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Raus aus dem Krisenmodus
Ob Wirtschaftskrise, Klimawandel, steigende Kriminalitätsraten, Wohnungsnot oder die Angst vor sozialem Abstieg: Wir stehen vor einer bedrückend großen Zahl an Problemen. Durch ihre jahrzehntelange Arbeit haben Lisa Federle und Boris Palmer gezeigt, dass pragmatisches Handeln Erfolge schafft und Wahlen gewinnt.
In diesem Buch beschreiben die Bestsellerautoren die konkreten Herausforderungen beim Klimaschutz, bei Zuwanderung, Digitalisierung, Infrastruktur und auch im Wohnungsbau. Anhand von Fakten und eigenen praktischen Erfahrungen liefern sie Handlungsansätze jenseits von Ideologie und parteipolitischem Kalkül.
Gemeinsam gegen den Absturz: Kämpfen wir für lebendige Demokratie, pragmatische Lösungen und eine bessere Zukunft!
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ob Klimawandel, Wirtschaftskrise, Wohnungsnot oder die Angst vor sozialem Abstieg: Wir stehen vor einer bedrückend großen Zahl an Problemen. Immer mehr Menschen suchen ihr Heil am rechten Rand. Mit ihrem Buch wollen Boris Palmer und Lisa Federle ein Statement für die Demokratie und gegen den Populismus setzen. Sie analysieren Probleme im Bildungssystem, bei Zuwanderung, Digitalisierung, Infrastruktur oder im Wohnungsbau. Wohlwissend, dass einfache Lösungen keinen Ausweg bieten, präsentieren sie Fakten, Fallgeschichten und pragmatische Ansätze jenseits von parteipolitischem Kalkül. Ihr Buch will Orientierung schaffen, Sicherheit bieten und die Zuversicht, dass wir gemeinsam die Krisen unserer Zeit bewältigen.
Dr. Lisa Federle arbeitet seit zwanzig Jahren als leitende Notärztin. 2015 entwickelte sie eine »rollende Arztpraxis«, damit Geflüchtete und Obdachlose medizinisch versorgt werden können. Ihre Bücher AUF KRUMMEN WEGEN GERADEAUS und VOM GLÜCK DES ZUHÖRENS waren SPIEGEL-Bestseller. 2022 wurde Lisa Federle mit dem BARBARA-KÜNKELIN-PREIS ausgezeichnet, einem Preis für mutige Frauen.
Boris Palmer studierte Geschichte und Mathematik in Tübingen und Sydney. 2001 wurde er Landtagsabgeordneter von Bündnis 90 / Die Grünen in Baden-Württemberg, wo er sich als Umwelt- und Verkehrsexperte einen Namen machte. 2007 wurde er zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt – und 2014 sowie 2022 im Amt bestätigt. Seine Bücher WIR KÖNNEN NICHT ALLEN HELFEN und ERST DIE FAKTEN, DANN DIE MORAL wurden zu Bestsellern.
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbHAutoren- und Verlagsagentur, München.www.ava-international.de
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Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.
Textredaktion: Angela Kuepper
Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille
Umschlagmotiv: © Manfred Esser, Bergisch Gladbach
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-7437-6
luebbe.de
lesejury.de
Lisa FederleFür meine wunderbare FamilieBoris PalmerFür Valentin, der gerne Neues wagt
Boris Palmer
Unsere Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Während Donald Trump und Elon Musk den Anschein erwecken, keine Grenzen und Regeln mehr zu kennen, führt Putin Krieg im Osten Europas, und China wird mehr und mehr zur Konkurrenz für die deutsche Industrie. Die Weltlage schlägt vielen Menschen aufs Gemüt. In einer Umfrage des SPIEGEL sagten 77 Prozent der Befragten, Deutschland stehe jetzt schlechter da als vor einem Jahr, nur zwölf Prozent fanden, dem Land gehe es besser. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat einen Begriff geprägt, der das erklären könnte. Er meint, dass wir in einer globalen »Omnikrise« stecken. Corona, Klimawandel, Migrationsströme, Krieg in Europa, Terror gegen Israel und der Krieg im Gazastreifen. Da kann man schon verzweifeln an der Welt.
Doch stimmt das auch? Der schwedische Arzt Hans Rosling beginnt sein im Jahr 2018 erschienenes Buch Factfulness, das sogar eine Leseempfehlung von Barack Obama erhielt, mit einem Dutzend Testfragen zur Lage der Welt. Ich (Boris Palmer) zitiere hier drei Beispiele jeweils mit Roslings Antwortoptionen:
Wie viele der Kinder im Alter von einem Jahr weltweit haben mindestens eine Impfung erhalten?A: 20 Prozent. B: 50 Prozent. C: 80 Prozent.Welcher Anteil der Menschen weltweit hat Zugang zu Elektrizität?A: 20 Prozent. B: 50 Prozent. C: 80 Prozent.Wie hoch ist die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit?A: 50 Jahre. B: 60 Jahre. C: 70 Jahre.
Auf diese Weise fragt Rosling einige der wichtigsten Fakten zur globalen Entwicklung der Menschheit ab. Weil es sich um einen Multiple-Choice-Test handelt, würde man statistisch gesehen durch rein zufälliges Ankreuzen bereits ein Drittel der Fragen richtig beantworten. Tatsächlich ist der Anteil der korrekten Antworten, die Rosling über viele Jahre dokumentierte, aber deutlich geringer. Einige der Fragen konnte nicht einmal jeder Zehnte richtig beantworten. Und mit höherem Bildungsgrad der Befragten wurde das Ergebnis eher schlechter.
