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Seit über tausend Jahren wird in den Rathäusern der rechtliche und materielle Rahmen unseres Lebens in den Städten bestimmt. Selbst in die intimsten Bereiche reichen manche Entscheidungen des Rates. Die Autoren schildern, mit welchen Vorstellungen die Ratsherren herrschten und wie sich ihre Politik im Laufe der Jahrhunderte wandelte. Noch unsere Großeltern lebten im Kaiserreich und mussten in den wilhelminischen Rathäusern erleben, was es bedeutete, Untertan zu sein. Nach der Kaiserzeit sollte das alles anders werden. Tatsächlich allerdings hat es Jahrzehnte gedauert, bis frische Luft in die Rathäuser einzog und sich die Bürger befreit von trennenden Tresen der Verwaltung nähern konnte. Neue Rathausbauten sollten nüchtern und manchmal futuristisch so etwas wie "Nicht-Herrschaft" demonstrieren. Dieser Welt begegnet der Leser im euphoristischen Marl und im modernen Hamburg. Die Autoren haben diesen Wandel insbesondere in den 1970er-Jahren bewusst miterlebt und mitgestaltet. Trotzdem: Unproblematisch ist auch die neue Rollengestaltung nicht immer. So hat gerade die junge Generation heute immer häufiger den Eindruck, dass "die da oben" machen, was sie wollen. Was unterscheidet die heutigen Demokraten von den Honoratioren von gestern und den Patriziern von vorgestern? Das Gemeinwohl führ(t)en sie alle im Munde. Häufig aber handelten sie mit Scheuklappenblick für die Interessen ihrer Gruppen. Das taten die Patrizier bewusst so deutlich, dass sich erfolgreiche Bürger gegen sie auflehnten und im Laufe der Geschichte deshalb immer wieder Blut floss. Die Honoratioren dagegen glaubten ehrlich und redlich, Vertreter des Volkes zu sein und waren sogar stolz darauf. Aber sie vergaßen, dass sie nur eine Minderheit repräsentierten und deshalb auch nur deren Welt kannten. Mit ihrem Scheuklappenblick ignorierten sie mit weitreichenden Folgen die Probleme der übrigen Einwohner. Und die Demokraten in den Rathäusern? Sind sie davor gefeit?
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2021
Silke Kruse, Udo Kruse
Wir sind die Obrigkeit!
So regier(t)en uns die Herren der Stadt
Erfahrungen mit Patriziern, Honoratioren und Demokraten in unseren Rathäusern
Überarbeitete Neuauflage 2021
jetzt mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen
Es ist kaum zu glauben: Noch vor gut hundert Jahren musste in Städten wie Hamburg und Hannover zum Erwerb des Bürgerrechtes ein Bürgereid abgeleistet werden (näher S. 5/44). Hier der Bürgerbrief des Tischlers Karl Bertram vom 4. Februar 1895, nach dem er „gelobt und geschworen“ hat, dem Magistrat Gehorsam zu leisten.
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie: detaillierte bibliographische Daten sind im Internet abrufbar unter http//dnb.ddb.de.
ISBN 978-3-347-23006-4 (Paperback)
ISBN 978-3-347-23007-1 (Hardcover)
ISBN 978-3-347-23257-0 (e-Book)
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Alle Rechte vorbehalten.
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreihe 40-44, 22359 Hamburg
Einleitung: Politik vor Ort
Untertanen in den Amtsräumen der Obrigkeit – Das Ende einer Legende – Die Patrizierherrschaft in den Händen weniger - Die abgehobene Honoratioren-Obrigkeit - Ohne Inszenierungen geht es nicht – Ist die Zeit der Obrigkeit vorbei? - Früher regierten die Alten. Und heute?
