisejournalistin Orla hatte sich so auf die Feiertage mit ihrer Familie in London gefreut, da schickt ihre Chefin sie in die französischen Alpen. Dort soll Orla eine Weihnachtsreportage über ein kleines Dorf und seine Bewohner schreiben, allen voran den schweigsamen Chaletbesitzer Jacques. Ein mürrischer Franzose hat Orla gerade noch gefehlt. Doch das charmante Saint-Chambéry, die atemberaubende verschneite Berglandschaft und die liebenswerte Dorfgemeinschaft erobern schnell ihr Herz. Und umgeben vom Zauber des Winters weckt sogar der verschlossene Jacques wider Erwarten Orlas Neugier …

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Reisejournalistin Orla hatte sich so auf die Feiertage mit ihrer Familie in London gefreut, da schickt ihre Chefin sie in die französischen Alpen. Dort soll Orla eine Weihnachtsreportage über ein kleines Dorf und seine Bewohner schreiben, allen voran den schweigsamen Chaletbesitzer Jacques. Ein mürrischer Franzose hat Orla gerade noch gefehlt. Doch das charmante Saint-Chambéry, die atemberaubende verschneite Berglandschaft und die liebenswerte Dorfgemeinschaft erobern schnell ihr Herz. Und umgeben vom Zauber des Winters weckt sogar der verschlossene Jacques wider Erwarten Orlas Neugier …

Weitere Informationen zu Mandy Baggot

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Mandy Baggot

Winterzauber in den Alpen

Roman

Aus dem Englischen von Andrea Fischer

Die englische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »One Winter at the French Chalet« bei Boldwood Books Ltd, London.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung September 2025 

Copyright © Mandy Baggot, 2024 

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025 

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotive: Prisma by Dukas Presseagentur GmbH/Alamy Stock Foto; Prochasson Frederic/Alamy Stock Foto; FinePic®, München

Redaktion: Lisa Caroline Wolf

KS · Herstellung: ik

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-33592-2V001

www.goldmann-verlag.de

Für die besten Freundinnen, die man haben kann:

Sue

Rachel

Karen

Jane

Michelle

Angela

Danke, dass ihr für mich da wart,

als es drauf ankam!

1.London, Großbritannien

»Hier musst du eine Zahl eintragen!«

Ein DIN-A4-Blatt landete so plötzlich auf Orla Bradbees Schreibtisch, dass sie auf ihrem Bürostuhl zusammenzuckte.

»Mensch, Alan!«, rief sie und brachte schnell ihren Becher mit heißer Schokolade in Sicherheit, damit ihr Kollege mit seiner ungebremsten Energie ihn nicht umstieß und über die Weihnachtskarten kippte, die sie während der Arbeitszeit eigentlich gar nicht schreiben durfte.

»Los, schnell!«, forderte Alan und sah sich über die Schulter um. »Sharon sitzt mir im Nacken, sie hat zehn getippt, aber mit Insiderinformationen. Ich finde, sie dürfte gar nicht mitmachen.«

Orla hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Sie schaute auf den Zettel. »Was ist das?«

»Ach, Orla, du hast die ganze Woche wieder nichts mitbekommen. Schäm dich!«

»Weil ich arbeite?«, fragte sie.

»Es ist Mitte Dezember«, sagte Alan, als würde das alles erklären. »Egal, es geht um die Schätzfrage, auf die schon alle hinfiebern: Wie viele Heroes aus der Sammelpackung von Cadbury bekommt Sonil auf einmal in den Mund?«

Orla schüttelte den Kopf. Was hatte Alan für ein Problem, dass er zu jedem besonderem Anlass ein Tippspiel organisieren musste? Im letzten Monat hatte er, angeblich als Aktion für den Männergesundheitsmonat November, angeregt, dass alle Kollegen Kresseköpfe mit Schnurrbartaussparungen pflanzten. Der größte gewann. Nach einem besonders anstrengenden Meeting hatte Orla so großen Hunger gehabt, dass sie die Kresse aus ihrem Topf gepflückt und gegessen hatte. Sie griff zu ihrem Stift. »Sonil feiert doch gar kein Weihnachten.«

»Das ist ja das Schöne daran«, beharrte Alan. »Cadbury’s Heroes gibt es nicht nur zu Weihnachten, also ist das eine richtig gute Möglichkeit, sich zu integrieren, findest du nicht?«

Der Satz entbehrte komplett jeder Logik, aber Orla hatte keine Energie, um den Kollegen da­rauf hinzuweisen. Sie hatte ihrer sechzehnjährigen Schwester Erin versprochen, mit ihr nach der Arbeit einen extrem überteuerten Kaffee in einem Laden zu trinken, von dem ihre Mutter behauptete, er würde »die heutige Jugend ausnutzen« und »die Jugendlichen gegeneinander aufhetzen«.

Orla notierte eine Zahl auf Alans Zettel und reichte ihn zurück.

»Fünfzehn!«, rief er ungläubig. »Willst du nicht noch mal überlegen? Du hast bestimmt nicht an die langen Mini-Twirls gedacht.«

»Hör mal«, setzte Orla an, den Blick auf ihren Monitor gerichtet, »wenn du wirklich willst, dass ich eine Schätzung auf wissenschaftlicher Grundlage vornehme, müsste ich erst mal wissen, ob die Auswahl an Süßigkeiten rein zufällig erfolgt. Und wenn nicht, müsste ich wissen, wer sie auswählt, denn dann müsste der- oder diejenige absolut neutral sein, also auf keinen Fall Sonil selbst.«

Sie sah Alans Spiegelbild in ihrem Bildschirm und merkte, dass er nicht im Ansatz über dergleichen nachgedacht hatte. Nun, da sie ihn da­rauf hingewiesen hatte, war es sehr wahrscheinlich, dass er bald mit einer dicken Migräne nach Hause ging, um das Ganze noch mal zu überdenken. Schon verdrückte sich Alan, und Orla hätte gern einen kurzen Moment erleichtert durchgeschnaubt, doch schon klingelte ihr Handy. Erin. Was konnte ihre Schwester jetzt noch wollen, wo sie sich doch in weniger als einer Stunde trafen? Orla ging dran.

»Hallo!«

»Hey, Bro, glaubst du, mir würden blonde Highlights stehen?«

»Entschuldigung, wie hast du mich gerade genannt? Ich bin deine Schwester, kein Gangsta-Rapper.«

»Sag schnell! Ein Friseurtermin im Dezember ist genauso schwer zu bekommen wie ein Tisch im Club Class.«

Club Class war der neueste In-Laden, wo man sich abends sehen ließ. Bei ihrer Mutter hieß er »Titten und Arsch«, und Erin durfte nicht mehr hin, auch nicht mehr in ähnliche Etablissements, seit ihr heimlich gestochenes Tattoo auf dem Social-Media-Account des Clubs zu sehen gewesen war und die ehemaligen Bauarbeiterkumpel ihres Vaters ihn da­rauf aufmerksam gemacht hatten. Außerdem war sie erst sechzehn und durfte offiziell sowieso nicht rein.

»Erin, wir sehen uns in sechsundfünfzig Minuten, können wir dann darüber reden?«

»Ja oder nein?«

»Ich weiß es nicht.«

»Das stand nicht zur Auswahl. Ja oder nein?«

»Sind Highlights nicht teuer?«

»Gähn! Das war immer noch kein Ja oder Nein. Los, schnell!«

Orla hatte das Gefühl, an einer Gameshow im Fernsehen teilzunehmen, wo ihr gerade der Hauptpreis durch die Finger glitt.

