"Wir sind die Guten" - Hans-Peter Bartels - E-Book

"Wir sind die Guten" E-Book

Hans-Peter Bartels

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Beschreibung

Für das größte Land in Europa, die zweitstärkste Exportmacht und viertgrößte Volkswirtschaft der Welt gibt es in der Verteidigungspolitik keinen stillen Winkel mehr. Vor dem Aufbau einer europäischen Armee schrecken die deutschen Verteidigungsminister als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt bisher noch zurück. Wo bliebe da die Souveränität, das Primat der (deutschen) Politik, der Parlamentsvorbehalt, die Chance auf doch noch einen Sonderweg? Über die veränderte Bedeutung des Militärischen für die sozialdemokratische und für die deutsche Politik, über die Wandlung der Bundeswehr und über das neue Selbstverständnis einer "normalen" europäischen Mittelmacht gibt Hans-Peter Bartels Auskunft. Er diskutiert aus nächster Nähe und mit politischem Hintergrundwissen die Bundeswehr im weltweiten Einsatz, die Armee in der Dauerreform, die Ansprüche der Bündnispartner, die Bestrebungen der Rüstungsindustrie und die Mühen der politisch Verantwortlichen um eine gute Armee.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2012

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vorwärts | buch

»Wir sind die Guten«

Erfahrungen und Anforderungen deutscher Verteidigungspolitik

Hans-Peter Bartels

vorwärts | buch

Impressum

© 2012 vorwärts buch GmbH, Stresemannstr. 30, 10963 Berlin. www.vorwaerts-buch.de; Gestaltung: Dirk Bleicker; Satz: Projektdesign Birgit Meyer; Autorenfoto: Dirk Bleicker. Jede Form der Wiedergabe oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, erfordert die schriftliche Zustimmung des Verlages.

ISBN 978-3-86602-054-2

Impressum

Vorwort

Einsatz

Der alte Schrecken

Mit Oberst Klein in Kundus

Bomben nachts um halb zwei

Was ist ein Krieg?

Afghanistan: nicht gut, nicht einfach

Balkanmission mit langem Atem

Deutsche Raketen auf Serbien

„Die Hasen vom Amselfeld“

Marineoperationen gegen Terroristen, Waffenschmuggler und Piraten

Ferne Galaxien

Gefechte im Innern

Bündnispartner

Im Hauptquartier der Weltmacht

Amerikas „war on terror“

Deutschlands Souveränität

Kein Job für die Nato?

Europa zwischen Mars und Venus

Andere Blickwinkel: London, Paris, Moskau, Peking

Militärisches Outsourcing

Bundeswehrreform

Zweihundert Jahre Scharnhorst

Alte Sicherheiten verschwinden

Die Burnout-Diagnose

Europäisierung statt Bonsai-Strategie

Der Kampf um die Wehrpflicht

Langdiener als Ideal?

Bundeswehr ohne Uniform

Rüstung

Immer wieder Saudi-Arabien

Giftgas für Libyen

Das übliche Geschäft

Die Mühen der Kooperation

Deutsche Abrüstung

Der technische Fortschritt

Parlamentsarmee

Die Macht des Deutschen Bundestages

Freundliches Interesse

Die IBuKs und das Primat des Politischen

Besonders normal: Wohin führt der deutsche Weg?

Internationale Abkürzungen

Vorwort

Seit Jahren veröffentlicht die britische Rundfunkanstalt BBC regelmäßig ein ungewöhnliches Länderranking. Es beruht nicht auf Wirtschaftsstatistiken oder Demografietabellen, sondern auf einer Umfrage in 27 großen Staaten dieser Erde zu der Frage, welches Land wohl einen guten Einfluss auf die Weltpolitik hat. Und seit Jahren steht Deutschland ganz oben auf der Liste – 2008, 2009, 2010 und 2011 jeweils auf Platz eins, abwechselnd vor Kanada, Großbritannien oder Japan. Die USA, China und Russland liegen im Mittelfeld, Pakistan, Nordkorea und der Iran ganz hinten.