1. Kapitel:Stationen kommunaler Selbstverwaltung im Wandel der Jahrhunderte
Von den enthusiastischen Anfängen bis zur Erstarrung
Moderne Forschung schafft Klarheit über die bürgerliche Selbstverwaltung im Mittelalter – Vom Selbstbewusstsein welterfahrener Kaufleute - Wenn Eliten abheben – Robert Michels „Ehernes Gesetz der Oligarchie“ – Der Ratseid als Instrument der Herrschaftspflege – Die hoch- und wohlgeborenen Ratsherren – Unregelmäßigkeiten im Celler Rat – Selbstzerstörung der traditionellen Selbstverwaltung
Ein erbitterter Kampf um die Macht im Rat
Aufstände der Peffersäcke in rund 200 Städten – Wütende Augsburger und rebellische Braunschweiger lernen dem Rat das Fürchten – Enthauptungen abgesetzter Ratsherren – „Wehret den Anfängen!“ – Probleme mit dem ratsherrlichen Gottesgnadentum – Kanalisierung unterschiedlichster Interessen
Der Mythos von den blutigen Befreiungsbewegungen
Antifeudal eingestellte Städte im Zeitalter des Feudalismus – Der Schultheiß, der Schuld heischt - Ein Herzog „überzieht“ und wird deshalb vertrieben – Max Webers Antwort – In Lüneburg lassen Bürger Ritter hinrichten - Stadtherren als Förderer – Rathaus ohne gewählte Reopräsentanten - Der Widerstand der Leeraner gegen die Erhebung zur Stadt
Das Bürgertum demonstriert Selbstbewusstsein
Die Bremer trumpfen für alle sichtbar auf – So wird Herrschaft inszeniert - Modernisierung der Rathausbauten im Stil der Zeit – Auch der Schein gehört zur Herrschaftspflege – Wer hat das prächtigste Rathaus? – Die Gänse von Bützow – Der Hecht von Teterow - Solide Politik „vor Ort“
Honoratioren übernehmen die Herrschaft
Als die Rathäuser zu klein wurden - Immer mehr Aufgaben, immer größerer Raumbedarf – Viele neue Rathäuser - Nachdenklichkeit des Hamburger Bürgermeisters Johann Georg Mönckeberg und ausgeprägtes Selbstbewusstsein des Direktors der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark
Die Geburtsurkunde der modernen kommunalen Selbstverwaltung
Ein veraltetes politisches System mit höchst effizienter Verwaltung – Vom Steins neue Städteordnung – Umsetzungsschwierigkeiten – scheinbare Traditionsverbundenheit – Erfolgsgeschichten vieler Kommunen - Machiavellis „Auf den richtigen Schein kommt es an!“
Noch immer: Die unumschränkte Herrschaft der Obrigkeit
Vertritt die Bürgerschaft die Bürgerschaft? - Michels „Ehernes Gesetz der Oligarchie“ – Vom Steins Enttäuschung über Hamburg – Tod in Hamburg – Heinrich Heines Senatskritik – Stefan Zweigs Erinnerungen an die „Welt von Gestern“ - Der Bürgereid – Ohne Experten läuft nichts mehr – Übernehmen McKinsey, Roland Berger & Co. die Macht? - So sah das Max Weber
Unmoderne Menschen in einer modernen Welt
Honoratioren geben den Ton an – „Zwölfender“ mit Anspruch auf Beamtenstellen – Die kaiserlichen Postämter - Herrliche Tage - Historismus ist angesagt – So wie es früher einmal war? - Und was für Treppenhäuser!