»Und was ist, wenn’s dir nicht gefällt?«, fragte sie. »Du bist an deine Frisur gewöhnt, oder? Du kennst sie, kommst damit klar. Ich will nicht sagen, dass dir eine Veränderung nicht stehen würde, aber wenn das so viel kostet und …«

Ein Piepston teilte ihr mit, dass das Gespräch beendet worden war. Erin hatte aufgelegt. Unhöflich, ja, aber nicht ungewöhnlich. Orla legte ihr Handy auf den Tisch und zuckte zusammen. Direkt hinter ihr stand ihre Chefin Frances. Deren Gesichtsausdruck verriet Orla, dass sie genug vom Gespräch mitgehört hatte, um verstanden zu haben, dass es nicht um die Arbeit gegangen war.

»Ich hoffe, ich störe nicht«, bemerkte Frances. Ihr Gesichtsausdruck wirkte leicht arrogant. So sah sie fast immer aus, seit Orla vor einiger Zeit bei der Zeitschrift angefangen hatte.

»Nein«, beeilte sie sich zu sagen. »Ein Werbeanruf. Echt nervig und hartnäckig. Ich musste wirklich energisch werden.«

»Und Frisurentipps geben«, bemerkte Frances. »Du warst viel zu freundlich.«

Orla lächelte nur und hoffte, dass Frances weiterging. Ihre Chefin hatte ein Blatt Papier in der Hand.

»Apropos freundlich …«, sagte sie.

O nein! Jetzt kam bestimmt ein Spendenaufruf für irgendeine Wohltätigkeitsgeschichte, und Orla hatte kein Bargeld mehr. Sie musste dringend an den Automaten.

»Du fliegst nach Frankreich. Morgen. Betrachte es als vorweihnachtliche Überraschung.«

»Was?« Der Satz war nicht ganz bei Orla angekommen.

»Könnte der Knüller des Jahres werden, vielleicht mit Live-Berichterstattung im Fernsehen, wahrscheinlich zwischen einem großkotzigen Politiker und irgendeinem Comedian, der für den guten Zweck einen lahmen Sketch aufführt. Könnte auch ein Flop werden, aber Roger findet es so spannend, dass er den Flug genehmigt hat, von daher …«

Orla hatte immer noch nicht verstanden. »Hast du gesagt: morgen? Wohin in Frankreich? Wie lange? Also, ich hab den Artikel über die griechischen Otter noch nicht fertig.« Allerdings musste Orla zugeben, dass die Worte »Knüller des Jahres« durchaus ihr Interesse geweckt hatten.

»Ähm, Orla, vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt.« Frances beugte sich vor und kam ihr etwas zu nah. »Du sitzt morgen früh im Flieger. Diese Frau will unbedingt, dass du das Interview machst – schon seit drei, vier Wochen liegt sie mir damit in den Ohren. Sie kennt deinen Artikel übers Eisfischen. Aber heute Morgen kam der große Gamechanger. Die haben ein trächtiges Rentier, das in den nächsten Tagen wirft. Also, ich will ein Interview mit dem Mann, der nicht spricht, ich will Fotos und ein Video von dem vierbeinigen Kuscheltier, und das alles muss bis Heiligabend im Kasten und auf der Website sein. Hoffen wir, dass das Kleine in dem Moment rausflutscht, wo überall die Weihnachtsgeschichte vorgelesen wird! Wir brauchen die Klicks. Wir brauchen die Abos. Ich muss dieses Jahr mit etwas Positivem abschließen!«

Hatte Frances gerade einen Mann erwähnt, der nicht sprach? Schon klang das Ganze nicht mehr nach Pulitzer-Preis. Es schien eher ein Auftrag für jemanden zu sein, der noch nicht so lange in der Redaktion war wie Orla.

»Du willst, dass ich so lange in Frankreich bleibe, bis ein bestimmtes Rentier kalbt?«, hakte Orla nach. »Was jeden Moment passieren kann, aber vielleicht auch erst Heiligabend? Das hieße ja, dass ich Weihnachten nicht zu Hause wäre. Da habe ich aber schon was vor.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte Frances. »Genau das, was du jedes Jahr Weihnachten vorhast. Mal abgesehen von, warte kurz, war das 2019, als es bei euch diesen lächerlichen Truthahn im Teigmantel gab und das Essen zwei Stunden zu spät auf dem Tisch stand? Truthahn-Emoji, Tränen-vor-Lachen-Emoji, Wind-Emoji.«

Orla fiel die Kinnlade runter. Sie wusste, dass Frances stets bestens vorbereitet und bewaffnet in den Kampf zog, aber hatte sie tatsächlich Orlas weihnachtliche Social-Media-Posts der letzten Jahre gestalkt, um ihr unter die Nase reiben zu können, dass sie jedes Jahr dasselbe machte?

»Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll«, stotterte Orla. Sollte sie den Auftrag auf jemand anderen abwälzen?

»Gut«, sagte Frances. »Ich habe dir schon alles gemailt. Der Betreff lautet: ›Versau es nicht‹.« Sie wedelte mit einem Blatt. »Und jetzt hierzu.«

Sie legte das DIN-A4-Blatt auf Orlas Schreibtisch und nahm einen Stift aus dem Halter. Kamen jetzt noch mehr Informationen, die nicht in der Versau-es-nicht-Mail standen? Vielleicht Hintergrundinfos über das trächtige Rentier und diesen wortkargen Typen? Oder, besser noch, Frances lieferte ihr einen triftigen Grund, wa­rum die Zeitschrift eine ihrer erfahrensten Journalistinnen so kurz vor Weihnachten nach Frankreich schickte.

»Das ist eine Tipprunde«, informierte die Chefin Orla. »Wie viele Heroes von Cadbury kann sich Sonil in den Mund stopfen, bevor er keine Luft mehr bekommt und der Notarzt gerufen werden muss?«

Orla schaute auf das Blatt. Rita hatte fünfundzwanzig geschätzt. Samuel sogar dreißig. »Aber das ist …«

»Noch ein bisschen gewagter als Alans Version, ich weiß. Und Sonil hat sich dieses Jahr einen Bonus verdient, wenn du weißt, was ich meine.«

Orla wusste nicht, ob sie angewidert sein, die Genialität ihrer Chefin bewundern oder sich Sorgen um Sonil machen sollte. Nun, viel wichtiger war gerade, dass sie einen Koffer für ihren Aufenthalt im Ausland packen musste …

Sie griff zu dem Stift. »Mit wie viel hast du ihn bestochen?«

»Pst, Orla, das ist ein unverschämter Verdacht!«

»Also, wenn ich einen Tipp abgeben und morgen früh nach Frankreich fliegen soll, brauche ich zumindest einen Anhaltspunkt.«

Frances’ Gesichtsausdruck verriet, dass sie Orlas Anliegen abwog und überlegte, wa­rum sie sie nicht tout de suite zum Flughafen schickte.

»Möglicherweise habe ich ihm zwanzig Prozent mehr geboten, als er bei Alans Tippspiel bekommt. Und ihm versichert, dass ein Rettungswagen bereitsteht. Mehr sage ich nicht.«

»Gut.« Orla schrieb ihre Schätzung in die Spalte neben ihren Namen. »Aber wenn ich in deiner Mail nicht alle Angaben zu dieser Reise finde, schreibe ich dir eine WhatsApp, die du mir umgehend beantworten musst.«

»Mach das«, sagte Frances. »Ich antworte. Aber wenn mein Bruder erst mal den Baileys mit dem Geschmack des Jahres aufgemacht hat, kann ich nicht mehr für qualitativ hochwertige Antworten garantieren.«

Orla nickte in dem Wissen, dass dies leider das beste Angebot war, das sie bekommen würde.

2.

»Wie viele Kalorien hat noch mal ein Flat White?«

»Kaffee hat doch gar keine Kalorien, oder?«

Der Satz brachte Orla einen verächtlichen Blick von Erin ein, unter dem sie wahrscheinlich zur Salzsäule erstarrt wäre, wenn sie nicht zur Seite geguckt hätte. Sie sah sich in dem hochmodernen Café um, das prestigeträchtig glänzte und funkelte.