Das vereinte Deutschland ist im Urteil der Welt heute ein freundliches Land. Und dass die Deutschen sich selbst gar nicht so besonders mögen, macht sie international umso vertrauenswürdiger. Der „hässliche Deutsche“ scheint Vergangenheit zu sein, die Gegenwart gehört dem „guten Nachbarn“ (Willy Brandt) oder, auch wenn das eine noch ältere Metapher ist, dem „ehrlichen Makler“ (Bismarck). Zu diesem freundlichen Deutschlandbild haben nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts alle Bundesregierungen aktiv beigetragen, über alle Regierungswechsel hinweg. Es sollte auch die Verwerfungen der Eurokrise überstehen.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt, ein Deutscher, der 1933 vierzehn Jahre alt war und als Soldat 1939–45 den Krieg erlebt hat, erinnerte in seiner großen Europarede auf dem SPD-Parteitag im Dezember 2011 an den Frieden, den Wohlstand, die Freiheit und das weltweite Ansehen unseres Landes. All diese deutschen Fortschritte seien für ihn „unglaublich“. Dies wiederholte er: „unglaublich“. Als ob er sagen wollte: Vermasselt das nicht wieder!

Welche Erfahrungen und Prinzipien prägen nun die Politik unserer zweiten deutschen Republik im Hinblick auf die Rolle des Militärs? Für keinen Nachbarn und keinen Bündnispartner dürfte diese Frage existentieller sein als gerade für Deutschland. Denn Traditionen helfen uns hier nicht.

Um die Zeit nach dem Ende des Ost-West-Konflikts zu kennzeichnen, spricht der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber James Stavridis von einer „Ära strategischer Überraschungen“. Schon die welthistorische Wende 89/90 hätte am Jahresbeginn 1989 niemand vorauszusehen vermocht. Wer ahnte am 10. September 2001, was der 11. September bringen würde? Und 2010 war vom „Arabischen Frühling“ 2011 noch nichts zu spüren.

Dem eingefrorenen Patt der beiden Militärblöcke folgte eine Phase größerer Unübersichtlichkeit, die noch anhält. „Ethnische Säuberungen“ im zerfallenden Jugoslawien, failed states wie Somalia, Terroristencamps in den Bergen Afghanistans, Al-Qaida-Anschläge weltweit, die US-Intervention im Irak, Stammeskämpfe im Kongo, Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon, Piratenüberfälle im Indischen Ozean, ein Diktator in Libyen, der Teile der eigenen Bevölkerung bombardiert, verstörende Nachrichten aus Kairo, Damaskus und Teheran – die Konflikte der Welt wurden und werden mehr und mehr auch unsere Sache. Wegschauen geht nicht länger, wenn heute der UN-Sicherheitsrat sich ohne Einspruch der Veto-Mächte zu Militärmandaten durchringt. Deutschland muss entscheiden, ob es Mitverantwortung übernimmt. Und wie viel. Dabei hat unser Land inzwischen Einflusschancen gewonnen. Aber alles fließt. Wie geht es weiter?

Das vorliegende Buch ist kein Thesenbuch, das einer möglichst zugespitzten Frage mit hohem Ton (Krieg! Töten! Scheitern!) eine Patentantwort verpasst. Ich versuche nachzuzeichnen, zu erklären und zu bewerten, wie sich die deutsche Verteidigungspolitik nach der Überwindung der Teilung entwickelt hat und wohin aus Sicht eines Sozialdemokraten der Weg weiter führen sollte.

Als ich 1961 geboren wurde, lebten drei Milliarden Menschen auf der Welt, heute sind es sieben. Damals ließ Walter Ulbricht gerade in Berlin die Mauer bauen. Als ich 1980/81 meinen Wehrdienst ableistete (zur gleichen Zeit wie der Autor und Musiker Sven Regener, der seine Erfahrungen in dem sehr lesenswerten Roman„Neue Vahr Süd“ verarbeitet hat), standen anderthalb Millionen Soldaten in Deutschland: Bundeswehr und Nato-Alliierte im Westen, NVA und Rote Armee im Osten.

Seit über einem Jahrzehnt bin ich nun Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages und habe in unseren parlamentarischen Diskussionen, bei meinen Reisen in die Einsatzgebiete, bei Truppenbesuchen im Inland und auf internationalen Konferenzen einiges an persönlichen Eindrücken gesammelt. Mit Recherchen und kritischen Hinweisen haben mir meine wissenschaftlichen und studentischen Mitarbeiter in meinem Berliner und im Kieler Abgeordnetenbüro sehr geholfen: Daniel Martinen, Martin Weinert, Ernst Engert, Kai Mühlstädt, Ole Jann, Lars Juister, Jan-Ole Prasse, Anne Woltmann und Lukas Wolff gebührt dafür herzlicher Dank!

