Verlag: Edition Nautilus Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Wir sind ja nicht zum Spaß hier E-Book

Deniz Yücel  

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E-Book-Beschreibung Wir sind ja nicht zum Spaß hier - Deniz Yücel

"Dieser Ort", schreibt Deniz Yücel im Februar 2017 aus dem Polizeigewahrsam in Istanbul, "hat keine Erinnerung. Alle, die ich hier kennengelernt habe – kurdische Aktivisten, Makler, Katasterbeamte, festgenommene Richter und Polizisten, Gangster – alle haben mir gesagt: ›Du musst das aufschreiben, Deniz Abi.‹ Ich habe gesagt: ›Logisch, mach ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.‹" Während seiner einjährigen Haftzeit hat Deniz Yücel – in mühsamer Kommunikation über seine Anwälte und kuratiert von der Journalistin Doris Akrap – eine Auswahl aus seinen Texten aus den vergangenen 13 Jahren zu einem ebenso klugen wie unterhaltsamen und in jeder Hinsicht abwechslungsreichen Buch zusammengestellt: Reportagen, Satiren, Polemiken, Kommentare, Glossen und andere "Gebrauchstexte aus dem Handgemenge". Dazu kommen zwei Stücke, die er im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9 hierfür verfasst hat, sowie einen Beitrag seiner Frau, der Fernsehproduzentin und Lyrikerin Dilek Mayatürk Yücel. Ob es um Journalismus geht – "Scheißefinden und Besserwissen" –, um unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund – "Mathe für Ausländer" –, um ganz Allgemeines wie "Biokoks und Surenbingo" oder, natürlich, um die Türkei – "Der Chef, der Putsch und der Park": Bei Yücel geht bissige Gesellschaftskritik mit einer klaren Analyse der harten Fakten einher. "Die Beiträge, die Deniz Yücel in diesem Buch veröffentlicht hat, sind großer Journalismus. In die Tiefe gehend, prall gefüllt auch mit persönlich Erlebtem, nicht geschwätzig-feuilletonistisch überladen, sondern in den Kontext passend und von großer Einfühlsamkeit. Ich glaube an die Kraft dieses Buches." Günter Wallraff, DER SPIEGEL

Meinungen über das E-Book Wir sind ja nicht zum Spaß hier - Deniz Yücel

E-Book-Leseprobe Wir sind ja nicht zum Spaß hier - Deniz Yücel

© privat

İlker Deniz Yücel, 1973 als Kind türkischer Einwanderer in Flörsheim am Main geboren und seit Mai 2015 Türkei-Korrespondent der Welt. Hat an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studiert und vor seinem Wechsel zur Welt als Redakteur der tageszeitung und zuvor der Wochenzeitung Jungle World sowie als freier Autor für verschiedene Medien gearbeitet. Mitgründer der preisgekrönten antirassistischen Leseshow Hate Poetry. 2014 erschien in der Edition Nautilus sein erstes Buch Taksim ist überall – Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei (erweiterte Neuausgabe April 2017). Wurde 2011 mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik und 2017 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Im Februar 2017 wurde Deniz Yücel in Istanbul verhaftet und sitzt seither im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9. Dort heiratete er seine Lebensgefährtin, die Fernsehproduzentin und Lyrikerin Dilek Mayatürk.

DENIZ YÜCEL

WIR SIND JA NICHT

ZUM SPASS

HIER

REPORTAGEN, SATIREN

UND ANDERE GEBRAUCHSTEXTE

HERAUSGEGEBEN VON DORIS AKRAP

NAUTILUS FLUGSCHRIFT

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D-22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2017

Deutsche Erstausgabe Februar 2018

Satz: Jorghi Poll, Wien

Umschlaggestaltung: Maja Bechert, Hamburg

www.majabechert.de

1. Auflage

eISBN 978-3-96054-074-8

Vorwort der Herausgeberin

Den 14. Februar halten Besserwisser für eine Erfindung der Blumenindustrie. Romantiker und Liebende stört das nicht. Am Tag der Liebenden 2017 ging Deniz Yücel auf das Polizeipräsidium in Istanbul, um zu erfahren, warum gegen ihn ermittelt werde. Dort wusste man zunächst von nichts, man hielt ihn vorsichtshalber trotzdem in Gewahrsam. Zwei Wochen später erfuhr er, dass es wegen seiner Texte war, und er wurde in Untersuchungshaft genommen. Seitdem hat er, Stand Januar 2018, sein Leben in einer Gefängniszelle verbracht. Die türkische Justiz hält seine journalistische Arbeit für »Terrorpropaganda und Volksverhetzung«.

Zwei der in diesem Buch nachgedruckten Texte dienen als Beweise dieser Anschuldigungen: das Interview mit dem Vizechef der PKK (»Ja, es gab interne Hinrichtungen«) und die Geschichte über den Machtausbau des türkischen Staatspräsidenten (»Der Putschist«). In anderen Ländern kriegt man für solche Texte Journalistenpreise. In der aktuellen Türkei kriegt man dafür Knast.