Jetzt wird „Nicht-Herrschaft“ demonstriert
Die Zeit der Prachtbauten ist vorbei – Ein zäher Wandel - Wir haben die Verwaltung umgestaltet! - Der Bürger ist etwas anderes als ein Kunde - …und manchmal höchst modern, ja futuristisch – Gesellschaftlicher Kitt - Bürger, die den Rat nicht verstehen
2. KapitelArchitektur und Inszenierungen als Instrumente der Politik
Die ersten Rathäuser
Versorgung hatte höchste Priorität – Ratssaal im Obergeschoss - Und dann wurden Tanz- und Hochzeitshäuser, Stadtwaagen und Kaufhäuser gebaut - Die Freitreppe - Gefängnisse im Kellergeschoss - Vor Sitzungsbeginn ging es in die Ratskapelle
Es wird inszeniert und immer wieder inszeniert
Würde zum Umhängen - Die Leibwache des Rates – Die ältesten Festmahle der Welt: Matthiae-Mahl und Schaffermahlzeit – Skurile Gepflogenheiten im Hamburger Rathaus - Darstellung von Rang und Wohlstand - Der Gürzenich in Köln - Bachs Lobpreisung der Obrigkeit
Der Ratskeller gehört dazu
Priölken für Gespräche hinter verschlossenen Türen - Platz für die Ratsherren - Eine Wendeltreppe von der Ratsstube direkt in den Ratskeller - Eine Goldgrube - Der legendäre Bremer Ratskeller - „Natürlich“ war auch Heinrich Heine da - Tradition und Moderne im Hamburger Ratskeller - Urbane Kulturrevolution in den Innenstädten
Die Obrigkeit stellt die Versorgung auf dem Markt sicher
Das Marktrecht, ein wichtiges Privileg – An den Pranger! - Die unerbittliche Gewerbepolizei – Kleine Brötchen - Ein Ort der Norm: Die Celler und die Homberger Elle – Die Stadtwaage: Wie sich die Städte selbst halfen – Der unbestechliche Waagmeister – Probleme mit der Weinpanscherei - In Bremen ist Freimarkt - Die lange Tradition der Weihnachtsmärkte - Letzte Spuren
Jetzt werden Ämter gebildet
Das moderne Rathaus wird von der Verwaltung beherrscht -Zurschaustellung der gesellschaftlichen Ordnung – - Keine Heimlichkeiten: Gericht unter freiem Himmel – Das stolze Ratsherrenbewusstsein
Instrumente der Herrschaftspflege
Die große Zeit der Bilder - Moralische Appelle an die Regierenden und an das Volk - Der berühmte Freskenzyklus im Rathaus von Siena – Die Drohung an die Wand gemalt - Ralf Dahrendorfs homo sociologicus – Justitia mit oder ohne Augenbinde? – Der Galgen: Demonstration, wer die Obrigkeit ist - Renaissance des Prangers im Internet
Bürgerliche Freiheit rund um den Roland
Eine Machtgeste gegen den Stadtherrn - …mit Doppeladlerwappen, aber ohne Schwertscheide - Quedlinburg: gestürzt und zerstört, das Wappen unkenntlich gemacht - Viele Rolandsstandbilder in den Hansestädten der Altmark - Erinnerungen an das Rolandslied
Immer wieder um- und an und manchmal auch zurückgebaut
Gebaut wurde im Stil der Zeit – Historismus: alles ist vertreten - Verfallen, abgerissen und vergessen – Lichtwarks Kritik: Freie und Abbruchstadt Hamburg - Heinrich Heines Abrisskritik - Rückwärtsblickende Romantiker als Retter - Hamburgs aktuelle Diskussion über Abrisse an Erinnerungsorten – Ein Denkmal fällt
Die Bürgerliche Klassengesellschaft und das idealisierte Rathaus
Ein enormer Raumbedarf – Städtische Macht und bürgerliche Repräsentationsarchitektur - Lange Entscheidungsprozesse - So ging man mit den letzten Kaisern um - Ein prachtvolles Rathaus in Hamburg
Die Nachkriegsmoderne
„Das sehen wir nüchtern!“ - Auf den Mentalitätswandel kommt es an - Marl: Ein Beispiel innovativer Nachkriegsmoderne - Ernüchterung kam später - Neue Bundesländer: Erneuerung in den 1990er-Jahren: Demmin
Einleitung:
Politik vor Ort
Untertanen in den Amtsräumen der Obrigkeit – Das Ende einer Legende Die Honoratioren-Obrigkeit des 19. Jahrhunderts – Ohne Inszenierungen geht es nicht Ist die Zeit der Obrigkeit vorbei?
Verwaltung ist behördlich umgesetzte Politik: Was es insofern bedeutete, in den Amtsräumen des Wilhelminischen Deutschland Untertan zu sein, musste der als Hauptmann von Köpenick bekannt gewordene Schuhmacher Wilhelm Voigt 1906 erfahren (näher Seite 52). Er wurde zum Sinnbild des machtlosen Untertanen, der sich der allmächtigen Obrigkeit zu fügen hat. Heute erinnert vor dem Haupteingang des Köpenicker Rathauses eine Bronzestatue an sein Untertanenschicksal.
Untertanen in den Amtsräumen der Obrigkeit
Seit dem späten Mittelalter bis weit hinein in die Moderne bestimmte in den Städten die Obrigkeit rechtlich, materiell und selbst in den intimsten Bereichen das Leben der Einwohner – und das durchaus nicht immer in deren Interesse. Wie dem auch sei: Die Einwohner schuldeten den Herren in den Rathäusern Gehorsam. Von Mitwirkung war häufig keine Rede. Sie waren eben Untertanen.