»Das war ernst gemeint.« Erins Blick flog über die Speisekarte auf ihrem Handy – hier gab es keine auf Papier, nur einen QR-Code zum Scannen. »Ich will mich in das neue Kleid in 34 quetschen, das ich im Moment noch nicht ganz zukriege.«

»Warum hast du es denn nicht einfach in 36 gekauft?«, fragte Orla.

»Bist du hundert wie Mum?«, gab Erin vorwurfsvoll zurück. »Warum soll ich das tun, wenn 34 so gut wie passt und Danica und Tania auch was in 34 gekauft haben, was farblich total gut zusammenpasst?«

Darauf wusste Orla keine Antwort. Sie hätte nie gedacht, dass der zehnjährige Unterschied zwischen ihrer Schwester und ihr so viel ausmachen würde, doch offenbar hatte sie kaum eine Vorstellung davon, wie sie sich mit Erin und deren Generation unterhalten sollte, ohne dass sie wie Mary Berry klang, die von einem blühenden Garten schwärmte und wie gut dazu ein leckeres Trifle passte.

»Ich nehme nur einen Americano. Ohne Milch. Oooh, und wenn du zahlst, auch noch einen Schokomuffin.«

»Für mich dasselbe«, sagte Orla. »Willst du das direkt übers Handy bestellen? Dann gebe ich dir meine Kreditkarte zum Bezahlen und …«

»Schon passiert. Ich habe dein PayPal genommen.« Erin legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.

»Aha«, machte Orla. Am liebsten hätte sie ihre Schwester gefragt, ob sie ihren PayPal-Account öfter benutzte, aber das war sicher nicht die beste Taktik, wenn sie das Ziel hatte, Erin auszuhorchen. Neben dem Süßigkeiten-Tippspiel, Frances’ Frankreich-Mail und dem Kauf von 100 ml-Fläschchen im Drogeriemarkt hatte Orla nämlich eine Nachricht von ihrer Mutter bekommen, in der sie andeutete, Erin habe noch mehr als ihre Besuche im Club Class verheimlicht. Orla sollte herausfinden, was da genau zwischen ihrer Schwester und einem gewissen Typen lief, den sie über Instagram kennengelernt hatte.

»Und hast du schon den Truthahn bestellt?«, fragte Erin. Sie nahm ihr Handy hoch, schaute aufs Display und legte es wieder hin.

Ein kalter Schauer lief Orla über den Rücken. Sie war dieses Jahr nicht für den Truthahn der Bradbees zuständig. Das hatte sie letztes Jahr übernommen. Dieses Jahr war Tante Bren an der Reihe. Oder etwa nicht?

Erin brach in Lachen aus. »O Mann, dein Gesicht! Ich dachte gerade, du machst dir in die Hose! Hast du nicht, oder? Das tun alte Leute nämlich manchmal. Letztes Jahr Weihnachten habe ich Tante Bren zehn Minuten lang mein Handy geliehen, und anschließend wurde ich wochenlang mit Werbung für Tena Lady geflutet.«

Das war nicht lustig. Aber es bot Orla die Gelegenheit, da­rauf hinzuweisen, dass sie dieses Jahr möglicherweise nicht rechtzeitig zum großen Mittagessen am ersten Feiertag, zum Bananennachtisch am zweiten und zum Eintopf an Silvester da sein würde.

»Also«, begann sie zögernd. »Wahrscheinlich bin ich dieses Jahr an Weihnachten nicht da.«

Wieder lachte Erin. »Was? Der Witz ist noch besser als die, die in den Weihnachts-Crackern sind. Nee, Blödsinn. Die Witze sind scheiße.«

»Das ist mein Ernst. Ich muss arbeiten.«

»Das musstest du sonst auch. Einmal hat Mum Vanillesoße über deinen Laptop gekippt, als du am Tisch gesessen und gearbeitet hast.«

Orla seufzte. »Dieses Jahr muss ich woanders arbeiten.«

»Damals warst du auch meilenweit weg.«

»Nein, ich meine, ich werde nicht im Land sein.«

Die Augen ihrer Schwester leuchteten auf wie der Stern von Bethlehem. »Du bist in einem anderen Land? In Dubai? O bitte, in Dubai!«

»Nein, ich bin nicht in Dubai.«

»Wo dann? Auf Bora Bora? Wenigstens in Thailand?«

»In Frankreich.«

»O mein Gott! Paris! Ja, das ist cool. Ich komme mit! Ich brauche noch Klamotten, Acrylnägel und einen Brazilian!«

»Erin …«

»Das muss ich gleich Burim erzählen. Ist doch bestimmt viel einfacher, nach Frankreich zu kommen als hierher, oder?«

Burim? War das der Typ, wegen dem sich ihre Mutter Sorgen machte? Orla musste Erins Begeisterung dringend einen Dämpfer verpassen. Nie im Leben konnte sie ihre kleine Schwester mitnehmen – außerdem flog sie nicht nach Paris –, aber vielleicht konnte sie diese kleine Fehlannahme von Erin ja ausnutzen …

»Ah, Burim. Von dem hast du mir noch gar nicht erzählt«, sagte Orla, während ihnen die Getränke und Muffins serviert wurden.

Erin sah ihr streng in die Augen. »Woher weißt du, dass Burim ein Mann ist?«

»Was?«

»Na, ich habe ja nicht ›David‹ gesagt, oder? Burim könnte auch ein Frauenname sein, wieso glaubst du also, dass er männlich ist?«

Orla unterschätzte immer wieder, wie blitzgescheit ihre Schwester war. Innerhalb eines Wimperschlags konnte Erin von einer verträumten Anbeterin rosafarbener Gegenstände zur konzentriertesten, spitzfindigsten Topanwältin mutieren, wenn sie sich verteidigen musste.

»Ist Burim denn eine Frau?«, fragte Orla.

»Willst du das wissen? Oder Mum?«

Erin war wirklich verdammt gut. Als Journalistin war Orla es gewohnt, Menschen Informationen zu entlocken, die diese nicht preisgeben wollten. Die Zeitschrift Travel in Mind, für die sie arbeitete, war eine Mischung aus National Geographic und Time, auch ein bisschen Condé Nast Traveller. Allerdings ging es in den meisten Artikeln von Orla aus dem vergangenen Jahr um Orte oder Tiere, nicht um Menschen. Sie war in das Herz der Heide gereist und auf den Gipfel des Königreichs der Tiere gestiegen und hatte dort einzigartige Geschichten vorgefunden, durch die sich Travel in Mind von der Konkurrenz abhob. Wenn sie ihren Fokus mehr auf das trächtige Rentier als auf den Typ richtete, bewegte sie sich eher in ihrer Komfortzone.

»Du brauchst nichts dazu zu sagen«, ließ Erin sich vernehmen, nachdem Orla nicht sofort etwas erwidert hatte. »Ich habe Mums Nachricht gesehen.«

»Du liest Mums Nachrichten?«, rief Orla, und ein ganzer Strauß von Dingen, die sie ihrer Mutter über ihre Schwester geschrieben hatte, rieselte auf sie nieder wie ein Konfetti­regen.

»Wer hat denn heutzutage keine App, die anderer Leute Nachrichten liest?« Erin verdrehte die Augen.