Für seine Fußball-WM-Kolumne »Vuvuzela« wurde Deniz Yücel 2011 der Kurt-Tucholsky-Preis verliehen. Seit er im Gefängnis ist, hat man ihm weitere deutsche Journalistenpreise in Abwesenheit verliehen, darunter den Theodor-Wolff-Preis. Fürs »Dummrumsitzen«, wie der inhaftierte Autor es in seiner unverwechselbaren Offenherzigkeit selbst formulierte. Das stimmt natürlich nicht ganz. Er hat die Preise zwar auch als Geste der Solidarität erhalten. Aber auch, weil in allen seinen Texten etwas durchschimmert, was niemand übersehen kann: So leidenschaftlich sind sie im Eintreten für Gerechtigkeit, so präzise in der Beschreibung der Widersprüche, die eine klare Trennung von Gut und Böse unterlaufen. Yücels Reportagen, Portraits, Interviews und Analysen aus der Türkei gehören in ihrer Genauigkeit und in ihrer Perspektive zu den differenziertesten journalistischen Beiträgen über dieses Land.

Und trotzdem sollte dieses Buch keines werden, das nur seine Beiträge aus der Türkei versammelt, sondern eine Auswahl seiner Texte aus der Jungle World, der taz und der Welt aus den vergangenen 13 Jahren. Es soll zeigen, dass dieser Journalist nicht nur da, wo Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch jedem halbwegs Zurechnungsfähigen auffallen, genau beobachtet und präzise beschreibt, was falsch ist und was komisch. Es soll zeigen, dass er diese Gabe auch da nicht vernachlässigt, wo es vergleichsweise harmloser zugeht und wo die vermeintlich Verbündeten sitzen, in Deutschland, bei den Linken, bei den Ökos, bei den Journalisten.

Deniz Yücel ist ein Fan. Des Fußballs zum Beispiel. Oder des Fisches. Vor allem aber der Menschen. Deswegen ist er so kompromisslos und heftig in seiner Leidenschaft für sie, wie es nur Liebende sein können. Er glaubt an das Einzige, an das zu glauben sich lohnt, an ein großes Wunder: Menschen können sich verlieben. In einen anderen Menschen und in die Idee, dass das Leben ein besseres wäre, lebten wir alle in Freiheit und Gleichheit. Wie sonst könnte er noch mit so viel Empathie über die Bewohner des Landes schreiben, das vor und nach ihm Tausende ihrer Freiheit beraubt hat? Wie sonst könnte er über die Marotten der Deutschen so ironisch und beharrlich schreiben, wenn ihm diese nicht so sehr am Herzen lägen?

Entstanden ist die Auswahl der Texte für dieses Buch unter nicht anders als äußerst widrig zu bezeichnenden Umständen. Jeder Austausch von Argumenten, warum eher dieser oder eher der andere Text hinein sollte und dieser nicht, war auf jeweils wenige Zeilen, die wir über die Anwälte austauschen konnten, beschränkt. Allerdings hatte Deniz zuvor den Anwälten einen aus über 400 handgeschriebenen Seiten bestehenden Anmerkungsapparat mitgeben können. In diesen Seiten konnte ich während der Arbeit an diesem Buch immer wieder nachblättern, was der nicht nur in inhaltlichen, sondern auch in allen anderen Dingen aufs Genaueste arbeitende Autor zu den einzelnen Texten der Vorauswahl und anderen im Verlauf der Produktion des Buches möglicherweise auftauchenden Fragen meinen könnte. Selbst für den Fall, dass die türkische Regierung eine Uniform für politische Gefangene einführen würde, hatte er Überlegungen angestellt, wie es dann mit der Erstellung des Buches weitergehen könnte. Denn eine solche Uniform würde er ablehnen, auch wenn er dann seine Zelle gar nicht mehr würde verlassen können.

Die Entscheidung, dieses Buch zu machen, geht auch darauf zurück, dass nach Deniz’ Verhaftung in der ganzen Republik große Lesungen seiner Texte stattfanden. Es war Jörg Sundermeier, der wenige Tage nach der Festnahme die Idee dazu hatte, die dann von Mely Kiyak, Aleksandar Živanoviç, Imran Ayata, dem Freundeskreis #FreeDeniz und anderen in Zusammenarbeit mit dem Festsaal Berlin, dem Schauspiel Frankfurt, den Münchner Kammerspielen, dem Uebel&Gefährlich in Hamburg und dem WDR in Köln organisiert wurden und immer wieder hunderte Zuhörer anzogen. Auch Buchhandlungen in Braunschweig, Autoren in Augsburg und Bürger in Bielefeld organisierten Lesungen. So manche Zuhörer hatten vor Yücels Inhaftierung keinen oder nur wenige seiner Texte gelesen. Sie wollten wissen, was dieser Mann so schreibt. Aber sie wollten auch etwas demonstrieren: Solidarität mit einem Journalisten, der seine Arbeit ordentlich gemacht zu haben schien. Und genau das taten auch die Lesenden: Johanna Adorjan, Friedrich Ani, Maxim Biller, Daniel-Dylan Böhmer, Jan Böhmermann, Silke Burmester, Else Buschheuer, Fatih Çevikollu, Olli Dittrich, Franz Dobler, Carolin Emcke, Pegah Feridony, Leo Fischer, Jens Friebe, Michel Friedman, Thomas Gottschalk, Can Gülcü, Kübra Gümüsay, Paula Hans, Helene Hegemann, Paul Herwig, Till Hofmann, Halima Ilter, Matthias Lilienthal, Bascha Mika, Osman Okkan, Annette Paulmann, Oliver Polak, Sven Regener, Andreas Rüttenauer, Bärbel Schäfer, Shahak Shapira, Alexander Skipis, Frank Spilker, Robert Stadlober, Margarete Stokowski, Canan Topçu, Özlem Topçu, Günther Wallraff, Klaus Walter, Oliver Welke, Christine Westermann, Ingo Zamperoni, Deniz’ Abi-Jahrgang der Rüsselsheimer Gustav-Heinemann-Schule und Ilkay Yücel, die Schwester von Deniz.