Warum ist das so? Weil wir ein negativ überformtes Bild der Wirklichkeit haben. Menschen, die in der westlichen Wohlstandswelt aufgewachsen sind, schätzen die Lage der Menschen in den für sie weithin unbekannten ärmeren Teilen der Welt viel schlechter ein, als sie tatsächlich ist. Entsprechend halten sie häufig eine Antwortoption auf Roslings Fragen für richtig, die negativ von der tatsächlichen Lage abweicht. Roslings Erklärung für diese kollektive Wahrnehmungsverzerrung ist einleuchtend:
In den westlichen Gesellschaften herrscht ein grob falsches und viel zu negatives Bild vom Zustand der Erde, weil wir nicht wahrnehmen, wie groß die Fortschritte in den Entwicklungsländern sind. Um das Jahr 1970 war die Welt tatsächlich in Arm und Reich zweigeteilt, wie die meisten von uns das noch immer im Kopf haben. Seither wurden immense Erfolge bei der Bekämpfung von Kindersterblichkeit, Krieg und Hunger sowie dem Ausbau von Gesundheits- und Bildungssystemen erzielt. Wir haben davon kaum Notiz genommen, und die Fokussierung von Nachrichten aus fernen Ländern auf Katastrophen, Kriege und Hungersnöte hat den falschen Eindruck noch verstärkt.
Wie haben Sie die drei Testfragen beantwortet? Richtig ist jeweils C. Auch wenn Sie es vielleicht kaum glauben können, sind 80 Prozent der Kleinkinder weltweit geimpft, 80 Prozent der Menschen haben Zugang zu Elektrizität, und der Abstand der globalen durchschnittlichen Lebenserwartung von der in Deutschland liegt nur noch bei zehn Jahren.
Ist also der ganze Pessimismus hierzulande völlig übertrieben, weil wir nur auf unsere Probleme blicken?
Hans Rosling starb kurz nach der Veröffentlichung seines Buches. Die von ihm aufbereiteten Datenreihen enden um das Jahr 2015. Ich habe daher den Versuch gemacht, einige seiner Zeitreihen durch Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen möglichst bis in die Gegenwart fortzusetzen:
Die Zahl der Toten in kriegerischen Konflikten ist seit dem Zweiten Weltkrieg von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kleiner geworden. Die Trendumkehr fand vor rund zehn Jahren mit dem Krieg in Syrien statt: In den Jahren 2022 und 2023 sind mehr Menschen in Kämpfen getötet worden als in jedem Jahr seit 1994, dem Jahr des Völkermords in Ruanda, der 800.000 Menschen das Leben kostete. Der Grund sind, Sie ahnen es richtig, der Krieg in der Ukraine und nun auch der Krieg zwischen Hamas und Israel.Von 1970 bis 2015 wurden große Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers erzielt. Der Anteil der unterernährten Menschen weltweit sank von 28 auf elf Prozent. Dann stagnierte die Entwicklung. Und in den letzten Jahren stieg die Zahl der hungernden Menschen weltweit von 572 auf 735 Millionen an. Die wichtigsten Ursachen sind der Krieg in der Ukraine und der daraus folgende Anstieg der Getreidepreise, aber auch die Maßnahmen zur Pandemieabwehr, die Lieferketten und Märkte massiv beeinträchtigt haben. Die Ärmsten der Armen werden daran noch lange leiden.Das hatte ich übrigens im Jahr 2020 zu Beginn der Pandemie als Argument gegen allzu strikte Beschränkungen der Wirtschaft in die Debatte eingebracht und mir damit wenig Freunde gemacht. Der Hinweis, die Lockdownstrategie der entwickelten Länder könnte global betrachtet mehr schaden als nutzen, weil ein möglicher Gewinn weniger Lebensmonate hochaltriger Menschen mit dem Verlust vieler Lebensjahre junger Menschen in den ärmsten Ländern der Welt bezahlt werden müsse, wurde als moralisch unzulässig diskreditiert.
Der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, sank seit 1970 von 50 auf acht Prozent im Jahr 2017. Erstmals in unserem Jahrhundert gab es seither wieder einen Anstieg auf nunmehr neun Prozent. Das sind 80 Millionen Menschen mehr, die unter der Schwelle eines Einkommens von zwei Dollar am Tag leben müssen. Der Grund für den Anstieg sind ebenfalls die Pandemiemaßnahmen und der Ukrainekrieg.Für drei der wichtigsten Indikatoren, die Rosling zur Beschreibung der Lage der Welt benutzt, gilt also: Nach Jahrzehnten des Fortschritts haben wir eine fatale Trendumkehr erlebt. Der Menschheit geht es wieder schlechter. Das trifft auch auf weitere Zeitreihen zu. Die liberale Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform hat sich seit 1850 immer weiter ausgebreitet. Im Jahr 2000 war die Welt zur Hälfte in Demokratien und autoritäre Staatsformen aufgeteilt, doch seither sind Erstere wieder auf dem Rückzug, und eine Reihe von Staaten schränkt Bürgerrechte ein. Die CO₂-Emissionen steigen weltweit ohnehin seit vielen Jahrzehnten. Aber der größte Ölproduzent der Welt, die USA, hatte seine Förderung von 1970 bis 2010 bereits halbiert. Dann kam die Trendwende. Dank des Frackingverfahrens haben die Vereinigten Staaten in den letzten 13 Jahren die Ölproduktion fast wieder verdreifacht und im Jahr 2023 sogar einen Allzeit-Produktionsrekord erreicht.