»Ich«, entgegnete Orla. »Weil das eine Verletzung der Privatsphäre ist.«

»Mum verletzt auch die Privatsphäre, wenn sie so tut, als würde sie sich Sorgen machen, weil ich eine Situationship mit jemandem habe.«

»Also ist Burim ein Mann.«

»Entschuldigung, kennst du überhaupt das Wort ›Situationship‹?«

»Ich weiß, was es bedeutet und dass es normalerweise nichts Platonisches ist. Außerdem weiß ich, dass meistens der Mann Schluss macht, der kurz vorher noch ›ML‹ geschrieben und dir eine gute Nacht gewünscht hat, und dann schreibst nur noch du: ›Guten Morgen‹, ›wyd‹, ›Alles okay?‹, ›Hab ich was falsch gemacht?‹. Und wenn du deine Selbstachtung wiedergewonnen hast und nach vorn sehen kannst, kommt manchmal noch ›Frohe Weihnachten‹ oder ›Frohes neues Jahr‹.« Orla musste tief durchatmen. Durch die gerade zitierten Sätze kamen viele Bilder in ihr hoch.

Erin war beeindruckt. »Genau das ist Marla schon mindestens siebenmal passiert.«

»Erin«, sagte Orla. »Mum macht sich Sorgen, dass du dich zu stark auf Burim konzentrierst statt auf die Schule.«

»Mum sollte nicht ständig ihre Nase in Sachen stecken, die sie nichts angehen, und sich mehr um Dad und sein Alkoholproblem kümmern.«

»Was?«

»Hm.« Erin nahm ihren Kaffeebecher. »Davon hat sie dir mit Sicherheit nichts erzählt, oder? Letzte Woche war er so blau, dass er die Stufen vor der Pommesbude runtergefallen und mit einer Gehirnerschütterung in der Notaufnahme gelandet ist.«

Orla wusste, dass ihr Vater am Wochenende gerne mal mit seinen Freunden einen trinken ging, daran war nichts auszusetzen. Das machte doch jeder, oder? Und wer war nicht schon mal ausgerutscht, wenn er feiern ging? Normalerweise passierte das, kurz bevor man einen Döner holte und dann mit dem Uber nach Hause wollte.

»Na ja, Keith übertreibt es gerne mal, wenn sie losziehen. Dann überredet er Dad, Sachen zu trinken, die er eigentlich nicht anfassen würde«, erinnerte Orla ihre kleine Schwester.

»Oh, sorry, hab ich vergessen zu sagen. Das war um zehn Uhr morgens. Da war Keith wahrscheinlich arbeiten. Das ist das, was unser Vater nicht mehr macht, seit er im Vorruhestand ist.«

Verdammt. Warum hatte ihre Mutter nichts davon erzählt? Das war doch viel wichtiger als ein Insta-Typ von Erin. Orla kam ein Verdacht: Vielleicht hatte ihre Mutter sie auf diesen Burim angesetzt, um von ihrem Vater abzulenken.

»Ich weiß, was du denkst«, flüsterte Erin wie eine Verschwörerin, die die Regierung stürzen will. »Du glaubst, Mum hätte dich damit beauftragt, mich über Burim auszufragen, um von der echten Scheiße abzulenken, die mit Dad abgeht.«

»Nein«, leugnete Orla sofort. »Natürlich nicht.«

»Ha!«, rief Erin. »Das glaubt dir nicht mal der Muffin auf deinem Teller.«

Wieso hatte sie schon wieder die Kontrolle über dieses Gespräch verloren? Statt etwas über Erin herauszufinden, hatte sie jetzt ein neues Problem am Hals und musste darüber hinaus am nächsten Tag nach Frankreich.

Erin biss in ihren Muffin und lächelte. »So, da Mum nicht ehrlich zu dir war, ist es wohl am besten, wir lassen das Thema und legen lieber gleich einen kleinen Zwischenstopp bei Primani ein. Ich brauche dringend so eine kurze Steppjacke mit Pelz. Perfekte Mischung aus Pariser Chic und Londoner Tristesse.«

Orla wusste nicht, was sie sagen sollte, und biss einfach von ihrem Muffin ab.

3.

»Danke, Orla.«

Erin hatte den Mund voll mit heißen, in Essig getränkten Pommes, die so sauer waren, dass Orla beim Zusehen das Wasser in die Augen schoss. Sie waren auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Haus ihrer Eltern außerhalb von Ruislip. Eigentlich hatte Orla nicht vorgehabt, ihre Eltern zu besuchen, aber was Erin über ihren Vater erzählt hatte, machte ihr Sorgen. Auf keinen Fall würde sie nach Frankreich fliegen, ohne vorher nach dem Rechten zu sehen. Um mehr aus ihrer Schwester herauszubekommen, hatte sie bereits in eine Steppjacke mit Pelz, falsche Wimpern, ein Lippenstiftset von Kylie Jenner und die Pommes investiert …

»Versteh es als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, da ich ja vielleicht nicht hier bin«, sagte Orla und beobachtete, wie ihr Atem in der kalten Winterluft tanzte. Noch immer bestand die Möglichkeit, dass sie in null Komma nichts aus Frankreich zurück war – falls der Mann wirklich nichts zu sagen hatte und das Rentier frühzeitig niederkam. Sie musste recherchieren, wie lange die Trächtigkeit beim Ren normalerweise dauerte … Aber was war aus dieser Story herauszuholen? Im Moment klang sie deutlich eher nach Klatsch und Tratsch als nach Tierdokumentation. Und auf gar keinen Fall hörte es sich an, als könnte sie Orla zu dem Durchbruch verhelfen, der ihren Lebenslauf derart aufwertete, dass sie ihn an die Time mailen konnte.

»Wie? Heißt das, du hast keine anderen Geschenke für mich besorgt?«

»Erin!«

»War nur ’n Witz. Ich weiß, wie unorganisiert du bist. Und dass du dir fast in die Hose gemacht hast, als ich eben das mit dem Truthahn gesagt habe.« Ihre Schwester lachte sich scheckig.

Sie erreichten ihr Elternhaus. Es war vollkommen dunkel, als wäre niemand zu Hause. Das war nicht ungewöhnlich. Ihre Eltern waren so sparsam, dass sie lieber drei Pullover und Handschuhe übereinander anzogen, als die Heizung anzumachen, zwischen Mai und Oktober wurde jegliche unnötige Energie abgeschaltet. Doch an Weihnachten war alles anders. Da wurden draußen Lichterketten aufgehängt, und ihre Mutter gab alles, damit ihr Haus das Festlichste der ganzen Straße war.

»Sind die Lichter gar nicht an?«, fragte Orla.

»Ach.« Erin nahm sich eine Pommes. »Mum sitzt bestimmt mit ein paar Duftteelichtern da, die mehr gekostet haben, als wenn das Licht brennen würde. Bei Helen findet jeden Monat so eine Verkaufsparty statt, und Mum fühlt sich immer gezwungen, was zu bestellen, damit keiner glaubt, wir wären arm.«

Waren ihre Eltern arm? Hatten sie finanzielle Probleme, seit ihr Vater in den Vorruhestand gegangen war? Der goldene Handschlag hätte kräftig genug gewesen sein sollen, um sie bis ins Grab zu tragen, selbst wenn sie das hohe Alter der Queen noch überbieten sollten.

»Nein, ich meinte die Weihnachtsbeleuchtung«, erklärte Orla. »Es ist doch Dezember. Am 1. Dezember wird sie aufgehängt, egal, auf welchen Tag der fällt und wie das Wetter ist.«

»Tja, willst du, dass Dad hackedicht auf eine Leiter steigt und dann an einem blinkenden Schneemann baumelt?« Erin stieß das Tor auf. »Kommst du mit rein?«

Eigentlich hatte Orla keine Zeit. Vor dem Flug war noch so viel zu erledigen … Zum Beispiel nachsehen, wann genau es losging und wo sie eigentlich hinflog. Trotzdem machte sie einen Schritt nach vorn.