Es gibt nur einen Grund, Leute wie Deniz Yücel wegzusperren: Man will sie zwingen, endlich die Klappe zu halten. Damit klar ist, dass daraus nichts wird, erscheint dieses Buch.

Doris Akrap, im Januar 2018

Für alle, die mich im Gefängnis nicht vergessen haben. Beni hapiste unutmayanlara.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Doris Akrap

Scheißefinden und Besserwissen Texte über Journalismus

Mach’s gut, taz!

Du ergreifst Partei, so oder so

Wie schreibe ich einen Profimeinungskommentar?

Mathe für Ausländer Texte über Deutsche und Ausländer

Aber wir nix Menscherecht

Mathe für Ausländer

»Ich geh ooch ma zum Döner«

Liebe N-Wörter, ihr habt ’nen Knall

Verfassungsschutz braucht Schutz

Die Welt ist kein Zoo

In Erinnerung an Celalettin Kesim

Nein, du darfst nicht

Islam-Polizei, alles auf den Boden!

Kann ganse Welt komm

Elf Söhne

Super, Deutschland schafft sich ab

Biokoks und Vokalmangel Über Dieses und Jenes

Einmal Fair-Trade-Biokoks, bitte

Dienen bei den Schreibmaschinen

Immer diese Märkte

Die Augen, der Geruch, die Eierstöcke

Sogar Hitler hatte mehr Ahnung

Lasst die Bälle hüpfen!

Warum ich DKP wähle

FDP, du fehlst

Jasager, Ausrutscher, Saubermänner

Demokratie ist, wenn’s Ergebnis passt

Spaghettis raus!

Bergiges Ödland bzw. ödes Bergland

Kriegsgrund: Vokalmangel

Dieses verdammte, beschissene »Aber«

Ein irres Land Über die Türkei

Nieder mit manchen Sachen

Ein irres Land

»Große Sätze gehören allen«

Von Stalin zur Mülltrennung

»Ja, es gab interne Hinrichtungen«

Der Krieg in den Städten

Tayyip, Tom Waits und die grünen Berge

Islamismus plus Straßenbau

Lisa Çalan und die Tragik einer Generation

Im Olivenhain kurz vor Deutschland

Getrennt in Wut und Angst

Der Putschist

Korrespondent müsste man jetzt sein Texte aus der Haft

Wir sind ja nicht zum Spaß hier

»Damit wir nicht die Wolken berühren«

Korrespondent müsste man jetzt sein

Die Nummer mit dem Sittich

Unser Himmel. Von Dilek Mayatürk Yücel

Textnachweise

Scheißefinden und Besserwissen Texte über Journalismus

Mach’s gut, taz!

Es ist ein Vierteljahrhundert her, dass ich bei der Main-Spitze, dem Rüsselsheimer Lokalteil der Mainzer Allgemeinen, ein Praktikum absolvierte. Als ich dem betreuenden Redakteur Dirk Feuerriegel meinen ersten Artikel vorlegte – es ging um die Lesung einer Kinderbuchautorin –, wollte er wissen, warum ich Journalist werden wolle. »Ich will die Leute informieren«, antwortete ich, »ich will über Missstände aufklären, die Welt verändern«. Was man halt so sagt, wenn man 16 ist und glauben darf, die Antworten auf die großen Fragen der Menschheit gefunden zu haben.

Feuerriegel antwortete: »90 Prozent aller Journalisten sind Journalisten geworden, weil sie es toll finden, ihren Namen in der Zeitung zu lesen. Das ist in Ordnung, man sollte sich nur dessen bewusst sein. Darum beginnst du jeden Text damit, indem du deinen Namen hinschreibst.« Gleich nach den W-Fragen war dies meine zweite Lektion in Sachen Journalismus. Ich war so verblüfft, dass ich vergaß nachzufragen, was mit den übrigen zehn Prozent los ist.

Mein Betreuer hatte mich dazu aufgefordert, über das eigene Tun nachzudenken. Aber er war kein Zyniker und hatte nichts dagegen, das Schreiben in den Dienst des Guten, Schönen und Wahren zu stellen. Das ist nämlich das Wunderbare an diesem Beruf: Weil man dabei helfen kann, die Dinge zu ordnen und zu verstehen. Weil man immer wieder in fremde Welten eintauchen und seine Leser dorthin mitführen kann. Weil man Dinge formulieren kann, über die andere Menschen sagen: »Sie haben meine Gedanken auf den Punkt gebracht.« Oder gar: »Sie haben Worte für meine Gefühle gefunden.« Nicht, weil man mit einem Artikel die Welt verändern könnte – das passiert nur in höchst seltenen Fällen. Aber dazu beizutragen, dass sich die Leserinnen und Leser hinterher etwas schlauer fühlen, ist schon viel wert. Und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, nicht weniger.

