Wir sind nicht immer auf unserem Weg - Daniela Fromme - E-Book

Wir sind nicht immer auf unserem Weg E-Book

Daniela Fromme

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Beschreibung

Keiner in meinem Umfeld, am wenigsten ich selbst, hätte jemals vermutet, dass mein Leben zu einer Illusion und mein Traumjob zu einer Belastung werden würde. Auf das Drängen meiner Hausärztin hin, nahm ich schließlich therapeutische Hilfe an, in der Hoffnung, wieder meine gewohnte Stabilität zu finden. Doch plötzlich wurde ich gerufen… Ich folgte einem Weg, den meines Wissens meist nur Gläubige gehen und traf mehr Seelenpartner als in meinem 53-jährigen Leben zuvor. Und ich stieß auf einen Menschen, der mein Leben plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen ließ: MICH! In dieser hektischen und von Erfolg angetriebenen Welt haben viele von uns verlernt, auf sich selbst zu hören. Ich nehme euch mit auf einen Weg, der sowohl Schmerzen und Leid, aber auch Erkenntnisse, Glücksgefühle und Seelenfreundschaften bereithält. Viele von euch werden sich hier wiederfinden. Davon bin ich überzeugt!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Daniela Fromme

Wir sind nicht immer auf unserem Weg

© 2021 Daniela Fromme

ISBN Softcover:

978-3-347-50126-3

ISBN Hardcover:

978-3-347-50127-0

ISBN E-Book:

978-3-347-50128-7

ISBN Großdruck:

978-3-347-50129-4

Autorin, Umschlag, Fotos:

Daniela Fromme

Korrekturen:

Sonja Bürkle, Jürgen Martin

Druck und Distribution im Auftrag von Daniela Fromme:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre schriftliche Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Am Montag machte ich den Abflug!

Am Montag, 14.06.2021 sollte es endlich losgehen! Meine Tochter würde mich um 06:30 Uhr nach Straßburg fahren und von dort ginge es nach Biarritz. Dann weiter mit dem Bus. Ich würde in Irun starten. Das Gewicht meines Rucksacks betrug nun doch gute 8 kg statt den erhofften 5 bis 6 kg. Es waren aber so viele Energieriegel drin, dass ich hoffte, nach ihrem Genuss 1 kg mehr auf den Rippen und dafür 1 kg weniger im Gepäck zu haben.

Ursprünglich war geplant ein Zelt und eine Isomatte für den Notfall mitzunehmen, da aufgrund der Corona-Pandemie nicht klar war, ob genügend Herbergen geöffnet hätten. Ich entschloss mich jedoch kurzfristig aufgrund des Zusatzgewichts dagegen und ging das Risiko ein, eventuell die Nächte durchzulaufen und tagsüber am Strand oder in einem Park zu schlafen.

Mein großes Ziel war erst ein halbes Jahr zuvor geboren worden: Der Camino del Norte! Der Jakobsweg an der Nordküste Spaniens. Bis Santiago del Compostela erwarteten mich 840 ungewisse Kilometer, die ich zu Fuß zurücklegen wollte. Ja, ich wollte nicht nur, ich musste! Meine Hoffnungen lagen auf diesem mir unbekannten Weg.

Ich befand mich in einer Lebensströmung, an der mir plötzlich und unerwartet das Steuerrad meines Schiffes entglitten war. Und an einem besonders stürmischen Tag meines inzwischen chaotischen Seelenlebens suchte ich Schutz bei meinem Vater und seiner lieben Frau Ingrid. Meine Mutter war im Jahr 2000 nach langer Krankheit dem Krebs erlegen und mein Vater hatte noch einmal ein neues Glück gefunden. Das Verhältnis der sehr religiösen und gläubigen Ingrid und mir war anfänglich schwierig und durch einige unterschiedliche Lebenseinstellungen zeitweise sogar ein wenig gestört. Doch wir waren beide Menschen der Worte und des Verzeihens. Wir hatten uns zuerst toleriert, dann akzeptiert, irgendwann respektiert und inzwischen empfand ich eine vertrauensvolle Freundschaft zu dieser zarten, kleinen und dennoch sehr starken Frau. Sie war es, die mich an diesem Tag bat, in ihrer Einliegerwohnung die Nacht zu verbringen, um nicht allein sein zu müssen. Mein Vater, pensionierter Orthopäde, gab mir zusätzlich ein starkes Schlafmittel, da in meinem Zustand zu befürchten war, ich würde die Nacht ‚durchsegeln‘.

In der Einliegerwohnung gab es ein Bücherregal und ich lief, schon fertig für die Nachtruhe, darauf zu. Das erste Buch, welches mir ins Auge sprang, war „Ich bin dann mal weg“ von dem deutschen Komiker Hape Kerkeling. Als ich nach diesem griff, war nicht abzusehen, was sich daraus entwickeln würde. Ich verschlang dieses Buch, wie wohl viele andere deutsche Leser zuvor. Er schrieb witzig und emotional zugleich. Was mich jedoch am meisten fesselte, war die Vorstellung des tagelangen Laufens.

Google wurde spontan zu meinem besten Freund. Ich suchte mich durch die Jakobswege der gesamten Welt und blieb dennoch in Spanien hängen. Allerdings nicht am Camino Frances, den Kerkeling gelaufen war, sondern eben an der Nordküste. Der Camino del Norte bot alles, was ich mir für meinen Weg wünschte: er war aufgrund seiner zu überwindenden Höhenmeter und einer Länge von ca. 840 km sportlich, aus diesem Grunde sicher nicht so überlaufen wie der Frances und führte an der Küste entlang, was sowohl für eine angenehmere Temperatur als auch für eine Landschaft in meinem Sinne sprach. Nachdem ich nun meinen Weg gefunden hatte, saugte sich dieser an meinem Hirn fest, wie die Zecke am Hund. Mein engeres Umfeld bekam kein anderes Thema mehr zu hören und dennoch glaubte ich, dass es viele für eine vorübergehende fixe Idee hielten. Doch in mir tobte eine unbegreifliche Sehnsucht, die ich selbst nicht einzuordnen wusste. Ich bin Realist! Kein Träumer, kein Esoteriker, kein Gläubiger! Und dennoch gab es einen Augenblick, der meinen Realismus ins Wanken brachte: Ich hatte einen Blog über ‚meinen‘ Camino entdeckt, den ich aufmerksam las. Und darin standen folgende Worte: „Der Camino hat Dich gerufen? Ich gratuliere!“ Und so unfassbar dies für mein, nach logisch erklärbar suchendem Gehirn auch war, so spürte ich in mir, dass diese Worte an mich gerichtet waren.