Es verdichtet sich für mich eine überraschende Erkenntnis. Vor nur zehn Jahren war die Welt nachweisbar auf einem guten Weg. Die Indikatoren zur Entwicklung der menschlichen Lebensbedingungen zeigten alle in die richtige Richtung. Weniger Hunger, weniger Armut, weniger Krieg, mehr Bildung, mehr medizinische Versorgung, eine steigende Lebenserwartung. Heute müssen wir feststellen, dass der über fünf Jahrzehnte stabile globale Fortschritt zum Stillstand gekommen ist und die Welt teilweise sogar Rückschritte macht. Zur Erderwärmung und dem Artensterben kommt nun also auch noch eine globale Krise der menschlichen Lebensbedingungen hinzu. »Omnikrise« trifft das wohl doch ganz gut.
Lisa Federle
Tatsächlich war es noch nie so schwierig und komplex wie jetzt, Politik zu machen. Europa vollführt einen merklichen Rechtsruck, die USA befinden sich aktuell in einem Zustand, der womöglich in einer Autokratie oder einem Duo Infernale mit Trump und Musk, landen wird, China wird autoritär bis totalitär regiert und arbeitet sich stetig durch seine Exportstrategie zur Bedrohung unserer Märkte voran. Hinzu machen neue Technologien, allen voran die KI, die Welt immer schneller und komplexer. Und was Deutschland angeht, scheint sich unsere Gesellschaft weiter zu spalten, der Ton wird rauer. Deshalb ist es auch so kompliziert, die Vielfalt der Themen und Probleme allen Wählern zu erklären. Schlagworte und markige Sprüche sind leicht verständlich, prägen sich schnell ein und kommen bei einigen gut an. Doch damit lassen sich keine Konflikte lösen. Es fördert höchstens die Polarisation der Gesellschaft und erschwert die politische Arbeit. Gleichzeitig zwingen andere Positionen und Oppositionen zur Bewegung und Beschreitung von neuen Wegen. Ein »Weiter so« scheint zwar auf den ersten Blick bequemer, ist aber nicht länger verantwortbar oder möglich.
Menschen, die zu mir in die Sprechstunde kommen, machen sich vermehrt Sorgen: um den Mangel an Pflegepersonal, wenn sie selbst krank werden oder Angehörige in die Pflege geben müssen, um ihren Arbeitsplatz, die Wohnungsnot, das Klima, um die Inflation und drohende Altersarmut. Alte und Hochbetagte fühlen sich durch die Technisierung abgehängt, Menschen, die mitten im Berufsleben stehen, geht die Digitalisierung viel zu langsam voran, und die Jüngere stehen durch hohen Medienkonsum unter dem Einfluss von Social Media, haben vermehrt mit Hassbotschaften und irrealen Körperbildern zu kämpfen.
Es ist nachvollziehbar, dass Menschen, die Angst um ihre Existenz haben und emotional oder wirtschaftlich in Not geraten, sich selbst ernannten Hoffnungsträgern zuwenden. Früher war ein solcher Hoffnungsträger für einen Teil der Menschen unter anderem die Kirche, gegenwärtig sind es zunehmend Extremisten und Populisten, die Ängste weiter schüren und sich gleichzeitig mit Lösungen anbiedern, die keiner Realität standhalten. Eine Faktenanalyse findet beim Empfänger gar nicht erst statt, Behauptungen und Thesen werden uneingeschränkt übernommen. Immer wieder gerate ich in meinem Alltag an Menschen, die sich mehr und mehr einer illusionären radikalen politischen Gruppierung anschließen, an die sie sich innerlich klammern. Deswegen muss die Politik handeln und Taten folgen lassen, um das Ruder herumzureißen und nicht weiter in eine Abwärtsspirale zu geraten. Schöne Worte und nicht eingehaltene Wahlversprechen helfen an der Stelle nicht weiter. Die derzeitige Unzufriedenheit, auch bedingt durch zahlreiche Zukunftsängste, löst sich nicht von selbst auf. Es erfordert Vertrauen, Zeit, Geld, aber auch konsequente Aufklärung, um die Menschen zurück ins Boot zu holen.
Boris Palmer
Den Kopf ganz in den Sand stecken müssen wir allerdings nicht. Die negativen Trends dürfen den Blick für das Erreichte nicht verstellen. Da sind Roslings Aussagen weiterhin gültig. Auch wenn die Geißeln der Menschheit, nämlich Krieg, Seuchen und Hunger, wieder mehr Menschen treffen, lebt doch eine überwältigende Mehrheit in weitgehender Sicherheit vor diesen Plagen. Und einige Indikatoren zur Situation der Menschheit bleiben positiv. Rosling selbst hielt die Überlebensrate der Kinder bis zum Alter von fünf Jahren für einen der wichtigsten, weil er sehr viele Einflussfaktoren zusammenfasst. Von 1.000 lebend geborenen Kindern starben im Jahr 2000 weltweit noch 76 vor dem fünften Geburtstag. Im Jahr 2015 war der Wert auf 43 gesunken, und dieser Trend hat sich fortgesetzt: 2021 berichteten die UN von 38 toten Kindern auf 1.000 lebend Geborene. Immerhin eine weitere Verbesserung um zehn Prozent. Das mag sich wenig anhören, bedeutet aber, dass im Jahr 2021 550.000 Kinder weniger gestorben sind als noch 2015.