Noch ein Privileg genießt man als Journalist: Man kann, wie es Stefan Ripplinger einmal formulierte, nach Herzenslust scheißefinden und besserwissen. »Die Frage, welcher der Töne ›besser‹ sei: Do, Re oder Mi, ist eine unsinnige Frage. Der Musikant muss aber wissen, wann und auf welche Taste er zu schlagen hat.« Dieses in einem anderen Zusammenhang gesagte Wort von Trotzki habe ich stets für eine gute Maxime beim Schreiben und Blattmachen gehalten.

Doch was wir Journalisten produzieren, ist keine Kunst, auch keine Philosophie. Es sind Gebrauchstexte mit begrenzter Haltbarkeit, verfasst aus dem Handgemenge. »Ärger dich nicht zu sehr über einen schlechten Text und bilde dir nicht zu viel auf einen guten ein – in die Zeitung von heute wird morgen Fisch eingewickelt«, lautet ein weiterer Satz in meinem Goldenen Notizbuch. Er stammt von meinem heutigen taz-Kollegen Maik Söhler, der einst bei der Jungle World zusammen mit Klaus Behnken meine Ausbildung fortführte.

Es geht nicht ohne Handwerk. Und es geht nicht ohne Haltung. »Es ist in Ordnung, beim Schreiben eine Haltung zu haben, man sollte sich nur dessen bewusst sein«, hätte Dirk Feuerriegel vielleicht gesagt. Wer eine neue Geschichte erzählen oder einen neuen Gedanken formulieren will, geht ein Risiko ein. Und wer etwas riskiert, kann auf die Fresse fliegen.

So gibt es einige wenige Texte, von denen ich wünschte, ich hätte sie geschrieben. Und es gibt einige Texte und Formulierungen, die ich besser nicht geschrieben hätte. Die Irrtümer und Fehler waren jedenfalls meine, nicht die der taz. Als Autor bin ich hier an keine unüberwindbaren Grenzen des Erlaubten gestoßen. Die taz ist das, was ihre Redakteure und Autoren aus ihr machen.

Eine gute Zeitung aber macht man mit Neugier, mit Leidenschaft und Lust und mit Teamwork. Ich jedenfalls hatte hier sehr viel mehr Spaß, ob beim Schreiben oder beim Blattmachen, bei der Arbeit mit Kollegen wie Kai Schlieter, Frauke Böger oder Daniel Schulz, mit Jan Feddersen bei allerlei Sonderprojekten, bei der Betreuung der Panter-Workshops oder bei der Leseshow Hate Poetry, die ich mit Doris Akrap, Ebru Taşdemir, Yassin Musharbash und Mely Kiyak vor über drei Jahren im taz-Café ins Leben rief. Für mich war die taz ein großer Spielplatz. Mit allem, was dazugehört: Abenteuer und Raufereien, Händchenhalten und Hundescheiße. Das Ziel: Für Sie eine gute Zeitung zu machen.

Dies ist nun mein letzter Text für die taz. Meine taz.

Ich gehe in Demut vor einer Zeitung, die in ihren besten Momenten eine der besten der Welt sein kann. Ich gehe in Dankbarkeit für eine aufregende Zeit, in freundschaftlicher Verbundenheit zu vielen Kolleginnen und Kollegen, und mit Respekt für die verstorbenen taz-Autoren Christian Semler und Klaus-Peter Klingelschmitt, dessen Kolumnenplatz zu übernehmen ich die Ehre hatte.

Um es in Anlehnung an den heutigen Spiegel-Online-Redakteur Stefan Kuzmany zu sagen: Ich danke allen Leserinnen und Lesern, die es bedauern, dass ich die taz verlasse; allen, die sich darüber freuen, und allen, denen es egal ist. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Bleiben Sie der taz treu. Sie ist eine Gute.

Besser: So.

Du ergreifst Partei, so oder so

Wer als Journalist über die Türkei berichtet, handelt sich von Anhängern der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) nicht nur schnell Beschimpfungen und Drohungen ein, sondern auch den Vorwurf, »parteiisch« zu berichten. Das sagen AKP-Fans mit Abitur, das sagen türkische Nationalisten, die jede Kritik für »Vaterlandsverrat« halten, und das sagen deutsche Fans der AKP, die immer noch um ihren Traum von einer muslimischen CDU kämpfen. Einer von ihnen ist Ruprecht Polenz, früher Bundestagsabgeordneter der CDU und heute hauptsächlich als Nervensäge im Internet und Ehrenvorsitzender des AKP-Freundeskreises Münsterland beschäftigt.

Den Wortwechsel mit ihm auf meiner privaten Facebook-Seite nehme ich nun zum Anlass für ein paar grundsätzliche Worte zur Frage: Wie halte ich es in der Türkeiberichterstattung mit der Parteilichkeit?

Dabei ist mir nicht die Kritik irgendwelcher Nervensägen aus dem Internet »über die Leber gelaufen«, wie Polenz schrieb. Nein, das Einzige, was mir in der Wahlnacht durch die Leber floss, war Raki. Und das reichlich, im Kreis von Kolleginnen und Kollegen im Journalistenclub von Diyarbakır, wo für mich und meine Kollegin Özlem Topçu von der Zeit, mit der ich zur Wahlbeobachtung in der größten Stadt der kurdischen Region gereist war, diese Nacht endete.