Viele Menschen brauchen oft Jahre, um ‚den Jakobsweg‘ in Angriff zu nehmen. Ich war nach ca. 4 bis 5 Monaten abflugbereit und hätte Corona unsere allgemeine Reiselust nicht beeinflusst, so wäre ich vermutlich in Deutschland gestartet. Allerdings hätte ich mir ohne die Pandemie auch die berufliche Auszeit in der Länge von 2 Monaten wohl kaum nehmen können. Denn aufgrund des Lockdowns mussten viele Unternehmen, wie auch meines, für viele Monate schließen.

Mein Rucksack enthielt, ausgenommen der Kleidung, die ich tragen würde: 2 Shirts, eine weitere Zipp-Hose, 1 kurze Sporthose, 1 leichtes Sweatkleid, 1 Schlafkleid, 2 Paar gute Socken, 2 Unterhosen, 1 Bikini, 1 großes und 1 kleines Handtuch, 1 Paar Sandalen und 1 Paar Flip-Flops, 1 Fleecejacke, 1 Langarmshirt, 1 Waschbeutel mit allem, was man so für die Hygiene benötigt, allerlei Pflaster und medizinische Artikel, 1 Tagebuch, 1 weiteres Buch, 1 Schlafsack, Unmengen an Energieriegeln, 1,5 l Wasserflasche und eine kleine Magnetlampe. Hört sich nach wenig an und hatte eben dennoch mehr Gewicht, als erwartet.

Am 04.05.2021 bekam ich endlich meinen ersten Corona-Impftermin. Für Geimpfte würde sich das Reisen zukünftig wahrscheinlich angenehmer gestalten, was ein zusätzlich positiver Nebeneffekt meiner Impfentscheidung war. Allerdings brauchte ich natürlich auch die Zweitimpfung, die frühestens 4 Wochen später erfolgen konnte. Ich bekam den zweiten Termin allerdings erst nach 6 Wochen und somit am 15.06.2021. In Anbetracht der Tatsache, dass viele nach der zweiten Impfung Krankheitserscheinungen bekamen, war somit ein Abflug vor dem 20.06. eher unwahrscheinlich. Geplant hatte ich meine Reise jedoch 11 Tage früher. Und genau an diesem Tag erhielt ich einen kurzfristigen Termin bei meinem Frauenarzt zur zweiten Impfung und somit das ‚Go‘ für meine Reise! Mir war klar, dass die Impfung erst nach 2 Wochen anerkannt werden würde, da erst dort der Impfschutz gesichert sei. Ich riskierte es dennoch und buchte am 14.06. meinen Flug nach Biarritz. Ich war startklar! In jeder Hinsicht!

Von Irun nach San Sebastian

14.06.2021. Um 05:00 Uhr klingelte mein Wecker und ich stand mit ein wenig ‚Lampenfieber‘ auf. Immer wieder wurde ich, nachdem bekannt wurde, dass ich den Jakobsweg laufen wollte, gefragt, ob ich denn keine Angst hätte. Nein. Nicht eine Sekunde. Warum auch? Es gab nur eine einzige unsichere Frage, die allerdings eher Neugier als Angst in mir hervorrief: „Wo würde ich die nächsten Nächte unterkommen?“

Meine Tochter hatte in ihrem alten Zimmer geschlafen, damit wir den letzten Abend noch gemeinsam verbringen und am nächsten Tag zeitnah starten konnten. Um 06:00 Uhr öffnete das Testzentrum, das mit dem Auto anfahrbar war und in dem ich mir vorsichtshalber noch einen ‚Schnelltest‘ abholen wollte. Stäbchen rein und 20 Minuten später saß ich mit dem negativen Testergebnis neben meiner Tochter im Auto Richtung Airport Straßburg und pünktlich um 10:30 Uhr landete der Flieger in Biarritz. Dort lernte ich am Busbahnhof die 26-jährige und 1,81 m große und sehr hübsche Sarina aus Karlsruhe kennen. Wir machten uns gemeinsam auf den Weg zum Startpunkt des Camino del Norte, den auch sie gehen wollte. Erst mit dem Bus zum Hendaye Gare und dann zu Fuß in ca. 30 Minuten nach Irun. Dort angekommen wurden wir beide dann erstmals etwas euphorisch, als wir mit den Füßen neben dem ersten Hinweisschild standen. Geiles Gefühl! Wir hatten den Camino del Norte betreten! Keine von uns beiden wusste, was dieser Weg an Erfahrungen für uns bereithielt. In Irun trennten sich dann schon unsere Wege, da sie eine Übernachtung gebucht hatte und ich gleich weiterwollte. In der City Hall Irun holte ich mir meinen Pilgerausweis und bekam meinen ersten Stempel für die Anreise und 30 Minuten Fußmarsch. Ich freute mich wie ein kleines Kind!

Als ich um kurz vor 15:00 Uhr startete und aus Irun hinauslief, krähten mir einige Hähne spöttisch hinterher. Die wussten ja noch nicht, dass so ein 53-jähriger Gaul aus dem ‚Frommschen‘ Gestüt sehr hartnäckig sein konnte. Die Schafe und Ziegen zeigten etwas mehr Ehrfurcht und schauten mir bewundernd nach.

Der Weg nach San Sebastian (denn dieses hatte ich mir irrsinnigerweise als Ziel gesetzt) war zwar traumhaft schön, aber sehr mühselig. Nach 4 Stunden zitterten meine Knie bei jedem Abstieg. Ich befürchtete schon es nicht zu schaffen. In einer kurzen Pause mit geistigem Größenwahnsinn, buchte ich zur zusätzlichen Motivation ein Hostel in San Sebastian. Und bereute es bei jedem verdammten schmerzenden Schritt. Aber nun musste ich da durch! Der erste Tag und ich war schon kurz vorm Heulen. So schaffte ich das langfristig nicht, das wurde mir spontan, wenn auch leider etwas zu spät, klar. Die An- und Abstiege wechselten zwischen steinigem Geröll und nassem Schlamm, so dass man bei jedem Schritt aufpassen musste.