Ich finde es auch tröstlich, dass einige Rückschläge vor allem menschlicher Dummheit anzulasten sind. Wir wären weitaus besser durch die Pandemie gekommen, hätten wir uns nur ein wenig vorbereitet. Dass die Kontaktverfolgung händisch und per Fax erfolgen musste, ist schließlich nicht dem Virus anzulasten. Die Corona-Warn-App war ein Flop, weil die Technik viel zu spät entwickelt wurde und der Datenschutz sich gegen die Pandemie als vollkommen resistent erwies, da keine entsprechende Vorsorge in den Regelwerken getroffen wurde. Mit ein Grund dafür, dass der Umgang mit der Pandemie endlich aufgearbeitet werden sollte, um aus den begangenen Fehlern zu lernen und zukünftig besser gerüstet zu sein.
Und die Kriege von Putin und der Hamas sind furchtbar, aber nicht Gottes Werk.
Lisa Federle
Ich bin überzeugt, dass die Medizin – und übrigens auch die Politik – den ganzen Menschen im Blick haben muss: seine gegenwärtigen Lebensumstände, seine Sorgen und Ängste, den Stress, dem er ausgesetzt ist, aber auch die persönliche Vergangenheit.
Mit Beginn des Ukrainekriegs wurde mir deutlich vor Augen geführt, wie viele ältere Menschen, die als Kinder noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatten, plötzlich massiven Ängsten ausgesetzt waren und durch die geografische Nähe wie auch durch Russlands Angriffskrieg retraumatisiert wurden. Kriege haben weit mehr Opfer zur Folge, als auf den ersten Blick ersichtlich ist, Traumata setzen sich über Generationen fort. Und während die Politik Sanktionen gegen Russland erließ und dazu riet, sich buchstäblich wärmer anzuziehen, fühlten sich Millionen von älteren und alten Menschen in ihren steigenden Ängsten gefangen und allein gelassen.
»Omnikrisen« und gesellschaftliche Brüche in den letzten Jahren haben dazu beigetragen, dass die Zahl der Angsterkrankungen deutlich angestiegen ist. Fast jeder Zehnte ist davon betroffen, wobei Frauen deutlich häufiger daran erkranken als Männer.
Natürlich kann die Bundespolitik nicht jeden Einzelnen im Land im Blick haben. Das schafft noch nicht mal die Lokalpolitik. Doch es ist wichtig, ein Bewusstsein für die seelischen Zustände der Bürgerinnen und Bürger zu entwickeln, aufzuklären, in die psychische Gesundheit zu investieren und, gerade solange keine zeitnahen Therapieplätze vorhanden sind, den Menschen die Werkzeuge an die Hand zu geben, um mit Krisen besser umzugehen. Die wichtigsten Säulen der Resilienz sind bekanntermaßen Optimismus, Akzeptanz, Selbstwahrnehmung, Selbstregulierung, Lösungs-, Zukunfts- und Netzwerkorientierung. Sie alle können zumindest bis zu einem gewissen Grad erworben werden. Und manchmal hilft es eben auch, Grenzen zu ziehen und mal bewusst keine Nachrichten zu schauen.
Ein konstruktiver Umgang mit Sorgen und Angst ist auch aus dem Grunde wichtig, um Populisten nicht das Feld zu überlassen, die die Angst der Menschen für ihren Machtgewinn ausnutzen, Scheinlösungen darbieten und eine Spaltung der Gesellschaft vorantreiben.
Boris Palmer
Wenn die Menschheit es will, hat sie technisch alle Möglichkeiten, auf den Erfolgspfad der vergangenen fünf Jahrzehnte zurückzukehren.
Und tatsächlich gibt es auch erstaunlich positive Entwicklungen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen. China hat im vergangenen Jahr die Installation neuer Solaranlagen auf den Wert von 240 GW gesteigert. Zum Vergleich: In Deutschland sind derzeit insgesamt 80 GW Photovoltaikanlagen in Betrieb. China hat also in nur einem Jahr dreimal mehr Solaranlagen errichtet als der frühere Solarweltmeister Deutschland in den letzten 30 Jahren zusammen. PV-Module aus China sind mit 19 Cent je Watt so billig wie nie zuvor. Vor zwei Jahren musste man dafür noch 30 Cent bezahlen.
Was heißt das nun für die Lage in Deutschland? Wir können uns leider nicht mit dem Gedanken trösten, dass wir nur Probleme in einer Wohlstandsblase haben. Es spricht viel dafür, dass wirklich etwas in Schieflage geraten ist auf der Welt. Und auch wenn wir weiterhin eines der reichsten Länder der Erde sind, so treffen die großen Krisen unser Land härter als andere entwickelte Nationen. Man könnte sagen, das »Geschäftsmodell Deutschland« ist entfallen.
Vereinfacht gesagt lieferten die Russen uns billige Energie, während die Amerikaner für unsere Sicherheit bezahlten und die Chinesen unsere Autos kauften. Diese Vereinbarung haben alle drei ziemlich gleichzeitig gekündigt. Russland liefert kein Gas mehr, die USA könnten die Finanzierung der Sicherheit Europas einstellen, und die Chinesen sind dabei, mit günstigen Elektrofahrzeugen den hiesigen Automarkt aufzurollen.