Und das war nicht nur vor vielen Jahrhunderten so. So musste noch 1895 der Tischler Karl Bertram beim Erwerb des Bürgerrechts in Hannover „geloben und schwören“, … den vorgesetzten Behörden ‚namentlich dem Magistrate, Gehorsam zu leisten“ (siehe Seite 2). In vielen anderen deutschen Städten war das damals nicht anders (siehe S. 44). Und was es bedeutete in den Amtsräumen dieser Obrigkeit Untertan zu sein, hat Carl Zuckmayer in seinem populären Drama „Der Hauptmann von Köpenick“ eindrucksvoll demonstriert (siehe obige Abbildung). Kaum zu glauben ist, dass das alles noch gar nicht so lange her ist. Noch unsere Großeltern, die im obrigkeitsbestimmten Kaiserreich gelebt haben, haben uns als Zeitzeugen immer wieder erzählt, wie es damals zuging.
Über Jahrhunderte gab es eine geistliche und eine weltliche Obrigkeit. Zur geistlichen Obrigkeit gehörten die kirchlichen und religiösen Oberen. Das waren nicht nur der Papst, die Bischöfe und die Äbte, sondern selbst auch die Pfarrer. Sie waren für ihre Gemeinden die „vorgesetzte Obrigkeit“. In dieser Rolle übten sie „vor Ort“ einen enormen Einfluss auf das Verhalten der Gemeindemitglieder aus. Noch die Nachkriegsgeneration lernte sie als Wächter der Moral kennen. So stellte Ursula Herking 1965 in ihrem Lied „Es kommt immer darauf an“1 nüchtern fest: „Tugend und Laster, die regelt der Pastor. Den Rest regelt man polizeilich.“ Das gehört zu unserer erlebten Zeitgeschichte. Einige Jahre später allerdings war das alles vorbei. Im Schatten der 68er-Bewegung veränderte sich der Alltag der Menschen radikal. Damit zerfiel dann der Einfluss der örtlichen geistlichen Obrigkeit. Ansonsten wird in den Rathäusern nach wie vor regiert. Und so manches Problem ist geblieben.
Die Regierenden - ob Patrizier, Honoratioren oder auch Demokraten - versprachen alle, zum Wohle der Bürger zu regieren. Aber taten sie das wirklich immer? Ja, konnten sie es überhaupt? Kannten sie die Lebenswelt und die Probleme der Bürger? Guter Wille allein reicht ohne Kenntnis der Lebenswelt der Bürger nicht aus (siehe S. 43).
Das Ende einer Legende
Weltliche Obrigkeiten waren über Jahrhunderte Könige und Fürsten, Inhaber von Grundherrschaften und eben die Ratsherren in den Städten. Über die Herrschaft der Ratsherren geht es in diesem Buch. Noch bis in die 1960er-Jahre wurde ihr Bild stark von romantisch verklärten Vorstellungen des 19. Jahrhunderts bestimmt. Damals hatte man als Vorbild ein mittelalterliches Bürgertum vor Augen, das in überschaubaren Städten selbstbestimmt im Interesse aller Einwohner regierte. Genau das entsprach nach langen Jahren der Erstarrung der kommunalen Selbstverwaltung und schließlich den Eingriffen des absolutistischen Staates in die örtliche Regierung der Begeisterung für eine nachhaltige Erneuerung der Städteordnung. Inzwischen allerdings hat die moderne Forschung mit den verklärten Vorstellungen über das mittelalterliche Stadtbürgertum aufgeräumt.
Tatsächlich nämlich konnte in den mittelalterlichen Städten von demokratischer Harmonie oder auch nur der Beteiligung der meisten Einwohner an den Entscheidungen der Räte nicht die Rede sein.2 In Wirklichkeit lag die Herrschaft oft nur in den Händen weniger. Sie waren die uneingeschränkt herrschende Obrigkeit, und die hatte häufig nur die eigenen Interessen im Auge. Dass sie die Obrigkeit waren, demonstrierten sie bei den verschiedensten Gelegenheiten. Alle übrigen Stadtbewohner waren ihre Untertanen, die kein Wahlrecht hatten und selbst auch nicht wählbar waren.