Die Aufnahme in die Reihe programmatischer Titel des Vorwärts-Buchverlages freut mich besonders. Die Sozialdemokratische Partei hat einen wesentlichen Anteil daran, dass die Neuausrichtung der Sicherheitspolitik unseres Landes gelingen konnte. Wir haben von alten Gewissheiten und manchen Illusionen Abschied nehmen müssen, aber dafür neue Souveränität gewonnen, wenn es darum geht, eine verantwortungsvolle Rolle auf der Weltbühne zu spielen: niemals im Alleingang, immer im Bündnis mit anderen und manchmal sogar ohne den Großen Bruder.

300 000 Männer und Frauen der Bundeswehr haben mittlerweile den deutschen Kontingenten für multinationale Auslandseinsätze angehört. Einhundert Soldaten sind seit 1992 im Einsatzland gefallen oder (zwei Drittel) durch Unfälle, Suizid oder Krankheit zu Tode gekommen. Das ist weniger als die Starfighter-Unfälle der 1960er-Jahre in Deutschland an Opfern gekostet haben, aber es ist in jedem individuellen Fall eine Tragödie. Und sie ist nicht mehr begründet in den Gefahren, die damals von der Vorbereitung des jederzeit möglichen Verteidigungsfalls ausgingen, sondern in der solidarischen Hilfe, die wir heute aktiv für eine friedlichere Ordnung der Welt leisten. Das klingt abstrakt. In Afghanistan habe ich einmal einen dort eingesetzten Bundeswehrsoldaten gefragt, wofür er hier steht. Dem leicht genervten Blick folgte ein Satz, der vielleicht nicht die konkrete Frage beantwortete, aber als Letztbegründung gar nicht so schlecht ist: „Wir sind die Guten.“ Warum das überwiegend richtig ist und was wir dafür tun müssen, damit es so bleibt, davon handelt dieses Buch.

Hans-Peter Bartels

Einsatz

Der alte Schrecken

Auf der Autobahn A7 Richtung Dänemark, kurz hinter der Abfahrt Owschlag, verschwindet plötzlich der grüne Mittelstreifen. Nur noch eine einfache Leitplanke trennt die Fahrbahnen, die jetzt dreieinhalb Kilometer schnurgeradeaus gehen, keine Brücke, nichts. Ein Space Shuttle könnte hier landen, oder Außerirdische. Die A7 war eine der Nato-Landebahnen des Dritten Weltkrieges, vorbereitet für zurückkehrende Tornado-Bomber der ersten Welle – nach der Zerstörung ihrer Abflugbasen Jagel und Eggebek durch Atomraketen mittlerer Reichweite der Sowjetarmee.

Vorbei an Jagel (hier sind heute die Tornados und Drohnen des Aufklärungsgeschwaders 51 stationiert) bis zur letzten Abfahrt vor der Bundesgrenze: Es geht nach Stadum und dann weiter über eine schmale schlechte Straße auf einen Flecken zu, der Bramstedtlund heißt. Dort erhebt sich aus der Landschaft eine gigantische ringförmige Antennenanlage. Daran schließt ein niedriger Bau an, der sich unter der Erde fortsetzt. „Kastagnette“ heißt diese Anlage, ein im Kalten Krieg errichteter Horchposten, wovon es heute noch drei in Deutschland gibt, zwei militärische, einer gehört dem BND.

Im Schichtbetrieb, 24 Stunden an jedem Tag des Jahres, werten hier 700 Soldaten und Zivilisten Signale aus aller Welt aus. Es gibt eine Afrika-Abteilung und eine für den Mittleren Osten. Man taucht ein in eine freundliche Überraschungseier-Büroatmosphäre unter Tage. Auf dem einen Schreibtisch liegt Langescheids „Dari – Deutsch“, auf dem anderen die fast aufgebrauchte Gummibärchenration. Es ist ein buntes Volk, das da übersetzt, viele Menschen mit internationalem Hintergrund. Aus den Lautsprechern im angrenzenden Großraumbüro hört man ein leises Krächzen, das lautgestellt infernalisch wirkt. „Verstehen Sie was?“, fragt der Leiter dieser Abteilung. Nein! Nach ein paar technischen Manipulationen am Geräusch schält sich so etwas wie monoton vorgelesenes Englisch heraus: der tägliche Lagebericht einer UN-Friedensmission in einem der failed states dieser Erde. Deutschland ist nicht beteiligt. Aber vielleicht ganz gut zu wissen.