Diese äußeren Einflussfaktoren treffen mit Wucht auf ein Land, das seine eigenen Probleme lange unbeachtet ließ. Die Infrastruktur verfällt zusehends, was man leider an der Deutschen Bahn am besten sehen kann. Die Digitalisierung hat Deutschland verschlafen, im öffentlichen Dienst rangieren wir in dieser Hinsicht sogar ganz am Ende aller Industriestaaten. Das Bildungssystem erodiert, die Ergebnisse werden zunehmend schlechter. Die Bürokratie wuchert aus und bringt vieles zum Erliegen. Die Energiekosten überfordern wichtige Industriebranchen wie Stahl, Chemie, Textilveredelung und Grundstoffproduzenten. Die Demografie ist in Schieflage, das Rentensystem fordert immer mehr Steuerzuschüsse, und überall mangelt es an jungen Fachkräften. Das Management der Migration funktioniert nicht.
Alles in allem dürfte die schlechte Stimmung im Land mit der Lage zusammenpassen. Was tun?
Lisa Federle
Wenn wir diese Themen nicht schnell, global und systematisch angehen, geht der unternehmerische Innovationsgeist in unserem Land völlig verloren, und unsere Abhängigkeit von anderen Ländern wird noch ausgeprägter. Aber wir schulden es auch den Generationen nach uns. Wir können ihnen kein politisches und wirtschaftliches Desaster hinterlassen, ganz zu schweigen von der Klimakrise sowie den bewaffneten und atomaren Bedrohungen, die in Europa herrschen. Auch wenn jungen Menschen die Tragweite vielleicht noch nicht in ihrem ganzen Ausmaß bewusst ist, so spüren sie die innenpolitischen Auseinandersetzungen und Konflikte deutlich und suchen für sich Auswege.
Mir scheint, das beste Rezept, die Zukunft zu gewinnen, ist ein Dreiklang aus ehrlicher Analyse, Klarheit in den Zielen und Hartnäckigkeit in der praktischen Umsetzung.
Die Grundlage politischen Handelns könnte man mit Roslings »Factfulness« beschreiben oder mit einem Satz von Kurt Schumacher: »Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit.« Wir müssen ein möglichst realistisches Bild von der Ausgangslage gewinnen, um darauf aufbauend passende Lösungen zu entwickeln. Das gilt gewiss global, aber auch für unser Land.
Man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, als könnte man die Wirklichkeit rein objektiv betrachten oder gar die Wahrheit für sich selbst pachten. Politisches Handeln braucht immer klare Überzeugungen und Ziele. Diese müssen transparent dargestellt werden und sich ständig in der Auseinandersetzung mit konkurrierenden Ideen und besseren Argumenten bewähren.
Wer beides hat, eine ehrliche Analyse und klare Ziele, braucht nach Max Weber noch die Geduld zum Bohren dicker Bretter. Die eigentliche Mühsal der Ebenen ist die praktische Umsetzung von Ideen. Menschen müssen überzeugt und im besten Fall begeistert werden, um gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten. Und oft muss man auf dem Weg eine unbekannte Abzweigung nehmen, weil sich zeigt, dass die Hauptroute unbegehbar ist. So manche Idee erweist sich in der Praxis als untauglich. Dann muss man einfach machen. Davon handelt dieses Buch.
Arbeit kann sich in vielerlei Hinsicht lohnen. Als geistige wie auch körperliche Tätigkeit kann sie erfüllend sein, dem Leben Sinn geben und ein entsprechendes Selbstwertgefühl vermitteln. Zugleich ermöglicht Arbeit soziale Kontakte und einen Austausch außerhalb des Familien- und Freundeskreises. Einer der wichtigsten Aspekte von Arbeit ist sicherlich, die eigene Existenz und die der Familie durch ein geregeltes Einkommen zu sichern und für das Alter vorzusorgen.
Der Apostel Paulus war streng mit seiner Gemeinde: »Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.« Auch wenn er damit Gläubige ansprach, die in Erwartung der nahen Ankunft des Messias die Arbeit sein lassen wollten, drückt sich in diesem Satz etwas aus, das noch immer die meisten Menschen in unserem Land teilen: Wer arbeiten kann, der soll das auch tun. Sich ganz auf die Gemeinschaft zu verlassen, wenn man sich selbst versorgen könnte, ist unsolidarisch.
Es kursiert auch eine falsch übersetzte Variante des Pauluszitats: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Wenn man das wörtlich nimmt, müssten Kinder, Kranke und Alte verhungern. Heute sind wir uns nahezu alle einig, dass der Staat die schlimmsten Risiken des Lebens auffangen muss. Deshalb gibt es eine Krankenversicherung, eine Rentenversicherung, eine Arbeitslosenversicherung und eine Vielzahl von Sozialleistungen für Menschen in Not.
Trotz bester Absichten stößt das System aber mittlerweile an seine Grenzen. Der Verwaltungsaufwand sprengt das vernünftige Maß. Die Finanzierung wird zunehmend schwieriger. Und der Anreiz zu arbeiten geht zunehmend verloren. Das Bürgergeld, das einen hohen Anspruch an die Absicherung der Menschen formuliert, die keine anderen Einkünfte haben, wurde zuletzt so stark erhöht, dass sich Arbeit für die Bezieher dieser Leistung in vielen Konstellationen nicht mehr lohnt. Zwischen Dezember 2022 und Januar 2024 stieg der Regelsatz für einen Haushaltsvorstand von 449 auf 563 Euro. Das ist ein Plus von 24 Prozent. Wie soll man das Geringverdienern erklären, wenn der Mindestlohn im selben Zeitraum um lediglich vier Prozent erhöht wurde?