Nach einer turbulenten Nacht weiter nach Orio

15.06.2021. Es schliefen dann doch nur 3 Männer und 1 Französin mit im Zimmer und es wurde auch schnell klar weshalb. Mitten in der Nacht fing es im Nebenbett an zu rascheln. Mein Nachbar schien wohl noch Lust auf Knabbereien zu haben. Nachdem ich dem Knistern eine Weile zugehört hatte, fiel mir auf, dass sich der Nachbar wohl über mein Studentenfutter hermachte, welches ich in der offenen Seitentasche des Rucksacks deponiert hatte, welcher wiederum direkt zwischen uns am Kopfende stand. Ich drehte langsam meinen Kopf, schob den Bettvorhang leise zur Seite und sah zu meinem Erstaunen, dass das Bett neben mir leer war. Dafür krabbelte etwas Pelziges über meinen Rucksack. Ich schoss hoch und wollte dieser frechen Maus gerade erklären, dass ich meinen Proviant noch bräuchte, da machte sie sich feige aus dem Staub. Ich deponierte die Tüte im Inneren des Rucksacks und beschloss in den oberen Teil des Stockbettes umzuziehen. An Schlaf war dennoch nicht mehr zu denken, da die aufgewühlte Maus in Abständen mal über den Boden oder die Bettkante lief. So entschloss ich mich zu Entspannungsübungen, damit wenigstens mein geschlauchter Körper sich etwas erholen konnte. Am frühen Morgen gegen 06:00 Uhr (ich musste wohl doch noch etwas eingenickt sein) weckte uns die Französin dann in einer sehr ohrenunfreundlichen Tonlage, da es sich Mr. Maus wohl gerade bei ihr kuschelig machen wollte.

Den netten jungen Spaniern zuliebe, die diese Herberge betrieben, wollte ich den Namen des Hostel in meinem Blog nicht erwähnen. Ansonsten war auch alles sehr sauber und die Atmosphäre sehr familiär.

Mein rechtes Knie lieferte sich mit mir allerdings eine heftige Diskussion über den weiteren Verlauf des Tages. Ich mochte Mäuse, aber ich wollte weiter. So lief ich erst einmal nach San Sebastian hinein, um ein Rathaus oder eine Kirche zu finden, bei der ich mir meinen wohlverdienten zweiten Stempel holen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war mir nämlich noch nicht bekannt, dass es diese Stempel auch in jeder Herberge gab. Ein Gebäude wurde mir in Google Maps als Rathaus angezeigt und eine nette junge Polizistin vor Ort drückte Stempel Nr. 2 in meinen Pass.

Ich hatte zuerst kein wirkliches Ziel. Ich ließ es entspannt angehen, nahm erst einmal ein frisch gekauftes kleines Baguette und etwas Käse zu mir und fütterte die niedlichen Spatzen und Meisen. Dann wollte ich zumindest mal bis ans Ende von San Sebastian laufen. Der Atlantik lud auf der Strecke zum erholsamen Baden ein und ich konnte nicht widerstehen. Die meisten Strandbesucher räkelten sich nur träge in der Sonne und scheuten das kalte Wasser. Ich legte mir meinen Bauchbeutel mit den wichtigsten Gegenständen um den Hals und watete bis zum Bauch in das erfrischende Nass. Meinen Knien tat die Kühlung unglaublich gut. Ich fühlte mich anschließend auch tatsächlich fit genug, um weiterzugehen. Zur Belohnung für meine mutige Entscheidung kaufte ich mir ein knallbuntes und zuckersüßes Eis und wackelte los. Jetzt hieß mein Ziel: Orio! Gute 20 km entfernt (Jakobswegstrecke! Es gibt kürzere Wege, um jeweils zu den Etappen zu kommen). Der Ausblick über San Sebastian bestärkte mich in meiner Entscheidung - es war fantastisch! Das blau-grüne Meer war sichelförmig umrandet vom langgezogenen Sandstrand, umschlossen von der dennoch sehr grünen Stadt San Sebastian und im Hintergrund grüßten die Berge.

Kein Foto konnte dieses erste Gefühl widerspiegeln. Ich wusste spontan, dass ich hier richtig war. Der Camino del Norte hatte mich wohl tatsächlich gerufen!

Meine einzigen Wegesrand-Begleiter waren die Tiere, die mich grasend, dösend oder bellend begrüßten. Auf der ganzen Strecke begegnete mir kein einziger Pilger. Maximal 5 verrückte Jogger und ebenso viele Autos kreuzten meinen Weg.

Allerdings wurde nun doch nach wenigen Stunden klar, dass auch dieser Weg beschwerlich werden würde. Mein rechtes Knie wollte sich, trotz neuem Knieschoner und leichtem Schmerzmittel, nicht auf die erneuten Strapazen einlassen. Das linke, und somit das eigentlich aufgrund eines Meniskusschadens beeinträchtigte Knie, hielt mir aber fest die Treue. Auf steinigem Weg entdeckte ich eine Möglichkeit doch einigermaßen schnell voranzukommen. Meine Knie hatten inzwischen den Namen ‚Maximus‘ und ‚Mimikus‘ erhalten. Wenn Maximus nun auf eine Erhöhung trat, konnte ich den ‚pienzigen‘ Mimikus gerade nach vorne durchziehen, ohne das Knie beugen zu müssen. Damit war Maximus zwar wirklich maximal beansprucht (immerhin musste ich nun hier das Bein immer stecken), aber Mimikus war somit entlastet. Das war zwar sicherlich sehr unfair, aber wir waren nun mal ein Team und mussten zusammenarbeiten. Zwischendurch wurde ich vom Camino persönlich noch mit einem Schild auf einer Steinwand angefeuert, das meinen Namen trug, was mir einen weiteren Motivationsschub verlieh.

Nach 23 km kam ich um 18:30 Uhr endlich in Orio an und suchte nach einer günstigen Herberge. Leider waren alle Pilgerherbergen geschlossen und inzwischen drohte auch Maximus das ‚Kraft-Aus‘. Das über Booking.com zu buchende günstigste Hotel kostete 60 Euro/Nacht. Aber mir blieb keine Wahl, ich konnte nur noch in winzigen Schritten vorwärtskommen. Allerdings musste ich, um das Hotel zu erreichen, wieder ein Stück meines Weges mit eben diesen Mäuseschritten zurück. Die Dame an der Rezeption war zuckersüß und kümmerte sich so rührend um mich, dass ich vor lauter Dankbarkeit noch das Frühstück für 5 Euro dazubuchte. Bedeutete: die kommenden Tage musste ich finanziell stark runterfahren, sonst würde ich aus Kostengründen abbrechen müssen. Und das wollte ich auf gar keinen Fall!