So stellt der Historiker Manfred Groten (geb. 1949) nüchtern fest, dass es uns heute schwerer fällt, „die Wurzeln von Demokratie, Liberalität und Pluralität in den mittelalterlichen Städten aufzuspüren.“3 Im Gegenteil: Das „Abheben“ der Obrigkeit musste zwangsläufig immer wieder zu Spannungen und auch zu blutgetränkten Unruhen in den Städten führen. Darauf werden wir näher eingehen.
Die Honoratioren-Obrigkeit des 19. Jahrhunderts
Mit der neuen, auf Würde und Anstand bedachten Honoratioren-Obrigkeit des 19. Jahrhunderts sollte das alles anders werden. Die Honoratioren meinten zwar, redlich zum Wohle aller Untertanen zu regieren (was ja schon ein deutlicher Unterschied zu mancher Patrizier-Obrigkeit war), vergaßen aber, dass auch sie nur eine kleine Minderheit repräsentierten und sich abgeschottet letztlich auch nur in deren Welt auskannten. Kurzum: Die neue Obrigkeit stand jetzt unter dem Banner einer bürgerlichen Klassengesellschaft, in der noch immer weite Schichten der Bevölkerung vom Wahlrecht ausgegrenzt waren, so dass der Hamburger Geschichtsforscher Peter Borowsky (1938-2000) die Frage stellte, ob die Bürgerschaft die Bürgerschaft vertritt.4 Als es dann nach dem Ersten Weltkrieg ein allgemeines und für jeden gleiches Wahlrecht gab, beantworteten die meisten Bürger Borowskys Frage mit „nein“. Erst damit wurde die alte Obrigkeit gewahr – so Stefan Zweig – welche Interessen die Mehrheit wirklich hatte.5 Wir werden uns diese Obrigkeit näher anschauen.
Ohne Inszenierungen geht es nicht
Herrschaft bedarf der Demonstration. Sonst hält sie sich auf Dauer nicht. Deshalb baute die Obrigkeit zu allen Zeiten eindrucksvolle Rathäuser und pflegte in ihnen und um sie herum ein vielfältiges politisches Zeremoniell, mit dem sie die Bevölkerung beeindrucken und zugleich den eigenen Kreis zusammenschweißen wollte. Dazu gehörte zum Beispiel, dass Johann Sebastian Bach als Thomaskantor in Leipzig regelmäßig für die Ratswechselgottesdienste eine Festmusik zur Lobpreisung der gottbestimmten Obrigkeit zu schreiben hatte (siehe S. 66 f.). 1723 begann der Text seiner Kantate mit den Worten: „Die Obrigkeit ist Gottes Gabe, ja selber Gottes Ebenbild“.
Auf diese Inszenierungen werden wir vor allem aus soziologischer Sicht ausführlich eingehen. Wir werden dabei sehen, dass so manche dieser Inszenierungen auch noch in der Gegenwart ablaufen - wenn auch häufig in moderner Abwandlung. Auch und gerade in der Demokratie bedarf Herrschaft nämlich der Demonstration: Man will ja wiedergewählt werden. Das wiederum macht unseren historischen Rückblick doppelt interessant.