Der Staat übernimmt für Bürgergeldbezieher auch die Mietkosten und die Nebenkosten wie Heizung und Warmwasser. Zwar gibt es dafür Obergrenzen, aber in einer relativ teuren Stadt wie beispielsweise Tübingen kann eine Familie mit vier Kindern zusätzlich zu 1.800 Euro Bürgergeld nochmals 1.400 Euro für die Kosten der Unterkunft erhalten, zusammen also 3.200 Euro. Ein Familienvater müsste brutto deutlich über 4.000 Euro verdienen, um diesen Betrag für Miete und Lebenshaltungskosten zur Verfügung zu haben.
Zwar stimmt es, dass durch ergänzende Sozialleistungen auch für Arbeitnehmer am Ende in den meisten Fällen einige Hundert Euro mehr bleiben als durch das Bürgergeld. Daraus aber herzuleiten, Arbeit lohne sich immer, geht an der Lebenswirklichkeit vorbei.
Von der eigenen Hände Arbeit leben zu können heißt für die meisten Menschen, zumindest nicht aufs Amt angewiesen zu sein, um wirklich etwas mehr in der Tasche zu haben als der Bürgergeldempfänger. Doch für 300 oder 400 Euro mehr im Geldbeutel einen ganzen Monat zu arbeiten, die Kosten für den Arbeitsweg zu tragen und die Kindergartengebühren selbst zu zahlen ist in der Lebenswirklichkeit der meisten Arbeitnehmer nicht das, was man als lohnend bezeichnet.
Ein Gutachten mehrerer Forschungsinstitute für die Bundesregierung hat im Herbst 2023 belegt, dass sich Mehrarbeit in einem Korridor zwischen etwa 3.500 und 5.000 Euro Familienverdienst in vielen Fällen gar nicht mehr lohnt. Mehr Brutto bedeutet dann wegen Entzug von Transferleistungen und höheren Steuern und Abgaben am Monatsende keinerlei Zuwachs beim Netto. Das kann man arbeitenden Menschen nicht erklären.
Seit vielen Jahren arbeite ich als Notärztin und habe eine Praxis in Tübingen. Mit zu meiner Arbeit zählen Hausbesuche, bei denen ich immer wieder einen direkten und unverfälschten Einblick in das Leben der Menschen in unserem Land bekomme.
So etwa bei einem zwölfjährigen Jungen, dessen Vater den Notdienst verständigt hatte, weil sein Sohn hohes Fieber habe.
Die Wohnungstür war nur angelehnt, und als ich klingelte, kam niemand, um mir zu öffnen. Ich betrat die Wohnung mit den Worten: »Guten Tag, Entschuldigung, mein Läuten hat wohl niemand gehört.«
Im Wohnzimmer saß ein Mann in den Vierzigern, vor sich eine Flasche Bier, und schaute gebannt irgendeine Sendung auf einem Privatsender. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, deutete er mit dem Finger aufs gegenüberliegende Zimmer und meinte halbherzig: »Mein Sohn ist sehr krank, schauen Sie nach ihm.«
Mein erneutes »Guten Tag« überhörte er geflissentlich und nahm stattdessen einen ordentlichen Schluck aus der Flasche. Da er nicht mein Patient war, beschäftigte ich mich nicht weiter mit ihm, sondern klopfte an der Tür, auf die der Mann gedeutet hatte. Es ertönte ein leises »Herein«. Vorsichtig drückte ich die Klinke hinunter, man kann ja nie so genau wissen, was einen erwartet, und ich bin einiges gewohnt. Im Zimmer lagen überall verstreut Kleidungsstücke und Schuhe – überwiegend Markenartikel, wie ich auf den ersten Blick erkennen konnte, da ich selbst vier Kinder habe und in der Vergangenheit einige Kämpfe diesbezüglich hatte ausfechten müssen.
Im Bett saß der angeblich schwer kranke Notfallpatient und tippte eifrig auf einem iPad herum. Kurz hob er den Kopf und begrüßte mich mit einem »Hi«, um sich unverzüglich wieder seiner elektronischen Gerätschaft zu widmen. Ganz der Vater, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dachte ich und versuchte, mir meinen Unmut nicht anmerken zu lassen.
Nur mit Mühe gelang es mir, die Aufmerksamkeit des Jungen zu gewinnen.
»Bist du krank? Was hast du denn?«, fragte ich.
»Weiß nicht, Kopfweh oder so«, erwiderte er, ohne von seinem iPad aufzublicken. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er irgendein Computerspiel spielte. »Moment, bin gleich fertig«, brummte er.
Ich seufzte innerlich und hätte dem Bengel am liebsten das iPad aus der Hand genommen. So ein Flegel! Aber woher sollte er es auch gelernt haben, der Vater benahm sich ja um kein Haar anders. Zum Glück hatte das Schicksal ein Einsehen mit mir, und der Junge verzockte das Spiel innerhalb von wenigen Sekunden.
»So, jetzt ist aber Schluss!«, sagte ich schnell, bevor er die nächste Runde starten konnte. »Wie heißt du denn?«
»Jasin«, meinte er bloß.
»Und was hast du, Jasin? Tut dir etwas weh?«
»Nee, eigentlich nicht, nur ein bisschen Kopfweh, ja, und Fieber.«
Ich untersuchte ihn gründlich und reichte ihm ein Fieberthermometer.
»Muss das sein?«, fragte er genervt.