Jetzt gab es aber erst einmal ein warmes Bad und anschließend ein gekühltes, gratis Glas Sangria vom Hotel, welches von mir nicht ausgeschlagen wurde. Das Zimmer war wunderschön, aber grundsätzlich hatte ich mir meine Pilgerreise anders vorgestellt. Vor allem günstiger. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, schon am ersten Tag gefühlt eines meiner Beine zu verlieren. Ich dachte eigentlich, ich sehe nicht nur aus wie eine gut durchtrainierte Frau, sondern ich wäre es auch. Vor meiner Reise nach Spanien hatte ich mit einigen 1,5 l Flaschen Wasser im Gepäck mehrere Strecken durch den Schwarzwald absolviert, um mich auf den Camino vorzubereiten. Und doch hatte mich die Kombination aus meinem doch etwas schwereren Gepäck, über 30 km Strecke und die Beschaffenheit des Weges mit seinen Höhenmetern zu Fall gebracht. Blöder Anfängerfehler! Die kommenden Tage mussten die Etappen einfach kürzer ausfallen. Aufgeben war definitiv keine Option!

Erholt zurück nach Orio und weiter nach Zarautz

16.06.2021. Ich schlief bis 08:00 Uhr mit nur 3 Unterbrechungen durch! Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass ich normalerweise kaum schlafe, ein erfreulicher Start in den Tag.

Dieser wurde auch nicht durch die immer noch maulenden Knie und der leichten Abschürfung an der rechten Schulter getrübt. Ich fühlte mich ausgeruht und fit für die nächste Etappe. Das Frühstück sorgte für eine weitere Euphorie! Der Kaffee war mega und so gönnte ich mir 2 Tassen. Den Rest des übrig gebliebenen Obstes packte ich als Reiseproviant ein. Ich hatte noch Zeit, da ich bewusst spät loswollte. Da der Rumpf während des Pilgerns aus meiner Sicht wenig beansprucht wird, legte ich mich auf den Boden und betrieb ein 8-minütiges leichtes Bauchmuskeltraining.

Der Himmel wirkte regnerisch und so zog ich eine lange Hose an und versteckte darunter beide Knieschoner. Jetzt waren Maximus und Mimikus so gut eingepackt, dass ich hoffte, ihr Murren heute nur dumpf hören zu können. Noch etwas Sonnenmilch auf die Haut und Penatencreme auf die Schürfwunde. Um 10:26 Uhr startete ich. Nachdem ich am gestrigen Tag, um zu meinem Hotel zu gelangen, wieder aus Orio rausmusste, ging es heute wieder in die Stadt hinein. Und hoppla… vor mir die ersten Pilger!

Unter normalen Umständen hätte mein Ehrgeiz mich gezwungen, die beiden schnellstmöglich zu überholen. Da der asphaltierte Weg jedoch nach unten führte, war ein Herankommen völlig ausgeschlossen. Auf gerader oder ansteigender Strecke konnte ich trotz der Schmerzen ein gewisses Tempo halten, bergab lief ich allerdings weiterhin im Mäuschenschritt.

Orio lag wie eine braune Flunder im Tal. Es liegt zwar sehr idyllisch am Fluss Oria, aber sein Charme packte mich nicht und so machte ich mir auch nicht die Mühe, es weiter zu erkunden.

Der Weg führte nun ausschließlich über asphaltierte Straßen. Der Reiseführer riet, möglichst am Grasrand entlangzulaufen, um die Gelenke zu schonen. Leider fehlte an einigen Stellen diese Möglichkeit und ich bekam zu spüren, wie unangenehm das Laufen auf der harten Straße war. Asphalt war ausschließlich für Kraftfahrzeuge gemacht worden. Für die landschaftliche Optik und unsere Gesundheit war er aus meiner momentanen Sicht aber völlig untauglich! Ich biss die Zähne zusammen und bemühte mich, die Schmerzen zu ignorieren. Die Wut auf den Asphalt aber blieb!

Ich lief an einem eingezäunten Hundestrand und einer Eselfarm vorbei und freute mich über die glücklichen Tiere. Hier gab es überhaupt sehr viele Hundebesitzer, die ihre Tiere frei herumtoben ließen und niemand störte sich daran. Leider waren diese Hunde aber auch so gut erzogen, dass sie mich keines Blickes würdigten und schnell und ungestreichelt an mir vorbeiliefen. 

Am höchsten Punkt der Straße fand sich wieder eine Wasserstelle, aus der ich gierig trank, denn der Weg auf der beschatteten und ansteigenden Straße hatte sehr durstig gemacht. Solche flüssige Quellen befanden sich in ca. 5 bis 7 km Abständen, so dass man keine Sorge wegen Wassermangel haben musste. Ich traf an einer dieser Wasserstellen auf zwei Cockerspaniel in Begleitung ihres Besitzers, denen es ebenso erging und überließ ihnen natürlich aufgrund der doppelten Anzahl an vielleicht schmerzenden Beinen den Vortritt.

Nun ging es leider wieder bergab. Aber schon nach wenigen Metern wurde ich mit einer fantastischen Aussicht auf Zarautz belohnt! Ähnlich wie in San Sebastian lag das Meer an einem, diesmal mit dem Lineal gezogenen Sandstrand und wurde von Feldern und der Stadt Zarautz in Empfang genommen. Das Rauschen der leichten Wellen, die an den Strand gespült wurden und der frische Meeresduft in der Luft, ließen mich kurz meine Augen schließen und meine Schmerzen vergessen. Meine Seele hatte sich bisher noch nicht gemeldet. Ich denke, sie war sowohl überwältigt als auch überfordert mit so viel Freiheitsgefühl. Aber eine Emotion setzte sich immer stärker in mir fest: Ich war hier zu Hause! Nicht direkt in Spanien und auch nicht auf diesen Straßen. Es hätte wohl jedes andere Land und jeder Weg sein können. Aber ich war eine Pilgerin. Rast- und heimatlos gaben mir die Geräusche der Natur und die Einsamkeit das Gefühl, schon immer so gelebt zu haben und auch nichts anderes zu wollen oder anders: ich vermisste nichts!

Ich war nur knapp 2 Stunden gelaufen, hatte aber Maximus und Mimikus versprochen, wir würden uns heute einen Ruhetag gönnen, um möglichst bald wieder schneller unterwegs sein zu können. Und außerdem waren wir ja nicht auf der Flucht, sondern wollten diesen Weg auch genießen. Mein Ehrgeiz meldete sich kurz zu Wort und erhielt spontan eine innerlich verbale Backpfeife. Die Pilgerherberge nahm zurzeit niemanden auf und verwies mich an eine Touristik-Information. Hier organisierte man für mich ein Bett in einem netten Hostel für 22 Euro. Allerdings musste ich bis 14:30 Uhr zum Check-in warten.