Allerdings müssen wir unserem Rückblick auf die wichtigsten exemplarischen Stationen der schier unerschöpflichen Stadt- und Rathausgeschichte beschränken. Es wird sich dabei zeigen, dass die Rathäuser seit jeher Orte waren, die Legitimität spenden sollten und meistens auch spendeten — gestern ebenso wie heute. Insofern sind sie keine gesichtslosen Zweckbauten. Mit unserer Auswahl wollen wir den Anstoß geben, sie gerade auch vor diesem politischen Hintergrund zu betrachten. Von daher unterscheiden sich nämlich die Rathäuser in Köln, Bremen und Hamburg nicht nur in ihrer Bauweise gewaltig. Dabei ist es auch interessant, sich dabei den gewaltigen Einfluss der zahlreichen allegorischen und emblematischen Darstellungen als Mittel der Herrschaft klarzumachen. Oder auf die typischen Hoheitssymbole der Obrigkeit zu achten. Oder bemerkenswerte Gebäude mit ausgelagerten Rathausfunktionen zu suchen und dann zum Beispiel über die vielerorts noch erhaltenen gewaltigen Tanz- und Hochzeitshäuser sowie die einstmals äußerst profitablen Ratswaagen zu staunen. Oder mit Neugier in einen der vielen bewirteten Ratskeller zu gehen, in denen sich die Ratsherren getroffen haben (siehe S. 68 ff.). Das ist „Erlebnisgastronomie“! Überhaupt kann man feststellen, dass die örtliche Obrigkeit überall aus den verschiedensten Gründen kräftig „mitgemischt“ hat. Kurzum: die Rathäuser sind eine faszinierende Kulisse unserer Geschichte und vieler Geschichten. Bemerkenswert ist, dass es auch in vielen kleinen Städten gepflegte Rathäuser und interessante „Rathausgeschichten“ gibt. Einige dieser Rathäuser stellen wir in diesem Buch vor. Es lohnt sich, nach ihnen Ausschau zu halten und in deren Chronik zu blättern.
Ist die Zeit der Obrigkeit vorbei?
Mit der Demokratisierung unserer Gesellschaft ist die Zeit der Obrigkeit zu Ende gegangen. Die Regierenden werden vom Volk gewählt. Ist man mit ihnen unzufrieden, werden sie nicht wiedergewählt. Durch diesen Druck wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts manches anders: Die Rathäuser wurden nach und nach „bürgerorientiert“ ausgerichtet. Die Inszenierungen änderten sich, wurden aber durchaus nicht abgeschafft. So wird in Hamburg noch immer das Matthiae-Mahl mit seinen skurilen traditionsgeprägten Gewohnheiten zelebriert. Und so mancher Bürgermeister präsentiert sich nach wie vor mit seiner schweren Amtskette, verziert mit Medaillen, Wappenbildern und Emblemen (siehe S. 62). Anders als zu „Kaisers Zeiten“ und erst Recht zu Zeiten der Patrizierherrschaft streben die heutigen, von allen Bürgern gewählten Ratsherren ein gutes Verhältnis zu den Einwohnern an. Deshalb sollen die neuen Rathäuser nüchtern und manchmal futuristisch sogar so etwas wie „Nicht-Herrschaft“ demonstrieren. Wir werden dieser „neuen „Welt in Marl und im modernen Hamburg begegnen (siehe S. 104 ff.). Dazu gehört auch, dass die Bürger heute in den Amtsräumen als Kunde angesprochen werden. Als unproblematisch allerdings hat sich auch die neue Rollenverteilung nicht erwiesen.6
Zudem müssen sich auch Demokraten die Frage gefallen lassen, ob sie wirklich die Interessen der Wähler vertreten und nicht wie die alte Obrigkeit mehr oder minder „abgehoben“ regieren. Was unterscheidet die heutigen Demokraten von den Honoratioren von gestern und den Patriziern von vorgestern? Das Gemeinwohl führ(t)en sie alle im Munde. Häufig aber war ihre Sicht auf ihre Gesellschaftsgruppen beschränkt. Das taten viele Patrizier so hemmungslos, dass sich erfolgreiche Bürger gegen sie auflehnten und deshalb im Laufe der Geschichte immer wieder Blut floss. Die Honoratioren dagegen glaubten oft ehrlich und redlich, Vertreter des Volkes zu sein. Darauf waren sie sogar stolz. Aber sie vergaßen, dass sie nur eine Minderheit repräsentierten und deshalb auch nur deren Welt kannten. Die Probleme der übrigen Einwohner kannten sie nicht. Und das hatte oft weitreichende Folgen.
Früher regierten die Alten. Und heute?
Und die heutigen Demokraten in unseren Rathäusern? Auch sie sind nicht vor den Gefahren des Scheuklappenblicks gefeit; denn auch ihre Entscheidungen sind letztlich von ihren Erfahrungen in ihrer eigenen Lebenswelt geprägt, und die unterscheiden sich zum Beispiel nach Herkunft, Alter, Beruf, Wohnort und Geschlecht. Während „früher“ vor allem die „Alten“ regierten und dabei leicht die Lebenswelt der Jungen aus den Augen verloren (weil sie sie kaum kannten), dominieren heute die „Jungen“ in der Politik. Besonders problematisch wird es, wenn sich Politiker dabei nur auf die Mehrheit der Bürger berufen. Wie gehen sie mit den Interessen kleinerer Gruppen um? Ein sicheres Medium zum Finden des „Wahren“ ist die Mehrheit nämlich nicht. Der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs ist ein aktuelles Beispiel dafür.