Vor dem nächsten Abteilungsleiter wird gewarnt. Er lebt seine Aufgabe wie der verwuschelte Dr. Oaken, der Alien-Spezialist auf Area 51 in Roland Emmerichs Hollywood-Klassiker „Independence Day“. In Bramstedtlund ist es Dr. Oakens Aufgabe, Raketenstarts von getauchten russischen Atom-Ubooten in der Barentssee zu registrieren und möglichst frühzeitig vorherzusagen. Es sind „seine“ Boote, es ist seine Erfahrung, es ist sein Verfahren. „Wollen Sie mal sehen?“ Klar! So also läuft, zehntens bis erstens, der Countdown ab, wenn der Atomkrieg beginnt. Davor hatten wir in den 1980er-Jahren real-existierende Angst; dagegen und gegen das globale Wettrüsten allgemein wandte sich damals eine große Friedensbewegung.

Und diese Uboote mit ihren Raketen drohen noch heute, irgendwem, weniger als damals, aber die übriggebliebenen werden gewartet und modernisiert. Es gibt Testschüsse. Das Gleichgewicht des Schreckens ist auf beiden Seiten viel „leichter“ geworden, die Bedrohung viel geringer, aber verschwunden ist sie nicht.

Zivilschutz klingt inzwischen in Deutschland wie ein Fremdwort, die zehn Warnämter sind geschlossen, die Sirenen deaktiviert: ein Menschheitsfortschritt. Aber für die Gefahren, die von den Restposten des Kalten Krieges, etwa in den Marinestützpunkten von Murmansk und Wladiwostok, ausgehen können, wenigstens noch ein Auge und ein Ohr zu haben – das bleibt wohl selbst in diesen Zeiten vernünftig, auch wenn sonst niemand mehr hinschaut, weil inzwischen andere Gefahren von anderen Orten ausgehen.

Mit Oberst Klein in Kundus

Juni 2009, die Große Koalition in Berlin trudelt ihrem Ende entgegen. Der Kampf gegen die Bankenkrise zeigt erste positive Ergebnisse in der Realwirtschaft und am Arbeitsmarkt. Eine schwarz-rot-grüne Delegation besucht die deutschen Truppen und Aufbauhelfer in Afghanistan. Aus Kundus waren in den letzten Monaten beunruhigende Nachrichten gekommen: Hinterhalte, stundenlange Gefechte, Tote. Etwas hat sich verändert an der Lage hier. Die Gespräche mit Soldaten der „Quick Reaction Force“ (QRF) und der Schutzkompanie des Lagers sind verstörend. „Ich darf Ihnen vorstellen“, moderiert ein Oberstleutnant in scharfem Ton, „den Hauptmann XY. Er ist der erste deutsche Offizier seit dem Zweiten Weltkrieg, der eine Kompanie im Angriff geführt hat!“

Man zeigt Filmaufnahmen von Infanteriekämpfen. Reihum am Tisch in dem Besprechungsraum schildern Teilnehmer ihr sehr elementares Erleben einer neuen Situation. „Ich habe geschossen. Entweder er oder ich, ist doch klar!“ Und: „Ja, ich habe welche getroffen, wahrscheinlich getötet.“ Und: „Wenn der zweite Zug nicht dazugekommen wäre, hätten die uns aufgerieben.“

Töten und Getötetwerden, das hat es in der alten Bundeswehr nicht gegeben. Bis 1990 lautete die Devise ganz eindeutig „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“. Kriegsstarke Präsenz, Abschreckung, Gleichgewicht zwischen Ost und West, Entspannung, beiderseitige Abrüstung, Vertrauensbildung – das waren die Kategorien der alten Zeit. Danach ein langer Weg bis Kundus im Sommer 2009.

Es ist schon dunkel geworden, als die Delegation mit Taschenlampen in der Hand Oberst Georg Klein durchs Lager folgt. Er ist der Nato-Kommandeur dieses „Provincial Reconstruction Teams“ (PRT) für die Provinz Kundus, zu dem neben den Soldaten auch Polizisten, Diplomaten und Entwicklungshelfer gehören, insgesamt über 1000 Männer und Frauen, nicht nur aus Deutschland. Auf die Frage, ob er schwerere Waffen braucht, etwa die Durchsetzungsfähigkeit von Leopard-2-Kampfpanzern oder die Durchschlagskraft der Panzerhaubitze 2000 (Kaliber 155 mm), wehrt er ab. Für die 60 Tonnen schweren Leoparden tauge das Gelände nicht, und die gerade hergerichteten Straßen würden durch ihre Ketten nur wieder kaputtgemacht. Was die Panzerhaubitze angeht, die treffe zwar sehr präzise, aber selbst 20 Meter daneben zu schießen, bedeute, dass man Unbeteiligte oder eigene Kräfte gefährden könne. Es gibt keine Front. In Reserve stehen im Lager einige Marder-Schützenpanzer mit ihrer 20-Milimeter-Kanone.