Ich kaufte mir ein Körnerbaguette und der stark dunkel pigmentierte Inhaber der Panaderia fragte mich, ob ich Deutsche sei. Ich bejahte dies und er führte mich in eine Art Smoothie- oder Saftladen, der von einer ehemaligen Kölnerin betrieben wurde. Die deutsche kleine und etwas verlebte, aber hübsche Frau, erzählte mir, wie schwer ihr Einstieg in Spanien gewesen sei und wie glücklich sie heute über ihre Entscheidung wäre. Ich dachte daran, wie viele Opfer sie für dieses Glück hatte bringen müssen und überlegte, wie weit ich dafür gehen würde. Für ein Gefühl, dass ich doch eigentlich haben müsste und dennoch so häufig vermisste.

Ich kaufte bei ihr einen überteuerten Smoothie und setzte mich an der Promenade direkt mit dem Rücken an eine Hauswand. In meinem Aufzug war ich als Pilgerin ja leicht zu erkennen, so dass ich hier auch keinerlei Hemmungen hatte. Ich schaute auf den Atlantik, knabberte genüsslich an meinem Brot und aß noch von dem Frühstücksobst. Anschließend holte ich mir aus dem Supermarkt noch Avocado und Käse und lief Richtung Hostel. Und ihr werdet es nicht glauben - kurz davor traf ich auf Sarina, die mich inzwischen eingeholt hatte. Sie hatte den Weg nach San Sebastian ebenfalls an einem Tag, allerdings mit fast doppelter Zeit absolviert. Dennoch räume ich ein, dass sie nicht nur jünger, sondern sicher auch fitter war als ich. Ich gönnte ihr das von ganzem Herzen, da sie auch nur 5 Wochen Zeit hatte, um den Camino zu bewältigen. Wir wünschten uns noch einen „Buen Camino“ und trennten uns wieder.

Ich bezog anschließend meine Herberge im Eingangsbereich, in der mich eine junge Frau mit lächelnden Augen erwartete. Der Rest ihres Gesichts war durch die Maske verdeckt, die zu dieser Zeit in Spanien aufgrund der Pandemie noch durchgängig getragen werden musste, auch im Freien. Das Zimmer war sehr sauber und freundlich. Es hatte doppelstöckige Bettnischen in hellem Holz mit der Möglichkeit, sich hinter einem Vorhang zu verstecken

Nächtliche Gedanken und mein erster Wunsch ans Universum

17.06.2021. Schon als ich am gestrigen Abend Richtung Strand lief, zog sich der Himmel zu und es kühlte merklich ab. Ich setzte mich deshalb auf eine von der Sonne erwärmte Steinbank und nahm das Buch von Veit Lindau zur Hand: „Selbstliebe“. Ein Geschenk meiner Freundin Marta aus Deutschland. Obwohl der Titel so weich klingt, steckt ein ‚schwerer‘ Gang dahinter. Nicht, weil es so kompliziert geschrieben wäre, ganz im Gegenteil, sondern weil eine ungefilterte Selbstreflektion ein Teil seiner gestellten Aufgaben war. Er lud dich dazu ein! In dem Moment, in dem dir das Lesen, aus welchen Gründen auch immer schwerfallen würde, solltest du es weglegen. Nach gefühlt jeder zweiten Seite machte ich somit eine Pause.

Es zog ein Gewitter heran und ich machte mich auf den Weg zurück zur Herberge ‚Blai-Blai‘. Dort traf ich eine 21-jährige Deutsche, die auf Travel-Tour war. Sie reiste somit durch die Welt und nutzte auch Bus, Zug und Flug. Wir saßen unter einer Überdachung vor der Herberge und rauchten gemeinsam eine Zigarette, die sie mir angeboten hatte. Eigentlich war ich Nichtraucher, aber ab und zu gönnte ich mir in letzter Zeit mal eine Gesellschafts-Zigarette. Sie fragte nach meiner Route und schien anschließend beindruckt zu sein. Zumindest teilte sie mir mit, dass sie sich ‚diese Reise‘ nicht zutrauen würde. Ich war innerlich überrascht und auch ein wenig verunsichert, denn ich war mir der sportlichen Herausforderung zwar bewusst, aber auch wesentlich älter als meine Gesprächspartnerin. Die Wetter-App teilte mir kurz darauf zusätzlich mit, dass die nächsten Tage rau und ungemütlich werden würden. Dieser Gedanke ließ mich kaum schlafen. Ich scheute den Regen nicht, aber ich fürchtete, dass er mich aufgrund meiner Knieprobleme, einige Tage zu früh ereilt hatte. Mich beschlich die Angst, die kommende Woche schon an meine Grenzen zu kommen, da mir zudem einige Höhenmeter bevorstanden. Wie anfangs schon erwähnt, war dieser Weg eine Art unerklärbare Hoffnung und Sehnsucht gewesen. Ich konnte nicht sagen, was ich von ihm erwartete. Eigentlich nichts. Und dennoch wusste ich, dass ich ihn brauchte. In meiner zunehmenden leichten Panik schickte ich meinen ersten Wunsch ans Universum:

„Lass mich meinen Weg gehen und mich körperlich unbeschadet nach Deutschland zurückkommen.“

Zu diesem Zeitpunkt war mir leider noch nicht bewusst, welchen Stellenwert die Seele in meinem Leben hatte.

Am nächsten Morgen beschloss ich, mein nächstes Ziel sollte erst einmal offenbleiben. Nach 10 km fand sich die nächste Herberge wieder. Mit Zustimmung von Maximus und Mimikus überwand ich in weiteren 12 km ungefähr 750 Höhenmeter. Ich bat die Leser meines Camino-Blogs mir fest die Daumen zu drücken. Denn mein eigentliches Ziel war das 22 km entfernte Deba! Ich startete gestärkt um 09:30 Uhr und verließ das Hostel mit den Worten: „Bye bye, Blai-Blai!“

Schwimmend nach Deba; kein Corona-Abstand zu LKWs und weitere Überraschungen!