Erin hielt sie auf. »Noch ein paar Sachen, bevor wir reingehen. Frag nicht nach Sky Sports. Aber sprich Mum auf ihre Frisur an. Du musst sagen, dass sie schick ist, auch wenn es in Wirklichkeit aussieht, als hätte sie in die Steckdose gefasst. Und wenn Dad da ist, lass ihn … einfach schlafen.«

Der undurchdringliche Panzer ihrer Schwester bekam ein paar Risse, wie der Bildschirmschutz eines iPhones – man sah den Schaden, aber es hielt noch. Bevor Orla irgendwas erwidern konnte, marschierte Erin zur Haustür, die Pommes in der Ellenbeuge, schob den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn.

Was Orla als Erstes auffiel, als sie in den Flur trat – abgesehen von der Dunkelheit –, war die Temperatur. Im Haus war es fast kälter als auf der Straße. Sie legte eine Hand auf die Heizung – höchstens lauwarm, aber immerhin nicht aus.

»Okay, also, viel Glück.« Erin warf sich noch eine Pommes in den Mund und stieg die Treppe hoch.

»Wie?«, fragte Orla. »Wo gehst du hin?«

»In mein Zimmer. Ich muss noch ein paar Leuten sagen, dass ich bald in Paris bin.«

Mist. Orla hatte noch nicht klargestellt, dass sie nicht nach Paris flog und dass Erin sie auf gar keinen Fall begleiten konnte.

»Warte, Erin, hör zu …«

»Ich schreib dir später.« Orla hörte nur noch Erins Nike-Air-Force-Turnschuhe die Treppe hochpoltern, dann schlug die Tür zu ihrem Zimmer zu.

»Erin! Hab ich dir nicht gesagt, dass du nicht mit der Tür knallen sollst?«

Als ihre Mutter Dana aus dem Wohnzimmer in den Flur kam, erschrak Orla. Sie wusste nicht genau, ob es eine Reaktion auf das Geschrei war oder auf die neue Frisur, die wirklich aussah, als hätte man einen Pudel mit Russell Brand gekreuzt. Schick, schick, sie musste sagen, dass es schick aussah …

»Oh, Orla, was machst du denn hier?« Ihre Mutter legte eine Hand auf die Brust, als sei Orlas Auftauchen ebenso abwegig, als würde jemand mit einem Lotto-Gewinnlos vor der Tür stehen.

»Dein Haar sieht super aus«, bemerkte Orla etwas zu schnell.

»Das kommt von deiner Schwester, richtig? Wo ist sie? Ich will mit ihr nämlich ein Wörtchen über Dads Lieblingsbierglas sprechen.«

»Sie … telefoniert«, erwiderte Orla, um Erin in Schutz zu nehmen, denn ihre Mutter sah aus, als würde sie jeden Moment nach oben stürzen.

»Klar, was auch sonst?«, gab sie zurück. »Man müsste das Gerät schon chirurgisch von ihrer Hand entfernen; so eng ist sie damit verwachsen.«

Ihre Mutter verschwand durch die Wohnzimmertür, als sei das Gespräch damit beendet. Dann rief sie nach hinten: »Kommst du mit, oder was? Ich will die Tür nicht offen­lassen.«

Orla holte tief Luft und folgte ihrer Mutter. Doch als sie das Wohnzimmer betrat, verschlug es ihr die Sprache. Es sah völlig anders aus als bei ihrem letzten Besuch vor vier Wochen. Es war praktisch leer. Verschwunden war die große Anrichte, in der das Porzellan ihrer Großmutter untergebracht gewesen war; es fehlte die Chaiselongue, die ihre Mutter auf einer Antiquitätenmesse gekauft und wiederaufbereitet hatte – und wo war der DVD-Spieler?

»Tu nicht so förmlich, Orla, setz dich hin«, befahl ihre Mutter.

Aber wohin? Auf den letzten vorhandenen Stuhl oder neben ihre Mutter auf den Zweisitzer, den sie noch nie gesehen hatte? Was war hier los?

»Mum«, begann Orla und entschied sich für den Stuhl. »Wo sind die ganzen Möbel hin?«

»Meinst du den alten Schrank und die uralten Teller von deiner Großmutter?«

»Ja.«

»Die haben zu viel Platz gebraucht! Wenn Bren uns besucht und alle da sind, ist es so eng wie in einer Sardinenbüchse!«

»Aber, Mum …«

»Und das Sofateil, das ich vor Jahren gekauft hatte, war schon ganz zerschlissen.«

»Du hattest es aufbereiten lassen.«

»Das war eine schlimme Geldverschwendung. So, jetzt sag mal, muss ich dieses Jahr wieder ein Trifle von Wait­rose holen oder reicht auch einer von Bird? Ich dachte, wir könnten die ein bisschen vermischen und Himbeeren dazutun.«

»Mum«, sagte Orla noch einmal. »Was ist hier los?«

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, entgegnete ihre Mutter und betastete ihre neue Frisur. »Was hast du gegen Himbeeren? Ist das vielleicht das neueste Triggerwort für die Midlife-Crisis, oder was?«

Orla hatte keine andere Wahl, sie musste zur Sache kommen. Sie wusste, dass ihre Mutter gern einen Bogen um schwierige Themen machte, doch nun, da sie mit eigenen Augen gesehen hatte, dass es Probleme gab, konnte sie nicht länger um den heißen Brei he­rumreden.

»Mum, Erin sagt, dass Dad ein Alkoholproblem hat. Und egal, was du erzählst, du hast die Anrichte und die Chaiselongue geliebt. Ich frage dich noch mal: Was ist hier los?«

Ihre Mutter öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und Orla rechnete mit der nächsten Tirade. Doch es kam nichts. Stattdessen saß ihre Mutter da, den Mund geöffnet, und schwieg. Das war noch schlimmer.

4.

Orla konnte an einer Hand abzählen, wie oft sie ihre Mutter hatte weinen sehen: bei drei Beerdigungen und einem sehr heftigen Elterngespräch an Erins Schule. Dana Bradbee war nicht nah am Wasser gebaut. Doch noch bevor Orla aufstehen und Anstalten machen konnte, ihre Mutter in den Arm zu nehmen, rannen ihr Tränen über die Wangen. Dabei hatte Orla absichtlich gezögert, sich zurückgehalten, denn sie wusste, dass offensiv zur Schau gestellte Zuneigung bei ihrer Mutter am ehesten dazu führte, dass sie dichtmachte. Deshalb hatte sie ihr lieber eine Tasse Tee gekocht. Neben dem Wasserkocher stand eine Flasche Baileys. Orla war versucht, einen Schuss in den Tee zu geben, aber Alkohol war wohl gerade nicht die beste Idee. Außerdem erinnerte er sie an Frances und Frankreich. Wie sollte sie ihrer Mutter das jetzt beibringen? Vielleicht müsste sie den Auftrag ein bisschen höher hängen? Sodass es klang, als steckte mehr dahinter …?

»Bitte sehr.« Orla hielt ihrer Mutter den dampfenden Becher hin.

»Schon gut. Mach nicht so ein Theater.«

»Das ist nur eine Tasse Tee«, sagte Orla. »Kein Theater.«

»Ich hasse Tränen«, bemerkte ihre Mutter und wischte sich mit einem Taschentuch über die Augen. »So eine Wasserverschwendung.«

»Tja.« Orla setzte sich neben ihre Mutter. »Manche Menschen finden, dass sie reinigen. Die negativen Gefühle herausspülen.«

»Quatsch.«

»Und«, hakte Orla nach, da sie nun einen Fuß in der Tür hatte. »Hat Dad wirklich ein Alkoholproblem?«

Ihre Mutter seufzte. »Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich dachte, es wäre eine Phase, verstehst du? Dass er sich nach dem Projekt mit dem Gewächshaus und der kurzen Geschichte als Fahrer für Yodel langweilt, aber dann wurde allmählich das Geld knapp. Sicher, die Schönheitspflege deiner Schwester frisst ganz schön viel, aber ich lasse nicht zu, dass ein Kind von mir weniger hat als die anderen und deshalb fertiggemacht wird. Dafür verzichte ich selbst auf das eine oder andere. Den Luxus von Duftkerzen leiste ich mir zum Beispiel noch, aber damit unterstütze ich in erster Linie Helen, weißt du?«

Orla schluckte. Sie hatte keine Ahnung von der ganzen Geschichte gehabt. Warum hatte ihre Mutter nicht mal was erzählt, bevor es so schlimm geworden war? Oder hatte Orla Hinweise übersehen?