Spätestens nach dem Bombenanschlag auf die Kundgebung der prokurdisch-linken Demokratiepartei der Völker (HDP) am Freitag hatten sich alle am Tisch die Frage gestellt, wie diese Nacht verlaufen würde: Tränengas, Schüsse und Bomben? Du hast solche Ängste, du besuchst noch am Abend vorher einige Anschlagsopfer im Krankenhaus – und dann das!

Am Tisch saß Ahmet Şık, der vielleicht beste investigative Journalist des Landes. Im Jahr 2011 war er wegen seines zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlichten Buches über die Gülen-Gemeinde unter dem Verdacht verhaftet worden, der angeblichen Putschistenorganisation »Ergenekon«, also dem »Tiefen Staat«, anzugehören. Plötzlich war er gemeinsam mit einigen Figuren angeklagt, denen man, allerdings aus anderen Gründen, tatsächlich den Prozess machen müsste – wegen Verbrechen, über die Şık seit den Neunzigerjahren unter Einsatz seines Lebens berichtet hatte.

Die Ermittlungen führten Staatsanwälte aus der Gülen-Gemeinde; Recep Tayyip Erdoğan, damals Ministerpräsident, verteidigte diese Prozesse, waren die Gülen-Leute und die AKP damals doch Verbündete. Der Kollege saß ein Jahr im Knast, das Verfahren ist weiter anhängig. Und während jene Staatsanwälte heute selber inhaftiert oder auf der Flucht sind, droht Şık die erneute Verhaftung – diesmal womöglich wegen Mitgliedschaft in der Gülen-Organisation. Absurd? Sicher. Aber nicht ausgeschlossen in Tayyipistan.

Am Tisch saß zudem ein Kollege von der Nachrichtenagentur Doğan, der davon überzeugt war, dass der gleichnamige Medienkonzern im Fall eines Wahlsieges der AKP enteignet worden wäre. Angesichts Erdoğans jüngsten Attacken keine paranoide Befürchtung – ebenso wenig wie die Sorgen von Şıks Kollegen von der Cumhuriyet, dass Erdoğan seiner persönlichen Strafanzeige gegen den Chefredakteur Can Dündar weitere Schritte folgen lassen und dieser traditionsreichen Zeitung den Garaus bereiten könnte. Von den Knasterfahrungen der anwesenden Kollegen von kurdischen Medien will ich gar nicht erst anfangen.

Wer nicht versteht, warum für alle in dieser Runde die Wahl ein Freudentag war, ist bescheuert, korrupt, ideologisch verbohrter Anhänger eines Despoten oder alles auf einmal.

Lassen wir einmal alles Grundsätzliche beiseite, das jeder Journalismusstudent spätestens im Hauptseminar über das Gebot der »Objektivität« und den Unterschied zwischen notwendiger Distanz und ebenfalls notwendiger Haltung lernt, und bleiben bei der Türkei: Es gibt tausend Gründe, weshalb es im Sinne der Demokratie wäre, wenn die Clique um Erdoğan von der politischen Bühne abtreten würde. Dass sich unter der Herrschaft der AKP in der Vergangenheit einiges zum Besseren entwickelt hat, habe ich schon oft geschrieben. Aber die Gegenwart ist eine andere.

Dabei ist für mich die Korruption noch der geringste Grund. Viel wichtiger: Das Massaker der türkischen Luftwaffe im kurdischen Dorf Roboski im Jahr 2011. Die Unterstützung der dschihadistischen Barbarei in Syrien. Die ständigen Ausfälle gegen säkulare Frauen, Aleviten, Armenier, überhaupt alles und alle, die nicht in seine Streichholzschachtelwelt aus Koranversen und Bauplänen passen. Die Opfer des Grubenunfalls von Soma und alle anderen Opfer tödlicher Arbeitsunfälle, die so zur Türkei der Gegenwart gehören wie der schwarze Tee und der weiße Käse. Die Toten und Schwerverletzten von Gezi, für die Erdoğan die politische Verantwortung übernommen hat (»Die Befehle kamen von mir«) und inschallah in nicht allzu ferner Zukunft sich auch vor Gericht wird verantworten müssen. Der 14-jährige Berkin Elvan, der dort von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen wurde, nach neun Monaten im Koma, in denen er auf 16 Kilo abgemagert war, verstarb, und dessen Mutter Erdoğan von seinen Anhängern öffentlich ausbuhen ließ.

Diese Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Daher nur eine Sache noch: Die Drangsalierung der Presse hat dafür gesorgt, dass die Türkei im Ranking der Pressefreiheit inzwischen auf einem wohlverdienten 149. Platz rangiert, zwischen Birma und Russland.

Bei der Recherche zu meinem Buch Taksim ist überall sagte mir der Kollege Onur Erem von der Tageszeitung Birgün: »Bei Demonstrationen steht ein Teil der Journalisten hinter den Polizeireihen. Der andere Teil verfolgt das Geschehen aus der Perspektive der Demonstranten. Und die Polizei behandelt jeden, der ihr gegenübersteht, als Feind.« Und die Kollegin Pınar Öğünç, damals bei der Radikal, heute ebenfalls bei Cumhuriyet, meinte: »Um heutzutage in der Türkei als oppositioneller Journalist zu gelten, reicht es, einfach nur das zu berichten, was passiert.«

Du musst also nicht mal kommentieren. Du berichtest von den Auseinandersetzungen am Taksim-Platz, von den Bomben auf die Kundgebung der HDP in Diyarbakır und ergreifst damit Partei. Oder du berichtest nicht. Aber auch dann ergreifst du Partei. Jede Wette: Es gab am Sonntagabend keinen einzigen türkischen Journalisten, der ohne persönliche Anteilnahme seinen Dienst verrichtet hätte. Für die einen war es ein Tag der Freude, für die anderen ein Tag der Trauer. Und die meisten ließen es sich nicht nehmen, ihre Gefühle über ihre privaten Twitter-Accounts zu zeigen. (In der technikbegeisterten Türkei ist ein Journalismus ohne Twitter ungefähr so vorstellbar wie einer ohne Socken.)