Wer regiert heute in unseren Rathäusern? Kennen die Rätinnen und Räte die Lebenswelt der Bürger aus eigenem Erleben, zum Beispiel nach Herkunftsmilieu, Beruf und Geschlecht? Sind jung und alt vertreten? Können die Bürger davon ausgehen (so Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher) dass ihre Situation und ihre Anliegen im Rat bekannt sind und darüber diskutiert wird (siehe S. 54)? Was haben sie vor Ort in der Corona-Pandemie bewirkt?
Die junge Generation jedenfalls war schon vor einem halben Jahrhundert skeptisch, ob die Demokraten nicht auch mit dem berüchtigten Scheuklappenblick handeln und flüchtete deshalb in die außerparlamentarische Opposition. Gibt es trotz Gewaltenteilung und dem Prinzip der Volkssouveränität doch eine Obrigkeit in unserer Demokratie? Immerhin sind auch und gerade heute trotz aller Bemühungen und Modernisierungen immer mehr Menschen mit der Kommunalpolitik - also den Regierenden vor Ort - unzufrieden. Sie fühlen sich „trotz allem“ einer neuen Obrigkeit ausgesetzt, bei der ihre Interessen wenig zählen. Dabei geht es nicht nur um die „Wutbürger auf dem Marktplatz“, sondern auch und gerade um unzufriedene Minderheiten, die kaum zur Kenntnis genommen werden, weil sie nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Um mit Berthold Brecht (Dreigroschenoper) zu sprechen: „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ Damit drängt sich die Frage auf, ob Transparenz und auch die Inszenierungen der Mächtigen vor Ort nicht mehr wirken. Wir werden in diesem Buch nach den Ursachen suchen (z. B. S. 54 f.).
1 Text: Mischa Mleinek.
2 Vgl. Stephan Albrecht: Mittelalterliche Rathäuser in Deutschland, Darmstadt 2004, S. 7-10.
3 Manfred Groten: Die deutsche Stadt im Mittelalter, Stuttgart 2013, S. 13.
4 Peter Borowsky: Schlaglichter historischer Forschung. Aus dem Nachlass herausgegeben von Rainer Hering und Rainer Nicolaysen, Hamburg 2005, S. 89-108.
5 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Frankfurt/Main 1944, S. 80 f.
6 Heinz Burghart: Rathaus, Umwelt, Bürgernähe. Die Kommunalpolitik der 80er-Jahre, München 1990, insbes. S. 9-58.
1. Kapitel
Stationen kommunaler Selbstverwaltung im Wandel der Jahrhunderte
Moderne Forschung schafft Klarheit über die bürgerliche Selbstverwaltung im Mittelalter Vom Selbstbewusstsein welterfahrener Kaufleute - Wenn Eliten abheben Robert Michels „Ehernes Gesetz der Oligarchie“ – Der Ratseid als Instrument der Herrschaftspflege Die hoch- und wohlgeborenen Ratsherren – Unregelmäßigkeiten im Celler Rat Selbstzerstörung der traditionellen Selbstverwaltung - Gänseprobleme im Bützower Rat
Kölner Rathaus um 1900
Johanniterhof in Gelnhausen um 1900
Schnell kam die Forderung auf, ein eigenes festes Gebäude für die Arbeit der Selbstverwaltung zu errichten. Wir wissen wenig über diese Entwicklung. Es ist noch nicht einmal sicher, ob das urkundlich erstmals 1135 erwähnte „Haus der Bürger“ in Köln und das Romanische Rathaus im kleinen hessischen Gelnhausen von 1179 tatsächlich die ersten Rathäuser nördlich der Alpen waren.