»Hast du mal mit Dad darüber gesprochen?«

»Bist du verrückt? Was glaubst du wohl, was er sagen würde? ›Ach, Schätzchen, ja, stimmt, ich überstehe den Tag nicht ohne einen Schluck Captain Morgan in der Früh, den Rest der Flasche tagsüber und einen letzten Whisky, bevor ich ins Bett gehe.‹« Dana seufzte. »Er will auch nicht wahrhaben, dass das Geld knapp ist. Er behauptet, es wäre nur eine Phase, und brummt dann irgendwas von Rentenzuwächsen.«

»Aber es wird doch nicht besser, wenn man es ignoriert! Das Problem verschwindet nicht von selbst.«

»Schön wär’s.« Wieder seufzte ihre Mutter. »Ist nämlich schon schlimm genug, sich um eine hübsche Sechzehnjährige Sorgen zu machen, die gerade reif genug ist, um ausgenutzt zu werden.« Sie schaute Orla in die Augen. »Hast du sie gefragt? Nach dem Marokkaner?«

»Ist Burim Marokkaner?«

»Ah! So heißt er also!«

Orla hatte das Gefühl, ungewollt ein Geheimnis preisgegeben zu haben.

»Wohnt er in Marokko?«

»Keinen blassen Schimmer«, erwiderte ihre Mutter. »Nun mal ehrlich, er könnte ja sonst was behaupten: wo er wohnt, wie er heißt, nichts davon muss wahr sein. Ich habe gelesen, dass 85 Prozent der Männer auf Social Media bei ihren ersten drei Nachrichten lügen. Die lauten ›Hallo!‹, ›Wie geht es dir?‹ und ›Ich habe noch nie ein so schönes Mädchen gesehen wie dich‹. Alles Quatsch.«

Orla schluckte. Erinnerungen an ihre letzte Situationship gingen ihr durch den Kopf. Henry. Jemand, dem sie Monate ihres Onlinelebens gewidmet hatte. Auch so ein Fehlgriff. Das Daten hatte seine Unbeschwertheit verloren, war zu einem regelrechten Kampf geworden, in dem jeder der Feind war, selbst der Mensch, den man kennenlernen wollte. Wie sollte das funktionieren?

»Vielleicht könntest du mal mit deinem Vater reden.« Ihre Mutter hatte das Gespräch wieder mal gedreht.

»Ich?«, rief Orla, als sei die Vorstellung so verrückt, wie Muscheln mit Schale zu essen.

»Du konntest schon immer Ernstes freundlich verpacken.«

War das so? Sprach ihre Mutter von Auseinandersetzungen, oder meinte sie es generell? Orla fing an, ihre gesamte Persönlichkeit zu hinterfragen.

»Ich glaube, ich bin nicht gerade die Richtige dafür«, erwiderte sie.

»Jetzt red nicht wie so eine Fernsehansagerin.«

»Nein, aber ich bin nicht ständig hier, so wie du, und ich muss morgen weg …«

»Du musst was?«, rief ihre Mutter. Fast wäre ihr der Tee auf den Schoß gekippt.

Orla hatte es ihr eigentlich schonender beibringen wollen. Sie seufzte. »Ich habe einen sehr kurzfristigen Auftrag bekommen und …«

Ihre Mutter riss die Augen auf und stellte den Teebecher auf einen Tisch, von dem es vorher drei gegeben hatte. »Das ist er, oder? Das ist der Auftrag, auf den du so lange gewartet hast. Der dich zur Time nach New York bringt! O Orla, was für eine tolle Nachricht! Unglaublich! Viel wichtiger als ein paar Glas zu viel oder Dads Beule am Kopf, denn das hat dir deine Schwester bestimmt auch erzählt.« Sie holte Luft. »Ich hab immer gewusst, dass du es irgendwann schaffst! Ich wusste es! Deine Schwester hat die Schönheit geerbt und du das Köpfchen! Das muss gefeiert werden!«

Sie sprang vom Sofa und machte zwei Schritte zum Kaminsims. Das zweifelhafte Kompliment überhörte Orla. Sie wusste, dass sie diese Interpretation ihrer Mutter gerade­rücken musste, bevor sie sich in ihr festsetzte. Denn nach dem ersten Lesen der E-Mail war diese Reise nach Frankreich genau das Gegenteil von einem Auftrag, der ihren Karrierechancen Auftrieb geben würde. Tatsächlich hatte er das Potenzial, zum Albtraum zu werden. »Mum, das ist nicht …«

»Guck mal!«

Ein Schalter wurde betätigt, und rund um die Familienfotos und eine Kunstharzente, die Erin im Kindergarten gebastelt hatte, erstrahlte eine Lichterkette mit kleinen weißen Birnchen. Orla schaute hinüber.

»Ich weiß, das sieht unspektakulär aus«, sagte ihre Mutter. »Aber die Kette hat verschiedene Programme. Es gibt neunundzwanzig Einstellungen! Keine Ahnung, wa­rum es nicht dreißig sind, ist halt so. Ach, Orla, ich bin so stolz auf dich. Dass du jetzt auf dem Weg nach oben bist, macht alles ein klein bisschen leichter. Vielleicht rufe ich morgen früh beim Arzt an und frage, ob er mal mit deinem Vater sprechen kann, vielleicht kann er ihm vorschlagen, dass er mal durchgecheckt werden muss, um von da an die Wurzel des Problems zu kommen.«

»Das ist eine gute Idee, Mum. Aber dieser Auftrag, der ist …«

»Ja, erzähl! Also, wenn du das überhaupt darfst. Aber wenn nicht, dann sieh zu, dass du die Erlaubnis bekommst und beim Weihnachtsessen bis ins kleinste Detail darüber berichten kannst. Bren gibt nämlich immer noch damit an, dass die Tochter ihres Patensohns in Cambridge studiert. So lange, wie Bren schon davon redet, müsste das Mädchen längst ihren Abschluss haben.«

Nach dem Satz wusste Orla, dass sie das Weihnachtsessen dieses Jahr auf gar keinen Fall verpassen durfte, egal, wie lange das Rentier zum Kalben brauchte.

5.Saint-Chambéry, Frankreich

Jacques Barbier bemerkte es immer, wenn er beobachtet wurde. Vielleicht lag das an seinem Überlebensinstinkt. Ob der Beobachter gute oder schlechte Absichten hatte, spielte erst mal keine Rolle. Jegliche Aufmerksamkeit von jemandem, der selbst nicht gesehen werden wollte, war ein Grund zur Wachsamkeit. Im Gang dieses kleinen Supermarkts mit angeschlossenem Café erlebte er das nicht oft. Normalerweise war dies ein Ort, wo Jacques sich sehr gut aufgehoben fühlte. Doch jetzt spürte er nicht nur Blicke auf sich, sondern hörte auch Geflüster. Darauf gab es für ihn nur eine Reaktion. Er nahm eine Dose Tomaten aus dem Regal, schnellte he­rum und reckte sie, als wollte er sie nach vorn schleudern.