Haltung ersetzt kein Handwerk, Journalismus braucht immer Distanz. Aber Journalisten, die nicht einmal dazu imstande sind, ihre ureigenen Freiheiten zu verteidigen – Freiheiten, von denen sie niemals nur um ihrer selbst willen Gebrauch machen, sondern damit, sofern sie ihre Arbeit richtig verrichten, eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen –, verraten ihren Daseinszweck. Sie sind Propagandisten aus Überzeugung oder aus Opportunismus und sollen alle bügeln gehen.

Wie schreibe ich einen Profimeinungskommentar?

Gazakrieg, Ukrainekrieg, Weltkrieg – ständig passiert etwas, bei dem Ihre Meinung gefragt ist. Aber wie kriegen Sie es hin, dass sich Ihr Kommentar nicht wie eine Dutzendmeinung aus dem Internet anhört, sondern wie ein Profimeinungskommentar? So geht’s:

1. Einleitung: Beginnen Sie mit einer Einleitung, in der Sie den Sachverhalt (Nachricht) kurz wiedergeben (Profi-W-Fragen). Oder Sie nehmen einen packenden Einstieg: »Jetzt also doch.« »Angela Merkel hat ein Problem.« »Es ist was faul im Staate Niedersachsen.«

2. Gegenargumente: Überlassen Sie die Gegenargumente nicht Ihrem Gegner. Billigen Sie diesen eine gewisse Berechtigung zu: »Natürlich ist die Hamas …«

3. Überleitung: Ziehen Sie eine scharfe Linie zwischen den gegnerischen (falschen) und Ihren (richtigen) Argumenten. Nutzen Sie hierfür den Profi-Doppelpunkt: Dennoch Doppelpunkt. Trotzdem Doppelpunkt. Aber Doppelpunkt.

4. Sachkenntnisse: Lullen Sie Ihre Gegner mit Studien und Zahlen ein, unternehmen Sie Ausflüge in die Geschichte. Merke: Sie haben Ahnung, Ihr Gegner bloß eine Meinung. Aber: Fassen Sie sich kurz. Ein Kommentar ist keine Doktorarbeit.

5. Mäßigung: Meiden Sie extreme Meinungen und unsachliche Polemiken. Bleiben Sie kritisch, aber differenziert, seriös und gemäßigt.

6. Fragen: Formulieren Sie Fragen, bevor es ein anderer tut (»rhetorische Fragen«). Liefern Sie die Antworten gleich mit: »Darf man das? Man darf nicht nur, man muss sogar.«

7. Bilder: Benutzen Sie eine lebendige und anschauliche Sprache: »Das Tauziehen um alte Zöpfe ist eine Zitterpartie. Der Tanz ums Goldene Kalb wird erst beendet sein, wenn die heilige Kuh vom Eis ist. Der Poker um grünes Licht ist ein rotes Tuch.«

8. Vergleiche: Es muss nicht immer Hitler sein. Eine pfiffige Alternative ist der negierende Vergleich: »Frieden ist kein Wunschkonzert.« »Rentenpolitik ist kein Zuckerschlecken.« Auch pfiffig: die überraschende Gleichsetzung: »Das ist so originell wie Pommes mit Ketchup.«

9. Stammtischparolen: Werfen Sie Ihrem Gegner Stammtischparolen vor. Oder dass er populistisch argumentiert. Oder Klischees bedient. Oder eine Regel missachtet. Vergessen Sie nicht das passende Adjektiv: Stammtischparolen (dumpfe), Populismus (reiner), Klischee (billiges), Regel (goldene).

10. Krudismus: Geben Sie Ihrem Gegner den Rest, bezeichnen Sie seine Ansichten als krude. Der Höchstbietende gewinnt: krude, kruder, am krudesten.

11. Ironie: Seien Sie ruhig ein bisschen ironisch. Aber: Machen Sie Ironie kenntlich.

12. Schluss: Vermeiden Sie ein Anfängerende (»Bleibt zu hoffen, dass …«), setzen Sie ein Profiende – mit Knaller und Profigedankenstrich: »Das ist ein strukturelles Problem – ohne einfache Lösungen.« Höchste Kunst: Verbinden Sie Schluss und Einstieg miteinander: »Kriege kommen und gehen – Kommentare aber bleiben bestehen.«

Besser: Sie fangen sofort an. Noch ist kein Meister vom Himmel gefallen.

Mathe für Ausländer Texte über Deutsche und Ausländer

Aber wir nix Menscherecht

Alle sage: Kreuzberg sehr türkisch, Kreuzberg nix Deutsch, Klein-İstanbul. Auch isch glaubt das. Kollege in Türkiye, Kollege von Import-Eksport-Firma, hat er mir gesagt: Kreuzberg wie anatolisch Dorf, nur deutsche Staat sahle Kindergeld. Isch mach disch Kreuzberg! Isch sofort Ayşe und Zeynep und Safiye und Hafize rufe: Alle Kinder einpacke, nix vergesse, in Kreuzberg wir braucht alle! Nur Fatma sofort verkaufe, brauche Geld für Otobüs!