Der Oberst, den später alle, die ihn kennen, öffentlich als „besonnen“ beschreiben werden, ist auch an diesem Abend abwägend – und besorgt. Dass die „Aufständischen“, wie die verschiedenen Gegnergruppen von den Taliban über Hekmatjars Milizen bis zum Hakkani-Netzwerk zusammenfassend genannt werden (früher OMS: „Opposing Militant Forces“, heute INS: „Insurgents“), offen in militärischen Formationen angreifen, dass sie mit Panzerfäusten schießen und über Mörser verfügen, bedeutet für diese Gegend in diesen Monaten eine neue Qualität. Die gegnerische Seite scheint sich stark zu fühlen. Sie beschränkt sich nicht mehr auf Sprengfallen und Selbstmordattentate, sondern greift gezielt Nato-Patrouillen an. Wo diese zunächst „ausgewichen“ sind, erwidern sie jetzt zwar das Feuer, aber dann ziehen sie sich wieder planmäßig in ihre befestigten Stützpunkte zurück und überlassen große Räume der Kontrolle des Gegners. Das stellt auch die Loyalität der betroffenen Dorfbevölkerung auf eine harte Probe.

Während in Deutschland eine Diskussion darüber geführt wird, ob die Einsatzregeln, die sogenannten rules of engagement, für die tatsächliche Lage hinreichend präzise in der Taschenkarte, die jeder Soldat mit sich führt, formuliert sind, geht es bei der Nato um die Vorbereitung einer neuen Afghanistan-Strategie. Von zwei unterschiedlichen Seiten kommend bewegen sich hier insbesondere die Einsatzphilosophien der Deutschen und der Angelsachsen aufeinander zu. General Stanley McChrystal, der im Juni 2009 eingesetzte neue COMISAF, der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen in Afghanistan, übersetzt die neue Strategie der „Aufstandsbekämpfung“ (counterinsurgency, COIN) in einem Tagesbefehl an seine Soldaten so: „In der üblichen Wahrnehmung bleiben, wenn aus einer Gruppe von zehn Aufständischen zwei getötet werden, acht übrig: zehn minus zwei gleich acht. Vom Standpunkt der Aufständischen sind die beiden Getöteten aber wahrscheinlich verwandt mit vielen anderen, die Rache üben werden. Wenn es zivile Opfer gibt, wird diese Zahl noch größer sein. Der Tod von zweien bringt deshalb etliche zusätzliche Rekruten hervor: zehn minus zwei gleich zwanzig (oder mehr). Das ist ein Teil der Begründung dafür, dass acht Jahre in jedem Einzelfall erfolgreichen Waffeneinsatzes am Ende zu mehr Gewalt geführt haben.“

Damit hält das Bündnis fest, dass es nach aller inzwischen gemachten Erfahrung keinen Sieg durch die Vernichtung des Gegners geben kann, sondern am Ende nur durch Schutz der Bevölkerung, Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte, Hilfe beim Aufbau des Landes und Friedensregelungen mit den geschwächten Gegnern. Möglichst keine Kollateralschäden mehr, lautet das Motto des neuen Ansatzes.

Später wird eine temporäre Truppenverstärkung beschlossen, bei den Amerikanern um 30 000 Soldaten, bei den Deutschen um 500. Die zusätzlichen Kräfte sollen dazu dienen, in die Fläche zu gehen, verlorene Räume zurückzugewinnen und zu halten. Außerdem werden jedem afghanischen „Kandak“, so heißen deren Bataillone, alliierte Ausbilder und Mentoren beigegeben. Die fertig ausgebildeten Verbände sollen dann gemeinsam mit Nato-Truppen operieren. Für Polizeiausbildung und Entwicklungshilfe gibt es noch einmal zusätzliches Geld und Personal. Mitte 2011 begann die Reduzierung dieser Verstärkungen, bis 2014 soll die gesamte Sicherheitsverantwortung an die Afghanen übergeben sein.