17.06.2021. Ich war überrascht, wie gut ich trotz Regen vorankam. Im Gegenteil, ich empfand das kühle Nass nach den letzten heißen Tagen als sehr erfrischend! Mimikus hatte sich schmollend zurückgezogen und meldete sich tatsächlich gar nicht! Nur hatte Maximus die Überforderung der letzten Tage nun so stark zugesetzt, dass er mal ein leises und mal ein lautes Weinen nicht unterdrücken konnte. Das tat mir zwar im Herzen weh, aber heute durfte Fräulein Ehrgeiz die Entscheidungen treffen. Man musste ja ausgleichend gerecht sein. Dafür versprach ich, die ein oder andere Pause mehr einzulegen.

Bis Zumania waren es 9,5 km. Ich schaffte diese Strecke mit nur 250 Höhenmetern in 3 Stunden. Unter normalen Umständen hätte ich mich vor mir selbst geschämt. In Anbetracht meines eingeschränkten Knieeinsatzes und der erhöhten Bodenfeuchtigkeit, war ich aber dennoch stolz auf ‚uns‘!

In Zumania kaufte ich mir 2 Bananen und setzte mich unter einen überdachten Durchgang. Ich hatte es den anderen dreien noch nicht mitgeteilt, aber ich wollte weiter. Fräulein Ehrgeiz war begeistert, Mimikus war immer noch still und beleidigt und Maximus war zwar skeptisch, ob er die über 700 Höhenmeter nach Deba schaffen würde, akzeptierte jedoch meine Entscheidung. Ich rief das Fremdenverkehrsbüro in Deba an, um nach einer Unterkunft zu fragen, doch der städtische Lärmpegel machte die Verständigung unmöglich. Ich schrie ins Telefon, dass ich mich zu einem späteren Zeitpunkt melden würde und legte auf.

Nun zottelte ich aus Zumania hinaus und suchte meine geliebten gelben Pfeile, welche mir immer so erwartungs- und bedingungslos den Weg gezeigt hatten. Doch egal in welche Himmelsrichtung ich mich bewegte, kein einziger gelber Pfeil ließ sich blicken! Das allein hätte mich schon warnen müssen. Aber ich ignorierte dieses Zeichen, öffnete Google Maps auf meinem Handy und gab Deba ein. Mir wurden 2 zeitgleiche Routen angezeigt und ich entschied mich intuitiv - für die falsche. Es war ja nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich den verkehrten Weg einschlug, darin hatte ich Übung. Doch dieser führte mich erst einmal kilometerweit auf Schnellstraßen entlang, ohne Ausweichmöglichkeiten und ohne die Corona-Abstandsregelung von 1,50 m zu den Fahrzeugen einhalten zu können. Bei dem ein oder anderen überholenden LKW schwankte mein Körper wie nach einer durchzechten Nacht.

Was mich jedoch wirklich traurig stimmte, waren meine fehlenden gelben Pfeile, die mir immer das Gefühl von Sicherheit und Konstanz vermittelt hatten. Dinge, die in meinem bisherigen Leben oft fehlten.

Ich hielt mich nun an die Angaben von Google Maps, was jedoch bedeutete, mein Handy mit meinen nassen Händen immer wieder aus meinem Bauchbeutel holen zu müssen. Das ‚Freischalten‘ per Fingerabdruck war unter diesen Umständen nicht möglich und so musste ich nun ständig meine PIN eingeben. Nach einigen Straßenkilometern (ich fühlte mich schon wie ein Kraftfahrzeug und hätte beim Überqueren der Straße beinahe hupende Geräusche von mir gegeben) gab es tatsächlich eine Abzweigung in einen Feld- und Waldweg. Dieser war wirklich wunderschön und tröstete mich über die Tatsache hinweg, den wahrscheinlich schöneren Camino gegen eine Abgas-Route eingetauscht zu haben.

Hier setzte ich mich kurz mit meinem Rücken an einen Baum und genoss die wiedergefundene Natur. Schon hier, nach nur wenigen Tagen auf meinem Weg, spürte ich, dass sich etwas in mir gewandelt hatte. Die letzten Kilometer hatten mich Mühen und Kraft gekostet, doch dies würde auf diesem Planeten ebenso wenig Spuren hinterlassen wie mein unnötiges Bemühen der allgemeinen Gesellschaft zu entsprechen. Wäre ich an diesem Baum sitzengeblieben, hätte sich unsere unruhige und oft unzufriedene Welt dennoch weitergedreht. Und die Lücke, die ich hinterlassen würde, wäre kleiner als der Kothaufen einer Ameise. Und doch wäre ich undankbar gewesen nicht zu erkennen, dass mein Leben durchaus eine Bedeutung hatte. Jedes Leben. Und dass mein Weg durchaus Spuren hinterlassen würde. Bei mir selbst und somit vermutlich auch bei den Menschen, die mir und denen ich wichtig war.

Ich rappelte mich auf und lief mit der Erkenntnis weiter, dass das Ergebnis dieser Reise allein mich betreffen sollte.

Als ich schon eine weitere gute Stunde über den feuchten Grasweg gelaufen war, kam ich an einen Zaun mit einem Warnschild. Im ersten Moment befürchtete ich, hier nicht weitergehen zu dürfen. Doch nach Eingabe des Textes im Google-Übersetzer war ich mehr als erleichtert: Man solle bitte das Tor nach dem Durchgang wieder schließen, da sich innerhalb des abgegrenzten Raumes freilaufende Tiere befanden. Ich hatte kein einziges Tier größer als einen Weberknecht entdecken können. Aber vielleicht handelte es sich hier ja auch um eine Insektenfarm.

Nach weiteren Kilometern wurde mein sehnsüchtiger Wunsch dann plötzlich und unerwartet erfüllt: Meine geliebten gelben Pfeile!!!

Ich mochte ja die selbstgesprayten am liebsten, da sie mich an die Schnitzeljagd aus meiner Kindheit erinnerten. Ich war jedenfalls wieder sicher auf meinem Weg! Dieser verwandelte sich allerdings im Laufe der Tour zunehmend in einen fließenden Bach. An manchen Stellen war nicht mehr erkennbar wohin man trat. An dieser Stelle bedankte ich mich innerlich bei Olga, einer guten Freundin, die mir ihre Wanderstöcke aufgeschwatzt hatte, und von denen ich am Ende aus Gewichtsgründen dann doch nur einen mitnahm. Mit diesem ließ sich der schlammig-schlittrige Weg einigermaßen gut meistern und ich war spontan unglaublich dankbar, ihn bei mir zu haben.

Um 17:45 Uhr betrat ich Deba. Klatschnass, erschöpft und überglücklich darüber, dass ‚wir‘ es, trotz zwischenzeitlicher heftiger Schmerzen beim Abstieg, geschafft hatten!