Wir also mache Hochseit und dann mache Kreuzberg. Aber, mına koyyum, was das? Haben Deutsche Krieg oder was gemacht und alles kaputt, nix sauber, kar nix. Toiletten? Drause, ohne Wasser. (Affedersin, Schuldigung aber: Deutsche nix wasche Popo.) Bad? Nix kennen. Auberginen, Zucchini, Hammelbraten? Nix verstehn. Nur Schweinereien und Steckrüben. Haben Kollege gesagt: Ömer mache Gemüse, Osman mache Döner Kebap, Ali mache Haschisch und alle mache sauber.

Und was macht Deutsche? Şerefsizler, immer doch da, immer noch keine Ehre und Haare an Achseln und Hund an Hand und stinke und spreche komik Sprak und könne kein Wort Türkisch und mache Problem.

Vor Haus, wo meine Familie lebt, ist Kneipe Sum Sapfhahn. Weist du, isch liberal, tringe Bier und alles. Aber in diese Kneipe kar nie Kollegen. Deutsch Bier, deutsch Tringer, deutsch Müzik, deutsch Frau, deutsch Stimmung. Verstehn, was das: deutsch Stimmung? Hilfe, Allahım, yarabbim! Wenn isch da rein und sage: Selamünaleyküm, sie sage was? Nix, wenn Glück.

Wenn isch sage deutsch Frau: Guten Tag, Frau Monika, sie kuck weg. Oder sage: Hau ab! Aleman Frau nix spreche mit Türke. In Kreuzberg gibt Spezial-Aleman-Frau, Öko-Frau. Die rede. Isch sage: Boncuk gözlüm, deine Augen strahlt wie Himmel blau. Sie sage: In Türkei viel Folter. Isch sage: Alles egal, wenn isch seh deine schöne Augen. Sie sage: Schlimm, viel Folter. Undsoweiter, ganse Tag, immer nur labern, labern, nix ficke.

Aufpasse: Was soll diese Name? Berg, gut, aber wir Muslim, nix Kreuz, besser Arafatberg oder Araratberg. Wenn wir wolle beten, müssen in Hof hinten – tövbe, tövbe, estağfurullah. Kuckst du, ganse Kreuzberg voll mit deutsch Polisei. Und wir musst sage: Guten Tag, Herr Polisei, alles klar, Herr Polisei, auf Wiedersehn, Herr Polisei! Was sucht hier deutsch Polisei? Wenn türkisch Polisei mache Ordnung in kurdisch Dorf, alles sage: Menscherecht, Menscherecht! Aber wir nix Menscherecht oder was?

Einmal isch gehe zu Muhtar von Kreuzberg, zu – wie heist? – Regierung. Was isch sehe? Maksimum zwei Kollege, andere alle Deutsch! Auch auf Sosyalamt und Finansamt und Alleamt. Sogar auf Ausländeramt: nix Ausländer, alle Deutsch. Und wenn sie sehen Türke, dann Deutsche glaube, sie Meister, wir Kanake. Warum Uno und Nato und Avrupa nix sage? Warum?

Isch deutsch Nachbar, alte Mann, Herr Blum. Wir immer Respekt für Alte. Aber diese Alte mache ganse Tag nix. Kein Besuch, kein bisschen setz sich, komme nie tringe Tee, immer warte. Wie alte Schakal. Warte, dass Kinder spiele oder wir tanse und singe. Weist du, ist Kind, müsse spiele, anlıyor musun, ist Mensch, müsse tanse, müsse singe, susamme lache und weine. Aber Deutsche nix verstehn. Rufe: Ordnung! Ordnung! Hausordnung! Dit is Deuschland hier! Herr Blum ist tot. Nur nix wisse. Mache uns auch tot.

Dann komme Ossis. Isch mein: Was suche hier? Wer Ossis reinlasse? Müsse jeder bleibe, wo er ist, sonst nur Problem. Jetzt kar nix Arbeit, nix Arbeit mit Papier, nix Arbeit privat, nur Problem. Wir müsse weg hier. Ayşe und Zeynep und Safiye und Hafize und Kinder, hört ihr, müsse weg! Hört ihr? Alo?

Mathe für Ausländer

Ich habe einen Deutschkurs besucht. Anfang der Achtzigerjahre, im hessischen Flörsheim am Main, wo sich meine aus der Türkei eingewanderten Eltern niedergelassen hatten. Es war die Zeit, als vielen Ausländern, namentlich den Türken, dämmerte, dass ihr Aufenthalt in Deutschland länger dauern würde, als alle, sie selber ebenso wie die Deutschen, anfangs angenommen hatten. So holten viele erst jetzt ihre Kinder nach, die sie zurückgelassen oder zu Verwandten geschickt hatten. Für diese Kinder gab es »Deutsch für Ausländer«.

Im Prinzip waren diese Kurse eine gute Sache, allemal besser als die separaten »Ausländerklassen«, die es zur selben Zeit beispielsweise in Berlin gab. (Jene Klassen hießen ganz offiziell so, anders als die quasi ausländerfreien Klassen oder gar Schulen, die es heute inoffiziell in Großstädten gibt und auf deren Elternabenden sich mindestens so viele Wähler der Grünen wie der CDU/CSU versammeln dürften.)