Dieser Ansatz, für den vor allem der Bush-Nachfolger als US-Präsident, Barack Obama, und sein wichtigster militärischer Ratgeber General David Petreaus, stehen, kommt den Deutschen schon deshalb entgegen, weil er die „typisch deutsche“ Forderung nach einem – so nennen es auch die Briten – Gesamtkonzept erfüllt. Die Schwerpunkte sind Ausbildung, Aufbau, Schutz. Das hört sich zivil an. Und es gibt eine Abzugsperspektive.

Für die deutschen Soldaten aber, die in den Unruhedistrikten um Kundus herum unterwegs sind, bedeuten Frühjahr und Sommer 2009 eine neue Erfahrung: Sie werden militärisch angegriffen und müssen zurückschlagen. Brunnen bauen, Schulen eröffnen und Teetrinken mit den Dorfältesten, dieses Idyll aus der Anfangszeit der Afghanistan-Mission prägt nicht mehr das Bild im Einsatzraum und nicht das Bild, das beim Publikum zu Hause ankommt. Aber wie offensiv dürfen deutsche ISAF-Soldaten gegen die Insurgenten vorgehen? Dürfen sie zuerst schießen? Das ist die Taschenkartendiskussion. Die Karte wird geändert: Zur „Durchsetzung des Auftrages“ ist die Anwendung militärischer Gewalt nun ausdrücklich erlaubt, nicht mehr nur zum Schutz eigener Kräfte oder zur Nothilfe, wenn andere in Bedrängnis geraten. Deutschland bewegt sich auf das Nato-Normale zu.

Dabei hat es in unserer öffentlichen Debatte oft eine groteske Fehlwahrnehmung der Proportionen des deutschen Engagements in Afghanistan gegeben. Wenn die USA 100 000 Soldaten schicken und der ganze Rest der Nato und ihrer Freunde, insgesamt 47 Nationen, zusammen noch einmal 40 000, davon Deutschland 5000, dann sollte nach den politischen Regeln der Gravitation klar sein, wer mehr und wer weniger Einfluss hat. Das gleiche gilt für die Entwicklungshilfemittel, die ins Land fließen und ganz überwiegend direkt oder indirekt aus den USA kommen.

Afghanistan ist ein internationaler Fall, weil die USA am 11. September 2001 in beispielloser Weise angegriffen wurden von Terroristen, deren Zentrale am Hindukusch lag. Deutschland unterstützt die USA. Unsere militärische Beteiligung mit 100 Soldaten des „Kommandos Spezialkräfte“ (KSK) an der Beendigung des Taliban-Regimes diente der symbolischen Einlösung von Gerhard Schröders Ankündigung der „bedingungslosen Solidarität“ mit dem attackierten Bündnispartner. Auf Betreiben der rot-grünen Regierung wurden noch im Dezember 2001 bei der Bonner Petersberg-Konferenz international die Weichen für ein neues Afghanistan gestellt. Diesen Neuanfang abzusichern, war der Zweck einer UN-mandatierten Schutztruppe, der „International Security Assistance Force“ (ISAF), an der Deutschland sich von Anfang an beteiligte. Nicht als Besatzungsmacht, sondern als assistance in einem wieder freien Land.

Man rechnete damals allgemein mit einem Stabilisierungseinsatz, nicht mit fortdauernden oder wiederauflebenden Kämpfen. Sicherheitshalber beschränkte die Bundesregierung aber das Einsatzgebiet deutscher Streitkräfte zunächst nur auf die Hauptstadt Kabul, später erweitert um den Norden Afghanistans (der Osten und Süden galten als unsicher) und begrenzte die Truppenstärke: Zu Beginn, 2002, erlaubte das deutsche Mandat die Entsendung von bis zu 1200 Bundeswehrsoldaten. Sie waren nicht mit schweren Waffen ausgerüstet und hatten keinen Kampfauftrag.

Es ist in den ISAF-Jahren viel über die Hinderlichkeit nationaler Vorbehalte, der sogenannten caveats, diskutiert worden. Warum soll der Befehlshaber im Einsatzland die ihm unterstellten Truppen nicht dort hinschicken können, wo sie jeweils gebraucht werden? Viele Nationen haben ihre ISAF-Kontingente mit vielerlei Einschränkungen dem COMISAF zur Verfügung gestellt. Manche dürfen nicht einmal das Lager verlassen. Auch für US-Soldaten gelten im übrigen Extra-Regeln: Sie werden operativ ausschließlich von Amerikanern geführt. Zu Zeiten des Kalten Krieges waren die Bündnis-Regeln einheitlicher, jedenfalls auf dem Papier.