Die Freude wäret nicht lange - das Fremdenverkehrsbüro hatte trotz der aushängenden Öffnungszeiten, die die klare Anwesenheit eines Mitarbeiters und eine geöffnete Tür um diese Zeit ankündigten geschlossen und auch die Polizei, die ich in diesem Falle laut schriftlichem Zusatz kontaktieren sollte, konnte mir nur eine Aussage erteilen: Aufgrund von Corona hatten hier alle Herbergen und Hostels geschlossen und die teuren Hotels waren komplett ausgebucht!

Nach vielen Telefonaten von Spanien bis Deutschland gab es für mich nun nur noch eine Option: Ondarroa! Ein Ort, der zwar in westlicher Richtung, jedoch völlig außerhalb des Camino lag! Dort gab es in einem Hostel noch ein letztes Bett für 35 Euro. Um dorthin zu gelangen, benötigte ich ein Taxi oder einen Bus. Eine sehr nette Spanierin aus einem Lebensmittelladen war sofort hilfsbereit und redete auf Spanisch im ‚Speedtempo‘ auf mich ein. Mein Gesichtsausdruck ließ wohl vermuten, dass ich nichts von dem verstand, was sie mir mitzuteilen versuchte und so wiederholte sie einfach ihre Sätze im gleichen Tempo mehrere Male, wohl in der Hoffnung, mein Spanisch würde sich dadurch spontan verbessern. Aufgrund meiner wenigen Französisch- und noch geringeren Italienischkenntnisse verstand ich dann tatsächlich, dass um 19:40 Uhr ein Bus nach Ondarroa fuhr und ich an der letzten Haltestelle aussteigen sollte. Von dort waren es nur noch 5 Gehminuten zum Hostel. Ich kaufte dankbar 2 Dosen Bier bei ihr und wackelte, inzwischen müde und frierend, zur Haltestelle, an der ich noch eine gute halbe Stunde im sehr frischen Wind warten musste.

Im Hostel begrüßte mich ein etwas merkwürdiger Typ, der mich an meinen guten Freund Klaus in Deutschland erinnerte: Vokuhila-Frisur, tätowiert, Harley-Typ. Er zeigte mir alles und auf meine Frage, wo ich denn duschen könnte, antwortete er, dass die Dusche und ein Waschbecken im Zimmer seien. Nur die Toiletten befänden sich im Flur. Ich war überglücklich! Eine Dusche nur für mich. Ich hatte vor, diese für die nächsten 20 Minuten nicht mehr zu verlassen. Das Zimmer bestand aus einer Klappliege, einem Schreibtisch mit sehr wackeligem Stuhl und einigen Regalen. Das Beste aber war der Ausblick aus dem Fenster, direkt aufs Meer. Im Zimmer packte ich erst einmal alles aus und fand dabei doch tatsächlich aus einer vorherigen Wanderung ein Vesperbrett und ein Messer, welches ich später zum Abendessen nutzen wollte.

Abkürzungen gleichen Umwege aus. Weiter nach Ziortza-Bolibar

18.06.2021. Beim morgendlichen Frühstück beschloss ich, nicht mit dem Bus nach Deba zurückzufahren. Wenn ich direkt von hier aus startete, sparte ich 2 Euro Bus Geld und 2 bis 3 Stunden Fußmarsch und die hatte ich durch meine ‚Umwegs-Überstunden‘ wahrscheinlich eh schon reingeholt. Allerdings würde ich bis Markina-Xemein auch ohne gelbe Pfeile auskommen müssen. Das Wetter hatte sich beruhigt und zumindest hier am Atlantik war blauer Himmel. Allerdings kehrte ich ihm ab jetzt den Rücken und es ging Richtung Inland. Meine Klamotten im Zimmer waren noch klamm und ich wollte die Zeit bis zum Check-out um 11:00 Uhr nutzen, um ihnen zur völligen Entfeuchtung Zeit zu geben. Einige Jungs unten am Meer spielten Fußball und ich konnte erahnen, wie schön es sein musste, als Kind in einer solchen Gegend aufwachsen zu dürfen.

Mein Frühstück bestand aus einem Milchkaffee, einem Orangensaft, getoastetem Baguette, passierten Tomaten mit Öl (eine spanische Tradition), Joghurt mit einem kleinen Schälchen Müsli und einer Banane und kostete mich 3 Euro zusätzlich. Ich packte mir die Tomatenbrühe, allerdings ohne das Öl, auf mein Baguette, was jedoch aus meiner Sicht, dem guten und frischen Geschmack keinen Abbruch tat.

Dieses Mal ging ich nicht los, ohne vorher eine Unterkunft fest gebucht zu haben. Es gab nun mal wohl aufgrund der Pandemie, nur eine sehr eingeschränkte Auswahl, somit wollte ich versuchen, immer die möglichst kostengünstigste Variante zu bekommen. Das war in diesem Fall eine Übernachtung im Vierbett-Zimmer für 50 Euro! Ich konnte wirklich nur hoffen, dass die Pilgerherbergen im Laufe meiner Tour wieder öffnen würden.

Ich befand mich wieder neben LKWs, Bussen, PKWs sowie Renn- und Motorradfahrern auf asphaltierten und unendlichen Straßen. Inzwischen hatte ich das Roadside-Hopping entdeckt. Es war eine regelrechte Herausforderung, die Straßen zum richtigen Moment zur besseren Laufseite zu überqueren. Mal war der Seitenrand rechts oder links breiter, mal konnte man hinter der Leitplanke durch das unebene Gras marschieren oder es gab seitliche Anhöhen, auf denen man balancieren konnte. Unangenehm, aber dennoch sicherer, war das Laufen im schräg abfallenden Seitenstreifen. Grundsätzlich war es heute anfänglich um Max und Mimi recht still und ich hoffte, es würde so bleiben.

Nach einigen Kilometern erreichte ich Berriatua. Ein netter kleiner Ort, der mich durch seine hübschen Häuschen etwas aufmunterte und mich zu einem kurzen Snack motivierte. Allerdings startete hier das abwechselnde, wenn auch leise Wimmern meiner Gelenksfreunde wieder.