»Ja klar, ich muss ja herausfinden, was du hast.«
Jasin schüttelte unwillig den Kopf, gab dann aber nach.
Das Thermometer zeigte gerade mal 36,8 Grad.
»Fieber hast du jedenfalls nicht. Dein Hals, die Lunge und der Bauch sind auch unauffällig. Jetzt mal raus mit der Sprache! Was ist hier wirklich los, warum seid ihr nicht zum Kinderarzt gegangen, sondern habt den Notdienst geholt?«
»Macht Papa immer so. Morgens schläft er lange, Auto haben wir auch keins. Und es ist doch sowieso viel einfacher, wenn du zu uns kommst.«
Ich fand das alles andere als einfach, hatte aber keine Lust, den Sinn und die Aufgaben eines Notdienstes mit dem Jungen zu diskutieren.
»Mal ehrlich, was ist denn dein Problem?«, fragte ich ruhig und schaute ihm in die Augen. Ich spürte, wie das Misstrauen langsam von ihm abfiel. Eine ganze Weile musterte er mich schweigend. Seine Augen blitzten, schließlich siegte seine Wut.
»Mich kotzt die Schule an, ständig gibt es irgendwelchen Ärger!«, stieß er hervor. »Die Mädchen finden mich zu klein, obwohl ich echt cool bin und voll weiß, worauf es bei den steilen Zähnen ankommt. Trotzdem hat keine von denen Lust, mit mir abzuhängen.« Er zuckte die Schultern. »In Deutsch bin ich megaschlecht. Heute hätten wir eine Arbeit geschrieben. Also dachte ich, ich bleib einfach zu Hause, das merkt eh keiner. Mama ist arbeiten, und Papa ist es ziemlich egal, Hauptsache, es gibt keinen Ärger.« Er grinste frech und schob nach: »Den gibt’s ja auch nicht, wenn sogar die Notärztin kommen muss. Kannst gern öfters vorbeischauen.«
Einen Augenblick lang war ich sprachlos. Ein Zwölfjähriger und schon so durchtrieben! Andererseits tat er mir irgendwie leid, denn Schuld an der Situation waren die Umstände. Die Probleme in diesem Elternhaus konnte ich an dem Abend nicht lösen, da lag offensichtlich so einiges im Argen. Ein Junge in seinem Alter, der von Mädchen als »steilen Zähnen« sprach, war schon eher ungewöhnlich, aber dass er dann auch noch gezielt den Notdienst für das Schwänzen in der Schule einsetzte, fand ich mehr als ausgebufft. Anscheinend hatte auch der Vater kein Problem mit dieser Vorgehensweise, und so selbstverständlich, wie Jasin darüber sprach, war ich gewiss nicht die Erste, die hier ein Attest ausstellen sollte.
Ich nahm mir extra noch ein wenig Zeit, um Jasin klarzumachen, dass es so nicht ging. Tatsächlich wurde der Junge etwas zutraulicher und fing an, über sein Elternhaus zu reden. Mit zwei Jahren war er mit seinen Eltern von Kroatien nach Deutschland gekommen. Der Vater schlug sowohl seine Frau als auch Jasin gelegentlich. Meist saß er vor der Glotze, und wenn er betrunken war, kam er leicht in Rage und rastete wegen Kleinigkeiten aus. Er kümmerte sich wenig um Jasin und merkte nicht einmal, wenn der Junge nichts zu Mittag aß. Ein Jahr lang hatte Jasin regelmäßig Judo gemacht, um sich abzulenken; dort hatte er Anerkennung bekommen und es immerhin bis zum gelben Gürtel gebracht, wie er mir stolz erzählte. Die Mutter hatte ihm den Kurs heimlich von dem wenigen Geld bezahlt, das sie verdiente. Dann war der Vater dahintergekommen und drohte beiden Schläge an, sollten sie es wagen, noch einmal Geld für »solchen Unsinn« auszugeben. Seither blieb Jasin erneut häufig der Schule fern, und die Lehrer bestanden auf einem ärztlichen Attest. Die Problematik dahinter kannten sie nicht – was wohl auch kaum möglich war, da Jasin eine Klasse mit 30 Schülern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen besuchte.
Ohne Chancen auf Unterstützung, sei es im Bereich der Schule, der Bildung oder des Sports, und mit einem Vater, der seit Jahren wenn, dann nur schwarz arbeitete, inzwischen Bürgergeld bezog und seinem Sohn die falschen Werte vorlebte, hatte Jasin äußerst schlechte Voraussetzungen für sein zukünftiges Leben. Er wäre nicht der Einzige, der die Schule abbrechen, Gelegenheitsjobs übernehmen und irgendwann die Rechnung aufstellen würde, ob Bürgergeld denn nicht auch für ihn die bessere Option sei.
Jasins Beispiel zeigt auf, dass wir als Gesellschaft auch eine Verantwortung der Jugend gegenüber tragen, sonst haben Kinder wie er keine Chance. Deshalb muss gerade in Brennpunktschulen mehr investiert werden. Leider aber fehlt inzwischen den Kommunen das Geld, und die bisher geförderte Schulsozialarbeit wird deutlich gekürzt oder fällt komplett weg. Fatal angesichts des ständig steigenden Bedarfs.