Alle, auch die USA, hatten zu Anfang das Bedürfnis, sich nicht zu stark in die afghanischen Angelegenheiten hineinziehen zu lassen, nicht zu viel zu investieren. Alle haben nach und nach ihr Engagement verstärkt – und ihre Erwartungen und Versprechungen reduziert.

Erschwerend kommt für das Gelingen der Afghanistanmission hinzu, dass die Zahl der internationalen Akteure, Absichten und Strategien immer größer und unübersichtlicher wurde: 48 militärisch präsente Nationen, über 80 Staaten, die zivile Hilfe leisten, internationale Organisationen wie die UN, die OSZE, die Weltbank, das Internationale Rote Kreuz und die Welthungerhilfe. Dazu die immer präsente EU und jede Menge NGOs, von den Johannitern über „Lachen helfen“ bis zum „Kinderberg“, um nur einige deutsche Vereine zu nennen. Auf Seiten der USA gab es Truppen, die formal zur Antiterror-Koalition „Operation Enduring Freedom“ (OEF) gehörten, andere zur Nato-Armee ISAF, wieder andere blieben unter rein nationalem Kommando. Nicht zu reden von den verschiedenen US-Nachrichtendiensten, dazu Blackwater und Dutzende andere internationale und afghanische Sicherheitsfirmen mit Zehntausenden von Angestellten, die bewaffnet das Land (un)sicher machten.

Auf der afghanischen Seite: die Armee, die Polizei, die Grenzpolizei, neuerdings die „Local Police“, der Geheimdienst. Dazu Zentralregierung, Stammesfürsten, Milizenführer, Gouverneure, Polizeichefs mit eigener Agenda. Organisierte Drogenkriminalität im größten Maßstab. Unterschiedliche Ethnien und Sprachen. Interessierte Nachbarn wie der Iran, Pakistan, Usbekistan, China.

Fast könnte man auf die Idee kommen, in so einem Land bräuchte es keine Feinde mehr, um Missvergnügen, Furcht und Chaos zu produzieren. Aber es gibt da noch die sogenannten homegrown Taliban und die aus dem pakistanischen Paschtunengürtel zugewanderten „Koranschüler“ der Quetta-Schura; usbekische Islamisten; die Kampfgruppen früherer Warlords und nicht zu vergessen: verbliebene Spurenelemente der terroristischen Al-Qaida.

„Wie ist die Rechtslage?“ oder „Wer ist zuständig?“, solche guten deutschen Ordnungsfragen verschwinden in diesem Land wie das Lächeln der Cheshire-Katze aus Alice im Wunderland im Nichts.

Bomben nachts um halb zwei

Niemand hätte mit Oberst Klein tauschen mögen. Das gaben Abgeordnete, Minister und Generale hinterher reihenweise zu Protokoll. Die Bombardierung der beiden entführten Tanklaster und der Menschen darum herum in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009 war ein Fehler. Der Befehl dazu, so stellte die Nato später offiziell fest, war nicht vereinbar mit Absicht und Weisungslage des COMISAF. Zur Freigabe der Bomben wurde den amerikanischen F-15-Piloten die Begründung troops in contact gegeben, also ein unmittelbarer Zusammenstoß eigener Soldaten mit dem Gegner – eine notwendige Voraussetzung für die Anforderung von Luftunterstützung. Das stimmte nicht. Kleins Soldaten waren anderswo in der Gegend unterwegs oder im Lager.

Doch der Kommandeur spürte eine Bedrohung, wie es sie bis dahin für das PRT in Kundus noch nicht gegeben hatte: zwei rollende potenzielle Megabomben in der Hand von Taliban wenige Kilometer vom Stützpunkt entfernt. Seine Entschlossenheit, Nato-Ziele direkt anzugreifen, hatte der Gegner in den vorangegangenen Wochen oft genug mit Panzerfäusten und Granaten auf ISAF-Konvois unter Beweis gestellt. Und im Süden des Landes, in Kandahar, hatte es erst eine Woche zuvor genau so ein Szenario gegeben: Ein Tanklastzug durchbrach das Tor zu einem Camp. Die Explosion forderte 39 Todesopfer.

Vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Kundus und den Folgen gab der Zeuge Klein sehr präzise Einblick in sein Dilemma dieser Nacht. Der 3. September tagsüber war einer der schwersten Gefechtstage seiner Zeit in Afghanistan. Um 11 Uhr geriet eine Kompanie, die Kundus Richtung Norden verlassen hatte, in einen Hinterhalt. Drei deutsche Soldaten wurden verwundet, ein Fahrzeug völlig zerstört, vier weitere beschädigt. Eine zur Verstärkung geschickte Kompanie wurde ebenfalls angegriffen und musste mit „Milan“-Raketen und der Kanone des Marder feuern, um sich durchzusetzen. Zwei weitere Kompanien waren im Norden gebunden, jeweils mehrere Stunden vom PRT entfernt. Im Camp befand sich noch eine letzte Kompanie. So gab Oberst Klein zu Protokoll, dass er nicht mehr genug Infanteristen im Lager hatte, mit denen er eine Vor-Ort-Aufklärung der Gefahr hätte vornehmen können. Seine Aufklärungsmittel, zunächst ein amerikanischer B-1-Bomber mit Infrarot-Kameras, dann die herbeigerufene F-15-Rotte, waren nur zeitlich begrenzt verfügbar. Das Gleiche galt für die Chance, durch einen gezielten Luftschlag die Bedrohung auszuschalten. Je länger er zögerte, den Befehl zur Auslösung der Lenkbomben zu geben, desto näher kam er an den Punkt, wo es unwiderruflich heißen würde: jetzt oder nie. Ein afghanischer Informant bestätigte dem diensthabenden Nachrichtenoffizier in Kleins Gefechtsstand ein ums andere Mal, dass sich nur Taliban dort draußen bei den steckengebliebenen Tanklastern in der Furt des Kundusflusses herumtrieben. Es war halb zwei in der Nacht. Wer sonst sollte jetzt noch dort sein? So gab er den verhängnisvollen Befehl.

Die Bomben trafen wie geplant die Tankwagen, was zu einer weiteren gewaltigen Explosion führte, dokumentiert von einer Überwachungskamera am Lagerzaun – und später im Internet bei Bild-online zu sehen. Wohl über einhundert Menschen kamen bei diesem Ereignis zu Tode, genaue Zahlen gibt es nicht, die höchste Meldung lautet 142 Opfer. Darüber hinaus muss es viele Verletzte gegeben haben. Da der Oberst nicht sofort Soldaten zur Schadensermittlung an den Explosionsort schicken konnte – was wiederum Nato-Regeln widersprach –, war der Schauplatz bereits „aufgeräumt“, als am folgenden Tag gegen Mittag endlich PRT-Kräfte zum battle damage assessment ausrückten. Die Afghanen hatten noch in der Nacht ihre Toten und Verletzten geborgen. Verstorbene sollen nach islamischem Brauch innerhalb von 24 Stunden bestattet werden. Schwerverletzte, die ins Krankenhaus von Kundus gebracht worden waren, fanden sich wenig später auf den Titelseiten internationaler Tageszeitungen wieder: Mit einem hochrangigen Nato-Untersuchungsteam aus Kabul waren auch Journalisten nach Kundus gekommen. Als besonders eindrucksvoll hat sich ein Bild eingeprägt, das den amerikanischen Admiral Gregory Smith am Bett eines vielleicht zehnjährigen verbundenen Jungen zeigt. Damit musste der Öffentlichkeit klar sein, dass hier – so schwer die Unterscheidung immer sein mag – auch Unschuldige, Unbeteiligte und Zivilisten getroffen worden waren.

Die Rekonstruktion des Geschehens ergab später, dass die Taliban, nachdem die von ihnen entführten Fahrzeuge sich im Sand der Furt festgefahren hatten, versuchten, Benzin abzuzapfen, damit die Wagen leichter würden und wieder vorankämen. Sie zwangen Bewohner eines nahegelegenen Dorfes, ihnen dabei zu helfen. Vielleicht hatte sich auch im weiteren Umfeld herumgesprochen, dass da im Kundusflussbett eine kostenlose Tankstelle eröffnet worden war. Jedenfalls zogen Scharen von Afghanen jeden Alters mit Kanistern zur Furt. Auf den Bildern der Luftaufklärung sieht man diese vielen Menschen als kleine bewegliche Punkte.