Die Ladenbesitzerin Delphine schrie auf, und Gérard neben ihr, der Besitzer der einzigen Bar im Ort, ließ eine Packung jus de pomme fallen. Der Apfelsaft sickerte heraus, doch statt sich hinzuhocken und sich da­rum zu kümmern, stand Jacques reglos da und starrte die beiden an. Sie erwiderten seinen Blick mit einem feierlichen Gesichtsausdruck, der ihm verriet, dass er tatsächlich Gegenstand ihres Geflüsters gewesen war.

»Willst du mit der Tomatendose nach uns werfen?«, fragte Gérard schließlich. »Wenn ja, könntest du bitte nicht auf mein linkes Knie zielen? Meine Arthrose macht mir gerade wieder schwer zu schaffen.«

Jacques schaute auf die Dose in seiner Hand und fragte sich, was er sich dabei gedacht hatte. Er war nicht im Wald, und die beiden waren keine Bären. Es waren zivilisierte Menschen. Menschen, die immer nett zu ihm gewesen waren, seit er hier vor nun zwei Jahren mit nur einem Rucksack, aber jeder Menge psychischem Ballast angekommen war. Er stellte die Dose an ihren Platz zurück und schaute in seinen Einkaufskorb. Was hatte er sich gedacht, als er die Waren hineingelegt hatte? Brot, okay. Käse, auch gut, aber er hatte nicht auf die Sorte geachtet. Müsli, nein; er mochte es zwar, doch es hatte zu viel versteckten Zucker. Was daneben lag, war noch schlimmer, eine bestimmte Sorte Plätzchen. Quadratisch und auf einer Seite dick mit Schokolade überzogen. Fast konnte er sie schmecken. Er nahm sie aus dem Korb und betrachtete sie, als seien sie sein neuester Feind.

»Ist das jetzt deine Waffe?«, fragte Gérard. »Die ist schon besser. Damit geht nicht so viel kaputt. Keine anderen Lebensmittel … oder Menschen.«

»Niemand wirft hier mit irgendwas!« Delphine wollte sich nach dem Saft bücken, der Gérard aus der Hand gefallen war. Doch Jacques sah, dass ihre Bewegung nicht flüssig war, dass sie beim Vorbeugen leicht stockte. Hatte sie wieder Probleme mit der Hüfte?

Bevor Delphine die Packung aufheben konnte, hatte Jacques schon seinen Korb abgestellt und kam ihr zuvor.

»Den bezahle ich natürlich«, erklärte er und reichte ihr den Apfelsaft.

»Das ist nicht nötig«, beeilte sich Delphine zu sagen. »Ich kippe den Rest weg. Kein Problem.«

»Ich habe gesagt, dass ich ihn bezahle«, beharrte Jacques. Er nahm Delphine den Karton ab, und bevor sie weiter protestieren konnte, setzte er ihn an und trank den restlichen Inhalt.

»Ich weiß wirklich nicht, was heute los ist«, bemerkte Gérard, als Jacques fertig war und die leere Packung in seinen Korb legte. »Als würden sie durchdrehen, sobald die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet wird.«

Jacques brummte. Er musste nicht an das alljährliche Einschalten der festlichen Lichter erinnert werden. Von hier bis zu seinem Haus und noch weiter hingen genug Plakate und Poster. Hinter ihm wohnte nicht mal jemand, trotzdem hingen dort Zettel an Bäumen, vielleicht für den Fall, dass eine Waschbärfamilie vorbeikam.

»Hoffentlich wollen alle meine Sablés de Noël probieren«, sagte Delphine. »Ich habe über tausend gebacken.«

Jacques lief das Wasser im Mund zusammen. Etwas Gutes hatte das Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung vielleicht doch: Es gab wieder Delphines selbst gebackene Mürbeteigplätzchen – manche mit Zuckerguss, andere mit Schokolade in allen Variationen, verziert mit Nüssen oder Zuckerware. Er allein könnte die tausend Stück verputzen.

»Hebst du mir ein paar auf?«, fragte er.

»Tut mir leid, ein paar Leute haben schon versucht, mich zu bestechen, damit ich ihnen welche zurücklege, aber du kennst die Regeln. Ich verkaufe sie erst, wenn das Band bei der feierlichen Eröffnung durchgeschnitten wird.«

»Dann muss ich wohl ohne auskommen«, erwiderte Jacques und bog in den nächsten Gang ein. Er versuchte sich zu erinnern, weshalb er den Weg ins Dorf auf sich genommen hatte.

Kurz bevor er sich wegdrehte, bekam er mit, wie Gérard Delphine mit dem Ellenbogen anstieß. Diesmal beschloss er, es zu ignorieren und Lebensmittel mit längerem Haltbarkeitsdatum einzupacken, damit er während der Weihnachtszeit nicht so oft herkommen musste.

»Bist du nicht dabei?«, rief Delphine. Jacques hörte ihre Schritte auf dem klebrigen Boden hinter sich. Sie wurden schneller.

»Warum sollte ich mir was ansehen, was ich nicht mag?«, fragte er.

»Aber dieses Jahr gibt es zum ersten Mal mein alkoholfreies Weihnachtsbier«, verkündete Gérard und kam ihm ebenfalls hinterher. »Und ich kann genauso wenig wie Delphine mit ihren Mürbeteigplätzchen sagen, wie lange mein Vorrat reicht.«

Jacques zuckte mit den Schultern. »Dann muss ich da­rauf eben auch verzichten. Kann ich jetzt bitte in Ruhe einkaufen?« Er eilte durch den Gang. Die Schokokekse würde er wieder ins Regal stellen, wo sie hingehörten.

»Aber du kannst doch nicht wegbleiben!«

Ihm fiel die Dringlichkeit in Delphines Ton auf. Er drehte sich um. Als würde ihr klar, dass sie zu laut und aufdringlich gewesen war, senkte sie den Kopf und schob die Hände in die Taschen ihrer Schürze.

»Warum muss ich denn unbedingt dabei sein?«, fragte Jacques.

»Delphine meinte nicht, dass du da sein musst«, beeilte sich Gérard zu erklären. »Nur, dass ja jeder aus dem Dorf und den Nachbardörfern da ist. Und Pierre aus Bousie … der kommt extra mit seinen weltberühmten Stelzen!«

Jetzt wusste Jacques nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Nur in dieser Gegend von Frankreich wurde damit geprahlt, dass jemand angeblich weltberühmt für seine Stelzen war. Es würde furchtbar werden. Es war immer in vielerlei Hinsicht furchtbar – von den schief gesungenen Liedern bis zum Axtwerfen. Gerade bei Letzterem regte er sich immer besonders auf, weil Luc wirklich keine Ahnung hatte, wie man eine Axt richtig schleuderte.

»Ich glaube, in meiner Fantasie habe ich mir schon ausgemalt, was ich vielleicht verpassen könnte. Aber danke, dass ihr an mich gedacht habt.« Jacques wollte weiter.

»Das Rentier!«, stieß Delphine aus.

Was hatte er hier zu suchen? In und um sein Haus he­rum war genug zu tun. Warum hatte er sich heute fürs Einkaufen entschieden statt für Arbeit und Abgeschiedenheit? Jacques drehte sich wieder um.

»Was?«

»Delphine!«, mahnte Gérard seine Freundin.

»Wir erwarten ein Rentier. Heute Abend, zur Feier«, erklärte sie.

»Und ihr und der Rest des Festkomitees guckt wieder zu, wie die Dorfkinder ihm für ein paar Euro an den Ohren ziehen und ihm Möhren in die Nase schieben?«, fragte Jacques.

»Nein«, versicherte Delphine ihm. »Außerdem hatten wir letztes Jahr nur das Schaf, das alle beißen wollte.«

»Ich hab wirklich zu viel zu tun«, sagte Jacques mit Blick auf die Uhr.

»Es muss versorgt werden«, fuhr Delphine fort.