Bei uns gab es nur »Deutsch für Ausländer«. Dort saß ich und sollte Sätze wie »Mein Name ist Ali« aufschreiben. Nur verstand ich es nicht. Also den Stoff schon, nicht aber, weshalb er mir vorgesetzt wurde. Schließlich schrieb ich im regulären Deutschunterricht die besten Aufsätze und machte nur selten Fehler in Diktaten. Doch danach fragte keiner. »Deutsch für Ausländer« war Pflichtfach für alle Ausländer, ebenso wie der »Muttersprachliche Unterricht«, den es bei uns nur auf Türkisch gab.

Türkisch war auch meine Muttersprache, meine Schwester und ich sprachen nie Deutsch mit unseren Eltern. Kinder lesen, wenn ihre Eltern lesen, sagen Leute, die diese Dinge erforschen. Kinder lernen, wenn ihre Eltern mit ihnen reden. Und noch etwas sagen sie und können das mit ganzen Lastwagenladungen von Statistiken belegen: Mehr als in jedem anderen entwickelten kapitalistischen Land ist in Deutschland der schulische Erfolg der Kinder von der Bildung der Eltern abhängig.

Meine Eltern hatten in Jugoslawien, wo sie aufgewachsen waren, nur die Grundschule besucht. Dafür kam mein Vater Ende der Sechzigerjahre in İstanbul in Kontakt mit der 68er-Bewegung; über ihn politisierte sich auch meine Mutter, auch wenn sie nie so aktiv war wie er. Insbesondere für meinen Vater wurde der revolutionäre Kampf der Schlüssel zur Bildung: erst die Klassiker des Marxismus-Leninismus, dann türkische und internationale Literatur, Philosophie und Geschichte, schließlich – und in kritischer Absicht – Religion. Aber alles auf Türkisch.

Warum meine Eltern nur sehr wenig Deutsch gelernt haben – wobei mein Vater über den größeren passiven Wortschatz verfügt, während meine Mutter sich viel fließender unterhalten kann –, ist eine andere Geschichte. Für meine Schwester und mich war es jedenfalls entscheidend, dass in unserer Familie gelesen wurde. Lesende Arbeiter, im postnationalsozialistischen Deutschland eine exotische Erscheinung.

Nur Deutsch habe ich von ihnen nicht gelernt. Wie das passierte, weiß ich nicht. Ich weiß nur: Als ich in den Kindergarten kam, einen katholischen übrigens, sprach ich nur Türkisch. Bei der Einschulung war mein Deutsch bereits besser als mein Türkisch. In »Deutsch für Ausländer« war ich so gut platziert, wie es Bruno Pezzey oder Bum-kun Cha in meinem Verein DJK Schwarz-Weiss Flörsheim gewesen wären.

Für jene meiner türkischen, griechischen oder marokkanischen Mitschüler aber, die Sprachdefizite hatten, war dieser Kurs mit einem hohen Druck verbunden: Wem es nicht gelang, sich in kurzer Zeit für ausreichend befundene Deutschkenntnisse anzueignen, wurde in die Sonderschule abgeschoben, was damals nicht nur an meiner Schule so gewesen sein dürfte.

Den beiden älteren Schwestern meines besten Freundes Veysel war es so ergangen. Nun sollte auch er in die Sonderschule. Mit diesem Bescheid hatte sein Vater endgültig genug. Obendrein war er im Zuge der damaligen Baukrise arbeitslos geworden. Nach dem »Rückkehrhilfegesetz«, das die Kohl-Regierung bald nach Amtsantritt beschlossen hatte, ließen sich Veysels Eltern die »Rückkehrhilfe« sowie ihre eigenen Rentenbeiträge auszahlen und kehrten in die Türkei zurück. Heute arbeitet Veysel als Lehrer im kurdischen Diyarbakır. Auch seine Schwester Aysel wurde Lehrerin – sie unterrichtet in İstanbul Deutsch.

Doch auch für mich blieb »Deutsch für Ausländer« nicht ohne Erkenntnisgewinn. Ich lernte, dass es etwas gab, das mich von meinen Klassenkameraden unterschied. Sie waren Deutsche. Nicht, dass dieser Unterschied sonst keine Rolle gespielt hätte, wir verabredeten uns manchmal zu dem, was wir »Länderspiele« nannten: »Ausländer gegen Deutsche« auf dem Pausenhof. Aber das war Fußball, jeder konnte gewinnen, und das war nur manchmal. »Deutsch für Ausländer« war immer.

Dort aber lernte ich noch etwas: Dass man gegen Ungerechtigkeit Widerstand leisten kann. Konkret: dass man schwänzen kann. Gelangweilt vom Stoff und genervt von den frühmorgendlichen Extrastunden, begannen mein marokkanischer Freund Mustafa und ich, »Deutsch für Ausländer« fernzubleiben. »Unerhört!«, schimpfte Frau K., als sie davon erfuhr. Das sagte sie immer, wenn sie sich über etwas wirklich ärgerte, zischend und jede Silbe einzeln betonend: »Un-er-hört! Wir zahlen Steuern, damit ihr Deutsch für Ausländer besuchen könnt, und ihr schwänzt. Un-er-hört!«