Jasin wuchs ohne Struktur und Ideale auf. Alles, was er von seinem Vater lernte, war, in den Tag hineinzuleben, den Staat zu benutzen und ziellos die Tage vor dem Fernseher zu verbringen. Durch eine geregelte Arbeit hätte Jasins Vater vielleicht auch eine Chance gehabt, für sich wieder soziale Kontakte und einen Sinn im Leben zu finden. Dazu hätte er aber erst mal erkennen müssen, dass sich Arbeit aus vielen Gründen lohnt. Bürgergeld allein war und ist in diesem konkreten Fall nicht die Lösung. Im Gegenteil – man könnte durchaus den Standpunkt vertreten, dass Jasins Lebensbedingungen sich auf diese vermeintlich bequeme Weise nur weiter verschlechterten.
Ich versprach Jasin, mir etwas einfallen zu lassen, aber es würde eine Zeit lang dauern, und er müsse sich gedulden. Man muss mehr für die Jugendlichen tun, und ich hatte bereits eine Idee.
Dieses Erlebnis war ein weiterer Punkt auf meiner Liste, den ich im Hinterkopf abspeicherte. Ein abschließendes Gespräch mit Jasins Vater bestätigte mir den Eindruck, den ich gewonnen hatte. Er hatte offensichtlich keinerlei Interesse, seinen Sohn zu fördern oder zu unterstützen, warum sollte er auch? »Der Junge kommt selber klar«, lautete sein Kommentar. Er selbst hatte kein gesteigertes Bedürfnis zu arbeiten, wie er mir mitteilte. »Mein Leben ist gut so. Wenn ich was brauche, arbeite ich nebenher, da habe ich mehr übrig, als wenn ich jeden Tag schufte.« Er zuckte die Schultern. »Man muss nur wissen, wie es geht.« Eine Haltung, die auch bei deutschen Staatsbürgern vorkommt, wie ich immer wieder erlebe.
Als ich die Wohnung verließ, grinste Jasins Vater mich frech an und verabschiedete sich mit den Worten: »Man sieht sich.«
Ich wollte es nicht eskalieren lassen und murmelte nur: »Ich hoffe nicht.« Das Schicksal des Jungen ging mir nicht aus dem Kopf. Doch ich würde ihn bald wiedersehen, schneller als ich gedacht hatte.
Was den Kontext Arbeit vs. Bürgergeld angeht, wird mit dem Hinweis auf angeblichen Populismus oder Sozialneid gerne zu verhindern versucht, dass Leistungen für Geflüchtete diskutiert werden. Der direkte Zugang für ukrainische Flüchtlinge zum Bürgergeld kann aber hier nicht außen vor bleiben. Denn diese haben bei uns eine im europäischen Vergleich sehr niedrige Erwerbsquote von nur 20 Prozent, die in Ländern wie Dänemark oder Polen um fast das Vierfache übertroffen wird. Eine Ursache sind unsere weit überzogenen Anforderungen an den Zutritt zum Arbeitsmarkt. Wir verlangen sogar von Menschen, die ihren Beruf in ihrem Heimatland lange praktiziert haben, zum Beispiel als Arzt in der Ukraine oder Pflegekraft im Kosovo, langwierige Anerkennungsverfahren ihrer Qualifikation, Prüfungen, Kurse, Sprachnachweise und Lehrgänge, weil nur deutsche Zertifikate hierzulande etwas gelten.
Unbestreitbar ist aber das extrem hohe Leistungsniveau des Bürgergelds für Menschen, die in Deutschland kein anzurechnendes Vermögen haben, ein großes Hindernis für die Arbeitsaufnahme.
Das ist nicht nur ein theoretisches Problem. Ein Hotelier aus dem Schwarzwald schrieb mir, dass eine ukrainische Geflüchtete bei ihm arbeiten wolle. Als sie sich aber ausrechnete, was nach Abzug der vom Betrieb bereitgestellten Kinderbetreuung und Wohnung für sie übrig bliebe, sagte sie mit der Begründung ab, im Bürgergeld habe sie ohne Arbeit mehr Geld. Die Rechnung erscheint dem Hotelier und mir plausibel. Die gute Absicht, den Geflüchteten aus der Ukraine im Gegensatz zu allen anderen Asylbewerbern unmittelbaren Zugang zum Arbeitsmarkt und Bürgergeld zu gewähren (sogenannter Rechtskreiswechsel), hat sich in der Praxis ins Gegenteil verkehrt.
Der Inhaber einer Tübinger Großbäckerei erzählte mir, dass er viele Sonntage selbst in der Spülküche stand, weil sich partout niemand finden wollte, der diese Stelle annehmen konnte. Da hier keine besonderen Qualifikationen vorausgesetzt werden müssen, ist es schwer einzusehen, warum kein Bürgergeldbezieher in der Lage sein sollte, diese Arbeit zu übernehmen.
Erstaunlich ist, dass eine solche Entwicklung mit einem sozialdemokratischen Kanzler möglich war. Immerhin hat die SPD eine Tradition von über 100 Jahren als Partei der Arbeitnehmer. Bedürftige nicht zu vergessen, Kranke und Schwache zu versorgen, das ist SPD, aber den Wert der Arbeit durch staatliche Transfers teilweise zu eliminieren widerspricht dem, was Helmut Schmidt noch als SPD-Politik verstanden hätte, diametral.
Häufig erlebe ich, dass gerade Kranke wie auch ältere Menschen an der Bürokratie und am System scheitern. Nicht jeder passt in das Raster der typischen Angestellten, die 35 und mehr Jahre in die Rente einbezahlen, um dann einen gesicherten Lebensabend zu genießen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Oft liegen sie in den Lebensumständen, der familiären Situation, aber auch in der Arbeit selbst begründet.