Von den enthusiastischen Anfängen bis zur Erstarrung der bürgerlichen Selbstverwaltung
Allenfalls die Anfänge der bürgerlichen Selbstverwaltung mögen den einleitend geschilderten verklärten Vorstellungen über das mittelalterliche Stadtbürgertum entsprechen. Diese Anfänge reichen zurück bis ins späte 11. Jahrhundert. In der damaligen feudalen Welt entwickelte sich in den teils neu entstandenen, teils wiederauflebenden alten römischen Städten etwas Neues: Freie Bürger schlossen sich zur Vertretung gemeinsamer Interessen zusammen.1 Damit begann – so der Historiker Franz Irsigler (geb. 1941) –„eine neue Epoche des europäischen Städtewesens.“2
Die Entwicklung verlief sehr unterschiedlich. Vielfach gab es schon mit den alten grundherrlichen Märkten verbundene Markteinrichtungen, Krambuden und Lauben, teils wurden neue Städte gegründet.3 Die Verwaltung erfolgte zunächst durch den Stadtherrn, der dafür häufig einen Vogt oder Schultheiß (= Beamter, der Schuld heischt) einsetzte. In den Chroniken finden wir jetzt Stadtgeschworene oder Schöffen. Ende des 12. Jahrhunderts tritt dann der Rat auf, der häufig aus 12 oder 24 auf ein Jahr gewählten Vertretern der städtischen Oberschicht bestand. Er wird zum typischen städtischen Regierungsorgan und übernimmt nach und nach die gesamte Stadtverwaltung. Dazu gehört insbesondere der Befestigungsbau, die Festlegung und Einziehung der Steuern sowie die damals so wichtige Überwachung von Maß und Gewicht und überhaupt des gesamten Marktgeschehens (siehe S. 74 ff.). Und dazu gehört auch die legitimitätsprägende Rechtsprechung.4 Mit dem Auftreten des Rates war man den Schultheiß oder Vogt allerdings noch lange nicht los. Jede deutsche Stadt hatte nämlich ihren Stadtherrn (das waren meistens Adelige, Könige, Bischöfe oder Äbte, wobei die Kirchenherren oft eine ganz und gar weltliche Rolle spielten), von dem die Selbstverwaltung ihre Rechte erst noch erkämpfen oder abkaufen musste. Der Adel allerdings verließ bereits seit dem 10. Jahrhundert weitgehend die Städte.
Es liegt auf der Hand, dass damals schnell die Forderung aufkam, ein eigenes festes Gebäude für die Arbeit der Selbstverwaltung zu errichten. Wir wissen wenig über diese Entwicklung. Es ist noch nicht einmal sicher, ob das urkundlich erstmals im Jahr 1135 erwähnte „Haus der Bürger“ in Köln und das Romanische Rathaus im kleinen hessischen Gelnhausen von 1170 tatsächlich die ersten Rathäuser nördlich der Alpen waren (siehe Abb. S. 10). Oft wurden zunächst auch die ehemaligen Schultheißen- und Vogteihäuser genutzt.
Verfolgen können wir aber, dass die örtlichen Eliten nach und nach die Macht in der städtischen Selbstverwaltung an sich rissen und sich vom Rest der Einwohner demonstrativ absetzten. Wir wissen auch, dass der Rat jetzt unabhängig vom Umfang der von seinem Stadtherrn erworbenen Rechte den Einwohnern gegenüber nachdrücklich als Obrigkeit auftrat, und das über Jahrhunderte bis fast in die Gegenwart. Diesen Auftritt inszenierte er auf den verschiedensten Ebenen höchst wirkungsvoll. Das begann bereits damit, dass er die Sprache der Fürsten und Herren übernahm. Entsprechend waren die Ratsherren mit „gnädige Herren“ anzureden. Es ist kaum zu glauben, dass die Hamburger Senatoren noch bis vor gut hundert Jahren als „Hoch- und Wohlgeborene“ anzusprechen waren. Aber dazu später mehr.
Erfolg sichert Ansehen und Macht
Eine große Rolle bei dieser Entwicklung spielten die Kaufleute, die im Fernhandel enorme Reichtümer erworben hatten. Das Fernhandelsrisiko war damals zwar erheblich – der Gewinn war es aber auch. Entsprechend gab es schon damals sehr reiche Familien. Und schon damals waren die sozialen Unterschiede in den Städten groß.
Einer der erfolgreichsten Kaufleute seiner Zeit: Der Danziger Hansekaufmann Georg Giese in London, 1532 gemalt von Hans Holbein dem Jüngeren.