Das nächste Ziel war Markina-Xemein. Dort würde ich auch wieder auf meine Pfeile stoßen. Als ich die Stadt betrat, war gerade die Schule aus und ich schaute zur Uhr. Es war exakt 14:00 Uhr und ich war um 11:06 Uhr losgelaufen. Von Ondarroa bis Markina-Xemein waren es 14 km. Somit hatte ich eine recht akzeptable Geschwindigkeit von 4,6 km/h hingelegt. Fräulein Ehrgeiz war für diesen Tag zufriedengestellt! Ich gönnte mir in einem kleinen Laden eine Tomate, einen Apfel, eine Zitrone, eine Cola und - süße Gelatine in Form von Gummibärchen für meine beiden Knie-Muffels. Wobei in Spanien, zu meinem Entsetzen, speziell diese deutlich teurer waren als in Deutschland, wo sie normalerweise einen großen Teil meiner Ernährung ausmachten.

Ich setzte mich mit bezahlter Beute auf die nächste Schattenbank (das Wetter hatte sich gehalten) und holte noch meinen Rest Käse dazu heraus. Die Zitrone kam in den Früchtebehälter meiner Flasche. Gegenüber meinem Rastplatz hatte man die Wand eines Gebäudes mit einem grässlichen Graffiti besprüht, das regelrechte Depressionen hätte auslösen können. Eine Kreuzung aus doppelköpfiger Schlange und Drachen wand sich um hohe triste Blockbauten und auf der rechten Seite prangte ein unsicher gespraytes Hakenkreuz. Ich konzentrierte mich auf die vorbeilaufenden Mütter mit ihren fröhlich hüpfenden Kindern, die allerlei bunt Gebasteltes aus der Schule mit nach Hause nahmen. Ich vermutete, dass hier in Spanien heute die Schulferien eingeläutet worden waren.

Gestärkt und wieder gespornt drehte ich mich eine Viertel-drehung nach rechts und erblickte schon den ersten gelben Pfeil! Kurz darauf begeisterte mich eine bronzefarbene Muschel im Boden und ich war wieder völlig entspannt und sofort motiviert!

Der weitere Verlauf auf dem Camino war traumhaft schön und so romantisch, dass selbst die Schmetterlinge sich bei ihrer Liebeslust, trotz meiner Anwesenheit, nicht stören ließen. Das Plätschern des Baches, der den Weg streckenweise begleitete, war beruhigend und die Luft, trotz des blauen Himmels angenehm frisch. Am Stadtrand gab es befestigte Stühle, die durch davor angebrachte Pedale zum Sport motivierten und hätten mir nicht nach wie vor meine Knie Probleme bereitet, so hätten sich Fräulein Ehrgeiz und ich zu einer kleinen stationären Tour einladen lassen.

Nach einiger Bergab-Strecke musste ich mich dann doch kurz auf einem Stein niederlassen, um Max und Mimi eine kurze Pause zu gönnen und traf dabei auf Sophie (die eigentlich einen viel schöneren Erstnamen hatte, an den ich mich aber leider nicht erinnerte) und Adrian, einem jungen Mann aus München, dem ich am Regentag zuvor schon einmal kurz begegnet war. Sie fragten, ob es mir gut ginge und ich ein wenig mit ihnen laufen wollte. Ich erklärte, momentan nicht allzu schnell zu sein, was sie als Grund nicht gelten ließen. So schloss ich mich ihnen gerne an, da ich bis zu diesem Zeitpunkt durchgängig allein unterwegs gewesen war und ein wenig Gesellschaft die Schmerzen erträglicher machten. Da die nächste Strecke bergauf ging, kam ich nicht nur gut mit, sondern lief zeitweise sogar ohne Probleme vor ihnen her. Meine Kondition machte sich bemerkbar und ich schien den anderen sogar etwas überlegen zu sein. Und so hüpfte Fräulein Ehrgeiz in meiner Brust herum und machte eine kleine Party.

Beiden Camino-Gefährten hing ein Trinkschlauch, aus dem sogenannte ‚Camelbak‘, um den Hals, den ich grinsend als ‚Katheter‘ bezeichnete. Adrian fand diesen Vergleich zwar amüsant, bat mich dennoch lachend, lieber das Thema zu wechseln. Sie fragten, wo ich denn die Nacht verbrächte, und ich erzählte von meinem Frust bezüglich der Pilger-herbergen. Adrian sah mich staunend an und meinte, diese hätten sehr wohl geöffnet, denn sie kämen aus einer solchen und wären auf dem Weg zur nächsten. Ich traute meinen Ohren nicht, da ich in eben einer dieser Herbergen angerufen hatte und man mir mitteilte, sie hätten aufgrund von Corona geschlossen! Er erklärte, sie würden da nie anrufen, sondern einfach hinlaufen. Nun lag die Vermutung nahe, dass diese Herbergen eventuell offiziell noch nicht geöffnet haben dürften (dies bestätigte ja auch die Polizei in Deba), aber dennoch Pilger aufnahmen, dies telefonisch jedoch wohl aus Vorsicht nicht bestätigen. Sorry, aber ein plausiblerer Grund fiel uns zu diesem Zeitpunkt nicht ein. Es ging wieder bergab und ich schwächelte. Somit forderte ich die beiden auf, nicht auf mich zu warten, da wir ja eh verschiedene Ziele hatten.

Nun war die ganze Herbergsgeschichte zwar etwas ärgerlich, sollte ich in Zukunft jedoch in Pilgerunterkünften unterkommen, so war das durchaus auch eine gute Neuigkeit, über die ich mich (wenn auch noch verhalten) freute. Ich beschloss somit die Nacht in meiner zwar teuren, aber sehr netten Unterkunft zu genießen und am kommenden Morgen schon sehr früh ohne gebuchtes Ziel loszuziehen, um rechtzeitig genug vor Ort zu sein. Notfalls hätte ich dann ja immer noch Zeit für einen Plan B.

Doch zuerst wollte ich den kleinen netten Ort erkunden, welcher beim Betreten deutliche Zeichen eines anstehenden Festes aufwies. Über dem kleinen Rathausplatz wurden Flaggen und Wimpel aufgehängt und einige der Einheimischen liefen mit merkwürdig roten Zipfelmützen herum.

Der Ort entpuppte sich als Örtchen, in dem es genau ein Restaurant und eine Bar gab, in der ich mir ein kühles Bier bestellte. Die Hauptstraße hatte ich in knapp 7 Minuten abgeschritten und das Fest war wohl eher ein internes Dorfereignis zu Ehren des heiligen Jahres, mit einem Theaterstück in der kleinen Stadthalle, gespielt von einheimischen Laienschauspielern. Zumindest konnte ich auch im Internet nichts darüber finden, was diese Vermutung widerlegt hätte.