»Dann ist eine Weihnachtsfeier wirklich der letzte Ort, wo es sein sollte.«

»Es bekommt ein Junges!«, verkündete Delphine.

Ihre Worte hallten zwischen den Mehlpackungen, Götterspeisepäckchen, Biskuitböden und essbaren Gold- und Silberkügelchen wider.

»Was?«, fragte Jacques.

»Delphine, lassen wir Jacques in Ruhe einkaufen, und wenn er Lust hat, heute Abend zu kommen, können wir immer noch …«

»Es kann jetzt kein Junges bekommen. Wer auch immer der Eigentümer des Rentiers ist, er lügt euch an«, unterbrach Jacques ihn. Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass sein Interesse geweckt war. Delphine verwechselte schnell mal was.

»Das stimmt nicht«, sagte die Ladenbesitzerin im Brustton der Überzeugung. »Das Baby, das Junge … wie auch immer man das nennt …«

»Kalb«, warf Jacques ein.

»Das kommt angeblich sehr bald«, schloss Delphine.

Argwöhnisch sah Jacques sie an. Sie hatte die Hände aus der Schürze genommen, ihre Finger rangen miteinander. Jacques’ Blick ging zu Gérard.

»Weißt du was davon?«, fragte er den Barbesitzer.

»Ähm … ich …«

Gérard wirkte sichtlich nervös. Irgendwas stimmte nicht. Aber wenn auch nur ein Fünkchen Wahrheit hinter dem Gerücht steckte, wollte Jacques mehr darüber erfahren.

»Rentiere kalben im Sommer«, erklärte er den beiden. »Im Mai oder Juni. Nicht im Dezember.«

Delphine schüttelte umgehend den Kopf. »Ich habe keine Ahnung von Familienplanung im Tierreich, aber ich kann dir versichern, dass hier heute Abend ein trächtiges Rentier eintrifft, das deine Hilfe braucht, und …«

»Meine Hilfe?«, hakte Jacques nach.

»Wolf, außer dem Tierarzt in Grenoble bist du der Einzige hier, der sich mit Tieren auskennt.«

Wolf. Le loup. So wurde er hier manchmal genannt. Anfangs war es ein Beiname gewesen, den er bekommen hatte, weil er verrückt war, seltsam, ein Einzelgänger. Ein Mann, der in die Berge gezogen war und dort in einem Zelt lebte, bis er sein eigenes Holzhaus baute. Allmählich, fast als gewöhnten sie sich langsam an sein plötzliches Auftauchen, wurde sein Name dann wohlwollender, mit weniger Häme ausgesprochen. Jacques seufzte. Trotzdem hielt er sich von Dorffesten fern und schätzte seine Ruhe. Ein trächtiges Rentier im Dezember jedoch weckte sein Interesse. Wenn es kein Wunder war, dann zumindest ungewöhnlich.

»Und Gérard kann bestimmt Hilfe gebrauchen, wenn plötzlich alle in die Bar stürmen, oder?«, sagte Delphine.

»Ich … ähm … ja«, bestätigte der Wirt.

Jacques traf eine Entscheidung. »Ich komme. Für zwei Stunden, maximal. Und ich helfe dir, Gérard. Ich gucke mir dieses Rentier an. Mehr nicht.« Dann marschierte er durch den Gang davon.

»Das Band wird um sechs Uhr durchgeschnitten!«, rief Delphine ihm nach.

Er bereute es schon jetzt.

6.Flughafen Gatwick, London

»Und, was meinst du? Black Opium? Oder Good Girl?«

Orla fragte sich, ob sie wirklich wach war oder in einem irren Albtraum gefangen, aus dem sie wie immer von ihrer Nachbarin mit dem Take-That-Fimmel geweckt würde, die jeden Wochentag um halb sieben deren Songs durchs Haus dröhnen ließ. Unvorstellbar, dass sie um zwei Uhr nachts aufgestanden war. Nie im Leben konnte sie sich am letzten Abend bereiterklärt haben, Erin mitzunehmen, damit ihre Eltern in Ruhe Krisengespräche führen konnten. Und schon gar nicht konnte sie Frances überredet haben, einen zweiten Platz im Flugzeug zu genehmigen. Doch tatsächlich stand Erin neben ihr. Und wedelte mit zwei Parfümteststreifen vor Orlas Nase he­rum.

»Ich … keine Ahnung«, war die einzige Antwort, die Orla herausbrachte. Sie brauchte dringend einen Kaffee, aber wenn sie das sagte, würde Erin zu Starbucks wollen, und in Erins Welt reichte kein einfacher Americano, bei ihr mussten irgendein Sirup, Schokolade oder der Geschmack der Saison mit hinein, den das Café gerade bewarb. Und so kosteten zwei Kaffee gern mal so viel wie ein relativ großzügiges Weihnachtsgeschenk für eine nahestehende Person …

»Mensch! Du bist nicht zu gebrauchen! Wie spät ist es?« Erin griff nach einem dritten Parfümflakon und einem Teststreifen.

»Viertel vor gleich kannst du was erleben?« Orla wunderte sich über ihre aggressive Antwort.

»Das war fast witzig«, erwiderte Erin. »Finde ich gut, die Orla um halb vier. Nur dass sie sich nicht zwischen zwei Parfüms entscheiden kann.« Sie seufzte. »Und bei Burim ist es erst halb fünf, also kann ich ihn auch nicht fragen. Außerdem kann er auf die Entfernung ja nichts riechen, er würde nur nach der Marke gehen und einfach die teuerste wählen.«

Inzwischen pochte es laut in Orlas Kopf – der Umgebungslärm, ihre angestaute Energie und die wahllosen Informationsfetzen über die bevorstehende Reise, in der ihre Mutter den Freifahrtschein zu Orlas Traumjob sah, zu einem Penthouse in Manhattan und der Nummer von Michelle Obama …

Sie flogen nach Grenoble und sollten dort von einem Fahrer abgeholt werden, der sie in ein Dorf namens Saint-Chambéry bringen würde. Es war so klein, dass es nur ein winziger Punkt auf der Landkarte war. Dafür zogen sich um den Punkt jede Menge Linien, das Symbol für eine bergige Gegend und dichte Waldflächen. In dem Dorf schienen sich Fuchs und Hase gute Nacht zu sagen. Nicht dass Orla etwas gegen abgelegene Orte gehabt hätte. Als Journalistin für »Tierwelt und Anthropologie« war sie schon an vielen skurrilen Orten gewesen, von einem Leuchtturm mitten im Meer – Heim einer Familie, die das zylindrische Nest nicht einmal verlassen hatte – bis zur Übernachtung bei Bibern in Alaska. Seit sie für den Verlag arbeitete, waren ihre Artikel auf Platz zwei der Zugriffe gestiegen, übertroffen nur noch von den Posts mit Promi-Nachrichten, und Orla wollte unbedingt die Nummer eins werden. Nicht leicht in einer Welt, in der allein Klatsch, Tratsch und Ruhm Aufmerksamkeit garantierten. Aber wenn ihre Artikel zum beliebtesten Content der Zeitschrift würden, müsste da doch noch was zu holen sein. Dann müsste sie ihrer Mutter keine Halbwahrheiten mehr erzählen, nur weil die auf irgendwas stolz sein wollte, weil sie sowohl emotional als auch finanziell harte Zeiten durchmachte.

»Vielleicht nehme ich beide«, sagte Erin. »Und das hier für Burim.« Sie hatte einen silbernen Flakon in Form eines Roboters in der Hand.

In finanziell knappen Zeiten gab man kein Vermögen für ein Parfüm aus, auch nicht zu Flughafenpreisen. Woher hatte Erin überhaupt das Geld, wenn sie sich nicht gerade in Orlas PayPal hackte?

»Stell die mal zurück, wir gehen zu … zu Starbucks«, schlug Orla vor.